"Herr der Tapeten"

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    Re: "Herr der Tapeten"

    Compuexe - 20.12.2008, 17:04

    "Herr der Tapeten"
    Herr der Tapeten
    „Guten Tag, kann ich etwas für Sie tun?“
    Der nette Herr mit dem grünen Kittel sah mich professionell an.
    „Ja, wissen Sie ...“, sagte ich und strahlte, „ich bin umgezogen ...“
    „Herzlichen Glückwunsch!“
    „Danke, ja, äh, ich muss da irgendwie, renovieren, verstehen Sie?“
    „Da sind Sie bei uns gerade richtig, jippijajajipiieee ...! Wir haben alles, was das Heimwerkerherz begehrt. Haben Sie denn schon einen Plan?“
    „Einen Plan? Aber wieso denn einen Plan? Ich weiß doch, wo ich wohne. Ich bin ja hier geboren und ...“
    „Nein, nein, ich meine doch, ob Sie schon wissen, was genau Sie in ihrer Wohnung alles renovieren möchten.“
    „Ach so! Hm, ganz geschickter Verkäufer, was?“
    Dabei zwinkere ich ihm verschwörerisch mit dem linken Auge zu.
    Er allerdings scheint mein Augenzwinkern missverstanden zu haben, schaut er doch jetzt etwas betreten zu Boden.
    „Mein Herr, ich bin glücklich verheiratet“, bringt er leise hervor.
    „Herzlichen Glückwunsch! Haben Sie mal ein Bild der Frau Gemahlin?“
    Geschickt versuche ich so, dem Thema das Schlüpfrige wieder zu nehmen. Er geht nicht darauf ein.
    „Welche Materialien schweben Ihnen denn so vor?“ Er wird wieder geschäftsmäßig, das gefällt mir gar nicht.
    „Schweben? Ich dachte mehr an, also, Tapeten, wenn Sie welche haben.“
    Und schon habe ich das legere Lächeln wieder auf sein Gesicht gezaubert.
    „Tapeten haben wir Tausende, ach was sag ich, Zehntausende, jippijajajipiieee! Da werden wir schon das Richtige für Sie finden.“
    Ich wiegle ab: „Also, so viele wollte ich gar nicht. Eigentlich dachte ich nur an ...“
    „Kommen Sie doch einfach mal mit, ja?“ Er nimmt mich am Arm und führt mich durch dieses Heiligtum für Heimwerker. So etwa muss sich ein fünfzehnjähriger Ministrant fühlen, der durch den Petersdom geführt wird. Mein Gott, was es hier alles gibt. Bohrmaschinen und Stichsägen sehe ich aufgereiht, dort gibt’s Farben, Lacke und Pinsel. Dann kommen wir in eine Abteilung mit Teppichen, Kacheln, Zement, Putzen und vielem mehr.
    Ich fühle mich so geborgen wie ein Baby im Mutterschoß. Vielleicht stimmt es doch, dass in jedem Mann ein kleiner Handwerker steckt. Warum habe ich den bei mir nie entdeckt?
    Jetzt bleibt der junge Mann abrupt vor mir stehen. Krieg ich jetzt die Augen verbunden, damit die Überraschung noch größer wird? Fast werde ich an Weihnachten erinnert.
    Unauffällig sehe ich mich um und erwarte irgendwo einen Nikolaus, der
    „Hohoho, hier gibt’s Tapeten!“ ruft.
    „Dummerle“, denke ich über mich, wir haben August, wo soll denn da ein Nikolaus auftreten?
    Jäh werde ich aus meinen Überlegungen gerissen.
    „Jippijajajipiieee“, flötet mein netter, verheirateter Verkäufer und präsentiert mir eine Wand voller Tapetenrollen.
    „Na, was sagen Sie jetzt?“ „Das ist, also wirklich, äh, gigantisch, irgendwie“, versuche ich, seiner Begeisterung Tribut zu zollen.
    „Gelle? Hier haben wir alles, was man zum Tapezieren braucht. Tapeten, Leim, Pinsel, Herz, was willst du mehr?“, ruft er freudig aus.
    Ich sehe mich überwältigt um und will ihm irgendwie eine kleine Freude machen.
    „Wo sind denn die Tacker?“, frage ich schüchtern.
    Sein Lächeln verschwindet schnell wieder.
    „Tacker?“ Mittlerweile hat er irgendwie einen dämlichen Gesichtsausdruck angenommen.
    „Wieso denn die Tacker?“
    „Na, zum befestigen der Tapeten. Die müssen doch irgendwie an die Wand, oder?“
    Er lässt sich sehr langsam rückwärts auf einem Holzkasten mit Tapeten nieder.
    „Sie wollen unsere Tapeten“, dabei deutet er auf die riesige Auswahl, „mit einem Tacker an die Wand tackern?“
    Ich sehe, wie seine Augen feucht werden, sein Oberkörper fängt an, konvulsivisch zu zucken.
    „Aber nein, das war doch nur ein Scherz!“, erkläre ich ihm. Sein Gesicht bekommt sofort wieder Farbe, er wird sichtbar ruhiger.
    „Meinetwegen können wir sie auch nageln, wenn Ihnen das lieber ist. Wo sind denn die Tapetennägel?“

    Ich stand bis zuletzt neben ihm und hielt seine Hand, bis die Krankenpfleger die Tür des Krankenwagens schlossen. Selbst dann hörte ich noch, wie er immer wieder
    „Er will sie tackern! Nageln!“ rief.

    Kopfschüttelnd ging ich zurück in den Markt. Was es da alles gibt – es ist erschreckend.
    Und wie mache ich jetzt meine Tapeten fest?
    Ob ich es mal mit Schrauben versuche?



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