FanFiction - Ancient Kingdoms

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    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:15

    FanFiction - Ancient Kingdoms
    Ahai!

    Hier die letzte Kurzgeschichte über meinen Main-Char Norazul Lifetaker.

    5 Jahre sind vergangen, seitdem die `Söhne von Arah´ versuchten, die Gildenkrieger in Tyria, Cantha und Elona zu ächten.
    Norazul und seine Ehefrau Kiágara lassen es sich nicht nehmen, trotz ihrer Verpflichtungen in den Nekromanten-Archiven Shing Jeas, immer wieder mal gerne eine Schneise des Todes durch die Gegner der Menschen zu schlagen.

    Dann aber trifft Norazul, der noch immer die Puzzlestücke seiner Vergangenheit zusammensetzt, in Löwenstein auf einen Elementar-Magier, der in ihm einen alten Weggefährten erkennt.

    Noch immer nicht in der Lage, sich an irgendetwas zu erinnern, was vor seinem ersten Erscheinen als schwer Verletzter an den Toren Shing Jeas vor 30 Jahren geschehen ist, liefert dieser alte Kamerad jede Menge neuer Hinweise.

    Aber was wird die Suche hervorbringen?
    .
    .
    .
    Und wichtiger noch: Will der Fluch-Nekromant diese Dinge überhaupt wissen??

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    Okay Lay-Dees und Gents! Diesmal stelle ich die ganze Story in einem Aufwasch hier rein.

    Wenn ihr `Ancient Kingdoms´ oder auch die Vorgänger `With Death Amongst The Living´ und `Shining Darkness´ als Word-Datei haben wollt, schreibt mich einfach per PM an.

    `Ere We Go!!!

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    Ancient Kingdoms

    I – Dual Death

    „War alles zu Ihrer Zufriedenheit?“ fragte die Kellnerin und der in Roben gehüllte Gast nickte. Vor ihm stand ein Teller mit geradezu blankgenagten Geflügelknochen und ein leerer Bierkrug.
    „Absolut bestens“, antwortete eine leise Stimme unter der Kapuze, „es freut mich immer wieder, dass die Gasthäuser Löwensteins ihrem Ruf stets gerecht werden.“
    Zwei Goldstücke landenden klimpernd auf der Tischplatte und ein Drittes flog, meisterhaft gezielt, durch die Luft und landete in der Schürze der stämmigen, mutterhaft lächelnden Frau.
    „Vielen herzlichen Dank!“ rief die Frau und verneigte sich.
    Deshalb überlebte sie nur.
    Der Pfeil rauschte an dem nach hinten springenden Gast und über den Kopf der Kellnerin vorbei und bohrte sich in die Wand.
    Acht schwerbewaffnete Männer und Frauen stürmten durch die Tür und wühlten sich durch die auseinanderstiebenden Gäste und dem in Deckung gehenden Personal auf den Gast zu.
    Der stand einfach da und war eine Sekunde später von der Gruppe umringt.
    Drei Krieger mit Äxten und Hämmern, zwei Waldläufer mit gespannten Bögen, ein Wassermagier mit leuchtenden Augen, ein fies grinsender Nekromant und ein Heiler, an dessen Gürtel neben Kräutersäckchen und Talismanen auch eine Schnapsflasche hing.
    „Norazul Lifetaker?“ knurrte einer der Krieger und umfasste seinen Hammer fester.
    „Ja?“ antwortete die Person vor ihm. So sehr der Krieger sich anstrengte – er konnte in der Dunkelheit unter der Kapuze kein Gesicht erkennen. Trotzdem knallte er einen Steckbrief auf den Tisch.
    Die Zeichnung zeigte einen alterslos erscheinenden Mann mit längeren, weissen Haaren und tätowierter linker Gesichtshälfte.
    „Die Brüder und Schwestern von Fendora Galid waren nicht sonderlich erpicht darüber, was Ihr da mit ihrer Schwester gemacht habt. Also haben sie ein Kopfgeld ausgesetzt.“
    Die Person liess die Schultern hängen. „Das ist ja mal echt was Neues nach all den Jahren.“
    „Sie haben fünfzig Barren Platin auf Euren Kopf ausgesetzt und die holen meine Truppe und ich uns jetzt“, sagte der Krieger und hob den Hammer an.
    „Eine Frage“, sagte die Person vor ihm, „Fendora Galid war eine Banditen-Führerin mit einer dreissigköpfigen Bande und hatte sich einer Höhle mit einem engen, gut zu verteidigenden Eingang niedergelassen, richtig?“
    „Was interessiert mich das?“ knurrte der Krieger und fuhr herum, als plötzlich die gleiche Stimme hinter ihm erklang.
    „Sowas schaffe selbst ich nicht im Alleingang“, sagte Norazul Lifetaker und trat aus dem zum Keller führenden Flur.
    Die acht überraschten Kopfgeldjäger blickten von dem Nekromanten in seiner rauhreifbedeckten Rüstung zurück zu der Person in ihrer Mitte, die die Kapuze zurückschlug.
    Es war eine Frau.
    Totenblasse Haut, nachtschwarze, lange Haare, pupillenlose, leuchtende Augen und ein boshaftes Grinsen, das schwarzgefärbte, zu Reisszähnen gefeilte, Zähne mit eingesetzten Rubinen präsentierte.
    Um ihren Hals lag eine Kette aus Gold- und Platinplättchen, die identisch mit der Kette war, die Norazul um den Hals trug.
    „Rando Temazin“, sagte Kiágara Fleshreaper jetzt mit ihrer echten Stimme, „auf Euch ist ebenfalls ein Kopfgeld ausgesetzt!“
    „Was zur Hölle… „ begann der Krieger, da sprach Norazul plötzlich mit Kiágaras Stimme.
    „Weisst Du, was schlimmer ist, als ein Nekromant? Zwei Nekromanten.“
    Norazul hob seinen Stab, als Kiágara mit Norazuls Stimme sprach. „Und schlimmer als zwei Nekromanten sind zwei verheiratete Nekromanten!“

    „Und? Hat´s geschmeckt, meine Kleine Todesfee?“ fragte Norazul später, als sie beide zum Hafen Löwensteins zurückmarschierten.
    Um sie herum waren Händler dabei, ihre Waren anzupreisen, Männer und Frauen waren unterwegs und Kinder tobten um die Stände und man sah diverse Gildenkrieger in ihren prächtigen Umhängen, manche zusammen unterwegs, andere alleine, die durch die Stadt zogen.
    Löwenstein.
    Lebendig, wie eh und je.
    Norazul und Kiágara winkten einem Händler zu, der von aus Skalflossen gewonnen Schuppen bis hin zu aus Banditengewändern gefertigten Tuchballen anbot.
    „Verzeihen Sie mir!“ entschuldigte sich ein junger Mann, der, einer vollbusigen Gildenkriegerin nachsehend, in Kiágara hineingerannt war.
    Er kam zwei Schritte weiter, da packte Norazuls gepanzerter Handschuh sein Genick wie ein Schraubstock.
    Die Kälte der Berührung war kaum auszuhalten.
    „Genauso unauffällig, wie Du meiner Frau den Geldbeutel gestohlen hast, packst Du ihn jetzt wieder zurück, Bürschchen, oder soll Sie Dir mal zeigen, was Todesmagie so alles machen kann?“
    „E-E-E-Entschuldigung, Sir!“ stammelte der junge Mann, nachdem er in die leuchtenden Augen Norazuls und Kiágaras starrte. Kiágara war mit lediglich einer Körpergrösse von eins zweiundfünfzig regelrecht kleinwüchsig, aber der Mann schien noch kleiner zu werden.
    Er warf den Geldbeutel zurück in die Hände der Nekromantin und, nachdem Norazul ihn aus seinem Griff entlassen hatte, rannte davon.
    Das Nekromanten-Paar sah ihm nach, wie er panisch nicht auf den Weg achtete, über die ausliegenden Waren eines Händlers stolperte und, dank einiger zerbrochenen Tongefässe, mit einem kräftigen Tritt in den Hintern vom schimpfenden Händler sich noch schneller trollte.
    Kichernd zogen beide weiter.
    „Nette Sache!“ sagte eine Waldläuferin, die die Sache beobachtet hatte und das Ehepaar nickte der Frau anerkennend zu.
    „Äh, wo waren wir stehengeblieben?“ fragte Kiágara.
    „Ob´s geschmeckt hat“, sagte Norazul und deutete mit dem Daumen über den Rücken zurück zu dem Gasthaus, aus dem die Leichen geholt wurden, „in der `Hafenstube´.“
    „Das Hähnchen war lecker, aber die Seelen der Kopfgeldjäger – naja.“ Kiágara hob die Schultern. „Der Raubmörder, den uns Grossmeisterin Kuju zum Hochzeitstag geschenkt hatte, war besser.“
    Es war fünf Jahre her, dass Norazul Lifetaker Kiágara Fleshreaper vor den Altar der Fünf Götter geführt und geheiratet hatte.
    Sie war einst seine Schülerin gewesen und nun eine vollausgebildete Nekromantin und beide, denn seit über zwanzig Jahren war Norazul der Meisterarchivar der Nekromanten-Archive von Shing Jea, arbeiteten in jenen Hallen, in denen vom grundlegenden Wissen der Todeskünste bis zu den dunkelsten und übelsten Geheimnissen des Nekromantentums alles lagerte.
    Der Altersunterschied zwischen beiden war nie ein Thema gewesen und Kinder, da waren beide sich einig, waren ein Thema, das noch Zeit hatte.
    „Meine Grossmutter hat immer einen guten Geschmack, wenn es um gutes Essen geht“, meinte Norazul mit einem Schulterzucken. „Zu meinem Siebenhundertfünfzigsten hat sie mir einen Kindsmörder dargeboten, der über dreissig Jungen zuerst missbraucht und dann erstochen hat. Der war gut.“
    Eine von jenen Eigenschaften, die normalen Menschen, wie auch Gildenkriegern, die Anwesendheit von Nekromanten etwas mulmig machte, war deren Angewohnheit, die Seelen der eben Getöteten einzufangen und als Energie- und Nahrungsquelle zu nutzen. Dabei spielte es keine Rolle, ob der oder die Getötete Freund, Feind, oder überhaupt ein Mensch war.
    Diese, nur den Nekromanten vorenthaltene Fähigkeit nannte man das `Seelenernten´.
    Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, dass manche Nekromanten jahre- oder jahrzehntelang keine normale Nahrung zu sich nahmen.
    Norazul zum Beispiel hatte letztmals bei seiner eigenen Hochzeit echtes Essen zu sich genommen.
    „Ich bin mal gespannt“, meinte Kiágara lächelnd, „was ich zu meinem nächsten runden Geburtstag bekomme.“
    „Ich werde dir einen schönen Vergewaltiger holen“, versprach Norazul und kaschierte damit die Tatsache, dass er mittlerweile siebenhunderteinundsechzig Jahre alt war.
    Kiágara war zweiundzwanzig.
    „Einen Raubmörder hätte ich auch ganz… “, begann Kiara, da wurde das Paar von einem spitzen Aufschrei abgelenkt.
    Eine alte Händlerin brach blutend hinter ihrem Stand zusammen, als ein Räuber mit ihrer Geldkassette davonrannte.
    Die Klingen und Stacheln an Norazuls und Kiágaras Rüstungen fuhren sich aus, da pfiff ein Pfeil heran, durchbohrte das Herz des Räubers und nagelte den Mann an eine Häuserwand.
    Der Waldläufer, der den Räuber erschossen hatte, trat zusammen mit dem Nekromanten-Paar und einem Magier zu dem Toten, als schon ein Heiler zu der alten Frau hastete und Heilgebete anstimmte.
    „Sauberer Schuss. Linke Lunge und zwei Herzkammern“, kommentierte Norazul anerkennend und der Waldläufer zog seinen Mundschutz herab, um sein dankbares Lächeln zu präsentieren.
    „Danke!“ sagte er, zog den Pfeil aus dem Toten und sammelte die Geldkassette ein, um sie der sich langsam erholenden Händlerin zurückzugeben.
    Norazuls Augen leuchteten und er sog langsam die Luft ein, als sich eine kaum definierbare Leuchterscheinung aus der zusammengesackten Leiche erhob und seiner Brust verschwand.
    „Mahlzeit“, meinte Kiágara und grinste ihn mit ihren schwarzen Zähnen an.
    „Die lebhafteste Stadt auf dieser Seite der Zittergipfel, tausende Gildenkrieger unterwegs und mitten im prallen Sonnenschein“, antwortete Norazul, als sie langsam zum Hafen gingen, „man könnte denken, dass auch Diebe mehr Grips hätten.“
    „Wie sagt deine Schwester Ilarya immer?“ meinte Kiágara und lehnte sich im Laufen an die Schulter ihres Ehemanns. „Wenn die Menschen nicht so dumm wären, hätte sie es schwerer in ihrem Beruf.“
    Seine Zwillingsschwester Ilarya Deathwynd war Assassinin und stand in dem Ruf, selbst durch das kleinste Loch in der Verteidigung ihres Ziels einen Treffer zu platzieren.
    „Bin mal gespannt, wann sie sich wieder mal in Shing Jea blicken lässt“, sagte er, „zumal Grossmeisterin Lee mich ständig bekniet, wo sie eben unterwegs ist.“
    „Norazul? Bist Du das?“
    Bei der Nennung seines Namens hielt der Nekromant inne und drehte sich um.
    „Norazul Lifetaker?? Ha! Bei den Fünf Göttern!! Ich glaub´s ja nicht!“
    Durch die Menschenmenge kam ein Magier in himmelblauen Roben auf das Paar zu.
    Er trug einen präzise gestutzten schwarzen Vollbart und das lange Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden.
    Über seiner Schulter trug er einen Wassermagie-Stab.
    „Ähm… “, begann Norazul, da klopfte der Magier ihm mit einem lauten Lachen auf die Schultern und umarmte ihn.
    „Mensch, ich hätte nie geglaubt, Dich wiederzusehen, alter Freund!“ Der Magier schüttelte ihn freundschaftlich.
    „Kennen wir uns?“ fragte Norazul überrascht und der Magier hob die Augenbrauen.
    „Erkennst Du mich denn nicht mehr?“ fragte er überrascht. „Ich bin´s, Etrik der Frostige!“ Er umarmte Norazul erneut. „Verdammt, ich dachte die ganze Zeit echt, es hätte Dich damals in die Nebel verschlagen, als Du diesen Irrsinn versucht hast.“
    „Wann soll das denn gewesen sein?“ fragte Kiágara und dem Magier fielen jetzt erst die beiden elonischen Eheketten auf.
    „Ha!“ rief er und schlug dem kleineren Nekromanten erneut auf die Schulter. „Das hast Du alter Charmeur also die ganze Zeit getan.“ Er verneigte sich höflich vor Kiágara und drückte ihr einen Kuss auf den Handschuh. „Darf ich mich vorstellen, Mylady? Etrik der Frostige, Wassermagier, Abenteurer, Weltenbummler und nebenbei auch in Sachen Illusionsmagie kein unbeschriebenes Blatt.“ Mit diesen Worten zog er eine rote Rose aus seinem Ohr und überreichte sie der überrumpelten Nekromantin. „Und langjähriger Gefährte von Norazul hier.“ Er bemerkte Norazuls noch immer überraschten Blick.
    „Erkennst Du mich wirklich nicht mehr? Mensch, dass ist doch noch keine hundert Jahre her, seitdem Du auf nach Orr bist.“



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:17


    II – Queen Of Wonder

    „Eine Manawelle also? Nun, das erklärt vieles.“
    Etrik stand zusammen mit Norazul und Kiágara auf dem Deck der `Rabenschwert´, einem Schiff aus der Flotte der Ex-Korsarin Margid der Listigen.
    Sie hatten vor drei Minuten in Löwenstein die Leinen los gemacht.
    „Passiert so etwas öfter?“ fragte Kiágara, die aus der Kombüse drei Krüge Jägerbier geholt hatte und Etrik verzog nachdenklich das Gesicht.
    „Jein. Wir Magier sind ziemliche Energiebündel. Es kommt natürlich hin und wieder vor, dass ein ungeschulter Akolyt sich zu viel zumutet und die Energien nicht kontrollieren kann, aber ausser Kopfschmerzen oder Nasenbluten passiert meistens nicht viel. Es ist ja nicht so, dass man als Ungeschulter einfach mal so mit dem Finger schnippt und einen Feuerball wirft.“ Er schnippte mit dem Finger und ein kleiner Feuerball flog ins Meer. „Seht ihr? Dafür musste ich einige Zeit üben.“ Er nahm einen Schluck Bier. „Oh! Das ist gut! Um beim Thema zu bleiben: In seltenen, wirklich seltenen, Fällen gibt es absolute Naturtalente, die Feuerbälle werfen, Erdbeben auslösen oder Wasser gefrieren lassen können. Norazul hier scheint an so eine Seltenheit geraten zu sein. Aber ich habe noch nie davon gehört, dass es einem Menschen in der Nähe einer Welle so gründlig das Gedächtnis ausradiert.“ Er nahm einen weiteren Schluck Bier und fragte dann: „Musstest Du alle Fähigkeiten komplett neu erlernen?“
    „Nein“, antwortete Norazul, „ich habe, nachdem man mich in Shing Jea wieder zusammengeflickt hat, einige Jahre als Zimmermann gearbeitet, bis ich und drei Kollegen von Banditen überfallen worden sind. Zwei von meinen Freunden wurden von ihnen getötet und ich habe instinktiv angefangen, einige grundlegende Fähigkeiten zu benutzen. Aber was das meiste andere angeht, zum Beispiel auch etwaige elitäre Fähigkeiten – ausradiert. Ebenso wie mein Gedächtnis.“
    Etrik schüttelte den Kopf. „Also sind die Gildenkriege, die Zerstörung Orrs, die Charrinvasion und so weiter komplett weg?“
    „Unwiederbringlich“, sagte Norazul.
    „Und davon, wie wir beide den im Bau befindlichen Nordwall verteidigt haben, weisst Du auch nicht mehr?“
    „Nein.“
    „Der Nordwall von Ascalon?“ fragte Kiágara. „Wie lange kennt Ihr beiden Euch denn?“
    Etrik dachte kurz nach. „Also, wenn ich die fast einhundert Jahre, die wir uns jetzt nicht gesehen haben, mitrechne… vielleicht fünfhundert Jahre. Ich war ein absoluter Magier-Neuling in Ascalon und wollte Magierin Aziure aufsuchen, aber die Gegend war komplett mit Stein-Golems verseucht. Norazul hier“, er klopfte dem Nekromanten auf die Schulter, „hat mich mitgenommen und dort abgeliefert, nachdem er die ganze Gegend im Alleingang leergeräumt hat.“
    „Wenn Du das sagst“, meinte Norazul.
    „Jedenfalls“, erzählte Etrik Kiágara weiter, „sind wir danach immer mal wieder zusammen und auch mit anderen losgezogen und haben in Tyria auf den Putz gehauen. Später auch in Cantha und Elona, aber meistens in Tyria. Wohl deshalb, weil seine Eltern hier beerdigt sind.“
    „Du weisst, dass meine Eltern tot sind?“ fragte Norazul und Etrik nickte.
    „Ich war doch mit dabei, als Du und Deine Schwestern mal das Grab besucht haben“, erklärte der Magier, „ebenso wie Trahagin, Seejara, Morix und Gerrik.“
    „Wie wer?“ fragten Norazul und Kiágara aus einem Mund.
    „Trahagin Stonecrusher, Seejara Bladequeen, Morix Fireshot und Gerrik The Herbalist“, antwortete Etrik. „Wir waren ein starkes Team.“
    „Leben die noch?“ fragte Norazul mit aufkeimender Hoffnung.
    „Trahagin und Gerrik sind tot, gegen die Charr gefallen, aber der Rest lebt noch, soweit ich weiss.“
    „Wo? Vielleicht können die mir mehr über meine Vergangenheit sagen!“ rief Norazul.
    „Ich weiss nicht so recht“, gab Etrik zu. „Seejara hat sich, soweit ich weiss, irgendwo in Cantha niedergelassen und Morix schleicht in Elona herum. Aber wo genau sie sind – keine Ahnung.“
    „Die finde ich!“ sagte Norazul und wünschte sich, an Bord von Margids `Goldener Stern´ zu sein. Yussuf, Margids Steuermann, hätte das Schiff bestimmt schneller gemacht.

