Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

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    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 11.04.2008, 18:01

    Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living
    Ahai!

    Da Shiro ja bereits einen sehr gelungenen Einstand in die Welt der Guild Wars Stories gegeben hat und ich mich mittlerweile mit der Lebensgeschichte meiner Lieblingscharaktere bei "gwchars" verkünstelt habe (hier gibt´s Norazul Lifetaker und alle anderen: http://www.gwchars.de/character.php?id=46843 ), kommt jetzt hier auch mein erster Anlauf, etwas zu verfassen.

    Ich habe mich mittlerweile bemüht, die Rächtschraibfeeler auszubügeln, also dürft ihr die, die ihr noch findet, gerne behalten :D !

    `Ere we go!

    Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    Ein sprücheklopfender Säufer hatte ihm gesagt, der Name „Zittergipfel“ käme davon, dass sich selbst die Gipfel der Berge vor Kälte schütteln würden, wenn sie könnten, und die Eiskristalle, die von der knirschenden Rüstung des bleichen Mannes bei jedem Schritt durch den Schnee abplatzten, schienen das zu bestätigen.
    Dieser Teil der Welt, das wusste der Mann, dessen Bleiche nur vor seinen weissen Haaren übertroffen wurde, kannte nur drei Farben.
    Die Schwärze der Nacht, die hier allgegenwärtig schien.
    Das Weiss des fallenden Schnees, der jedem wie ein Hagel aus Dolchen ins Gesicht stach.
    Das Grau der kilometerhohen Berggipfel, um deren Verbergung sowohl die Sturmwolken, als auch der stetige Schneefall zu buhlen schienen.
    „Verdammt nochmal!“ schimpfte der ihn begleitende Krieger. „Ich bin ein Sohn der Wüste und nicht von diesem Zeug hier!“
    Der Krieger hängte seinen mächtigen Kriegshammer in den Gürtel, um die dicke Schneeschicht von seinen dicken Stiefeln zu klopfen, als sich der bleiche Mann zu ihm umdrehte.
    „Nur die Ruhe, Koss. Im Inneren davon“, er deutete auf den Berggipfel vor ihm, „wird dir nicht nur warm ums Herz werden.“
    „Abgesehen davon“, fügte er hinzu, „habe ich dir ja angeboten, dich im Dorf mit winterfester Kleidung auszustatten.“
    „Da ging ich ja auch davon aus, dass wir nicht eine Woche durch diese Dingsda-verpestete Einöde würden laufen müssen!“ maulte der dunkelhäutige Krieger weiter.
    „Das `Dingsda´ und `Zeug´ nennt sich `Schnee´, Koss.“ sagte der alte Mann neben ihm und Koss, selbst für einen Krieger ein Mann von beachtlichem Körperbau, blickte auf den Heiler herab.
    „Ihr habt gut reden, Dunkoro! Ein altes Gerümpel wie euch scheint diese verdammte Kälte wohl schon an die Nebel zu erinnern!“ Der bleiche Anführer der Gruppe hob die Hand. „Das reicht jetzt.“
    Seine Stimme hatte den gleichen Ton wie der keuchende Schneewind, aber, auch wenn sein Atem eigenartigerweise keine Dampfwolken in der klirrenden Kälte verbreitete, war sie in keinster Weise boshaft.
    „Hast du auch etwas beizutragen, Melonni?“ fragte er die einzige Frau in seiner Gruppe, aber die schokobraune Schönheit mit der über den Rücken geschwungenen Sense hob nur die Schultern.
    „Ausser, dass mir allmählig die Füsse abfrieren – nein, Norazul.“
    Norazul Lifetaker, Fluch-Nekromant und Schüler der legendären Meisterin Kuju von Sing Jea, betrachtete den über der Gruppe liegenden Höhleneingang im Berggipfel und die tief in sein Gesicht geschnittenen, traditionellen Narben seiner Zunft schienen sich wie Schlangen zu bewegen, als er lächelte.
    „Wohlan denn!“ sagte er leise und packte den kunstvollen, golden leuchtenden Zweihandstab mit beiden Händen.
    Zwei Minuten später klopfte sich das Quartett im Höhleneingang den Schnee von den Füssen.
    „Nicht, dass ich die Gelegenheit, einem Gegner den eigenen Kopf in den Hintern zu schieben ausschlagen würde, Norazul, aber weshalb sollten wir uns mit einer Bande von Yetis anlegen?“ fragte Koss und überprüfte sowohl den Kriegshammer an seinem Grütel, wie auch das an seinen Rücken gehängte Schwert und Schild.
    „Weil es hier viel für uns zu holen gibt!“ antwortete Norazul und seine Begleiter bemerkten, dass seine Stimme ausserhalb des Schneesturms plötzlich noch sehr viel bedrohlicher und unmenschlicher wirkte.
    Niemandem fiel auf, dass die Eiskristalle auf Norazuls Rüstung als einzige nicht zu tauen begannen.
    Was hatte Marschall Kormir nur dazu bewogen, ihn in ihren Stab aufzunehmen?
    Seinen glühenden Stab in beiden Händen haltend, führte Norazul Lifetaker seine drei Gefährten in die überraschend kleine Höhle.
    Allerdings hiess `überraschend klein´ nicht automatisch `überraschend leer´!
    Das Gegenteil war der Fall.
    Eine Gruppe Yetis, um ein mächtiges Lagerfeuer versammelt über dem sechs mit Tengu-Innereien gefüllte Menschen am Spiess brutzelten, beendeten ihre grunzenden Gespräche und starrten mit triefenden Augen und sabbernden Mäulern auf die vier vor ihnen stehenden Menschen.
    Vier von ihnen konnten in das aufkommende Kriegsgebrüll nicht mehr einstimmen, denn Melonnis Sense entfernte die von verfilztem Fell bedeckten Köpfe von dreien der Bestien und Koss´ Kriegshammer verteilte den Schädelinhalt des Vierten über seine Gefährten.
    Mit leuchtenden Augen rezitierte Dunkoro die ältesten und besten Schutzgebete, die er kannte, während Norazul einem Yeti, dessen Fell mit aus Knochen gefertigten Fetischen behängt war, einen hasserfüllten Fluch entgegenschleuderte.
    Der Yeti, zweifelsohne in den Wegen der Magie bewandert, grunzte seinen angestimmten Zauberspruch zuende.
    Prompt brach sein verfilztes und dreckiges Fell selbst in Flammen aus, da Norazul die Verzauberung des Monsters geschändet hatte.
    Ein weiteres halbes Dutzend Yetis ging nieder, als Melonnis Sense und Koss´ Kriegshammer unter ihnen wüteten und dank Dunkoros mächtiger Schutz- und Heilzauber zersplitterte die Keule eines Yetis an Norazuls Rüstung, anstelle dass sie ihm seinen kompletten Brustkorb durch den Rücken trieb.
    Als Revanche die übelsten Geister beschwörend, die er kannte und, dank seines mächtigen Zauberstabs, auch noch auf zwei weitere Yetis wirkend, ging der Grossteil der verbliebenden Meute aufeinander los.
    Zwei weitere Yetis sanken vor Koss und Melonni auf die Knie, aber ein Dritter sprang brüllend Norazul an, hieb ihm mit seiner Stachelkeule den Zauberstab aus der Hand und fetzte mit dem gleichen Schwung die Panzerplatten vom linken Unterarm des Nekromanten.
    Norazul quittierte diese Attacke mit einem schmerzvollen „Graaaaargh!!“ und packte, während das Blut aus der bis auf die Knochen reichenden Wunde spritzte, den linken Knöchel der Bestie.
    Der Yeti begann sofort zu verfaulen.
    Mit einer meisterhaften Darstellung seines Kriegshandwerks blockte Koss einhändig mit seinem Hammer den Schlag eines weiteren Yetis ab, zog mit der verbliebenen Hand das Schwert aus der Halterung an seinem Rücken und schleuderte es auf den Norazul bedrängenden Yeti.
    Die Klinge spaltete den Schädel des Monsters und, mit hängendem Arm, kämpfte sich Norazul mit Dunkoros Hilfe auf die Beine und schrie die Beschwörung des `Boshaften Geists´ dem letzen Gegner ins Gesicht.
    Anstelle entweder auf Koss oder Melonni loszugehen, hieb sich der Yeti seine Keule – die Überreste eines Baumstamms – selbst gegen den Schädel, bis der Schwung von Melonnis Sense seine Wampe öffnete und der Schädel der Kreatur während ihres Versuchs, die eigenen Innereien wieder einzusammeln, von Koss´ Kriegshammer in den Stein gedroschen wurde.
    Bis auf den keuchenden Atem der vier Gefährten herrschte in der Höhle Totenstille, aber schliesslich stapfte Norazul Lifetaker durch die Pfützen aus Blut, vorbei an den hervorgequollenen Innereien und über die am Boden liegenden Waffen auf den eigentlichen Grund ihres Einsatzes zu.
    Eine dicke, mit einem Vorhängeschloss verriegelte, Schatztruhe.
    Norazul kniete sich davor nieder, blickte zuerst auf Koss, dann auf dessen blutverschmierten Hammer und sagte: „Wenn du die Güte hättest?“
    Der elonische Krieger packte das Ende des Hammergriffs in beide Hände, sagte: „Aber mit dem grössten Vergnügen!“ und schlug zu.
    Norazul öffnete die Truhe, als das Echo des Hammerschlags noch nicht verhallen war und betrachtete den Inhalt.
    Einige primitive Gewänder, aus denen er oder Melonni, deren Kunsthandwerk weit besser war, brauchbare Materialien würden gewinnen können.
    Eine winzige Schriftrolle mit elonischen Schriftzeichen - die Götter mögen wissen, wie sowas nach Ascalon kam!
    Jede Menge Goldstücke, mit denen Koss sich vollbusige Zuhörerinnen seiner Heldentaten mit fässerweise Bier und Wein und Braten anheuern, oder seine Flamme Margid hofieren konnte.
    Ein goldener Kelch erlangte Norazuls Aufmerksamkeit, der auf der Seite lag, aber dessen leuchtende Flüssigkeit trotzdem nicht auslief.
    Er hob den Kelch aus der Truhe, sah mit erhobener Augenbraue zu Dunkoro und, als dieser die Schultern hob, nahm er einen Schluck.
    Das Blut an seinem linken Unterarm kehrte in die Schnittwunde zurück und diese schloss sich nicht nur – sogar die wertvolle Rüstung aus den Schmieden von Droknar erschien plötzlich wieder tadellos.
    „Dunkoro“, sagte Norazul und warf den Kelch dem Weisen zu, „Damit kannst du mehr anfangen, als ich.“
    Melonni übergab er die Schriftrolle und drückte, nachdem er ein altes, speckiges Buch aus den Münzen gewühlt hatte, Koss die Truhe in die Hände.
    „Und? War es das für dich wert?“ fragte der Krieger Norazul, nachdem er knieend einige Seiten des Buchs überflogen hatte.
    Der bleichäutige, weisshaarige Nekromant erhob sich und erst jetzt tauten die Eiskristalle von seiner Rüstung ab.
    „In der Tat!“ antwortete er und sah seine Gefährten mit einem dünnen Lächeln an.
    „Auf nach Löwenstein! Wir suchen uns ein Schiff. Es geht zurück nach Elona. Aber erst sehen wir nach, ob am Signalfeuerposten Garogrim Fassbauch noch seine Brauerei hat.“
    „Balthasar sei Dank!“ rief Koss und marschierte zum Ausgang der Höhle.
    Dunkoro beendete seine Inspektion des Kelchs, klopfte Norazul auf die Schulter und murmelte im Vorbeigehen einen Zauberspruch, der dem Nekromanten wieder die Kraft in die Beine schickte.
    Zusammen mit Melonni marschierte er zurück zum Höhleneingang und dachte an das Buch in seiner Gürteltasche.
    `Elona!´ dachte er. `Zurück in eure Heimat.´
    Nach einer Sekunde fügte er hinzu: `Vielleicht sogar in meine Heimat.´



