Geschichte einer Elfe

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    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 14.09.2008, 12:31

    Geschichte einer Elfe
    Das ist meine längte WoW Geschichte bisher...da dachte ich mir, ihr könnt sie auch mal lesen!

    Prolog - Die Elfe im Gras

    Ein leichter Windhauch strich durch die Äste des Eschentales und wirbelte das Wasser des Irissees auf, das durch den kommenden Sonnenaufgang hinter den Bäumen gelbrot schimmerte. Der Wind war wie ein leises Flüstern, das einem die Geschichte der Welt erzählte, wo der Wind schon überall gewesen war und wie groß seine Macht sei. Er zischte und wisperte den Elfen in Astranaar zu, dass ihnen eine von ihren Artgenossen entkommen war, doch sie verstanden die Sprache des Windes nicht. Nicht einmal die Druiden sahen auf, als der Wind durch Astranaar strich und an ihren Haaren zog. "Kommt mit", flüsterte er, "Ich weiß wo sie ist." Er rupfte an ihren Kleidern und wollte sie mit sich ziehen, aber die Elfen sahen nur lächelnd zu und bewunderten die bunten Blätter, die mit ihm durch die Luft gewirbelt wurden. Der Wind stieß ein letztes verzweifeltes Ächzen aus und legte sich. Jetzt wusste keiner, wo sie war.

    Nördlich der Straße, ganz in der Nähe des Irissees kauerte eine Nachtelfe mit angewinkelten Beinen, um die sie ihre Arme geschlungen hatte und starrte mit schimmernden Augen auf das Wasser. Sie war noch recht jung, fast noch eine Jugendliche. Ihre dunkelblauen Haare wurden durch die Brisen leicht hin und hergeschaukelt und fielen ihr auf den Rücken, bis zur Hüfte hinab. Ihr Gesicht war um den Augen mit roten Mondsicheln tätowiert, als hätte sie Blut geweint, und hatte etwas Trauriges, wie sie unbewegt auf das Wasser starrte und keine Gefühlsregung von sich gab. Das Nass schwappte ab und zu über das Ufer und berührte zärtlich ihre bloßen Füße. Ihr Hemd hatte weite Ärmel, die an den Handgelenken zusammengeschnürt waren, unter denen sie sich aber wieder bauschten. Sie trug ein einfache Lederhose und seufzte leise. Um ihren Hals hing eine Kette, an der ein Anhänger in Form eines hölzernen Adlers befestigt war, der auf ihrer Brust ruhte. Die Sonne ging auf, aber sie reagierte immer noch nicht. Ihr Schein tauchte sie in rotes Licht und für einen Augenblick wirkte sie unheimlich schön, sie war eins mit der Natur und hatte die Sonne in sich. Langsam hob die Elfe ihren Blick und sah wie in Trance zur Sonne hoch. Sie schloss die schillernden Augen und genoss ihre Wärme. Es gab nicht viel, dass sich besser anfühlte. Triumph, Mut, Tugend...das alles war gut, aber nichts im Vergleich zur Kraft der Natur, die sie eine Wärme spüren ließ, als hätte sie jemand umarmt. Die Sonne wanderte an ihr vorbei und sie wurde wieder zu der normalen Elfe mit zerzausten Haaren, die von etwas träumte, das wirklicher war als eine Umarmung der Sonne. Ihre Augen öffneten sich und sie starrte wieder auf das Wasser, hinten am See war die Sonne noch nicht hinweggewandert und er wurde in zwei Hälften gespalten. Hell und dunkel. Sie war auf der dunklen Seite, traurig und allein, doch die Sonne kam nicht zurück, um sie zu trösten. Niemand kam. Denn keiner hörte dem Wind zu.

    Kapitel 1: Später

    Reriana keuchte und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, um den Schweiß abzuwischen. Sie stand in Verteidigungshaltung auf einer Lichtung im Eschental, ein dünnes Schwert in der linken Hand. Es wehte eine leichte Brise und fuhr Reriana kühlend über die Stirn, an der sich die roten Mondsicheln fast berührten. Sie hatte ihre dunkelblauen Haare zu einem Zopf nach hinten geflochten und fixierte hochkonzentriert den Elfen gegenüber. Er hatte hellgrünes Haar, das ihm auf die Brust fiel und ein schelmisches Lächeln auf dem Gesicht. Auch ihm lag ein dünnes Schwert in der Hand, das sich an der Spitze leicht krümmte. Er stand fest wie ein Fels, man konnte ihn kaum umwerfen, und wirkte doch beweglich, wie er hin und hertrippelte. "Hi-ah!", machte Reriana und drehte sich in atemberaubender Geschwindigkeit herum, wobei sie ihr Schwert hochnahm und genau auf den Arm des Elfen zielte. Metall knallte auf Metall und ihr "Feind" parierte den Schlag scheinbar mühelos. Leise fluchte sie und riss ihren Arm ruckartig nach oben, als ein Gegenangriff folgte. Ihre Abwehr war nicht stark genug, das Metall der Klinge rutschte von ihren ab und traf Rerianas Arm. Ein dünner Blutschwall ronn aus der Wunde und sie schüttelte den Kopf. "Mit links kann ich nicht. Das lerne ich nie.", sagte sie mit einer klaren, selbstbewussten Stimme. Sie nahm den Schwertgriff in die andere Hand und ließ den verletzten Arm an einer Seite herunterbaumeln. Der Elf ihr gegenüber schwieg, dann sagte er etwas spöttisch: "In drei Tagen ist Prüfung. Du MUSST es lernen." Selbst seine Stimme klang belustigt, als würde er über einen guten Witz nachdenken. Vielleicht war es auch Rerianas Anwesenheit, die ihn glücklich machte. Sie zuckte mit den Achseln und führte mit der rechten Hand einen Z-förmigen Hieb aus. "Du bist zu deffensiv, Zamiel.", sagte sie spitz, als Zamiel zurücksprang und die Klinge seinen dunkelgrünen Wams nur um Haaresbreite streifte. "Jetzt will mir "Elfe Einhand" einen Tipp geben?", erwiderte er und versuchte ihr Bein wegzutreten. Reriana sprang lässig darüber hinweg, rollte sich hinter ihm, stand auf und hielt ihm von hinten die Klinge an die Kehle, bevor er auch nur einen Mucks von sich geben konnte. Mit rechts war sie viel besser. "Ja, will ich."

    Sie spürte mit der Hand seinen Puls rasen, er dachte doch nicht wirklich, sie würde ihn töten? Reriana tastete mit dem anderen Arm, aus dem immer noch ein feiner roter Rinnsal sickerte nach seinem Schwertarm und drückte mit zwei Fingernägeln fest auf seine Schlagader. Er ließ los und das Schwert fiel weich auf das Gras. Zamiel schluckte, selbst das spürte sie unter ihrer Klinge. Ob sie wohl jemals jemanden so töten würde? Es sah immer so leicht aus, nur ein winziger Schnitt, eine kleine Bewegung. Nein, dachte Reriana, niemals. Ich bin keine Mörderin. Sie nahm ihr Schwert von seinem Hals und lächelte, als sie es zurücksteckte. "Lass uns noch etwas Giftmischen üben.", sagte sie. "Muss ich wieder deine Gegengifte testen?", fragte er und fasste sich ruckartig mit der Hand ans Herz, sackte auf die Knie und würgte. Reriana schmunzelte und piekte den liegenden Zamiel mit dem großen Zeh in die Seite. Er stand auf und klopfte sich das Laub vom Wams, dann verbeugte er sich wie ein Bühnenspieler, der gerade seinen großen Auftritt hatte und sah sie auffordernd an. Reriana applaudierte und pfiff zwischen den Zähnen. Zamiel lächelte zufrieden und hakte sich bei ihr ein. "Meine Lady, ich würde mich geehrt fühlen, Euren Dolch zu säubern.", näselte er. Sie kicherte und sagte mit verstellter Stimme: " Gerne, gerne, hättet ihr etwas dagegen zu testen, welche Gifte noch wirken?" "Oh, meine Lady, woher lest ihr immer meine besonderen Wünsche?", lachte er und klopfte Reriana auf die Schulter. Sie knuffte ihn in die Seite und kicherte. In drei Tagen hatten sie Prüfung. Wenn einer von ihnen es nicht schaffte, konnte es gut sein, dass sie getrennt wurden. Bestand sie die Prüfung für die Akademie nicht, musste sie ein Jahr warten und die Akademie war weit weg, in Darnassus. Von hier war es mindestens eine Tagesreise bis nach Auberdine und dann noch das Schiff zur Insel hinüber, nein. Wenn sie die Prüfung nicht bestand, würden sie sich erst nach Abschluss der Akademie wiedersehen. Das konnte sich über Jahre hinwegziehen. Zamiel piekte sie in die Seite und fragte: "Reriana, stimmt was nicht? Hast du aus Versehen dein eigenes Gift geschluckt?" Reriana sah ihn kurz seltsam an, dann fuhr sie sich über die Augen, als wollte sie den Schweiß abwischen und lächelte. "Nein, nein...alles in Ordnung", sagte sie leise, "Alles prima..." Zamiel hob eine Braue und pustete Luft aus seinen Wangen. "Weißt du Reriana...wir sollten uns etwas versprechen. Wenn einer von uns die Prüfung nicht schafft, wartet der Andere auf ihn. Ein Jahr mehr oder weniger macht auch nichts aus." Er ließ sie los und streckte ihr die Hand entgegen. Reriana sah ihn an und sie fühlte wie ihr Herz anschwoll, es nahm gigantische Ausmaße an und sie wollte Zamiel nur noch umarmen. "Abgemacht.", sagte sie und schlug ein. "Wir warten."

    Kapitel 2: Orcs!

    Es war still. Kein Wind wehte und kein Blatt raschelte im Wald, jedenfalls kam es jemanden in dieser Lage so vor: Drei Orcs, die in einem Busch saßen und die beiden Elfen auf der Lichtung beobachteten, wie sie sich umherjagdten und Kräuter zeigten. Der größte Orc unter ihnen grunzte belustigt und rollte mit den Schultern, auf denen eine gewaltige Kriegsaxt ruhte. "Die nehmen wir.", meinte er und zeigte auf die weibliche Elfe. Der Orc rechts stieß ihn an und grunzte etwas: "Judoka, denkst du wirklich, es ist eine gute Idee eine Elfe zu entführen...?" Judoka rammte seinen Ellenbogen in den Bauch des anderen. "Natürlich Zudok, du feiger Sohn eines Ebers!", er spuckte aus, "Wenn wir eine Elfe haben, können wir Astranaar manipulieren." Er schnaubte über soviel Unverstand und knirschte bedrohlich mit den Zähnen. Er war muskulöser als die anderen, ein Prachtstück von einem Orc mit gigantischen Hauern und blutrünstigen Augen. Nur leider nicht besonders klug.
    "Und wenn die Elfe kämpft? Wir sollten sie ausschalten und den Elfen mitnehmen. Er sieht schwächer aus als sie." , meldete sich die dritte Orcin zu Wort. Sie hatte ihre dunkelbraunen Haare zu abstehenden Zöpfen verflochten und spannte ihren Bogen. Judoka schüttelte den Kopf und schlug ihr den Bogen aus der Hand. "Gut, aber du schießt sie nicht ab. Treffen tust du ohnehin nie." Zudok murmelte etwas Unverständliches, wahrscheinlich weniger freundlich, und zog sein Schwert. "Lasst uns gehen...", fügte er hinzu, "bevor die uns bemerken, diese Löffel hören garantiert prima." Judoka trat aus dem Busch und es raschelte laut. Nicht einmal jetzt sahen die Elfen auf oder bemerkten den Muskelprotz. Was waren sie doch für dumme Dinger. Kuschelten mit Bäumen und hatten keine Ahnung vom Kämpfen. Pah! Denen würde er zeigen, was eine Axt konnte. Er winkte die Orcs, die hinter ihm waren, zu sich und lächelte böse. Endlich blieben die Elfen stehen und setzten sich ins Gras. "Endlich, ich dachte schon, die würden nie müde.", flüsterte die Orcin Zudok zu und nahm ihren Dolch vom Gürtel. Judoka stieß einen gellenden Kriegsschrei aus und raste auf die Elfen zu, die wie erstarrt hinüberblickten und keine Zeit hatten unter dem Schock ihre Waffen zu ziehen. Zudok und die Orcin folgten ihm laut brüllend und warfen sich auf sie. Diese konnten kaum reagieren und ein paar Schläge genügten, um sie bewusstlos zu schlagen.
    Judoka lachte dreckig und lud den Elfen auf seine muskelbepackte Schulter. "Sollen wir sie wirklich nicht mitnehmen? Sie wäre eine hübsche Trophäe.", fragte er und hob ihr Gesicht zwischen den Händen hoch, durch das vom Haaransatz ein Blutrinnsal bis zum Kinn lief. Die Orcin schüttelte den Kopf und grunzte amüsiert, als sie die Wunde der Elfe sah. "Die müssen wir hierlassen, sonst merkt doch keiner, dass wir ihren Schatz haben und nicht ein Wolf Hunger hatte." Judoka brummte etwas. Er ließ nicht gerne ein so hübsches Opfer zurück, vor allem nicht, wenn es so lang lebte und sein ganzes Leben Sklave sein könnte. "Mhhh...gut, lasst uns verschwinden." Zudok seufzte. Er hielt es immer noch für eine schlechte Idee einen Elfen zu entführen...was sollte das bringen? Wollte Judoka einen Krieg anzetteln? Wahrscheinlich, das würde zu ihm passen. "Munra, Judoka...wo bringen wir ihn hin, eh?", fragte er und deutete auf den schlaffen Körper über Judokas Schulter. Munra zuckte mit den Schultern und steckte ihren blutigen Dolch zurück an den Gürtel. "Wir sollten ihn nach Durotar bringen. Am besten Orgrimmar...da könnten wir ihn einsperren lassen.", meinte sie und trat der Elfe in die Rippen. Judoka ließ ihren Kopf los, der durch die Höhe relativ unsanft auf das Gras fiel und grunzte. "Damit die da behaupten können, sie hätten das Langohr gefangen? Nee, ich kenn doch das...die fragen nach, wer den gebracht hat um eine Belohnung zu erhalten und plötzlich steht ganz Orgrimmar da. Wir bingen ihn in die Mine meines Vetters!" Munra nickte. "Mir egal, aber werde ihn gleich los, die stinken wirklich erbärmlich nach Duftwasser und Blütenölen." Sie roch wie zur Bestätigung an dem Elfen und verzog das Gesicht. "Ach was, der hat sich bestimmt nur vor Angst in die Hosen gemacht, wie unser Zudok hier.", meinte Judoka und stieß dem Genannten die Faust in den Rücken. "Jetzt aber weg hier, bevor die noch aufwacht.", raunte dieser, fiel durch den Schlag fast nach vorne und erntete einen spöttischen Blick von Judoka. Er war nicht ängstlich, verdammt! Nur berechnend! Munra nickte wieder, rannte über die Lichtung nach Osten und verschwand zwischen den Bäumen. Zudok sah noch einmal angeekelt zur Elfe hinab und lief ihr nach. Judoka ging gemächlich hinterher. Er grunzte, als er einen Ast abbrach, indem er sich einen Weg durch die Bäume bahnte. Die Elfe lag da, verletzt und allein. Sie hatte Angst gehabt, dass sie von dem Elfen getrennt wurde und genau das war geschehen...womöglich für immer. Ihre Hand zuckte und sie wurde wieder bewusstlos.
    Der Wind kam zurück und die Blätter raschelten wieder, beschimpften die Orcs und wollten die Elfe trösten, aber es half alles nichts, denn nicht einmal diese Elfe hörte heute zu, obwohl sie es immer getan hatte. Sie schlief nur und regte sich nicht. Viele Stunden lang.

    Kapitel 3: Zamiel - wo bist du?

