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Re: Blick in den Spiegel
Tullius - 31.12.2008, 14:52Blick in den Spiegel
Leichter Regen plätscherte auf die Blätter der riesigen Bäume ringsum. Weit reckten sie ihre Äste in den Himmel, jedes einzelne kelchförmige Blatt ein Zeugnis des Lebens. Jetzt aber wurden sie vom kühlen Nass herabgedrückt und gossen ihren Inhalt nach unten, wenn das Gewicht zu gross wurde. Das Geräusch des tropfenden Nass vermischte sich mit dem Rauschen der Blätter im Wind, der mit dem Regen gekommen war. Wären die Äste der Bäume nicht dermassen ausladend, dann hätte man die gräulichen Wolken sehen können, die den Himmel bedeckten. So aber war es lediglich ein erfrischendes Nass, welches die Bäume, Sträucher und alten Bauten der Stadt Astranaar bedeckten. In der Luft lag der Geruch eines noch grösseren Regens und der des nassen Grases. Das Wasser des Sees kräuselte sich leicht und verbarg den sonst so gewohnten Anblick bis auf den Grund.
Aber all das, selbst dieser Regen und das damit verbundene Nass konnte den Menschen der an einer Stelle, unweit der Elfensiedlung sass und in den See starrte nicht berühren. Ein Mann war er, Mitte dreissig, würden die meisten wohl sagen. Sein nackter Oberkörper entblösste unzählige Narben, viele älter, wenige erst in letzter Zeit entstanden. Langes weiss-silbernes Haar fiel ihm auf den Rücken. Sein markantes Gesicht war zu einer Maske erstarrt.
Warum das alles? Diese Frage tobte durch Tullius Schädel, wie eine wildgewordene Meute hungriger Wölfe. Was ist passiert? Wer bin ich? Was bin ich? Frage um Frage hämmerte auf den zusammengekrümmten Geist des Mannes ein.
Tehanu! Der Gedanke an seine Liebe schoss ihm durch den Kopf. Ein Lichtblitz. Aber Nein. Das konnte er nicht tun. Sie war verheiratet mit diesem... diesem Veylan. Etwas in seinem Geiste flüsterte einen weiteren Namen: Aturiel.
„Sei still!“ wisperte Tullius.
Im Wasser vor sich sah er sein Spiegelbild... und doch nicht seines. Tullius sass dort, im Wasser. Aber er blickte mit flammenden Augen zurück. Das Spiegelbild umgab etwas mächtiges, etwas ganz anderes, was niemand spüren konnte, der nicht dämonisch oder heilig veranlagt war. Dieses Wesen nannte sich Sachiel und begleitete Tullius schon sehr lange.
„Warum? Das ist die Wahrheit! Veylan trägt einen Teil zum Ende bei!“ erwiederte Sachiel sanft.
„Du weißt, das ich das Ende nicht zulassen werde!“ sprach Tullius hitzig.
„Willst du nicht auch, das alles endet?“
„Nein! Diese Welt braucht euch nicht mehr... weder dich, noch Aturiel, noch Amara. Dies ist doch unsere Welt. Und ist es dann auch nicht unser Recht, über alles zu bestimmen?“
„Aber ist es nicht auch das Recht der Älteren, die Jüngeren zu schützen und wenn es bedeutet, sie vor sich selbst zu schützen?“
„Ich beende es... Das weißt du. Ich werde nicht zulassen, das diese Welt untergeht, nur weil ihr Wesen euer Spiel nicht beendet habt!“ Tullius Stimme wurde zornig.
Entschlossen packte er einen Dolch, der zu seiner Seite lag und zog ihn langsam aus der metallenen Scheide. Schwer atmend setzte er die Spitze an. Sein Herz pochte schnell und hart. Die Dolchspitze zitterte, nur wenige Zentimeter über dem Herz.
Angst wallte in ihm auf. Kann ich das? Um das Wohl der Welt wegen, ja! Ich muss das tun. Komme was da wolle.
Tehanu! Der Gedanke an die Person, die er liebte ging ihm durch den Kopf. Die Frau, auf die er immer gewartet hatte. Verzeih mir bitte.
„Kannst du das?“ fragte Sachiel in seinem Geist. „Wenn du das jetzt tust, dann zögerst du es nur heraus!“
Tullius stockte. Verzweiflung machte sich in ihm breit.
„Du weißt, das ich Recht habe. Das Ende kommt mit schnellen Schritten. Der Schatten rührt sich. Nicht nur in Amara. Nein, ein grösseres Übel.“
Der Dolch zuckte ein Stück näher, dem Herz entgegen. Jetzt oder nie!
„Tullius?“ erklang eine Stimme hinter ihm.
Er verharrte. Der Dolch ritzte ein wenig die Haut auf und ein dünner Blutfaden trat hervor. Diese Stimme hatte er hier am wenigsten vermutet. Ihre Stimme wusch all seine Entschlossenheit davon, wie ein Sturzbach. Er konnte es nicht. Er konnte sie nicht verlassen, nicht mit dem Wissen, was kommt.
Langsam drehte er sich um...