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 13.04.2008, 15:11


    Und hier Teil 2:

    Der vor ihm auf dem abgewetzten Tisch liegende Beutel mit Goldstücken zauberte ein Grinsen auf das Gesicht des alten Mannes, das eine beachtliche Menge an brauner Zahnfäule und grauenerregend üblen Mundgeruchs präsentierte.
    Der Gestank von fettem Essen, unkontrolliert abgegebener Körperflüssigkeiten und der ekelhaften Plörre, die hier als Original-Ascalonisches Jägerbier angeboten wurde, wurde noch übler.
    Er kicherte mit unverhohlener Freude, als er den Beutel in der Hand wog und sofort in seinen schäbigen, fadenscheinigen Gewändern verschwinden liess.
    „Und das stimmt tatsächlich?“ fragte eine der in graue Gewänder gehüllten Personen, die ihm gegenüber am Tisch sassen. Die männliche Stimme klang weder scharf, noch feindseelig, aber sie strahlte auch keine grenzenlose Geduld aus.
    Der alte Kampftrinker versuchte ein Kichern, wurde aber von einem Hustenanfall geschüttelt, dessen Geruch die zweite Person instinktiv in ihrem Stuhl zurückweichen liess.
    „Also, ich tu´ euch zwei Beiden nix vormachen tun. Das is´ die“ er rülpste lautstark und einige Fetzen Fischfleischs landeten auf der Tischplatte „ich schwör´s beim Zuhälter meiner lieben Mutter: Das is´ die Wahrheit! Vor zehn Jahren bin ich, als ich den grossen Treffer gelandet habe, mit meinen Kameraden durch Fahra…Faruri…Fahara…“
    „Fahranur?“ fragte der vermummte Mann und der alte Bursche schlug mit der flachen Faust auf den Tisch.
    „Sach´ ich doch! Fahuri…Fa…Himmel nochmal! Wir sind durch die Erste Stadt auf Istan gezogen und haben die Schatztruhen der Stadt leergemacht. Die Schriftzeichen, die ihr mir da aufgekritzelt habt, hamm wa in der einen Halle geseh´n!“
    „Und konntet ihr sie verstehen?“ fragte die zweite Person – der Stimme nach eine Frau.
    Der Säufer schüttelte den Kopf. „Nee, Liebste. Ich nich´ und die meisten von mein´ Kumpels auch nich´. Abba wir hatt´n ne Magierin im Team Team. Oh, bei den Fünf Göttern! Die hätte vielleich´ zwei mächtige…“
    „Zauberbücher, die ihr bei der Übersetzung halfen?“ fiel ihm die Frau ins Wort.
    „Joah! Das auch. Je´nfalls hatt se gesacht, dass die Schriftzeichen noch ausser prä-dyn… äh… dünn, dünnisi, dynsisch… Verdammt!“
    „Dass die Schriftzeichen aus der prädynastischen Zeit stammen?“ fragte der Mann.
    „Wollt´ ich doch sag´n tun, oder nich´? Wassauchimma, wir hamm die Schatztruhen leer gemacht, sie hat sich die Folianten geklemmt und sind ab zurück von Istan runter, um unser Gold zu geniessen.“
    „Indem Ihr es in Alkohol anlegtet?“ fragte die Frau.
    „Vierzisch Prozent bekommt man sonst nirgendwo“, sagte der Säufer und stürzte den Inhalt seines Weinkelchs, dessen Inhalt er sofort wieder unter den Tisch kotzte.
    „Und wo ist diese Magierin jetzt?“ fragte der Mann, lehnte sich vorwärts und fügte hinzu: „Und, was viel wichtiger ist: Wie heisst sie?“
    Sein Gegenüber verzog nachdenkend das Gesicht, rülpste erneut und kratzte sich das verfilzte, speckige Haar.
    „Boah, Ihr fragt Sachen! Wenn ich mich nur erinnern könnt´…“
    Ein zweiter Lederbeutel mit Goldstücken landete auf der Tischplatte und der vermummte Mann sagte: „Stellt Euch mal vor, ihr habt Euch mit diesen Goldstücken von einem Mönch das Gedächtnis richten lassen – was käme Euch da wohl in den Sinn?"
    Der Goldbeutel verschwand schneller vom Tisch, als man gucken konnte und der Säufer schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Dabei habe ich das erst letzte Woche machen lassen! Bei den Fünf Göttern! Der Heiler hat mich abba sowas von über´n Tisch gezogen, was?“
    Er lehnte sich nach vorne und die Frau wich zurück.
    „Sie lebt in der Zehlon-Bucht. Gar nich´ ma´ soweit vom Astrala… As-Trallalla… Astralarium entfernt. Mann konnt´s von ihrer Hütte gut sehen!“
    Er lehnte sich nach vorne und die Frau wich noch weiter zurück.
    „Ihr Name ist Inshaba Mossawi. Weiss nich´ , ob se noch aktiv is´ , abba wenn´er magische Rückendeckung sucht, kennt se zuminnest ein´ , der Euch helfen kann!“
    Seine beiden Gesprächspartner erhoben sich.
    „Vielen Dank“, antwortete der Mann und beide verliessen die Kneipe.
    „Immer wieder gerne!“ gröhlte der Säufer ihnen hinterher, aber beide Personen waren bereits durch den Perlenvorhang, der dem „Ossas Palast“ als Tür diente.
    „Bei den Fünf Göttern!“ keuchte die Frau. „Endlich frische Luft!“
    Ihr Begleiter blickte auf die beiden neben dem Eingang liegenden Müllhaufen und quitierte den Kommentar mit einem Schulterzucken.
    „Gandara hat sich nicht zum Besseren entwickelt“, sagte der Mann, als beide in einer Seitenstrasse verschwanden.
    „Denkt Ihr überhaupt, dass diese Schnappsleiche uns die Wahrheit erzählt hat, Dunkoro?“
    „Ich habe einen kleinen Zauber gewirkt und seinen Geist sondiert. Seine Aussage war lückenlos.“
    “Seine Aussage vielleicht“, murmelte Melonni verdriesslich. „Sein Gebiss aber nicht! Bei den Fünf Göttern! Das Ekel hätte meine Sense als Zahnstocher benutzen können!“
    „Beruhigt Euch, Melonni“, sagte der Mönch zu ihr, während sie tiefer durch die Seitenstrassen wanderten. „Ihr seit mit Eurer Lieblingswaffe bald wieder…vereint.“
    Beide waren sie um die nächste Hausecke gebogen und standen vor einer Gruppe Männer, deren schäbiges Aussehen, ebenso wie die rostigen, schartigen Messer, sie zur perfekten Kundschaft von „Ossas Palast“ machte.
    Ihr breitschultriger Anführer trug noch eine mit Nägeln verzierte Keule über die Schulter gelehnt und sein Grinsen brachte die Narben in seinem Gesicht zum Tanzen.
    „Na sieh mal einer an“, murmelte der Anführer. „Da treffen wir doch glatt die beiden Fremden, die dem alten, trüben Sack Murkad Gold für einen Monat Komasaufen schenken.“
    Seine Keule klopfte auf den dreckigen Boden. „Bin mal gespannt, ob ihr noch mehr Gold bei euch habt.“
    Melonni und Dunkoro spannten sich innerlich an, aber keiner von ihnen war bewaffnet.
    Die Feindseeligkeiten entstanden aber gar nicht erst.
    „Wisst ihr Männer, was es heisst, ein Gildenkrieger zu sein?“ fragte eine leise, rauhe Stimme hinter den Strassenräubern, die trotzdem in der gesamten Nebenstrasse hörbar war.
    Die Keule kampfbereit erhoben, wirbelte der Boss herum und sah einen weiteren in grauen Stoff gekleideten Fremdling am anderen Strassenende stehen.
    Er schlug seine Kapuze zurück und präsentierte den Männern ein bleiches Gesicht mit weissen Haaren und Augen, deren Pupillen lediglich kleine Punkte zu sein schienen.
    Das Geflecht einer blutroten Tätowierung bedeckte seine linke Gesichtshälfte.
    „Ein Gildenkrieger zu sein heisst, dass man niemals alleine unterwegs ist“, murmelte Norazul Lifetaker, als der Nekromant auf die Räuber zuging und hinter ihm ein dunkelhäutiger Krieger erschien, dessen Kriegshammer die Keule des Bosses wie einen dürren Zaunpfahl wirken liess.
    Vom anderen Ende der Seitenstrasse näherten sich ein kahlgeschorener, klapperdürrer Mann in stachelbewehrter Rüstung und ein junger Mann, um dessen Kopf arkane Energien knisterten und dessen Augen vor aufgestauter Kraft leuchteten.
    „Hey, hey, hey!“ rief der Anführer und grinste die Näherkommenden entwaffnend an. „Ich meinte ja nur, dass die nächste Xunlai-Agentin mit ihrer Truhe am Hafen ist, falls ihr kein Gold mehr haben solltet.“ Er hob die Hand zum Gruss, packte seine Leute, und schleifte sie davon. „Man sieht sich.“