    Die Sonne war schon lange untergegangen und es brannte kein Licht mehr in Astranaar. Eulen huhten und Wölfe pirschten durch die Wälder. Ein großes weißes Exemplar trat auf eine Waldlichtung, gar nicht weit von Astranaar und witterte Blut. Er trat langsam weiter auf die Ebene Oberfläche und hechelte voller Vorfreude auf eine Mahlzeit. Der Wolf entdeckte den Ursprung des Geruches und jaulte, als er die Nachtelfe genau erkennen konnte. Sie lag da, übersät mit Schnitten und Stichen, ihr Gesicht war regungslos, nur getrocknetes Blut vermischte sich mit frischem und ronn vom Haaransatz bis zum Kinn. Der Wolf leckte über ihr Gesicht, aber er schien sie nicht verspeisen zu wollen. Stattdessen stupste er sie mit der Schnauze an und wimmerte ihr ins Ohr, bis sie sich regte. Reriana öffnete die rechte Hand, die sie schützend über ihr Gesicht gehalten hatte, als die Axt sie traf. Nichts war ab, aber sie fühlte sich schrecklich. Ihr Kopf pochte und sie konnte sich an nichts erinnern. Weißer Schmerz raubte ihr kurz den Atem und sie drohte schon wieder bewusstlos zu werden. Der Wolf kniff sie mit den Zähnen in den Arm und sie kam wieder zu sich. Durch noch mehr Schmerz. Wo war sie? Was war passiert? Reriana stöhnte leise und versuchte sich aufzusetzen. Ihr war unendlich schwindelig und ihre Rippen brannten wie Feuer. Langsam hob sie ihr Hemd an und besah sich die Verletzung. Sie zischte schmerzerfüllt und fluchte leise, ihre Seite war ein einziger Bluterguss, die Haut war aufgesprungen und hatte sich entzündet, an manchen Stellen hing schon etwas Schorf und hatte sich in das Hemd und gleichzeitig in die Wunde gekrallt. Sie musste weg von hier, zu einem Druiden. Sie zog ihr Hemd wieder darüber und unterdrückte ein Schluchzen, als der raue Stoff über die Wunde schrammte. Nichts Schlimmeres mehr erwartend, versuchte sie die Beine anzuziehen, um möglichst ohne die Hüfte zu berühren aufzustehen. Es ging nicht. Ihr rechtes Bein fühlte sich an wie Butter und das ganze Hosenbein war blutgetränkt. Der Wolf stieß sie in den Rücken und forderte sie auf, den Arm um seine Seite zu legen. Sie gehorchte und stieg unendlich langsam auf seinen Rücken. Er würde sie nach Astranaar bringen. Ganz sicher. Dort würden die Druiden die beiden versorgen....die beiden? Sie sah sich verschreckt um, aber Zamiel war nirgends zu erkennen. Ihre Augen tasteten wie Lichtfinger durch die Dunkelheit, aber sie fanden nur Schwärze. Schwärze und Blut. Inständig hoffte sie, dass es ihr eigenes war. "Zamiel?", hauchte sie schwach und verfluchte ihre Verletzungen. "Zamiel!?", rief sie etwas lauter, aber es kam keine Antwort. Hatten die Orcs ihn verschleppt? Orcs...ja...da waren Orcs gewesen! War er tot und konnte nicht antworten? "ZAMIEEL?!?", schrie sie so laut sie konnte und ihre Rippe stach wie ein Dolch ins Fleisch. Immer noch keine Antwort. Wo war er? Der Wolf zuckte nervös mit den Ohren und schnüffelte am Boden, dann wies er mit der Nase in Richtung Osten. Er witterte sie! Sie wollte dem Wolf schon das Signal zum Start geben, als sie Blut schmeckte und bewusstlos wurde.

    Als sie wieder aufwachte, wurde sie durchgerüttelt und sie hatte das Gefühl, das alles nur ein Traum war und wenn sie die Augen öffnete, Zamiel sah, der sie weckte. Aber als Reriana die Augen aufschlug, war er immer noch fort. Es war der Wolf, der sie durch den Wald nach Astranaar brachte. Eine Träne löste sich von ihren Wimpern, als ihr klar wurde, dass die Orcs ihn haben mussten. Was machten Orcs mit Geiseln? Würden sie ihn freilassen oder töten, wenn sie ihn nicht mehr brauchten? ihr Körper erbebte durch das Schluchzen geschüttelt und die Rippen begannen wieder zu brennen. Aber sie ignorierte den Schmerz, obwohl er sie wieder an die Grenze der Bewusstlosigkeit trieb. Ihr rechtes Bein baumelte herab und schrammte am Fell des Wolfs, das rot eingefärbt wurde. Es würde dauern, bis sie geheilt wurde...waren die Rippen gebrochen, mussten sie vielleicht eine Priesterin aus Darnassus holen...was sie wohl bis dahin mit Zamiel angestellt hatten? Wieder schüttelte ein Weinkrampf ihren Körper und die Rüttelung des Wolfes tat sein Übriges. Sie schwankte bedrohlich hin und her, ihre Rippe stach unerträglich und ihr Blickfeld verschwamm in Tränen. Da sie ohnehin nichts sehen konnte, schloss sie die Augen und versuchte sich auf irgendetwas zu konzentrieren, versuchte die Eulen zu hören und dem Wind zu lauschen, aber sie dachte immer wieder an die Orcs, die wie schwarze Schatten plötzlich aufgetaucht waren. Sie war unachtsam gewesen und Zamiel hatte dafür bezahlt. Die Schuldgefühle waren noch schlimmer als der Schmerz, der mit eiskalten Fingern nach ihrem Herz griff und es immer wieder in eine Schwärze zog, aus der sie nicht mehr erwachen wollte. Zamiel war fort, irgendwo, an einem schrecklichen Ort mit Fesseln und Ketten, blutüberströmt, er konnte nicht weniger Verletzungen haben als sie selbst. Und Reriana war Schuld.

    Kapitel 4: Astranaar

    Der Wolf brachte sie sicher und ohne weiteren Schaden nach Astranaar, wo sie sich seitlich herunterfalen ließ, sie hatte einfach keine Kraft mehr, um sich zu bewegen. Der Weg war hart und der Aufprall schmerzte, doch sie ignorierte es. Der Vollmond tauchte das Dorf in silbriges Licht und ließ es düster und unheimlich wirken, das Gasthaus war groß und gemütlich, man hörte immer noch leise Stimmen, wahrscheinlich die Wirtin mit ein paar vereinzelten Gästen. Man konnte den Lichtschein kaum erkennen, der vom Fenster ausging. Der Wolf heulte laut und eine Nachtelfe kam die Treppe herabgestürzt, augenscheinlich die Wirtin. Sie beugte sich besorgt über Reriana und eine Haarflut raubte ihr kurz die Sicht. "Was ist mit dir?", fragte die Elfe und piekte ihr genau in die Rippen. Reriana wollte aufschreien, wollte sie treten, aber der Schmerz lag wie Blei auf ihrer Zunge und den Gliedern. Sie ächzte schmerzerfüllt und die Wirtin rief verzweifelt nach Hilfe. Die Tür des rechten Hauses ging auf und ein Elf mit grünen Haaren, inwelchem schon vereinzelt graue Strähnen zu finden waren, stürzte hinaus. Starke Arme hoben Reriana hoch und trugen sie in das Gasthaus. Alles rüttelte an ihrem Bild und die wispernden Stimmen der Gäste kamen ihr vor wie laute Schreie. "Du hast Zamiel alleingelassen!", schrien sie ihr ins Ohr. "Du bist eine Verräterin!" Der Elf legte sie auf ein Bett in der obersten Etage, geschützt von neugierigen Blicken ab und sie zischte leise, obwohl jenes unheimlich weich war. Man zog ihr Hemd aus und verband die Wunden, aber sie bekam alles nur mit wie in Trance. Sie war sicher. Als sich das Hemd von der Wunde löste, der Schorf hatte sich während des Rittes noch weiter hineingegraben, stöhnte sie leise. Der Elf verstand anscheinend etwas vom Heilen und schnitt ihr Hosenbein auf, wobei er ihre Wunden genau untersuchte. Er murmelte einige Worte und seine Hände blitzten grünlich auf. Reriana dachte es würde wehtun mit Blitzen geheilt zu werden, aber es gab nichts Schlimmeres als diese Rippen. Tatsächlich war es als würde Elune ihre Wunden beweinen und sie mit Tränen heilen...so hatte Zamiel es beschrieben...Zamiel. Es war kühl und ihr Bein brannte nur eine Sekunde lang, bevor sich die Wunde langsam verschloss. Sie konnte immer noch kaum sprechen, hauchte aber ein "Danke" und versuchte ein Lächeln. Der Elf erwiderte nur: "Danke Cenarius, nicht mir." Und das tat sie und hoffte inständig, dass es dort wo sie Zamiel hinbrachten auch solche Heiler gab und sie ihn nicht zu irgendwelchen untoten Apothekern schleiften. Langsam kam sie wieder zu sich und ihre Erinnerungen an die Orcs kehrten zurück. Sie hatten gesprochen...ob sie Reriana mitnahmen und wohin sie Zamiel brächten...wohin? Ein Bild nahm in ihren Kopf Gestalt an und sie erinnerte sich fast, als der Druide ihr kaltes Wasser auf das Gesicht schüttete. So fühlte es sich jedenfalls an, stattdessen war es aber nur ein Tuch, das er mit eiskaltem Wasser getränkt und auf ihre Stirn gelegt hatte. Er war in Durotar? Nein...dem hatten sie nicht zugestimmt...eine Mine? Genau, sie wollten ihn in eine Mine bringen! Konnten seine Wunden dort überhaupt versorgt werden? Dort gab es nur Zuchtmeister und die...Reriana schüttelte den Kopf, da wollte sie sich nicht vorstellen. Der Elf fühlte ihren Puls und führte ein schleimiges Getränk an ihre Lippen. Sie trank und verzog das Gesicht, das war scheußlich. Ihr Kopf vernebelte leicht und sie versuchte die Gedanken aneinanderzureihen. Sie musste mit Raene reden. Reriana packte den Druiden an der Robe und flüsterte: "Zamiel ist von Orcs verschleppt worden...er ist...sie haben ihn in eine Mine gebracht. In Durotar!" Der Druide lächelte gutmütig und gab ihr noch mehr von dem Getränk, von dem sie schläfrig wurde. Er glaubte ihr nicht! Aber man musste ihr glauben! Reriana zog fester an der Robe, aber es war kaum mehr als ein Stupsen. Gab es in Durotar überhaupt Minen?
    Ach, egal. Alles war egal. Sie wollte jetzt schlafen...schlafen war gut. Reriana wollte nicht mehr an Zamiel und Minen denken, nur noch an Furbolgs und Hirsche, die so geheimnisvoll aussahen. Um ihr Blickfeld wurde es schwarz und langsam kroch die Schwärze in ihren ganzen Kopf, sortierte die sorgenvollen Gedanken aus und legte wie Watte ein Schild darüber. Es waren nur noch Blumen da, schöne bunte Blumen...
    Ihre festgekrallte Hand erschlaffte und schlug aufs Bett. Sie fühlte sich so schläfrig...alles war gut. Immer wieder durchzuckten diese Wörter ihre Gedanken. Alles war gut. Aber in Wirklichkeit war nichts gut. Der Wind zupfte mahnend an Haaren des Druiden und dieser sagte leise: "Was willst du denn? Sie hat Schreckliches erlebt. Gönne ihr etwas Ruhe. Sie weiß wo mein Sohn ist." Darauf wusste der Wind nichts zu sagen und strich stattdessen über Rerianas Gesicht, schloss ihre Augen und flüsterte ihr beruhigende Worte zu. Alles war gut.



    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 14.09.2008, 12:35


    Kapitel 5: Gefangen

    Es war stickig in der Mine. Es roch nach Kohle und Ratten, nach abgestandenem Wasser und nach dem Schweiß der Peons, die grunzend die Kohle aus dem Gestein trieben. Die Wände waren dreckig und voller Löcher, die Spitzhacken und andere Geräte verursacht hatten. Am Ende der Mine, im hintersten Stollen, war ein Elf an der Wand gelehnt und schien zu schlafen. Zamiel knurrte leise und schlug die Augen auf. Wo war er? Langsam dämmerte es ihm und er wollte aufstehen, aber seine Arme und Beine waren in Ketten gelegt. Ein großer, dicker Orc kam auf ihn zu und begann in einer Sprache zu sprechen, die er nicht verstand....Er verstand nur Kauderwelsch aus "th" und "ck" Lauten und zeigte dem Orc einen Vogel. Ob die ihn wohl gefangen hielten? Der Orc schlug ihm fest ins Gesicht und es tat höllisch weh, aber Zamiel war froh den Schmerz zu spüren. Das zeigte ihm, dass er nicht träumte. Wenigstens hatte er seine Nase verfehlt, der grüne Grunzer. Der ging wieder und Zamiel sah an sich hinunter. Na toll. Sie hatten ihn bis auf die Unterwäsche ausgezogen und seine Wunden geheilt, gleichzeitig sah es aber auch so aus als hätten sie seine Kleidung gestohlen. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das dämmerige Licht und er konnte den Raum erfassen. Er sah aus wie ein gewöhnlicher Minenstollen...hoffentlich hielten die Pfeiler. "Klasse!", sagte er "Wollen die, dass ich mich langsam zu Tode schäme?" Es tat gut seine eigene Stimme zu hören, dadurch fühlte er sich nicht so alleingelassen. Wo war Reriana? Er sah nach oben und bekam eine Ladung Staub in die Augen. Er wollte sich reflexartig in die Augen fahren, aber die Ketten hinderten ihn daran. "Toll! Nicht einmal die Augen ausputzen kann man sich hier! Was soll das denn für eine Mine sein?!", schrie er in den Stollen hinein, aber niemand machte sich die Mühe das darnassische Gebrabbel zu verstehen, wahrscheinlich konnten sie es ohnehin nicht. Zamiel starrte wieder zurück auf seine Ketten. Was hatte sein Vater immer gesagt...ach ja..."Vertraue auf deine Kräfte und sie werden deine Ketten sprengen, dich von der Welt lösen und in den Traum einfahren lassen, um die Welt zu verstehen." ...Moment...Ketten? Ob er es noch konnte? Als Kind hatte er oft mit seinen druidischen Kräften, auf die sein Vater so stolz war, mit Tieren gesprochen...allerdings war Metall im Allgemeinen nicht sehr gesprächig. Aber bestand Metall nicht aus Eisen und Eisenerz war ja gewissermaßen auch Erde... Einen Versuch war es wert. Er kniff die Augen zusammen und murmelte etwas, das er selbst nicht verstand. Stille. Einen Moment lang geschah nichts, dann begannen seine Hände grünlich zu leuchten und die Ketten öffneten sich mit einem Klick von seinen Händen. "Wow!", entfuhr es ihm und er wollte gerade die Fußketten lösen, als der Orc zurückkam. Hastig legte er die Ketten schlaff um seine Handgelenke und verbarg die glühenden Handflächen hinter dem Rücken. Er hoffte inständig, dass der Orc so dumm war wie er aussah. Und tatsächlich: Dieser merkte rein gar nichts, stellte ihm nur einen Teller mit irgendwelchem Matsch hin. Klar, dachte er, Orcs essen Matsch, passt zu ihnen. Wie dachte der Orc, sollte er das essen? Er hatte kein so großes Maul mit Hauern zum Schaufeln. Er war ein Elf! Sollte er sich nach unten beugen und es aufsaugen..? Bei Cenarius, die ware ja noch dümmer als er vermutet hatte. Der Orc stupste ihn unsanft an und lachte schadenfroh. Wie ein Kind...das lacht auch, wenn es die Puppe haut. Zamiel seufzte leise und senkte den Kopf zur Schüssel hinab, immer noch darauf bedacht, möglichst kein grünes Licht aus den Handflächen zu entlassen und aufzufallen. Er war nur noch eine Nasenspitze vom Matschbrei entfernt, als sein Schwerpunkt überschritten war. Mit voller Wucht knallte er hinein und spritzte das Essen in alle Richtungen, bekam es in Augen und Nase. Der Orc grunzte amüsiert und Zamiel kam der Verdacht, dass diese Schikane vielleicht doch Absicht gewesen war. Verdammte Orcs! Er leckte das Zeug von den Lippen und unterdrückte ein Würgen. Bah! Wie ekelig...Er hoffte nur Reriana ging es einigermaßen besser. Ob sie es wohl nach Astranaar geschafft hatte? Er wusste es nicht. Langsam sackte er mit den Rücken zurück zur Mauer und seufzte. Er konnte sich befreien...und dann? Sollte er in Unterwäsche durch Durotar laufen und einen Tauren um eine Hose bitten? Er brauchte einen Plan. Der Orc lachte und trat zurück in den Stollen. Sobald er außer Sichtfeld war, puhlte Zamiel den Matsch aus der Nase und dachte angestrengt nach. Es musste einen Ausweg geben. Er sah hoch und entdeckte auf der linken Seite ein Loch in der Decke, breit und einladend. Ein Lichtstrahl schien hindurch und spendete etwas Licht...deshalb war es also so dämmerig. Da war sie, die Lösung, Er konnte fliehen, denn er musste Reriana finden.