    „Nun, Norazul hier war schon immer ein gesprächiger Kerl“, meinte Etrik später, als sie in einem der Gästeräume der `Rabenschwert´ zu Abend assen. Selbst Norazul hatte einen gebratenen Fisch vor sich. „Wir haben ihn immer als Übersetzer mit dabei gehabt, wenn wir es mit Charr, Yetis oder ab und zu alten Runen und Schriftzeichen zu tun bekamen.“ Etrik grinste über seinen Bierkrug hinweg. „Es ist auch immer von Vorteil, wenn jemand die Muttersprache des Auftraggebers spricht – wegen Zuschüssen, Boni und so weiter.“
    „Aber wo ich zum Nekromanten ausgebildet wurde – erstemals ausgebildet wurde – habe ich nie gesagt?“ fragte Norazul und Etrik hob entschuldigend die Hände. „Tut mir Leid, mein Freund. Ich wünschte, ich hätte mich in den letzten Jahrzehnten mal in Shing Jea sehen lassen. Vielleicht hätte ich Dir früher auf die Sprünge helfen können.“
    Etrik nahm einen Löffel Fischsuppe, dann fragte er: „Wie geht es Grossmeister Vhang eigentlich? Hält er sich noch immer am Thron fest?“
    Kiágara kicherte und Norazul schüttelte den Kopf. „Hat sich vor fast zehn Jahren zur Ruhe gesetzt und unterrichtet jetzt in Arborstein Privatschüler in den letzten Zaubereien, die ihnen vielleicht noch fehlen könnten. Der neue Grossmeister ist einer meiner alten Freunde.“
    „Sousuke?“ fragte Etrik und Norazul hob eine Braue, also erklärte der Magier: „Sowas enthalten wir uns untereinander nicht vor.“
    „Hat Grossmeisterin Kuju nicht Unterlagen über Dich“, fragte Kiágara Norazul und vermied es, sie in Anwesendheit anderer als Norazuls Grossmutter preiszugeben.
    Ihr Ehemann schüttelte den Kopf. „Sie wurde erst etwa einhundertzwanzig Jahre vor meinem ersten Erscheinen zur Grossmeisterin in Shing Jea und sie hat mich alle ihre relevanten Unterlagen filzen lassen. Nichts.“
    „Und ihre Vorgänger?“ fragte Etrik und Norazul hob die Schultern.
    „Kujus Vorgänger war Grossmeister Kreegar, Kreegar Throatripper, und in dessen Gedenk-Archiven war nichts zu finden. Die Archive von Kreegars Vorgänger, Farrik Fearcaster, sind verschwunden, als er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verschwand.“
    „Als ich noch ein kleiner Akolyt war“, begann Etrik, „habe ich Geschichten von einigen Nekromanten aus Elona oder Cantha gehört, die von Löwenstein nordwärts in die Zittergipfel zogen und dort verschwanden. Weder in Ascalon, noch in Orr tauchten sie auf, also ging man davon aus, die Gipfel hätten sie geholt“, er deutete mit dem Löffel in Richtung Norazul, „Ich hab´s Dir schon mehrmals erzählt.“
    „Wieviele Jahre war das her?“ fragte Kiágara und Etrik rechnete im Geist nach.
    „Ich bin fünfhundertsiebenundvierzig… hm… vielleicht sechshundert, sechshundertfünfzig Jahre. Keiner wusste das damals so genau, aber Meistermagierin Aziure hatte mir die Sache erzählt.“
    „Sie lebt heute noch“, sagte Norazul und hob die Schultern. „Aber jetzt wartet erstmal meine Arbeit im Archiv auf mich, da demnächst wieder eine ganze Horde neuer Nekromantenanwärter initiiert wird.
    Danach kann ich diesen Gerüchten mal nachgehen. Zumal sich meine Eltern ja in der Gegend niedergelassen haben und dort gestorben sind.“
    „Wenn ich schon in Cantha bin“, bot Etrik an, „kann ich mich ja mal nach Seejara Bladequeen umhören.“

    Norazul Lifetaker stand im berüchtigten Ruf, zur Not mehrere Tage und Nächte in Folge durcharbeiten zu können, oder zumindest regelmässig den Grossteil der Nacht im Archiv zu verbringen.
    Einzige Ausnahme schienen Seereisen zu bilden.
    Der Nekromant schnarchte leise, als er tief und fest schlief.
    Normalerweise, wenn sie ihn begleitete, schlief Kiágara, als Grund für seine Erschöpfung, ebenfalls tief und fest, aber nicht heute.
    Sie war hellwach.
    Es war eine angenehme Überraschung gewesen, Norazuls alten Kameraden wiedergefunden zu haben und Etrik der Frostige schien zu beweisen, dass nicht alle Magier überheblich und arrogant waren.
    Aber was er beim Abendessen gesagt hatte.
    Etrik war fast fünfhundertfünfzig und die Aufzeichnungen einer unbekannten Nekromanten-Gruppe in den Zittergipfeln soll zwischen zweihundert und zweihundertfünfzig Jahren davor gewesen sein.
    Norazul war siebenhunderteinundsechzig, denn sein Geburtsdatum stand auf den Mauern der Höhle, in der seine Eltern bestattet waren.
    Die einzige Konstante seines früheren Lebens.
    Wenn Norazul in etwa im gleichen Alter wie sie gewesen wäre, als er zum Nekromanten wurde, hätte er zu diesen mysteriösen Nekromanten gehören können.
    Er war ja im Tempel der Zeitalter geboren und in Tyria aufgewachsen.
    Aber wohin war er dann mit Farrik gegangen?
    Wie lange war er wo ausgebildet worden und wohin ging er von dort?
    Nach Ascalon? Sicher, denn wie hätte er sonst Etrik kennenlernen können?
    Und dort waren die Archive dank dem Grossen Feuer am lückenhaftesten.
    Aber wann ging er nach Cantha und Elona, um dort die ganzen Sprachen zu lernen?
    Seine Eltern würden ihm und seinen Geschwistern Standard-Canthanisch und –Elonisch beigebracht haben.
    Aber andererseits… was, wenn sie nur Schatten hinterherjagte?
    Und was, wenn…
    „Guten Morgen, meine Kleine Todesfee“, murmelte Norazul ihr freundlich ins Ohr und Kiágara stellte überraschend fest, dass ihre Augen geschlossen waren und riss sie auf.
    „Äh… habe… habe ich lang geschlafen?“ fragte sie und blinzelte überrascht, da Norazul in seiner Rüstung auf der Bettkante neben ihr sass.
    „In der Kombüse fängt Abdul demnächst mit dem Mittagessen an. Hast du Appetit, oder reicht der Fisch von gestern wieder für einige Wochen?“
    Er küsste sie auf die Wange, erhob sich vom Bett und ging zur Tür.
    „Du hast geschlafen wie ein Stein“, sagte er lächelnd und verliess die Kabine.

    „Also wird Dir die Archiv-Arbeit ab und zu langweilig, oder warum ziehst Du immer mal wieder raus in den Kampf?“
    Norazul, der an der Bugreeling neben Etrik stand, schüttelte kichernd den Kopf. „Die Kopfgelder, gelegentlichen Überfälle und Monsterplagen sind nur ein kleiner Bonus am Wegesrand. Die meiste Zeit, wenn ich ausserhalb des Klosters unterwegs bin, erledige ich Nachforschungen bezüglich nekromantischer Literatur, bin der Verbindungsmann zwischen Shing Jea und dem Kaiserpalast, oder fungiere als Diplomat.“
    „Du und ein Diplomat“, meinte Etrik kopfschüttelnd und packte mit den Worten „Darf ich?“ Norazuls Kopf, um ihn nach rechts zu drehen.
    „Also, wenn ich ehrlich sein darf“, meinte Etrik eine Sekunde später, nachdem er die schwarz-roten Gesichtstätowierungen seines Freunds betrachtet hatte, „da ist mir mein Drittes Auge vor der Stirn lieber.“
    Er bezog sich auf den Eiskristall, der vor seiner Stirn schwebte.
    „Die Zeichen unserer Zunft“, meinte Norazul und lauschte dem Knattern und Flattern der vollen Segel, die die `Rabenschwert´ durch das Meer auf Cantha zutrieben.
    Der Magier und der Nekromant blickten lange vor sich hin, da nahm Etrik all seinen Mut zusammen.
    „Du willst wissen, wie es zu meiner Heirat kam?“ fragte Norazul stattdessen schneller und Etrik der Frostige formulierte seine Frage stattdessen in ein gepresstes „Richtig!“ um.
    Auf ein Schulterklopfen des Nekromanten hin marschierte der Magier zum Kommandodeck, an dem der Erste Offizier hinter dem Steuerrad stand und beiden zunickte, als sich Norazul ans Backborddeck lehnte.
    Schliesslich liess Norazul seinen Freund nicht mehr länger zappeln.
    „Ihre Tante hat sie vor zweiundzwanzig Jahren vor der eigenen Hütte gefunden. Damals kam sie schon panisch zu uns ins Kloster gerannt und …“
    „Ihre Tante, oder Kiágara?“ fragte Etrik spöttisch und fing sich kichernd von Norazul einen Klapps über dem Hinterkopf ein.
    „Rach-Rach-Rach!!“ simulierte sein Freund ein Charr-Lachen und erzählte weiter. „Du darfst natürlich mit den Fünf Göttern selbst wetten, welcher Dummkopf das Gequäke vor den Klostertoren gehört hat!“
    Als sei dieser Kommentar ein Zeichen gewesen, drückte der Erste Offizier der `Rabenschwert´ Etrik eine und Norazul gleich zwei kleine Amphoren in die Arme.
    „Mit den besten Wünschen auf ein noch längeres Leben und noch mehr Kopfgeld: `Ne Ladung von `Yussufs Jubelei´.“
    Da eine der Amphoren wohl für Kiágara gemeint war, hängte Norazul diese in seinen Gürtel ein und, als Etrik den Korken aus seinem Gefäss hearusgezogen hatte, warnte der Nekromant ihn: „Damit verlierst Du Deinen Kontakt zu den Göttern – Allen!“
    Etrik zögerte, roch an der Amphore, nahm einen winzigen Schluck und die Hand seines Freundes fing das tönerne Behältnis nach wenigen Sekunden ab, bevor das Gefäss ins Meer wirbelte.
    „Um auf meine Kleine Todesfee zurückzukommen“, erzählte Norazul weiter, „es war wenig Arbeit unsererseits übrig, um die Spuren vor dem Kloster und die… göttlichen Bande… zu deuten, um Ixi ihren Eltern zuzuordnen.“
    „Ixi?“ fragte sein magischer Freund, nicht wissend, ob er über diesen Namen lachen sollte.
    „Das heisst `Die Eine, Die vieles sein kann´. So haben wir Kiágara genannt, bevor wir ihren Geburtsnamen wussten.“ Norazul trank einen Schluck und die Amphore verschwand schnell. „Und das Zeug soll Yussuf ge… Urx!!… na, jedenfalls hat mir das kleine Krümelchen in der ersten Sekunde, als ich sie aus dem Korb heben wollte, in die linke Hand gebissen.“ Er beobachtete seinen Handschuh und lachte. „Seitdem hing sie wohl an mir.“
    „Also nur eine Aasfresserin?“ fragte Etrik kichernd, wurde herumgewirbelt und brachte nicht einmal mehr den kleinsten Verteidigungsspruch zustande, als eine Batterie Klingen vor seinen Augen erschien.
    „Aasfresserin?“ fragte Norazul mit einer Kühle, die den Absoluten Nullpunkt des Universums zum Zittern gebracht hätte.
    „`Nur´ eine Aasfresserin?“ fügte Kiágara hinzu, schickte einen Wurfstern in die Luft und fing die Seele des herabstürzenden Seevogels ab.
    Einer der Küchenjungen sammelte das Tier auf und stürzte mit freudigem Blick in Richtung Kombüse.
    Alle drei fingen herzlich zu lachen an.
    „Jedenfalls“, fuhr Norazul fort, „hat Meister Togo, er ruhe in Frieden, mich damit beauftragt Kiágaras Hintergründe auszubuddeln. Hat nicht lange gedauert. So wie es aussah… Autsch!“
    Kiágara stieg mit ihrem Stiefel von Norazuls Fuss herunter und übernahm den Faden.
    „Meine Mutter war offensichtlich eine Prostituierte, die am Hafen von Seitung gearbeitet hat. Da ein Kind für sie ein Problem gewesen sein mag, hat sie mich bei meiner Tante abgesetzt, die mich wiederum vor dem Kloster abgeliefert hat. Und dort“, sie legte ihre Arme um Norazul, „hat mich der `Hüter der Weisheiten´ gefunden. Meine Mutter aber ist verschwunden.“
    „Da haben sich zwei gesucht und auch gefunden“, kommentierte Etrik. „Und wann wurde dein Talent offensichtlich?“
    Für eine Sekunde kroch ein schmerzhafter Blick in Kiágaras Augen. „Ich… ich hatte eine Katze. Mio. Die war mein ganzer Stolz und war mir in Seitung zugelaufen. Meine Tante mochte sie zwar nicht, aber trotzdem gab es immer einen Wurstzipfel, oder einen Fleischfetzen, um den kleinen Hungerhaken bei Laune zu halten. Es gab allerdings einen Jungen in der städtischen Schule, Tonga, der nicht nur mich, sondern auch Mio gehasst hat.“
    Ihre Augen begannen zu leuchten. „Eines Tages, er war vom Lehrer rausgeschmissen worden, weil ich ihn verpetzt habe, komme ich zu meiner Tante zurück und sehe Tonga und zwei seiner Freunde, wie sie Mio, nachdem sie ihn im Waschzuber ertränkt haben, an die Wäscheleine hängen wollten!“
    Kiágara biss sich auf den Handrücken, also machte Norazul weiter. „Sie hat aus dem Stehgreif ihren Stubentiger wiederbelebt und der ist mit so einer Wut auf die drei Hosenscheisser losgegangen, dass alle drei bis zum Ende ihrer Tage ihre Fressen als Tengba-Bretter vermieten können.“ Tengba war eine canthanische Schach-Version, die man auf einem sechseckigen Brett spielte. „Einer der Idioten wollte auf meine kleine Todesfee losgehen, aber sie fasst ihn an und“, der Nekromant schlug mit der linken Faust in die rechte Hand, „Platsch! Er liegt am Boden und zum Glück war ein Heiler in der Nähe, der den Hosenscheisser wieder zusammengeflickt hat.“
    „Und dann bist Du sofort zu Norazul zurückgeschickt worden, weil Du… auf den Geschmack gekommen bist?“ fragte Etrik, aber Kiágara schüttelte den Kopf.
    „Zuerst wurde ich von Kaharagan Bloodspoiler ausgebildet, nachdem man mein Talent analysiert hatte, aber der ist drei Wochen später nach Elona bestellt worden und gilt seither als verschollen – das Schiff kam nie an. Also hat man mich der vorübergehenden Aufsicht des Meisterarchivars unterstellt“, sie grinste, als sie sich an Norazul kuschelte und deutete auf ihren Halsschmuck, „und daraus sind jetzt sieben Jahre geworden.“
    „Auf eure Kinder bin ich mal gespannt!“ meinte Etrik lachend und blickte wieder hinaus auf See.
    Noch eine Woche bis zum Ziel.



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:18


    III – Shores Of Progress

    Shing Jea!
    Kloster, Festung, Klosterfestung!
    Die älteste und altehrwürdigste Ausbildungsstätte Canthas für jene, die den Pfad der Gildenkrieger und Gildenkriegerinnen einschlagen wollten.
    Einst ein normales, wenn auch sowohl an Lage, wie auch in Sachen Baustil, beeindruckendes Kloster, hatte man vor Jahren Shing Jea erheblich um- und ausgebaut.
    Es war noch immer ein Kloster und eine Trainingseinrichtung, aber dort, wo einst das Kloster mehr oder weniger unscheinbar zwischen dem Hafen von Seitung im Osten und dem Dorf Tsunmei im Westen lag, erstreckte sich nun eine mächtige Akademie ostwärts bis an die Tore des Hafens.
    Möglich war dieser Ausbau durch eine Spende Norazuls gemacht worden, als er vor einigen Jahren den Löwenanteil des Kopfgelds, das ihm für die erfolgreiche Eliminierung des Piraten Tragin des Herzlosen zustand, dem Kloster gespendet hatte.
    Vor fünf Jahren, während der Affäre mit den `Söhnen von Arah´, einer Gruppe orrianischer Terroristen und Dissidenten, war das Kloster von der canthanischen Armee schwer beschädigt worden, aber die Schäden waren längst repariert.
    In der Mitte des sogenannten `Aussichtspunkts´, dem ehemaligen Herzen des klostereigenen Trainings-Dojos, erstreckte sich nun der Togo-Turm fast dreihundert Fuss in die Luft.
    Ein Denkmal für die Vergangenheit des Klosters, seiner Meister und jener bedeutender Personen, die die Einrichtung in den Jahrhunderten ihres Bestehens hervorgebracht hatte.
    Benannt war der Turm nach Meister Togo, dem Abt des Klosters, der während der Beilegung der Krise mit dem wiederauferstandenen Shiro Takagi sein Leben liess und von Meisterin Satsume ersetzt wurde.
    Mit Ausnahme der Paragon-Ritter und der als Derwische bekannten Kriegermönche, deren Ausbildung exklusiv in Elona stattfand, gab es in Shing Jea für geeignete Aspiranten jede nur erdenkbare Möglichkeit, das entsprechende Handwerk zu lernen.
    Der scharfe Stahl der Krieger und der Assassinen, die arkanen Energien der Elementarmagier und Ritualisten, die gewitzte Schläue der Waldläufer und Mesmer, die hellen wie dunklen Weisheiten der Mönche und der Nekromanten – jeder begann hier seine ersten Schritte.
    Kiágara Fleshreaper und – fast drei Jahrzehnte zuvor – auch Norazul Lifetaker waren diesbezüglich keine Ausnahme gewesen.
    Etrik der Frostige, ausgebildet in Ascalon, war hingegen seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen und der Anblick der Granitmauern, über die sich die Dächer der einzelnen Ordenshallen erhoben, beeindruckte den Magier sichtlich.
    „Bei den Fünf Göttern!“ meinte er anerkennend, als die Mannschaft der `Rabenschwert´ die Segel einzuholen begann. „Das alles hast Du finanziert?“
    Norazul lachte. „Nein, natürlich nicht. Achthundertfünfzig Platinbarren sorgen zwar für eine ganze Menge, aber auch Sousuke und einige andere Gildenkrieger der Tragin-Jagd haben ordentlich zugeschossen.“
    „Achthundertfünzig Barren Platin?“ fragte Etrik fassungslos. „Wie hoch war denn das Kopfgeld auf Tragin?“
    „Zehntausend Barren für denjenigen, der ihn erschlägt. Eintausend Barren für all jene, die dabei direkt mithalfen, so wie ich, Sousuke, Olias und andere, und zwischen zweihundert bis fünfzig Barren für alle, die mitgemetzelt haben.“ Norazul hob die Schultern. „Koss hat jetzt seinen Palast und fünf Kinder, Olias verkauft die tödlichsten Substanzen der Welt von einer Höhle in den Nördlichen Zittergipfeln aus und Sousuke bildet die besten Magier der Welt aus. Aber ich“, er gab Kiágara einen Kuss, „habe etwas Unbezahlbares gefunden.“
    „Haus Zu Heltzer muss bankrott sein“, murmelte Etrik aber Kiágara schüttelte den Kopf.
    „Alleine das private Vermögen der kaiserlichen Familie von Kaineng umfasst mehr als einhundertfünfzigtausend Platinbarren im Inneren Palast an Geld alleine. Da mache ich mir keine Gedanken.“
    Etrik sah sie an. „Woher weißt Du, wieviel Geld da drinnen liegt?“
    „Segel einholen und vertäut das Schiff!“ rief der Kapitän der `Rabenschwert´. „Legt die Planken aus und macht das Schiff hafenfest!“
    Zu Noraul und seinen Begleitern gewandt sagte Rayzara: „Da wären wir. Wir werden zwei Tage vor Anker liegen, falls Ihr uns noch benötigen solltet.“

    „Also, ich muss zugeben“, meinte Etrik anerkennend, „dass das Gebäude alleine schon vom Baustil her beeindruckend ist.“
    Er, Norazul und Kiágara schritten den Hauptgang der Nekromanten-Archive entlang, auf den massiven Schreibtisch zu, an dem der Nekromant als Meisterarchivar normalerweise arbeitete.
    Archivare und Junior-Archivare gleichermassen verneigten sich respektvoll und Norazul begrüsste jeden einzelnen von ihnen mit einem Händeschütteln oder Schulterklopfen.
    „Aber die Archive der Elementarmagier“, fuhr Etrik fort, „sind mir alleine schon von der Beleuchtung her sympathischer.“
    „Tinte ist bei jedem Licht schwarz“, antworteten Norazul, Kiágara und auch einige Archivare in Hörreichweite wie aus einem Munde und ein Kichern hallte durch die Bücherregale.
    Am Schreibtisch vor der Rückwand der Halle erhob sich eine Frau von uneinschätzbarem Alter und trat auf das Trio zu.
    Sie lächelte sie alle an und verneigte sich respektvoll.
    Norazul und Kiágara umarmten sie abwechselnd.
    „Das hier ist Ryaani Ravenblade“, stellte Norazul die dunkelhäutige Frau mit den grünen Haaren vor, „und hier haben wir Etrik den Frostigen“, stellte er der Archivarin den Magier vor. „Wenn man die Zeit zusammenrechnet, die sie pro Jahr auf meinem Platz zubringt, müsste sie die Meisterarchivarin sein.“
    Ryaani kicherte und verschwand in der Dunkelheit. Etrik sah ihr hinterher und meinte: „Sie ist keine Freundin vieler Worte.“
    „Geht auch nicht anders“, kommentierte Kiágara. „Sie hat keine Zunge mehr.“
    Der Magier sah sie fassungslos an.
    „Piratenopfer“, antwortete Norazul und liess sich auf seinem Stuhl nieder, „aber seitdem sie dem Verantwortlichen vor dessen Tod die zweiundsiebzig Stücke gezeigt hat, die sie aus ihm herausgeschnitten und aus den Häuten seiner Männer über Nacht ein neues Segel genäht und gehisst hat, nimmt Ryaani die Sache lockerer.“
    „Nekromanten!“ murmelte Etrik und schüttelte sich. Um einen Themenwechsel bemüht, klopfte er Kiágara auf die Schulter. „Welche Funktion hast Du hier eigentlich?“
    „Normalerweise gestatten wir Aussenstehenden nicht, das Archiv zu betreten“, erklärte die Nekromantin und schloss mit einer allumfassenden Geste die zahllosen Bücherregale ein, „aber selbstverständlich gestatten wir Wissbegierigen aller anderen Professionen, wenn sie sich für die Lehren Grenths interessieren, unser Wissen zu studieren.“ Sie deutete zu der Nordwand der Halle, wo man diverse Männer und Frauen vor einem hölzernen Geländer stehen sah, die sich mit Archivaren unterhielten und gegen eine Unterschrift Bücher erhielten. „Ich behalte ein Auge darauf, wer wann was ausgeliehen hat. Und nebenbei helfe ich meinem dunklen Schatz bei allem, was er so braucht.“
    Mit diesen Worten entschwand sie ins Halbdunkel und Norazul und Etrik blieben alleine zurück.
    Ein Junior-Archivar überreichte Norazul eine schwere Ledermappe und zog sich zurück, als der Meisterarchivar den Knoten des Verschlusses löste und seine Post durchging.
    „Wieviele Bücher lagern hier?“ fragte Etrik und Norazul dachte kurz nach.
    „Also… eine genaue Zahl kenne ich nicht, denn es kommt ständig Neues hinzu, aber alleine die öffentlichen Archive umfassen knapp sechsundsechzigtausend Schriftstücke, beginnend von einer kurzen Schriftrolle bis hin zu den gesammelten Werken Inoks des Ersten. Dazu kommen etwa siebzehntausend Bücher, Schriftrollen und Folianten, die exklusiv uns Nekromanten vorenthalten sind und etwa zweitausend Bücher“, er deutete auf die massive Panzerplatte, die vor seinem Schreibtisch in den Boden eingelassen war, „denen ausser mir, den anderen Meisterarchivaren dieser Welt und unseren Grossmeistern niemand auch nur näher kommen darf.“
    Wie zur Bestätigung zitterte die mit fünfundvierzig magischen Schlössern verriegelte Platte etwas.
    „Und ich dachte, wir Elementarmagier hätten gefährliches Wissen“, murmelte Etrik und Norazul kicherte leise, als er die Post in die Kategorien „wichtig“, „nicht so wichtig“ und „kann nur Not noch ein Jahrhundert warten“ sortierte.
    „Hast Du eine ungefähre Ahnung“, fragte der Nekromant, „wo sich Seejara hier in Cantha aufhalten könnte?“
    „Du hast doch ständig mit ihr im Bett gelegen, woher soll ich das wissen?“ fragte Etrik und winkte, als er Norazuls entgeisterten Blick sah, lachend ab. „War nur ein Scherz, war nur ein Scherz. Geboren wurde sie aber bei Hojanu in Elona, also würde ich dort anfangen zu suchen. Heute könnte sie in der Nähe der Verschlafenen Gewässer leben. Entweder auf der Seite des Morostovwegs, oder aber auf der Luxon-Seite.“
    „Berigos?“ rief Norazul und ein Nekromant marschierte in den Schein der Kerzenleuchter. „Meister!“ sagte er überrascht und gab seinem Vorgesetzten die Hand. „Ich wusste nicht, dass Ihr wieder in diesen Hallen wandelt.“
    Sein Blick fiel auf Etrik und er verneigte sich respektvoll. „Und es entzog sich meiner Kenntnis, dass ein Kenner der Wege der Magie unter unserem Dach verweilt.“
    „Berigos mag ein Fluchwirker sein, wie sein natürliches Talent beeindruckender nicht sein könnte“, sagte Norazul und deutete auf den Rothaarigen, „und um den Schaden, den er seinen Gegnern flächendeckend zufügt, sogar zu verstärken, ist er ein begeisterter Konsument der Lehren der Magie.“
    „Habe ich was verpasst?“ fragte Kiágara, einen Stapel Bücher tragend, die wummernd auf Norazuls Schreibtisch landeten.
    Eines zog sie aus dem Stapel und reichte es Etrik. „Golrahim der Zerissene. Alle Weisheiten, die er vor seinem Verfall in den Wahnsinn noch niederschreiben konnte. Todes- und Luftmagie – besser wird es kaum!“
    Wie zur Bestätigung ihrer Worte begannen die schweren Eisenketten, an denen die Laternen hingen, zu klimperten und zu schwingen.
    „Berigos“, sagte Norazul lächelnd, „ich möchte Dich bitten, zur Ordenshalle der Assassinen zu gehen und Meisterarchivarin Pin Han zu bitten, nach Informationen über Seejara Bladequeen zu suchen.“ Der Nekromant wollte sofort losstürmen, aber ein erhobener Finger seines Vorgesetzten stoppte ihn nach zwei Schritten. „Ich will nur wissen, wo sie sich heute aufhält. Wärst Du so freundlich, das für mich zu tun?“
    Berigos grinste breit und antwortete: „Ich bin noch vor den Abendglocken zurück, Meister!“
    „Ich mag den Burschen“, sagte Kiágara, nachdem sich die Tore des Archivs geschlossen hatten, dann trat sie neben Norazul und blickte über seine Schulter auf die Briefe, die er querlas. „Irgendwas wichtiges mit dabei?“
    „Nichts, was unserer direkten Aufmerksamkeit bedarf.“ Er sortierte vier Briefe aus, legte unter jeden von ihnen ein kleines Blatt Pergament und schrieb mit einem Federkiel in Windeseile einen Text in canthanischen Schriftzeichen nieder.
    Danach wärmte er einen Wachsblock an, liess auf jedes Schriftstück mehrere dicke Tropfen Wachs fallen und drückte einen Siegelstempel auf jedes einzelne.
    Norazul übergab Kiágara den ersten Brief. „Eine Renegatengruppe Zauberer vor den Überresten des Aquadukts nach Fort Ranik. Darum sollen sich Endor von Rinn und Taiha Grimgiver kümmern.“ Er gab den zweiten Brief in die Hände seiner Frau. „Mal wieder Onis vor den Toren von Zen Daijun. Schicken wir Thalya Sorrowqueen, Erasmus den Tobwütigen und Pajak Ponh hin.“ Der dritte Brief landete in Kiágaras Händen. „Richte bitte Grossmeisterin Lee aus, dass das angefragte Buch ausgeliehen ist und ich es nicht vor Ende des Monats zurückerwarte. Und sage ihr auch, dass ich es dann persönlich überreichen werde.“ Dann gab er ihr den letzten Brief. „Und Grossmeister Sousuke kannst Du ausrichten, dass wir beiden und Etrik zum Abendessen kommen.“
    Kiágara grinste breit und lief davon.
    „Du Glückspilz!“ kommentierte Etrik, als er der Nekromantin nachsah.