    „Wieso hast du dir dieses Festmahl entgehen lassen?“ fragte der Nekromant Olias Norazul kurz darauf, als die Gruppe, wieder vermummt, auf der Promenade über dem halbmondförmigen Hafenbecken der Stadt Gandara unterwegs war.
    „Ich hatte keinen Hunger, zumindest nicht auf deren Seelen“, antwortete Norazul und blickte im Gehen zu Dunkoro und Melonni. „Die Zehlon-Bucht auf Istan also?“
    Der alte Mönch nickte. „Inshaba Mossawi heisst sie.“
    Norazul blickte zum jungen Magier Sousuke herüber und dieser hob die Schultern. „Ich kenne sie nur von ihrem Ruf und sie als exzentrisch zu bezeichnen entspräche der Feststellung, dass Elonas Wüsten heiss sind.“
    Norazul blieb an der Promenadenmauer stehen und deutete auf eines der ankernden Schiffe.
    „Damit kommen wir jedenfalls schnell nach Istan.“
    Das Schiff war von Bug bis Heck bestimmt einhundertfünfzig Meter lang und sah entsprechend der istanischen Bauweise aus, wie ein riesiger Wasservogel, der zwischen seinen gespreizten Flügeln eine hölzerne Pyramide zu tragen schien.
    „Die ´Schatz von Kamadan´ . Mit diesem Schiff bin ich damals von Cantha erstmals nach Elona gekommen. Sie segelt unter dem Kommando von Lady Raheela und mit etwas Glück – oder nochmehr Platin – bringt sie uns nach Istan.“
    „Und was, wenn sie das Kopfgeld, dass noch immer auf dich ausgesetzt ist, einstreichen will?“ fragte Melonni leise. „Varesh Ossa hat noch immer viele Anhänger, die dich neben ihr ins Grab packen wollen…wenn du Glück hast.“
    Als Norazul seine Hände von der Mauer nahm, blieben einige Eiskristalle auf dem Stein zurück und ein Kichern rumpelte aus seiner Brust.
    „Sie hat neun Söhne und sieben Töchter, die allesamt Piraten sind und ihrer Mutter was zukommen lassen. Wir sind ziemlich sicher. Also ruft die Anderen zusammen und trefft mich in drei Stunden am Kai. Ich hole noch etwas Platin und Gold ab… nur für den Fall, dass Raheelas Geschäfte doch schlecht gehen.“
    Dunkoro nickte und, als Norazuls Begleiter davon zogen, drehte er sich nochmals zu ihm um. „Ich gehe davon aus, dass wir unauffällig sein sollen“, was Koss, der Krieger mit einem Lachen quittierte.
    „Erzählt ihr mir mal, wie wir eine drei Meter grosse Muskelmietze wie Jora unauffällig in die Stadt kriegen sollen.“
    Norazul Lifetaker sah seinen Kameraden nach und gestattete sich erneut ein Lächeln.
    Seit er zu Füssen von Grossmeisterin Kuju im Kloster von Shing Jea in die Künste des Todes eingeführt worden war, war sein Herz ein kaum mehr gebrauchtes Körperteil in Norazuls Körper, aber fühlte es jetzt zittern.
    Wie würde es wohl sein, wenn er endlich wissen würde, wer seine Eltern waren, wo seine Heimat lag oder – er wagte nicht daran zu glauben – wenn seine Eltern noch lebten?
    Überrascht stellte er fest, dass sein Magen knurrte.
    Die Seelen jener dummen Narren, die die Konfrontation mit ihm suchten und unterlegen waren, waren zwar ein stets üppiges Mahl, denn so war die Welt der Gildenkrieger eben, aber ab und zu erinnterte ihn sein Körper daran, dass er noch da war.
    Norazul fand einen Strassenverkäufer, der unter dem Säulengang der städtischen Hafenmeisterei sein Essen anbot und eines seiner Goldstücke brachte ihm eine gebratene Eidechse, einen grossen Krug echten Jägerbiers und die Aufmerksamkeit einer hübschen Kellnerin ein.
    Den Magenbitter aus Muula-Wurzeln gab es gratis dazu.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 14.04.2008, 13:21


    Ahai! Hier Teil 3!

    (Das Finale kommt als nächstes)

    „Norazul!“
    Die Stimme schickte den Begleitern des Nekromanten einen kälteren Schauer über den Rücken, als sie es durch dessen eigene Stimme gewohnt waren.
    Trotzdem beeindruckte die Gruppe der Anblick ihres Anführers, der vor der weisshäutigen Frau das Knie beugte und auf ihre blutrot lackierten Finger einen Kuss hauchte, ohne Ende mehr.
    „Grossmeisterin Kuju“, keuchte Norazul Lifetaker mit einer Freundlichkeit, die niemand von ihm erwartet hätte. „Es freut mich so sehr, dass ihr noch immer eine reiche Ernte unter den Lebenden einfahrt.“
    Die Frau, von der einzig ihre Stimme Zeugnis über ihr eventuelles Alter ablegte, lachte mit einer Warmherzigkeit, die Norazuls Lebens-, oder besser Todeseinstellung, übertraf und drückte den Mann an ihre Brust.
    „Irgendwann einmal wirst Du auf diesem Stuhl sitzen und Diejenigen unterweisen, die den Tod als Freund umarmen wollen.“ Sie lehnte sich zurück. „Was treibt dich zu deiner alten Lehrerin, mein Frischling?“
    Sie betrachtete Norazuls Gefolgsleute. „Und wer sind deine neuen Freunde?“
    Die einzige Art, wie Norazl Lifetakers Grinsen noch bedrohlicher hätte sein können, wären vielleicht spitze Eckzähne gewesen, doch, so unglaublich es auch war, sein Lächeln war absolut entwaffnend.
    Von links nach rechts benannte er jeden Einzelnen.
    „Hier haben wir Melonni, Talkhora, Dukoro und Olias.“ Olias entblösste seine spitzgefeilten Zähne und verneigte sich vor der alten Nekromantin, deren echtes Alter nur er, sie und Norazul wohl kennen mochten.
    „Die beiden riesigen Krieger sind Koss und Jora. Jora von den Norn. Und der stolze Zwergenkrieger neben ihnen ist Ogden.“
    „Grossmeisterin!“ brummte Jora und klopfte in eine für sie ungewohnten Ehrenbezeugung gegen ihr riesiges Schwert. Norazul sprach weiter.
    „Und hier haben wir Zhed Shadowhoof, Sousuke und Norgu. Seines Zeichens ein Überlebenskünstler unter den Fünf Göttern.“
    Norgu wollte zu einer wohl-einstudierten Antwort ansetzen, aber Grossmeisterin Kuju marschierte auf Zhed zu und stubste ihn mit ihrem Gehstock in die Brust.
    „Endlich einmal ist es meinen alten Augen geststattet, ein Mitglied des Zentauren-Volkes kennenzulernen. Ich hoffe, mein Schüler hat Euch nicht zu sehr drangsaliert.“
    „Meisterin! Ich habe niemals… „ begann Norazul eine Antwort, doch ein Fingerzeig Grossmeisterin Kujus schickte ihn würgend auf die Knie.
    „Sein Name wird in unserem Volk in den höchsten Ehren erwähnt!“ grummelte Zhed in der Tonlage, die einem respektvollem Ton nahe kam.
    Er und seine Gefährten haben Vieles für die Freiheit unseres Volkes getan und er und seine Helden… „ er deutete reihum „haben mir meinen Anteil an deren Taten gestattet.“
    Grossmeisterin Kuju grinste den acht Fuss grossen Zentauren an, als könne sie die unter seinen Hufen niedergetrampelten Feinde noch verwerten.
    „Gut. Gut. So absolut köstlich gut!“ Ihr Blick wanderte zurück auf Norazul. „Aber… das frage ich alte Mutter des Todes mich“, ihr schwanenweisser Zeigefinger deutete auf den noch immer knieenden Norazul, der seine Meisterin anlächelte, „was treibt mein noch immer namenloses Kücken zurück zu mir?“
    „Namenlos?“ fragten Melonni und Talkhora gemeinsam.
    „Zurück?“ fragte Jora.
    „Kücken??“ fragte Koss und brach in schallendes Gelächter aus!
    „Ich komme von hier“, murmelte Norazul und erzählte denen seiner Gefährten, die noch nicht solange mit ihm die Welt bereisten, die Geschichte.
    Am Ende, er hatte auch für Grossmeisterin Kuju die Ereignisse umrissen, als er ihr gegenüber mit den Wort schloss: „Und? Könnt ihr mir helfen, Meisterin?“
    Kuju, dem Aussehen nach entweder dreissig oder dreihundert Jahre alt, legte die langen Fingernägel aneinander.
    Im Dämmerlicht der Nekromantenhalle schienen ihre Fingernägel in Blut getaucht sein.
    „Inshaba Mossawi hat dir das gesagt?“ fragte sie und Norazul nickte. „Ich kann mich daran erinnern, wie sie dieses Kloster einst besucht hat. Ihre Kenntnisse über die prädynastischen Werke Elonas sind umfassend und beachtlich, aber ihr Verstand… wandelt auf merkwürdigen Pfaden.“
    Norazul griff in seinen in Rot und Gold gefassten Umhang und er hielt Kuju das kleine Buch und ein Bündel Schriftrollen mit seiner krakeligen Handschrift bedeckten Worten hin. „Ich habe das Buch der Sechsten Reise mit Mossawis Hilfe übersetzt, Meisterin. Es ist tatsächlich der Beweis dafür Menschen aus Elona einst Tyria besuchten und in den Zittergipfeln als Jäger lebten.“ Er drückte der Nekromantin die Unterlagen in die Hände. „Die Beschreibungen von Ezoguul und Eviszeria, beides Nekromanten, passt auf mein Aussehen und Eviszeria war schwanger. Es könnten meine Vorfahren sein!“
    „Deine Vorfahren?“ fragte Kuju. „Oder deine Eltern?“
    Norazuls Begleiter sahen sich gegenseitig an, aber selbst Koss wagte keine Frage.
    „Meisterin!“, antwortete der Nekromant, „Das war vor über eintausend Jahren.“
    Kuju sah von den Schriftrollen auf, lehnte sich in ihrem prächtigen Stuhl zurück und meinte lapidar: „Ja und?“
    Norazul trat einen Schritt zurück. „Meisterin, ich… „ Kuju hob erneut einen Finger und ihr Schüler verstummte.
    „Erstens halte ich es für ein Gebot der Höflichkeit, dass du auch Meister Togo deine Aufwartung machst. Er hat dich damals ja wieder zusammengeflickt. Zweitens solltest du dir ein schnelles Schiff suchen, das dich zurück nach Tyria bringt und drittens“, sie erhob einen Finger und deutete auf die Schriftrollen in ihrem Schoss, „wartet das Tal des Reisenden mit allen Antworten auf dich.“
    Sie lehnte sich wissend lächelnd zurück. „Oder woher soll der Name wohl kommen?“
    Die Grossmeisterin war selbst überrascht, als Norazul Lifetaker sie regelrecht ansprang und ihr links und rechts einen Kuss auf die Wange gab.
    „Ich danke euch!“ rief er und war in der nächsten Sekunde aus der Halle hinaus, um Meister Togo aufzusuchen.
    „Das kam unerwartet“, meinte Melonni.
    „Wir sollten lieber zusehen, dass wir zum Hafen von Seitung kommen und ein Schiff suchen“, meinte Jora. „Ansonsten schwimmt er schon voraus.“
    „Und ich muss wieder in den Schnee!“ grummelte Koss resignierend.

