Lúthien Cyriatan

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    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 18.07.2008, 23:38

    Lúthien Cyriatan



    Lúthien Cyriatan

    Lachend rannten die kleinen Jungen los.
    „Wer gefunden ist, muss so schnell wie möglich zu der Holzbank hier zurücklaufen. Wenn ihr schneller seid und euch frei schlagt, dann seid ihr nicht gefangen!“, brüllte der Älteste, bevor er verschwand.
    „1…2…3…4…5…6… 7…“, laut und mit zusammengekniffenen Augen blieb der siebte Junge auf dem Platz stehen. Er mogelte, aber die anderen würden es eh nicht bemerken.
    „10…15…16…17…18…19“
    Eigentlich war ausgemacht, dass er bis 50 zählte, aber nun, da er schon bei fünfundzwanzig angekommen war, schien ihn das nicht mehr sonderlich zu interessieren.
    „Ich komme!“, schrie der Junge plötzlich und riss seine Augen auf. Niemand war auf dem Platz zu sehen, außer einem kleinen Mädchen, das auf den Stufen saß, die zu einem Hausaufgang führten. Er blickte sie kurz an, ohne sie richtig wahr zu nehmen, dann rannte er los, um seine Freunde zu suchen. Sie taxierte ihn, folgte ihm mit ihrem Blick, bis er zwischen den Häusern verschwunden war. Dann senkte sie den Blick zu den Steinen, die den Boden des Platzes bedeckten. Sie umklammerte, ohne den Blick vom Boden zu wenden, eine kleine, wie es schien, schon ziemlich alte Puppe, mit einem leeren Lächeln. Eines der Knopfaugen fehlte in ihrem Gesicht.
    Dennoch, als wäre es ihre einzige Rettung umklammerte das Kind seine Puppe, mochte sie auch so unglaublich hässlich sein. Das Kind wandte seinen Blick nicht von dem Stein ab, bis jemand aus einer Gasse gerannt kam, laut atmend, verfolgt von dem Suchenden.
    Der Verfolger war jedoch zu langsam. Schon hatte sich der Junge auf die Holzbank geworfen und geschrieen, „Angrod ist frei!“
    „Verdammt“, der fluchte der Verfolger und begann dann weiterzusuchen. Angrod saß schwer atmend auf der Holzbank, dann ließ er seinen Blick zu dem kleinen Mädchen gleiten. Sie starrte noch immer auf die Steine des Platzes. Es war ihm unheimlich, wie blass sie war. Blass und dazu noch mit schwarzem Haar.
    Und wenn er sich nicht irrte… nein, er irrte sich nicht, dann hatte sie tatsächlich noch große, schwarze Augen. Er musterte sie weiter. Ihr schwarzes Haar reichte bis zur Schulter und ein kleines bisschen weiter. Sie war ihm unheimlich, sehr unheimlich sogar. Als sie plötzlich zu ihm aufschaute, zuckte er zusammen. Nun erblickte er auch die kaputte Puppe in ihren Armen und das gab ihm den Rest. Voller Angst verzog er sein kindliches Gesicht, dann erhob er sich und rannte davon.
    Traurig blickte sie ihm nach. Sie wusste, dass sie ihm Angst einjagte. Allein durch ihre Anwesenheit schaffte sie es. Dieses Wissen bereitete ihr Unbehagen.
    Sie war zwar jung, aber viel zu intelligent, um nicht jedes Wort zu verstehen, welches ihr Vater, oder auch die anderen zu ihr sagten. Sie war abnormal, hatte ihr Vater zu ihr gesagt. Er meinte, sie solle nicht zu den anderen Kindern gehen, weil sie ihnen allen Angst machte. Sie hatte zu ihm aufgeschaut, mit einer Traurigkeit, die kein Kind der Welt so deutlich ausdrücken konnte. Es war keine normale Traurigkeit, wie sie normale Kinder empfanden, wenn sie ihr Lieblingsspielzeug kaputt gemacht hatten. Es war eine urtiefe Traurigkeit, die man fast als mächtig empfinden konnte.
    „Mache ich dir auch Angst, Vater?“, hatte sie ihn gefragt. Er hatte sich von ihr abgewandt und war ihr die Antwort schuldig geblieben. Ja, er hatte Angst vor ihr. Nichts hatte ihn je so geängstigt, wie seine eigene Tochter, obwohl sie nur sechs Jahre alt war.
    Sie war intelligent – viel zu intelligent für seinen Geschmack.
    Und sie hatte Verstand – viel zu viel Verstand für seinen Geschmack.
    Sie war ihm unheimlich.
    Ihre Art, wie sie alles um sich herum anstarrte.
    Und sie wusste um seine Angst.
    Eine Mutter hatte sie nicht. Damals, vor einem Jahr, kurz bevor sie fünf Jahre alt wurde, sie erinnerte sich noch genau, hatte sie am frühen Abend in der Tür gestanden und in das dunkle Wohnzimmer geschaut. Nur eine Lampe hatte Licht in den Raum geworfen.
    „Papa?“, ihre Stimme war leise gewesen, vor Sorge, er würde ausrasten, oder sie würde ihn traurig machen.
    „Was ist los, Lúthien?“
    „Papa… Alle haben eine Mama… Wo ist meine Mama?“, mit ihren großen, urtraurigen Augen hatte sie ihren Vater angesehen. Doch er hatte nur zurück gestarrt. Ja, er hatte seine Tochter schon immer verabscheut. Seit sie geboren war.
    „Du hast deine Mutter getötet. Du… Du hast sie ermordet“, kurz schien er selbst erschrocken über seine Worte, doch er sagte nichts weiteres.
    Ihre Augen hatten sich geweitet, voller Schreck und Angst. Erst da hatte sie begriffen, was ihr Vater meinte. Erst da hatte sie begriffen, warum andere Angst vor ihr hatten. Sie, sie allein war Schuld an Mutters Tod. Sie allein...
    Durch ihre Geburt hatte ihr Vater seine geliebte Frau verloren. Und daran war sie Schuld. Sie war ein Monster. Sie musste ein Monster sein.
    Dann war sie gegangen. Ohne ein weiteres Wort. Und seit diesem Tage… Seit diesem Tage wusste sie, dass sie ein Mörder war. Der Mörder ihrer eigenen Mutter. Sie hatte geweint. Ja, sie hatte oft geweint.

    Ein weiterer Junge rannte nun auf die Bank zu. Doch dieses Mal wurde er von dem Verfolger überholt.
    „Flith… ist… Gefangen!“, keuchte der Junge, der suchen musste. Enttäuscht hielt Flith inne, kurz vor der Bank blieb er stehen.
    „Menno… Du hast mich gestoßen“, beschwerte er sich.
    Die Jungen waren älter als das Mädchen. Vielleicht sieben, vielleicht auch schon acht Jahre alt. Sie bemerkten das kleine Mädchen nicht. Dieses hatte nun Tränen in ihren dunklen Augen. Sie wünschte sich, sie wäre etwas anderes. Sie wünschte, sie wäre wie alle anderen.
    Doch niemand wollte mit ihr reden, niemand wollte mit ihr spielen.
    Sie war alleine, ganz alleine.

    Lúthien nahm ihre Puppe. Nein, sie war nicht ganz alleine. Sie hatte diese Puppe gefunden. Es war noch nicht lange her, da hatte sie sie gefunden. Schon damals hatte ihr das eine Auge gefehlt. Nachdem sie ihren Fund gewaschen hatte bemerkte sie, dass die Fäden der Puppe ausgefranst waren. Sie hatte geweint, als sie es bemerkte. Da sie keine anderen Spielzeuge hatte, war ihr diese Puppe sehr wichtig. Ihr Vater hatte nie daran gedacht, dass sie wohl gerne so etwas haben mochte. Damals, als sie noch zusammen an den kleinen Geschäften vorbeigegangen waren, war ihr sofort eines ins Auge gefallen.
    „Paps, bitte, bekomm ich eine Puppe? Nur eine kleine? Oder so ein Tier?“
    Er hatte sie angeschaut und gefragt, wozu sie so einen Kram brauchen würde.
    Betreten hatte sie zu Boden geschaut.
    „… Ich dachte… Alle haben…“
    Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen.
    „Lúthien, komm rein, es wird langsam dunkel.“
    Sie erhob sich. Ja, tatsächlich, es wurde dunkel.
    Das Versteckspiel dauerte immer noch an, doch sie wusste, dass sie unerwünscht war…
    Sie sollte nicht zusehen, sie sollte nicht mitspielen.
    Stumm erhob sie sich, ihre Puppe an sich geklammert und trat ins Haus…


    Das nächste Kapitel trägt den Namen "Wenn der Tag zur Nacht wird".



    Re: Lúthien Cyriatan

    Calamita - 19.07.2008, 12:26

    Re: Lúthien Cyriatan
    Die Geschichte finde ich gut, auch gut geschrieben.

    Allerdings: ;)

    dragonheart hat folgendes geschrieben: Schon damals hatte ihr das eine Auge gefunden.