    „So war das also, als Du den Salzdrachen erschlagen hast?“ fragte Grossmeister Sousuke und stellte den Weinkelch ab, als die Bediensteten die Teller abräumten.
    Sousuke war achtundfünfzig Jahre alt und somit einer der jüngsten Grossmagier aller Zeiten, aber trotz seinem für Gildenkrieger jungem Alter war er mit einem scharfen Verstand, grossartigen Fähigkeiten und einem unbeschreiblich hohen Talent für das Analysieren von Fakten gesegnet.
    Kein Wunder also, dass er bei jedem Verbrechen, welches im Einflussbereich Shing Jeas stattfand, der Erste war, der die Ermittlungen aufnahm.
    Es wurde sogar gemunkelt, dass er, wenn Meisterin Satsume in einigen Jahrhunderten die Leitung des Klosters abgab, er selbst die Zügel der Klosterfestung in die Hand nehmen würde.
    „Im Gegensatz zu den Nekromanten brauchen wir Elementarmagier keine warmen Körper, um noch etwas reissen zu können“, antwortete Etrik und trank den Rest seines Weins. „Was natürlich nicht bedeuten soll, dass ich die Anwesendheit der Todeskünstler bei gegebenen Anlässen ausschlagen würde.“
    „Und aus einer knusprig-qualmenden Leiche, die ein Feuermagier präsentiert hat, kann man auch noch viel machen“, meinte Kiágara, die ihr Essen kaum angerührt hatte.
    „Jedenfalls bin ich mir nicht sicher, ob wir hier in Shing Jea Unterlagen über einen Morix Fireshot haben“, führte Sousuke das eigentliche Thema fort, „wenn Tahi bis jetzt nichts gefunden hat, dann müsst ihr drei euch an Tyria oder Elona halten.“
    „Ich bin die nächsten drei Monate hier im Kloster eingespannt“, antwortete Norazul, der eine Golai-Traube aus der Obstschale nahm, mit einem Fingernagel aufschlitzte und das Fruchtfleisch herauslöffelte. „Die neuen Akolyten sind eingetroffen und Grossmeisterin Kuju hat von mir verlangt, dass ich das Grundlagentraining leiten soll. Sie denkt, dass ich mehr Sonne und weniger Bücherstaub brauche.“
    Sousuke lachte herzhaft. „Deine Grossmutter scheint sich um dich zu sorgen!“
    „Grossmutter?!?“ rief Etrik ungläubig und brach in noch lauteres Gelächter aus. „Bei den Fünf Göttern! Das ist das Beste, was ich jemals gehört habe!“ Er lachte so laut, dass ihm die Tränen kamen und mit einem peinlichen `Tut-mir-leid-ich-dachte-er-wüsste-es´-Blick hob Sousuke die Schultern.
    Kiágara wollte die Situation irgendwie retten, da klopfte es an der Tür zu Sousukes Diensträumen und ein Magier-Akolyt öffnete, um erstens die geplapperte Antwort auszubremsen und zweitens die Schriftrolle anzunehmen.
    „Meisterarchivar Lifetaker“, sagte der Akolyt und überreichte Norazul eine Schriftrolle. „Einer Eurer Archivare lässt Euch jenes Schriftstück überreichen.“
    „Danke“, antwortete Norazul, entrollte die Schriftrolle und überflog den Text.
    Er wickelte die Schriftrolle zusammen und betrachtete abwechselnd Kiágara und Etrik.
    „Wie wäre es mit einer kleinen Reise in den Echowald für Euch beide?“

    Zwei Tage später stand Norazul am Pier von Shing Jea und sah der `Rabenschwert´ nach, die gen Osten vor dem Wind zu kreuzen begann.
    „Alles okay, Enkelsohn?“ fragte Grossmeisterin Kuju und der Nekromant sah zu der Frau herüber.
    „Wie kommst Du darauf, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte?“
    Anstelle einer Antwort zog Kuju ein weisses Taschentuch, wischte Norazul über dessen Gesicht und präsentierte ihm den mit schwarzen Tränen bedeckten Stoff.
    „Für sowas muss ich nichtmal deine Grossmutter sein.“
    Die Grossmeisterin und ihr Meisterarchivar verliessen gemeinsam den Pier.
    Vielleicht fand sich in den Arrestzellen des Klosters ja ein Vergewaltiger oder Mörder, um beider Laune zu heben.



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:20


    IV – Troopers Of Darkness

    Die Grosse Halle der Nekromanten war vielleicht nicht so gross wie die Archive, in welchen die Todesmagier ihre Geheimnisse lagerten, aber wo das Archiv in erhabener Einfachheit zahllose Schriften beherbergte, deren Inhalt Normalsterbliche in den Wahnsinn treiben konnte, schaffte die Grosse Halle dies mit ihrem Baustil alleine.
    Achzig junge Männer und Frauen – im Alter zwischen vierzehn und sechsundzwanzig Jahren – knieten vor den fünf Kohlebecken, in denen die Knochen und das Fett eines verurteilten Raubmörders brannten.
    Mehrere Hände voll Weihrauch und Gewürze taten ihr Bestes, um den Geruch der Knochen und des Fetts zu überdecken.
    „Wo die Göttin Dwayna das Leben und die Luft zum Atmen bringt“, intonierte Grossmeisterin Kuju, „da wird der Gott Grenth den Tod und die Kälte bringen.“ Sie streute fremdartige Gewürze in die ersten zwei Kohlebecken und die Flammen nahmen zischend eine grüne Farbe an. „Wo Balthasar den Bösen und Üblen den Tod mit Schwert und Feuer bringt und Melandru den Schutz des Lebens verbreitet“, zwei weitere Flammen loderten blau auf, „so soll Lyssa die Illusion des Lebens und des Todes verbreiten. Denn nur die Nebel sind ewig und in jene Welt, aus der wir dereinst kamen, kehren wir dereinst wieder zurück.“
    Mit erhobenen Armen kniete sich Kuju vor den Nekromanten-Anwärtern nieder. „Die Fünf Götter haben Euch angenommen und Eure dunkle Seite erkannt. Wo die Bösen und Schlechten dieser Welt Leid und Blut verbreiten, da sollt Ihr den Schuldigen Schlimmeres antun. Wo Ihr ungeschliffene Klingen aus Obsidian seid, da sollen sich die Meister unseres Ordens Eurer annehmen und Euch ausbilden.“
    Mit einer Geschwindigkeit, die ihre fünfzehn Jahrhunderte Lügen strafte, erhob sich Kuju und deutete den ersten beiden angehenden Nekromanten – bestenfalls fünfzehnjährige Knaben – sich zu erheben.
    „Eure Ausbildung wird Tiragia Soulfeaster zugetragen, damit sie Eure Wege in die Welt der Gildenkrieger leiten wird.“
    Eine blauhaarige Frau schlitzte sich die Pulsadern auf und liess die beiden Jungen aus den Wunden trinken, bevor sie sie aus der Halle führte.
    „Ihr beide“, fuhr Kuju unbeeindruckt fort, „werdet Grahan The Gruesome unterstellt.“ Sie lächelte kalt. „Noch vor Ende des Jahres werden bestimmt über fünfhundert Feinde unter Euren Füssen in den Staub getreten worden sein.“
    Beide Aspiranten akzeptierten freudig je ein Kurzschwert aus den Händen des Nekromanten-Kriegers.
    „In Euch beiden“, sagte Kuju zu einem männlich/weiblichen Nekromanten-Duo, „sehe ich Futter für die Obhut von Meister-Archivar Norazul Lifetaker.“ Kuju grinste giftig. „Seine Frau ist das Einzige, das ihm wichtiger ist, als seine Bücher, also haltet Eure Hände von Kiágara Fleshreaper, denn dann werded Ihr beiden viel lernen.“

    Die Reihen der Klosterschüler marschierten in geordneten Rängen die Strassen des Klosters ab und an jeder Ordenshalle schwenkte eine Gruppe Anwärterinnen und Anwärter aus, die die entsprechenden Gebäude betraten.
    Begleitet von schweren Fanfaren marschierten die angehenden Kriegerinnen und Krieger in ihre Trainingshallen ein, während Dudelsäcke die Waldläufer unter die Augen von Grossmeister Greico führten.
    Die klagenden Flöten der Ritualisten, die fröhlichen Zithern der Mesmer. Die aus Knochen und Menschenhaut gebauten Trommeln der Nekromanten und die aufbauenden Klänge der Xylophone der Heiler.

    Ein feines Seidentuch fuhr über die Spitze des Federkiels und wischte die letzten Spuren der mit Hydra-Blut versetzten Tinte ab.
    „Wer die Lehren der Nekromanten kennenlernen will, der lässt nicht nur sein Herz, sondern auch seinen alten Namen hinter sich.“
    Norazuls Faust landete krachend auf einer der Seiten des Buches.
    Die beiden Anwärter zuckten zusammen.
    „Dein Name ist in diesem Buche, dem `Folianten des Todes´ vermerkt“, sagte der Nekromant zu seinem männlichen Gegenüber, „wie soll man Dich von heute an in der Welt kennen?“
    „Karangar The Kruel!“ rief der Knabe, da packte Norazul dessen Handgelenk und presste eine Messerklinge zwischen dessen und sein eigenes Gelenk.
    Er zog die Klinge nach unten, saugte aus Karangars Handgelenk einen Bluttropfen und liess den Jungen aus seinen eigenen Pulsadern trinken.
    „Dein Name ist in diesem Buche, dem `Folianten des Todes´ vermerkt“, wiederholte Norazul dem Mädchen gegenüber, „wie soll man Dich von heute an in der Welt kennen?“
    „Dahaliah Deathcaster!“ stiess das Mädchen hervor, packte Norazuls Handgelenk und trank aus der Schnittwunde.
    Eine alte Assassinen-Beschwörung murmelnd, sah Norazul Lifetaker dem Schnitt zu, wie er sich augenblicklich schloss, dann erhob er sich und strich seine Gewänder glatt.
    „Es heisst“, sagte er, „dass jeder eine, beziehungweise jede eine, die Gildenkrieger werden wollen und den Wegen Grenths zu folgen wünschen, sich an die Wärme des Herzens erinnern können, aber unter der Hand des Todesgottes wandelnd, es nicht mehr nutzen können.“
    Karangar The Kruel und Dahaliah Deathcaster sahen zu dem Nekromanten auf, als er drei Teetassen mit einer schwarzen, dicken Flüssigkeit auffüllte.
    „Wenn Ihr das übersteht“, sagte er und drückte je eine Tasse in die Hände seiner Schüler, „überlebt Ihr sogar meine Ausbildung.“
    Karangar und Dahaliah warteten unbewegt, bis Norazul mit zehn verschiedenen Schlüsseln den `Folianten des Todes´ abriegelte, dann prosteten sie und Norazul sich zu und kippten den Tee mit einem Schluck.
    Es war ein Gefühl, als habe man ihm einen Kübel kochendheisser Säure in den Magen gegossen und dementsprechend schlug Norazul Lifetaker mit der flachen Hand auf den niedrigen Tisch und schnappte nach Luft.
    Er zwang sich wankend auf die Beine und packte Karangar und Dahaliah an den Gürteln, um sie anzuheben und somit Luft in ihre Lungen zu zwingen.
    Dahaliah übergab sich lautstark auf den Boden des Archivs und ihre Tränen verfärbten sich schwarz. Karangars Fäuste verwandelten den flachen Tisch zu Splitter, dann kämpfte er sich wackelig wieder auf die Knie.
    „Stellt Euch mal vor“, röchelte Norazul, „was Grossmeisterin Kuju gebraut hätte, wenn sie uns nicht gemocht hätte.“

    „In Ordnung! Wenn ich nicht in drei Sekunden mindestens dreissig Knochendiener auf dem Feld sehe, trete ich jedem einzelnen von Euch Grünschnäbeln den ****** bis ins Heimatdorf zurück!!“
    Zwanzig erschlagene Monstren erhoben sich zuckend, doch die Hälfte von ihnen explodierte sofort, ohne dass etwas Brauchbares daraus entstand.
    „Was bei den Fünf Göttern soll das denn gewesen sein?!?“ brüllte Norazul Lifetaker und marschierte auf das Trainingsfeld. „Wie schwer ist es wohl, eine Horde Knochendiener hochzuschicken?“
    Die Nekromanten-Lehrlinge zuckten zusammen.
    Norazuls Stimme war nie besonders laut gewesen, aber jetzt schien er der akustische Donnerschlag geworden zu sein.
    Und diese Einstellung föhnte seinen `Schäfchen´ jetzt die Haare glatt.
    „Schaut mal hier!“ donnerte Norazul und schnippte mit den Fingern. Zwei Knochendiener erhoben sich aus dem Leichnahm. „Oder hier!“ Prompt erhoben sich zwei weitere. „Oder hier!“ Und das halbe Dutzend war voll und rannte auf die flüchtenden Nekromanten-Lehrlinge zu.
    „Und wenn Ihr morgen nicht wisst, wie Ihr diese Viecher wieder abwrackt, pfeife ich sie nicht mehr zurückt!“
    Norazul schnippte erneut mit den Fingern und die Monster explodierten.
    „Meister!“ rief einer der Nekromanten-Azubis. „Wie sollen wir mit einer Horde davon fertig werden?“
    „Wozu ist das Schwert eines Kriegers scharf?“ rief Norazul zurück. „Wozu saugen Mesmer uns die Energie ab? Weshalb… weshalb was auch immer, verdammt?!“ Norazul holte tief Luft. „Wieso treten unsere Ausbilder und selbst ein dusseliger Bücherwurm wie ich“, die Anwärter lachten, „jedem Gegner in den ******? Weil wir nichts taugen? Denkt Ihr das wirklich? Einen spezieller Fluch und die Gegner zerfleischen sich selbst!“
    Die Grosse Glocke des Klosters schlug viermal und die Nekromanten-Lehrlinge entspannten sich sichtlich.
    „In Ordnung!“ rief Norazul über das Trainingsgelände. „Das wäre der praktische Teil für heute, also ab mit Euch in die Mensa, denn es wird noch eine Weile dauern, bis ihr ohne normale Nahrung auskommt. Aber ihr hier“, er sortierte eine Gruppe von Jungen und Mädchen aus, „lauft zuerst zu Euren Meisterinnen und Meistern und berichtet ihnen von Euren Leistungen. Und Wehe Euch, wenn Ihr ihnen verschweigt, wie enttäuscht ich war! Und jetzt trollt Euch!“
    Die Gruppe eilte davon und liess den Meisterarchivar auf dem alten Trainingsfeld zurück.
    Niemand sah sein schiefes Grinsen, das selbst dann nicht verschwand, als sich drei voll ausgebildete Nekromanten aus dem Schatten der Klostermauer schälten und zu ihm herüberkamen.
    „Ich habe nicht gewusst, dass Du so laut werden kannst“, meinte einer von ihnen und klopfte dem Meisterarchivar auf die Schulter.
    Es waren Erebus The Vile, Gethzerra Monstermaker und Warrik Warbringer, die ebenfalls Nekromanten ausbildeten.
    „Was glaubst Du denn, wie oft mir Grossmeisterin Kuju das Fell gegerbt hat, wenn ich nicht perfekt das gemacht habe, was sie sehen wollte?“ antwortete Norazul. „Von `Enkelbonus´ keine Spur.“
    „Man wird nicht Gildenkrieger, wenn man in Watte gepackt wird“, murmelte Gethzerra leise und spielte gedankenverloren mit einer dünnen Klinge, dann griff sie in ihren Umhang und gab Norazul ein Buch in die Hand. „Danke übrigens. Hat sich hervorragend gelesen.“
    Norazul liess das Buch, das er selbst über seine erste Reise nach Tyria nach der Auslöschung seines Gedächtnisses geschrieben hatte, mit einem Lächeln in seinem Umhang verschwinden.
    „Wieso hat Kuju Dir nie gesagt, dass Du ihr Enkel bist?“ fragte Warrik, als sie in den Klosterhof traten.
    „Weil sie es selbst nicht wusste“, antwortete Norazul, „bis sie die Höhle, in der meine Eltern beerdigt sind, selbst besucht hat. Das war einige Jahre bevor ich erstmals dort gewesen bin.“
    „Ich kann mich jedenfalls noch lebhaft daran erinnern, wie Du damals ans Kloster gewankt kamst“, meinte Erebus. „Eine Minute länger und wir Nekromanten hätten uns um Deine Seele gestritten.“
    „Tja“, antwortete Norazul, „ein lauter Knall und alles, was ich zuvor gemacht und getan habe, war für immer weg. Aber wenigstens habe ich einige Puzzlestücke wieder zusammengesetzt.“
    „Schade, dass mein Meister nicht mehr lebt“, murmelte Gethzerra, „er wollte immer wissen, ob Du es von Orr aus in Deine alte Akademie geschafft hast.“
    „Was ist?“ fragte sie eine Sekunde später, als Norazul und die beiden anderen sie anstarrten.

    Ein Wurfmesser pfiff heran und wurde von Etriks Zauberstab aus der Luft geschlagen.
    „Ist das eine Art, einen alten Freund willkommen zu heissen?“ rief der Magier in die schattige Dunkelheit des versteinerten Walds und Kiágara wich einem surrenden Wurfstern aus.
    „Ich wollte nur testen, ob Du schon eingerostet bist!“ tönte eine fröhliche Stimme durch den Wald, dann liess sich eine braunhaarige Frau aus den Ästen eines Baumes fallen und landete vor dem Paar.
    „Etrik der Frostige“, sagte Seejara Bladequeen fröhlich und umarmte den Magier herzlich. „Ich dachte, Du hättest Dich zur Ruhe gesetzt.“ Dann blickte sie zu Kiágara. „Und wen hast Du da im Schlepptau? Ein bisschen zu klein und zu bleich für Deinen Geschmack, denke ich doch.“
    „Kannst Du Dich noch an Norazul Lifetaker erinnern?“ fragte Etrik und Seejara lachte laut.
    „Aber natürlich doch!“ rief sie. „Hast Du die alte Hackfresse wieder ausgegraben?“
    „Mehr als das!“ sagte Kiágara und deutete auf ihre Ehekette. „Ich habe ihn geheiratet.“
    Seejara sah aus, als habe man sie mit einem kalten Tintenfisch geohrfeigt.