    Als die Gruppe die Halle verlassen hatte, erhob sich Meisterin Kuju, blickte aus einem der Fenster zu Norazul Lifetaker und seinen Begleitern hinüber, wie sie Meister Togo begrüssten und der Nekromant seine Begleiter vorstellte.
    Ein junger Krieger blickte hinter Jora her und stolperte prompt über den Wagen eines Kaufmanns.
    Sie beobachtete Norazul und lächelte dünn.
    „Zum Glück bist du dem Tode so zugetan“, sagte sie und trat von dem Fenster zurück. „Das wird dir die Wahrheit leichter machen, mein Enkelsohn.“
    Sie murmelte einen Namen, der mit Norazul Lifetaker absolut gar nichts geinsam hatte.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 14.04.2008, 17:00


    Und hier der Rest!! :wink:

    Vielleicht kommt irgendwann mal was nach.

    „Verdammt nochmal!!“ raunte Norazul Lifetaker, als er den Kopf aus dem Schnee zog, in den er, lang wie er war, gefallen war. „Allmählich teile ich deine Einstellung zum Schnee, Koss!“
    „Als Blinder Sand zu fressen ist noch unangenehmer“, antwortete Tahlkora, als sie ihm wieder auf die Beine half und ihn in Joras Arme drückte. „Den Helden zu spielen bringt auch nichts.“
    Norazul, dessen Kopf auf Augenhöhe von einem dicken Verband umwickelt war, fauchte frustriert.
    Drei Wochen im heulenden Trommelfeuer aus Schnee und Eis umherwandernd hatte ihn schneeblind werden lassen und obwohl er die Wärme von Joras Körper, die ihn führte, zu schätzen gelernt hatte, nervte ihn seine Hilflosigkeit am meisten.
    Viermal war er alleine durch seine Blindheit, als sie, von Löwenstein kommend, die Jakbiegung Richtung Süden verlassen hatten, gestorben und trotz der Anwesendheit seiner Heilerfreunde und der über die Gegend verteilten Schreine der Götter fühlte er das.
    Seit sein Augenlicht ihn verlassen hatte – woran wohl nur Dunkoros und Tahlkoras versammeltes Talent und eine Woche in der Dunkelheit würden etwas ändern können – fühlte er sich verwundbarer als je zuvor.
    Erst hatte der Axthieb eines Zwergenkriegers vom Clan der Steingipfel seine Kehle durchtrennt und er war, an seinem eigenen Blut ertrinkend, in den Schnee gesackt.
    Dann konnte er sich noch daran erinnern, wie er seinen eigenen Körper nach dem Keulenschlag eines Ettins wankend im Schnee stehen sah (sein Kopf war nach dessen Keulenschlag im Schnee gelandet) und was ihn die letzten beiden Male erwischt hatte, wusste er gar nicht erst.
    Grenth, der Totengott, schien mittlerweile wohl schon zu denken, Norazul hätte Sehnsucht nach ihm, so oft wie er zurück in die Welt der Lebenden geschickt werden musste.
    „Es sind keine Monster mehr in der Gegend“, sagte Jora und schnüffelte im Wind. „Ich rieche zumindest keine.“
    „Schau mal, Boss!“ rief Koss. „Da ist der Höhleneingang!“ Dann besann er sich Norazuls Gesundheitszustand und murmelte: „`Tschuldigung… „
    „Wenn ich wieder in Sing Jea bin“, knurrte Norazul und spuckte einen Klumpen Schnee aus, „entsage ich den Mönchslehren, die ich nebenbei belegt habe und lasse mich von Meister Quin zum Ritualisten ausbilden! Dann brauche ich meine verdammten Augen nicht mehr!“
    „Bist du sicher, dass dies die richtige Höhle ist?“ fragte Zhed Shadowhoof, als er nach einem Sprung vor der Gruppe im Schnee landete und die Eiskristalle aus seinem Fell strich. „Die Höhle ist kalt und ohne Leben.“
    „Meine Meisterin war äusserst gründlich mit ihren Angaben“, murmelte Norazul und entrollte die Karte, die ihm Grossmeisterin Kuju gegeben hatte. Dann fiel ihm sein Zustand wieder ein und er warf die Pergamentrolle frustriert in Richtung von Zheds Stimme.
    Sie landete zwei Meter von ihm entfernt.
    Jora packte Dunkoros Hand und legte sie auf Norazuls ringförmigen Schulterpanzer.
    „Schneidet Euch nicht, Heiler“, sagte die riesige Norn-Kriegerin und zog das mehr als zwei Meter lange Breitschwert aus der ledernen Halterung an ihrer linken Hüfte, dann marschierten sie, die Heilerin Tahlkora, der Magier Sousuke und dem Krieger Koss auf den Höhleneingang zu.
    „Verdammt, mir reicht´s jetzt!“ fauchte Norazul und erhob erstmals seit Jahren wieder seine Stimme. Er riss sich die Bandage von den Augen, schüttelte Dunkoros Hand ab und tat einen Schritt auf den Höhleneingang zu.
    Eine Sekunde später lag er wieder im Schnee.
    Flüche ausstossend, die selbst für einen Fluch-Nekromant übelst waren, krabbelte er auf allen Vieren weiter, doch die Panzerplatte von Koss´ linkem Unterschenkel brachte ihn zum Halt.
    Der dunkelhäutige Krieger, der in seiner weissen Rüstung im Schnee fast unsichtbar war, half Norazul auf die Beine und klopfte ihm den Schnee von der Rüstung.
    „Ähm… Boss? Da gibt es etwas, was du wissen solltest.“