Auf einer Brücke über den See betrachtete zwei Gestalten, was sich dort zutrug. Sie waren in graue Roben gekleidet. Die Kapuzen waren zum Schutz vor dem Regen tief in das Gesicht gezogen, so dass man die Gesichter nur schlecht erkennen konnte. Die kleinere von den Gestalten hatte seine Hände um das Geländer geradezu verkrampft und schien schwer zu atmen.
„Komm.“ sagte die andere Gestalt sanft. „Dies ist eine wahrlich schmerzhafte Erinnerung... Wir sollten sie meiden. Dein Weg führt doch nicht hierhin.“
„Doch... Hiervon träume ich so viele Nächte... so viele.“ ertönte es unter der anderen Kapuze. Die grössere Gestalt griff zögerlich nach der Schulter des anderen, wie um Trost zuzusprechen.
„Verweilst du wirklich immer hier? Das glaube ich nicht. Ghân-Gadó... Du bist weit weg von deinen Gebeinen und der Wirklichkeit. Zeige mir alles... wenn du willst.“
Die Stimme der grösseren Gestalt war nur noch ein Wispern im Wind.
Langsam nickte die kleinere Gestalt seine Schultern sanken ein Stück nach unten. „Ich muss... Ghealion. Alles hier bin ich und ich verstehe es nicht.“
„Dafür bin ich da Ghân-Gadó.“ sagte Ghealion, die grössere Gestalt sanft. „Bring uns dorthin... an diesen fernen Ort, an dem alles begann. Denke an den Anfang, an das Gefühl, ein neues Kapitel im Buch aufzuschlagen, an den Anblick eines neuen Morgens.“
Langsam verschwamm alles zu einem grauen Nebel, der alles davon trug, Astranaar, den Wald, Tullius, Tehanu, Alles. Nur die zwei Gestalten gingen dicht hintereinander durch das Zwielicht, welches sie nun umgab...
Schmerz... Ein Stich von kaltem Stahl im Körper. Wie automatisch krümmte sich der Leib von Tullius zusammen um dem Stich die meiste Wucht zu nehmen. Fassungslos blickte er an sich herunter. Punktgenau zwischen zwei Plattenteile seiner Rüstung ragte ein schlankes, geschwungenes Jagdmesser hervor. Ein rationaler Teil seines inneren sagte ihm, das der Stich sehr genau seine Lunge durchbohrt hatte und das er sehr schnell ersticken würde. Der andere emotionale Teil von ihm schrie auf, vor Überraschung, vor Schmerz und Wut.
Fassungslos blickte er auf die beinahe zierliche Hand, welche den Griff umfasst hatte. Immer noch schien es ihm unreal. Sein Blick wanderte zum Gesicht der Person, die ihn gerade töten wollte.
„Silnafai... was?“ kam über seine Lippen.
Die Elfe vor ihm war eine Kampfgefährtin. Eine Person, der er schon so oft sein Leben anvertraut hatte. Ihr anmutiges, altersloses Gesicht blickte ihn stumpf an. Auch aus den silbriggleissenden Augen sprach nicht die Silnafai, die er kannte. Was war hier los?
„Was machst du da?“ rief jemand erschreckt neben Tullius. Ephemers Stimme überschlug sich fast. Ihre ganze Konzentration, die sie während der letzten Minuten aufrechterhalten hatte war dahin. Sie spürte, wie der Zauber seine Wirkung entfaltete. Langsam aber sicher... Und dann das!
Ephemers Gedanken gingen alles nochmal durch. Was war schief gelaufen? Das war nicht Silnafai. Ephemer bemerkte, wie Tullius in die Knie brach, schwer atmend. Blut rann aus seiner Wunde in der Brust. Mit zwei schnellen Schritten war sie bei ihm, wollte ihn stützen. Da sah sie, wie Silnafai die Augen schloss und ihre Hände sich zu Fäusten ballten. Etwas verdichtete sich in diesem Raum und ehe Ephemer reagieren konnte verdichtete sich diese Kraft um Silnafai und sie verschwand.
Jetzt ist keine Zeit für sowas! rief sich Ephemer ins Gedächtnis und wandte sich Tullius zu.
„Du musst ihr hinterher!“ keuchte er.
„Wie? Wo ist sie?“
„In... Moonglade. Aber sie will zu Empyrion. Findest du ihn,... findest du sie.“ In die Stimme mischte sich nun ein rasseln der Lunge.
„Gut, ich hole einen Heiler!“ rief Ephemer und wandte sich eiligen Schrittes um und verliess die Sacristei der Kathedrale von Stormwind.
In Tullius Kopf spielte sich der gesamte Vorgang immer und immer wieder, während er schwächer wurde. Langsam wurden ihm die Augenlider schwer. Eine samtige Schwärze breitete sich aus, wollte ihn einhüllen. Nein. Wenn er jetzt nachgab, dann war alles vorbei. Irgendetwas schien immer mehr Zug auf seine Augenlider zu wirken. Alleine... alleine sterben. Das war etwas, was einem Paladin ganz selten zukam. Die meisten starben im Kampf, die wenigsten zuhause im Bett. Aber ein solches Ende hatte schon etwas komisches an sich.
Ein zynisches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, bei dem Gedanken, wie sehr er immer vertraut hatte und welche Strafe er nun für das hinnehmen musste.
Am Rande seines Bewusstseins nahm er war, das er auf den Boden gesunken war, in eine Lache seines abkühlenden Blutes.