    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 19.07.2008, 13:17


    Danke =)

    Ehm, upps, ja.. Ist editiert xP



    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 20.07.2008, 00:08


    Wenn der Tag zur Nacht wird

    Abends gab es nichts zum Essen. Für sie nicht. Denn Vater ging fort, wenn es dunkel wurde. Er traf sich mit anderen Männern, mit denen er sich meistens betrank. Diese Männer kannten seine merkwürdige Tochter, hielten sie jedoch für vollkommen gestört und somit auch für unwichtig.
    Das Mädchen wusste, warum er fort ging. Er wollte nicht mit ihr alleine sein. Und er wollte nicht nachdenken. Er wollte nicht an seine Frau denken.
    Und immer wenn er sie sah, erblickte er seine Frau in ihr. Obwohl sie ihr kaum ähnelte und selbst ihr Charakter ein völlig anderer war. In ihren Augen erkannte er immer etwas, was ihn fast verrückt machte. Doch was es war, konnte er sich nicht erklären…

    Nun war sie alleine. Alleine in einem Haus, in dem es langsam dunkel wurde. Sie nahm es nicht wahr. Sie saß in ihrem kahlen, leeren Zimmer auf dem Bett, mit der ausgebleichten Bettdecke und war in Gedanken ganz woanders.
    Es war ihr wichtig, dass ihr Vater sie achtete, sie wollte, dass er ihr das gab, was in Büchern als Liebe bezeichnet wurde. Alle sagten, es wäre ein wunderschönes Gefühl, geliebt zu werden. Aber Vater liebte sie nicht. Es wäre ihm lieber, wenn sie tot wäre und dafür seine Frau lebendig. Es wäre ihm wahrscheinlich sogar lieber, wenn sie in diesem Moment einem Herzstillstand erliegen würde.
    Sie sah auf. Die Sonne war vom Himmel verschwunden. Dunkelheit hatte sich über die Stadt Máraran gesenkt. Aber die Nacht ängstigte Lúthien nicht.
    Warum sollte sie Angst vor einem solch ruhigen Wesen wie der Nacht verspüren?
    Sie hatte vor vielen Dingen Angst. Doch die Nacht fühlte sich noch am Vertrautesten an. Lúthien erhob sich. Ging sie in der Nacht durch die Gassen, so sah sie niemand verstört oder abweisend an.
    Sie krabbelte zum Rand ihres Bettes und ließ sich hinunter auf den Boden gleiten. Lúthien sah sich nachdenklich um. Ihre Puppe lag bzw. saß, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, noch immer auf dem Bett und starrte mit dem einen Knopfauge aus dem Fenster. Nie hatte sie daran gedacht, ihr einen Namen zu geben. Obwohl sie in einem Buch gelesen hatte, dass man den Wesen Namen gibt, die man liebt. Sie hatte damit nichts anzufangen gewusst. Irgendjemand musste ihren Namen ausgewählt haben. Und das war wohl ihr Vater gewesen. Doch ihr Vater liebte sie nicht. Er schien es nur getan zu haben, weil alle Kinder einen Namen hatten.
    Das Mädchen ließ die Puppe in ihrem Zimmer zurück.
    Lúthien trug ein viel zu großes Kleid. Eigentlich war für das Kleid vorgesehen, bis zu den Knien zureichen, bei ihr jedoch reichte es bis zu den Knöcheln. Sie hatte es von ihrem Vater am Morgen ihres sechsten Geburtstages bekommen.
    Dann war er verschwunden. Den ganzen Tag lang. Bis Mitternacht. Er war nach Hause gekommen, sturzbetrunken und wie es schien nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen.
    Er war in ihr Zimmer gekommen und hatte sich neben ihrem Bett auf den Boden fallen lassen. Schrecklich hatte er gerochen, nach Alkohol.
    „Du kleines Balg…“, hatte er gelallt, „In der…“, er hickste, „in dieser Nacht haste… hast du kleines Balg meine Frau ermordet. Wärst… wärst du nicht … net geborn… hätt ich meine… Frau noch“
    Er war gegangen, ohne ein weiteres Wort. Er wünschte, sie wäre tot, das hatte sie verstanden. Er hasste sie, weil sie seine Frau ermordet hatte…

    Lúthien stand vor der Tür. Sie legte ihre kleinen Finger um den kalten Griff und zog ihn hinunter. Stumm lehnte sie sich gegen das kühle Holz und die Tür schwang unter ihrem Gewicht auf. Wie eine Schlafwandlerin bewegte sie sich durch das Haus, allerdings war sie hellwach. Ihre Fingerspitzen ließ sie neben sich die Wand entlang schleifen und immer wenn ein Fenster die Wand unterbrach, so ließ sie ihre Fingerspitzen über das Glas schleifen. Sie war an der Haustür angelangt. Endlich, der Weg nach draußen, der Weg in die Freiheit.
    Das Mädchen zog an der Klinke und öffnete die Tür einen Spalt breit. Schon war sie durch den schmalen Durchgang geschlüpft und stand auf dem Treppenpodest. Es war nicht dunkel, da der Mond hell vom Himmel strahlte. Aber als Lúthien aufsah, musste sie entdecken, dass heute kein Vollmond war. Noch nicht ganz. Aber in den nächsten Tagen würde es soweit sein…

    Sie sah sich um. Der Platz war nun leer. Kein Kind spielte mehr. Nicht, wenn es Nacht war. Sie hatte gelesen, dass die Nacht den meisten Kindern und teils auch Erwachsenen Angst einjagte.
    Was wir an der Dunkelheit fürchten, ist das Unbekannte.
    Genau dieser Satz hatte in einem der Bücher gestanden, das sie aus einer Bibliothek gestohlen hatte. An Kinder wurde dort nichts verliehen, weil jeder Erwachsene davon ausging, dass die Kinder die Bücher nur zerstören würden und dafür waren die Bücher, in den Augen der Älteren, zu schade. Nur wenn sie in Begleitung einer erwachsenen Person waren, konnten Kinder etwas ausleihen. Und ihr Vater hatte es nicht für nötig gehalten seiner sechsjährigen Tochter ein Buch zu kaufen, obwohl sie ihn darum gebeten hatte. Lúthien war sich nicht einmal sicher, ob er wusste, dass sie lesen konnte.

    Ihr Vater wusste es. Ihr war es nicht bewusst, doch er hatte sie gesehen, wie sie auf den Treppenstufen einen dicken Wälzer gelesen hatte. Auch das war ihm unheimlich. Welches sechs Jährige Kind interessierte sich schon für Bücher? Und dann auch noch solch ein dickes Buch mit einem alten Umschlag und keinem einzigen Bild. Er war sich bewusst, dass sie es gestohlen haben musste. Aber er sagte nichts. Doch als er schließlich das Buch in ihrem Zimmer fand, nahm er es mit und verbrannte es im Kamin. An diesem Tag hatte Lúthien verzweifelt nach dem Buch gesucht, doch hatte sie kein Wort darüber verloren. Nur ihr Blick huschte immer wieder durch die Räume, blieb an verschiedenen Gegenständen hängen, löste sich jedoch wieder und huschte weiter. Unruhig war sie durch die Zimmer gelaufen, aber er hatte eisern geschwiegen, als wäre überhaupt nichts.

    Lúthien streifte durch die düsteren Straßen. In kaum einem Haus brannte mehr Licht, nur teilweise in Gaststuben oder Imbisshäuschen. Lautes Lachen zerriss die Stille und das Mädchen schreckte zusammen. Sie war an einem Gasthaus angekommen, in der sich wie es schien mehrere Menschen aufhielten… Die wahrscheinlich alle viel zu tief ins Glas geschaut hatten.
    „Heh, Maglor…“, Lúthien schaute auf. Maglor, der Name ihres Vaters. Also war ihr Vater heute hier, „…heh Maglor“, startete der besoffene Sprecher einen neuen Versuch, den Satz korrekt herauszubekommen. Er hickste laut auf und ein Glas fiel zu Boden und zerbrach. Er schien es heruntergestoßen zu haben.
    „Heh Maglor… deene Tochter… deine Tochter… is… is… die wrklich durchgeknallt?“, die Besoffenen lachten schallend, am Lautesten, das konnte Lúthien hören, am Lautesten lachte ihr Vater.
    „Yau!“, brüllte er und schlug mit der Handfläche auf den Tisch, „Jau! Stell…Stell dir… Stell dir vor… Sie liest… Sie liest BÜCHER!“
    Die anderen lachten noch lauter. Was gab es da zum Lachen?
    „Und… und sie hat… hat ´ne.. ´ne PUPPE gefunden… Und die is… so gottverdammt hässlich… die Puppe… nur ein Auge… und die trägt sie… dauernd… immer … mit sich rum, stellt euch das ma vor!!“
    Lúthien verließ den Platz, von dem aus sie durch das Fenster die Betrunkenen beobachtet hatte. Sie hatte genug. Genug gehört, genug gesehen.
    Natürlich hatte sie gewusst, dass ihr Vater über sie sprach und sie vor den anderen ins Lächerliche zog. Aber warum lachten sie? Warum lachten sie? Weil sie eine nicht ganz perfekte Puppe mochte? Und warum lachten sie, weil Lúthien las? Und woher wusste ihr Vater überhaupt davon?
    Schweigend drehte sie sich um. So gern würde sie davonlaufen, aber wohin sollte sie? Sie würde es nirgendwo besser haben, als hier. Hier hatte sie ein Dach über dem Kopf, hier hatte sie ein Bett. Sie war sich sicher, dass sie nirgendwo dazugehören würde. Warum sollte sie, wenn sie schon hier als verrückt erklärt wurde, woanders mehr Glück haben?

    Plötzlich stand sie wieder vor dem Haus ihres Vaters. Sie war in Gedanken versunken Ihr war nicht einmal bewusst gewesen, dass sie sich bewegte. Ihr Blick streifte über die abgenutzte Steintreppe, dann wandte sie sich noch einmal unschlüssig ab. Doch wohin sollte sie jetzt? Es machte keinen Sinn über Dinge nachzugrübeln und still durch die leeren Gassen zu streifen. Nicht heute.
    Schweigend stieg sie die Stufen hinauf, mit nackten Füßen, den kalten Stein direkt unter den Sohlen. Es war eine Angewohnheit Barfuß zu gehen. Sie hatte nicht viel übrig für Schuhe, man konnte damit nicht einmal den Untergrund spüren.
    Wenn es kalt war, trug sie Schuhe. Ihr Vater hatte ihr verboten bei Kälte keine Schuhe zu tragen. Und sie verstand ihn. Sonst würde sie krank und Krankheiten konnten ihr Leben gefährden.
    Eine Frau aus der Stadt war an einer Erkältung gestorben. Sie wollte nicht das gleiche Schicksal erleiden.