    „Also, ich muss sagen“, erzählte Seejara später in ihrer Hütte und streichelte einen am Boden sitzenden Moa, der zufrieden gurrte, „dass ich schon fast gedacht hätte, dass es Norazul in Orr erwischt hat.“
    „Hast Du eine Ahnung, was er dort wollte?“ fragte Etrik und stellte die Teetasse ab.
    Die Assassinin nickte leicht. „Soweit ich weiss, suchte er einen Zugang zum hohen Norden, aber was er dort wollte – keine Ahnung.“
    „Ob er zum Auge des Nordens wollte?“ fragte sich Etrik, verwarf den Gedanken aber wieder. „Nein, das wurde ja erst durch die Zerstörerkrise bekannt.“
    „Vielleicht hat er nach Informationen über sich gesucht?“ schlug Kiágara vor und erklärte Seejara von Norazuls Suche nach seiner Vergangenheit und was ihm zuerst passiert war.
    „Bei den Fünf Göttern! Ich hatte ja keine Ahnung!“ sagte sie am Ende. „Und seit über dreissig Jahren ist er auf der Suche und findet nichts?“
    „Oh doch“, konterte die Nekromantin, „er hat sogar sehr viel herausgefunden, wobei seine beiden Schwestern sehr hilfreich waren. Aber auch diese drei haben sich Jahrhunderte nicht gesehen und ein dreiviertel Jahrtausend ist eine lange Zeit, die es zu füllen gilt.“
    Seejara nickte nachdenklich. „Ich wusste jedenfalls, dass Norazul schon sehr alt war, als wir uns erstmals begegneten. Mir sieht man meine dreihundert Jahre ja auch nicht an. Aber wie auch immer!“ Sie grinste Kiágara breit an. „Damit sich diese Reise für Dich auch lohnt, kann ich Dir sagen, dass Norazul mir mal erzählt hat, dass er in den Zittergipfeln ausgebildet worden ist.“
    „Seine Eltern haben sich an der Jakbiegung niedergelassen“, bestätigte Kiágara, aber die Assassinin schüttelte den Kopf.
    „Seine Eltern waren keine Ausbilder. Er hat mir allerdings“, sie erhob sich und begann, einen Schrank durchzuwühlen, „bevor er nach Orr wollte, seinen Abschlussring überlassen. Quasi als Glücksbringer und auch weil bei den drohenden Gildenkriegen es keine gute Idee war, mit zu viel Schmuck herumzulaufen. Ah! Hier ist er!“
    Sie warf Kiagara den Ring zu, die ihn auffing, eine Sekunde betrachtete und prompt fallen liess.
    „Was ist denn?“ fragte Etrik und die Nekromantin zeigte ihm das Symbol auf dem schweren Goldring.
    „Das ist kein `Abschlussring´. So etwas gibt es bei uns Nekromanten nicht.“ Sie drehte den Ring im Lampenschein. „Aber jeder Nekromant in Shing Jea kennt dieses Siegel.“
    „Die Fünf Götter stehen uns bei. Ich lag mit meinen Befürchtungen richtig“, fügte sie hinzu und fuhr mit zitterndem Zeigefinger über ihre Ehekette.



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:22


    V – Lifeless Union

    „Na also! Genau so geht das!“ rief Norazul Lifetaker. „Gleich nochmal, auf den nächsten!“
    Die Gruppe, bestehend aus sechs Nekromanten und zwei Heilern, diese beiden waren keine Studenten, stürmte die letzten hundert Meter des Saoshangwegs auf das Tor zum Hafen und damit dem Ende des Parcours zu.
    Vor ihnen rannte eine Gruppe aus unförmigen Knochendienern und Splitterschrecks, stürzte sich auf die Banditen und Monster vor sich und griff sie mit bluttriefenden Klauen und rasiermesserscharfen Knochensplittern an.
    „Vergesst nicht, Eure Minions auf den Beinen zu halten!“ rief der neben Norazul Lifetaker und Tiragia Soulfeaster auf dem Kammgrat laufende Harkon Grimblade nach unten.
    Einer der Nekromanten-Studenten begann Blut zu husten, während die kranke, grau-braune Haut seiner wiederbelebten Monster wieder eine gesundere Farbe annahm.
    Prompt kümmerte sich einer der Heiler darum.
    Keine zehn Sekunden später war die Gruppe über die Zielmarkierung.
    „Nicht schlecht!“ kommentierte Tiragia und betrachtete die Gruppe von jungen Nekromanten, die sich unten vor dem Tor abklatschte und denen von den Heilern gratuliert wurde.
    „Kann es vielleicht mit Gethzerra Monstermakers Informationen an Dich zusammenhängen, dass die neuen Studenten in Deinem Archiv innerhalb von vier Wochen das gelernt haben, wofür sie normalerweise drei Monate brauchen?“
    „Alles eine Motivationssache“, meinte Harkon, „damit Norazul sofort zu den Überresten von Orr und in die Zittergipfel reisen kann.“
    „Wie kommst Du darauf?“ fragte Norazul und Harkon deutete grinsend auf den Klosterhafen.
    Die `Goldener Stern´ reffte die Segel, während sie einlief.
    Eine Sekunde später war nur noch ein Loch in der Luft, wo Norazul gestanden hatte.

    „Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiss, ist dass mein Meister sich damals in Ascalon stets ziemlich dafür interessiert hat, wenn Norazul oder einige andere Nekromanten nach Orr gereist sind.“ Gethzerra Monstermaker sass mit Grossmeisterin Kuju, Margid der Listigen, Norazul Lifetaker und einigen anderen Mitgliedern des Ordens in Kujus Audienzraum zusammen.
    „Aber wieso Orr?“ fragte Kuju und sah danach zu Norazul herüber. „Ich habe von keiner Gildenkrieger-Akademie in Orr gehört.“
    Norazul hob die Schultern und meinte: „Nur weil sie sich aus dem Krieg gegen die Charr herausgehalten haben, muss das nicht bedeuten, dass es keine kleinen Trainingseinrichtungen gegeben haben könnte. Meisterarchivar Ferdinand Strongblade hat mir im Kriegerarchiv Aufzeichnungen von Kriegertrupps gezeigt, die von orrianischen Adligen und Garnisionskommandanten angeheuert wurden, um ihre eigenen Truppen auf Vordermann zu bringen.“
    „Trotzdem kannst Du schlicht und ergreifend nicht in Orr ausgebildet worden sein, Norazul.“
    Alle sahen sie wieder zu Gethzerra herüber, die auf das Gesicht des Meisterarchivars deutete.
    „Du bist zu alt dafür. Wieviele Jahre sind es? Achthundert Jahre?“
    „Siebenhundertzweiundsechzig nächstes Jahr, am achzehnten Tage des Nongkam. Steht so jedenfalls im Grab meiner Eltern.“ Norazul spielte mit seiner Ehekette.
    Gethzerra nickte. „Wenn Du in Orr ausgebildet worden wärest, dann hätte man Dir gleich zu Anfang die traditionelle Tätowierung gestochen, weil diese Trainingszentren nicht alt genug sind. Du aber warst, das hat ja auch Etrik gesagt, schon seit Jahrhunderten voll ausgebildet in Ascalon unterwegs und hast die Tätowierung noch nicht erhalten.“
    „Weil es wohl zu der Zeit, als er Nekromant wurde“, fuhr Kuju fort, „noch üblich war, nach fünfhundert Jahren erst die Tätowierung zu stechen und naja, seine habe ich selbst angefertigt.“
    „Bis wenige Jahre vor meiner Ankunft in Shing Jea“, erzählte Norazul weiter, „wusste die Grossmeisterin ja auch gar nicht, dass sie noch zwei jüngere Enkel als Sheddim Tayne hatte.“
    „Und erst nachdem sich Norazuls `Auge des Grenth´ bei seiner Wiederauferstehung geöffnet hat, konnte ich sicher sein, dass er mein Enkelsohn ist“, sagte Kuju. „Die Tätowierklingen erkannte ich zwar nicht, aber die Farbtöpfe habe ich für meinen Sohn damals noch selbst befüllt.“
    Norazul stellte die kleine Schatulle auf den Tisch und sie öffnete sich von alleine. Er griff hinein und holte ein Dutzend Klingen und ein halbes Dutzend Farbtöpfe heraus.
    Er hob zwei Farbtöpfe an und drehte sie so, dass die Anwesenden das in rotes Wachs getauchte Siegel Grossmeisterin Kujus erkennen konnten.
    „So bist Du also auf Deinen neuen Namen gekommen“, meinte einer der Nekromanten und hob eine der Klingen mit dem eingravierten Namen `Lifetaker´ auf. „Es wundert mich aber eines“, er sah zu Kuju herüber, „und zwar die Behauptung, dass Norazul noch nie bis zu jenem Tag vor über dreissig Jahren hier in Shing Jea war.“
    „Es existieren keinerlei Aufzeichnungen darüber, Trakal“, antwortete Kuju und der krytanische Nekromant hielt die Klinge ins Lampenlicht.
    „Der Name `Lifetaker´ ist in altem krytanisch eingraviert und die Verzierungen sind definitiv ascalonisch. Aber jetzt seht mal her.“ Trakal Necromage hielt eine Hand über die Klinge und murmelte eine magische Formel. Die Versammelten rückten näher.
    „Die Klinge war früher canthanisch graviert?“ fragte Margid die Listige, als sie zwischen den Verzierungen und dem Namen rot leuchtende Schriftzeichen erkannte.
    „Die Farbtöpfe mögen von Grossmeisterin Kuju gemischt und ihrem Sohn mitgegeben worden sein, aber canthanischer Blutstahl kann seit über eintausend Jahren nicht mehr hergestellt werden“, erklärte Trakal.
    „Blutstahl?“ fragte Norazul.
    „Wieso gibt´s den nicht mehr?“ fragte Margid, die vielleicht ein Geschäft witterte.
    „Weil die letzten alten Grossmeister, die die alten Binderituale einer Klinge an ihren Besitzer beherrschten – und ich rede hier nicht davon, dass ein Waffenschmied sich an einem Schwert oder einem Zauberstab verkünstelt – schon lange verschollen sind.“
    Norazul sah sich in der Runde um und erhob sich. „Da Margid und ich sowieso erst in zwei Tagen aufbrechen… ich bin im Archiv und sehe mir diese Stahlgeschichte mal an.“
    Er packte seine Schatulle wieder zusammen, verneigte sich respektvoll vor Grossmeisterin Kuju und verliess den Raum.
    „Und ich setze die anderen Archivare auf ihre Unterlagen an“, sagte Kuju, „dann treffen wir uns morgen hier wieder.“

    „Als hätte ich es nicht gewusst!“ meinte Norazul am nächsten Morgen, als er allen Anwesenden das Buch zeigte. „Blutstahl wurde einst in allen Königreichen und Herzogtümern hergestellt und war ein Material, das man ohne Probleme zehnfach mit Platin, Obsidian und Ektoplasmakugeln aufwiegen konnte.“
    „Derartig wertvoll?“ fragte Gethzerra und Trakal antwortete: „Mehr als das. Man konnte nicht einfach einen Klumpen Eisen nehmen, zu Stahl härten und einige Zaubersprüche murmeln.“
    „Man brauchte Eisen“, erzählte Norazul weiter, „das noch aus der Zeit stammte, als die Alten Götter uns die Magie schenkten und die arkanen Energien an vielen Orten noch wild und ungebändigt waren. Das Rohmaterial musste von dieser Energie lange Zeit berührt worden sein, damit es mit den entsprechenden Zaubern und Riten weiterveredelt werden konnte. Und damit meine ich kontinuierliche Zauber und Riten vom Zeitpunkt des Schürfens, über die Veredelung, dem Schmieden, bis hin zur endgültigen Bindung an den endgültigen Benutzer.“
    „Wie lange hat sowas gedauert?“ fragte Margid.
    „Einer der ersten Könige von Ascalon soll drei Jahre auf sein Schwert gewartet haben, aber mehr Unterlagen habe ich leider nicht“, antwortete Norazul säuerlich.
    „Warum?“ fragte Kuju und lehnte sich in ihrem Thron nach vorne.
    „Farrik Fearcaster hatte die umfangreichste Abhandlung über Blutstahl in Cantha verfasst“, sagte der Meisterarchivar, „und wir alle wissen, dass er mit seinen gesammelten Werken und Anhängern das Kloster verliess.“
    „Und warum hat er es verlassen?“ wollte Margid wissen. Norazul zeigte ihr eine Seite aus seinem Buch. „Farrik Fearcaster, der `Verfluchte Grossmeister´, wie wir ihn nennen, war der Meinung, dass er, als einer der jüngsten und später belesensten Grossmeister aller Zeiten, nicht nur bestimmen können solle, welche Menschen der Hilfe der Gildenkrieger würdig seien. Er setzte sogar noch eines drauf, dass er zum Obersten Grossmeister aller Orden ernannt werden und bestimmen können solle, wer Gildenkrieger werden durfte.“
    „Als er dann noch sogar vollwertige Gildenkrieger wieder herauswerfen wollte“, fügte Kuju an, „kamen die Grossmeister aller Nationen und Orden nach Shing Jea zu einem Konklave zusammen, um ihn abzumahnen. Er verlangte einen Tag Bedenkzeit, um überhaupt vor dem Grossmeistertribunal zu erscheinen.“
    „Und am nächsten Tag war das halbe Nekromantenarchiv leergeräumt“, erzählte Norazul weiter. „Sämtliche Werke Farriks und tausende andere Bücher. Zum Teil extrem mächtige Bücher. Alles in allem vierzigtausend Stück.“
    „Und aus den Schatzkammern des Ordens und des Klosters hat er sich auch bedient“, fügte der Schatzmeister Zegras hinzu.
    „Wie hat er das geschafft, ohne dass ihn jemand bemerkt hat?“ fragte Margid kopfschüttelnd.
    „Nun, vor fünf Jahren, während des drohenden Kriegs zwischen Kaineng und Shing Jea, haben Norazul und seine Begleiter das Teleportritual der Mörder Minister Fengs reaktiviert, um nach ihnen zu suchen.“ Margids Kamerad bestätigte Kujus Worte mit einem Nicken. „Seitdem gehen wir davon aus, dass die Flucht damals auch so stattfand.“
    „Er hatte einen uneinholbaren und unerklärlichen Zeitvorsprung, so dass die Grossmeister und deren Truppen ihn nicht mehr einholen konnten“, sagte Norazul. „Etrik hat erzählt, dass man einen Trek Nekromanten antraf, der nordwärts in die Zittergipfel zog, aber nirgendwo sonst auftauchte“, die Anwesenden wurden hellhörig, „aber ob das Farrik war – keine Ahnung.“
    „Seitdem das Auge des Nordens erreichbar ist“, meldete sich eine neue Stimme und alle sahen Grossmeister Greico mit Begleitung eintreten, „wissen wir, dass Farrik nicht in den Nördlichen Zittergipfeln ist, denn natürlich suchen wir ihn schon seit Jahrhunderten. Meine Kollegen in Elona und Tyria haben niemals eine Spur gefunden, obwohl es in den Archiven ausführliche Aufzeichnungen darüber gibt, dass jahrzehntelang Jagdteams überall gesucht haben.“ Greicos Archivar legte behutsam ein schweres Buch auf den Tisch und blätterte zu mehreren Karten mit eingetragenen Marschrichtungen vor.
    „Aber in Orr hat man kaum gesucht“, stellte Gethzerra Monstermaker fest und Norazul und Greicos Archivar schüttelten den Kopf. „Zu der damaligen Zeit hatte es im orrianischen Königshaus mal wieder Streit gegeben, also wollten wir nicht den Eindruck erwecken, dass sich Horden von Gildenkriegern auf die Seite der Herzöge schlagen wollten“, antwortete der Waldläufer-Archivar, Gideon Greymane. „Später natürlich, haben wir kleine Teams zu allen Städten Orrs geschickt und die Adligen befragt. Aber obwohl wir uns an die Etiquette gehalten haben, bekamen wir keine Ergebnisse.“
    Margid hob eine Augenbraue. „Etiquette?“
    „Weder Nekromanten, noch Ritualisten und auch keine anderen Gildenkrieger, die nebenbei diese Künste beherrschten, waren in Orr erwünscht“, antwortete Kuju.
    „Wieso denn das?“ fragte Margid und Norazul antwortete: „Die Orrianer, die Damaligen, nicht die `Söhne von Arah´, waren zutiefst spirituell und verachteten daher alle Menschen, die sich mit dem Tod und der Geisterwelt beschäftigten. Das hat natürlich die Könige von Orr nicht davon abgehalten, einige Nekromanten und Ritualisten als Berater zu beschäftigen, aber im Grunde war es diese Einstellung, die so viele Gildenkrieger bei der Charr-Invasion davon abhielt, in Orr anzuheuern. Das Ergebnis kennen wir. Ein kleiner Teil des Landes ist jetzt die südliche Wüste, der Rest liegt unter Wasser.“
    Margid runzelte die Stirn. „Von dieser Einstellung der Orrianer habe ich nichts gewusst.“ Sie sah zu Norazul herüber. „Vor allem weil ich mich dann frage, was Du dann so oft in Orr gemacht haben willst, wenn sie Euch nicht haben wollen.“
    „Weil Norazul nicht tätowiert war.“
    Alle drehten sich zu der unbekannten Stimme um und, begleitet von Grossmeister Sousuke, trat ein grauhaariger Mann in Magierroben ein. „Er war schon so alt, dass er erst noch einige Jahrzehnte gebraucht hätte, bis sein Meister oder seine Meisterin ihn angepinselt hätten und ausserdem“, er stubste mit seinem Zauberstab gegen den Stachel an Norazuls rechtem Knie, „hatte er damals nichts für Eure stacheligen Kleidchen übrig.“ Ein Lächeln präsentierte perlweisse Zähne. „Perfekt, um durch Orr zu streifen, sein Ding zu machen und nicht aufzufallen.“
    „Und Ihr seid?“ fragte Norazul und der Mann drehte sich zu Sousuke um und meinte: „Tatsache! Er kann sich nicht erinnern. Aber ihr habt ihm hübsche Muster reingesäbelt.“ Wieder zu Norazul gewandt, vollführte er eine leicht spöttische Verbeugung. „Morix Fireshot ist mein Name und wenn ich vor einigen Jahrhunderten unsere Gegner angezündet habe, hast Du sie als Untote Monster wieder auferstehen lassen.“
    Der Meisterarchivar musterte sein Gegenüber von oben bis unten.
    Definitiv Feuermagier, leicht sonnengebräunte Haut und die langen grauen Haare zu Hunderten Zöpfen geflochten. Die Kleidung war geschmackvoll, aber nicht übermässig exklusiv, der Zauberstab hingegen war ein Prachtexemplar.
    Ein ebenso prächtig verzierter und mit Runen beschlagener Langbogen war über seinen Rücken gespannt.
    „Einer meiner alten Weggefährten also, die Etrik erwähnte“, sagte Norazul und Morix nickte.
    Zu Sousuke gewandt, fragte der Nekromant: „Hast Du ihn suchen lassen?“
    „Nein, dass war Kiágara, die einen Boten geschickt hat“, sagte eine neue Stimme, „und dann habe ich meinen Charme bei Morix spielen lassen.“
    Eine dunkelhäutige Nekromantin mit schneeweissen Haaren und einer mächtigen Derwisch-Sense über dem Rücken trat hinter den Magiern hervor.
    Norazul sah sie eine Sekunde entgeistert an, dann sprang er lachend auf sie zu und umarmte sie.
    „Wie ihr Nekromanten eine Umarmung schafft, ohne Euch selbst zu erstechen…“, meinte Margid belustigt und einer der Magier kicherte.
    „Sheddim?!“ rief Norazul, als die beiden sich wieder getrennt hatten. „Wie passt Du denn in die Sache rein, Schwesterherz?“
    Sheddim Tayne war zweihundertneunzehn Jähre älter als Norazul und sowohl in Elona, wie auch in Cantha sowohl als Nekromantin, als auch als Derwisch ausgebildet worden, um wohl mit dem Vorurteil – und jenen, die sie in die Welt setzten – aufzuräumen, dass Nekromanten schlechte Nahkämpfer seien.
    Seit zehn Jahren unterrichtete sie in der neuen Akademie der Sonnenspeere auf dem Hauptkontinent von Elona, ihrem ehemaligen Zufluchtsort während des Krieges gegen Varesh Ossa.
    „Deine kleine Todesfee“, antwortete sie ihrem Bruder, „hat einen Nekromanten an unsere Archive in den Thermalquellen verwiesen, um eine Abhandlung über Palawa Joko zu suchen. Wie es sich herausstellte, hatte Kiágara diesem Nekromant ein schnelles Schiff versprochen, wenn er mich bitten würde, nach Morix zu suchen.“
    „Und wie sich herausstellte“, drängte sich Morix dazwischen, „war dieser Feuerteufel zur gleichen Zeit vor Ort.“ Er grinste, extrem mit sich selbst zufrieden. „Vor allem, weil ich dieser erlauchten Versammlung hier wohl helfen kann.“
    „Wobei?“ fragte Kuju. „Norazuls Jagd nach seiner Vergangenheit, oder der Suche nach Anhaltspunkten über Farrik Fearcaster?“
    Morix´ Grinsen war kein bisschen dünner geworden, als er antwortete: „Bei beidem, denke ich doch.“ Er trat zum Tisch herüber, auf dem sich mittlerweile eine regelrechte Tischdecke aus Büchern und Karten gebildet hatte. „Von Sheddim habe ich erfahren, dass Du noch am Leben bist und auf der Überfahrt hierher hat sie mir alles erzählt. Die Manawelle, Deine Wiederauferstehung als Nekromant, Die Ereignisse der letzten Jahrzehnte, Deine Heirat und“, er machte eine Künstlerpause, „die Arah-Affaire und wie Etrik und ihr beiden Euch in Löwenstein traft.“ Er klopfte mit seinem Stab die Bücher und Karten ab.
    „Und wie passt das zusammen?“ fragte Norazul, was Morix mit einem Kichern quittierte.
    „Nicht nur Dein Erinnerungsvermögen scheint Schaden genommen zu haben, mein Freund, sondern auch Deine Scharfsinnigkeit scheint gelitten zu haben.“ Bevor der Nekromant antworten konnte, spracht Norix weiter: „Du kannst Dich nicht mehr daran erinnern, dass Du inkognito nach Orr gegangen bist?“ Norazul nickte. „Auch nicht regelmässig?“ Nicken. „Du kannst Teleportrituale nach weniger als dreissig Jahren nicht nur beschwören, sondern sogar reaktivieren, ohne hundert Jahre zu üben?“
    „Ähhh…“ antwortete der bleiche Nekromant.
    „Du kannst Dich nicht mehr daran erinnern, regelmässig in das Land zu gehen, dass die Teleportmagie dereinst erfunden hat, niemandem von uns je zu sagen, was Du dort wolltest und mitunter wochenlang weg warst? Und das als Teleporter?“
    „Ich…“
    „Und hier steht Ihr alle und fragt Euch, wie Farrik Fearcaster so überstürzt verschwinden konnte? Nun, ich will nicht respektlos erscheinen, aber die Antworten auf dieses alles und noch viel mehr müssten dort liegen, wo zuletzt die Alten Götter auf dieser Welt lebten.“
    Morix´ Stab knallte auf den Tisch. „Dort!“
    Norazul blickte auf die Karte und sah auf. „Wer kommt mit mir?“
    Auf der Karte, die die Routen der Jagdteams nach Farrik Fearcaster zeigten, brannte sich erneut der Umriss des alten Königreichs Orr ein.
    Die Stelle, an der die Ruinen Arahs in der Südlichen Wüste lagen, leuchtete auf.