    Die Spitze seines Zauberstabs, geformt wie der Schnabel eines riesigen Raubvogels, glühte vor einer Hitze, die den Schnee am Höhleneingang in weitem Umkreis schmelzen liess.
    Norazul Lifetaker war für seine schauderhaft schlechte Handschrift berüchtigt, aber die Schriftzeichen, die er neben dem Höhleneingang in den Fels schnitt waren absolut exakt.
    Nicht, dass einer seiner Begleiter oder eine seiner Begleiterinnen sie hätten lesen können.
    „Ydradimm?“ fragte Melonni und trat an Norazul heran.
    Er reagierte nicht.
    „Ydradimm?“ wiederholte Melonni und Norazuls Stab zog eine waagerechte Linie unter die Schriftzeichen.
    Wie ein Schussstrich.
    „Yd…“
    „Ja?“ antwortete Ydradimm Medahki und blickte sie mit wunden, roten Augen an.
    „Wie geht es dir?“ fragte Koss, der näher trat.
    „Besser, wenn ihr mich wieder Norazul nennt“, murmelte Norazul Lifetaker, alias Ydradimm Medahki, leise und lächelte dünn, als die Schriftzeichen in der klirrenden Kälte abkühlten.
    „Für mich warst du niemals ein Anderer!“ donnerte Joras Stimme gegen den Schneesturm an und führte Norazuls Hand zurück an ihren Gürtel, nachdem dieser seine Augen erneut verbunden hatte.
    „Was hast du ihnen neben den Höhleneingang geschrieben?“ wollte Olias wissen und, zur allgemeinen Überraschung, begann Norazul zu lachen.
    „Nur einige Abschiedsworte. Mein jetziges Leben begann erst vor etwa drei Jahren. Da mussten die Beiden doch wissen, was ich so gemacht habe.“
    Koss klopfte dem Nekromanten auf die Schulter. „Nur ein ehrlicher und ein guter Mensch kann am Grab seiner Liebsten noch lachen.“
    „Ist das ein altes elonisches Sprichwort?“ fragte Norazul und Koss lachte ebenfalls.
    „Sicher! Das neuste Sprichwort aus dem Buch `Lebensweisheiten von Koss, dem Prächtigen!´ Eben ausgedacht.“
    „Und wie geht es jetzt weiter?“ fragte Melonni, als die Gruppe zurück ins Tal stieg.
    „Bitte keinen Schnee mehr!“ flehte Koss.
    Norazul Lifetaker hielt kurz inne und, obwohl er Jora und Koss nicht sehen konnte, versuchte er an ihren Stimmen zu erahnen, wo seine beiden Weggefährten standen.
    „Ich habe erstmal von den Zittergipfeln und den Wüsten dieser Welt genug!“ lautete seine Antwort. „Ich glaube, ich kann Margid dazu überreden, uns zu der Insel zu brigen, auf der die Gilde, die mich damals aufgenommen hat, ihre Halle unterhält. Ich habe meine alten Freunde schon viel zu lange nicht mehr gesehen.“
    „Ist es dort wenigstens warm?“ fragte Koss.
    „Ich bin halber Elonier und halber Canthaner!“ antwortete Norazul. „Palmen und Strand.“
    Als die Gruppe im Schnee verschwand und den langen Weg nach Löwenstein einschlug, waren die eingeritzten Schriftzeichen endlich ausgekühlt.
    Sie nannten die Namen des elonischen Nekromanten von der Barbarenküste und der canthanischen Nekromantin, die aus dem Echowald stammte.
    Aus der Zeit, als die Bäume des Echowalds noch aus Holz waren und das Haus zu Heltzer in den Kinderschuhen steckte.
    Die Schriftzeichen taten auch das Alter ihres einzigen Sohnes kund und die Tatsache, dass er eine Schwester hatte.

    Das Geburtsdatum des Sohnes lag siebenhundertzweiunddreissig Jahre in der Vergangenheit und nur an drei von jenen konnte Norazul Lifetaker sich erinnern.
    Als nächstes würde er seine Schwester suchen, aber er sah keinen Grund zur Eile.
    Denn besser als jeder andere Mensch, wusste er jetzt, wie alt Nekromanten werden konnten.

    ~ The End ~

    For now...



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    Goto-Shiro - 18.04.2008, 11:59


    Hey, hab zwar bisher nur den ersten teil gelesen, aber soweit kann ich schonmal sagen "Respekt" die story hat wirklich alles was sie braucht, könnte man evtl sogar verfilmen xD

    naja werd die tage mal weiter lesen

    gruß Shiro



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:34


    Und hier der Rest:

    Die Hände des Mannes waren warzig und vernarbt und passten somit zu der hässlichen, eingeschlagenen Ruine, die er als Gesicht trug.
    Eine seiner Pranken drückten dem kleinen Mädchen den Mund zu die andere hielt der bestenfalls Zwölfjährigen ein spitzes Messer an die Kehle.
    „Ein Ton und du brauchst deinen dürren Hals nie wieder waschen!“ zischte er leise, als einer der anderen Männer durch das geschlossene Fenster in das Atrium des Gebäudes schielte.
    „Danke für Eure Gastfreundschaft“, sagte der in einen prächtig bestickten Kapuzenmantel gekleidete Mann und liess eine Handvoll Goldmünzen klimpernd auf den Tisch fallen. „Ich werde Euer Gasthaus im Palast des Kaisers anpreisen.“
    Der Inhaber des Hauses fegte mit einer Handbewegung die Münzen von der Tischplatte in seine Tasche und verbeugte sich wieder und wieder.
    „Danke! Danke! Vielmals Danke, werter Gast!!“ sabbelte er los und führte den Fremden zur Tür des Gasthauses. „Sollte es Euch, oder die Hohen Herrschaften Canthas jemals wieder nach Elona führen, seit Euch gewiss, dass mein Koch und meine Kellnerinnen ihr Bestes geben werden!“
    Der Gast verliess das Haus und der Gastwirt blickte, sich die Hände reibend, zu dem geschlossenen Fenster hoch und zwinkerte.
    „Na endlich!“ sagte der Mann, der dem kleinen Mädchen noch immer den Mund zuhielt. „Habt ihr Jungs die Augen von dem Kerl gesehen?“
    „Halt die Klappe, Reihan!“ brummte der Mann, der aus dem Fenster geblickt hatte.
    „Wo waren diese dunklen Teile aus seinen Augen hin?“ fragte der andere Kerl ungeniert weiter und hätte fast mit der Klinge seines Messers an sein Auge gedeutet.
    „Halt die Klappe, Reihan!“ brummte sein Anführer erneut.
    „Und was war, als er gestern hier ankam? Ich schwör´ euch Jungs! Der hat gewusst, dass wir hier waren!“
    “Jetzt halt verdammt nochmal dein versoffenes Maul, oder ich… „, rief der Anführer, aber er kam nicht weiter.
    Das Fenster des staubigen Zimmers verwandelte sich krachend in einen Scherbenhaufen, als ein muskulöser Krieger, dessen dunkle Haut einen satten Kontrast zu seiner weissen Plattenrüstung bildete, hindurch brach.
    Das Seil, an dem er sich offensichtlich vom Dach geschwungen hatte, entglitt seiner Hand, als er Schwert und Schild zog und die Gangster schief angrinste.
    „Darf ich eintreten? Auch, wenn´s ungelegen kommt?“
    Das Mädchen kniff mit einem gedämpften Aufschrei die Augen zu, als das goldene Schwert des Kriegers den ersten ihrer Entführer vom Scheitel bis zum Schritt spaltete.
    Die anderen Männer kamen kaum dazu, zu reagieren.
    Die Zimmertür an der einen Seite des Raums flog krachend aus den Angeln und schlug einen weiteren Mann zu Boden, als ein gepanzerter Stiefel gegenknallte.
    Das Kleidungsstück gehörte dem gleichen Mann, der eben erst das Gasthaus verlassen hatte und an ihm vorbei traten ein junger Mann mit leuchtendem Zauberstab und eine zierliche Frau, deren eigentliche Kleidung unter der beeindruckenden Sammlung von Wurfsternen und Wurfmessern kaum zu sehen war.
    „Zimmerservice!“ raunte der Hotelgast und grinste boshaft. „Hier hat jemand sechs Tote bestellt?“
    Der niedergeschlagene Bandit erhob sich und zog seinen Krummsäbel, ging aber sofort wieder mit aus den Nasenlöchern und dem Mund aufsteigenden Rauchwolken in die Knie, nachdem der Magier seinen Zauberspruch beendet hatte.
    Zwei weitere Banditen wollten auf den Magier losgehen, aber zwei riesige Fäuste rammten sich durch die Wand, die – elonatypisch – aus dünnem Holz bestand, packten beide Männer am Hals und zogen sie durch die Löcher zurück.
    Was auf der anderen Seite mit ihnen geschah, konnte glücklicherweise niemand sehen.
    Der Boss der Entführergruppe entschied, dass `Rückzug´ nicht mit `Feigheit´ gleichzusetzen sei und wollte durch die andere Tür fliehen.
    Er hatte aber weder die Waldläuferin, noch den älteren Paragon bemerkt, die sich hinter ihm in den Raum geschlichen hatten.
    Der Entführer rannte regelrecht in den Speer des Paragons hinein.
    „Keinen Schritt weiter!!“ schrie der letzte Überlebende der Gruppe, zerrte das Mädchen auf die Füsse, und hielt ihr das Messer an die Halsschlagader. „Verpisst euch, oder das kleine Balg ist nur noch Nekromantenfutter!“
    „Wie soll das denn gehen? Ohne Hände?“ fragte die zierliche Frau und der Entführer bemerkte, dass sie plötzlich nicht mehr neben dem bleichen Hotelgast, sondern hinter ihm selbst stand.
    Klatschend fielen seine Hände, eine hielt noch immer das Messer in den Fingern, auf den Boden.
    „Oder ohne Herz?“ Ein weiteres Messer durchbohrte seinen Rücken.
    „Oder ohne Luft zum Atmen?“ Ohne Hände, um seinen Hals zuzuhalten, klappte der Entführer zusammen.
    Das junge Mädchen zitterte wie Espenlaub und wich vor den Leuten zurück, die ihre Entführer erschlagen hatten, aber selbst der Mann im bestickten Umhang lächelte
    Leider wirkten seine punktdünnen Pupillen und die spitzen Eckzähne als alles andere, aber bestimmt nicht beruhigend.
    „Ijan-tanh pa Theh?“ rief das Mädchen mit zitternder Stimme. „Ijan-tanh pa Theh? Pa Theh?“
    “Was hat sie gesagt?” fragte der Krieger und der bleiche Mann antwortete zeitgleich mit der zierlichen Frau, die den letzten Entführer erdolcht hatte: “`Wer seit ihr´, hat sie gesagt.“
    „Woher versteht ihr dieses Kauderwelsch?“ fragte der Paragon, der das Blut von seinem Speer wischte.
    „Hofsprache“, antworteten der Bleiche und die Frau erneut simultan und der Weisshaarige fügte hinzu: „Erklär´s du ihnen, Zenmai.“
    Die Assasinin wandte sich zu den anderen Leuten um. „Hofsprache war die Idee eines der vergangenen Kaiser von Cantha, der verhindern wollte, dass seine Diener wichtige Verhandlungen mithören konnten. Das passierte bereits Jahrhunderte vor Shiros Tat. Es gibt heute noch immer Adlige, die es als Stautssymbol ansehen, die Sprache zu beherrschen.“
    „Und woher beherrschen du und Norazul die Sprache?“ fragte der Magier Sousuke.
    „Über eintausend Mitglieder in der kaiserlichen Familie“, antwortete Norazul. „Da muss man einen guten Eindruck hinterlassen, wenn man für sie arbeiten will.“
    Zu dem kleinen Mädchen gewandt, fragte er: „Juto-Hai Pai-Sun hiaki?“
    „Bist du Prinzessin Pai-Sun?“ übersetzte Zenmai, während das Mädchen, trotz ihres verheulten Gesichts grinsend nickte.
    „Yutai, pan-thawi Sonta gu-hayjin.“
    „Dein Vater hat uns geschickt, um dich zu retten.“
    „Gu-Hayjin! Yutai Sonta! Hajimi!?! Hajimi!?!“
    “Mein Papa! Wo ist er? Wo ist er?“ übersetzte Zenmai, als Jora, die die beiden Entführer durch die Wand gezogen hatte, gebückt in den Raum kam.
    Das Mädchen bekam grosse Augen. „Qui-Han! Muuli, Jahi-Muuuuuli!“
    „Sie sagte `Oh! So gross will ich auch mal werden, wenn ich gross bin´“, übersetzte Norazul grinsend, als die fast drei Meter grosse Norn-Kriegerin die Augenbrauen hob, aber der Nekromant kam nicht mehr dazu, überhaupt sich, oder jemand anderen seiner Gefolgsleute vorzustellen, denn Vekk betrat den Raum und Pai-Sun stürzte sich vor Lachen quietschend auf den bestenfalls achzig Zentimeter grossen Asura-Magier.
    „He, He, He!“ rief der wie eine Mischung aus Kaninchen und Känguruh aussehende Magier. „Ich bin ein Magier und kein Kuscheltier!“ Er machte eine kurze Pause, während der das canthanische Mädchen ihn durchknuddelte und das Fell kraulte, dann fügte er hinzu: „Aber für dich mache ich eine Ausnahme.“
    „Ich störe ja nur ungern“, sagte der ehemalige kournische General Morgahn. „Aber bei einem Lösegeld von fünfhundert Platinbarren wissen wir nicht, wieviele Kameraden dieser Abschaum“, er stiess den Kopf des Opfers, welches sein Speer gefordert hatte, mit dem Stiefel an, „noch in dieser Stadt hat.“
    „Jin?“ fragte Norazul die Waldläuferin. „Ruf die Gruppe am Hafen zusammen, wenn du so nett sein könntest.“ Zu dem Mädchen, dass Vekk noch immer bearbeitete, gewandt, sagte er etwas, das die Kleine mit einem freudigen Lachen quittierte.
    „Prinzessin Pai-Sun scheint Schiffe zu mögen“, meinte Zenmai, während Jin einen Pfeil in ihren Bogen einlegte, der einen kleinen, mit Löchern versehenen Zylinder anstelle einer scharfen Spitze hatte.
    Mit einem zwitschernden Pfeifen, das man in der ganzen Stadt hören konnte, verschwand das Geschoss über den Dächern in der Ferne.
    „Abgang!“ sagte Norazul.