    Die Tür stand immer noch offen. Sie schlüpfte abermals durch den schmalen Durchgang und befand sich wieder in dem stillen Haus. Lúthien presste ihre Hand gegen das Holz, sodass sie ins Schloss fiel. Das Geräusch durchbrach die Stille nur für einen kurzen Moment, dann war abermals kein Ton mehr zu hören.
    Sie lauschte. Nichts… Wunderschöne, reine Stille. Kein Gebrabbel von Besoffenen, kein Geschreie von Kindern, nichts…
    Ohne ein Geräusch zu machen ging das Mädchen den vertrauten Weg in ihr Zimmer. Auch diese Tür stand noch offen. Nachdem sie den Raum betreten hatte schloss Lúthien sie.

    Erst als sie sich in ihr Bett fallen ließ, fiel ihr auf, wie schrecklich müde sie war. Lúthien nahm ihre Puppe und drückte sie an sich, dann zog sie sich ihre Bettdecke bis zum Kinn hinauf. Sie legte sich auf die Seite und schaute noch einmal aus dem Fenster. Der Mond war nun von dichten Wolken bedeckt, sie konnte ihn nicht mehr am Himmel entdecken. Enttäuscht schloss sie ihre Augen, schmiegte sich noch enger an ihre Puppe und fiel erst langsam in einen leichten Schlaf…


    Das nächste Kapitel trägt den Namen "Kani".



    Re: Lúthien Cyriatan

    Calamita - 20.07.2008, 16:45


    dragonheart hat folgendes geschrieben: [b]Und immer wenn er sie sah, sah er, wie seine Frau in ihr.

    Irgendwie ergibt der Satz für mich keinen Sinn..



    Re: Lúthien Cyriatan

    Eve - 22.07.2008, 08:54


    geniale Geschichte!!!!! Will mehr!



    Re: Lúthien Cyriatan

    Lexa - 25.07.2008, 20:36

    ..
    weiter weiter weiter!!! diese geschichte ist einfach genial. :D :D :D

    Lg, Lexa



    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 25.07.2008, 20:54


    Huhu =)
    Danke für die lieben Kommis :) *DANKÄ* ^^
    Den Fehler werd ich jetzt gleich rausnehmen, danke fürs genaue durchlesen xD

    So, jetzt gehts wie gesagt weiter...


    Kani

    Sie hatte einen unruhigen Schlaf hinter sich. Immer wieder hatte sie ihren Vater gehört, wie er sie beschuldigte, sie wäre eine Mörderin, immer und immer wieder, lauter und immer lauter, bis es ein dröhnendes Brüllen in ihrem Kopf war.
    Es musste sehr früh am morgen sein, doch sie konnte nicht mehr einschlafen. Lúthien setzte sich auf und schaute sich im Zimmer um. Schon jetzt durchdrangen leichte Sonnenstrahlen die Dunkelheit. Bekümmert lehnte sie sich mit dem Rücken an die Wand und starrte aus dem Fenster. Noch immer hallten die schrecklichen Rufe ihres Vaters in ihren Ohren wider.
    Mörderin.
    Sie hatte das Gefühl, dass die Zeit stehen geblieben war. Minute um Minute vergingen, als wären es Stunden…
    Ihre Augen schlossen sich, wie von selbst und dann fiel sie unbewusst in einen tiefen, traumlosen Schlaf…

    Der Lärm auf der Straße weckte sie. Sie konnte die Zeit nicht einschätzen, denn sie hörte ihren Vater noch im Untergeschoss schnarchen. So spät konnte es also nicht sein.
    Er hatte darauf bestanden in einem anderen Stockwerk zu schlafen. Den Grund hatte er ihr nicht verraten, aber es war nicht schwer ihn zu erahnen.
    Sie konnte schon hören, wie die Kinder sich auf dem Platz sammelten, um etwas zu spielen. Sie lachten, rissen Scherze und schrieen sich unverständliche Sätze oder Wörter zu.
    Lúthien rieb sich den Schlaf aus den Augen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie eingeschlafen sein musste. Sie befreite sich aus ihrer Decke, die sich um ihre Beine verknotet hatte und sprang aus ihrem Bett.
    Sie sah sich um. Wo war ihre Puppe?
    Verwirrt durchwühlte sie ihre Bettdecke und das Bett. Ihre Puppe war nicht da. Wiederholt durchwühlte sie ihr Bett, legte sich auf den Boden und schaute sogar unter das Bett.
    Sie erhob sich. Ihre Puppe war nicht da. Ihre nicht ganz perfekte Puppe war einfach so verschwunden. War sie vorhin schon verschwunden gewesen? Als sie vorhin aufgewacht war, hatte ihre Puppe dort schon gefehlt?
    Sie wusste es nicht.
    Und ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf, ein Gefühl, dass sie nicht zuordnen konnte. Als hätte sie einen Teil von sich verloren, als wäre etwas von ihrem Körper weg gebrochen… Stumm schüttelte sie den Kopf. Ihre Puppe würde schon wieder auftauchen, redete sie sich ein, sie würde schon wieder auftauchen…

    Mit leerem Blick saß sie wieder auf den Stufen. Sie starrte auf einen unbestimmten Punkt, irgendwo auf dem Platz. Einige Kinder spielten wieder ausgelassen, doch heute schaute sie ihnen nicht zu.
    Ihre Gedanken waren abgeschweift, ihre Augen ausdruckslos
    Sie redete sich ein, dass ihre Puppe wieder auftauchen würde. Aber gleichzeitig wusste sie tief in sich, dass ihre Puppe verschwunden war.
    Jemand musste sie ihr weggenommen haben, als sie schlief.
    Doch wer?
    Wer sollte ihr ihre Puppe wegnehmen?
    Es gab doch keinen Grund, keinen Anlass dafür?

    „Hi“, eine Stimme, die sie ansprach, riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken blickte sie auf. Der Junge, welcher vor ihr stand, hatte verwuscheltes, schwarzes Haar, aufmerksam wirkende hellblaue Augen. Sein Lächeln entblößte seine hellen Zähne und die Eckzähne - so fiel ihr auf - waren länger und auch viel spitzer, als es gewöhnlich war.
    Misstrauisch sah Lúthien den unbekannten Jungen an. Was sollte sie von ihm erwarten?
    „Hallo“, erwiderte sie schließlich mit verschlossenem Gesichtsausdruck. Sie hatte fast Angst vor ihm. Noch nie hatte sie jemand einfach so angesprochen, ohne irgendeinen bösen Hintergedanken.
    Sie sahen sich in die Augen, Lúthien mit verschlossenem, fast aggressivem Ausdruck, der Junge völlig ausdruckslos.
    „Lúthien!“, Vater schien erwacht zu sein. Was auch immer er wollte, konnte nichts gutes zu bedeuten haben. Noch nie hatte er sie grundlos gerufen… Er legte keinen großen Wert auf ihre Anwesenheit… Eher auf ihre Abwesenheit.
    Ohne ein Wort erhob sich das Mädchen und rannte die Stufen hinauf, zurück blieb der Junge…

    Dieser war erst vor wenigen Tagen in Máraran angekommen. Die kleine Stadt hatte ihm nicht gefallen, doch sein Großvater hatte darauf bestanden umzuziehen. Lólindir, die Hauptstadt des Landes Lessien war ihm zu hektisch geworden. Er war ein uralter Mann und vertrug solch hektische, große Städte nicht mehr. Mit fast siebenundachtzig war er erblindet, nun musste sich sein Enkel um ihn kümmern, da dessen Eltern nicht mehr am Leben waren.
    Schon am ersten Tag hatte man ihn und seinen Großvater vor der Tochter der Familie Cyriatan gewarnt. Wilde Gerüchte kursierten in Máraran, schreckliche, unheimliche Gerüchte…

    Das Mädchen war kurz vor Mitternacht zur Welt gekommen und direkt nach der Geburt war ihre Mutter verstorben. Schon damals war die Gerüchteküche fast übergebrodelt, obwohl es ja öfter vorkam, dass eine Frau bei einer schwierigen Geburt starb. Schon von Anfang an war bekannt gewesen, dass der Vater dieses Kind nicht im Haus haben wollte, so tief war seine Trauer über den Verlust seiner Frau. Nein, nicht dass er sich über seine Tochter gefreut hatte, die ja etwas ihrer Mutter in sich tragen musste… Er verabscheute sie regelrecht.
    Unglaublich schnell hatte das Kind sprechen, lesen und schreiben gelernt, obwohl ihr Vater es ihr nicht beigebracht hatte… So sagte er. Als sie Laufen gelernt hatte, so hatte man sie oft im Dorf herumstreichen gesehen. Und es war nicht nur die Tatsache, dass man sie bei völlig gesunden Menschen gesehen hatte und diese dann plötzlich verstorben waren. Es war auch die Tatsache, dass die Menschen um sie herum krank zu werden schienen, teils sogar todkrank. Sie war der Todesengel des Dorfes, so wurde ihm erzählt. Die Eltern hatten ihren Kindern verboten in ihre Nähe zu kommen, sie hatten ihnen erzählt, welch schreckliche Gabe in der Tochter Cyriatan hauste. Niemand wollte mehr mit ihr zu tun haben, man fürchtete sich vor dem blassen Mädchen...

    Er konnte nicht glauben, dass etwas an den Gerüchten dran sein konnten. Wie sollte ein so junges Mädchen wie sie ein Todesengel sein?
    Warum gerade ein so junges Kind? Wohl kaum… Er glaubte nicht an das, was die anderen über sie sprachen. Und sie sprachen oft über sie.
    Es war etwas wie ein andauerndes Gesprächsthema, das gerne in den Gasthäusern durchgekaut wurde. Man wusste einfach nicht, wohin mit diesem Mädchen. Ihren Vater wollte man nicht aus der Stadt jagen, er war ein zu gut angesehener Mann.
    „Das ist ein Werk des Teufels, für dieses Wesen des Todes kann niemand etwas“, hatte er gehört. Ein Werk des Teufels also…
    Andere glaubten nicht an Todesengel, sie sagten, sie wäre eine Hexe. Aber wie war es möglich, dass ein so junges Wesen schon eine Hexe war?
    Nein, es konnte nicht wahr sein.