Mit einem Male war alles ganz einfach. Er liess einfach los. Es war ähnlich wie beim einschlafen. Der Schmerz und das Gefühl der Schwäche wurden weniger. Er atmete zweimal durch und öffnete die Augen. Bis vor einigen Augenblicken hatte er noch gelegen, jetzt schien er zu stehen. Genau konnte er das aber nicht sagen. Alles wirkte etwas anders. Die Kerzen der Kandelaber schienen heller, vertrieben jegliche Schatten aus den Winkeln der Sacristei. Staunend blickte sich Tullius um... und erstarrte. Dort, mitten auf dem Boden, auf dem schlichten Teppich lag sein Körper in der Blutlache. Männer und Frauen standen um ihn herum. Heiler und Priester der Kathedrale. Wann sie gekommen waren, wusste er nicht. Tullius fühlte, wie sie das Licht anriefen, wie das Licht tastend nach ihm griff, aber zu schwach war, um ihn mitzuziehen. Aber es war noch jemand da, das fühlte er.
„Hallo Sachiel.“ Murmelte Tullius
„Sei gegrüsst Tullius.“ Sprach Sachiel sanft und trat hinter einer Säule hervor. Seine Gestalt war die von Tullius, gross, wettergegerbte Haut, silbrigweisse Haare, welche zu einem langen Zopf gebunden auf dem Rücken lagen. Anstatt der blauen Augen aber gleisste weisses Feuer ihm entgegen. Sachiel war in eine schwarze Robe gehüllt, aber dieser Punkt war ziemlich nebensächlich. Sachiel war ein mächtiges, uraltes Wesen. In den Legenden und Mythen der Kirche des Lichtes wurden diese Wesen Engel genannt. Sie waren die Diener der Schöpfung, des Lichtes und beschützten diese.
Sachiel aber war anders. Ihn umgab stets eine Aura des reinen Lichtes, welches durch einen dunklen Schleier verhüllt war. Ein dunkles Geheimnis, welches er nur mit seinem Träger, Tullius teilte.
„Bin ich schon tot?“
„Nein... aber bald. Dein Lebenslicht verlischt. Du stehst am Scheideweg zwischen Licht und Vergessen.“
„Ich will noch nicht sterben!“
„Nicht? Du hast es dir einmal gewünscht. Du hättest den Tod beinahe gefunden. Und nun?“
„Ich war dumm. Ich möchte nicht fortgehen. Ich will wissen, wer ich bin. Ich will noch so vieles tun...“ Tullius Stimme stockte kurz „Ich will Tehanu nicht verlassen... und die anderen auch nicht...“
„Vorsicht mit dem, was du willst! Zu schnell kehrst du als Untoter wieder und dann kannst du ihnen erst recht nicht helfen.“
Ein dicker Kloss steckte in Tullius Hals, der das Schlucken schwer machte. „Du sagtest, das eine Dunkelheit kommt... ein Schatten, der sich zusammenballt. Ich muss einfach kämpfen...“ Ein sarkastisches Lächeln umspielte kurz wieder seine Lippen. „Erst im Tode erkenne ich mich.“
„Ja. Es hat gedauert. Aber letzlich bleibt dir immer noch die Entscheidung, was du tun willst.“
„Was?“ Überraschung zog sich durch Tullius Gesicht
„Tick... Tack... Wie eine Uhr. Tick! Das Einatmen. Tack! Das Ausatmen. Tick! Veränderung. Tack! Stagnation. Tick! Leben. Tack! Tod. Du musst die Wahl treffen!“
Mit jedem Worte Sachiels schweiften Tullius Gedanken immer mehr ab in die Vergangenheit. All seine Freuden, sein Kummer, seine Schmerzen und seine Liebe führte er zusammen zu diesem Punkt an dem er jetzt stand, versuchte aus dem Chaos seiner Gefühle eine Entscheidung zu treffen.
Ich liebe doch. Kann ich sie verlassen? Du musst. Oder willst du ewig Schmerzen in dir tragen? Aber ich muss noch so vieles tun! Ist es etwa so wichtig? Nehmen die anderen etwa Rücksicht auf dich? Das hat mich noch nie gekümmert. Ich bin Paladin. Manus Luce, wie uns die Kirche nennt. Wir geben nicht auf, wir werden nicht aufgegeben...
„Ich will leben!“ Tullius Augen wurden bei diesen Worten glasig. Er blickte auf, zu Sachiel, der näher kam.
„Ich kann kein Leben erschaffen, nur verlängern...“ murmelte Sachiel. „Ich werde dir meine Kraft geben und in dir aufgehen. Mit dieser Kraft wirst du noch einige Jahre haben.“
„Wieviel?“ Tullius Lippen formten lautlos die Worte
„Zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahre. Und bedenke, ich werde nicht mehr wirklich da sein, um dir zu helfen. Alles was bleibt sind deine geschärften Sinne und dein Verständnis für mehr als das, was andere sehen.“
Tullius atmete durch und nickte. „Dann sei es so!“ erwiederte er mit fester Stimme.
Sachiel lächelte sanft. „Es war mir eine Freude, dich kennengelernt zu haben, Tullius Marcus von Silberherz!“ Mit diesen Worten trat Sachiel weiter auf Tullius zu, während die Sacristei und alles, was in ihr war mit jedem Schritt immer heller wurde, verschwamm zu einem leuchtenden Gleissen.