    Vier Stunden später verschwand Gandara, die Halbmond-Stadt, endgültig am Horizont, als das Schiff hart am Wind Richtung Nord-Westen zog.
    Margid die Listige, Bogenschützin, Piratin, Ex-Korsarin, und Gelegenheits-Verbündete Norazul Lifetakers stand am Steuer ihres Schiffs `Rote Sonne´, unter dessen Namen ein Scherzkeks die Worte „Geld oder Leben! Am liebsten beides!“ gemalt hatte, während der Nekromant an die Backbord-Reeling gelehnt stand.
    Auf dem Vorderdeck sassen die kleine Prinzessin Pai-Sun, die Kriegerin Jora und der Magier Vekk, von dem das kleine Mädchen nicht genug zu bekommen schien, beisammen und Norazuls Weggefährten lauschten dem Mädchen, das ihnen ein Spiel mit ihren Glasmurmeln beibringen wollte.
    Auch, wenn sie kein Wort verstanden.
    „Einhundert Barren Platin Kopfgeld und du spazierst einfach in die Hauptstadt des Landes, dessen Niedergang du auf dem Gewissen hast, räumst eine Ladung Entführer ab und marschierst mit ihrem Opfer davon. Da ist mir das Piratenleben stressfreier!“
    Norazul drehte sich nach Margids Worten zu ihr um und nahm einen weiteren Schluck des elonischen Weins aus seinem Krug.
    „Es wundert mich sowieso, wie Ossas Offiziere soviel Geld zusammenbekommen konnten. Wo du und deine Kumpanen doch Kournas Handel zum Zusammenbruch gebracht haben?“
    Margid lachte herzlich und akzeptierte den Bierkrug, den Koss ihr brachte.
    „Es gibt wohl welche, die es einsammeln wollen.“
    „Warum?“ fragte Norazul und Margid brüllte ins Schiffsinnere: „Yussuf!! Schieb deinen faltigen ****** hier hoch!!“
    Yussuf war Margids Steuermann und obwohl er Dank jahrzehntelang fassweise genossenem Wein, Bier und Schnapps keine zwei Schritte mehr in die gleiche Richtung gehen konnte, holte er aus jedem Fetzen Segeltuch bei einem Schiff das Beste heraus.
    Er wankte ans Steuerrad und Margid sagte zu ihm: „Denk´ dran! Wir wollen nach Cantha, nicht nach Tyria oder zurück nach Elona!“ Dann trat sie neben Norazul, drückte ihm ihr Fernglas in die Hand und deutete nach Achtern zum Horizont.
    „Dort.“
    Norazul zog das Fernrohr in die Länge und blickte in die angedeutete Richtung.
    Das Schiff selbst konnte er nicht erkennen, aber das Segel mit den vor einem Schild gekreuzten Säbeln sah er.
    „Ein Händler, der die gleiche Route abfährt?“ fragte der Nekromant und die Piratin lachte.
    „Nie im Leben! Das ist das Schiff von Rahan dem Raffgierigen. Bei seiner Seele würdest selbst du das Kotzen bekommen, wenn du sie frisst!“ Sie klappte das Fernrohr zusammen, als Norazul es ihr zurückgab und schnaubte verächtlich. „Piraterie, Entführung, Mord, Schmuggelei, Vergewaltigung – stell´ dir vor, was du willst: er hat´s auf seinem Kerbholz.“
    „Denkst du, er will das Prinzesschen zurück?“ fragte Koss.
    „Sicher! Für das Lösegeld und das Platin auf Norazuls Kopf könnte er den Rest seines Lebens in den nobelsten Freudenhäusern Vaabis übernachten.“
    „Kann er uns einholen?“ fragte Norazul und Margid sah ihn an, als habe er wissen wollen, ob der Ozean nass sei.
    „Machst du Witze?? Dieses feine Schiff hier hängt den versifften Klumpen Treibholz noch vor Sonnenuntergang ab!“
    „Wenn er weiss, wer wir sind und wo wir hinwollen“, meinte Norazul und trat von der Reeling zurück, „werden wir ihn sowieso bald treffen.“
    Er blickte nach unten aufs Deck, wo Vekk sich vor Lachen schüttelte, weil Prinzessin Pai-Sun seinen Bauch kitzelte.
    „Ich kann jetzt erstmal etwas Schatten vertragen.“
    Mit diesen Worten setzte Norazul Lifetaker sich aufs Deck hinter den Hauptmast und zog sowohl seine gepanzerten Handschuhe, wie auch seine Stiefel aus.
    Koss und Margid sahen ihm hinterher, als er sich hinlegte und einschlief.
    Es war der einzige Ort an Deck, an dem die Sonne nicht schien.
    „Nekromanten!“ murmelten der Krieger und die Piratin aus einem Mund.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:34