    Kapitel 6 : Vom Regen in die Traufe

    Zamiel hatte sich von den Fußfesseln befreit und saß nun im Schneidersitz in der Mitte des kleinen, höhlenartigen Endes der Mine, indem man ihn abgeschoben hatte. Sein Magen knurrte bedrohlich, aber das Erlebnis mit dem Matsch hatte ihn belehrt, diesen besser Matsch sein zu lassen. Seine Kehle war trocken, als hätte er Staub gegessen, was er wahrscheinlich auch hatte, sofern er mit offenem Mund schlief und er kämpfte gegen den Drang an laut zu husten. Besser nichts riskieren...wer wusste schon wie weit der Orc tatsächlich weg war? Langsam stellte er sich auf und ging zum anderen Ende des Stollens. Er konnte die Orcs nun schon fast riechen. So weit konnten sie nicht mehr sein. Zuerst hatte er mit dem Gedanken gespielt sie anzugreifen. Aber...die Muskelberge...er hätte keine Chance. Die anderen konnte er vielleicht bezwingen aber der große Orc...niemals. Zamiel hob seinen Blick fast senkrecht nach oben und untersuchte das Loch in der Decke, das gut zwei Armlängen über ihn in der Decke klaffte. Dort waren wohl einmal Waren wie Wasser und Ausrüstung hinabgebracht worden. Mit zwei Fingern maß er ungefähr ab, ob er hindurchpassen konnte. Es wirkte zwar etwas eng, aber er betete, dass es nur eine Täuschung seiner gereizten Augen war, in die er sich ständig fahren musste. Wie konnten die Peons es hier unten nur aushalten? Wahrscheinlich konnten sie es nicht...der Gedanke an eine solche Ungerechtigkeit trieb ihm einen Kloß in den Hals. Aber...war die Allianz besser? Waren seine Brüder und Schwestern nicht genauso abfällig, wenn es um die Horde ging? Und...war er selbst nicht auch einer, der es ihnen gönnte jeden einzelnen in einem dieser Löcher schuften zu sehen? Nein. Er mochte sie nicht...aber wünschte er ihnen gleich ein Leben als Sklave? Er wusste es nicht. Zamiel konzentrierte sich wieder auf das Loch. Wie sollte er da hochkommen? Ratlos sah er sich in dem Raum um. Das Einzige, was halbwegs nützlich erschien waren Felsbrocken und seine alten Ketten. Wenn er auf die Felsen steigen konnte...er ging leise zu ihnen und versuchte einen großen unter das Loch zu schieben. Vergebens. Genausogut hätte er versuchen können einen Zwerg den Bart abzuschneiden. "Was muss ich auch aus Haut und Knochen bestehen?", schimpfte er mit sich selbst, "Kein Fett! Keine Muskeln! Kein gar nichts" Hastig schlug er sich mit der Hand auf den Mund und würgte die letzten Worte ab. Zamiel spuckte aus, die Hand war voller Staub gewesen. Die Sonne wanderte langsam an dem Loch vorbei und etwas Silbernes blitze an dessen Innenwand auf. Er rieb sich die Augen und tatsächlich: Da steckte etwas aus Eisen! Wenn er nur etwas hinaufschwingen konnte. Sein Blick wanderte von seinem Oberkörper zum Lendenschurz und weiter zu den Ketten an der Wand. Ob es mit denen ging? Es musste. Noch einmal sah er prüfend zum Ausgang des Stollens und pirschte sich, sofern es sein Magen und die Schritte erlaubten, lautlos zu den Ketten. Zamiel packte die etwas längere Fußkette und wickelte sie fest um sein rechtes Handgelenk. Dann zog er, zerrte mit aller Kraft daran. Er hatte keine Chance. Verbissen kniff er die Zähne zusammen und riss daran, stemmte die Füße gegen die Wand. Vergebens. Die Kette bewegte sich nicht einen Milimeter aus der Steinwand. Hinter ihm knirschte es und er sah erschrocken zum Stollen, aus dem das Geräusch kam. War es der Orc? Wenn er es war, war er verloren. Zamiel presste den Rücken gegen die Wand und lauschte. Immer noch mit der Kette um der Hand rutschte er langsam hinab, als das Knirschen lauter wurde. Ein Schatten und ein weiteres Knirschgeräusch kündigten seinen "Besucher" an. Da war noch ein Schatten. Der große Orc hatte noch jemanden mitgebracht. Zamiel war verloren, sich gegen den zu wehren wäre Selbstmord. Er rutschte noch ein Stück tiefer hinab, seine Ohren zuckten nervös und seine Augen flammten leicht auf, während er den Eingang nicht aus den Augen ließ. Sein Herz pochte heftig und er sah unwillkürlich an sich hinab, weil er befürchtete, man könne es unter seiner Haut schlagen sehen. Zwei Peons mit grüner Haut , die vor Schweiß glänzte, kamen hereingetrottet und führten einen Art Schlitten, beladen mit Kohle hinter sich her. In einer Ecke stellten sie diese ab und starrten Zamiel an. Jetzt hatte seine Stunde geschlagen. Der eine hatte eine große breite Spitzhacke...das würde wenigstens ein schneller Tod werden. Seine Arme und Beine verkrampften sich, er wollte ihnen entgegenlaufen, ihnen wenigstens noch eine letzte Schlacht um sein Leben bieten, aber seine Glieder waren wie eingefroren. Da zeigte der eine Peon mit dem großen grünen Finger auf ihn und lachte. Wie witzig, dachte Zamiel. Wenn sie jetzt noch mit Kohle werf...Bang! Schon klatschte ein Stück in sein Gesicht. Er knirschte mit den Zähnen und wollte sie nur noch zu Brei prügeln. Kommt her!, schoss es ihm durch den Kopf, Zeigt was ihr könnt! Reriana hätte sie sicher besiegt, alle. Sie wäre wie eine Wildkatze auf sie zugestürmt und hätte ihr Schwert sprechen lassen...er erinnerte sich noch daran, wie sie ihn einmal geschlagen hatte, weil er ihr den Adleranhänger weggenommen hatte. "Ich habe ihn dir geschenkt, also kann ich ihn wiederhaben!", hatte er gesagt und ihn in seinen Wams geschoben. Zwei Handgriffe und er lag auf dem Boden...sie hatte den Anhänger in der Hand. Ob es ihr wohl gut ging? "Besser als mir bestimmt!", sagte er schon wieder laut und stutzte. Wurde er verrückt? Nein, er musste ruhig bleiben und nachdenken. Aus irgendeinem Grund entzündete das Bild von Reriana, das plötzlich klar in seinem Kopf erschien, seinen Überlebenswillen. Er würde kämpfen. Er musste sie finden, um jeden Preis. Hatte der Peon nicht eine Spitzhacke auf dem Rücken...?

    "He!", rief er. Der Peon mit der Hacke starrte ihn an wie ein Tier, das aus dem Winterschlaf aufgewacht ist und sich gänzlich verändert hat. Glotz nicht so!, dachte Zamiel, der sollte sich mal selbst sehen. Grüne Haut und diese Haare erst, sehen aus als würde er durchschimmeln. Er schüttelte verächtlich den Kopf, dabei fiel ihm eine Haarsträhne ins Gesicht. Er packte sie mit dem Finger und stutzte, sah noch einmal von der zum Orc. Seine Haare hatten dieselbe Farbe wie die Haut des Orcs. "War ja klar...wenn du nicht weißt, ob die dich beleidigen, tust du's selber!", flüsterte er und seufzte. Langsam schöpfte Zamiel neuen Mut, und wenn es nur ein verzweifelter Versuch war...es musste klappen. Die Peons waren abgemagert und sein Magen zog sich bei dem Gedanken zusammen, was er mit ihnen tun würde. Besser er als sie. Nein...was war das nur für ein Gedanke! "He, ihr beiden!", rief er lauter und winkte zu sich her. Einen Versuch war es wert. Der zweite Orc grunzte dem anderen zu und zeigte wieder auf Zamiel. Der Hackenorc kam auf den Elfen zu und beugte sich hinunter, wobei er einen üblen Gestank entließ, bei dem Zamiel einen Brechreiz unterdrücken musste. Er sah angeekelt zum Orc auf. "Gibt...", er schluckte, "Gibt es in eurer Steppe keine Minze...?" Seine Mundwinkel zuckten leicht aufwärts. Der Orc hob eine Braue. Er hatte ihn wohl nicht verstanden. Gut...Zamiel musste jetzt an seinen Plan denken. Konzentrieren-Zielen-Angreifen. Das musste er tun. Ganz einfach. Er hatte es schon hunderte Male geübt. Wenn es klappte, war es nur eine Bewegung. Unauffällig löste er die Kette von seinem rechten Arm und sah den Orc mit schimmernden Augen an. Diesen schienen seine Augen zu faszinieren und er starrte zurück. Ganz einfach. Ob das bei ihm überhaupt klappte? Es MUSSTE. Zamiel brachte seine Hand in eine waagrechte Position zum Hals des Orcs, seine andere Hand machte ein V-Zeichen. Dann ging alles ganz schnell, es war eine flüssige Bewegung, wie er ihm in die Augen piekte und dann auf die Ader im Hals zielte. Es war weniger als ein Schlag und der Orc brach zusammen. Der andere glotzte verwundert, aber mit zwei Schritten war er auch bei ihm und schlug ihm in den Bauch. Der Orc knickte nach vorn und ein Schlag mit der Handseite ins Genick brachte auch ihn zu Fall. Keiner konnte schreien, keiner bemerkte etwas. Zamiel nahm die Spitzhacke an sich und drosch damit auf die Kettenverankerung ein, bis er ein Knacken hörte und schnaufend die Kette in der Hand hielt. Zamiel nickte zu sich selbst und schob die Spitze der Hacke in ein Kettenloch. Prüfend zog er daran und schwang die Hacke. Es hielt. Vorsichtigen Schrittes ging er wieder zum Deckenloch und warf die Spitzhacke an den metallischen Haken. Daneben. Fast wäre sein Schädel, der aufmerksam das Loch begutachtete, gespalten worden, er sprang gerade noch rechtzeitig zurück. Noch ein Versuch. Er wartete kurz ab, ob der Orc etwas gehört hatte, aber es blieb still. Zamiel warf noch einmal und es klickte. Die Hacke hatte sich in den Haken eingekeilt. "Genial!", lobte er sich selbst, griff nach der Kette, die herunterbaumelte und hielt inne. Er war noch immer so gut wie nackt. Zamiel zupfte an seiner Unterhose und sah langsam zum Peon. Konnte er so tief sinken? Er brauchte eine Hose...der Elf trat auf den bewusstlosen Peon zu und zog ihm die weite Stoffhose aus. Das war alles andere als berauschend. Was würde mein Vater dazu sagen?,dachte er schmerzlich, stieg hinein und schauderte. Dieser Stoff war...anders. Zamiel hoffte, er konnte sie bald loswerden oder eintauschen. Er griff wieder nach der Kette und zog sich langsam daran hoch. Das Metallstück war nicht ganz oben und so musste er die Arme und Beine austrecken, um wie ein Käfer nach oben zu kommen. "Reriana würde sich totlachen...", murmelte er und sein Arm rutschte kurz ab, bevor er den Ellenbogen wieder in die Erde keilte. Das Ende des "Tunnels" kam in Sicht und Zamiel stemmte sich schwer atmend hoch. Sein Oberkörper war knapp über der Oberfläche und ein peitschender Wind begrüßte ihn. Er zerzauste seine Haare und hob Erdbröckelchen weg. Plötzlich hörte Zamiel hinter sich ein lautes, weibliches Kreischen und er drehte sich reflexartig um, immer noch die Knie gegen die Lochwände gestemmt. Seine Augen weiteten sich und er hätte fast losgelassen. "Oh.", sagte er nur.

    Kapitel 7: Im Gasthaus

    Etwas schüttelte an der Schwärze. Es war so beruhigend gewesen, zu schlafen. Warum weckte man sie jetzt? „Reriana! Wacht auf!“, rief eine Stimme aus weiter Ferne und riss sie aus ihren Träumen. Als sie wieder ihren Körper fühlte, geschunden und voller blauer Flecken, wünschte sie sich sofort wieder den Schlaf herbei. Reriana schlug die Augen auf und sah zunächst alles verschwommen. „Reriana!“, sagte die Stimme wieder, ganz nah bei ihr. Wo war sie? Der Nebel um ihre Gedanken löste sich langsam auf und sie konnte wieder klar sehen. Sie lag in einem Bett, aber es war nicht ihr Eigenes. „Wo bin ich?“, sagte sie und merkte, dass ihre Stimme wieder normal klang. „Endlich, ihr seid wach! Wisst ihr eigentlich wie lange ihr geschlafen habt? Ganze drei Tage! Ach ja...ihr seid hier in Astranaar, meinem bescheidenen Gasthaus.“, wurde ihr geantwortet. Drei Tage? Sie hatte drei Tage lang geschlafen? Reriana fasste sich an die Stirn und stöhnte. Ihre Finger fühlten etwas aus Stoff und tasteten sich höher, bis sie merkte, dass sie ein Kopftuch trug, dass ihre sonst mit blauen Haaren bedeckte Stirn freihielt. Sie nickte und wollte sich aufsetzen, spürte aber in der Bewegung ein fürchterliches Stechen an der linken Seite ihres Brustkorbes und fiel zurück. Nun sah sie endlich zu der Elfe auf. Ihre Haare waren zu einem Knäuel verflochten und sie lächelte breit. Sah sie nicht, dass Reriana Schmerzen hatte? Es war kein tolles Gefühl angegrinst zu werden, während man nur stoßweise atmen kann. „Ich...bin nicht geheilt worden?“, presste sie heraus und wartete, bis der Schmerz verebbte. Das Lächeln auf dem Gesicht der Elfe verschwand und machte einer besorgten Miene Platz. „Doch...tut es immer noch weh? Eure Rippen waren gebrochen, aber Elune sei dank hatten wir eine Mondpriesterin hier, die uns zum Mondfest eingeladen hat. Sie hat euch größtenteils geheilt, nur sie meinte die Stiefel der Orcin wären verzaubert oder verflucht gewesen...keine Ahnung. Mit soetwas kennt sich höchstens Zetaiel aus.“, sagte sie und beugte sich zu Reriana hinab, deren Atem noch einmal stockte.
    Diesmal nicht wegen dem Schmerz, sondern wegen ihrer Worte. Verflucht...hieß das sie hatte jetzt ihr Leben lang diese Verletzung? Ging der Schmerz nicht, wenn man sie heilte? Wie sollte sie nur jetzt in die Akademie kommen...sie würde immer beim Kämpfen mit Zamiel unterlegen sein. Erst jetzt fiel ihr Zamiel siedend heiß ein. „Zamiel! Habt ihr ihn?“, sagte sie und richtete sich abrupt auf. Der Schmerz kam zurück, aber die Sorge um Zamiel war stärker. „Zamiel? Du meinst Zetaiels Sohn? Hm...nein ich glaube nicht. Redet mal mit ihm.“ Rerianas Herz machte einen Satz. Sie hatten ihn nicht gefunden. War das gut oder schlecht? Langsam überschlugen sich ihre Gedanken, bildeten ein undurchdringliches Netz und umschlangen sie, erdrückten ihr Herz langsam. Nein! Sie musste stark bleiben. War sie überhaupt je stark gewesen? Noch ein Gedanke. Sie zerfetzte das gedankliche Netz und konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Rippen und ihre Gliedmaßen, die sich nur mühsam bewegen ließen. „Wo ist Zetaiel?“,fragte sie und drehte sich , so dass sie mit den Füßen auf den Boden aufkam. Er war rau. Gras mochte sie lieber, es war so schön weich. Und es erinnerte sie an Zamiels Haare. Nein! Denk nicht an ihn! Sie zwang sich, das Gasthaus näher zu betrachten, während sie sich zischend abstieß und einen Fuß vor den anderen setzte. Zur Zeit des Mondfestes war das Gasthaus wunderbar geschmückt, überall hingen Girlanden in silbriger Farbe und die Leute trugen Festagskleider-und Anzüge. Das Holz sah schon alt aus und zeugte von der Gewalt der Natur, die draußen auf einem wartete. „Er müsste draußen sein. Ich gehe mich wieder um die Gäste kümmern, Reriana. Bedient euch ruhig in der Kommode, meine tapfere Freundin. Reriana schnaubte. Tapfer? Wenn jemand tapfer war, dann Zamiel! SIE hatte ihn doch alleingelassen! SIE hatte ihn nicht verteidigt! Und SIE hatte nicht seine Verfolgung aufgenommen, wegen einen albernen Tritt in die Seite! Wenn überhaupt jemand Mitleid zeigen wollte, dann IHM. Ihre Hände zitterten und sie hätte die Gasthauselfe am liebsten angeschrien. Sie war nicht tapfer. Sie schüttelte den Kopf. „Ihr habt schließlich Astranaar vor einem Angriff der Orcs bewahrt, wir haben alles genau untersucht und das Blut...Das muss eine wahre Schlacht gewesen sein! Ihr seid wirklich erstaunlich!“, fügte die Elfe hinzu und lief hastig zu den nach Essen verlangenden Gästen.