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:27


    VI – Grim Uncertainty

    „Bereit?!?“ brüllte Kapitän Rayzara über den Schlachtenlärm und die röhrenden Flammen hinweg und der Erste Offizier schrie eine Bestätigung zurück.
    Die `Rabenschwert´, mit weggeschossenem Fockmast und leichter Schlagseite nach Steuerbord, drehte sich mühseelig aus dem Schussfeld der Kanonen des noch übler zusammengeschossenen Piratenschiffs heraus und kreuzte vor seinem Bug.
    Eine Brandladung aus dem bugmontierten, schwenkbaren Katapult der `Herzfresser´ zerplatzte an der Reeling des Achterdecks der `Rabenschwert´.
    Der Grossteil des brennenden Öls flog ins Meer hinaus, aber gut und gerne ein Viertel des Achterdecks stand in Flammen.
    Als Etrik einen Zauber wirkte, um die Flammen zu löschen, kam Rayzara hinter dem Steuerrad seines Schiffs wieder hoch und brüllte, so laut er konnte: „Alle Waffen! Feuer!!“
    Die Bedienmannschaften der Katapulte, den beiden die noch übrig waren, und der seltenen, teuren Kanonen, waren erfahren genug, um erst dann zu feuern, wenn ihr näherkommendes Ziel direkt von den Rohren lag.
    Eines der Katapulte spaltete den Hauptmast des Piratenschiffs, es war von tyrianischer Bauweise, das Zweite traf das Hauptdeck und warf einen Sturm aus Holzsplittern, verbogenen Metalltrümmern und Menschen durch die Luft.
    Mittlerweile war die `Herzfresser´ nahe genug heran, dass Seejara Bladequeen, nachdem sie einen Sprengpfeil in das Katapult gejagt hatte, mit ihren Wurfmessern die letzten Überlebenden der Bedienmannschaft und heranstürmenden Piraten zu beharken begann.
    Eine nach der anderen, eröffneten die Kanonen der `Rabenschwert´ das Feuer und zerfetzten den bereits beschädigten Bug der übel zerschundenen und langsamer werdenden `Herzfresser´ und die mittschiffswärtigen Kanonen feuerten ihre Kugeln bereits ins Schiffsinnere.
    Egal, ob es ein Zufalltreffer war, ein brennendes Pulverfass oder ein vergeigter Zauberspruch eines Feuermagiers – die `Herzfresser´ explodierte mit einem krachenden Feuerball.
    Die Druckwelle der Explosion schüttelte die `Rabenschwert´ durch und geistesgegenwärtig warf sich ihre Besatzung flach aufs Deck, als ein Hagelsturm aus Holzsplittern, Segelfetzen und Leichenteilen über sie hinwegpfiff.
    „Verdammt nochmal“, murmelte Kapitän Rayzara und kam wieder auf die Beine, „das war eine harte Nuss.“
    „Dafür haben wir uns gut geschlagen“, antwortete Kiágara, die sich mit Etrik zu ihm gesellte.
    „Ja, zugegeben“, kommentierte der Kapitän, „aber bei strahlendem Sonnenschein einem langsameren Schiff gestatten, uns den Vorteil aus den Segeln zu nehmen? Da hätte sich ein Maat besser geschlagen als ich!“
    „Kapitän?“ rief einer der Offiziere und Rayzara sah zu ihm herüber. „Bisher sieben Tote und dreizehn Verletzte, Kapitän. Unsere Heiler tun, was sie können. Wasser steht zwei Fuss hoch im mittleren Steuerbordladeraum, kann aber abgedichtet werden.“
    „Danke!“ rief Rayzara zurück und drehte sich zu Kiágara und Etrik um. „Ein Mast ist weg und unsere Segel sind schwer zerschlissen, also werden wir, denke ich, drei oder vier Tage nach Shing Jea brauchen.“
    Ein lautes Knirschen erklang, gefolgt von einem noch lauteren Krachen, dann riss das Tauwerk und der hohe Hauptmast der `Rabenschwert´ stürzte in sich zusammen.
    „Ich hasse es, wenn eine Woche gleich so anfängt!“ schimpfte der Kapitän und Kiágara stöhnte frustriert auf.
    Auf dem feuergeschwärzten Achterdeck der schwer beschädigten `Rabenschwert´ standen Kiágara Fleshreaper, Etrik der Frostige und Seejara Bladequeen zusammen und hofften, dass sie nicht zu spät kamen.
    Hinter ihnen, fast völlig von einer schwarzen Rauchsäule verdeckt, verschwand das Heck der `Herzfresser´ gurgeld und zischend im Meer.

    „Steuerbord Ahoi!“ rief der Ausguck und Margid die Listige sah zuerst nach oben und dann in die Richtung, in die der Mann deutete.
    „Was gibt es?“ fragte Norazul Lifetaker, der zusammen mit Sheddim Tayne und Morix Fireshot das Achterdeck betrat.
    „Rauchsäule“, antwortete die Kapitänin und deutete nach Süden. „Da hat´s jemandem das Pulvermagazin zerrissen.“
    „Sollten wir beidrehen und nachsehen?“ fragte Sheddim und Margid hob die Schultern.
    „Wir sind zwei Tage von Seitung und zweieinhalb Tage von Shing Jea entfernt. Wenn ihn nichts aufhällt, ist in anderthalb Tagen die `Fliegender Tiger´ auf Patrouille in dieser Gegend. Für die Leute, die auf dem hochgegangenen Schiff waren, können wir sowieso nichts mehr tun. Aber andererseits…“ Sie blickte zum Ausguck empor und rief: „Ist noch ein Segel am Horizont zu sehen?“
    „Nein, Kapitän!“ rief der Mann herunter.
    „Soviel dazu also“, murmelte Norazul. „Bleiben wir also auf Kurs. Zuerst mal nach Amnoon und dann sehen wir weiter.“
    „Mal sehen, was die anderen unter Deck schon so alles ausgegraben haben“, meinte Morix.
    Die `Goldener Stern´, dank dem uralten Steuermann Yussuf am Ruder, raste ostwärts.

    Grossmeisterin Kuju und der stellvertretende Meisterarchivar Berigos sahen überrascht von den Schriftrollen auf, als die Tür zu Nekromanten-Archiv aufschwang und Kiágara Fleshreaper zusammen mit Etrik dem Frostigen und Seejara Bladequeen in den Saal gerannt kamen.
    „Kiágara?“ fragte Kuju mehr erleichtert als überrascht. „Da bist Du ja endlich! Wir haben Dich schon vor Tagen zurückerwartet.“
    „Grossmeisterin!“ rief Kiágara und bremste dank des schweren Schreibtischs, an dem normalerweise ihr Ehemann arbeitete, abrupt ab. „Grossmeisterin! Wo ist Norazul? Er ist nicht auf dem Trainingsgelände und Euer Adjutant hat gesagt, er sei auch nicht im Archiv.“
    „Norazul ist vor fünf Tagen mit einer Gruppe zusammen mit der `Goldener Stern´ nach Tyria aufgebrochen, Kindchen“, antwortete Kuju überrascht und fuhr prompt zusammen, als Kiágaras Faust, begleitet von einem „Oh, verdammt!!“ auf die Tischplatte krachte.
    Die Grossmeisterin trat einen Schritt auf die bebende Nekromantin zu und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Was ist denn los? Ist Norazul in Gefahr? Du weisst doch, dass er mit fast allem klarkommt.“
    „Mit wem ist er unterwegs, Grossmeisterin Kuju?“ fragte Etrik, der einen nicht weniger besorgten Gesichtsausdruck trug, wie auch Seejara neben ihm.
    Kuju schüttelte ungläubig den Kopf. „Mit Morix Fireshot, dem Magier, seiner Schwester Sheddim Tayne, unserer Nekromantin Gethzerra Monstermaker, Kapitänin Margid, dem Krieger Harkon Grimblade, der Ritualistin Zuhangi und dem Heiler Lebendiger Lu.“
    „Oh nein!“ warf Kiágara die Hände in die Luft und rief: „Wir müssen ihnen sofort hinterher! Eine weitere, am besten zwei weitere Gruppen!“
    „Was ist denn los, Kiágara?“ drängte Kuju. „Ist Norazul in Gefahr?“
    „Nicht Norazul ist Gefahr, Grossmeisterin!“ sagte Kiágara. „Sondern seine Begleiter!“
    Die alte Nekromantin wich vor der kleinen Frau zurück. „Wie, bei den Fünf Göttern, kommst Du denn da drauf?“
    Kiágara griff in ihre Gürteltasche und holte den goldenen Siegelring heraus. „Deshalb“, sagte sie und warf ihn Kuju zu.
    Diese fing ihn auf, drehte ihn in den Fingern und wäre Berigos nicht blitzschnell hinter ihr gestanden, wäre sie zusammengebrochen.
    Obwohl die meisten Archivare, Schreiber und Übersetzer die Geschehnisse unmöglich hatten sehen können, stürzten sie alle herbei, denn jeder Nekromant, gleich welchen Ranges auch, hatte die Schockwelle gespürt, die von ihrer Grossmeisterin ausging.
    Am anderen Ende der Halle, bei der Buch- und Schriftrollenausgabe, sahen einige Gildenkrieger erstaunt herüber.
    „Grossmeisterin!“ bedrängte Berigos Kuju. „Bei den Fünf Göttern, was habt Ihr, geht es Euch nicht gut? Soll ich nach einem Heiler sch…“
    „Wo kommt dieser Ring her?“ unterbrach Kuju ihn fauchend und Seejara hob die Hand.
    „Von mir, verehrte Meisternekromantin“, sagte sie und verbeugte sich leicht, „Seejara Bladequeen, Assassinin mit Dolch und Bogen.“
    „Wo habt Ihr ihn gefunden?“ Kujus Stimme war ungewöhnlich schroff, aber das schien Seejara in keinster Weise zu stören.
    „Ich habe ihn von Norazul Lifetaker immer als Glücksbringer erhalten, wenn er unsere Gruppe zeitweise verliess.“
    In der nächsten Sekunde musste sie den Kopf einen Zentimeter zurücknehmen, damit ihr der rasiermesserscharfe Nagel von Kujus Zeigefinger nicht die Stirn durchbohrte.
    „Denkt gut nach, Assassinin“, sagte Kuju scharf, „hat er, hat Norazul Lifetaker, jemals, jemals, diesen Ring an einem seiner Finger getragen?“
    Seejara schüttelte den Kopf. „Nein, Mylady, nie. Er hat ihn nicht einmal anprobiert, weil man sofort sehen konnte, dass der Ring nicht einmal auf seinen Daumen gepasst hätte.“
    Kuju atmete hörbar aus, während das Gemurmel der anwesenden, sich fragend und schulterzuckend ansehenden Nekromanten ein leises Echo erzeugte.
    „Er hat ihn in einer Art Geheimfach in seiner Rüstung getragen, wenn er mal eine Rüs… Äck!“ wollte Seejara weitererzählen, das schloss sich Kujus rechte Hand um ihren Hals und, zur allgemeinen Überraschung aller, hob die alte dünne Frau die Assassinin vom Boden hoch.
    „Wo?“ fauchte Kuju sie an. „Wo?! Wo hat Norazul an seiner Rüstung den Ring versteckt?“
    „Am…“ keuchte Seejara „am Herzen!“ Sie plumpste zurück auf den Boden.
    „Tut mir leid“, sagte Kuju zu ihr, „aber ich musste es genau wissen.“ Sie drehte sich zu den jetzt noch verdutzteren Zuschauern um und rief: „Ihr da! Lauft sofort zu allen anderen Grossmeistern und egal, was sie tun, sie sollen sofort, sofort, in unsere Halle kommen! Ihr dort drüben! Bereitet den Dunkelen Saal umgehend für eine Krisensitzung vor! Ihr beiden sucht sofort Meisterin Satsume auf und bittet sie, ebenfalls zu kommen. Und der Rest von Euch rennt zum Klosterhafen und nach Seitung und sucht nach mindestens einem Dutzend der schnellsten Schiffe, die vor Anker liegen. Es ist egal, welche Art von Schiff, oder wie teuer, Hauptsache das Schnellste, was verfügbar ist! Und jetzt los mit Euch!“
    Diese Art von Aktivität hatte es selten im eigentlich ausgestorben wirkenden Archiv gegeben und fast hätte man eine Sekunde gedacht, die davonrennende Traube aus Männern und Frauen würde in der Tür steckenbleiben.
    „Meisterin!“ fragte Berigos eindringlich. „Was, ist den bitte der Grund für Eure Besorgnis?“
    Kuju drehte sich zu ihm um und drehte den schweren Ring zwischen den Fingern, dann zeigte sie dem Archivar das Siegel und sagte: „Das hier.“
    Berigos´ Haut wurde kreideweiss und seine Gesichtszüge entgleisten ihm. „M… Meisterin… denk… denkt Ihr etwa, dass Norazul Lifetaker in Wirklichkeit…“
    „Nein!“ antwortete Kuju entschieden. „Dann hätte er den Ring getragen und er hätte gepasst.“ Sie schüttelte den Kopf und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand den Nasenrücken. „Aber Norazul kannte ihn. Er kannte ihn nicht nur, er hat von ihm gelernt. Und er hat nicht nur von ihm gelernt, er muss einer seiner engsten Vertrauten, seiner höchstrangigen Adjutanten gewesen sein.“
    „Ich störe eine Gruppe Nekromanten stets ja nur ungern beim Schwarzsehen“, mischte sich Seejara ein, „aber was ist bitte so schlimm an Norazuls Ring? Er hat mir nie Unglück gebracht, aber Ihr alle redet so, als sei der Ring verflucht.“
    „Der Ring nicht“, antwortete Kuju dunkel, „aber der Eigentümer dieses Ringes ist eine der verhasstesten Gestallten der vergangenen Jahrhunderte – besonders für uns Nekromanten.“
    „Und wer soll das sein?“ fragte Seejara, aber Kuju schien sie nicht gehört zu haben.
    „Wenn Norazul diesen Ring bei sich hatte, wenn auch nur zeitweise, bedeutet das, dass er schlimmstenfalls sein direkter Stellvertreter war… oder noch ist.“
    „Bei den Fünf Göttern!“ sagte die Assassinin scharf. „Stellvertreter von wem?“
    Kuju stiess den Ring in ihre Richtung, so dass sie das Symbol auf dem Siegelring sehen konnte.
    „Das ist der Siegelring des Verfluchten Grossmeisters! Farrik Fearcaster!“
    Die Panzerplatte im Boden des Archivs, unter der die verbotenen Schriften lagerten, begann wild zu zittern und an den fünfundvierzig Vorhängeschlössern zu rütteln.
    Ein monsterartiges Brüllen, gedämpft durch den dicken magischen Stahl, erklang.

    „Also können wir zumindest mit Sicherheit sagen, dass Norazul Lifetaker nicht Farrik Fearcaster ist?“ fragte Meisterin Satsume und betrachtete den Siegelring, der in der Mitte des schwarzen Tisches lag.
    „Definitiv, Meisterin Satsume“, antwortete Kuju, „denn wenn er wirklich der Verfluchte Grossmeister wäre, würde er den Ring selbst tragen.“
    Grossmeisterin Lee von den Assassinen deutete auf den Ring. „Und was, wenn er ihn absichtlich nicht trägt? Ich meine“, sie hob abwehrend die Hände, „ich habe allen Respekt vor Norazul Lifetaker, aber wir müssen auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen.“
    „Ich kenne Norazul Lifetaker“, antwortete Grossmeister Sousuke beruhigend, „das kann ich wohl behaupten, länger als jeder Nichtnekromant hier und sage, dass wir diese Möglichkeit ausschliessen können. Farrik war selbstverliebt, arrogant und herrschsüchtig. Allesamt Eigenschaften, die für Euch Nekromanten eher untypisch sind.“ Er legte die Fingerspitzen aneinander. „Norazul hingegen… nun, schweigsam war er bestimmt nicht und am wohlsten fühlte er sich in vorderster Reihe der Schlacht, aber was seine Wissbegierigkeit und seinen, nennen wir es mal berufsbedingten Sadismus, angeht, ist er mehr oder weniger normal in seinem Auftreten.“
    „Normaler Sadismus?“ fragte Kiágara, die neben Kujus hochlehnigem Polsterstuhl stand. „Ihr wisst doch selbst, was er macht, wenn er einen Mörder oder Kinderschänder zu fassen bekommt. Oder sogar einen normalen Taschendieb, wenn er hungrig ist.“
    „Wenn es jemanden hier gibt, der Norazul Lifetaker am besten kennt“, bemerkte Krieger-Grossmeister Zhan mit einem schiefen Grinsen, „dann ist es kohl Kiágara Fleshreaper selbst. Sie und Norazul sind sich so nahe, wie es unter vier Augen nur geht.“
    Ein Kichern erklang von einigen der Versammelten und Kiágara verdrehte die Augen.
    „Aber es stimmt“, meinte Kaa von den Mesmern, „Sousuke und Kuju hier mögen Norazul Lifetaker vielleicht von uns allen hier am längsten kennen, aber seine Beziehung zu Kiágara ist am innigsten.“ Er sah zu der Nekromantin herüber und winkte sie näher. „Was denkst Du, Kiágara? Wie passt der Meisterarchivar in die Sache hinein und wieviele Sorgen sollten wir uns machen?“
    Kiágaras Gedanken rasten, als sie an den Tisch trat und sich umsah.
    Alle acht Grossmeister der in Shing Jea vertretenen Orden waren anwesend und alle hatten ihre Archivare, Adjutanten und Besten ihrer Zunft mitgebracht.
    Es beruhigte sie aber ungemein, dass sie zwar in einigen Gesichtern Besorgnis und Skepsis, aber nirgendwo Abneigung oder gar Feindseligkeit bemerkte.
    So waren Gildenkrieger untereinander nicht.
    „Nun“, begann sie, „wenn es etwas gegeben haben mag, was meinen Ehe… ich meine, was Norazul Lifetaker mit Farrik Fearcaster in Verbindung gebracht haben mag, dann ist es mit seiner Vergangenheit damals vor seinem ersten Erscheinen in Shing Jea ausgelöscht worden.“
    „Ist das wirklich sicher?“ fragte Meisterin Satsume.
    „Absolut, Meisterin“, antwortete Kiágara, „als damals der Grund für Norazuls Gedächtnisverlust dank Tragin des Herzlosen bekannt wurde, die Manawelle, hat Norazul wirklich alles unternommen, um das wieder zu bereinigen. Er hat, wann immer sich die Möglichkeit ergab, sich von allen Elementarmagiern, Heilern, Ritualisten und Derwischen untersuchen lassen. Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit Magie und Heilung auskannte. Und alle sagte sie das gleiche. Keine Heilungsmöglichkeiten.“
    „Das kann ich bestätigen“, sagte Grossmeisterin Amara, der die Heiler unterstanden, „Norazul ist so oft bei uns und in unserem Archiv gewesen, dass der Anblick von ihm und seiner grauenhaften Rüstung zahllose Simulanten und Hypochonder vertrieben hat. Zahllose Schulkinder hassen ihn seitdem.“
    Selbst Kuju musste lachen, aber die Ernsthaftigkeit dieses Zusammenkommens wurde schnell wieder gewiss.
    „Selbst an jenen Orten“, erzählte Kiágara weiter, „an denen die Grenzen zwischen dieser Welt und den Welten der Geister und der Götter dünn sind, gab es keine Heilungsmöglichkeiten.“
    „Es sei denn, jene Entitäten, die ihn hätten heilen können, haben ihm diese Bitte vorenthalten“, sagte Sousukes Berater Geedon und fügte, als alle ihn ansahen, hinzu: „Bis jetzt.“
    „Und was soll das heissen?“ fragte Kuju.
    „Wir alle wissen hier im Kloster doch“, erklärte Geedon, „dass Norazul Lifetaker Jahrzehnte bereits darauf verwandt hat, um Spuren seiner Herkunft und Vergangenheit nachzujagen. Ich will ihm gewiss seine zum Teil beachtlichen Erfolge nicht abspenstig machen, obwohl er, seit seinem Antritt des Meisterarchivarpostens, für meinen Geschmack seinen persönlichen Interessen zu grosse Prioritäten beimisst. Genau wie Grossmeisterin Lee, Grossmeister Sousuke hier und, so behaupte ich, auch alle hier Versammelten, habe ich jeden Respekt vor dem Meisterarchivar des Nekromanten-Ordens. Erinnert Euch aber bitte an das Verhängnis des Kelim Earthbender, von dem man vor zwölf Jahrhunderten annahm, er habe sich von der dämonischen Besessenheit, die er achzig Jahre zuvor erlitten hatte, wieder erholt.
    All diese Jahrzehnte hatte er nur darauf hingearbeitet und intrigiert, um schliesslich seinem wartenden Dämonenherren die Seelen und Körper von sechshundert der mächtigsten Gildenkrieger jener Zeit zu opfern.“
    „Komme bitte zum Punkt, Geedon“, sagte Sousuke mit neutraler Stimme.
    „Nun, aus welchem Grund ist Norazul Lifetaker diesmal unterwegs?“ fragte Geedon.
    Kuju antwortete ihm. „Er hat dank Etrik dem Frostigen hier“, Etrik hob zum Gruss einen Finger an die Schläfe, „erst herausgefunden, dass er früher regelmässig nach Orr gereist ist.
    Da wir schon lange vermutet haben, dass Farrik Fearcaster für seine Flucht eventuell Teleportmagie benutzt haben könnte, wollten wir seine und unsere Informationensuche kombinieren. Wie wir es schon oft getan haben.“
    Geedon schürzte die Lippen. „Das wäre ziemlich passend, wenn er… falls er… uns schon seit Jahren an der Nase herumführte, dass Norazul Lifetaker jetzt eine Möglichkeit sucht, zurück zu Farrik zu kehren. Falls er den Ort nicht schon kennt.“
    „Und wieso ist er dann nicht schon vor Jahren abgehauen?“ fragte Kiágara scharf.
    „Vielleicht hat er nach etwas gesucht, oder etwas getan?“ vermutete Geedon.
    „Es war sein Platin, das dem Ausbau dieses Klosters erheblich erleichtert hat“, sagte Kuju, „und er hat auch nichts mitgenommen, ausser seiner eigenen Ausrüstung.“
    „Trotzdem sollten wir kein Risiko eingehen“, meldete sich Waldläufer-Grossmeister Greico erstmals zu Wort. „Ich kenne Norazul auch schon von der ersten Stunde an und denke auch nicht, dass er Übles im Schilde führt. Aber wir Waldläufer überleben vor allem auch durch Vorsicht und Besonnenheit gefährliche Situationen und das da“, er deutete auf den Ring, „ist eine gefährliche Situation.“
    „Was sollen wir also tun?“ fragte Meisterin Satsume.
    „Wir stellen Teams zusammen“, antwortete Greico, „die die Überreste von Orr nach Norazul durchsuchen und vorsichtshalber sollten einzelne Gildenkrieger zu den Städten, Siedlungen und den Trainingszentren in Tyria und Elona geschickt werden.“
    „Norazuls Zwillingsschwester Ilarya Deathwynd ist in der Neuen Akademie in Elona“, sagte Kiágara, „die hilft uns bestimmt bei der Suche.“
    „Und was sollen die Teams tun, wenn sie Norazul finden?“ fragte Meister Zhan. „Was sollen sie dann tun?“
    Kuju erhob sich langsam und legte die Hände auf den Tisch. „Er soll sofort nach Shing Jea zurückkehren und hier werden wir ihn mit den bisherigen Ereignissen konfrontieren. Ich werde persönlich eine Gruppe zusammenstellen, die diejenigen, die ihn finden, unterstützen werden.“
    „Was ist“, fragte Meisterin Lee, „wenn Norazul Lifetaker tatsächlich zu den Anhängern Farrik Fearcasters gehört.“
    „Dann muss er getötet werden“, antwortete Kuju kalt und jeder im Raum hätte erwartet, dass Kiágara Fleshreaper ausrasten würde.
    Aber sie blieb anscheinend ruhig.
    „Sollte ich Norazul in Orr finden, denn ich werde zu Kujus Gruppe gehören, ob sie will, oder nicht, dann werde ich ihm den Ring zeigen“, sagte sie leise und es wurde deutlich kälter im Raum. „Und sollte es sich herausstellen, dass er dem Verfluchten Grossmeister noch immer Treue schwört“, die traditionelle elonische Hochzeitsklinge bohrte sich mit einem metallischen Wummern in die Tischplatte und selbst Kuju wirkte überrascht, „dann töte ich ihn selbst!“