    „Gu-Hayjin! Gu-Hayjin!! Gu-Hayjin!!!“
    Das kleine Mädchen, Prinzessin Pai-Sun, stürmte an Norazul Lifetaker vorbei auf ihren Vater zu und schien erstmals seit ihrer Abreise aus Elona vor zwei Wochen sogar Vekk zu ignorieren.
    Prinz Hong-Lung, Mitglied der breitgefächerten canthanischen Herrscherdynastie, stürzte von seinem Thron, um seine jüngste Tochter in die Arme zu schliessen.
    Einen Wimpernschlag später stürmten Pai-Suns Brüder und Schwestern noch vor ihrer Mutter in den mit prächtigen Bannern behängten Saal und bestürmten das kleine Mädchen mit Fragen.
    Norazul gab den Versuch, die geschnatterte Hofsprache im Geiste zu übersetzen auf, bemerkte aber, dass das Mädchen, nachdem es von seiner Mutter über und über mit Küssen bedeckt war, das Töten ihrer Entführer besonders graphisch beschrieb.
    Schliesslich deutete sie auf Koss und plapperte einen Satz, worauf ihre sechs Brüder auf den elonischen Krieger zurannten und ihn mit dem immer gleichen Wort bombardierten, während sie nach seiner Rüstung griffen.
    „Hu-Unji! Hu-Unji!“
    „Ähm… Norazul? Zenmai?“ fragte der mächtige Krieger, der die canthanische Hofsprache nicht beherrschte und sich einem Dutzend zupfenden und klopfenden Händen erwehrte.
    „Sie wollen dein Schwert sehen, mit dem du den ersten Bastard getötet hast.“ Die Assassinin Zunmai, mit für sie untypischerweise unverhülltem Gesicht, hatte vor dem weisshaarigen Nekromanten geantwortet.
    „`Hu-Unji´ heisst `Schwert´?“ fragte Koss.
    „`Das Schwert, das die Bösen tötet´“, antwortete Norazul, dessen Gesicht mit einem ebenso breiten Lächeln geschmückt war, wie das des Prinzen. „`Schwert´ heisst `Hu´.“
    Koss zog die mächtige, golden geschmückte und runenverzierte Waffe aus der Halterung an seinem Rücken und zeigte sie den vor Staunen keuchenden Jungen.
    „Hu!“ sagte Koss und machte seine Stimme dunkler, als sie ohnehin schon war. „Hu-Hu!“
    Er gab dem kleinsten der Prinzensöhne das Schwert in die Hand, nahm seine schwarze Pelzkappe ab und drückte sie ihm so tief ins Gesicht, dass nur noch das grinsende, milchzahnbewährte Grinsen noch zu sehen war.
    „Ein stolzer Krieger!“ meinte Koss und nachdem Zenmai das übersetzt hatte, brachen die Kinder im Saal, der Prinz und dessen Frauen in schallendes Gelächter aus.
    Der kleine Junge, der wegen der Pelzkappe nichts sehen konnte, stiess einen schrillen Kriegsschrei aus (zumindest, was er dafür hielt), erhob Koss´ Schwert über seinen Kopf – und plumpste wegen des Gewichts der Waffe auf den Hosenboden.
    Das Gelächter dauerte an und die kleinen Wolken eiskalter Luft, die aus Norazuls Mund strömten, deuteten an, dass selbst er leise lachte.
    „Der Ruf der Sonnenspeere“, begann Prinz Hong-Lung und sprach erstmals in der Sprache des normalen Menschenvolks, „ist selbst in Cantha legendär.“ Er erhob sich von seinem Thron, streichelte Pai-Sun das Haar, die in den Armen ihrer vor Freude weinenden Mutter hing, und trat auf Norazul Lifetaker und dessen versammelte Gruppe zu. „Es freut mich zu sehen, dass Euer Ruf gerechtfertigt ist.“
    Er gab dem Nekromanten die Hand und, als unfassbares Zeichen der Wertschätzung, verbeugte er sich tief.
    „Ich bedauere, dass es so lange gedauert hat, Mylord“, antwortete Norazul, „aber die Korsaren haben ihre Spuren gut verborgen. Trotzdem waren wir erfolgreich.“
    In der traditionellen Grussform knallte er die stahlbeschlagenen Stiefel zusammen und hieb sich mit der rechten Faust gegen die linke Schulter.
    Prinz Hong-Lung nickte und deutete mit einer Handbewegung an, dass Norazul und seine Begleiterinnen und Begleiter weiter in den Saal treten sollten.
    „Die Entführer meiner Tochter, Dämonen mögen sie für immer verschlingen, verlangten fünfhundert Platinbarren für ihre Freilassung und ich habe für die Rettung meines Goldstücks das Vierfache geboten.“ Der Prinz legte eine Hand an Norazuls Unterarm. „Warum wolltet Ihr nur einhundert Platinbarren?“
    „Ich mag mir die prächtigste Rüstung auf den Leib schmieden lassen und in einer Xunlai-Truhe die grössten Schätze lagern“, antwortete Norazul leise, „aber in die Nebel, aus denen wir alle kommen und in die wir zurückkehren, kann ich es nicht mitnehmen. Ausserdem“, er blickte den Prinzen in dessen prunkvollen purpurfarbenen Gewändern an, „habe ich mir Eure Hilfe erhofft.“
    „Und wie kann ich Euch meine Dankbarkeit dann vergüten?“ fragte der Prinz.
    „Meine Mutter lebte zu Zeiten von Kaiser Teng in dieser Stadt, bevor sie nach Elona ging und meinen Vater heiratete. Beides waren Nekromanten, so wie ich einer bin. Euer Palast beherbergt das canthanische Bürgerschafts-Archiv und ich hatte gehofft, Ihr würdet mir Zugriff darauf gewähren.“
    „Kaiser Teng?“ fragte Prinz Hong-Lung. „Er herrschte vor fast einem Dutzend Jahrhunderten.“
    „Wir Nekromanten sind langlebig“, antwortete Norazul und, da sie am Thron des Prinzen angekommen waren, setzte sich der Prinz, strich seine Gewänder glatt und drehte den Kopf zur Seite.
    „Joto-Haitan!“
    Der Prinz hatte nach seinem Haushofmeister gerufen und ein runzeliger Mann in blauer Seidenrobe schlurfte aus den Schatten der Säulen ins Licht.
    „Ai-Hun! Gan tho pan min Heh!“
    Der alte Mann griff in seine Robe und holte einen schwer beladenen, gusseisernen Schlüsselring hervor. Er entfernte einen schweren Kupferschlüssel, schlurfte auf Norazul zu und drückte ihn ihm in die Hand.
    Der Prinz legte seine Finger, derren lange Nägel mit Obsidianstaub und Blattgold verziert waren, aneinander.
    „Das ist der Schlüssel zu den Archiven, die Ihr zu studieren wünscht. Aber bevor ihr sie betreten dürft“, der Prinz klatschte in die Hände, „komme ich meinen Verpflichtungen nach.“
    Vier muskulöse Träger, die von einem Dutzend schwertertragenden Wachen eskortiert wurden, trugen zwei Truhen aus einer Seitentür in den Saal, öffneten sie und kippten den Inhalt auf den karmesionroten Teppich.
    Zweihundert unterarmlange Platinbarren klimperten aus den Truhen heraus und die kleinen Prinzensöhne, die bisher noch immer Koss´ Schwert hinter sich herschleiften, stürzten plappernd und staunend auf den Haufen Reichtums.
    Das Schwert blieb zurück.
    Der Prinz lachte leise und meinte: „Jetzt wollen meine Söhne zur Insel von Shing Jea reisen, um Purpurschädel-Piraten zu jagen. Sie wollen ihre Beute zurückholen.“
    Koss nahm die Gelegenheit wahr, seine Klinge wieder hinter seinem Rücken einzuhängen und betrachtete das Sechserpack zukünftiger Gildenkrieger lächelnd.
    Sowas würde er auch irgendwann mal um sich herumkrabbeln haben wollen, aber warum mussten Margid und Jora immer so abweisend sein?
    „Aber bevor ich meine `Krieger´ ins Feld schicke“, fuhr der Prinz fort und klatschte jetzt zweimal in die Hände, „feiern wir.“
    Die Gruppe Männer, die in den Schatten hinter dem Prinzenthron gestanden hatten, holten ihre Musikinstrumente hervor und spielten eine fröhliche Melodie auf, als zeitgleich eine zweite Gruppe Bediensteter vier niedrige Tische auf dem Teppich aufstellten und seidene Sitzkissen auf dem Boden verteilten.
    Eine dritte Gruppe belud die Tische in Rekordzeit mit mit dampfenden Braten beladenen Tellern, Schüsseln mit Suppen und Kristallkaraffen mit den besten Weinen, die die Welt kannte.
    Norazul fragte sich insgeheim, wie fähig die Wasser-Magier wohl gewesen sein musste, die die Speisen aus Tyria und Elona während des Transports nach Cantha im Eis haltbar gemacht hatten.
    Die Musik der Spieler stieg deutlich in der Lautstärke, als eine Gruppe Tänzerinnen in den Saal gewirbelt kam.
    Das blicksicherste Kleidungsstück, das jede von ihnen trug, waren die Goldstücke und die mit Edelsteinen behängten Ketten, denn die durchsichtige, grüne Seide ihrer Kleider präsentierte mehr, als sie verbarg.
    `Das Leben hat eben doch seine Reize!´ dachte Norazul Lifetaker und liess sich neben Prinz Hong-Lung nieder, nachdem dieser ihn einlud, neben ihm zu sitzen.