    Rerianas Körper erbebte vor Zorn. Sie...man dachte sie hätte mit aller Kraft Astranaar verteidigt. Das konnte doch nicht sein, sie musste dringend mit Zamiels Vater reden. Er wusste meistens Rat. Ihre Gedanken fingen wieder an zu erwachen und schmerzten langsam. Ob das auch an dem Fluch lag? Wurde sie wahnsinnig? Reriana streifte ihr graues Nachthemd ab und ging wankend ein paar Schritte nach vorne, wo die Kommode stand. Mit zittriger Hand öffnete sie die oberste Schublade und ein Wall von Haarreifen kam ihr entgegen. Sie griff nach einem weißen und zog das Tuch von den Haaren, die sich strähnig und strohartig anfühlten. Weiter hinten in der Schublade war ein Kamm. Sie legte den Haarreif auf die Kommode und begann ihr Haar damit zu bearbeiten. Der Filz darin hatte große Knoten gebildet und sie hätte fast einen Zahn abgebrochen. Dann hielt sie inne. Was machte sie da eigentlich? Zamiel saß in einer Mine fest, und was machte sie? Sie kämmte sich! Reriana schleuderte den Kamm gegen die Wand und riss das erstbeste Kleid aus einer der unteren Schubladen. Sie schlüpfte hinein und zurrte an den Oberarmen die Lederbänder fest, wobei sie gleichzeitig den Haarreif anlegte. Wo war ihr Gürtel? Sie sah sich in den kleinen Raum mit einem Bett und einer Kommode um und entdeckte ihn über den Bettpfosten hängend. Hastig schnallte sie ihn um und wog die Rückenscheide in den Händen. Sie würde sie ab jetzt immer mitnehmen. Wenn sogar in einem Wald etwas passieren konnte...sie knöpfte sie von dem Rückengurt und befestigte sie an ihrer Taille. Würde sie im Ernstfall erst nach ihrem Rücken greifen, wäre ihr Körper für einen Augenblick ungeschützt. Das konnte sie sich in einer Rüstung leisten, aber nicht in einem Kleid. Warum hatte sie überhaupt ein Kleid an? Röcke waren ihr noch nie sonderlich geheuer gewesen. Sie ging beherrscht die Treppe hinab und versuchte den Schmerz nicht zu zeigen. Sofort verstummten sie Stimmen im Gasthaus und alle starrten sie an. Ihr wurde unwohl dabei und sie sah an sich hinab, ob etwas mit ihr nicht stimme, entdeckte aber nichts. Da wurde ihr bewusst, dass sie nicht ihr Aussehen anstarrten, sondern SIE. Einer rief: „Da ist Reriana!“ und löste damit eine Jubelwelle aus. Oh nein. Sie wollte kein Lob und erst recht keinen Ruhm für ihre Feigheit. Genau das war sie. Sie war feige. Reriana rannte mit stechender Seite an den Elfen vorbei, Richtung des Sees. Ihre Augen waren mit Tränen gefüllt und ihre Knie spürten etwas Weiches. Sie stolperte darüber, wollte sich abfangen aber ihre Arme waren noch immer kraftlos, so fiel sie in hohen Bogen auf das Gras und rutschte weiter den kleinen Hang hinab, bis zum Ufer des Sees. „Hey! Kann man sich nicht einmal hinsetzen und dem Wind lauschen?“,hörte sie eine vertraute Stimme hinter sich. Ihre Rippen stachen durch den Aufprall wieder und sie wälzte sich mit Mühe auf den Rücken, um die Gestalt zu erkennen. Reriana zupfte ein Blatt von ihren Augen und sah in Zamiels Gesicht. Jedenfalls sah es nach ihm aus. Als ihr Blick höher glitt erkannte sie vereinzelt graue Strähnen in den Haaren und ihre Länge, die Zamiels weit übertrief. Sie erkannte eine druidische Robe und wusste wen sie vor sich hatte. "Ich...ich habe dich gesucht.", sagte sie und hielt sich die Seite. Zetaiel, Zamiels Vater, hielt ihr die Hand hin. „Du hast mich gesucht? Gut, worum geht es?“



    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 14.09.2008, 12:36


    So, das ist mal genug Lesestoff bisher, bin schon bei Kapitel 13 fertig...



    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 18.09.2008, 14:23


    Kapitel 8: Eine neue Begegnung

    Zamiel starrte mit gegen den beißenden Wind zusammengekniffenen Augen auf die schwarzen Punkte, die sich ihm in rasender Geschwindigkeit näherten. Langsam konnte man die Hinteren als Tiere identifizieren, große Tiere. Was waren das für Bestien? Im selben Augenblick warf die Sonne einen Strahl auf die Szene und Zamiel schnappte nach Luft. Die Tiere waren riesig und hatten einen hornartigen Knochen auf ihrer „Nase“. Sie sahen alles andere als freundlich drein und schienen über irgendetwas zutiefst verärgert zu sein. Zunächst meinte Zamiel, sie könnten IHN gesehen haben, doch dann erkannte er eine weitere, deutlich kleinere Gestalt vor ihnen herlaufen.

    Ein Kapuzenumhang, der ihr Gesicht größtenteils verdeckte, flatterte wild um sie und ließ sie so größer erscheinen, als sie eigentlich war. Sie schien etwas in den Händen zu halten, das er durch das Grün des Umhangs nicht erkennen konnte, sie aber anscheinend beim Laufen behinderte. Was mache ich noch in dem Loch?, schoss es ihm durch den Kopf und er stemmte sich hoch, bis er genau vor diesem stand. Er klopfte sich den Sand von der Hose und legte eine Hand über die Augen, um die Unbekannten genauer betrachten zu können. Der Körper der Flüchtenden sah weiblich aus, jedoch konnte er das auf die Entfernung noch nicht genau einschätzen. Zamiel bemerkte aber, dass sie genau auf ihn zuhielten. Der Wind kippte die Kapuze der Fremden nach hinten und entblößte eine dunkelblaue Haarflut, die nicht mit ihrer Geschwindigkeit mithalten konnte und nach hinten geflattert wurde. Zamiels Blick fiel auf ihr Gesicht, das nur verschwommen zu sehen war, und wanderte weiter zu ihren langen, spitzen Ohren. Sie war eine Nachtelfe. „HEY!“, schrie er in darnassischer Sprache und hoffte, sie verstand ihn. Er riss die Arme hoch und lief einer Eingebung folgend, direkt auf sie zu.
    Die Augen der Elfe weiteten sich, als sie ihn heranrennen sah, schmutzig und ausgelaugt, und sie schrie etwas zurück, dass Zamiel noch nicht verstehen konnte, es war zu leise. „ZUR SEITE!“, brüllte er so laut er konnte und versuchte trotz seiner müden Beine schneller zu laufen. Sie schien ihn verstanden zu haben, denn sie bewegte sich plötzlich schief nach links, er folgte ihrem Kurs in die entgegengesetzte Richtung und wedelte immernoch mit seinen Armen. Zamiel war nun nahe genug um ihr hübsches Gesicht erkennen zu können. Noch ein paar Schritte und er war direkt neben ihr...plötzlich wurden die Tiere schneller und holten die Elfe ein, schlossen sich in einem Kreis um sie. Brüllen zerriss die Luft um sie. Zamiel fluchte leise und prallte gegen die feste Haut eines Tieres. Den einzigen Durchgang, den er erkennen konnte, war der gehobene Schwanz von Einem. Er rannte darauf zu und bremste. Lohnte es sich zerquetscht zu werden, obwohl er keine Ahnung hatte, ob sie ihn zurückbringen würde? Kaum merklich nickte er und hechtete sich in den Kreis aus Tieren, wo die Elfe stand und auf dem Boden starrte, beide Hände um etwas innerhalb des Umhangs geklammert. Zamiel stellte sich genau neben sie und ließ seinen Blick durch die Wesen schweifen. Eigentlich sahen sie gar nicht so gefährlich aus, eher...sanft. Was hatte diese Elfe ihnen wohl getan, dass sie so erzürnt waren? „Du bist dumm.“, kam es unter dem blauen Vorhang hervor, der ihr Gesicht rundherum bedeckte, er hätte ihr ohnehin nicht ins Gesicht blicken können, da sie auf den kargen Steppenboden vor ihr starrte. Er nickte, dann fiel ihm ein, dass sie das überhaupt nicht sehen konnte und erwiderte: „Kann sein. Aber das muss ich überprüfen...kennst du dich in dieser Gegend und im Eschental aus?“ Ein Nicken folgte und ließ sein Herz schneller klopfen. „Wenn ich dich rette...zeigst du mir den Weg nach Ast-...“, setzte er an und wurde von einem gewaltigen Brüllen des Tieres direkt vor ihm unterbrochen. Urplötzlich schloss sich eine kräftige Hand um seinen Oberarm und zerrte ihn nach oben. Konnte sie fliegen? Erst als er sich überrascht zu ihr umwandte, wurde ihm bewusst, dass sie soeben GESPRUNGEN war. Mit ihm! Sie landeten auf dem Rücken des Brüllers und Zamiels Knie knickten durch den Aufprall ein, während die Elfe grazil auf zwei Beinen landete. Das Tier brüllte noch einmal, konnte sie aber weder mit dem Kopf, noch mit dem Schwanz erreichen. Die anderen Tiere schienen sich nicht zu trauen, da sie so ihren Artgenossen verletzt hätten. Stattdessen starrten sie zu ihren beiden „Feinden“ hoch und knurrten bedrohlich. Die Elfe starrte mit einem durchdringenden Blick ihrer schimmernden Augen in sein Gesicht. „Spring.“, sagte sie. Es klang nicht wie ein Befehl, sondern eher wie eine Bitte. Und es war wirklich verlockend...ein kleiner Hüpfer und er war in Sicherheit...außer die Tiere folgten ihnen erneut.

    Zamiel schüttelte den Kopf und spürte im selben Augenblick eine Vibration durch seinen Körper fließen, die sich in seinem Kopf angekommen in Zorn verwandelte. Sie verdrängte alle anderen Gedanken und schien unendlich stark zu sein, so stark, dass er bald selbst Zorn empfand. „Mörder!“, explodierte ein Schrei in seinem Kopf, der ihn zusammenzucken ließ. Die Elfe hob eine Braue, als sie sah wie Zamiels Hand zu seiner Schläfe schoss. „MÖRDER!“, schrie es wieder in seinem Geist, so dass er fast rückwärts umgeworfen wurde. Er presste die Lippen zusammen ,konzentrierte sich auf den Ursprung des Zorns und spürte eine weitere Vibration durch seine Beine kribbeln. Er kniete sich hin und berührte mit einer Handfläche den Rücken des Tieres, sofort wurde die Empfindung stärker. Konnte das sein...? Vorsichtig lenkte er seine Gedanken auf den fremden Geist in seinem Kopf und versuchte ihm etwas zu übermitteln: „Ruhig...Ganz ruhig...“ Das Tier zuckte mit dem Kopf nach unten und schnaubte. „Mörder...sie...Freund getötet...“, antwortete es ihm, Trauer und Verzweiflung schienen den Zorn einzudämmen und statt mit dem Schwanz gegen die Erde zu peitschen, schnaubte das Tier nur noch vor Frust. „Wir...sie zu stark...“ Langsam verstand Zamiel. Es war Rache gewesen, dass die Tiere angestachelt hatte, die Mörderin eines ihrer „Freunde“ zu verfolgen.
    Zamiel hob seinen Blick zur Elfe und fragte: „Du hast einen von ihnen getötet?“
    Sie schüttelte den Kopf. „Das war ein Missverständnis. Der Kodo war bereits schwer verletzt und dem Tode nahe, ich habe ihn lediglich erlöst.“,sagte sie bedauernd und verzog das Gesicht. Kodos? Diese Tiere waren Kodos? Zustimmung breitete sich in seinem Geist aus und er konzentrierte sich wieder auf die Quelle.
    „Es war ein Missverständnis. Sie hat das Leiden eines eurer Freunde aufgehoben. Rächt euch wenn dann an den ursprünglichen Angreifer.“, dachte er und sofort wandelte sich die Zustimmung in Erstaunen um. „Angreifer...sie...trotzdem getötet.“ Zamiel seufzte und sendete seine eigene Zustimmung zurück. „Du hast trotzdem getötet.“, übersetzte er der Elfe. „Macht das einen Unterschied, wenn er ohnehin gestorben wäre?“, erwiderte sie gelassen und blickte auf ihn herab, „Du bist ein Druide.“ Zamiel wollte nicken, dann zögerte er. „Soetwas in der Art.“, sagte er dann, bevor er wieder versuchte den Kodo geistig zu beruhigen. Tatsächlich schien der Atem des Tieres regelmäßiger zu werden und es folgte ein Schnauben, dass fast einem Seufzen glich. Ein letztes „Verzeiht...“ hallte in seinem Kopf wieder, bevor die Verbindung zerriss, als hätte der Kodo eine Mauer um sich gezogen. Freiwillig konnte er nicht mit ihm in Kontakt treten, selbst wenn er gewollt hätte. Das war schon immer so. Er war ein Druide...oder hatte zumindestens ihre Kräfte, doch war er etwas ganz Anderes. Zeitlupenartig stand er auf und sprang von dem Tier, die Elfe folgte ihm. Die Kodos schnaubten und wandten sich ab, gingen langsam der Sonne entgegen, so dass man sie schon nach einigen Schweigeminuten nicht mehr durch den Glanz erkennen konnte. „Also...“, sagte Zamiel und räusperte sich, „Ich bin Zamiel. Du kennst den Weg von hier nach Astranaar?“ Ich habe ihr Leben gerettet, dachte er immer und immer wieder. Ich habe sie gerettet. Sie stemmte eine Hand in die Hüfte und musterte ihn. Dann lächelte sie.„Mein Name ist Tyrialia. Ich bringe dich nach Hause. Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“ „Ist es weit?“, fragte er. „Geht schon, wenn du ausdauernd bist, dürfte es kein Problem sein. Wir sollten gleich losgehen...diese Löwen sind mir nicht geheuer.“, antwortete sie mit einem besorgten Unterton und entblößte zum ersten Mal ihren eigentlichen Körper unter dem Umhang.

    Das Ding, dass sie die ganze Zeit umklammerte war ein verzierter Bogen, der sehr mächtig wirkte. Ihre Rüstung war kurz und er führte es auf die Hitze zurück, doch sie zeigte genug Haut, um ihn verlegen wegschauen zu lassen. Was bist du denn für einer?, schoss es ihm durch den Kopf. Das ist eine Rüstung! Tyrialia schien seinen Blick bemerkt zu haben, lächelte und zeigte der Sonne entgegen, bevor sie losging. Zamiel folgte ihr mit sicherem Abstand. Konnte er ihr vertrauen? Wer war sie? Und vor allem...warum war sie im Brachland, so nahe von seinem Gefängnis?