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:31


    VII – Friend Or Foe

    „Bei diesen Temperaturen“, murmelte der Lebendige Lu und wischte sich den kahlgeschorenen, tätowierten Kopf ab, „fällt es mir schwer zu glauben, dass nur eine Sonne am Himmel steht.“
    „Also ich empfinde es als ganz angenehm“, meinte Sheddim Tayne, deren elonisch-dunkle Hautfarbe mit der Hitze besser zurechtkam.
    „Wenigstens“, meinte Norazul Lifetaker, auf dessen Rüstung trotz der Temperaturen Eiskristalle glitzerten, mit leiser Stimme, „wissen wir nach drei Wochen endlich, wo wir hinmussten.“
    Vor über drei Wochen hatte die `Goldener Stern´ in der Oase von Amnoon angelegt und mit je nach Situation Gold, Platin, gutem Zureden oder Androhung von Gewalt, hatte Norazuls Gruppe endlich die ungefähre Lage eines orrianischen Magier-Refugiums erfahren.
    Der beste Hinweis bisher, aber die Reise hatte sich als alles andere als gefahrenlos erwiesen.
    Ruhelose Geister, die seit der Zerstörung Orrs umherwandelten, unzählige Arten wilden Getiers, die in den acht Menschen einen feuchten Imbiss sahen, und schier endlose, durch fremde Magie wieder animierte Rüstungen, die mit Äxten, Schwertern und Hämmern auf sie losgingen.
    Von den Vergessenen, den Schlangenmenschen, mal ganz zu schweigen.
    Einer dieser Vergessenen, seiner Aura nach ein potenter Magier, hatte eine mit komplizierten orrianischen Glyphen bekritzelte Karte bei sich, deren Übersetzung Norazul die ganze Nacht kostete, während seine Kameraden schliefen.
    Die Informationen wiesen auf einen „Nexus“ hin, der sich, von dem Ort an dem die Gruppe die Karte erbeutet hatte, etwa zwanzig Meilen entfernt befand.
    Nun stand die Gruppe vor einem Gebäude, an dem die Katastrophe, die Orr verwüstet hatte, ebenso wie die Sandstürme, kaum nennenswerte Spuren hinterlassen zu haben schienen.
    Die Fassade der steilen Stufenpyramide war zwar brandgeschwärzt und viele der sie umgebenden Statuen und Pylonen waren eingestürzt, aber ansonsten gut erhalten.
    Norazul und seine Begleiter marschierten über brüchige und zersprungene Steinfliesen auf das halb mit Sand bedeckte Gebäude zu.
    „Spürt ihr das auch?“ fragte Morix.
    „Was?“ fragte Harkon Grimblade, eine Hand auf dem Knauf seines Zweihandschwerts.
    „Dieser Ort ist magisch sehr aktiv“, sagte Sheddim und die Ritualistin Zuhangi nickte.
    „Es gibt wenige Geister hier und diejenigen, die noch hier sind, sind entweder verbittert, oder verzweifelt. Aber dieser Ort hier“, die Lippen der fast völlig erblindeten Ritualistin begannen unter ihrer traditionellen Kopfbedeckung zu zittern, „macht mir Angst.“
    „Der Ort hat zwar ein grosses Potential“, sagte Gethzerra Monstermaker so beruhigend, wie es einer Nekromantin möglich war, „aber es ist eben nur ein Potential, Zuhangi, nichts Aktives.“
    „Das weiss ich natürlich“, antwortete die Ritualistin, „aber ich habe Angst vor dem, was passiert, wenn dieses Potential aktiviert wird.“
    „Jetzt beruhigt Euch alle mal wieder“, sagte Norazul, als sie das Gebäude erreicht hatten und vor dem grossen, dunklen Eingang standen, „was kann hier schon gross gefährlich werden?“
    Er deutete mit einer Hand auf den Eingang. „Vielleicht finden wir da drinnen etwas über meine Vergangenheit, oder nicht. Vielleicht finden wir da drinnen etwas über Farrik Fearcaster, oder nicht. Vielleicht…“
    „Norazul?“ rief Margid die Listige und erschien hinter einem der halb eingestürzten Pylonen. Sie hatte die Gegend abgesucht. „Wir bekommen Gesellschaft.“
    „Wann und wer?“ fragte Norazul und griff nach seinem Zweihandstab, als er Margids besorgten Gesichtsausdruck bemerkte.
    „Hier und jetzt“, sagte eine bekannte Stimme und die Spitze seines Zweihandstabs klackte auf den Boden, als Norazul Kiágara Fleshreapers Stimme erkannte. Eine Sekunde später trat sie hinter Margid vorbei in Sicht.
    „Was machst Du denn hier, meine Kleine Todesfee?“ rief er und lief auf sie zu.
    Er stoppte einige Schritte vor seiner Frau, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Was ist?“
    „Es gibt ein ernsthaftes Problem“, sagte Grossmeisterin Kuju, die von der anderen Seite der sandbedeckten Pylonen ankam.
    Norazuls Kiefer klappte herab, als er mehr und mehr Gildenkrieger erscheinen sah und nicht nur Gildenkrieger.
    „Grossmeister Zhan? Grossmeister Greico? Grossmeisterin Lee? Grossmeister Kaa?“ fragte der Nekromant, dessen Verwunderung noch grösser wurde.
    „Und ich auch“, sagte Sousuke und Norazul fiel auf, dass sein alter Weggefährte der einzige war, dessen Gesichtsausdruck besorgt war.
    Kaas und Greicos Gesichtsausdruck war unlesbar, Lee betrachtete ihn kritisch und Zhan sah so aus, als würde er ihm mit seinem Kriegshammer den Schädel zertrümmern, wenn er nur eine falsche Bewegung machen würde.
    „Was, bei den Fünf Göttern, ist denn los? Sind wir hier in Gefahr?“
    „Eventuell ja“, sagte Grossmeisterin Kuju eisig, „und zwar von Dir!“
    „WAS?!?“ rief Norazul und wich zwei Schritte zurück. „Wieso von mir denn?“
    Kiágara griff in ihre Gürteltasche und holte den Siegelring heraus. „Weisst Du, was das ist?“
    „Ich bin kein Experte, aber ich würde das für einen Ring halten“, meinte Norazul mit einem schiefen Grinsen – das sofort wieder erstarb, als er die Blicke der Grossmeister und der Gildenkrieger sah.
    „Jetzt wartet mal!“ rief er und hob beschwichtigend die Hände, bemerkte, dass er noch immer seinen Stab hielt und hängte ihn in seinen Gürtel ein. „Was soll denn so schlimm an diesem Ring oder mir sein?“
    „Den hast Du mir vor etwa einhundert Jahren gegeben“, antwortete Seejara Bladequeen und trat zwischen Kiágara und Kuju hervor, „als Glücksbringer.“
    „Kennen wir uns?“ fragte Norazul und erblickte Etrik den Frostigen, da erinnerte er sich an das, was der Wassermagier gesagt hatte. „Ist das Seejara, Etrik?“
    „Das ist sie, Norazul, und wir alle machen uns Sorgen, weil sich dieser Ring in Deinem Besitz befand.“
    „Ich kenne diesen Ring doch gar nicht“, rief Norazul und wich noch zwei Schritte zurück, „was soll ich damit also zu tun haben? Ich mache mir nichts aus Schmuck.“
    „Trotzdem hast Du ihn immer getragen“, sagte Seejara. „Entweder an einer Kette um den Hals, oder in einem Geheimfach an deiner Rüstung.“
    „Diese Rüstung hier hat kein Geheimfach!“ rief der Nekromant, der die wachsende Anspannung der Gildenkrieger bemerkte. „Ich habe sie mir nach der Schlacht gegen Tragin fertigen lassen! Was ist an diesem Ring so besonders?“
    „Liess´ das Siegel“, sagte Kiágara und warf Norazul den Ring zu. Um Haaresbreite hätten einige Magier Zaubersprüche und Waldläufer Pfeile abgefeuert.
    Der Nekromant fing den Ring auf, betrachtete das Siegel und begann zu zittern. „Das… das ist doch nicht möglich.“
    „Leider doch“, sagte Kuju, „und deshalb musst Du sofort mit uns kommen. Zurück nach Shing Jea, wo wir untersuchen müssen, wie Du an den Ring Farrik Fearcasters gekommen bist.“
    „Und deshalb macht Ihr alle hier einen solchen Aufstand?“ rief Norazul, der nicht wusste, ob er erleichtert oder zornig werden sollte. „Verdammt nochmal! Ich dachte fast, ich falle vom Glauben ab! Wozu rückt Ihr alle hier an, wenn es ein einzelner Bote auch getan hätte?“
    „Also kehrst Du mit uns zurück?“ fragte Kiágara, deren Stimme und Gesichtsausdruck sich endlich entspannten.
    „Natürlich doch!“ rief Norazul. „Was denkt Ihr alle eigentlich, was ich bin? Ein Dämon? Ein Verräter? Verdammt, ich bin doch loyal! Ein Wort der Grossmeister und ich bin zur Stelle!“
    Die Spannung fiel von den Anwesenden fühlbar ab und Kiágara ging auf Norazul zu, dem Grossmeister Zhan auf die Schulter klopfte und umarmte ihn.
    „Tut mir leid, aber als der Ring Farrik Fearcasters auftauchte, gingen wir vom Schlimmsten aus.“
    „Kein Problem“, meinte er freundlich und deutete mit dem Daumen nach hinten auf die Ruine, „ausserdem ist Arikaha hier auch nicht mehr das, was es mal war.“
    Norazul geriet fast ins Taumeln, als sich Kiágara von ihm losriss und die versammelten Gildenkrieger von ihm zurückwichen und ihre Waffen zogen.
    „Was ist denn jetzt schon wieder?“ fragte er.
    „Woher kennst Du den Namen dieses Ortes?“ fragte Kuju eiskalt und ihr Enkelsohn spürte, wie sich Magier, Ritualisten, Mesmer und andere aufluden.
    „Woher wohl wussten meine Gefährten und ich überhaupt, wo dieser Ort hier liegt, hä?“ fragte Norazul und zeigte ihnen die Karte, die sie dem Verdammten-Magier abgenommen hatten. „Schaut mal hier – und zwar Alle!! – auf die Karte. Da steht gross und deutlich, wenn man die Sprache kann, `Arikaha´ drauf!“
    „Und wie kannst Du wissen, wie es hier früher aussah?“ fragte Grossmeister Zhan, den Kriegshammer in beiden Händen.
    Norazul stapfte auf ihn zu und hielt ihm die Karte vor die Sichtschlitze seines Helms.
    „Weil diese prachtvolle orrianische Zeichnung hier, unter der `Arikaha´ steht, nun mal eben nicht so aussieht, wie diese Ruine hinter uns, Grossmeister Zhan!“
    Um den Grossmeister nicht zu beschämen, drehte sich Norazul zu den Versammelten um.
    „Wollt Ihr noch mehr Sicherheiten? Okay. Hier.“
    Sein Zweihandstab landete klappernd auf der Steinfliese, dann folgten die beiden Sicheln und schliesslich auch der Gildenumhang mit seinen Giftphiolen.
    „Da bitte“, rief er zornig, „noch ein Beweis gefällig? Schaut alle her.“
    Der Nekromant nahm Farrik Fearcasters Siegelring und steckte ihn sich über den rechten Ringfinger.
    Der Ring hatte trotz Panzerhandschuh fast einen halben Zentimeter Spiel.
    „Wenn ich mich richtig erinnere“, sagte er sauer, „sind alle Siegelringe Massanfertigungen für Grossmeister. Ich bin kein Grossmeister und benutze daher im Archiv einen Siegelstempel. Also können wir jetzt vielleicht `Arikaha´…“
    Farrik Fearcasters Siegelring glühte hell auf und verringerte seinen Durchmesser. Eine Sekunde später sass er wie angegossen an Norazuls rechtem Ringfinger.
    „Oh nein!“ keuchte Norazul, als er die Hand hob, dann versuchte er panisch den Ring abzuziehen, während ein Aufschrei durch die Menge ging.
    Kiágara zog ihr Hochzeitsmesser und spannte sich an.
    „Also doch!“ riefen Grossmeisterin Lee und Grossmeister Zhan zusammen.
    Drei Wurfpfeile zischten auf Norazuls Hals zu und der mächtige Kriegshammer schwang ihm entgegen, aber der Nekromant stand nicht mehr dort.
    „Verdaaaaaaaaaaaaammt!“
    Unter den verdutzten Augen der Anwesenden schien Norazul Lifetaker vom Siegelring regelrecht in Richtung des Eingangs der Ruine gezogen zu werden.
    Er versuchte mit den Klingen an seinem linken Handrücken und den Fingern Halt zu bekommen, aber die Klingen schlugen lediglich Funken. Auch die Stacheln an seinen Stiefeln nutzten nichts.
    „Helft mir!“ rief er, aber es war nur Kiágara, die losrannte.
    Er krachte mit dem Rücken gegen den letzten Pylonen und rammte die Klingen seiner linken Hand in den Stein.
    Für einen Augenblick hing er in der Luft und schrie vor Schmerzen, als der rechte Arm zu versuchen schien, sich entweder loszureissen, oder ihn mit sich zu ziehen.
    „Los doch!“ rief Grossmeisterin Kuju und jetzt endlich setzte sich der Rest der Truppe in Bewegung.
    Kiágara hatte Norazul fast erreicht, da gab der Pylon nach und der Nekromant verschwand sich überschlagend im Eingang.
    Der Pylon geriet ins Wanken, als sich Risse vom Boden bis zur Spitze ausbreiteten – und kippte in die andere Richtung.
    Kiágara, die einige Schrecksekunden gezögert hatte, wurde von Kuju gepackt und mit den rennenden Gildenkriegern mitgeschleift.
    Das vom Eingang hereinfallende Sonnenlicht reichte weit genug in das Gebäude herein, um eine dicke Sandschicht, Schleifspuren von zwei Stiefeln und zu Kohle verbrannte Überreste von Schreibtischen und Bücherregalen zu zeigen.
    Sousuke und die anderen Magier luden ihre Zauberstäbe auf und die glitzernden Waffen erhellten die Eingangshalle weit genug, um den Hereinstürmenden einen Blick auf Norazul zu geben, wie er durch einen gegenüberliegenden Durchgang verschwand und, dem Geklapper und seinem Gefluche nach zu urteilen, eine Treppe hinabgezogen wurde.
    Sie rannten weiter und als plötzlich ein gellender Schmerzensschrei aus dem Durchgang klang, hängte Kiágara, von grenzenloser Angst angetrieben, die anderen Gildenkrieger ab und sprang die Stufen der Treppe hinab.
    Dann blendete sie ein grelles rotes Licht.
    Der grosse Raum, man konnte schon Halle sagen, hatte einen sechseckigen Grundriss und eine hohe Decke. Decke, Boden und Wände waren über und über mit Runen beschrieben, deren Abschrift eine Armee Gelehrter Monate gekostet hätte, aber das beeindruckendste an der Halle war die Struktur in deren Mitte.
    Ein sechseckiger Ring aus dickem schwarzen Metall, von dem das rote Licht ausging – und in dessen Mitte Norazul Lifetaker mit gespreizten Armen und Beinen, den Blick zur Decke gerichtet, schwebte.
    Der Siegelring an seinem rechten Ringfinger leuchtete feuerrot und seine Gefährten blickten fassungslos auf das Schauspiel.
    „Was passiert da?“ rief Kuju über das lauter werdende Geknister und Getose.
    „Das Portal aktiviert sich!“ rief Sousuke als Antwort. „So ähnlich war das damals in Minister Fengs Anwesen auch.“
    „Wir müssen ihn da rausholen!“ schrie Kiágara, da fuhren aus drei Runen in den Wänden Blitze in eine der sechs Ecken des Rings und ein aus allen drei Runen bestehendes Symbol erschien an dieser Ecke.
    Die Nekromantin rannte auf das Tor zu, wurde aber von irgendeiner unsichtbaren Barriere aufgehalten, die jedoch nachzugeben schien, als ein weiteres Symbol erschien.
    „Die Barriere wird schwächer! Kommt her!“ rief sie über die Schulter.
    „Wo führt dieses Portal eigentlich hin?“ rief Grossmeister Greico.
    „Wir werden es gleich wissen!“ rief Harkon Grimblade und zog sein Schwert.
    „Mich würde eher interessieren, wie lange das Ding offenbleibt!“ Seejara musste brüllen, denn mittlerweile war das vierte Symbol erschienen und das Fünfte war im Entstehen begriffen.
    Grossmeister Zhans Stimme übertönte problemlos den Lärm. „Wenn das Tor offen ist, seht zu, dass durchkommt, wer kann!“
    Norazuls Augen begannen zu leuchten, dann erschien das sechste Symbol und mit einem blendenden Blitz war der Nekromant verschwunden.
    An seiner Stelle war ein Strudel aus wirbelnden, tobenden Energien entstanden.
    Die Symbole an den Ecken leuchteten noch immer hell, begannen aber zu pulsieren.
    Ohne zu warten, rannte Kiágara los und sprang in den Wirbel.
    Die anderen folgten ihr.