    Die Gerüchte hatten ihn dennoch neugierig gemacht. Was, wenn doch etwas dran war, an dem, was die anderen sagten? Er hatte sich vorgenommen, das Mädchen zu beobachten, vielleicht sogar anzusprechen.
    Jetzt stand er da und schaute auf die Haustür, durch die das Mädchen soeben entflohen war. Wer mochte sie wohl gerufen haben? Ihr Vater? Bestimmt. Kein anderer wohnte nach seinen Informationen in diesem Haus, außer ihr Vater. Ob er seine Tochter tatsächlich so sehr hasste?
    War das denn überhaupt möglich, wo sie ihrer Mutter doch so ähnlich sein sollte?
    Nachdenklich kratzte er sich an der Nase.
    „Hallo Du“, eine Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Ein Junge, etwa in seinem Alter stand hinter ihm, „Ich kenn dich nicht, wohnst du hier?“
    Der Junge deutete mit seinem Finger auf das Haus, in dem das Mädchen verschwunden war.
    Er schüttelte mit einem leichten Lächeln den Kopf.
    „Nein, nicht hier, aber ich wohne seit kurzem in dieser Stadt“
    „Achso, wieso denn?“, mit der offenen Neugier seiner Jugend schaute er ihm ins Gesicht.
    „Mein Großvater ist krank und er fühlte sich unwohl in Lólindir. Also kamen wir hierher“
    „Aha, willst du mit uns spielen? Verstecken, willst du?“, aufgeregt musterte der Junge ihn.
    Bedauern heuchelnd schüttelte sein Gesprächspartner den Kopf:
    „Nein, tut mir Leid, ich muss zu meinem Großvater“
    Vorwurfsvoll und fast wütend starrte der Junge ihm ins Gesicht.
    „Wo sind eigentlich deine Eltern? Warum wohnst du bei deinem Großvater? Hast du keine Eltern?“, begann der Kleine.
    Er zögerte, während er den Blick von dem Jungen abwandte. Er hatte nicht damit gerechnet so direkt darauf angesprochen zu werden.
    „Nein, habe ich nicht“, seine Gesichtszüge wirkten plötzlich müde, fast wie die eines alten Mannes. Schweigend ging er davon, ließ den Jungen einfach stehen. Er war in Gedanken.
    Nein, hatte er nicht…
    „Hey, warte mal!“, schrie der Junge ihm hinterher, doch er hatte nicht die Absicht zu warten. Der Junge kam hinter ihm her gerannt.
    „Hey, wie heißt du eigentlich?“, fragte er ihn. Er hielt inne, als er die Frage hörte. Noch einmal musterte er den kleinen Jungen genau.
    „Ich heiße Kani“


    Das nächste Kapitel trägt den Namen "Dunkle Straßen".



    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 04.08.2008, 15:34


    (Unbearbeitete & Unverbesserte Version)

    Dunkle Straßen

    Währendessen hatte Lúthien mit einem schlechten Gefühl in der Magengrube das Haus betreten. Sie ging langsam und unsicher auf das Wohnzimmer zu, in dem sich ihr Vater aufhielt, wie sie vermutete.
    Er saß da auf einem der drei Stühle und stierte vor sich hin auf das alte Tischtuch, welches schon seit Monaten kein Wasser mehr gesehen haben musste.
    „Papa?“, Lúthiens Stimme klang unterwürfig, seltsam klein, als sie ihn ansprach.
    „Mit wem hast du draußen gesprochen?“, mit einem Schrecken vernahm sie die Wut, die seine Stimme zittern ließ. Mit aufgerissenen Augen suchte sie nach Worten.
    „Da… da war ein Junge… Und… Papa, wirklich, ich hab mit niemandem gesprochen… Er hat nur Hallo gesag…“, plapperte sie los, in Gedanken hektisch nach einer Ausrede suchend.
    Mit der flachen Hand schlug ihr Vater auf das Holz und es erklang ein lauter Knall, der den Wortschwall unterbrach. Lúthien klammerte sich ängstlich an dem Türrahmen fest. Sie legte ihre Wange an das kalte Holz und wünschte, dieser blöde Junge hätte sie nie angesprochen. Sie wollte überall sein, doch nicht mehr hier.
    „Ich habe dir verboten mit jemandem zu sprechen!“, ihr Vater sprang auf und der Stuhl, auf dem er gesessen hatte, kippte um. Er tobte, doch den Grund konnte das Mädchen nicht verstehen. Sie hatte doch gesagt, dass der Junge sie angesprochen hatte, warum rastete er nun völlig aus?
    Vorsichtig versuchte sie sich zurückzuziehen, voller Angst vor ihrem Vater, der sie anschrie.
    „Lüg mich nicht an!“, plötzlich wandte er sich um, als hätte er ihre Bewegung wahrgenommen. Mit einem irren Glanz in den Augen sah er sie an und dieser Glanz machte Lúthien mehr Angst als der ganze Tobsuchtsanfall zusammen. Ihr Mund war trocken, ihre Augen weit aufgerissen. Er kam näher, immer näher zu ihr her. Sie wollte zurückweichen, einfach davonlaufen, doch ihr Körper war völlig starr. Sie konnte sich nicht bewegen.
    Dann beugte er sich zu ihr herunter, bis sie auf Augenhöhe waren. Als ihr Vater ausatmete, konnte sie abermals einen starken, alkoholischen Geruch wahrnehmen. Er konnte doch nicht schon wieder getrunken haben?
    Schon so früh?
    Oder war er nur sehr spät Heim gekommen?
    In diesem Fall hätte er aber wohl länger geschlafen, als er es heute getan hatte?!
    „Du wirst dieses Haus nicht mehr verlassen, hast du gehört?“, seine Stimme war bedrohlich, bedrohlicher als zuvor.
    Dann plötzlich griff er nach ihren Haaren und riss an ihnen. Das Mädchen schrie auf, als der höllische Schmerz sie durchfuhr, während Haare aus ihrer Kopfhaut rissen. Ihr Vater zerrte an ihren Haaren und riss sie aus dem Zimmer hinaus. Dass er losließ bemerkte sie zuerst nicht, da der Schmerz nicht nachließ. Als ihr Vater jedoch wieder ins Wohnzimmer stürzte und die Tür zuschlug nahm sie langsam wahr, dass er nicht mehr an ihren Haaren herumzerrte.
    Ihre Kopfhaut tat so schrecklich weh.
    Wimmernd griff Lúthien sich an den Kopf und tastete sich vorsichtig über ihre Haare, als wollte sie sichergehen, dass sie noch welche davon besaß.
    Der Schmerz verstärke sich, einzig und allein bei der bloßen Berührung und sie zog ihre Hände schnell zurück. Hilfe suchend sah sie sich in dem Raum um, in dem sie sich nun befand. Rechts von ihr lag die Haustüre, direkt vor ihr erstreckte sich der Gang, der zu ihrem Zimmer führte. Ein alter, hölzerner, von Würmern durchfressener Hutständer befand sich neben der Türe. Lúthiens Blick blieb kurz an ihm hängen. Sie hatte nie begriffen, was ihr Vater an diesem Hutständer fand, aber er hatte ihr verboten ihn nur anzufassen. Dies konnte jedoch auch daran liegen, dass der Hutständer auf jeden Menschen wirkte, als würde er bei jeder Berührung zu Staub zerfallen.

    Im Wohnzimmer war nun Ruhe eingekehrt, eine unheilvoll wirkende Stille. Zögernd musterte Lúthien die Türe, die in den Raum führte, doch sie hatte nicht vor, ihn zu betreten. Wieso war ihr Vater plötzlich so ruhig geworden?
    Schweigend beobachtete sie die Scheibe, durch die man in das Zimmer schauen könnte, wäre dort keine derartig dicke Dreckkruste, die das Durchsehen unmöglich machte.

    Sie wimmerte, als der Schmerz sich abermals verschlimmerte. Wohin sollte sie nun?
    Ihr Vater hatte ihr verboten aus dem Haus zu gehen und sie wollte sich nicht ausmalen, was geschah, wenn er sie draußen erwischte. Als sie sich in Bewegung setzte, um in ihr Zimmer zu gehen, verließ sie für einen Moment der Gleichgewichtssinn und sie taumelte. Ihr wurde übel.
    Erst als sie sich zu Boden sinken ließ, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, merkte sie, wie die Übelkeit sich verflüchtigte

    Erst als der Schmerz an ihrem Kopf nachließ, erhob sich das Mädchen und schlich in ihren Raum.
    Im Wohnzimmer hatte sich nichts mehr geregt - es war ihr unheimlich.
    Schweigend und mit ausdruckslosem Gesicht starrte sie das Holz der Türe an, direkt vor ihrer Nase.
    Noch nicht oft hatte sie erlebt, dass ihr Vater derartig ausrastete. Zwar hatte er viele Anfälle von Übellaunigkeit und es war keine Seltenheit, dass ihrem Vater die Hand ausrutschte… Aber dass er so überreagierte, nur weil ein Junge sie angesprochen hatte…
    Es wollte ihr nicht gelingen eine Erklärung für den Wutausbruch ihres Vaters zu finden. Vielleicht war er betrunken – es war ihr einziger vernünftiger Einfall bisher.
    Oder… oder er hatte Angst davor Ärger von den Ältesten des Dorfes zu bekommen. Vielleicht wollte er einfach nicht riskieren, dass man Lúthien mit einem anderen Kind zusammen sah, wo man ihr doch den Umgang mit den Anderen untersagt hatte.
    Kurz lehnte sie sich mit der Stirn an das kühle Holz, dann legte sie ihre Hand um den Türgriff und öffnete die Tür. Ohne einen genauen Blick in den Raum zu werfen, trat sie ein…

    Ausgelöst durch einen Luftzug fiel die Tür mit einem lauten Knallen ins Schloss. Das Mädchen zuckte zusammen, doch der plötzliche Lärm war nicht allein Auslöser hierfür.
    Ihr Zimmerfenster war weit geöffnet. Erst erschrocken, dann leicht verdattert blickte sie das Fenster an. Sie würde ihr Zimmerfenster nicht einfach so offen stehen lassen. Nur teilweise öffnete sie es abends…
    Doch jetzt?
    Wieso stand es jetzt offen?
    Ihr Vater hatte es bestimmt nicht geöffnet… Er wagte es ja kaum in ihr Zimmer und wie es hier aussah, wie hoch oder niedrig die Raumtemperatur war, kümmerte ihn nicht.
    Es gab nur eine Erklärung, die sinnvoll klang… Jemand musste versucht haben in ihr Zimmer einzudringen…
    Doch wer?
    Wer sollte einen Grund hierzu haben?