    Kapitel 9: Probleme

    „ZUDOOOOK!“, hallte ein langezogener Schrei von den Stollenwänden wider, welcher den Angesprochenen zusammenzucken ließ. Polternde Schritte und wütendes Schnauben wurden hörbar. Zudok sah sich verzweifelt nach einem Fluchtweg um, er hatte gerade noch mit Munra gegessen. Was hatte er damit schon wieder verbrochen? Judoka war unnatürlich gereizt in letzter Zeit, was nicht angenehm für ihn war, da er Zudok ohnehin schon immer verspottet hatte. Warum musste er in einer Sackgasse essen? Judoka würde ihn durch die Wand rammen. Schicksalsergeben schnaubte Zudok und stand auf, mit dem Gesicht in Richtung des Aus-bzw. Eingangs. „ZUDOK! ICH BRECHE DEINE HAUER, ACH WAS! ICH BRECHE DEINE KNOCHEN, JEDEN EINZELNEN!“, dröhnte es in nicht allzu weiter Entfernung. Hatte Munra ihm verraten, wo Zudok war? Diese dreckige Hexe. Er wich unwillkürlich zurück, bis sein Rücken gegen die Wand prallte. Auf dem Boden lagen Steine...nein. Die würden an Judokas Haut abprallen wie Kirschkerne. Das Gebrüll war nun genau zu verstehen, und was Judoka an Flüchen herauskramte, ließ darauf schließen, dass Zudok etwas Schweres verbrochen hatte. Judoka hatte doch nicht gemerkt, wie Zudok sich seine Matratze „ausgeliehen“ hatte? Nein, unmöglich. Ein Schatten wurde an der Wand sichtbar. „WO BIST DU?!“, rief etwas und steckte den Kopf in den Stollen, in dem Zudok an die Wand gepresst stand. Verdammt...das war nicht gut. Judokas Augen, die vor Wut etwas hervortraten, suchten die Mine ab. Zudok stand etwas im Schatten...Judoka war zwar dumm, aber leider ein erfahrener Krieger.
    Wie ein wütender Kodo raste er auf Zudok zu, den muskulöse Arme am Hemdkragen packten und hochhoben. Zudok kniff die Augen zusammen und pendelte mit den Füßen über den Boden, Judoka war groß genug, um JEDEN Orc hochheben zu können, sah man einmal von den Wachen und Gewicht ab. „WO IST DER BAUMKUSCHLER?“, spuckte Judoka ihm ins Gesicht. Er war tatsächlich zu dumm, um den eigens ausgewählten Platz wiederzufinden...? „I-im Stollen, ganz hinten...an die Wand gekettet.“, antwortete Zudok und wunderte sich zugleich, warum Judoka deshalb so schreien musste. „GRAAH!“, machte er und boxte Zudok ins Gesicht. Das tat weh...seltsamerweise erinnerte Judoka ihn gerade an einen Oger. Natürlich mit dem kleinen Unterschied, dass anstatt einem mächtigen Bauch bei ihm nur Muskeln vorhanden waren. „DER BAUMKUSCHLER IST NICHT IM STOLLEN! WO ist er?!“, brüllte er und schlug Zudok noch einmal ins Gesicht, diesmal mit mehr Wucht, was sich so anfühlte, als hätte er ihm eine Plattenschulter gegen die Wange gedonnert. Zudoks Nase begann zu bluten, was Judoka mit einem zufriedenen Schnauben quittierte. „Er muss an der Wand sein...es gab keinen Ausweg.“, brummte er und spuckte das Blut aus, das ihm in den Mund gelaufen war. Judokas Augen verengten sich zu Schlitzen und er griff fester zu, nun wurde Zudok auch noch leicht gewürgt. „Uah...ist er...entkommen?“, presste dieser hervor und erntete wieder einen Plattenschulterschlag. „WAS DENKST DU DENN?“, schrie Judoka wutentbrannt. Zudok nahm das als Ja auf und bereitete sich innerlich für weitere „Schönheitsbehandlungen“ vor. „DU solltest ihn bewachen!!“
    „Jaah...hab ich ja auch!“, sagte Zudok. Wieder ein Schlag, diesmal in die Magengrube. Mehr als einen Ächzlaut brachte er nicht heraus. Judoka würde ihn wirklich alle Knochen brechen...
    „Na na na...haben wir wieder einen Wutanfall?“, sagte eine weibliche Stimme hinter Judoka. Plötzlich war der Stollen mit einem eigenartigen Geruch erfüllt. Zudok sah an Judoka vorbei, in den Eingang.
    Eine hübsche junge Frau stand mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt da und betrachtete die Orcs. Ihre Augen verrieten, dass sie eine Verlassene war, aber ansonsten konnte man sie für eine Menschin halten. Die Verwesung war kaum vorangeschritten, lediglich an dem rechten Knöchel fehlte ein Stück Haut. Judoka wandte sich um, immer noch Zudok am Kragen gepackt, der durch die Bewegung weitergewürgt wurde. Die Untote hob warnend einen Zeigefinger, wo ein Schattenball zu tanzen begann. „Lass ihn runter.“
    Zudok knallte auf dem Boden. Wenn Judoka etwas fürchtete, dann war es Magie. Er konnte sie nicht begreifen und was er nicht begreifen konnte, ließ sich nicht verprügeln...was sich nicht verprügeln ließ war stärker. Und Judoka wusste, dass es nicht viel gab, was stärker war als er. Langsam bog die Untote ihre Finger auseinander, der Schattenball wechselte auf die Handfläche, wo er stetig größer wurde. „Was willst du?“, blaffte Judoka, wobei er einen Schritt zurück machte.
    „Es ist eher etwas, dass ich NICHT will. Prügle Zudok nicht zu Tode...er könnte den Elfen verfolgen, immerhin ist er ein schneller Läufer.“ Bei den letzten Worten schmunzelte sie. Judoka sah vom Schattenball zu Zudok und von Zudok zum Gesicht der Verlassenen. Man konnte spüren, wie es in seinem Hirn arbeitete. Schließlich grunzte er ergeben. „Gut. Zudok, du wirst mit Zarah den Elfen verfolgen.“ Er deutete auf die Untote. Zarah schien amüsiert, würde Zudok seine Befehle befolgen? Es stand ihr auf der blassen Stirn geschrieben. „Bei den Ahnen, Judoka, natürlich werde ich ihn finden und ihm für seine Dreistigkeit seine langen Ohren abschneiden!“, sagte dieser und wischte sich über die Oberlippe. Wieder lächelte die Untote, irgendetwas an dem Lächeln war seltsam. Es war kein Zeichen der Fröhlichkeit, denn ihr stand breit Hass auf dem hübschen Gesicht. Hass auf alles und jeden. Der Baumkuschler würde es nicht leicht haben, zu entkommen. Wenn Zudok mit ihm fertig war, hatte er ein Problem. Er sah noch einmal zu der Untoten. „Lass uns zusammenpacken...willst du was?“, sagte er und deutete auf den Fleischhaufen am Feuer, bevor ihm sein Fehler auffiel. Zarah schnaubte empört und sagte nur: „Wir treffen uns draußen.“ Zudok seufzte zerknirscht. Waren hatte er immer alle Probleme?



    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 18.09.2008, 14:28


    Kapitel 10: Unhörbare Worte

    Reriana stand, nachdem Zetaiel ihr aufgeholfen hatte, endlich wieder auf festem Boden und wischte sich den Uferschlamm vom Kleid. Es war ein schöner Tag in Astranaar, ganz anders als in der Nacht ihrer Ankunft. Die Sonne schien freundlich auf das Dorf, welche der See durch die bunten Blätter reflektierte. Durch dieses Lichtspiel, waren die Dächer und Gärten mit farbigen Tupfern übersät, was Reriana eigentlich erfreut hätte, hätte die Angst um Zamiel nicht wie eine Hand auf ihr Herz gedrückt. Immer wieder schlichen sich Bilder in ihren Kopf, Bilder in denen Zamiel brutal gefoltert oder abgestochen wurde. Reriana presste die Lippen aufeinander, um nicht zu schluchzen. Zetaiel schien es ihr anzusehen, denn er klopfte auf das weiche Gras und ließ sich selbst im Schneidersitz nieder. Sie tat es ihm gleich und zischte vor Schmerz, als ihr Arm ihre Seite streifte.

    „Reriana...“, setzte der Druide an, doch er unterbrach sich, als er sah, wie sie zusammengekauert, die Arme um die Knie geschlungen und leise schluchzend leicht nach vorne wippte. Schließlich versuchte er es noch einmal: „Reriana...ich hätte dir schon vor langer Zeit etwas erzählen sollen.“ Sein Blick, der meist eher mürrisch war, hatte etwas Unbekanntes angenommen. Aber Reriana kannte es gut. Genau so sah Zamiel sie immer an. Der Blick strahlte Wärme aus und sollte ihr Trost spenden, aber nun erinnerte er sie nur noch mehr an ihn. Sie hatte ihn in Stich gelassen. „S-so?“, flüsterte sie und ließ von dem Gewippe ab, um Zetaiel direkt anzusehen. Er seufzte. „Du konntest verstehen, was die Orcs sagten, nicht? Du hast die ganze erste Nacht gesagt, was sie geredet haben.“ Reriana nickte leicht, warum erzählte er ihr das? Eine kurze Pause entstand, bis Reriana begriff, was der Druide meinte. Sie war eine Nachtelfe. Wie hatte sie die Orcs verstanden? Sie konnte kein orcisch. „Wie...?“, fragte sie und streckte die Füße aus. Weinen half nichts. Sie musste sich bewegen und wenn sie stark genug war, konnte sie aufbrechen, um nach Zamiel zu suchen, „Wie habe ich ihre Sprache verstanden?“ „Es liegt an deinem Anhänger. Als ihr ihn dem Furbolg abgenommen habt, habt ihr ihn mir zur Untersuchung gegeben. Damals hatte ich noch nicht die...nennen wir es...Weisheit von heute, um zu erkennen, was sich genau in diesem Amulett verbirgt. Ich weiß soviel, dass Urluft darin verschlossen wurde. Anscheinend hat sich die schamanistische Fähigkeit auf dich übertragen und du konntest dadurch immer den Wind hören, etwas, das eigentlich Druiden vorbehalten ist.“ Zunächst verstand Reriana kein Wort. Die Kette sollte magisch sein? Unwillkürlich zog Reriana sie unter dem Kragen hervor und umschloss sie mit einer Hand. Wie immer war ein sanftes Pulsieren zu spüren. Doch jetzt, wo sie sich darauf konzentrierte, fing sie an stärker zu pochen, sie drohte fast zu zerspringen. Hastig ließ sie los und das Amulett fiel wieder reglos auf ihre Brust. Mit großen Augen starrte sie Zetaiel an. „Was hat das mit den Orcs zu tun?“, fragte sie ratlos.

    Zetaiel seufzte wieder und machte eine wedelnde Handbewegung, bevor er wieder anfing zu sprechen: „Ganz einfach...der Wind verfolgt dich. Er ist immer bei dir...was bedeutet, dass du ein sehr außergewöhnliches Mädchen bist. Nicht viele bekommen eine solche Ehre. Nun, der Wind war wohl zu schwach um ihn zu fühlen, aber du hast ihn unterbewusst wohl wahrgenommen und genutzt. Der Wind spricht alle Sprachen. Du wirst ihn gebeten haben, dir zu helfen. Natürlich wohl kaum absichtlich, nach deinem verblüfften Gesicht zu urteilen.“, er machte eine kurze Pause und legte die Fingerspitzen zusammen, so dass sie ein Dach bildeten, „Nun, da das geklärt ist, erzähl mir doch einmal, was wirklich passiert ist, große Retterin.“ Der Wind...war mit ihr? Was sollte das heißen? Sie schluckte kurz, als steckten ihr die Informationen im Hals fest und schilderte ihm alles, woran sie sich erinnern konnte: „Die Orcs rannten wie aus dem Nichts auf uns zu und hieben mit ihren Waffen auf uns ein. Wir konnten nichts mehr tun. Zamiel war sehr schnell bewusstlos, die Orcs fingen an zu streiten und einigten sich schließlich, ihn nach Durotar zu bringen. Nein...Brachland. Ich bin verwirrt.“ Sie fasste sich an den Kopf, der wieder angefangen hatte zu pochen. Zetaiel nickte verständnisvoll.
    „Du möchtest ihn suchen, nicht wahr?“, fragte er und fuhr sich durch die Haare. Wieder nickte Reriana. „Also gut. Sobald du wieder fit bist, brechen wir auf.“ Dieser plötzliche Einwurf brachte Reriana völlig aus der Fassung. Sie konnte Zamiel suchen! Die Spur eines Lächelns stahl sich auf ihr verweintes Gesicht und sie machte vor Freude einen Luftsprung – ihre Rippe strafte sie dafür. „Geh schon, du musst deine Sachen zusammenpacken und Erfolgsreden halten.“, sagte er und winkte sie weg. Reriana rannte sofort zum Gasthaus und hüpfte unter dem Laufen immer wieder leicht, obwohl es ihr Qualen bereiten musste. Der Druide verschränkte die Arme und legte sich darauf ins Gras. „Enttäusch mich nicht, Zudok.“, murmelte er, sicher, dass niemand ihn hörte. Und das tat tatsächlich niemand, denn der Wind war wieder still, kaum dass das Mädchen gegangen war. Es waren rätselhafte Worte...unhörbare Worte.

    Kapitel 11: Was hast du gesagt?

    Die Sonne brannte als hellgelbe Scheibe auf die Steppe des Brachlandes und schien erbarmungslos auf zwei kleine schwarze Punkte. Einer von ihnen war langsamer und deshalb weiter hinten, ab und an blieb der vordere Punkt stehen, damit der zweite nicht zu weit zurückblieb. Auf der Steppe grasten Giraffen und nicht weit entfernt von den zwei Punkten rasteten Löwen unter einem schattigen Dornengestrüpp. Als die Punkte es passierten, bewegten sie sich nicht. Einer von ihnen gähnte und entblößte rasiermesserscharfe Zähne. Wieder einmal blieb der zweite Punkt zurück und der erste musste stehen bleiben.

    „Musst du so schnell laufen?“, rief Zamiel und presste eine Hand in die Seite. „Ich bin in Astranaar aufgewachsen und höchstens durch den Wald gewandert! Du kannst von mir nicht verlangen bei der Hitze zu laufen!“ Sie waren erst anderthalb Stunden unterwegs und ihm rann bereits der Schweiß in Strömen von Gesicht und Achseln. Eigentlich konnte er es ihr nicht verübeln, dass sie weiter wegblieb. Er verströmte bestimmt keinen allzu angenehmen Duft. Trotzdem hatte er immer wieder Angst, nicht mehr nachzukommen. Sie blieb stehen, drehte sich um und winkte ihm auffordernd zu. Dachte sie wirklich, dass er noch schneller laufen konnte? „Los, Zamiel! Du kannst doch unmöglich schon müde sein!“, rief sie zurück. Und wie er konnte. Am liebsten hätte er sich einfach hingeworfen und wäre verbruzzelt. Stöhnend beschleunigte er seine Schritte, so dass er nun neben ihr herging. „Wie kommst du eigentlich ins Brachland, wenn du doch ein waschechter Astranaarelf bist?“, fragte sie spitz. Zamiel überlegte kurz, sollte er ihr seine Geschichte erzählen? Warum nicht? Sie schien vertrauenswürdig zu sein. „Ich habe mit einer Freundin von mir – Reriana – geübt. Wir wollen beide auf die Schurkenakademie kommen...“ Tyrialia kicherte. „Du bist doch ein Druide! Warum sollte ein Druide da hinwollen?“, fragte sie. Zamiel seufzte. „Weil Reriana und ich sonst getrennt würden. Außerdem lerne ich da auch nur kämpfen. Nebenbei muss ich ja zum Druiden ausgebildet werden.“, erwiderte er knapp. Sie setzte ein wissendes Grinsen auf. „Du tust dir also doppelte Mühen an, weil du nicht von deiner Geliebten getrennt werden willst? Sehr lobenswert.“ Sie ging weiter, aber Zamiel war stehen geblieben und starrte sie an. „Was?“, fragte er entgeistert, „Meine was?“

    Tyrialia lächelte noch breiter und machte wieder eine auffordernde Handbewegung. „Komm!“ Aber Zamiel rührte sich nicht. „Hey, das war doch nur ein Witz!“, sagte sie und ging zurück zu ihm. Sie packte ihn an der Schulter und zog ihn mit sich. „Sie ist meine Freundin! Sie hat bestimmt jemanden in Astranaar!“, sagte er, aber es klang nicht sonderlich glaubhaft. „Ja, bestimmt. Und du willst natürlich nicht so unbedingt nach Astranaar, um sie wiederzusehen, oder?“ Er schluckte. Damit hatte sie ins Schwarze getroffen. Er war auf der Wanderung schon öfter über diverse Hindernisse gestolpert, weil Rerianas Gesicht ihm vor seinem geistigen Auge zulächelte. „Ich will...ich meine nur...Astranaar muss doch wissen, wo die Orcs sich sammeln! Außerdem will ich doch nach Hause!“, stammelte er. Wie konnte ihn der einfache Satz von ihr nur so aus der Fassung bringen? Langsam bewegte er sich wieder vorwärts und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. In seinem Inneren aber flüsterte eine leise Stimme in seinem Kopf. Lügner! Du magst sie mehr! Lügner!

    Zamiel schluckte noch einmal und schüttelte den Kopf, um die Stimme zu verscheuchen. Er drehte sich um. Tyrialia lächelte immernoch, dadurch sank Zamiels Laune auf den Nullpunkt. Genervt stapfte er durch das Gras nach vorne, aber sie holte ihn ein. „Wie sieht sie denn aus?“, fragte sie unschuldig. Sein Geduldsfaden war bedrohlich strapaziert. „Sie hat dunkelblaue Haare und rote Mondsicheln über die Augen, die aussehen, als würde sie Blut weinen. Sie macht sich nur zum Kämpfen Zöpfe, aber sonst fallen ihre Haare bei jeder Bewegung um sie, als wollten sie ihre Schönheit vor Blicken schützen. Meistens trägt sie bequeme Kleidung, aber fast nie Kleider. Eigentlich ist das schade, es sieht nämlich bezaubernd aus, wenn sie am Mondfest mit einem blauen Kleid tanzt und der Rock um sie wirbelt und ihre Haare dazu...ehm...“ Zamiel klappte den Mund zu und beschloss jetzt nichts mehr zu sagen. „Nur eine Freundin, sicher.“, meinte Tyrialia und klopfte gegen seine Schulter. Zamiel stampfte auf, schubste ihren Arm weg und ging schneller, obwohl er erschöpft war. Sie musste nicht sehen, dass sein Kopf so rot war wie eine Feuerblüte. „Pah.“, machte Tyrialia und ging ihm hinterher.
    Hinter ihnen waren weitere zwei Punkte, ein Orc und eine Untote, die sie mit sicherem Abstand verfolgten. „Sind sie nicht putzig?“, fragte Zarah und strich sich eine strähnige Locke aus dem Gesicht. „Ja, ganz toll.“, gab Zudok wenig begeistert zurück. Zarah sah ihn an und blies die Wangen auf. Dann grunzte sie. „Ist unser Orc hier schlecht gelaunt, hm?“ 'Unser Orc' brummte und beobachtete den Elfen. Er war es. Ganz sicher. Nur wie sollte er an ihn herankommen, mit einem verwesenden Nervenbündel?
    Zamiel stöhnte, als Tyrialia ihn wieder einholte. „Was?“, fauchte er. Sie lächelte. „Tut mir Leid. Ich habe wohl falsche Schlüsse gezogen.“ Zamiel nickte, aber innerlich schüttelte er den Kopf. Eben nicht, das war es ja gerade. Und er wusste jetzt selbst nichts mehr. Er wusste nur, dass er bald im Eschental sein würde und dort Reriana treffen würde. Das gab ihm einen gewissen Ansporn. Aber sie war nur seine Freundin. Die kleine Stimme strafte ihn Lügen.