„Danke für alles! Salve in nomine lucis!“ erwiederte Tullius fest, während alles verschwamm und er hinüberglitt in die Dämmerung. Alles war eins. Keine zwei Herzen mehr. Ein Wesen mit der Stärke von zweien in der Brust... Langsam verging das Gleissen im samtigen Schleier des Schlafes.
Er schlug die Augen auf. Kühle und Windzug eines Saales umspielten ihn. Er lag auf dem Boden dieses Saales, auf schwarz-weiss gemasertem Marmorboden. Sein Blick schweifte durch die Räumlichkeit. Bestimmt fünfzig Schritt im Radius schätzte er den achteckigen Saal. Er lag in der Mitte. An den acht Stirnpunkten erhoben sich geschwungene gotische Torbögen, welche, wie die gesamte konstruktion des Saales dem Himmel zustrebte. Mächtige Säulen durchzogen ihn, die die enorme Höhe noch unterstützten. Er legte sich auf den Rücken, um die Decke zu betrachten. Dort trafen die Rippen der Säulen zusammen, bildeten ein Muster, welches wie die Speichen eines Rades anmuteten. Zwischen den Speichen aber sah er Bilder von Tieren in Gemeinschaft oder einzeln, auf der Jagd und beim Spiel. Sein Augenmerk blieb vor alle auf einem herrlichen Blaufalken hängen. Sein Gefieder war fast naturgetreu wiedergegeben worden und schimmerte blaugrau. Sein Auge schien genau auf ihm zu ruhen.
Langsam erhob er sich und blickte durch einen der offnen Torbögen auf den Himmel, der sich dahinter erstreckte. Die feurige Abendsonne schien herein und malte alles, auf das der Schein traf in einem rotgoldenen Schimmer an. Er schloss die Augen, atemete tief durch und nahm den Sonnenschein auf.
„Bist du endlich wach.“ Ertönte es hinter leise hinter ihm. Die Akustik des Saales trug jedoch alles an sein Ohr als würde diese Person neben ihm stehen.
Blitzschnell drehte er sich um und stellte gleichzeitig verblüfft fest, das sein Körper sich anspannte, als ob er im nächsten Moment kämpfen musste. Die rechte Hand griff nach dem Rücken, an dem er eigentlich immer einen Zweihänder trug... aber war nicht da.
Die Gestalt, die dort in einigen Metern Entfernung stand war grossgewachsen, von schlankem Wuchs und in eine wallende graue Robe gehüllt, die ansonsten schmucklos war. Seine leicht violette Haut, die langen schwarzen Haare und die ebenso langen spitzen Ohren verrieten, das es sich um einen Elfen handelte. Messingfarbenes Gleissen sprang ihm aus den Augen entgegen und nach allem, was er über Elfen wusste, war dieser Elf wohl neugierig.
Er entspannte sich und liess auch die Hand sinken, die immer noch nach einem imaginären Zweihänder griff.
„Ja. Zumindest glaube ich das.“ Erwiederte er.
Der Elf lächelte. „Ja... Ich kenne das. Man glaubt, man sei wach und weiss, das es nicht so ist.“
Er dachte darüber nach, während er sich weiter umblickte und versuchte, so viel wie möglich in sich aufzunehmen.
„Ich bin fast gestorben?“
Der Elf nickte, immer noch leicht lächelnd.
„Und hier bin ich gelandet? Was ist das für ein Ort?“
„Jene, die vor dir schon mal hier waren, nennen diesen Ort auch „Turm der Erinnerungen.“ antwortete der Elf. „Dieser Ort kann dir dein innerstes Ich zeigen.“
Bei diesen Worten zuckte Er zusammen. Innerstes Ich?
„Wer bin ich denn? Ich erinnere mich an nichts mehr.“ Er wollte eigentlich sagen, weder an seinen Namen, noch an sein Leben, aber aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, der Elf wusste das schon. Angst kroch in ihm hoch. Vor sich selber, vor diesem Ort, vor allem.
„Ich weiss.“ Sprach der Elf „Jedem ergeht es so, wenn er den Turm betritt. Alles was bleibt ist der wage Schatten seines selbst!“ ein Funken Resignation sprach aus seinen Worten heraus. „Weder dein Name, noch deine Lieben sind dir verblieben... nichts in deinem Leben. Du hast eine Chance erhalten...“
„Aber warum...“
„Warum? Weil du selber entschieden hast, das du vor eine andere Wahl gestellt werden musst. Und das Licht gab dir die Chance dazu.“
Als der Elf sah, das sein Gegenüber nichts verstand musste er beinahe loslachen. Diese kurzlebigen Menschen faszinierten ihn immer wieder. Stolperten manchmal durch ihr leben, wie ein Blatt im Wind getrieben wird und trotzdem schafften sie es allem zu trotzen.
„Du stehst vor der Wahl. Wie jede Wahl, die du triffst ändert sich dadurch deine Geschichte. Die eine Wahl führt dich zu deinem Ich, welches du vergessen hast. Du lernst dich kennen. Die andere Entscheidung führt dich in ein neues Leben, frei von dem alten Schmerz und all deinem Kummer, aber auch frei von allem, was dein Leben lebenswert gemacht hat.“ Sprach der Elf bedeutungsvoll.