    Das Mädchen stürzte auf das Fenster zu und beugte sich hinaus.
    Fast zwei Stockwerke unter ihr erstreckte sich eine kleine Sackgasse, was hieß, dass das gegenüber liegende Hausdach eines kleineren Hauses, fast direkt unter ihr Fenster reichte. Sollte hier jemand eingestiegen sein? Schnell sah sie sich im Zimmer um, um sicher zu gehen, dass sich niemand außer ihr hier befand. Hatte der Einbrecher schon den Raum gewechselt und war nun im anderen Teil des Hauses unterwegs?
    Sie lehnte sich weiter aus dem Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Müll.
    Viel Müll.
    Sonst nichts. Kein Mensch…
    Wer sollte in ihr Zimmer einbrechen? Wäre sie nun hier gewesen, hätte sie den Dieb schnell ertappen können. Warum war er also nicht in einen der anderen Räume eingebrochen, in dem es viel mehr zu stehlen gab?!

    Das Mädchen fröstelte.
    Dichte Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben und verdeckten sie nun vollständig.
    Es sah nach Regen aus.
    Lúthien schloss hastig das Fenster, dann wandte sie sich von dem wolkenverhangenen Himmel ab, in Gedanken bei dem geöffneten Fenster. Für andere Menschen war es wohl nichts ungewöhnliches, wenn ein Fenster offen stand, aber für sie schon… Für sie war es sehr wohl ungewöhnlich.
    Sehr ungewöhnlich.
    Stumm setzte sie sich in ihr Bett und zog die Beine an. Noch immer spürte sie den Schmerz, den ihr Vater ihr bei seinem Wutausbruch zugefügt hatte.
    Ungewollt begann sie wieder zu wimmern und Tränen stiegen ihr in die Augen, nur bei der bloßen Erinnerung an den Vorfall.
    Warum?!
    Schluchzend vergrub das Mädchen ihr Gesicht in ihren Händen, während es draußen langsam zu regnen begann…


    Sie erwachte. Ihr Mund fühlte sich vollkommen trocken an. Vorsichtig löste sie ihre Wange von ihrem Arm.
    Verschlafen kniff das Mädchen ihre Augen zusammen.
    Sie hatte lange Zeit geweint, obwohl sie den richtigen Grund nicht kannte. Noch nie hatte sie so sehr geweint… Schließlich, als es draußen schon wie aus Kübeln geschüttet hatte, waren ihre Tränen versiegt. Es hatte sich so angefühlt, als hätte sie keine Flüssigkeit mehr zu vergießen übrig, sie hatte sich vollkommen leer gefühlt, als gäbe es nichts mehr, dass sie hätte schocken können. Ihre Augen hatten so sehr geschmerzt, dass sie sie geschlossen hatte. Dann musste sie eingeschlafen sein…

    Draußen hatte es wohl aufgehört zu regnen, doch es interessierte Lúthien nicht. Nichts interessierte sie in diesem Moment. Nichts.
    Im Haus war es noch immer still, genauso still, wie zu dem Zeitpunkt, als sie eingeschlafen war.
    Das Mädchen erhob sich aus ihrem Bett. Wie aus Gewohnheit suchte sie ihre Matratze nach der Puppe ab, bis ihr einfiel, dass diese ja verschwunden war. Natürlich… Verschwunden…
    Stumm ließ sie ihren Blick durch den Raum und auch über die Umgebung vor ihrem Fenster gleiten. Es war dunkel. Jetzt schon?
    Sie konnte nicht glauben, dass sie so lange geschlafen hatte, aber wenn sie es sich recht überlegte, wusste sie nicht einmal, was sie hätte tun sollen, während dieser Zeit… Sie durfte ja nicht aus dem Haus. Egal.
    Es interessierte sie nicht, was ihr Vater sagte. Jetzt nicht.
    Ob er unten im Wohnzimmer war uns sich betrank? Oder war es schon so spät, dass er außer Haus gegangen war?
    In diesem Moment wünschte sie sich fast, dass ihr Vater noch unten war und sie sah, wie sie das Haus verließ. Doch sie verwarf den provozierenden Gedanken sofort wieder, als sie sich die schrecklichen Folgen auszumalen begann.
    Wäre ihr Vater noch im Haus, so würde sie es wohl nicht verlassen können.

    Lúthien schlich sich auf den Gang hinaus und suchte ihre Umgebung nach dem Flackern eines Lichtes ab.
    Nichts.
    Er schien tatsächlich wieder gegangen sein... Wieder gegangen um sich mit Alkohol die Sinne zu vernebeln.
    Sie huschte durch das Haus, dieses Mal nur darauf bedacht, so schnell wie möglich diesem Ort zu entfliehen. Das Mädchen stieß die Haustüre auf und flüchtete, nicht darauf achtend, die Türe zu schließen. Wovor sie nun flüchtete, war ihr nicht klar. Ihr Vater war nun nicht im Haus und es wäre wohl sinnvoller gewesen, nach dem Streit abzuhauen.
    Aber schon wieder drängte sich ihr eine Frage auf.
    Wohin sollte sie gehen? Sie hatte niemanden, zu dem sie gehen konnte, bei dem sie vielleicht sogar wohnen konnte…
    Ging sie davon aus, dass ihr Vater heute Mittag sturzbetrunken gewesen war, hatte er morgen alles vergessen, was er ihr angetan und was er ihr gesagt hatte…
    Wenn nicht, würde sie in den nächsten Tagen oder vielleicht sogar Wochen am Tag nicht mehr hinaus dürfen.
    Sollte sie sich tatsächlich darauf verlassen, dass ihr Vater heute Mittag getrunken hatte?
    Doch ihr war klar, dass sie eigentlich keine andere Wahl hatte.

    Lúthien rannte die Gasse entlang, achtete zuerst gar nicht auf ihre Umgebung, doch irgendwann hielt sie inne. Außer Atem legte sie ihre Hand an eine der Mauern und stützte sich so ab, während sie mit der linken Hand ihre Seite umklammerte.
    Ihr Blick wanderte durch die Gasse, in der sie sich befand. Es war dunkel, was auch daran lag, dass sich dichte Wolken vor den Mond geschoben hatten. Sie erkannte die vielen Müllbeutel, die fast direkt vor ihr den Durchgang der Gasse versperrten. Hätte sie nicht Inne gehalten, wäre sie wohl darüber gestolpert, da die Säcke in der Dunkelheit und in ihrer Geschwindigkeit gut zu übersehen waren.
    Müde sah sie sich um, noch immer ihre Hüfte umklammernd. Sie würde wohl wieder zurückgehen müssen. Es behagte ihr nicht, über den vielen Müll steigen zu müssen, in dem teilweise sogar noch einige Ratten saßen.

    Erst als ihr Seitenstechen nachgelassen hatte, setzte sie sich wieder in Bewegung. Ihre Hand, feucht von der Nässe, die noch an der Wand gehaftet hatte, wischte sie in einer beiläufigen Bewegung an ihrem Kleid ab. Schweigend und dieses Mal etwas langsamer ging sie die Gasse entlang. Sie gelangte an einer Kreuzung an, die sie vorhin überhaupt nicht bemerkt hatte. Rechts und links von ihr verlief die Hauptstraße und führte zum großen Marktplatz. Geradeaus ging es in eine Sackgasse.
    Stumm wandte sie sich nach rechts. Noch nie hatte sie den großen Marktplatz bei Nacht gesehen. Das lag aber daran, dass sie noch nie so weit in einer Nacht gelaufen war. Unglücklich sah sie sich auf dem Platz um. Er war leer.
    Vollkommen leer.
    In der Mitte des Platzes war ein Brunnen. Als sie näher trat, musste sie jedoch sehen, dass darin kein Wasser mehr war. Er war völlig ausgetrocknet.

    Plötzlich vernahm sie, direkt hinter sich ein Geräusch. Jemand war hier. Jemand, außer ihr war auf diesem Platz.
    Jemand war hier und beobachtete sie.
    Ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinab.
    Wie versteinert stand sie da. Angst stieg in ihr auf, wie giftiges Gas.
    Irgendwo hinter ihr bewegte sich etwas und sie konnte ein leises Rascheln hören.
    Bei dem Geräusch spürte sie, wie sich die Härchen auf ihren Armen aufstellten. Das Mädchen fröstelte. Vor Angst grub sie sich ihre Fingernägel tief ins Fleisch, nur um nicht auch noch in Panik zu geraten.
    Es war dunkel. Viel zu dunkel, wie ihr nun auffiel.
    Und es war gefährlich zu so später Stunde auf den Straßen herumzugeistern.
    Sie konnte den Fremden nicht mehr hören, doch sie spürte, dass er sie beobachtete. Sie spürte seinen aufmerksamen Blick auf ihrer Gestalt, spürte, wie er ihre Reaktion musterte und sie wohl zu einordnen versuchte.
    Geschockt stand sie da.
    Sie wartete.
    Wartete darauf, dass er einen Angriff startete, dass er wenigstens näher kam.
    Doch er blieb regungslos, was ihr mehr Angst machte, als wenn er auf sie zugesprungen wäre.
    Lúthien zitterte.
    Doch sie zitterte nicht vor Kälte.
    Sie zitterte vor Angst.
    Dann sprach er, nicht mit wie erwarteter, gruseliger, dunkler Stimme, sondern mit einer ihr im ersten Moment unbekannten Stimme, die sie jedoch im nächsten Moment erkannte…


    Das nächste Kapitel trägt den Namen "Der Junge aus Lólindir".