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:37


    VIII – Frozen Monastery

    „Autsch!“
    „Ich weiss nicht, wer das gesagt hat, aber Du hast Recht!“
    „Wo sind wir hier?“
    „Im Dunkeln.“
    „Du bist bestimmt ein Mesmer, Scherzkeks.“
    „Die Asura-Portale sind angenehmer.“
    „Ja, aber dafür hängen hier keine Zerstörer herum.“
    „Kiágara? Bist du hier?“
    „Ja, Grossmeisterin.“
    „Weiss jemand, ob dieser Norazul Lifetaker auch hier gelandet ist?“
    „Ja, das bin ich.“
    „Norazul?! Wo bist du?“
    „Keine Ahnung, Kleine Todesfee, aber irgendjemand liegt auf meinen Beinen.“
    „Das bin ich, der mit seinem Hintern auf Deinen stacheligen Stiefeln sitzt.“
    „Hey Trakal! Ich wusste nicht, dass Du auch hier bist.“
    „Ich will ja nicht meckern, aber kann jemand von Euch noch zaubern?“
    „Äh, nein.“
    „Ich auch nicht.“
    „Ich erreiche die Geisterwelt auch nicht.“
    „Ah, Zuhangi, Du bist auch da.“
    „Komisch, ich spüre keinen Energieverlust.“
    „Sheddim? Gut, dass Du auch da bist. Mir geht es auch nicht anders.“
    „Sind noch andere Nekromanten hier?“
    „Ja, ich, aber meine magischen Nebenfähigkeiten sind blockiert.“
    „Hey, ich habe eine Idee! Trakal?“
    „Ja, Norazul?“
    „War das ein Magierzauber, als Du meine Tätowierklingen aktiviert hast?“
    „Das war kein Zauber. Ich habe mich einfach nur auf die Energie konzentriert.“
    „Die Energie aus dem Blutstahl?“
    „Genau.“
    „Hat der Kerl eben tatsächlich `Blutstahl´ gesagt?“
    „Was hast Du vor, Norazul?“
    „Eine Lichtquelle bauen, Grossmu…eisterin. So, Moment, hier ist das Auge… okay und jetzt… AUA!! Natürlich in die Klinge gefasst!... So, jetzt Daumen drücken!“
    Zuerst passierte einige Sekunden gar nichts, dann erschien ein halbes Dutzend kleiner, rot leuchtender Punkte in der Dunkelheit, die rasch anwuchsen.
    Im roten Lichterstein sassen und lagen etwa fünfzig Gildenkrieger kreuz und quer übereinander und sahen sich um.
    Der Raum war wesentlich kleiner als ihr Ausgangspunkt, aber der Ring, vor dem sie alle lagen, und die sechseckige Architektur waren identisch.
    Die Gruppe rappelte sich auf und sah sich um.
    „Wo sind wir hier?“ fragte eine Mesmerin.
    „Ich schätze mal“, antwortete Norazul, der sich sechs seiner Tätowierklingen zwischen die Finger geklemmt hatte, „dort, wo ich früher regelmässig alleine hinreiste.“
    Wir zur Bestätigung seiner Worte leuchtete Farrik Fearcasters Siegelring wieder auf und plötzlich wurde es hell im Raum.
    Licht begann, von dem Portal ausgehend, über verwinkelte Muster im Boden entlangzulaufen, stieg die Wände empor und traf sich, direkt über dem Portal, in der Decke.
    „Beeindruckend!“ sagte Grossmeister Sousuke und sah sich um.
    Norazul erkannte, als er sein `Auge des Grenth´ wieder einsammelte, dass ausser Kuju und Sousuke auch Grossmeister Kaa und Grossmeister Greico anwesend waren.
    Ebenso befanden sich neben Sheddim Tayne, Zuhangi und Harkon Grimblade noch Seejara Bladequeen, Trakal Necromage und Morix Fireshot unter den Personen, die er aus dem Stehgreif wiedererkannte.
    Den Rest kannte er entweder von Sehen, oder überhaupt nicht.
    „Die anderen Kameraden scheinen es wohl nicht geschafft zu haben“, meinte Kuju, die mit Kiágara und den drei Grossmeistern zu ihm kamen.
    „Das wundert mich nicht“, sagte Norazul, „denn so wie es aussieht, ist diese Portal-Passage darauf ausgelegt, möglichst schnell wieder geschlossen zu werden.“
    „Warum?“ fragte Sheddim, die mit drei Nekromanten hinzukam und Norazul antwortete: „Um Verfolger abzuhängen.“
    Dann rief er durch den Raum: „Funktionieren Eure Zauber wieder?“
    Sousuke hielt die linke Hand mit der Handfläche nach oben und ein kleiner Feuerball erschien und schwebte über seiner Hand.
    Er nickte und auch von den anderen Gildenkriegern kamen Bestätigungen.
    „Wieso eigentlich“, fragte Morix Fireshot, „waren Du und Sheddim und die anderen Nekromanten nicht betroffen?“
    „Eben deswegen“, antwortete Norazul, „weil wir Nekromanten sind.“
    „Wie kann sowas funktionieren?“ fragte Grossmeister Kaa. „Eine Art Magie, die die einen Personen verschont, aber alle anderen in ihren Fähigkeiten blockiert?“
    „Keine Ahnung“, antwortete der Nekromant, „soweit es mich betrifft, war ich noch nie hier. Aber der Grund ist denkbar einfach – damit, sollte ein Nekromant hierher von anderen verfolgt werden, seine Verfolger lange genug ausser Gefecht sind, damit Unterstützung herbeigerufen werden kann.“
    „Und von wo soll diese Unterstützung herkommen?“ fragte Kiágara und Norazul legte ihr eine Hand auf die Schulter und drehte sie zu der einzigen Wand des Raums, die nicht mit Runen verziert war.
    „Durch diese Tür dort, denke ich“, sagte er mit schiefem Grinsen und Kiágara knuffte ihm in die Rippen, als Kuju leise zu Kichern begann.
    Ein Krieger betastete die geschlossene Tür und klopfte dann mit der Faust dagegen.
    „Stahl“, meinte er und nahm seinen Helm ab, „genau wie der gesamte Raum hier. Wenn wir kein Schloss finden, sitzen wir hier fest.“
    „Kann Dein… der Ring uns hier nicht rausbringen?“ fragte Kuju.
    „Tür auf“, sagte Norazul, aber nichts rührte sich. Der Ring leuchtete nicht. „Tor öffnen!“
    Wieder nichts.
    „Ich glaube nicht“, sagte Seejara, „dass das irgendwas mit diesem Ring zu tun hat.“
    „Nicht?“ fragte Kuju und Seejara schüttelte den Kopf, als auch Norazul sich umdrehte.
    „Er hat mir immer diesen Ring gegeben, wenn er alleine nach Orr gegangen ist und er hat nichtmal seine Rüstung mitgenommen.“
    „Hmm“, brummte der Nekromant, um den sich nach und nach die anderen Gildenkrieger versammelten und betrachtete seine rechte Hand, dann löste er die Schnallen, die den rechten Handschuh an der Rüstung hielten, und zog ihn ab.
    „Das dachte ich mir“, meinte er, als er versuchte, den Ring vom rechten Ringfinger des Handschuhs zu lösen und sich dieser keinen Millimeter rührte, „aber was soll´s. Mal sehen!“
    Norazul trat näher an die Tür heran, hob die rechte Hand und kam dem Stahl mit der Handfläche näher und näher.
    Er berührte die Tür und zog die Hand zurück, als er einen kleinen Schlag erhielt.
    Nichts weiter passierte, also drehte er sich zu den anderen um.
    „Noch jemand eine Idee?“ fragte er und lehnte sich mit der rechten Hand wieder an die Tür – durch die er mit einem „Whoa!“ durchfiel und verschwand.
    „Norazul!“ rief Kiágara, rannte ihm hinterher und knallte mit so einer Wucht gegen den massiven Stahl, dass sie benommen zurücktaumelte.
    Ein Knirschen und Klicken war von der Tür zu hören, dann hob sie sich, begleitet von rasselnden Ketten, quietschend in die Höhe.
    Norazul Lifetaker stand, eine Hand an einem Hebel, auf der anderen Seite.
    „Zwei Dinge“, sagte er und hob die Hände, „erstens: Nein, ich weiss nicht, wie das funktionierte und zweitens: Vorsicht Stufe.“
    Damit machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte durch einen Felstunnel davon.
    Alle zehn Fuss befanden sich zu beiden Seiten eine kleine Säule, auf der eine Kristallpyramide stand, die zu leuchten begann, kaum dass er an ihnen vorbei kam.
    „Ich frage mich, wo wir hier sind“, fragte Kiágara, nachdem sie, Kuju, die anderen Grossmeister und Norazuls andere Gefährten zu ihm aufgeschlossen hatten.
    „In Farrik Fearcasters Versteck natürlich“, antwortete Norazul. „Kein Wunder, dass man jahrhundertelang nichts gefunden hat, denn mit den Portalen und der Macht, die Farrik angesammelt hat, konnte er sich jedes beliebige Versteck aussuchen, um seine Gefolgsleute und sein Diebesgut zu verstecken.“
    „Als ich als Waldläufer-Neuling erstmals von Farrik Fearcaster gehört habe“, sagte Grossmeister Greico, „dachte ich irgendwo an eine kleine Höhle, oder eine abgelegene Insel, wo er seine Beute versteckt hatte, aber jetzt, wo ich erfahren habe, wieviel er hat mitgehen lassen…“
    Norazul, einen Schritt vor den anderen, kam an einer weiteren Pyramide vorbei, die sich erhellte.
    Dann noch eine, noch eine, noch eine, noch eine, noch eine,…
    „Ja, Greico“, sagte Norazul, als sich die Halle erleuchtete, „dafür war wohl mehr Platz nötig.“
    Die Gruppe Gildenkrieger verteilte sich und nicht einer oder eine war unter ihnen, die nicht über die gigantische runde Halle staunten.
    Mehr als eintausend Fuss im Durchmesser, unter einem flachen Kuppeldach, in dessen Mitte eine Kristallformation als Lichtquelle hing und nach unten, einem Amphitheater gleich in breiten Terassen tiefer und tiefer ging.
    „Bei den Fünf Göttern!“ staunte ein Mesmer. „Wo auf dieser Welt sind wir hier gelandet?“
    „Gildenkriegerinnen und Gildenkrieger?“ übertönte Norazuls Stimme dank des Echos die Halle und alle drehten sich zu ihm herum, wie er, eine Hand an einem Hebel haltend, neben einer Reihe langer Stahlplatten stand, die in gleichmässigen Abständen in die angewinkelten Wände eingelassen waren. „Willkommen in den Nördlichen Zittergipfeln!“
    Er drückte den Hebel nach unten und ein ohrenbetäubendes Knirschen und Kreischen hallte in die letzten Winkel, als alte Kettenzüge eine Stahlplatte nach der anderen anhoben, um den Blick auf eine dunkle, schnee- und sturmumpeitschte Umgebung freizugeben.
    „Unglaublich!“ keuchte Kiágara, als sie erkannte, dass die Stahlplatten doppelwandig waren und zwischen ihnen eine Kristallglasscheibe lag, die die infernalische Kälte draussen hielt.
    Selbst Kuju war beeindruckt.
    „Du hattest Recht damit, Grossmutter“, sagte Norazul, als er zu ihr trat, „dass es einst eine geheime Nekromanten-Akademie in den Nördlichen Zittergipfeln gab. Aber niemand konnte ahnen, dass es zugleich auch Farrik Fearcasters Versteck war.“
    „Kannst Du Dich jetzt daran erinnern, hier gewesen zu sein?“ fragte Kuju aber Norazul schüttelte den Kopf und zog sich endlich seinen rechten Handschuh wieder an.
    „Nein. Überhaupt nicht. Aber wir sollten zusehen, dass wir mehr Leute aus Shing Jea herbekommen. Ich bin mir sicher, dass die damals aus den Archiven gestohlenen Bücher noch hier sind.“
    „Wenn das hier eine Akademie ist“, fragte Sousuke, der zu ihnen kam, „warum wurde sie aufgegeben?“
    „Gute Frage“, murmelte Norazul, sah sich um und, als er sie fand, rief er: „Seejara? Kommst Du mal kurz?“
    „Dieser Ort ist beeindruckend!“ sagte die Assassinin. „Du hättest mich ruhig mal mitnehmen können.“
    Der Nekromant dachte kurz nach. „Es muss einen Grund gegeben haben, warum ich immer alleine hierher kam. Aber was mich mehr interessiert ist die Frage“, er hob die rechte Hand mit dem Siegelring, „wann ich Dir diesen Ring letztmals gegeben habe.“
    Seejara lächelte dünn. „Vor etwa neunzig Jahren, als kurz vor Beginn der Gildenkriege, nachdem sich unsere Gruppe aufgelöst hatte.“
    „Okay“, meinte der Nekromant, „sehen wir mal zu, dass wir Informationen darüber finden, was hier passiert ist.“

    Kujus Lachen hallte durch die langen Regalreihen und sie klatschte begeistert in die Hände, als sie das riesige Archiv entlang ging.
    Die zentrale Halle stellte sich als lediglich nur das Zentrum eines vielarmigen, über dreissig Stockwerke verteilten, Sterns heraus, an den dutzende Hallen und Räume angrenzten.
    Hier, im Archiv, fanden sich nicht nur jene Bücher, die Farrik selbst geschrieben hatte, sowie jene, die er gestohlen hatte, sondern auch tausende neue Schriften, deren Lektüre Jahrhunderte benötigen würde.
    „Da werde ich wohl alleine schon für das Katalogisieren Überstunden machen müssen“, meinte Norazul, die Daumen in seinen Gürtel gehakt und zog dann doch ein Buch heraus und betrachtete den Titel.
    „Von Stahl Und Dunkelheit von Zergir Bloodfreezer“, sagte er zu Kiágara, „einer der wenigen Nekromanten, die von den Zwergen selbst die Kunst des Runenschmiedens erlernen durfte.“
    Er packte es zurück und griff ein anderes.
    „Das Buch Der Blutmantren von Deela Hopekiller. Davon gibt es heute nur noch ein Exemplar in Elona.“
    „Ganz der Archivar“, meinte Kiágara grinsend, da stürmte eine Waldläuferin durch den Eingang.
    „Verdammt! Wie hiess der Kerl nochmal?“ fragte sie sich, da trat Norazul zwischen den Regalen hervor und meinte: „Ich glaube, Ihr sucht mich.“
    „Genau!“ sagte die Waldläuferin und deutete nach draussen. „Grossmeister Greico hat etwas gefunden, von dem er meint, Ihr solltet das sehen.“

    Nachdem der Meister mich in Sein Vertrauen geschlossen hat, werde ich von Gewissensbissen geplagt, ob meine Entscheidung, Seine Lehren zu akzeptieren, richtig war.
    Es stimmt, dass ich im Vergleich zu den renommierten Akademien dieser Welt, seien es Ranik oder Rinn in Tyria, Shing Jea im fernen Cantha, oder Churrhir in Elona, beachtliche Fortschritte in kürzester Zeit machte.
    Aber den Orden der Nekromanten von Shing Jea fast zu ruinieren, um sich hier, in den alten Geomanten-Gewölben von Mount Terebos niederzulassen und eine noch dunklere und noch gnadenlosere Nekromanten-Lehre zu verbreiten, scheint eine bestenfalls fragwürdige Entscheidung des Meisters gewesen zu sein.

    Norazul hatte die Lampe auf dem Schreibtisch angezündet und las.
    Er las seine eigene Handschrift.

    Trotzdem ehrt mich das Vertrauen des Meisters, mich zu seiner Rechten Hand zu machen.
    Gemäss Seinem Motto `Kraft für die Schwachen aufzuwenden ist Verschwendung´ werde ich aber seine Befehle weiterhin befolgen und mich unter die Menschen dieser Welt mischen, um Informationen zu sammeln, die unserer Sache dienlich sind.
    Die Gildenkrieger, mit denen ich die letzten Jahrhunderte in unzählige Schlachten gezogen bin, waren dabei mehr als nützlich.
    Wenn man die unglaublich ehrenhafte Aufgabe bedenkt, die der Meister mir quasi als letzte Eignungsprüfung aufgetragen hat, steht jetzt der Höhepunkt bevor.
    Ich soll mich zum Kloster von Shing Jea begeben und dort das Vertrauen der Nekromanten gewinnen.
    Ich soll jene, die meinen Meister einst verstiessen, infiltrieren, soviel Wissen sammeln, wie ich kann, aber auch allmählich Zwietracht säen.
    Eine Aufgabe, auch wenn sie Jahrzehnte dauern kann, der ich gewachsen bin.
    So wird dies wohl für lange Zeit mein letzter Tagebucheintrag sein.

    Das Buch schlug so laut zu, dass die in der Tür stehenden Leute, Kiágara und Greico, erschrocken aufsahen.
    Norazul packte das Buch in seine Gürteltasche und ging aus der Tür heraus, über der der Name Ydradimm Medahki stand.
    Sein Geburtsname.
    „Und?“ fragte Kiágara. „Stand was Wichtiges in diesem Buch?“
    „Das lesen wir mal unter vier Augen“, antwortete Norazul dünn lächelnd und klopfte Grossmeister Greico auf die Schulter, „Danke für Beides.“
    „Wieso für Beides?“ fragte Greico mit gehobenen Augenbrauen.
    „Einmal dafür, dass Du mein altes Zimmer gefunden hast und auch dafür, dass ich jetzt weiss, dass wir alle Glück hatten, dass die Manawelle vor dreissig Jahren mein Gedächtnis ausgelöscht hat.“
    Die beiden Nekromanten gingen weiter und liessen Greico und zwei seiner Waldläufer verdutzt stehen.
    „Norazul!“ rief Sheddim von der untersten Ebene und winke ihm zu.
    „Und was jetzt?“ fragte er.



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:56


    IX – Blood And Death And Curses

    “Ist das jetzt ein gutes, oder ein schlechtes Zeichen?” wollte Sousuke wissen, als sie der Ansammlung von lebensgrossen Statuen gegenüberstanden, die man vor der schweren Eisentür aufgestellt hatte.
    Norazul stand vor der Vordersten, die einen, selbst für normale Menschen und besonders Nekromanten, grossen Mann darstellte.
    Scharfe, kantige Gesichtszüge, die Haare an der Schädelrückseite zu einem Knoten zusammengeflochten und die Arme vor der Brust verkreuzt.
    Obwohl es nur eine Statue war, strahlte sie dennoch eine kompromisslose Aura der Authorität aus.
    Auf der Tafel vor seinen Füssen stand: Jerehadai Meneshim – Farrik Fearcaster, Oberster Grossmeister der Neuen Nekromanten.
    Zur Linken der Statue wurde eine Frau dargestellt, deren steinernes Abbild den Eindruck machte, als könne selbst das Abbild eine unachtsame Person anfallen.
    Die Steinmetzarbeiten stellten eine enganliegende Rüstung dar, aber am meisten fielen ihre Hände auf, denn ihre Finger endeten in Krallen, zu denen man offensichtlich seit frühester Kindheit ihre Fingerknochen und –nägel gebogen hatte – orrianischer Barbarenbrauch.
    UngTah-Hi Galab – Riuuk Boneripper, Meisterarchivarin der Neuen Nekromanten.
    Die dritte Statue, zu Fearcasters Rechten, bestand nur noch aus einem Trümmerhaufen, abgesehen von drei bestenfalls halbwegs erhaltenen, grösseren Trümmerteilen.
    Zwei von ihnen waren die Füsse, auf denen sie einst gestanden hatte, die aber nun noch vor den Kniescheiben endeten.
    Das dritte Trümmerteil war der Kopf, von dem zwar diverse Stücke abgeplatzt waren, aber es war trotzdem noch genug übrig, um canthanisch-typische hohe Wangenknochen und leicht mandelförmige Augen zu erkennen.
    Der Körper der Statue war zwar nicht mehr zu erkennen, aber Norazul wusste, dass sie einen elonisch-drahtigen Körperbau mit etwas zu langen Beinen haben musste.
    Auch brauchte er nicht zu wissen, was auf der zertrümmerten Namenstafel einst stand.
    Denn der Steinkopf in seinen Händen war ein Abbild seines eigenen.
    „Ein gutes Zeichen“, antwortete er seinem Freund, als er an das Buch in seiner Gürteltasche dachte.
    „Und es kommt noch besser, Kumpel!“ rief Harkon Grimblade von jenseits der Stahltür.