    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 18.09.2008, 14:30


    Kapitel 12: Wahrheit

    Östlich von Astranaar, gar nicht weit von der Lichtung entfernt, saß Zetaiel im Schneidersitz und hatte die Augen geschlossen. Die Blätter raschelten im Wind und der Irissee plätscherte in einiger Entfernung. Wenn man genau hinhörte, bemerkte man Vogelgezwitscher und raschelnde Schritte der Waldbewohner. Und Zetaiel hörte sehr genau hin. Das Gras schrie unter seiner Last, die Blätter schimpften mit dem Wind, wenn er sie hinfortblies und hinter ihm war gerade jemand auf einen Käfer getreten. Reriana hatte sich angeschlichen. Ihre rechte Hand umklammerte einen länglichen Dolch und ihr Gesicht war halb durch ihre Haare verdeckt. Zwischen den Strähnen leuchteten ihre Augen hervor. Langsam machte sie noch einen Schritt nach vorne und riss die Hand zurück. Der Dolchgriff war nun auf Kopfhöhe, bereit zum Wurf. Sie atmete tief durch und schloss für eine Sekunde die Augen. Er hatte sie wohl noch nicht bemerkt.
    Reriana machte noch einen winzigen Schritt nach vorne und trat auf eine große Spinne. Mist. Zetaiel drehte sich um und sie schleuderte hektisch den Dolch auf ihn ab. Er hob eine Hand, eine Wurzel brach aus dem Boden, in der die Waffe stecken blieb. Zetaiel zog sie hinaus, strich kurz über die Wurzel und flüsterte etwas. Sie bohrte sich augenblicklich in den Boden zurück, aber man konnte sie durch eine Wölbung im Gras auf Reriana zurasen sehen. Sie sprang nach vorne, um darauf zu landen, wurde aber im Flug an den Füßen gepackt und zu Boden geworfen. Ihr Gesicht schlug unsanft auf und sie schmeckte Erde. „Greif niemals einen Druiden im Wald an, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt.“, meinte Zetaiel lächelnd.
    Reriana brummte. Das hätte er ihr vorher sagen sollen. Sie zog die Arme an, so dass sie in Liegestützposition war und spuckte ins Gras. „Warum hast du mir dann angeboten mich zu testen?“, sagte sie ärgerlich. Er war nach dem Packen zu ihr gekommen und hatte sie gefragt, ob sie sich nicht vergewissern wolle, bereit zu sein. Das war nur ein Trick. Reriana rüttelte an der Wurzel zu ihren Füßen, aber es kam eine weitere um ihre Arme geschlungen. Was sollte das? Zetaiel lächelte. Nun kam er auf Reriana zu und griff in seine Robe. Eine seltsame Kugel kam hervor und sie riss entsetzt die Augen auf. Es war eine Täuschungskugel. „Was soll das?“, rief sie und riss an den Wurzeln, aber Zetaiel hatte bereits die Kugel auf sie geworfen und etwas gemurmelt. „Nein!“, schrie sie abgehackt, bevor sie sich verwandelte. Sie spürte einen stechenden Schmerz im Zahnfleisch, aus dem sich Hauer nach oben bohrten. Ihre Haut verfärbte sich grün und sie schrie vor Entsetzen, als ihre Gliedmaßen Muskeln ansetzten und anschwollen. Zetaiel verwandelte sich ebenfalls, jedoch etwas leiser, als hätte er es schon etliche Male getan. Von oben lächelte ein dicker Orc mit fleckiger Haut auf sie hinab. Immer noch war etwas Sanftes an ihm, als hätte er sich nur nach außen hin verändert. Er grunzte unelfisch und packte die Wurzeln, die sich sofort zurückzogen. „Tut mir Leid. Aber du hättest dich gewehrt.“, sagte er mit grollender Stimme. Keuchend stand Reriana auf und starrte auf ihre Hände. Sie war eine Orcin. „Wieso braucht es das?“, fragte sie geschockt, ihre Stimme klang genauso dumpf.
    Sie war eine Orcin...langsam drehte sich alles um ihr und sie wäre fast umgekippt. Eine Orcin. Sie fasste sich an den Kopf und spürte nur Haut. Erst als sie sich weiter an den Hinterkopf tastete, erahnte sie einen kurzen abstehenden Zopf. In ihrem Gesicht spürte sie lange dicke Hauer und wulstige Falten. Eine hässliche Orcin.
    Zetaiel räusperte sich: „Es ist besser, wenn wir aussehen wie die anderen. Ich habe dich angelogen. Verzeih mir bitte diesbezüglich. Wir werden nicht Zamiel suchen, sondern die Orcs. Keine Angst um ihn, jemand bewacht ihn. Wir müssen herausfinden, woher sie den Befehl für die Entführung hatten. Zudok konnte es auch nicht sagen.“ Zudok? Er steckte mit den Orcs unter einer Decke? „Das heißt...du hast Zamiel entführen lassen, damit sie dich in ihr Versteck führen und du ihre...ihre...Unterlagen sehen kannst? Du wusstest, dass sie etwas planen und nun willst du bei ihnen eindringen, um dich zu vergewissern?“, sagte Reriana vorwurfsvoll. Sie kochte vor Wut. Wegen ihm hatte sie sich die Schuld gegeben. Wegen ihm wurde Zamiel entführt. „Ja...aber...es war nötig.“, versuchte er sich zu erklären, aber Reriana hörte gar nicht zu. „Du bist das Allerletzte! Du hast deinen eigenen Sohn geopfert! Was ist, wenn sie ihn nicht mehr brauchen? WAS IST, WENN ZAMIEL SCHON TOT IST?“, brüllte sie ihn an. Ärgerlich wischte sie sich über die Wangen, an denen Tränen herabrannen. Er hatte nicht nur gelogen, sondern auch noch seinen Sohn verraten. „Reriana, versteh doch! Die Orcs...sie haben etwas...“, sagte er, doch er wurde sofort unterbrochen. „MIR IST EGAL, WAS SIE PLANEN! DU HAST DEINEN SOHN IN DEN TOD GESCHICKT!“, schrie sie heiser. Ihre Hand tastete an ihre Hüfte zu dem Schwert. Zetaiel schien es zu bemerken. „Gut...dann lass ihn wenigstens nicht umsonst gestorben sein! Ohne mich hast du keine Chance die Orcs zu finden.“
    Lass ihn nicht umsonst gestorben sein. Rerianas Hand zuckte zurück. Sie fixierte ihn hasserfüllt und nickte schließlich. „Gut. Aber glaube nicht, dass ich dir das jemals verzeihen werde. Irgendwann wird dich die Strafe dafür treffen.“ Sie drehte sich um und ging nach Osten, der Druide war dicht hinter ihr. Immer noch rannen Tränen über ihr Gesicht und sie starrte in die Baumgipfel hoch. Er glaubte auch, dass er tot war. Wie konnte er soetwas nur tun? Er hatte ihn verraten und würde dafür büßen. Sie umklammerte ihren Schwertgriff und stellte sich fallende Orcs vor. Sie würde sie alle töten. Lass ihn nicht umsonst gestorben sein. „Oh nein...das werde ich nicht.“, flüsterte sie so leise, das nur sie selbst es verstehen konnte.

    Kapitel 13: Schatten

    Der Stützpunkt Mor'shan ist ein Wachposten der Horde, der am nördlichsten Punkt des Brachlandes liegt und dieses mit dem Eschental verbindet. Der Torzaun wird von zwei Türmen in orcischer Bauweise flankiert. Mehrere Wächter haben ihr Auge auf den Stützpunkt und halten sich entweder versteckt in den Türmen oder gut sichtbar vor dem Tor auf. Der Anblick des mächtigen Tauren, der es breitbeinig versperrt und eine Axt in der Hand hält, flößt den Durchreisenden einen gewissen Respekt ein. Die Botschaft ist klar: Keiner kommt ohne seinen Segen hier hindurch.

    Reriana ging neben Zamiel direkt auf dem Weg und konnte bereits die Statur des Tauren ausmachen, die sie unwillkürlich an den großen Orc erinnerte. Sein goldener Nasenring funkelte im Licht des anbrechenden Tages, während seine ruhigen Augen sie unaufhörlich musterten. Bemüht, nicht aufrecht zu gehen, sondern sich immer etwas gebückt zu halten, näherte sie sich unaufhaltsam dem Wächter. Sie war ein Orc und sie musste sich bewegen wie einer. Das war schwerer, als sie angenommen hatte, wo sie doch jahrelang Haltung gelehrt bekam. Der Taure sah nicht wie jemand aus, der Humor hatte. Reriana spürte schon, wie ihr langsam der Schweiß den Nacken hinabrann. Zetaiel, der locker und gelassen neben ihr herging, beruhigte sie keineswegs. Er pfiff vor sich hin und tappte mit seinen riesigen Füßen auf dem Stein, als wäre er schon immer ein Orc gewesen. Der Taure richtete sich auf und kugelte mit den Schultern, ein Schauder lief Reriana über den Rücken. Zetaiel murmelte etwas: „Du bist ab jetzt Kornga und ich Buldok.“

    Sie nickte sachte und versuchte sich irgendwie abzulenken. Ihr Blick schweifte zur Seite, wo die Bäume immer spärlicher wurden, ein Zeichen, das die Steppe nicht mehr weit war. Der Tauren hob seine riesige Hand, um sie zu stoppen. „Was führt euch durch unseren Stützpunkt?“ Reriana schluckte und schaute zu Zetaiel, der gelassen wie immer sprach: „Ich bin Buldok und das ist meine Nichte Kornga. Wir sind auf dem Weg nach Orgrimmar und kommen vom Splitterholzposten.“ Ihr stockte der Atem, während der Tauren seinen Kopf schief legte und nachdachte. „Gut. Ich hoffe für euch, dass es stimmt.“

    Fast hätte sie erleichtert geseufzt, beherrschte sich aber im letzten Augenblick. „Wir haben es geschafft!“, wisperte sie, als sie den Tauren hinter sich gelassen hatten. „Ich würde mich nicht zu früh freuen, Kornga“, antwortete er und deutete unauffällig nach oben. Ein entsetztes Quietschen schlüpfte ihr aus dem Mund. Die Wachen hatten sich rings um sie platziert und zielten von oben mit den Bögen auf sie. „Wie können sie die Täuschung durchschauen?“, fragte Reriana entgeistert und starrte von einem Schützen zum anderen. „Können sie nicht“, erwiderte er seufzend, „Du hast es gerade verraten.“

    Das Surren eines Pfeiles durchschlug die Stille der Steppe. Der Pfeil flog in leicht zitternder Bahn, als hätte der Schütze hastig abgeschossen und traf den nächsten Kaktus, wo er sich tief in dessen grüne Haut bohrte. Das darin gespeicherte Wasser rann an den Kurven hinab, wie Blut. In gewisser Weise erinnerte der Kaktus sogar an einen Orc. Zwei Auswüchse befanden sich an seiner Seite, die an Arme erinnerten und auf der Oberseite prangte ein noch größerer. Das Gras wiegte sich leicht im Wind, ließ sich tragen, wie das Wasser der Oase, wo Tyrialia auf einem Stein in der Mitte stand. Sie hatte die Arme waagrecht ausgestreckt und balancierte mit der Fußspitze auf dem kleinen Fels. „Das war nichts“, meinte sie trocken, als Zamiel den Schuss abfeuerte, „Er hat nur seinen Bauch getroffen. Die Orcs, die ich kenne, kämpfen trotzdem weiter.“ Zamiel seufzte. „Bitte! Das war das erste Mal, dass ich mit einem Langbogen geschossen habe!“ Er schüttelte den Kopf und legte wieder einen Pfeil an. Diesmal schoss er links neben dem Kopf vorbei, irgendwo in die Bäume weiter weg. Die beiden Elfen ahnten nicht, wie nahe sie dem Stützpunkt waren. Tyrialia hüpfte vom Stein und landete grazil auf dem Boden, ohne auch nur etwas nass zu werden. Würde ich da hinspringen, wäre ich nasser als die Oase, dachte er und machte sich bereits daran wieder einen Pfeil anzulegen. „Ho, ho...halt!“, sagte die Elfe und ging zu ihm. Sie packte seinen Ellenbogen und hob ihn ein Stück an, dann schob sie ihren Fuß an seinen und drückte seine Beine ein Stück auseinander. „Du musst dich konzentrieren. Nur du kannst dich davon abbringen, zu treffen.“ „Aber...wenn mich jemand rempelt?“ Zamiel runzelte die Stirn. „Ich versuche hier gerade deine Fertigkeiten zu steigern, also Konzentration!“, murrte sie genervt.

    „Ziemlich hart, nicht?“, drang eine weibliche Stimme von den Bäumen zu ihnen. Sie klang matt, als hätte der Sprecher vor Kurzem geweint. „Wenn man einem Elfen etwas beibringen will, braucht man mehr als ein paar hübsche Worte.“ Eine junge Frau mit weiß leuchtenden Augen trat in das Licht und schirmte die Augen mit der flachen Hand ab. Zamiel stellte verdutzt fest, dass sie makellos Darnassisch sprach. Nur die Augen verrieten, dass sie eine Untote war. „Was wollt ihr?“, blaffte er, den Bogen in Tyrialias Hand drückend. Diese zog einen Pfeil aus dem Köcher, den sie Zamiel angelegt hatte und zielte seltsamerweise hinter die Untote in die Büsche. Zamiel schaute hinter sie, konnte aber nichts erkennen. Stattdessen funkelte er die Verlassene nur feindselig an, eine Waffe hatte er ja nicht. „Ach Mann! Jetzt hast du mir tatsächlich meinen tollen Auftritt mit dieser doofen Frage versaut...“, sagte sie und wedelte verscheuchend mit einer Hand zu ihm. Irritiert schaute er kurz zu Tyrialia, die konzentriert in die Bäume starrte. „Also...ich bin Zarah. Und du bist Zamiel, nicht wahr? Ziemlich hübsch siehst du aus, aber deine kleine Freundin wird sich über deine Begleitung sicher nicht freuen. Viieeel zu weiblich.“ Zamiel war vollends verwirrt. „Ihr habt Reriana? Wo ist sie?“ Zarah kicherte hinter einer Hand. „Du bist also Zamiel, danke für die Identifizierung. Hattest du eigentlich eine Ahnung, dass dein Schatz nur etwa hundert Meter weit weg von Orcs gefangen genommen wurde? Ja, sie wollten doch tatsächlich mit einer Täuschungskugel in den Stützpunkt kommen, leider war ich da und...BAM! Aus der Traum!“ Er musste schlucken. Diese Verlassene war nicht gewöhnlich. Ganz und gar nicht.

    „Komm raus oder stirb.“ Tyrialias barscher Befehl riss ihn aus den Überlegungen. Sie war kurz davor zu schießen. „Du verfehlst mich“, grollte es hinter den Bäumen, ein Knistern verriet jedoch, dass der Unbekannte sich Raum für Ausweichmanöver verschaffte. „Lass es nicht darauf ankommen.“ Zamiel kniff die Augen zusammen und starrte zwischen die Bäume, da stand tatsächlich etwas!
    „Hallo?!“ Zarah wedelte zu sich her. „Hallo? Putz mal deine großen Löffel!“ Erst jetzt registrierte Zamiel die wahre Bedeutung ihrer Worte. Sie hatten Reriana. „Wo ist sie?“ Seine Stimme zitterte leicht, genau wie seine Hände. Tyrialia schnaubte. „Ich sage es nicht noch einmal.“
    Ein Orc schälte sich aus der Dunkelheit der Bäume und musterte sie abschätzend, ein Schwert in der Hand. „Das ist nicht Zamiel“, brummte er, sah ihn dabei aber nicht an. Zarah drehte sich schlagartig um. „Was soll das bitte heißen?“, fragte sie entgeistert, „Er hat doch gerade über Reriana geredet!“
    Der Orc schaute Zamiel kurz in die Augen, dann wandte er sich wieder Zarah zu. „Er ist es nicht!“ Langsam dämmerte ihm etwas, aber es schien viel zu absurd. War der Orc ein Verbündeter?

    „Komm“, zischte Zamiel und packte Tyrialias Schulter. Er ging langsam mit ihr nach hinten, während die beiden diskutierten. Als sie schon ein Stück weg waren, drehte sich Zarah plötzlich um. Ihre Augen weiteten sich und sie hob die Hände, während sie etwas murmelte. Ihre Handflächen schimmerten schwarz. Zamiel spürte ein unangenehmes Kribbeln in seiner Brust, er bekam kaum noch Luft. Tyrialia schrie etwas, doch es schien wie ein Ruf aus weiter Ferne. Zeitlupenartig sackte er auf die Knie, als plötzlich ein unbändiger Schmerz in seiner Brust aufflammte. Er durchströmte seinen ganzen Körper und sammelte sich in seinem Kopf, der zu zerspringen drohte. Mit einem dumpfen Laut schlug er auf dem Boden auf und Schwärze umfing ihn. Er wusste, dass er tot war.