    Re: Lúthien Cyriatan

    Ice Cold Killa - 04.08.2008, 16:12


    Subba!! Weiter so^^ ich kanns gar nich erwarten weiterzulesen =)



    Re: Lúthien Cyriatan

    Eve - 04.08.2008, 17:49


    Weeeeeeiter *süchtig bin*



    Re: Lúthien Cyriatan

    Lexa - 05.08.2008, 11:51


    Bitte bitte bitte bitte so schnell wie möglich weiterschreiben!!! das ist so eine tolle geschichte (aber es ist doch klar, wer ihr da gegenüber steht ^^ ich hätte es genauso geschrieben)
    *auch süchtig bin*

    Lg, Lexa :D



    Re: Lúthien Cyriatan

    Calamita - 05.08.2008, 17:25


    Lass dir Zeit, ich kann wohl eh erst frühestens übermorgen lesen :P



    Re: Lúthien Cyriatan

    Calamita - 19.08.2008, 19:52


    *Thread hochstups und zu dragonheart guck*



    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 20.08.2008, 19:03


    Der Junge aus Lólindir

    Kani saß auf der obersten Stufe der Treppe, die zum Treppenpodest des Hauses seines Großvaters führten. Er saß in völliger Dunkelheit und hatte bisher seinen Gedanken nachgehangen. Nun aber, gab es etwas viel interessanteres, dem es sich zu widmen galt.
    Sie, das Mädchen, über das so viel gesprochen wurde, hatte den Markplatz betreten, an den auch Großvaters Haus angrenzte. Sie hatte ihn nicht bemerkt.
    Der Junge wollte eigentlich sofort im Haus verschwinden, doch er war viel zu neugierig, um sie nun einfach alleine zu lassen. Da sie ihn nicht zu bemerken schien, konnte er sie ja ruhig noch ein wenig beobachten…
    Was sprach schon dagegen?
    Sein Blick folgte ihrer Gestalt, die sich fast schlafwandlerisch über den Platz bewegte – direkt auf den ausgetrockneten Brunnen zu.
    Was sie hier wohl zu suchen hatte?
    Sie wohnte doch etwas weiter entfernt von diesem Platz!?
    Kani starrte das Mädchen an. Ja, die Leute hatten Recht. In der Dunkelheit erschien sie tatsächlich unheimlich. Das lag nicht nur an ihrer hellen Haut, die in der Dunkelheit seltsam schimmerte, sondern überhaupt an der Tatsache, dass sie hier war.
    Er, der über vier Jahre älter war, als sie, hatte wohl schon das Recht, hier draußen rumzusitzen. Und er saß ja nur… Er streunte nicht umher, wie sie.
    Und es konnte in Máraran bei Nacht auch gefährlich werden. Wenn er nur an die vielen Betrunkenen dachte, die sich während der Nacht herumtrieben, an mögliche Räuber…
    Aber Räuber waren schon sehr, sehr ungewöhnlich, wenn er ehrlich war…

    Genervt nahm er wahr, dass eine Ratte direkt unter der Treppe an dem Müll herumnagte. Eine Dose, wohl von einer Berührung der Ratte in Bewegung gesetzt, rollte unter der Treppe hervor und gab dabei ein schepperndes Geräusch von sich. Nun musste sie ihn bemerkt haben, es ging nicht mehr anders. Dieses Scheppern war unüberhörbar.
    Und tatsächlich, wie vorausgesehen hielt sie inne. Das Mädchen stand stocksteif da, schien unfähig zu sein, sich zu bewegen.
    Kani biss sich auf die Lippe. Sollte er einfach verschwinden, oder sie ansprechen?
    Wahrscheinlich war es besser, einfach ins Haus zu gehen, doch wollte er sie mit der Angst zurücklassen, dass jemand sie beobachtete?
    Woher sollte sie denn wissen, dass ihr Beobachter einfach verschwunden war?
    Wenn er nun einfach ging, wäre es nicht möglich, dass sie völlig in Panik geriet, weil sie dachte, irgendjemand wäre immer noch hinter ihr her?
    Nein, er würde sie wohl ansprechen müssen. Wenn er hier schon saß und ihr, so vermutete er, auch Angst einjagte, dann wäre es wohl nur fair, mit ihr zu sprechen.
    Aber was in aller Welt sollte er ihr sagen?
    Hallo ich bins, Kani. Keine Angst, ich benehme mich grad nur wie ein Stalker. Also beachte mich einfach nicht und tu, was auch immer du hier tun möchtest.
    Toll. Entnervt suchte Kani nach Worten, während sein Blick noch immer auf die regungslose Gestalt geheftet war.
    Fast hilflos kam er sich vor, wie er da saß und hektisch nach Worten suchte.
    Er hasste dieses Gefühl der Hilflosigkeit.
    „Öhm… So spät noch auf den Beinen?“, er hatte nicht wirklich über diese Worte nachgedacht. Nur wenige Sekunden nachdem er sie ausgesprochen hatte, kam er sich mehr als dämlich vor.
    So dämlich, dass er sich gerne geohrfeigt hätte. Wie dumm musste diese Frage auf das Mädchen wirken, das so eindrucksvoll und mysteriös für ihn war.
    Er nahm wahr, wie sich ihr Körper entspannte, wie sie jedoch noch immer eine Gefahr erwartete, nahm wahr, dass sie die angehaltene Luft ausatmete. Und dann wandte sie sich um.
    Ihr Gesicht wirkte verschlossen, wie schon am morgen. Das Mädchen blickte ihn an, ohne besonders interessiert oder verstört auszusehen. Sie konnte sich perfekt verstellen. Wollte sie nicht, dass jemand eine Regung aus ihrem Gesicht las, so ließ sie es einfach nicht zu.
    Der Situation wegen leicht verlegen musterte Kani sie. Ein für sein Dafürhalten viel zu großes Kleid hing schlaff ihren hageren Körper hinab. Sie schien nicht die beste Erziehung zu erhalten, nicht den besten Vormund zu haben.
    Wer sonst ließ sein Kind in einem dermaßen großen Kleid im Dorf herumgeistern?
    Welcher fürsorgliche Erwachsene sorgte nicht dafür, dass sein Kind zu solch später Stunde behütet und warm in seinem Bett lag und seinen Träumen nachhing?
    Der Junge lächelte vorsichtig, bemüht, dass sie sein Lächeln nicht als Auslachen missverstand.
    Wie sie es verstand jedoch, konnte er nicht erkennen. Nicht, ob sie wütend war, nicht, ob sie für eine Unterhaltung bereit war.
    „Ja“, ihre Stimme klang hart, als wolle sie auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass ein Gespräch für sie in Frage kam.
    „Mhm…“, Kani begann abermals fieberhaft nach Worten zu suchen. Er wollte sich mit ihr Unterhalten – er wollte sie zu einem Gespräch zwingen. – Warum war ihm selbst nicht ganz klar. Zaghaft lächelte er in der Hoffnung, sie würde das Lächeln erwidern, doch wie schon vorausgesehen trat die erhoffte Wirkung nicht ein. Ihre Züge verdunkelten sich nur noch mehr, was das Lächeln aus seinem Gesicht wischte.
    Nun, sie hatte auf jeden Fall auf seine erste Frage geantwortet, worauf er - Kani durchaus stolz sein konnte.
    „Was willst du?“, wie einen Dolch stieß sie die Frage hervor, völlig unerwartet.
    Kani legte den Kopf schief. Ja, was wollte er, eine berechtigte Frage.
    Doch er konnte wohl kaum antworten, dass sie in seinen Augen das interessanteste Mädchen des Dorfes war. Oder doch? Nein, wohl kaum. Obwohl ihn ihre Reaktion darauf sicher interessieren würde.
    Nun, die zweite Antwort die ihm einfiel klang in seinen Augen ziemlich einfach, aber die Antwort die darauf folgen würde missfiel ihm. Würde er nun antworten, dass er sich nur mit ihr unterhalten wollte, wäre wohl die voraussehbare, kühle Antwort darauf:
    Ich aber nicht.
    Natürlich… Aber er hatte nicht vor ihren stummen Wunsch zu befolgen, sie einfach in Ruhe zu lassen. Denn er wollte sich mit ihr unterhalten. Er schwieg.
    Die Antwort blieb er ihr wohl schuldig, was ihm aber nicht Leid tat. Auf die Frage, was er von ihr wollte, fiel ihm auf Anhieb keine sinnvolle Antwort ein. Er würde sich erst eine zurechtlegen müssen… Er hob den Kopf, als plötzlich ein Geräusch an seine Ohren drang.
    Er vernahm das leise Husten seines Großvaters. Dieser musste soeben erwacht sein, denn Kani hatte das Haus nicht verlassen, bevor er nicht sicher war, dass der alte Mann eingeschlafen war.
    Besorgt sprang er auf, hielt jedoch noch einmal inne und blickte zu dem Mädchen hinab, das ihn mit einem so stechenden Blick musterte, als wolle sie ihn durchleuchten – als wolle sie seine Absichten von seinem Gesicht ablesen. Nun jedoch wirkte sie trotz ihrer Maske erschrocken, über seine plötzliche Bewegung. Er musterte sie noch einmal, schlug jedoch nach kürzester Zeit die Augen nieder.
    Wortlos verschwand er im Haus und ließ das Mädchen zurück in der Dunkelheit.