Er griff sich an den Kopf. All solche Dinge... Entscheidungen. Sein ganzes Leben war davon durchzogen gewesen. Und jede Entscheidung warf wiederum dutzende weitere Entscheidungen auf. Was soll das alles? Eine solche Sache zu entscheiden. Die Worte des Elfen schwebten über dem Menschen, wie ein Richtschwert, bereit zum Schlag, bereit eine Rückkehr zur anderen Möglichkeit unmöglich zu machen.
„Wie soll ich sowas entscheiden? Ich weiss doch gar nichts.“ Flüsterte er. „Ich möchte wissen, wer ich einst war, was ich getan habe, hierher zu kommen und ob es als Segen oder Fluch gemeint ist...“
Der Elf nickte nur. „Wenige treffen eine solche Entscheidung. Die meisten wählen von vorneherein einen Weg.“
„Ich muss es einfach wissen.“ Antwortete er schlicht.
Der Elf zuckte nur mit den Schultern. „Zeit spielt hier keine Rolle. Du kannst dich solange wie möglich hier aufhalten. Aber draussen geht das Leben weiter...wenn auch langsamer... bedenke das.“
Er nickte nur und fing an zu überlegen, während er langsam durch den Saal schritt.
„Wer seid ihr?“ fragte er während sein Blick über die Malereien an der Decke glitten.
„Ich? Mein Name ist Ghealion. Ich bin Druide meines Volkes. Und wie alle Druiden sorge ich für ein Gleichgewicht zwischen der äusseren und der inneren Welt.“
Bei dem Blick, der von ihm gerade auf Tullius lag hätte Ghealion beinahe aufgelacht.
„So schlimm bin ich nicht. Ich bin hier weil du ein Gleichgewicht suchst. Aber woran hast du gedacht, als du das gehört hast?“
„Druiden... Sie sorgen sich um das Gleichgewicht... Ich hingegen verabscheue die Finsternis. Ich weiss nicht woher, aber dieser Gedanke ist mir gerade gekommen.“
Ghealion nickte. „Die letzten Fragmente. Jeder hat gewisse Veranlagungen, wenn er auf die Welt kommt. Und gerade du hast eine sehr starke Veranlagung zum Licht... oder was du als das Licht bezeichnest.“
Anonymous - 25.08.2005, 07:05
Er dachte darüber nach, während sein Blick zu einem der Rundbögen glitt. Endlos weit schien sich die grüne, bergige Landschaft dahinter zu erstrecken.
„Ein Druide also... wie lange bist du schon hier?“
„Seitdem ich gelernt habe, hierher zu kommen. Seitdem ich hier zum ersten Male jemanden getroffen habe und mit ihm seine Reise gemacht habe.“
Ghealion seufzte als er seinen fragenden Blick bemerkte. „Ihr Menschen wollt immer etwas Konkretes. Einfache Antworten interessieren euch wohl nicht?“ fragte er leicht belustigt.
„Warscheinlich eine Eigenart von uns Menschen, wie das Atmen!“ bemerkte er trocken.
Die beiden blickten einander an und ein leichtes Grinsen stahl sich auf ihre Lippen.
„Wenn ich dir nun sage, das ich seit ungefähr 287 jahren hier bin? Würde es etwas ändern?“
„Nein.“ gab Er zu „Aber ich wüsste zumindest etwas mehr über dich und würde mir nicht mehr ganz so dumm vorkommen.“
Ghealion lachte laut auf. „Eine gute Antwort, Mensch. Wirklich gut. Du scheinst dich an die Situation zu gewöhnen.“
„Ich versuche es.“ Er wurde wieder ernst. „Du kennst meinen wirklichen Namen, oder?“
Ghealion schüttelte den Kopf. „Ich soll nur beistehen. Helfen, wenn die Reise beschwerlich wird. Aber ich werde dich kennenlernen, wenn du diese Reise wirklich antrittst. So, wie du dich kennenlernen wirst.“
„Diese Reise scheint mein Weg zu sein.“ Inzwischen war Er fast an der hüfthohen Brüstung am Ende der Torbögen angekommen. Eine wundervolle Landschaft erstreckte sich zu Füssen des Turmes bis an den Horizont. „Also, wenn ich dich richtig verstanden habe, dann habe ich die Wahl zwischen einfach so in das Leben zurückzukehren und mich an mein Leben zuvor nicht zu erinnern...“ Er machte eine kurze Pause in der Er einige Personen auf der weiten hügeligen Wiese vor dem Turm ausmachte. Aber sie waren zu weit entfernt.
„...und diese Reise zu machen und mich kennenzulernen und zu erkennen. Danach kehre ich zurück.“
Er drehte sich zu Ghealion um, der näher getreten war und nun die Ärmel seiner Robe zurechtzupfte.
„Das stimmt. Aber diese Reise ist gefährlich. Einige andere haben sie gemacht und sind... verändert worden von dem, was sie gesehen haben. Es gab schon solche, die verzweifelt sind an ihren Taten, an dem, was sie waren.“ Ghealion wählte seine Worte mit Bedacht.
Er dachte über Ghealions Worte nach. Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf. Ich darf nicht fliehen. Nicht nach vorne. Ich muss zurück um zu verstehen!