    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 01.10.2008, 16:01


    Kapitel 14 (1): Gefühle - bei einer Leiche?

    Eine dunkelblaue Welle. Sie schwappt an einen Sandstrand, der sich bis zum Horizont erstreckt. Sie tränkt die Füße eines weißen Gespenstes, das Wasser ist kühl, so erfrischend nach der langen Stille. Er beobachtet, wie sich die Welle wieder zurückzieht, dann erkennt er, dass seine Füße nicht nass geworden sind. Die Haut ist weiß, seine Hände haben dieselbe Farbe. Als er sich vorsichtig an das Gesicht tastet, die Adlernase und die etwas buschigen Augenbrauen erfühlt, spürt er eine unheimliche Kälte. Es fühlt sich an wie Eis. Er tritt vom Strand zurück, doch es ist nur eine weiße Leere um ihn herum.
    'Wo bin ich?', fragt er, doch kein Laut verlässt seine Lippen.
    Mit dem Zeigefinger fährt er sie entlang, sie sind noch kälter als sein Gesicht, bröckelndes Eis. Nun beginnt er nachzudenken, doch er merkt schnell, dass in seinem Kopf dieselbe Leere herrscht. Keine einzige Erinnerung lässt sich finden, nicht einmal an seinen Namen.

    Verzweifelt wirft er den Kopf zurück, er brüllt lautlos, gräbt seine Hände in den Kopf, doch es hilft alles nichts. Sein Kopf ist leer, all sein Wissen ausgelöscht.
    Plötzlich streichelt eine Windböe sein Gesicht, sie dreht seinen Kopf behutsam herum, so dass er das Wasser anblicken muss. Es kräuselt sich und zeigt ein weibliches Gesicht. Eine Elfe, die ihn entsetzt ansieht und anfängt, bitter zu weinen. Das Geräusch dringt ihm bis ins Herz, gräbt sich tief hinein. Er sackt auf die Knie, die Hände auf die Ohren gepresst, um das Weinen nicht mehr hören zu müssen, aber er hört es trotzdem. Es ist, als würde es von ihm selbst kommen. Der Wind wird stärker, doch er fröstelt nicht. Bis auf den Schmerz in seinem Inneren ist er taub und stumm.
    'Warum tut ihr das?', ruft er mit schmerzverzerrtem Gesicht hinauf in das Weiß, doch er bekommt keine Antwort.

    Unvermittelt wird es wärmer, er bekommt Angst zu schmelzen. Er hat das Gefühl, seine Wangen sind zwischen warmen Händen, er fühlt den Druck darauf, hört ein Schluchzen, doch es tut nicht mehr weh.
    Dann fühlt er Druck auf seinen Mund und auf seiner Stirn, er greift nach vorne und ertastet lange Haare. Er legt die Hand auf den Hinterkopf und presst das Gesicht auf seine Brust, vor lauter Angst es zu verlieren wie seine Erinnerungen.
    „Ich lasse dich nicht gehen...“, flüstert das Unsichtbare, dass ihn gerade geküsst hatte. Er kann die Stimme nicht einordnen, umschließt aber nun auch den Oberkörper der Unsichtbaren und drückt sie an sich. Es ist der einzige Strohhalm, an den er sich klammern kann. Langsam schließt er die Augen, er hört nun nichts mehr, das Weinen ist verstummt. Er fühlt, wie die Wärme in sein Gesicht zurückkehrt und ihn ganz ausfüllt, er atmet wieder.

    Jetzt öffnet er die Augen halb, erkennt geschlossene Augen und rote Mondsicheln, sieht ihr dunkelblaues Haar, dass halb seine Stirn verdeckt. Jemand hat ihn gerade seitlich geküsst, ihr Körper erbebt, vom Schluchzen geschüttelt. Tränen fallen auf sein Gesicht, als sie ihren Kopf zurückzieht, plötzlich erinnert er sich wieder an alles. Sein Kopf wird durchflutet von Erinnerungen an duftende Wälder, an eine Elfe, der er hunderte Blumen geschenkt hat.

    „Reriana?“
    Vor Verwunderung, dass er plötzlich sprechen konnte, musste Zamiel husten. Sein Kopf pochte, genau wie sein Rücken. Er fühlte sich, als wäre er viele Meilen gelaufen. Immer noch spürte er den unbeschreiblichen Schmerz gedämpft über seinen Brustkorb wandern. Die Angesprochene musterte ihn mit leuchtenden Augen, die groß und rund vor Verwunderung waren.
    „Du...du bist wach?“
    Er bemerkte, dass ihre Hände die seinen umschlossen, sie waren so kühl wie das Wasser, dass er wenige Minuten zuvor gespürt hatte. Reriana beugte sich wieder etwas hinunter, dann begann sie leise zu flüstern: „Wir sind auf einen Zeppelin nach Unterstadt. Zamiel und Tyrialia sind in der Zelle gegenüber, ich sitze mit den Rücken zu ihnen.“
    Sein Kopf ruckte schwach auf und ab, der Versuch eines Nickens. Seine Augen suchten zwischen der dunklen Haarflut ein Loch, durch dass er in den Raum sehen konnte. Ein leichtes Schaukeln ging stetig durch den Boden, was ihm jedes mal einen elektrisierenden Schmerz bis ins Kreuz hinunter jagte. Seinen ersten Ausflug in die Lüfte hatte er sich anders vorgestellt.

    Endlich sammelte sie ihre Haare und warf sie auf den Rücken, so dass er sich dem Raum widmen konnte – der jedoch auch nicht viel interessanter war. Über ihm war eine Holzdecke, die zahlreiche kleinere Löcher aufwies, durch die es heftig staubte. Zamiel fühlte sich in die Höhle zurückversetzt, nur hatte er damals seinen Kopf abwenden können...jetzt brannte jede unnötige Bewegung in seinem Rückrat. Er traute sich nicht, seinen Kopf zu bewegen, um den restlichen Raum anzusehen. Langsam beschlich ihm das Gefühl, dass etwas nicht stimmte...der Aufprall alleine hätte nicht solche Schmerzen verursachen können. Und so zimperlich war er auch wieder nicht.
    „Was ist passiert?“, fragte er und schaute blinzelnd zu Reriana auf, der Staub verhinderte, dass seine Augen länger als wenige Sekunden offen blieben. Sie schluckte, dann machte sie ein Gesicht, als würde sie gleich etwas Schreckliches verkünden.

    „Zamiel...das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam...aber...weißt du...du hast-“ „ELFS! Wolld ia hia noch'n bisschen küss'n? Soll'n wa späta wiedakom'?“, drang eine unangenehme Stimme zu Zamiels rechter Seite, gefolgt von einem dreckigen Lachen. Sie sprach Darnassisch, als hätte sie nur hastig ein paar Sätze auswendig gelernt. Reriana drehte sich zu den beiden soweit sie konnte ohne es Zamiel ungemütlich zu machen und ihnen einen verächtlichen Blick. Mit betont deutlich ausgesprochenen Worten kam die Erwiderung: „Wir haben nicht vor, hier die nächsten hundert Jahre zu bleiben. Wenn ihr also so freundlich wärt, zu erklären, was ihr von uns wollt, könnten wir uns weiterhin auf die Anreise in die Stadt vorbereiten.“ Er spürte förmlich die Kälte, die von diesem Satz ausging. So hatte er sie noch nie erlebt.
    „Mia macht sein Arbeit. Sie will mit euch red'n.“
    Zamiel stieg wieder der eigenartige Geruch in die Nase, es war, als hätte jemand plötzlich dicken Honig in die Luft gemischt. Er fühlte sich seltsam träge, gleichzeitig wollte er aufstehen und die sehen, die den Geruch verströmte. Es konnte nur etwas unglaublich Schönes sein.
    „Schön euch wiederzusehen“, sagte sie, ihre Stimme klang noch süßer, aber es lag eine unergründliche Trauer darin. Als ob irgendetwas darin gebrochen wäre, durch irgendjemanden. Zamiel wollte den Jemand unwillkürlich den Hals umdrehen.
    „Finde ich nicht“, meinte Reriana. Sie legte seinen Körper vorsichtig auf den Boden und ging zu den Gitterstäben, die von der Decke bis zum Boden gingen. Es war keine Tür an der Wand – seltsam.
    Sein Kopf lag auf der Seite, so konnte er sie beobachten. Die Frau mit der süßen Stimme hatte wallendes Haar, das sich wie Schlangen um ihren Hals kringelte. Ihre Augen leuchteten weiß, jetzt wusste Zamiel, wer sie war. Er knurrte sie an wie ein wütender Hund.
    „Wuff“, quittierte sie seine Feindseligkeit, wobei sie die Hände um die Gitterstäbe klammerte. „Ihr habt mich nicht vergessen...das ist gut.“ Sie beugte ihr Gesicht etwas nach vorne, so dass ihre Nase fast an Rerianas stieß. „Aber ob es den anderen Elfen genauso gut geht?“
    Durch die verführerische Stimme hatte Zamiel sofort das Bild seines sterbenden Vaters vor dem geistigen Auge. Sie hätte von einem baletttanzenden Oger erzählen können, und er hätte ihn gesehen.
    „Es interessiert mich nicht, wie es den beiden geht“, meinte Reriana frostig. Sie verströmte eine unheilvolle Aura, die durchaus mit der der Untoten mithalten konnte.
    „Was soll das heißen, es ist dir egal? Mein Vater ist da drin!“, schaltete er sich ein, „Und Tyrialia auch!“
    Ein Blick von Reriana brachte ihn zum Schweigen.
    „So...der eine ist also dein Papi? Der wird sich freuen, wenn ich ihm erzähle, was ihr da drinnen so gemacht habt in eurer kuschligen Zelle.“ Zamiel schaute verwirrt von Reriana zu Zarah. Was hatten sie denn gemacht?
    „Ah, du erzählst ihm also, dass ich ihn die ganze Zeit auf meinem Schoß hatte und Fieber gemessen habe? Wahrscheinlich weißt du es nicht, aber mit der Lippe spürt man mehr.“ Sie funkelte die Untote wütend an.

    Klatsch. Eine rote Hand zeichnete sich auf Rerianas Wange ab, Zarah starrte sie hasserfüllt an.
    „Mach keine Witze über den Untod. Von mir aus beleidige mich als Person, aber wage es nicht, das Leid, das du dir noch nicht einmal vorstellen wagst ins Lächerliche zu ziehen.“ Sie drehte sich einfach um und war im Gang verschwunden. Der Troll, der alles schweigend beobachtet hatte, folgte ihr.
    Zamiel stützte sich auf seine Ellenbogen und spürte den seltsamen Schmerz seine Knochen entlang rasen.
    „Also...was wolltest du sagen?“



    Re: Geschichte einer Elfe

    Ena - 06.11.2008, 11:14


    Also, ich weiß ja nicht, ob es jemand liest außer Baphemot, aber ich stelle mal noch was rein.

    Kapitel 14 (2): Gefühle - bei einer Leiche?

    Tock.
    Eine Hand in lila klopfte in rhythmischen Abständen auf den kleinen Tisch in der hinteren rechten Ecke der Zelle. Zusammen mit einem wackeligen Stuhl und einer verstaubten Strohmatte waren es die einzigen 'Annehmlichkeiten' im Gefängnis aus Holz. Wie konnten sie nur so dumm sein, einen Druiden in Holz zu sperren, zusammen mit einer Waldläuferin, sie sicher mit einem einzigen Tritt die morschen Gitterstäbe zertreten hätte? Sie waren nicht aus Eisen, wie die bei seinem Sohn und Reriana, sie dachten wohl wirklich, dass die beiden jungen gefährlicher waren, als ein alter Druide und eine Elfe, welche die ganze Zeit lang nicht ein Wort gesagt hatte. Wie naiv sie doch waren, von der Untoten hätte er sich deutlich mehr erwartet.



    Tock.
    Der Druide zupfte seine Haare aus den Augen und musterte Tyrialia, die sich mit dem Rücken gegen die Zelle lehnte,die Hände verschränkt. Sie beobachtete den dritten Bewohner in ihrer Zelle feindselig. Zetaiel hingegen war ihm nicht mit sofortiger Abscheu begegnet. Er hatte ihm etwas zu Trinken gegeben, wollte ihn ins Gespräch bringen, aber er war genauso schweigsam wie die Waldläuferin. Eigentlich hatte er keine Bewegung gezeigt, als er ihm den Becher hingestellt hatte, das einzige, das sich bewegte, waren seine blauen Augen, die unablässig, ängstlich, seine Mitbewohner anstarrten. Seine Arme und Beine waren bandagiert, sogar um seinen Oberkörper waren dicke Verbände gewickelt. Man konnte noch den Rest einer Tätowierung erkennen, ein goldener Schweif, der womöglich einmal einen Drachen gebildet hatte. Es interessierte Zetaiel sehr, warum ein Hochelf in die Zelle gesperrt wurde. Allein sein Anblick löste bei ihm schon wissenschaftliche Neugier aus. Jetzt klopfte er mit den Fingern auf den Tisch, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwann beschwerten und zumindestens etwas sagten, dass zeigte, dass sie nicht ihre Zunge verschluckt hatten.

    Tock.
    Tyrialia warf eine Haarsträhne von ihrer Schulter und setzte sich auf den Boden. Sie beugte sich abwechselnd zu ihren Fußspitzen nach vorne, ihre Rüstung erlaubte ihr die Beweglichkeit. Zetaiel beobachtete ihre Übungen, wobei er eher den Ablauf studierte, als zu betrachten, wann man genau in ihren Ausschnitt sehen konnte. Das tat er schon lange nicht mehr, obwohl er zugeben musste, dass die Untote ihn fasziniert hatte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, dann versuchte er, wieder ein Gespräch aufzubauen.
    „Wieso trainiert ihr gerade jetzt, erwartet ihr, dass demnächst ein Feind durch die Holzwand hüpft?“
    Seine Stimme klang interessiert, was die Elfe stutzen ließ. Sie hielt mitten in der Bewegung inne.
    „Nein. Obwohl es durchaus möglich wäre. Ich warte eher darauf, dass ihr die Gitterstäbe beseitigt und wir fliehen können.“ Sie lächelte ihm triumphierend zu, aber der Druide gluckste nur, während der Hochelf ihn weiterhin anstarrte.
    „Exzellente Idee. Ich öffne unsere Zelle, unser hochelfischer Freund lässt sich etwas einfallen, wie er das Gefängnis meines Sohnes öffnet und ihr beseitigt den Rest der Mannschaft. Dann fällt uns ein, dass wir kein Luftschiff steuern können und landen heldenhaft irgendwo auf dem Gras, wo uns natürlich kein Haar von eventuellen Todeswachen und Riesenfledermäusen gekrümmt wird.“ Der Sarkasmus in dem Satz war kaum zu hören, es klang tatsächlich wie ein Lob.

    Der Hochelf blickte von einem zum anderen, dann öffnete er langsam den Mund und sprach mit ruhiger Stimme.
    „Wenn ihr das Holz öffnet, könnt ihr dann nicht auch das Luftschiff steuern?“ Er fixierte ihn gespannt wie eine Bogensehne.
    Zetaiel jauchzte und klatschte in die Hände. „Er spricht! Er spricht tatsächlich!“
    Die beiden musterten ihn überrascht und gleichzeitig unsicher, ob er verrückt geworden war. Tyrialia knackte mit den Fingerknöcheln und stand langsam auf. Sie fixierte die gegenüberliegende Zelle, in der Reriana und Zamiel irgendetwas redeten. Eine Untote stand an ihrer Tür, die Untote. Sie hatte versagt, den Elf zu beschützen. Das Schattenwort war mächtig, wahrscheinlich würde es ihn noch eine ganze Zeit quälen.

    Sie drehte sich wieder um und musterte die anderen beiden.
    „Vielleicht ist es Zeit, dass wir uns vorstellen und versuchen eine ernst gemeinte Lösung zu finden.“
    „Also, eigentlich wollte ich ja schon immer das Apothekarium sehen“, meinte Zetaiel völlig ernst, „es brächte bestimmt auch Vorteile mit sich, für brutale und äußert schmerzhafte Versuche genutzt zu werden. Immerhin könnten wir dadurch zu einem enorm starken Wesen mutieren, dass die ganze Welt vernichten könnte...“
    „...Oder wie sterben am ersten Versuch, uns einen dritten Fuß anzunähen.“ Warum war die Elfe jetzt so pessimistisch?
    „Kurî“, kam es schlicht vom Hochelfen, der damit beschäftigt war, seine langen blonden Haare aus den Holzritzen zu befreien. Es sah aus wie eine goldene Kette, an der sein Kopf gefesselt war.
    Zetaiel seufzte und begann wieder auf den Tisch zu klopfen. Es musste eine Lösung geben.