    Er jammerte. Sein Atem ging ruckartig, doch seine Augen hielt er geschlossen. Der Junge kniete sich neben den alten Mann, dessen weißes Haar schweißverklebt war und auf dessen faltiger Haut sich ebenfalls Schweißtröpfchen gebildet hatten.
    Kani legte seine Hand auf die blasse Hand seines Großvaters, der erst erschauderte, dann jedoch allmählich zur Ruhe kam. Er betrachtete seinen Großvater mit einem unguten Gefühl in der Magengrube. In den letzten Nächten hatte sein Großvater immer wieder derartige Anfälle gehabt, bei denen er eine Zeit lang nur noch haltlos gezittert, geschrieen, teilweise sogar um sich geschlagen hatte. Der alte Mann stöhnte und dieses Geräusch trieb Schweißperlen auf Kanis Stirn. Sein Großvater war nicht krank, dem war er sich sicher. Aber was war es dann?
    Der Alte lag gekrümmt da, seine noch immer leicht zitternde Hand um die seines Enkels geklammert. Abermals stöhnte er, dann flüsterte der Mann etwas unverständliches.
    „Großvater?“, flüsterte eine ängstliche Stimme und zu seinem Entsetzen musste Kani feststellen, dass er selbst derjenige gewesen war, der geflüstert hatte.
    „Kani…“, Großvaters Stimme brach, es schien ihn unendlich anzustrengen, ein Wort hervorzubringen. Abermals durchlief ein Zittern seinen Körper, dann lag er wieder völlig erschöpft und durchgeschwitzt in seinem Bett.
    Normalerweise war der Alte nicht besonders gebrechlich. Er wirkte, trotz seines fehlenden Sehsinns immer sehr bodenständig, hatte nie Hilfe benötigt. Kani vermutete, dass ihn keine Schmerzen jede Nacht aufheulen ließen, sondern nur schreckliche Alpträume. Doch er war sich nicht im Klaren darüber, woher diese Alpträume kommen konnten. Kaum etwas konnte diesen Mann ängstigen…
    Woher sollten dann also diese Alpträume kommen?
    Der Junge befreite seine Hand aus dem Klammergriff des Alten und legte sie ihm auf die Stirn.
    Kein Fieber.
    Er erhob sich, um ein feuchtes Tuch zu holen, mit dem er das verschwitzte Gesicht seines Großvaters abtupfen konnte.
    Über die Begegnung mit dem Mädchen konnte er später nachdenken, nun musste er sich um seinen Großvater kümmern…


    Das nächste Kapitel trägt den Namen "Wölfe".



    Re: Lúthien Cyriatan

    Dennis17 - 21.08.2008, 22:22


    HUHU dragonheart

    Endlich hab ich mal zeit gefunden um deine Geschichte mal so richtig und in Ruhe durchzulesen. Haste ja wikrlich super klasse geschrieben. Da kannste ja bald nen Buch draus machen =).
    Hm dass Kind in der Geschichte jeden Tag mit dem Gednakne klar kommen muss, dass es von ihrem eigenen Vater ncict gliebt wird,ist echt bitter, aber sowas gibts tasächlich in der Realität. Und wen man dann noch dem Kind die Schuld dafür gibt, ist ja eig. das letzte, weil es ja nicht absichtlich den Tod wollte, sondern wil es ungünstige Bedienungen bei der Geburt waren. Eig. müsst hier ein Vater zu seiner Tochter stehen.

    UNd das Gefühl, wen man jemaden sehr mag und net weiß was man den im ersten Moment sagen soll, kennt wohl auch so ziemlich jeder denk ich.
    Sowas kostet einfach beim ersten Mal Überwindung.

    Jo dragon mach weiter so, bin schon auf den nächsten Teil gesapnnt!!!!

    Liebe Grüße vom Gastii



    Re: Lúthien Cyriatan

    Calamita - 22.08.2008, 11:52


    Der nächste Titel gefällt mir xD



    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 04.09.2008, 22:12


    Wölfe
    Teil 1

    Dunkelheit lastete wie ein dunkles Tuch auf dem Dorf.
    Nichts regte sich, kein Laut durchdrang die Stille. Plötzlich zerriss der unheimlich, klagende Schrei eines Nachtvogels die Stille. Der ungewöhnlich große Vogel saß auf einem Ast außerhalb der Palisaden. Plötzlich erhob er sich in die Lüfte und setzte sich über eben diese hinweg. Erneut stieß das Wesen einen lauten Schrei aus, gleich einer Warnung in der totenstillen Nacht.
    Sein gebogener, scharf wirkender Schnabel öffnete sich weit, als er einen dritten, etwas lauteren Schrei in die Nacht hinaus stieß.
    Eine einzelne, schwarze Feder löste sich aus dem Federkleid des gewaltigen Tieres. Kaum zu erkennen in der rabenschwarzen Nacht, kreiste das Ungetüm noch einige Male am Himmel. Dann, mit einigen kräftigen Schlägen seiner Flügel setzte es sich in Bewegung, stieß hinauf in den Himmel. Er ließ das Dorf hinter sich, entschwand in die Dunkelheit, das einzige Überbleibsel, der einzige Beweis für seine Anwesenheit die glänzende, schwarze Feder zwischen den verdreckten Gassen.

    Ein weiteres Wesen durchbrach die Regungslosigkeit, welche die Gassen beherrschte.
    Es hatte die ganze Nacht darauf gewartet, die ganze endlos wirkende Nacht gewartet. Anfangs hatte es geschlafen, war jedoch von einer interessanten Begebenheit geweckt worden. Das eine war zum anderen gekommen, doch es war zu seinem Glück nicht der Fall eingetroffen, den er vorausgesehen hatte.
    Nun aber war es soweit, der Höhepunkt der Nacht, der Tiefpunkt des Tages. Wäre es am Tag geschehen, hätte er sterben können. Und sterben war das letzte, was er nun brauchen konnte.
    Er war seltsam ruhig, obwohl er sich darauf gefreut hatte. Natürlich, es war eine Last. Eine Last für ihn, eine sehr schwere Last sogar.
    Doch hatte er sie unter Kontrolle, so war sie erträglich. Nein, nicht nur erträglich, es konnten sogar die schönsten Stunden seines Lebens sein.

    Das Wesen setzte Tatze vor Tatze, lautlos, mit gesenktem Kopf. Es wirkte wie ein zu großer Hund… Ein zu großer Hund mit grauem, glatten, rauen Fell. Er war kein Hund, das erkannte jeder auf den ersten Blick.
    Er war ein Wesen, das in jedem Dorf gefürchtet, gejagt und verachtet wurde. – Er war ein Wolf.
    Für ein Wesen wie ihn gab es in der Nähe eines Dorfes kaum Überlebenschancen. Nur an eine Stadt zu denken war Suizid für ein Wesen wie ihn. Als ob irgendeiner ihrer Rasse jemals absichtlich eine Pfote in eine Stadt gesetzt hätte. Wem jedoch dieses Unglück widerfahren war in eine Stadt vorzudringen oder nur in einem Dorf erkannt zu werden, konnte nicht mehr davon berichten. Keiner war lebend davon gekommen, bis auf ein paar wenige, manche kaum noch fähig sich fortzubewegen.
    Menschen waren grausam, wenn es darum ging ihre eigenen Ängste zu verdecken. Das war es doch, weshalb sie versuchten ihre Rasse auszurotten. Sie hatten Angst um sich, um ihren Eigentum, um ihre Schäfchen. Nicht, dass sie eines ihrer kranken Nutztiere von seinem Leiden befreien, es in den Wald führen, oder einfach auf der Weide zurücklassen würden.
    Nein.
    Warum wunderten sie sich dann, dass sich die Wölfe holten, was sie brauchten?
    Nein, die Menschen durften sich nicht beklagen.
    Sie breiteten sich aus, vermehrten sich erschreckend schnell und begannen sogar das Revier der Wölfe zu beschädigen. Wenn sie den Wölfen schon ihre Nahrung vor der Nase wegschossen, so sollten sie wenigstens so kooperativ sein und die Wölfe nicht abschlachten, wenn sie sich ihre eigene Nahrung zu beschaffen suchten.

    Der Wolf bewegte sich langsam, er hatte die Nase gen Erde gesenkt, schnupperte, wonach, war er sich nicht sicher.
    Es hing ein seltsamer Geruch in der Luft. Ein schwerer, unbekannter Geruch. Noch nie hatte er einen ähnlichen Geruch in der Nase gehabt. Nie.
    Er war intensiv, intensiver als alles, was er je gerochen hatte. Und es hing in der Luft, wie ein zähes Gas.
    Der Wolf schnupperte in der Luft.
    Natürlich hatte er den riesigen Vogel am Himmel erblickt.
    Natürlich hatte er die warnenden Schreie vernommen.
    Doch weshalb roch das Wesen so seltsam?
    So unbekannt?
    So… abstoßend und gleichzeitig anziehend?
    Seine Nase zuckte und der Kopf des Tieres fuhr hoch. Der Geruch wurde intensiver. So, als wäre das Wesen noch anwesend… oder wenigstens ein Teil von ihm.
    Interessiert setzte er sich in Bewegung, dieses Mal ein wenig schneller als zuvor. Er musste wissen, was der Auslöser für diesen schrecklichen Geruch war, der ihm in der Nase juckte, der in fast verrückt machte. Vielleicht war er etwas schlauer, wenn er den Grund oder wenigstens das Wesen erblickt hatte, das derartig… stank? Duftete?
    Er wusste keine Antwort. Ob das Tier stank oder duftete, war ihm ein Rätsel. Einerseits war der Geruch abstoßend. Hing ihm in der Nase, wie ein Gas, sodass er am liebsten davongerannt wäre. Andererseits jedoch roch er derartig süßlich – Ja, tatsächlich „süß“ – sodass er nicht vorhatte abzuhauen, bevor er dem Geruch nachgegangen war.