    „Wenigstens wissen wir jetzt“, sagte Norazul Lifetaker schliesslich, als sich alle Gildenkrieger in der Säulenhalle versammelt hatten, „was aus Farrik Fearcaster wurde.“
    Wie der Grossteil der Akademie waren die Wände aus dem soliden Stein gehauen und die Fünf Götter allein mochten wissen, wielange das bei diesem gewaltigen Komplex gedauert haben mag.
    Eine der längeren Seitenwände der Säulenhalle war jedoch in regelmässigen Abständen von Kristallglasfenstern unterbrochen, einen Ausblick auf die schneestürmende Aussenwelt und den dünnen, gelegentlichen Eindruck eines Sonnenstrahls erlaubend.
    Zwischen die Säulen standen Sitzbänke, die den Eindruck erweckten, als stünden die Gildenkrieger in einer Art Kirche oder Kapelle.
    Anstelle eines Altars an der gegenüberliegenden Wand befand sich jedoch ein schwerer Sarkophag aus schmucklosem Obsidian auf einem gestaffelten Marmorpodest.
    Norazul kniete vor dem Sarkophag und strich die dicke Staubschicht von der Gedenktafel des Sarkophags.
    Er las vor: „`Hier liegt Farrik Fearcaster, Grösster aller Grossmeister der Gildenkrieger, Oberster Grossmeister der Neuen Nekromanten. Begründer des Neuen Weges Des Grenth. Wächter über die Elite der Besten. Richter über die Schwachen.
    Verkannt von Seinen Kameraden.
    Erschlagen von Seinem Vertrauten.
    Sein Geist sei auf ewig zu gut für die Nebel´.“
    „Da scheint ihn einer aber seeeehr gemocht zu haben“, meinte ein Assassine sarkastisch und wollte sich auf eine der Sitzbänke niederlassen, doch sie brach knirschend unter ihm zusammen und er landete in einer aufstiebenden Staubwolke auf dem Hosenboden.
    Die Assassinen und Waldläufer rissen sich instinktiv ihren Mundschutz hoch, die Krieger klappten ihre Helmvisiere herunter und der Rest begann zu husten und zu niesen.
    „Eines verste… steha… haaa… HAAAAA-TSCHIEEE!!!... verstehe ich nicht, Norazul“, sagte die Ritualistin Zuhangi und nieste erneut, „diese gesamte Akademie ist absolut sauber und rein, so als ob sie eben erst jemand feucht durchgewischt hat, abe… aba… TSCHIEEE!! Aber hier steht der Staub knöchelhoch. Wieso?“
    „Keine Ahnung“, antwortete der Nekromant der zierlichen Frau, die durch den Staub auf ihn zutappste, „ich halte seit fünf Minuten die Luft an.“
    `Weil er sich seit seinem Mord niemals hier hereingetraut hat!´
    Die Stimme dröhnte in den Gehirnen jeder einzelnen anwesenden Person und die meisten von ihnen liessen ihre Waffen fallen, um sich die Hände auf die Ohren zu pressen.
    „Was?“ riefen Norazul, Kiágara und auch Zuhangi gemeinsam, wobei Kiágara sich taumelnd, die Hände noch auf den Ohren, nach vorne warf.
    Als ihm die schwarzen Tränen aus den zusammengekniffenen Augen liefen, sah der Nekromant die wankende Ritualistin Zuhangi, die, an den Sarkophag gelehnt, wimmernd den Kopf in alle Richtungen warf.
    Plötzlich starrte sie mit offenem Mund in eine Richtung, schrie „Vorsicht!“, griff Norazul an den Schultern und wuchtete ihn vom Sarkophag weg.
    Kiágara, die ihrem Ehemann ebenfalls helfen wollte, flog mit einem Aufschrei zurück in die Reihen der sich wieder erholenden Gildenkrieger, aber Zuhangi machte den Eindruck, als habe eine Dampframme sie erwischt, denn sie segelte durch den Raum, knallte gegen eines der Kristallglasfenster – und fiel hindurch, als sei das Fenster gar nicht da!
    Von einer Schneesturmböe erfasst, wirbelte sie in die Dunkelheit davon.
    Norazul selbst hatte das Gefühl, als habe ihm jemand den rechten Stiefel in die Feuer des Hochofens Der Betrübnis selbst gesteckt - solange sein Fuss noch drinnensteckte - aber die unbeschreibliche Kälte seines Zorns kühlte die Schmerzen.
    `Endlich hast Du den Mut gefunden, Du Feigling!!´
    Plötzlich stand eine wabernde, hellrot leuchtende Energiebarriere auf Höhe des vordersten Säulenpaars und trennte Norazul von seinen Gefährten, den Gildenkriegern und Kiágara.
    „Wer bist Du, verdammt?!“ rief Norazul und sah sich im Sekundentakt im Raum zwischen den Wänden und der Barriere um.
    `Nicht einmal mehr Deine Mordopfer erkennst Du noch!!´ fauchte eine Stimme.
    Ein durchscheinender Geist trat durch eine der soliden Felswände und schritt einfach durch den Sarkophag hindurch, um vor dem Nekromanten stehen zu bleiben.
    „Farrik Fearcaster, nehme ich an“, murmelte Norazul dunkel und trat, nicht aus Angst, sondern aus Taktik, zwei Schritte zurück.
    `Du wagst es, Unwissendheit zur Schau zu stellen? Mörder!!´
    Eine unsichtbare Schockwelle trieb den Nekromanten mit knirschenden Sohlen drei Schritte zurück und er kreuzte zum Schutz die Unterarme vor sein Gesicht.
    Trotzdem spuckte er einen Zahn aus.
    „Was soll dieses Gefasel von Mut und Mord?“ fauchte Norazul beim Versuch, den um ihn herum kreisenden Geist immer im Blick zu halten.
    Auf der anderen Seite trommelten Freunde, Bekannte und natürlich Kiágara und Kuju gegen die Energiebarriere.
    `Warum wohl hast Du Verräter über Jahrhunderte hinweg diesen Ort immer wieder aufgesucht, wenn Du keine Waffen getragen hast? Weil Du mich getötet hast! Weil Du wusstest, dass ich mich nur dann an Dir würde rächen können, sobald Du hier, an diesem Ort, an dem mich meine letzten Gefolgsleute zur zornigen Ruhe gebettet haben, bewaffnet erscheinen würdest!´
    Norazuls rechte Hand schlug gegen seinen Gürtel – und fand nichts!
    Linke Gürtelseite – nichts!
    Er hatte, vor den Hallen von Arikaha alle seine Waffen fallen gelassen!!
    „Nun, ich bin nicht bewaffnet!“ fauchte der Nekromant und streckte die Arme von sich, um eine Drehung vor dem Geist vollführen zu können.
    Während der Drehung sah er einen Feuerball Sousukes an der Barriere zerplatzen, Kuju mit den anderen Grossmeistern hitzig diskutieren und Kiágara mit beiden Fäusten gegentrommeln.
    `Du bist bewaffnet, du Narr!´
    Der Geist streckte die Hand aus und plötzlich erhob Norazul sich in die Luft, als hätte man ihm den Hals in einen Schraubstock geklemmt. Seine Arme breiteten sich aus.
    `Schau Dir nur alle diese Stacheln an! Ha! So weich sind die Nekromanten also geworden, dass sie ihre eigenen Waffen zu Rüstungen schmieden mussten.
    DU warst derjenige, dem ich vertraut habe!
    DICH haben Deine Eltern mir als potentiellen Kandidaten anvertraut!
    DU solltest am Ende meines natürlichen Lebens alles hier erben!
    UND DU HAST MICH ERMORDET!! VERRÄTER!!!´
    „Falls es.. Dir entgangen ist… “, keuchte Norazul, „habe ich vor dreissig Jahren… vor Antritt der Mission mein… Gedächtnis verloren!“ investierte er die letzten Luftreserven seiner Lungen in die Aussage.
    Er landete klappernd auf den Marmorstufen und sog keuchend die Luft ein.
    `Was faselst Du da von dreissig Jahren, du Verräter? Ich habe Dich vor dreihundertneunundachzig Jahren losgeschickt, um Shing Jea zu zerschlagen! Aber anstelle dem Meister, der dir alles gegeben hat, dankbar zu sein und ihm zuzuarbeiten, hast Du selbst nach dem Thron dieser einzig wahren Nekromanten-Akademie getrachtet! Und ich habe Dir vertraut!!´
    Also war er, das wurde Norazul jetzt klar, schon sehr viel länger als Handlanger unterwegs gewesen, aber was hatte er…
    Eiskristalle bedeckten die Rüstung des Nekromanten, als er mit blutigen Lippen sagte: „Meine Frau ist nebenbei auch in den Lehren der Ritualisten geschult! Gibt es irgendwas, dass du Geist mir noch sagen willst, dass ich nicht schon kenne? Ohne mit Dir ins Bett zu steigen?“
    Der infernalische Wutschrei des Geists schleuderte den kleineren Körper vor sich wie eine Stoffpuppe gegen die nächste Säule und Norazuls Körper rammte sich krachend in eine der Säulen, aber während abgeplatzte und losgerissene Panzersegmente noch auf den Boden klimperten, flog er bereits weiter, rammte in die nächste Säule und hätte die Wand nicht existiert, an der er zum Liegen kam, wäre er noch weiter geflogen.
    „Schön und gut!“ röchelte Norazul und kämpfte sich wieder auf die Beine. „Mal sehen, wie sehr Du noch an der Welt der Lebenden hängst!“
    Das Zorngebrüll brachte die Halle zum Beben, als er sich, trotz der blutenden Wunden und der Knochenbrüche auf den Geist Farrik Fearcasters warf und mit einer Geschwindigkeit auf ihn einhieb und -trat, die die quasi-ätherische Präsenz des Verfluchten Nekromanten zu überraschen schien.
    Jeder Schlag, jeder Tritt, jeder Stich und jeder Schnitt liess Fetzen von der Geisterform vor ihm abplatzen, als Norazul die Schlacht noch nicht verloren gab.
    Auf der anderen Seite der Barriere sah er, wie seine Begleiter versuchten, zu ihm durchzukommen.
    `Knochenbrüche und Blutverlust halten Dich nicht auf? Mal sehen, wie Du mit etwas Neuem klarkommst!´
    Der Geist Farrik Fearcasters deutete mit einem Finger auf seinen erneut heranstürmenden Gegner und auf der anderen Seite schrie Kiágara vor Verzweiflung und Zorn auf, als sie ihren Ehemann zusammenbrechen sah.
    Norazuls Brustkorb faltete sich anscheinend nach innen und die Knochensplitter bohrten sich durch einen seiner Lungenflügel, aber er hatte keine Zeit, auf diese Schmerzen zu reagieren, denn seine Beine brachen. Oberschenkel-, ebenso wie Wanden- und Schienbeinknochen, zersplitterten unter den Zaubern, die der Verfluchte Grossmeister pausenlos von sich gab.
    Seine Rüstung platzte auf, als er vor Schmerzen schreiend auf dem Boden aufschlug.
    `Und Du kleiner Meuchelmörder willst Dir das Recht anmassen, diese Narben zu tragen? Wozu muss jemand überhaupt sein Gesicht verunstalten, um den Schwächlingen dieser Welt seine Stärke zu offenbaren? Weisst Du was? Du wirst zum Zeitpunkt Deines Todes ohne diese Blasphemie besser aussehen!´
    Als seine Brust und Gesicht entlang der Tätowierungen in Flammen aufgingen, schien Norazuls Schmerzgeschrei noch lauter zu werden.
    Trotzdem versuchte er sich letztmalig aufzurichten, um seinen letzten Trumph auszuspielen, doch dann klapperte sein goldener Hochzeitsdolch auf den Boden vor ihm und, von einer schwarzen Blutpfütze umgeben, lag er einfach da.
    Einen Handgriff entfernt und doch so weit weg.
    `Immer noch widerspenstig gegenüber dem Endgültigen? Nun gut, das wird Dir auch nichts mehr bringen. Denn, selbst wenn Du die nächsten zehn Sekunden überleben solltest, würdest Du im Blut Deiner Ehehure ersaufen, denn ihren geschändeten Körper werde ich am Ende an Ketten über Dich hängen, damit das Blut aus ihrer Kehle in Dein Gesicht spritzt!´
    Kiágara war mit erhobenen Händen niedergesunken, beugte das Kreuz durch und wiederholte die Geste erneut.
    Mit einem scharfen Knall platzte Norazuls Ehekette weg.
    „Ich“, begann er, würgte, und spuckte Blut, „ich vernichte Dich jetzt!“
    Seine rechte Hand rutschte durch seine eigene Blutpfütze, griff die zeremonielle Hochzeitsklinge und er holte aus.
    `Wie ungemein rührend!´
    Norazuls rechter Arm wurde weggerissen.
    Nicht nur weggerissen – er explodierte in so kleine Fetzen, dass kein Heiler dieser Welt ihn wieder würde retten können.
    Der zerfetzte Siegelring flog davon, als der Nekromant verzweifelt versuchte, das schwarze Blut mit der linken Hand zu stoppen.
    `Willst Du mich jetzt beissen?´
    Seine Zähne explodierten – alle gleichzeitig – dann schritt der Geist auf den besiegten Nekromanten zu.
    Perverserweise war es sein eigenes Blut, das es Norazul Lifetaker erlaubte, über den dick mit Staub bedeckten Boden zu seiner Hochzeitsklinge zuzurutschen.
    Noch etwas.. und noch etwas… und noch etwas!
    Farrik Fearcasters Geist riss seinen sterbenden Körper herum und der übelste Nekromant aller Zeiten grinste giftig auf sein Opfer herab.
    Norazul gab den Versuch auf, das aus seiner Schulter spritzende Blut aufzuhalten – vergebene Liebesmüh – griff nach der Klinge und rammte die goldverzierte, von den Fünf Göttern bei seiner Hochzeit mit Kiágara Fleshreaper gesegnete, Waffe dort in Farrik Fearcasters Geisterform, wo seine Leber dereinst gewesen sein mochte.
    Vor Schmerz heulend wich Farriks Geist zurück und riss die Klinge heraus, aber sein Schmerzensschrei riss die Wunden im Körper seines Opfers noch weiter auf.
    `Bleib wach!´
    Eine Stimme. Unbekannt, doch trotzdem…
    `Darum kümmern wir uns jetzt, mein Sohn! Mein einziger Sohn!!´
    Stolz. Freude. Wut. Zorn.
    Das Gesicht einer canthanischen Frau. Kämpferisch und doch so voller Liebe.
    Ein elonischer Mann, langgliedrig, sehnig und mit grenzenloser Kraft.
    Drei Geister, Nekromanten samt und sonders.
    Im tödlichen, endgültigem Kampf.
    Die zeremonielle Klinge landete wieder auf dem Boden vor ihm.
    Norazul richtete sich auf, griff seinen goldenen Dolch erneut, zielte durch sein letztes, nicht zugeschwollenes, Auge und warf mit der linken Hand.
    Dann kippte er zurück.

    Und starb.

    .
    .
    .
    .
    .

    NICHT SCHON WIEDER DU!!! ZURÜCK MIT DIR

    .
    .
    .
    .
    .

    In der Ferne hörte man Wasser rauschen und ein Mischmasch aus Stimmen.
    Stimmen!
    Sein Geist zählte mit.
    Einhundertneun elonische Männer, achtundachzig Frauen.
    Siebenundsechzig tyrianische Männer, einundneunzig Frauen.
    Sechsundvierzig canthanische Männer, sechsundvierzig Frauen.
    Seine Augenlider schienen aus Sandpapier gemacht zu sein.
    „Hi-Ayhi! Hi-Schuhali-schuki! Ka-Hai-I-Schuhali-Schuki-Goh-Haya!!“
    Die Stimme eines kleinen Jungen.
    „Hi-Schuhali-schuki! Ka-Hai-I-Schuhak-Schuki-Goh-Haya!!“
    Gleiche Stimme. Elonisch.
    `Sagt Ihr Bescheid, sagt es ihr schnell, sagt es ihr schnell! Seine Augen sind auf!´
    Das verriet ihm sein Geist.
    Er wollte etwas sagen, aber ausser einem „Hirrrrch…Choorch!“ brachte er nichts hervor, denn seine Zunge machte den Eindruck, als habe man ihm im Schlaf eine Filzmatte draufgenagelt.
    Prompt wurde ihm eine Wasserschale an die gesprungenen Lippen gepresst und er verschluckte sich unter den einstürzenden Wassermassen.
    „Chiss-ChiTahak! Chuu-ManTaki!!“ fluchte er und hörte erschrockene Kinderstimmen.
    „Ist ja gut!“ murmelte er ruhiger. „Ihr sollt mich nicht ertränken!“
    Endlich bekam er die Augen erneut auf und sah eine Zimmerdecke aus Sandstein.
    „Dir gutgehen? Dir gutgehen?“ rief eine Mädchenstimme und eine Sekunde danach tauchte ein mit Milchzahnlücken gefülltes Grinsen vor seinen Augen auf, an dem noch das pausbackige Gesicht eines kleinen, bestenfalls vierjährigen Mädchens hing.
    Ihre herabhängenden Zöpfe kitzelten seine Nase.
    „Es ging mir schonmal besser“, antwortete Norazul und lächelte dünn, „aber schlechter ging´s mir auch schon mal.“
    `Wenn ich nur wüsste, wann´ fügte er in Gedanken hinzu.
    Mit Hilfe des kichernden Mädchens richtete er sich langsam in seinem Bett auf, was ihm rasende Kopfschmerzen bereitete.
    Sein Verstand schwamm vor Erinnerungen.
    Die verborgene Akademie, das Archiv, der Kampf gegen Farrik Fearcaster…
    Seine Hand griff an seinen Hals und er fühlte die Kette wieder an ihrem Platz.
    Er blickte an sich herab und sah, über verheilten Brandnarben, seine ursprünglichen zeremoniellen Narben wieder frisch an ihrem Platz.
    Und sein rechter Arm erst…
    Mit aufgerissenen Augen starrte er auf die schwarze Metallkonstruktion, die aus seiner Schulter zu entspringen schien.
    „Was…“
    „Hübsch, nicht wahr?“ fragte eine etwas quietschige Stimme und Norazul sah einen Asura in der Tür stehen, dessen kleiner Mund zufrieden grinste.
    „Wer seid Ihr?“ fragte Norazul das herantappsende Wesen.
    „Das ist Ulkk, der Meisteringenieur aus Rata Sum“, sagte eine neue Stimme, dann sprang Ilarya Deathwynd ihren Zwillingsbruder an und drückte ihn.
    „Meisteringenieur, Meistertechniker, Meisterschmied, Meisterlehrer und nebenbei Neffe Deines Freunds Vekk“, sagte der Asura gewichtig.
    „Was ist das für ein Ding?“ fragte Norazul, nachdem er seiner Schwester auf die Wange geküsst hatte.
    „Das ist ein U.L.V.A.S.P.“ sagte Ulkk stolz.
    „Ein Ul… was ist das?“
    „Ulkks Lebenssituations-Verbessernde Angepasste Super-Prothese“, antwortete der Asura und deutete auf die einzelnen Komponenten, „Voll hydraulikgetrieben und mit zwei Stunden Training pro Tag solltest Du innerhalb von zwei oder drei Wochen mein Schmuckstück so gut benutzen können, wie Deinen echten Arm. Den wirst Du dann gar nicht mehr vermissen. Als Energiequelle habe ich speziell behandelte Blutsteinsplitter benutzt, die Du nur alle zweihundert Jahre auswechseln lassen musst.“
    Ein Buch mit der Überschrift „U.M.E.G.A.F.U.L.V.A.S.P.“ landete auf Norazuls Bett.
    Ulkks Mächtig Einfach Gehaltene Anleitung Für Ulkks Lebenssituations-Verbessernde Angepasste Super-Prothese.
    „Stell Dir mal in Deinem Geist das Bild vor, dass sich Deine Hand um dreihundertsechzig Grad dreht“, sagte Ulkk und Norazul, dem jetzt das kribbelnde Gefühl, das von der Prothese ausging, auffiel, probierte es.
    Klickend schossen fünf kleine Klingen aus den Spitzen seiner Finger, eine zehn Zoll lange Klinge rauschte aus seinem Unterarm und rasiermesserscharfe Stacheln fuhren sich innerhalb eines Wimpernschlags aus seinem Ober- und Unterarm.
    „Hey, hey, hey!“ rief Norazul. „Bin ich jetzt ein Kaktus?“
    „Jetzt“, sagte Ulkk zufrieden, „stell Dir die gleiche Bewegung in der Gegenrichtung vor.“
    Klick-Klack-Tick-Swisch! und alles war verschwunden.
    Der Asura-Ingenieur rieb sich zufrieden die Pfoten. „Und alles passt zu Deiner neuen Rüstung.
    „Neue Rüstung?“ fragte Norazul und Ilarya erhob sich von seinem Bett und zog den Vorhang von einer Ecke des Raums weg.
    „Unter Farrik Fearcasters Büchern fanden sich nach dem Katalogisieren so viele Abhandlungen über Metallurgie und Technik, dass die Asura kollektiv Freudentänze aufführten“, sagte sie. „Daraufhin haben die netten Burschen dich während Deines Komas abgemessen und eine neue Rüstung gefertigt.“
    „Eine Prototypen-Rüstung, wohlgemerkt“, bestand Ulkk darauf.
    „Einen künstlichen Arm, eine neue Rüstung, Farriks Archiv katalogisiert… wie lange war ich denn weg? Und vor allem: wo bin ich hier?“ fragte Norazul.
    „Du bist in der Neuen Akademie in Elona“, sagte eine neue Stimme, die schwer mit der Kontrolle kämpfte, „und Du hast siebenundzwanzig Monate im Koma gelegen!“
    Kiágara Fleshreaper flog in die Arme ihres Ehemanns und in dem schwarzen, ätzenden Salzwasser aus ihren Augen, mit dem sie sein Gesicht bedeckte, wäre er freiwillig ertrunken.

    Die Grossmeister aller Trainingszentren kamen in den Thermalquellen zusammen, als man sich einerseits endlich anschickte, das Thema Farrik Fearcaster beizulegen und andererseits Norazul Lifetaker noch zu schwach war, um die Reise nach Shing Jea oder zur Halle der Sonnenspeere zu überstehen.
    Seit er damals vor dem Kaiserlichen Gericht in Kaineng stand und, unter vorgehaltener Hand, zusammen mit Kiágara zum General der Kaiserlichen Geheimpolizei ernannt worden war, hatte der zukünftige Ex-Meisterarchivar Shing Jeas sich nicht mehr einer derartigen Ansammlung von so vielen Würdenträger gegenüber gesehen.
    Diesmal allerdings war Norazul nicht Angeklagter oder Kläger, sondern die einzige und beste Informationsquelle, die es zum Thema gab.
    Nachdem sein Geist aus dem Körper gerissen und von Grenth selbst wieder zurückgeschickt worden war, warteten Hunderte Weise und Interessierte darauf, ihn von Haar zu Haar auseinander zu nehmen.
    Sollten sie warten!
    Alle anwesenden Ritualisten, Bekennende, wie die tote und wiederbeschworene Zuhangi, und nebenbei an der Geisterwelt Interessierte wie zum Beispiel Kiágara bezeugten, dass Norazuls Eltern, Ezoguul und Eviszera, erschienen waren und den Geist Farrik Fearcasters attackierten.
    Verwundet durch die vorangegangenen Angriffe und endgültig durch den Hochzeitsdolch in seiner Verteidigung geschwächt, liess der Geist des Verfluchten Grossmeisters den Grossteil seiner Abwehr fallen so dass er, von den Attacken der beiden Nekromanten-Geister bedrängt, sich nicht mehr gegen die heranstürmenden Gildenkrieger wehren konnte.
    Zu diesem Zeitpunkt lag Norazul bereits tot am Boden.
    Ein Mönch hatte sich, als die Barriere zusammenbrach, auf ihn gestürzt und versucht, die Lebensgeister zurück in seinen Körper zu führen.
    Er hatte damit Erfolg gehabt, aber ein kleiner Funke war in einem Sturm schwer zu erhalten.
    Eine genaue Erinnerung an diese Ereignisse hatte Norazul zwar nicht, aber er – und das trieb ihm bei dem Gedanken daran die schwarzen Tränen in die Augen – hatte noch den Anblick seiner Eltern vor Augen, wie sie seine Hände festhielten, als er mit den Fingerspitzen am Abhang über der Welt der Nebel hing.
    Als die Knochen wieder zusammengefügt und die zerrissenen Organe geheilt wurden, liessen sie ihn dann wieder zurück und diese Erfahrung hätte ihn eigentlich mehr schmerzen müssen.
    Doch die Geister seiner Eltern hatten ihm ein Geschenk als Trostpflaster zurückgelassen.
    Seine Mutter, wie sie ihm, als er dreijährig vor dem Haus Gänseblümchen für sie gepflückt hatte, ein Küsschen gab.
    Sein Vater, der mit ihm erstmals auf die Jagd ging.
    Seine ältere Schwester, die in ihrer phantastischen Lederrüstung aus Elona zu Besuch kam.
    Seine Zwillingsschwester, mit der er sich gegenseitig lachend mit Klumpen aus Holzkohle das Gesicht bemalte, um die Tätowierungen ihrer Eltern zu simulieren.
    Und seine Mutter, wie sie mit mürrischem Gesichtsausdruck ihnen beiden die Farbe mit einer extra-harten Bürste abschrubbte…
    Erinnerungen!
    Wie auch immer: Die Grossmeister dieser Welt entschieden, dass die Zittergipfel-Akademie, wie man sie mitterweile nannte, eine viel zu kostbare Gelegenheit darstellte, als das man sie der Zeit überlassen und brachliegen lassen sollte.
    Als die Ausmasse des Komplexes endlich in ihrem vollen Umfang erfasst wurden, war man sich klar, dass Farrik Fearcasters Refugium ein unglaublich wertvoller Aktivposten war.
    Nekromanten wie Norazul, Kiágara, Kuju, Munne und viele anderen hatten keine Probleme damit, tage- und nächtelang durchzudiskutieren, wie man mit der knapp einhundertzwanzig Meilen südlich des Auge des Nordens liegenden Akademie verfahren sollte.
    Schliesslich kam man zu einem Ergebnis.



    Re: FanFiction - Ancient Kingdoms

    GOTO Norazul - 16.07.2008, 12:58


    Epilogue

    „In Ordnung, Damen und Herren“, erklang die Stimme über die versammelten Männer und Frauen, von denen einige noch keine fünfzehn waren, „dieser Ort hier wird für die nächsten Monate Euer Zuhause sein und wenn Ihr Euch anstrengt, dann werden es nicht nur interessante Monate werden, sondern auch der Startschuss in ein neues Leben.“
    Kiágara Fleshreaper, in blutroten Roben gekleidet, marschierte vor den auf ihren Stühlen sitzenden Personen hin und her.
    „Ich sehe hier Frauen und Männer, die im Kriegshandwerk, oder mit Pfeil und Bogen, oder mit der Sense den Tod unter ihren Feinden verbreiten werden.
    Ich spüre die Energie, die von potentiellen Magiern ausgeht und die Welt der Illusionen, die die künftigen Mesmer beschwören wollen.
    Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich die Geister, die mit Ritualisten Zwiesprache halten wollen und ich spüre den Eifer der Heiler, die sowohl ihre zukünftigen Gefährten heilen, wie auch ihre Gegner peinigen wollen.
    In wieder anderen erkenne ich den Willen und die Zuversicht, mit Gift und Dolch als Assassinen das Herz aus der Mitte ihrer Gegner zu reissen und auch jene sind hier versammelt, deren Anwesendheit auf dem Schlachtfeld, den Speer in der einen und den Schild in der anderen Hand, die Herzen und den Geist ihrer Gefährten mit Mut füllen wird.“
    Sie blieb vor einem fies blickenden, blassen Mädchen stehen.
    „Und natürlich sind auch jene hier versammelt, für die dieser Ort einst geschaffen wurde. Jene, die die Macht des Todes, des Blutes und der Flüche schätzen und den Tod selbst als Freund zu umarmen trachten.
    Ihr, die Ihr künftig als Nekromanten diese Welt mit Euren Stiefelabdrücken segnen werdet, sollt an der Seite Eurer Gefährten hier alle Geheimnisse lernen, die sich in diesen Hallen befinden.
    Ihr alle, egal, welche Profession ihr erlernen werdet, sollt an diesem Ort die Geheimnisse erlernen, die das Leben der Gildenkriegerinnen und Gildenkrieger ausmachen.
    Hier, am lebensfeindlichsten Ort der Welt, werdet Ihr zu einer Gemeinschaft werden.
    Hier, wo man ausserhalb der Mauern dieser Akademie keine zehn Herzschläge überlebt, wird Euer altes Leben enden und ihr in eine neue Welt eintreten.
    Hier, hier und jetzt, wird Euch der Grossmeister der Akademie willkommen heissen.“
    Kiágara Fleshreaper trat beiseite und Norazul Lifetaker trat, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, auf das Podium.
    „Ich grüsse Euch“, sagte er und präsentierte mit seinem Grinsen zwei Reihen spitzgefeilter, schwarzgefärbter und mit Rubinen verzierter Zähne.

    The End



    (or is it??)



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