    „VERDAMMTES ELFENGESCHWÄTZ!“ Unter der Hand der Untoten löste sich die komplette Regalreihe in Glassplitter auf, die wie Regentropfen auf den Boden des kleinen Raumes prasselten. Er war quadratisch, mit einem Tisch, einem Stuhl, mehreren Regalen und einem bequemen Bett ausgestattet. Alles unnötig.
    Der Inhalt der Karaffen und Phiolen vermischte sich zu einer farbenfrohen Pfütze. Sie betrachtete ihre Hand, in der nun einige Splitter steckten, dann ballte sie diese zur Faust und ließ sie gegen die Holzwand prallen. Ihre Haare wehten um sie herum, während sie in blinder Wut Gefäße zertrümmerte, gegen Möbel trat und versuchte, Tränen aus ihren verdammten, toten Augen zu locken.
    Sie konnte nicht weinen. Sie konnte es einfach nicht, und das machte sie noch rasender.
    Der Stuhl zerbröckelte unter einem Schattenwort zu Staub, der Tisch krachte mit einer Handbewegung gegen die Wand und hinterließ eine große Delle.
    „AAAARGH!“
    Mit einem Brüllen, das dem Kampfschrei eines Orcs Konkurrenz hätte bieten können, ließ sie sich auf das Bett fallen. Sie wollte schnaufen, erschöpft sein und sich mit dem Kissen ersticken, es war nur noch mehr Frust, dass sich ihr Brustkorb nicht mehr bewegen würde. Nie wieder würde darin etwas bis zum Hals hämmern, wenn sie einen Wutanfall hatte.
    „ICH HASSE DICH!“, schrie sie der Decke entgegen. Sie wusste selbst nicht genau, ob sie sich selbst oder den Lichkönig meinte, der ihr dieses Schicksal erst geschenkt hatte. Geschenkt! Die anderen hatten gesagt, es wäre ein Geschenk, so zu sein wie sie. Was war bitteschön daran Dank wert, zu leben, bis man bei lebendigem Leib verfaulte? Nein. Zarah drehte sich auf den Bauch und vergrub ihren Kopf in der Matratze, hämmerte gegen das Kissen wie ein kleines Kind.
    „Zarah?“ Eine vorsichtige Stimme drang von der anderen Seite der Tür zu ihr hindurch. Sie war männlich, hatte etwas Schlichtendes.
    „Lass mich allein!“, fauchte sie gedämpft vom rauen Stoff, den sie sich auf Nase und Mund presste. Ihre Robe war an den Armen aufgerissen, so sehr hatte sie um sich geschlagen.
    „Nein...es ist ein Notfall“, meinte die Stimme drängend, „Es geht um unsere Gefangenen.“
    Sie stand auf, wild vor sich hin fluchend, ging zur Tür und riss sie auf, dass sie gegen die Holzwand prallte.
    „Was ist jetzt schon wieder-“, setzte sie an, wurde aber durch einen Tritt ins Gesicht nach hinten geschleudert. Die Blätter der kurzen Hose raschelten, als Tyrialia sich wieder normal hinstellte.
    „Das war für's Gefangennehmen“, knurrte sie. Neben ihr tauchten der Hochelf und Zetaiel auf.
    Zarah blickte die einzelnen verdutzt an.
    „Wie seid ihr aus der Zelle gekommen?“, fragte sie. Ihre harte Fasade bekam langsam Risse, jetzt wo sie mit dem Rücken zur Wand stand.
    Der Hochelf ignorierte ihre Frage vollkommen, er kam langsam auf sie zu und packte sie am Kragen.
    Sie war wie gelähmt, brachte kein einziges Wort heraus. Mit aufgerissenen Augen starrte sie Kurî in seine, die erbarmungslos zurückblickten. Seine Stimme schien die Luft zu zerschneiden, sie hatte keine Ahnung, dass er sprechen konnte. In der Zelle hatte er nichts gesagt.
    Warum kam jetzt nicht zufällig jemand vorbei? Zarah spürte, wie sie langsam angehoben wurde, die Finger gruben sich in ihren Hals und schnürten ihr die Kehle zu. Sie spürte, wie der Hochelf eine Hand auf ihren Brustkorb legte, schnell begann diese heiß zu werden, die Robe begann zu rauchen.
    Kurz spürte sie, wie sich ein Feuerschlag entfaltete und sie mit der Kraft eines Meerriesen gegen die Holzwand schlug, dann wurde sie ohnmächtig.

    Kapitel 15: Frische Luft

    Er musste schmunzeln. Wie ein Rat voller weiser Männer und Frauen saßen sie an dem runden Tisch, welcher der Schiffsbesatzung als Esstisch gedient hatte – bevor sie allesamt an Händen und Füßen gefesselt in der Speisekammer weggesperrt wurden. Seine Finger begannen wieder auf das Holz des Tisches zu klopfen. Mit Freuden erkannte er, dass Tyrialia davon gereizt wurde.
    „Werter Druide, könnten sie es vielleicht unterlassen, dieses Geräusch zu verursachen? Sonst sehe ich mich gezwungen Ihre Lippen an Ihrer Stirn zu befestigen.“ Sie blickte ihn an und ließ keine Zweifel, dass sie es nicht ernst meinen könnte.
    „Sicher könnte ich. Aber es ist auch interessant, einmal seine eigene Oberlippe sehen zu können, ohne einen Spiegel zu brauchen“, meinte er mit einem amüsierten Glucksen.
    Der Elf – Hochelf – starrte gebannt auf die verschnörkelte Holzmaserung, Zamiel und Reriana taten es ihm gleich.
    Stille war schlimmer, als Geschrei, wie Zetaiel fand.
    „Was wollen wir nun tun? Wo keiner von uns dieses Monstrum steuern kann, könnten wir doch den Goblin freilassen, nicht?“ Seine Lippen verzogen sich zu einem siegreichen Grinsen, obwohl er natürlich wusste, dass seine Feststellung ohnehin allgemein bekannt war unter den Vieren links und rechts von ihm.
    „Ja...nur...wo sollen wir dann hin? Wir wissen nicht, wo wir sind.“ Reriana schaute auf, in ihren Augen versteckte sich immernoch Hass auf ihn.
    Zamiel blickte nicht auf, irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Nicht einmal Zetaiel, in all seiner Weisheit konnte erkennen, was den Jungen bedrückte. Er war sein eigener Sohn, er hatte ihn großgezogen und alles gelehrt, was er wissen musste. Selbst als er Schurke werden wollte – nicht Druide – hatte er ihn mit all seinen Mitteln unterstützt. Nun schien Zamiel seinen eigenen Vater geistig von sich zu stoßen. Ob Reriana ihm alles erzählt hatte? Der Druide hörte auf zu lachen.
    „Wir sind irgendwo über dem Ozean, denke ich...“ Tyrialia stand auf, ging durch den quadratischen Raum hindurch zum einzigen Fenster. Sie blickte hinaus, doch wie sie gedacht hatte eröffnete sich vor ihr nur eine Wassermasse, bis zum Horizont, die vom ungewöhnlich starken Wind aufgebäumt wurde.

    „Es ist absurd, jetzt in Trübsal zu verfallen“, meinte Zetaiel wieder.
    „Ach was? Bestimmt hast du dasselbe gesagt, als du nicht gewusst hast, ob ich noch lebe? Dachtest du vielleicht die nächste Wurzel würde sich meiner erbarmen und meine Entführer würgen?!“ Mit Schwung stand Zamiel auf und schenkte seinem Vater einen Blick, halb herausfordern, halb vorwurfsvoll.
    Die beiden Elfen neben ihm zuckten zusammen. Zetaiel schaute nur zurück in seine eigenen Augen, sein Sohn mochte vielleicht aussehen wie er, aber er kam eindeutig nach seiner Mutter. Er seufzte schließlich und musste den Blick abwenden.
    „Du hast es erfasst, mein Sohn. In dir steckt unglaubliches Potenzial...warum nutzt du es nicht?“

    „Seht mal!“ Tyrialia beugte sich so weit aus dem Fenster, dass sie fast hinausfiel. Ihre Füße tribbelten Halt suchend auf dem Boden herum.
    Abgelenkt blickte Zamiel noch einmal hasserfüllt zu seinem Vater, dann folgte er den anderen beiden, die sich neben der Waldläuferin aufgestellt hatten und versuchten, einen Blick auf das Meer zu erhaschen. Gepolter aus der Speisekammer zeigte, dass die Eingesperrten anscheinend erwacht waren.
    „Irgendetwas stimmt nicht. Dieses Schiff kommt direkt auf uns zu...nein... wir landet darauf. Wie können wir ohne einen Steuerer landen?“ Sie schob sich noch einen Zentimeter nach draußen, so dass sie die Seile links und rechts greifen konnte, welche den aufgeblähten Stoff festhielten.
    Zetaiel zuckte zusammen, so plötzlich kam ihm die Erkenntnis. Wie konnten sie überhaupt ohne Steuermann fliegen, ohne vom Kurs abzuweichen?

    „Tyrialia!“ Zamiel packte ihre Füße, bevor sie ganz aus dem Fenster verschwunden war. Sie hing, die Arme an die Seile klammernd nun mit dem Körper in einiger Entfernung zum Wasser. Der Wind, der unerwartet stark über die Seiten des Schiffes blies, schaukelte sie hin und her wie eine Puppe.
    „Lass mich los!“, brüllte sie gegen den Wind an, der ihre Haare auf den ganzen Rücken verteilte.
    Doch Zamiels Hände schlossen sich nur noch fester um ihre Knöchel. Was bei allen Dämonen hatte sie vor? War sie verrückt geworden?

    Reriana packte seinen Oberarm und bedeutete ihm loszulassen. Sie schien auch übergeschnappt zu sein.
    „Zamiel, lass sie los!“ Er gab ihre Beine frei, die sofort nach vorne gezogen wurden und ihre Besitzerin fast mitrissen. Diese umschloss die Seile aber nur noch fester und starrte das gewaltige Segelschiff unter ihnen an auf das zwanzig Zeppeline gepasst hätten. Wer stellte so große Schiffe für eine Gefangennahme zur Verfügung? Tyrialia hatte Recht...irgendetwas stimmte nicht.

    Kapitel 16: Kämpfen in Luftschiffen

    Es war ein seltsames Gefühl, in der Luft zu hängen. Man blickte in eine ungewisse Tiefe, aus der jederzeit etwas hochspringen könnte. Man spürte den Wind brennend wie Peitschenhiebe über den eigenen Körper fahren. In Gedanken malte man sich schon aus, dass man irgendwann loslassen müsste. Der Kampf gegen Naturgewalten war ein wagemutiges Unterfangen. Meistens war der Preis, den man dafür zahlte, der Tod. Und Tyrialia hatte es herausgefordert.

    Sie versuchte sich daran zu erinnern, wie es war, als sie in den Wäldern geklettert war, wie sie von Stein zu Stein sprang, um reißende Fluten zu überwinden. Doch die Schwärze, die sie immer wieder sah, ließ nur die Seile dünner werden und die Angst wachsen. Dies war kein Gegner, den sie mit Waffen entgegentreten konnte. Sie war hilflos gegen ihn. Und so seltsam es sich auch anhörte, sie hatte Angst vor diesem Gefühl, weil sie es nicht gewohnt war.

    Ihre Hände gruben sich so fest in das grobe Seil, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Ihre Füße hingen ohne Halt über dem Meer und wurden vom Wind so sehr hin und hergezerrt, dass sie jedes Mal fast losgelassen hätte. Wieso war sie auch nach draußen geklettert? Sie schluckte und hatte den Drang, sich die Augen zu reiben, die ebenfalls unter dem Wind litten. Eine panische Schwärze wollte sie verschlucken, aber sie kämpfte wacker dagegen an und fesselte ihren Blick an das Schiff vor ihr.

    Es war ein typisch menschliches Schiff. Kein Schmuck, keine Zeichen. Es sah aus, wie ein Spielzeug für Kinder. Obwohl die Schwärze des Meeres es bedrohlicher wirken ließ. Sie konnte winzige schwarze Punkte erkennen, die darauf herumwuselten wie Ameisen. Die Seile über ihr knarrten bedrohlich, Panik drohte sie zu umfangen. Hinter sich hörte sie jemanden schreien, vielleicht versuchte Zamiel immernoch, sie zurückzuholen? Dann hörte sie Waffengeklirr. Ihre Eingeweide zogen sich zusammen, aber sie konnte ihnen jetzt unmöglich helfen. Sie musste die Bahn korrigieren, doch wie genau sie das anstellen sollte, wusste sie noch nicht.

    Reriana, die keines ihrer Schwerter gefunden hatte, presste ihren Rücken gegen die Wand des kleinen Raumes. Die Untote hatte die Tür zu Staub zerfallen lassen. Vielleicht hatten sie vergessen, dass sie immerhin Zetaiel versklavt hatte. Kaum vorstellbar, der Elf war für sie immer der, den man nicht besiegen konnte. Ein sanftes Pochen machte sich auf ihrer Brust bemerkbar, zuerst dachte sie, dass es ihr Herzschlag war, doch als sie nach unten schaute, erblickte sie nur das Amulett. Es war zwar mehr als genug Wind da, aber er war störrisch, ungezähmt wie ein wildes Tier. Selbst die Laute, die er im Aufprall gegen Wände und Segel machte, klangen wie Brüllen und Kreischen. Er würde ihr nicht helfen. Der Tisch verformte sich zu einer Lanze und versuchte, den Troll von vorhin zu durchbohren, dieser schien aber nicht nur ein Kerkermeister zu sein. Mit einem mehr oder minder eleganten Sprung gegen die Wand entkam er der Lanze, stieß sich ab und flog direkt auf Reriana zu. Sie öffnete schon den Mund, um zu kreischen, dann wurde es kochend heiß knapp vor ihrer Nase und der Troll krachte rauchend auf den Boden neben ihr. Er rührte sich nicht mehr. Erstaunt schaute sie nach rechts, wo sich der Hochelf gerade eine seiner blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht wischte. Er lächelte ihr zu, dann machte er ein paar Schritte nach vorne, wo Zamiel und ein Taure zu tanzen schienen. Jedes Mal, wenn der Taure mit seinen gewaltigen Händen auf Zamiel einschlagen wollte, wich er einen Schritt zurück oder zur Seite, bald sah es aus, als würde er den Tauren umkreisen, doch es war ein Spiel auf Zeit. Es musste ihm nur einmal zu dumm werden und Zamiel war Brei. Außerdem sah das Beil am Gürtel deselben alles andere als friedlich aus.

    „AAH!“, machte Zarah, die durch einen Feuerball an der Seite angesengt wurde. Wieso waren diese Elfen alle so beweglich? Grashüpfer, die man nicht zerquetschen konnte. In ihren Augen spiegelte sich der Zorn, hätte sie welche gehabt, wäre an ihrer Stirn eine Ader hervorgetreten. Jetzt wirbelte sie herum, dieser Hochelf war hinter ihr aufgetaucht und wollte ihr wieder heimtückisch den Rücken versengen. Sie lächelte, legte ihre Hände an seine und entließ ein gemurmeltes Wort, woraufhin sich der Grashüpfer am Boden vor Schmerzen krümmte. Wie dumm sie doch waren. Hatten keine Ahnung, dass man Zarah nicht besiegen konnte. Das Einsperren war nur eine Überraschungsaktion, hinterhältig wie alle Elfentaktiken...
    Jetzt erst sah sie, dass es nur vier waren. Wo war die Elfe in Blättern? Diese dreckige Fledermaus, die es gewagt hatte, ihr ins Gesicht zu treten? Die Nase würde nicht wieder so schön gerade sein, wie sie vorher war. Da war sie ja! Hang an den Seilen wie ein Äffchen. Sie würde ihr zeigen, was Schmerzen waren, genauso wie sie es dem Hochelfen gezeigt hatte...und diesem Elfen...Zamiel.
    Kurz vergewisserte sie sich, dass sie niemand sah, dann schritt sie aufrecht zum Fenster. Die Elfe war mit dem Rücken zu ihr, schade, dass sie nicht sehen würde, wie sich ihr Gesicht verzog. Wie sie das Leid lesen konnte, dass sich kurz darauf spiegelte, bevor sie losließ und von der Tiefe verschluckt wurde...Sie hob langsam eine Hand und murmelte schon das halbe Wort, schwarz waberte ein Schatten um ihre Hand, doch dann ging ein Ruck durch das ganze Schiff. Unmöglich, landen würden sie erst in einigen Minuten. Hektisch blickte sie sich um, doch sie sah niemanden, der kräftig genug wäre, so viel Schwung zu erzeugen. Doch sie hatte sich nicht getäuscht, wieder ging ein Ruck durch den Boden, es fühlte sich an, als würde er nach oben gezogen. Tatsächlich: Zarah konnte mit ansehen, wie sich das Schiff unter ihnen langsam verkleinerte. Das war doch nicht möglich! Wütend ließ sie ihren Blick noch einmal durch den Raum hinter sich schweifen, durchborhte den Druiden ihrem Blick, doch er schien zu beschäftigt damit, seinen Sohn zur Hilfe zu eilen. Der Taure hatte mittlerweile sein Beil gezogen und hackte auf Zamiel ein, der sich halb verknotete, um der Waffe auszuweichen.

    Dann fiel ihr Blick auf Reriana.



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