    Lúthien saß schweigend in ihrem Zimmer. Es war fast ein Wunder, dass sie wieder den Weg nach Hause gefunden hatte, nach dieser seltsamen Unterhaltung.
    Ihre Augen waren geschlossen, doch sie hatte nicht vor zu schlafen. Selbst wenn sie es gewollt hätte, wäre es ihr unmöglich gewesen.
    Was wollte dieser Junge nur von ihr?
    Müde hob sie ihre Augenlider um aus dem Fenster zu spähen.
    Sie war gerannt, hatte nicht einmal dem Seitenstechen nachgegeben, war nicht stehen geblieben. Warum sie so panisch die Flucht ergriffen hatte, war ihr nicht klar. Aber… hatte sie nicht vorgehabt nie wieder in dieses Haus zurückzukehren, nie wieder dieses Zimmer zu betreten?
    Aber wohin sollte sie schon gehen, wie sollte sie einen Weg aus dieser beklemmenden Situation finden?
    Wobei nun auch noch dazukam, dass ihr irgendein fremder Junge nachstellte.
    Ja, der fremde Junge…
    Er war ein Rätsel in sich.
    Als wisse er überhaupt nichts, war er an diesem Morgen zu ihr gekommen und hatte sie angesprochen.
    Hatten sie ihm nicht erzählt, dass sie Lúthien für den Tod höchstpersönlich hielten?
    Dass sie nach ihren Aussagen die Menschen abholte, sich von den Seelen der Menschen ernährte und so überlebte?
    Kein Mensch, der nicht Lebensmüde war, würde sie – den „Todesengel“ – nach einer derartigen Geschichte ansprechen. Niemals.
    Aber warum in aller Welt hatte er sie nun sogar ein zweites Mal angesprochen?
    Gut und schön, er wohnte, wie es schien, bei dem Markplatz, aber weshalb saß er in stockdunkler Nacht da und… Ja, was hatte er dort eigentlich gemacht?
    Gewartet?
    Worauf?
    Hatte er gewusst, dass sie kommen würde? Nein, das war nicht möglich.

    Ein Schrei riss Lúthien aus ihren Gedanken.
    Das Fenster war geschlossen, dennoch hatte sie das Geräusch genau vernommen.
    Wer hatte geschrieen?
    Sie sprang aus dem Bett und eilte ans Fenster.
    Nichts… - Draußen war es einfach zu dunkel, um etwas erkennen zu können.
    Das Mädchen fröstelte.
    Schrecklich… Der Schrei hatte sich so schrecklich angehört.
    So schrecklich, dass es ihr die Nackenhaare sträubte.
    Wie erstarrt stand sie da.
    Sie wusste nicht, ob sie hinausgehen sollte, sie wusste nicht, was sie draußen erwartete.
    Doch sie konnte nicht anders.
    Wenn sie helfen konnte, wenn draußen jemand verletzt war…
    Sie musste nachsehen.
    Zögernd setzte sie sich in Bewegung...

    Ende Kapitel 7
    Wölfe - Teil 1



    Das nächste Kapitel trägt den Namen "Wölfe - Teil 2".


    LG Dragon



    Re: Lúthien Cyriatan

    Ice Cold Killa - 05.09.2008, 10:33


    Sehr gut :) Bin total süchtig. Aber eines versteh ich net:

    dragonheart hat folgendes geschrieben:

    Ein zu großer Hund mit grauem, glatten, rauen Fell.

    Glattes, raues fell??



    Re: Lúthien Cyriatan

    Eve - 05.09.2008, 13:43


    glatt -->vielleicht am körper anliegend, also nicht buschig
    rau --> joa, hat wolfsfell so an sich^^

    *meeeehr will*



    Re: Lúthien Cyriatan

    dragonheart - 01.10.2008, 21:18


    Wölfe
    Teil 2

    Lúthien stieß die Haustür auf. Hektisch suchte ihr Blick den Platz auf mögliche Gefahren ab, dann erst trat sie einen Schritt hinaus.
    Ein kalter Luftzug ließ die Tür hinter ihr ins Schloss fallen.
    Sie zuckte zusammen, als der unerwartete Knall an ihre Ohren drang. Wütend, dass sie sich von der Tür hatte erschrecken lassen, drehte sie sich um und musterte für wenige Sekunden das Holz.
    Warum war sie heute nur so schreckhaft?
    Stimmen drangen an ihre Ohren.
    Die Frau, die geschrieen hatte würde Hilfe erhalten, die Rettung vor was – auch – immer war nah.
    Eigentlich sollte sie zurück ins Haus gehen. Wenn sie nun an dem Ort auftreten würde, an dem irgendetwas – wie sie vermutete – schreckliches geschehen war, würden die Leute sofort wieder reden.
    Und ihr Vater wäre dann noch schlechter auf sie zu sprechen, besonders weil er ihr verboten hatte, das Haus zu verlassen.
    Dennoch. Sie wollte sich jetzt nicht wieder im Haus verkriechen, sie wollte erfahren, was geschehen war.
    Man musste sie ja nicht unbedingt sehen, sie konnte sich auch vor bedrohlichen Blicken verstecken.
    Niemand musste sie sehen.
    Niemand musste sie hören.
    Sie war schließlich der Todesengel, der sich still an seine Opfer anschlich und sie spüren ließ, was der Tod bedeutete.

    Sie lächelte müde über ihren albernen Gedanken.
    Wäre Lúthien tatsächlich ein Todesengel, dachten sie im Ernst, dass sie dann noch leben würden?
    Dachten sie tatsächlich, nach allem was sie ihr angetan hatten, dass sie sich noch die Mäuler über sie zerreißen könnten?

    Die Stimmen wurden lauter, während sie sich in Gedanken auf den Ort des Geschehens zu bewegte.
    Jetzt sollte sie langsam darauf Acht geben, dass man sie nicht sah.
    Es war wohl am Besten, wenn sie sich in der Dunkelheit der Gassen aufhielt und von dort aus den hektischen Stimmen lauschte.

    Stumm wählte sie die dunkelsten Gassen, während das aufgeregte Geflüster, die Rufe immer lauter wurde.
    „Es war… Ich wollte gerade nach Hause gehen…“, Lúthien lehnte sich ein wenig aus dem Schatten um die Frau erkennen zu können, die dort stand und, wie Lúthien vermutete, fast zum hundertsten Mal die Geschichte wiederholte.
    Es war, wie das Mädchen sofort erkannte, die breite Gemüsefrau, die jeden Tag ihre Ware auf dem Marktplatz anbot.
    Sie war umringt von aufgeregten Menschen, die neugierig zu der kleingewachsenen Frau herunterstarrten.
    „Ich… Und dann hab ich ihn gesehen! Er war riesig, ich sage euch, riesengroß“
    Lúthien beobachtete die Traube, die mit angehaltenem Atem auf die nächsten Worte der Erzählerin warteten.
    „…Das Tier hatte riesengroße, hellblaue Augen und Zähne… ich sags euch, die Zähne die das Monster fletschte, die durchtrennen mit einem Biss das Genick eines Menschen… Und das Fell… Grau, auch ein bisschen schwarz… Er sah furchterregend aus“, die Gemüsefrau endete um sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn zu tupfen.
    „Ein Wolf! Ganz sicher, Oda hat einen Wolf gesehen!“, schrie ein junger Mann heraus, „Es passt doch alles? Riesige Zähne, graues Fell, riesengroß! Wir haben einen Wolf im Dorf… Und ich glaube nicht, dass der ganz alleine hier reingekommen ist. Wahrscheinlich… Wahrscheinlich sind es sogar mehrere Wölfe!“

    Geschockt starrte Lúthien den Mann an. Nicht die Angst vor den Wölfen ließ sie zusammenzucken, sondern die Art und Weise, wie mit den Tieren verfahren wurde, wenn sie einen fingen.
    Grob gesagt wurden sie gequält, bis einer der irren Jäger sie von ihrem Leiden befreite und tötete.
    Auf die Details wollte sich Lúthien nicht einlassen. Davon wurde ihr wahrscheinlich nur auch noch übel.

    „Oh, huh, hi“, eine ganz nahe Stimme ließ sie abermals zusammenzucken. Lúthien fuhr herum und sah sich Auge in Auge mit dem fremden Jungen.
    „Hallo“, böse blickte das Mädchen ihren Gegenüber an. Er schien nervös, war leicht verschwitzt.
    „Was ist mit dir los?“, ihre Stimme war kühl, dennoch machte sie sich Sorgen, ob er aus ihrem Blick herauslesen konnte, dass sie leicht besorgt war.
    „Nichts“, er lächelte.
    Misstrauisch musterte sie ihn. Nichts?
    Aber klar.
    „Ein Wolf wurde gesichtet.“, teilte sie ihm mit und vergaß für einen Moment, dass sie sich vorgenommen hatte nichts mit ihm zu sprechen. Erschrocken schluckte sie die nächsten Worte herunter und blieb still
    Der Junge nickte nur. Es schien ihn nicht übermäßig zu überraschen.
    Lúthien runzelte die Stirn, schwieg aber.
    Sie wandte sich ab, um nachzusehen, ob die Gemüsefrau noch mehr von dem Wolf erzählte, doch sie wiederholte nur abermals ihre Geschichte.
    Nur der Wolf, den sie gesehen hatte, war noch größer, noch furchteinflößender und noch bissiger gewesen.
    Das Mädchen schüttelte den Kopf und wandte sich wieder zu dem fremden Jungen an, stutzte jedoch und sah sich in der dunklen Gasse um.
    Der Junge war verschwunden.

    Ende Kapitel 7



    Das nächste Kapitel trägt den Namen "Revealing Traces - Verräterische Spuren".



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