„Ich werde diese Reise machen!“ sagte er schliesslich fest. „Ich will wissen, wer ich war. Ich will wieder ich sein!“
Ghealion lächelte. „Gut. Dann werden wir reisen.“
„Wann können wir los? Wo sind die Pferde?“ suchend sah er sich um.
Ghealion grinste. „Die werden wir nicht brauchen. Wenn du willst können wir sofort los.“
„Na dann sollten wir los. Dieser Ort ist auf die Dauer etwas bedrückend. Vor allem die Stille in meinem Geist.“ bemerkte Er leise.
Ghealion nickte. „Ich geleite dich überall hin. Aber du brauchst einen Namen. Einen der dich zurückholt, wenn du dich verlieren solltest. Etwas an das du dich klammern kannst, wenn ich dir nicht mehr helfen kann...“
„Wenn die Emotionen und Erinnerungen mich verwirren, meinst du.“
„Ja. Ausserdem macht es alles für mich auch einfacher.“ grinste der Elf breit. Dann dachte er kurz nach. „Hm. Ich werde dich Ghân-Gadó nennen. Das heisst soviel wie Suchender in meiner Sprache.“
„Ghân-Gadó also. Klingt gut.“ Er blickte sich in der Halle um. „Wir können los. Hier hält mich nichts mehr.“
Ghealion nickte und trat neben Ghân-Gadó.
„Konzentriere dich. Denke an das Gefühl durch ein Tor zu treten. An dieses Gefühl, wenn man ein Geschenk auspackt. Und dann gehe los!“
„Du kommst mit?“
„Ja, ich werde nicht von deiner Seite weichen. Keine Angst.“
Und während Ghân –Gadó die ersten Schritte machte, verschwamm der Turm zu einer Erinnerung. Ein zwielichtiges Wabern umgab die beiden Gestalten nun, die sich ihren Weg bahnten, durch einen imaginären Sturm, der sie abbringen wollte. Hin zu den Erinnerungen von einst.
Anonymous - 01.09.2005, 06:37
Die Sonne stand hoch am Himmel und wärmte mit ihren Strahlen die Ausläufer des Alteracgebirges. Ein beständiger Wind wehte und strich zart über das lange Gras, welches Wellen wie ein Fluss warf. Einige wenige Vögel waren jetzt, in der grössten Hitze des Tages, unterwegs und sangen. Für wen wussten sie vielleicht selber nicht. Für die Bäume, auf das sie schöner wuchsen, für die anderen Vögel, wie um sich hervorzutun oder aber für die Tiere um den Tag zu preisen. Vielleicht sangen sie aber auch für die zwei Jungen, die sich in einiger Entfernung im hohen Gras gegenüberstanden, jeder mit einem Schwert bewaffnet. Ihre Körper waren angespannt, während ihre Klingen auf das Herz des anderen zeigte. Schweiss rann ihnen herunter, sowohl von der Hitze des Tages als auch der Hitze des Kampfes. Kein Wunder, hatten die Jünglinge doch dicke, gefütterte Gambesons an, die die Wucht der Schläge abfangen sollte.
Beide verharrten in ihrer Position und starrten den anderen an, versuchten aus seiner Körperhaltung, aus dem Hervortreten von Muskeln und dem Blick in die Augen des anderen herauszufinden, wann der Gegenüber angreifen würde.
Beide sahen in etwa gleich aus. Sie waren gleich gross und hatten silberweisses Haar, welches schweissnass in Strähnen an der Stirn klebte. Ein zufälliger Passant hätte kaum einen Unterschied zwischen beiden erkannt, wenn er nicht gewusst hätte, worauf er achten musste. Der eine hatte etwas härtere Züge, der eine Mundwinkel war stets zu einem spöttischen Lächeln hochgezogen. Der andere schien das genaue Gegenteil zu sein. Sein Blick war ruhiger, weniger hitzig und seine Züge entspannt.
Plötzlich schwang der eine von beiden sein Schwert in einem schnellen Bogen über den Kopf, um Schwung zu bekommen und schlug zu. Der andere parierte den Schlag, drehte sich in den Körper des einen schlug mit dem Ellenbogen sein Gesicht. Dieser taumelte kurz blinzelnd zurück. Aber da schien es auch schon zu spät. Der Siegesgewisse sprang vor, das Schwert in einem mächtigen Überkopfschlag ausholend. Schnell sauste die Klinge nieder. Die Luft pfiff um die Schneide, erzeugte ein tödliches Säuseln... und schlug ins Leere. Statt dessen krümmte sich der bis eben noch so siegesgewisse Jüngling, weil die flache Seite eines Schwertes ihn genau in die Magengrube getroffen hatte.
„Das war gemein Tullius.“ keuchte der Jüngling dem knapp neben ihm hockenden Bruder zu. Der zog jetzt das Schwert zurück und betastete sein Kinn. Blut rann aus einer kleinen Platzwunde hervor.
„Dein Schlag ins Gesicht war auch nicht gerade das, was wir bei Vater gelernt haben, Taringail“ Stiess Tullius nun hervor, während er sich langsam erhob. „Lothar hat dir das beigebracht, oder?“
Taringail grinste leicht – wie immer lag Spott in der Stimme: „Natürlich. Wenn man in der Stadt unterwegs ist, dann braucht man solche kleinen Tricks. Ein Barde wie er ist natürlich schon viel herumgekommen. Da bleibt es nicht aus, solche Dinge zu lernen.“ Er reckte sich langsam um den Schmerz in der Magengrube abzuschätzen. „Der Schlag war gut. Sehr schnell, Tullius. Du wirst besser.“
Tullius war einige Meter zu einer Esche mit weit ausladenden Ästen gegangen. In ihrem Schatten waren zwei Pferde angepflockt, die friedlich grasten. Am Boden dort lagen Sättel und Taschen der beiden Brüder. Tullius bückte sich zu einem Tuch und wischte sich den Schweiss von der Stirne.
„Vielleicht. Aber ich gehe bald. Vater und Mutter schicken mich nach Lordaeron. Wenn nicht dieses Jahr, dann innerhalb der nächsten drei.“ Er kniete sich hin und begann mit einem Schleifstein die Scharten des Kampfes aus seiner Klinge auszuschleifen. „Ich werde das Schwert niemals wirklich führen.“ Enttäuschung lag in seiner Stimme.
Taringail kam noch einige langsame Schritte auf Tullius zu. „Nein, das ist meine Aufgabe. Du bist der Erbe und ich soll dich beschützen. So war es doch immer.“ Taringail stand jetzt hinter Tullius und holte langsam mit dem Schwert aus.
Tullius sprang urplötzlich nach vorne, rollte sich am Boden ab und rappelte sich schnell wieder auf. In seiner rechten Hand lag das Schwert, an dem er eben noch gearbeitet hat. Es zeigte auf Taringail.
„Du solltest dich nie so nähern, das man deinen Schatten sieht. Selbst unter einem Baum verbleiben genügend helle Flecken um dich zu sehen.“ knurrte Tullius. „Hör auf. Für heute ist es genug!“
Achselzuckend senkte Taringail seine Klinge und setzte sich hin. Auch er packte einen Schleifstein aus und begann mit der Arbeit an der Schneide seines Schwertes.
„Wieso wehrst du dich so gegen Vaters Entschluss?“ fragte er ohne aufzublicken. „Er will doch nur das beste für dich!“
Tullius setzte sich neben seinen Bruder und nahm seine Arbeit auch wieder auf. Zunächst schwieg er. Schliesslich blickte er blinzelnd auf, durch das Blätterdach in die Sonne.
„Weil ich in trockenen, verstaubten Stuben hocken werde. Bücher um mich herum, ausgestopfte Vögel an den Wänden und irgendwann, wenn mein Augenlicht durch das nächtlich Studieren aufgebraucht ist, mit einer obskuren Brille auf der Nase. Du dagegen wirst herumkommen, die Orte besuchen, die wir immer sehen wollten. Du kannst Ruhm ernten. Dein Name wird bestimmt noch irgendwann in den Liedern auftauchen. Und du wirst Mädchen kennenlernen... und ich? Ich werde die Fussnote in den Chroniken werden: Tullius Marcus von Silberherz, Herrscher von Alterac, geboren und gestorben... oder so ähnlich.“
„Höre ich da einen Anflug von Neid?“ Taringail grinste spöttisch
„Du wolltest wissen warum.“ entgegnete sein Bruder achselzuckend. „auf der anderen Seite kann dir Lothar nichts mehr beibringen und du musst jetzt bei einem anderen meister lernen. Das ist nur normal.“
„Da hast du recht. Und einer sollte auf Vitus und Aylarynn aufpassen. Gerade unsere Kleine wird das nicht so ganz verstehen, denke ich.“
Tullius lächelte. „Oh, du wärest überrascht. Neulich hat sie Hauptmann Táren total aus der Fassung gebracht, als sie in herrschaftlicher Manier zu ihm stolziert ist und ihm gesagt hat, wenn er weiterhin hier einen solchen Lärm mit dem Exerzieren seiner Männer machen würde, dann würde sie zu Vater gehen und ihm sagen, das er es war, der Mutter die Liebesgedichte geschrieben hätte. Sie hat ihn mit heruntergelassenen Hosen erwischt.“
Taringail prustete los. „Ich hoffe doch, seine Leute waren nicht dabei. Der Hauptmann ist wirklich zu bemitleiden. Und das von unserer siebenjährigen Schwester!“
„Ja, sie hat auch noch einen Mordsspass daran. Sie liebt es, glaube ich, das Nesthegchen zu sein. Und sie stellt gerne Dinge auf den Kopf.“
„Na, wenn man vom Teufel spricht. Schau mal!“ Taringail deutete mit dem Schleifstein auf die saftiggrünen Felder. Tullius blickte von seiner Arbeit auf. Dort näherten sich zwei Reiter in langsamen Schritt.
„Vater lässt Aylarynn schon mit Argo reiten?“ Tullius Stimme war leicht sorgenvoll.
„Scheint so... der Arme. Vitus ist auch dabei.“
„Ja. So schnell wie Aylarynn auch lernt, reiten kann sie noch nicht wirklich. Sie ist noch zu kurz für die Steigbügel. Selbst für die eines Ponys.“
Tullius überlegte. Er und Taringail waren Brüder. Von Anfang an wurden sie auf ihre Aufgaben vorbereitet. Während er eine stabile Herrschaft anstrebte, würde sein Bruder und bald auch sein noch jüngerer Bruder Vitus eine innere Stabilität erhalten, als Streiter des Herzogs. Ein ganzes kurzes Leben lang. Was er seinem Bruder gesagt hatte, das stimmte. Er wollte so gerne herumreisen. Er las viel. Die Karten der Welt und seine Geschichten hatte er schon im Alter von neun verschlungen. Aber sie alle waren nicht wirklich befriedigend. Wenn Barden und fahrendes Volk in der Stadt waren, dann war er spätestens nach dem Mittag bei ihren Quartieren gewesen um ihren Geschichten zu lauschen. Und diese waren es, die ihn immer wieder zum träumen anregten. Taringail schimpfte ihn deswegen manchmal einen Narren, aber es war ihm egal. Clôdwig, sein Lehrer gab inzwischen auf, wenn es um die Sagen und die Geographie der Welt ging. Da war Tullius stets wißbegierig. Am meisten faszinierten ihn die geheimnissvollen Länder von Quelthalas, der grossen Elfenbastion. Von dort hörte man stets die wundersamsten Dinge. Irgendwann würde er diese Länder besuchen, egal ob Herrscher oder nicht.
Tullius seufzte kurz auf und erhob sich dann. Seine Geschwister waren schon sehr nahe. Aylarynn winkte von ihrem struppigen Pony wild zu ihnen herüber, während Vitus mit stoischer Miene daneben ritt. Unwillkürlich mussten die beiden Älteren grinsen. Aylarynn war oft sehr stürmisch. Erst recht, wenn sie jemandem zeigte, das sie ihn gerne hatte. Vitus flüchtete sich immer in geduldige Ergebenheit, in der Hoffnung, das sie bald aufhörte. Den Gefallen tat sie ihm aber häufig nicht. Dann wurde sie stets zuckersüß. Tullius war ganz froh, das sie sowas nicht häufig machte.
„Ob es ihr aufgefallen ist?“ raunte Taringail ihm zu.
„Das wir Argo gewaschen, getrocknet und vergeblich versucht haben, diesen Geruch von ihm wegzukriegen? Ich denke nicht. Gut, das Fell glänzt mehr als sonst. Vielleicht sollten wir Mutters Parfüm ausprobieren?“
„Wenn du unbedingt sterben willst...“ Taringail grinste seinen Bruder breit an und wandte sich dann ihren Geschwistern zu. „Was macht ihr denn hier?“
„Also...“ begann Vitus, wurde jedoch jäh von Aylarynn unterbrochen.
„Ich durfte heute endlich mit Argo ausreiten. Vater hat es mir erlaubt.“ sagte die Kleine voller Stolz. „Tullius? Hilfst du mir runter?“ Sie streckte ihm ihre Arme entgegen.
Tullius erhob sich, trat näher und griff seine kleine Schwester sachte unter die Arme und hob sie vom Rücken des Ponys. Naserümpfend bemerkte er, das das Werk von Taringail und ihm nichts gebracht hat. Argo stank wie zehn Ställe zusammen. Überrascht stellte er fest, das Aylarynn ihre Arme um seinen Hals geschlungen hatte und nicht gewillt schien loszulassen. Tullius kannte das schon. Sie mochte es immer noch, getragen zu werden. Langsam wurde sie aber zu gross für so was. Aber er griff sie trotzdem; bildete mit einem Arm eine Stütze auf der sie quasi sitzen konnte. Mit der freien Hand strich er ihr einige der blonden Strähnen aus dem Gesicht. Ihre Stirn war schweissfeucht. Sie blickte ihn strahlend aus ihren blauen Augen an, rümpfte dann aber die Nase. „Du stinkst. Deine Rüstung stinkt.“
Hilflos blickte er zu Taringail. Nein, er würde jetzt nicht darauf eingehen, das Argo auch stank. Diese Diskussion hatten sie schonmal. Sie endete vor Ihrer Mutter, die Tullius darauf hinwies, das ältere Brüder auch weise sein sollten. Erst recht wenn sie irgendwann herrschen würden. Sie tat damals zwar sehr ernst, aber Tullius hätte schwören können hinterher lautes Lachen von ihr und Vater gehört zu haben.
„Natürlich! Wir haben gekämpft. Und an einem solchen Tag, da schwitzt man eben. Und dann stinkt man auch.“ kam Taringail seinem Bruder zu Hilfe.
„Dann wird mein zukünftiger Mann eben niemals kämpfen.“ Sagte sie bestimmt. Tullius lächelte leicht und trug Aylarynn dann in den Schatten der Esche. Taringail kam hinterher, während Vitus die Pferde mitführte. Von allen vier Kindern von Jehan und Kilana von Silberherz war Vitus der ruhigste. Er entsprach so gar nicht dem, was man dem Geschlecht derer von silberherz nachsagte. Weder streitlustig, noch besonders an Tapferkeit interessiert, sondern ruhig, überlegt und sehr eigenbrötlerisch. Taringail nannte ihn immer halb spöttisch, halb liebevoll einen Eremiten. Zumindest wird er das wohl eines Tages, dachte sich Tullius.
Im Schatten angekommen, setzte er Aylarynn ab und griff in seine Satteltasche.
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