    Es waren neben ihm noch Jora, Morgahn und ein Zauberspruch Vekks nötig gewesen, um Koss ins Bett zu hieven und obwohl er selbst davon überrascht war, wieviel er selbst bei der bis fünf Uhr morgens dauernden Feier getrunken hatte, stand Norazul Lifetaker noch vor Sonnenaufgang in den staubigen Hallen des canthanischen Zentralarchivs.
    In der schlecht beleuchteten Katakombe schienen sich die meterhohen Regale bis in die Unendlichkeit zu erstrecken und auf den jahrhundertealten Seiten der Bücher und auf den verstaubten Büchern standen die Geburts- und Todesdaten von Menschen, die schon seit Ewigkeiten nicht mehr lebten.
    Kein Wunder, dass Norazul sich hier wohl fühlte.
    Die Staubschicht, die den Balkon, der in drei Metern Höhe das Archiv überragte, bedeckte, flog davon, als Norazul seine gepanzerten Handschuhe auf das Geländer pflanzte.
    Es war im laut canthanischen Gesetz nicht gestattet, das Archiv selbst zu betreten, wenn man nicht in ihm arbeitete, aber trotzdem eilte sofort ein alter Archivar vor den Balkon und ging in die Knie.
    „Welche Weisheiten dürfen diese Seiten einem Freund der kaiserlichen Familie offenbaren?“ fragte der Archivar, schlug seine Kapuze zurück und präsentierte sowohl einen nur noch von Altersflecken bedeckten, mit einem dünnen Haarkranz umrahmten Schädel, wie auch von Jahrzehnten , oder gar Jahrhunderten des Schreibens schwarz gefärbte Finger.
    „Meine Mutter wurde auf den Namen Yuhan getauft und nahm den Namen Eviszera an, als sie sich dazu entschied, mit dem Tode als Verbündeter über diese Welt zu wandeln.“ Im Archiv herrschte eine derartige Stille, dass Norazuls keuchendes Geröchel fast schon laut klang. „Mein Vater war Meisternekromant Ezoguul und ich bin ihr Sohn, getauft auf den Namen Ydradimm… „
    „Und als Norazul Lifetaker bekannt?“ fiel ihm der Archivar ins Wort und der Nekromant nickte überrascht.
    „Eine prächtige Expedition war es, die dereinst Elonas Küsten verliess“, sagte der Archivar leise. „Doch die Geister sagen mir, dass Eure Eltern schon lange nicht mehr unter den Leben wandeln.“
    `Er ist ein Ritualist?´ dachte Norazul, aber er nickte langsam. „Die Knochen meiner Eltern liegen eisbedeckt im Tal des Reisenden in den Zittergipfeln Tyrias. Doch ich weiss, dass ich noch eine Schwester habe und sie ist es, die ich suchen will.“
    „Die Tochter von Ezoguul Fleshreaper und Yuhan Medahki, Schwester des Nekromanten Ydradimm.“ Der alte Mann nickte langsam, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, ihn zu kennen.
    Er schlurfte davon und verschwand in den Schatten der Bücherregale.
    Erst vergingen Minuten, dann Stunden und als Margid die Listige Norazul im Archiv antraf, war der halbe Balkon an dem Norazul gelehnt stand, eisbedeckt.
    „Es gibt Ärger, Norazul!“ sagte die Piratin leise und der Nekromant drehte sich, von Eiskristallen bedeckt, zu ihr um.
    „Der Ärger, den wir beide schon erwartet haben?“
    Margid nickte. „Das Schiff von Rahan dem Raffgierigen hat heute Nacht im Hafen angelegt. Seine Gurgelschlitzer und Messerhuren sind in der Stadt.“
    „Die `Rote Sonne´ ist sicher auf See?“
    “Natürlich. Ich habe meine Jungs und Mädels losgeschickt, damit sie die tyrianischen Seeleute an ihr Schutzgeld erinnern.“
    Norazul lächelte dünn und setzte zu einer Antwort an, aber der faltige Archivar schlurfte aus den Schatten seiner Bücherregale zurück ins Licht.
    „Ydradimm, Sohn von Ezoguul und Eviszera, sagtet ihr?“
    „Ja“, antwortete Norazul und lehnte sich nach vorne.
    „Und ihr wollt über eure Schwester Informationen?“ fragte der Archivar erneut.
    „Ja!!“ fauchte Norazul erneut und seine Stimme hallte durch den Saal.
    „Welche von beiden?“ fragte der alte Mann unbeeindruckt und Norazul ruckte vom Balkon zurück.
    Seine Rüstung taute nicht nur ab – das Schmelzwasser begann zu kochen und verwandelte sich in Dampf.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:35


    Ein canthanisches Sprichwort lautete: „Den Piraten, der dir dein Gold geklaut hat, zu finden, ist einfach. Aber nahe genug an ihn heran zu kommen, dass er es dir zurückgibt, ist schwer!“
    Die potthässliche, aufgedunsene Qualle, die mit ihren Mannschaftsmitgliedern, Männer und Frauen, um das Lagerfeuer sassen, hatte der jungen Frau keine einzige Münze gestohlen.
    Den Sohn des canthanischen Händlerpaars hingegen hatte er aber mit einem Granitblock an den Beinen über Bord geworfen und daher waren es der Vater und die Mutter, die das Kopfgeld ausgesetzt hatten.
    Sie würde es einstreichen!
    Der erste Pirat, der das hellhäutige Mädchen in einer der Hütten entdeckt hatte, war so besoffen, dass es ihm egal war, ob sie zur Crew gehörte oder nicht.
    Sie hatte ihre nackte Haut mit dem richtigen Gift bestrichen und der Pirat war mit funktionsuntüchtigen Lungen und gestoppten Herz zusammengebrochen.
    Ihr zweites Opfer, eine Piratin, die in ihren Jugendjahren bestimmt äusserst gutaussehend gewesen sein mochte, das Bier aber die Hüften breit und das Entern der Schiffe ihr Gesicht mit Narben verunstaltet hatte, schlurfte durch die windschiefen Hütten des Piratenverstecks.
    Sie war derartig voll, dass sie nicht die dünne Drahtschlinge bemerkte, die plötzlich in der Dunkelheit vor ihr hing und verschwand eine Sekunde später strampelnd nach oben auf das Hüttendach.
    Dort erwartete ihr Herz die scharfe Klinge eines Dolchs.
    Der graue Schatten landete lautlos wieder auf dem Boden und der Pirat, dessen Hand unter dem Rock seiner weiblichen Begleitung hing, konnte nicht einmal noch keuchen, als die Person das Messer aus seiner Brust zog.
    Die den Piraten begleitende Frau brachte keinen Ton hervor, denn die graue Person hatte aus dem Schulterbesatz ihrer Kleidung eine dünne Akkupunktur-Nadel gezogen und der Frau in den Hals getrieben.
    Noch immer am Leben, aber mit gelämten Körper sank das angeheuerte Freudenmädchen in den Staub.
    Die Aktion blieb aber nicht unbemerkt.
    „Attentäter!!“ brüllte ein Pirat, aber da schien graue Person bereits in der Luft über dem Lagerfeuer zu hängen und ein Hagelsturm aus Wurfmessern verliess ihre gespreizten Hände.
    Einen Augenblick später stand sie vor dem Piraten-Captain und zwischen jenen noch lebenden Piraten, die noch nicht in den Staub gesunken waren.
    Der kleinwüchsige „Geist“ war definitiv weiblich und sie strafte die Erzählungen über das „schwache Geschlecht“ Lügen, als ihre Klingen unter den Piraten zu wirbeln begannen.
    „Shandoohim, der Schänder!“ hörte der Piraten-Captain eine leise Stimme, die durch den Mundschutz der weisshaarigen Frau drang. „Dreihunderteinundsechzig geplünderte Schiffe! Darunter die `Gold Für Alle!´ von Tijen-Tuong und Tran-Din.“
    Die legte ihre Dolche an die zitternde Kehle des Piraten. Er war der letzte Lebende.
    „Eltern, die ihren Sohn vermissen!“ fauchte die Frau und zog die Klingen durch.
    Röchelnd kippte der Pirat in das Lagerfeuer.
    Die Assassinin hielt ihre Klingen ins flackernde Feuer und sah dem Blut beim Abfallen zu, da stellten sich ihre Nackenhaare auf.
    Ein Sprung über das Lagerfeuer verhinderte, das die hinter ihr niederrauschende Schwertklinge ihre Wirbelsäule spaltete, aber ihre Landung war alles andere als geplant, also landete die junge Frau schmerzhaft im Sand.
    Einer der Piraten – der Schwertträger, denn sein Kamerad schien Pfeil und Bogen eher zugeneigt zu sein – stürzte um das Lagerfeuer herum auf sie zu und erhob seine Waffe.
    Ein Panzerhandschuh fing sie zwischen Daumen und Zeigefinger ab, noch bevor die Klinge überhaupt die Hälfte der Strecke in den Körper der Assassinin zurückgelegt hatte.
    „Darf ich Ihnen das abnehmen?“ klang eine leise Stimme aus der Dunkelheit und bevor der Pirat reagieren konnte, zertrümmerte die linke Faust des Unbekannten die Schwertklinge und rammte dem Piraten die eigene Schwertspitze ins Herz.
    Der Kumpan des Piraten legte noch einen Pfeil in seinen prächtigen Bogen ein, da blickte ihn der Unbekannte mit hell leuchtenden Augen an.
    „Schau mir in die Augen, Kleiner!“ rasselte der Mann, dessen Rüstung nachtschwarz war.
    Die Haut des Korsaren nahm eine schneeweisse Farbe an und er klopfte, mit einem plötzlich blutleeren Körper, gegen seine Brust, um auf einen Herzschlag zu hoffen, der niemals kommen würde.
    Der Pirat kippte auf die Seite und lag, nach kurzem Zucken, still.
    Der bleiche Mann mit seinen weissen Haaren drehte sich zu der am Boden liegenden Attentäterin um und bot ihr ihre Hand an.
    „Mit diesem Dreckspack wäre ich auch alleine klargekommen!“ fauchte die Frau und schlug die Hand des Mannes weg, obwohl sie sich von ihm auf die Beine hatte helfen lassen.
    Der Mann gab der Assassinin die Akkupunktur-Nadel wieder, mit der sie das Freudenmädchen ausgeschaltet hatte.
    Es wankte schon in die Dunkelheit davon.
    „Daran habe ich keinen Zweifel. Aber ich hatte Hunger, Schwester!“
    „Schwester??“ rief die Frau und zog eine weitere Handvoll Wurfmesser aus der Halterung an ihrem Oberarm, nachdem sie als Beweisstück für den erfolgreich absolvierten Auftrag die blutige Halskette des Piraten aufgehoben hatte.
    Dann begann sie die bleiche Haut des Mannes und dessen weisse Haare, die sie gemeinsam teilten, zu beachten und senkte die Klingen.

    Auf dem Hügel sahen Koss, Dunkoro und Melonni der Szene zu, wie die Assasinin in Norazul Lifetakers Arme flog und er schwarze Tränen vergoss, als er seine Zwillingsschwester in den Armen hielt.
    „Kaum zu glauben, dass beide schon über siebenhundert Jahre alt sind“, murmelte Koss und nahm einen weiteren Schluck aus dem mitgebrachten Krug.
    „Kaum zu glauben, dass sie noch eine ältere Schwester haben!“ sagte Dunkoro und liess sich in den Schneidersitz nieder.
    „Kaum zu glauben, dass die ganze Familie mit dem Tod zu tun hat“, fügte Melonni hinzu und blickte zur Seite, als Norazul Lifetaker die toten Piraten ins Feuer zu werfen begann.
    „Mal sehen, was los ist, wenn die Beiden in Elona zu wüten beginnen!“ grummelte Koss, als Norazul Liefetaker und Ilarya Deathwynd das Piratenlager mit allen im Feuer aufgehäuften Leichen hinter sich liessen. „Schlimmer kann´s nicht werden.“
    „Da, glaube ich“, sagte Melonni, „kennst du den Boss schlecht.“

    Gemeinsam verliess die Gruppe die Halbinsel, denn der nächste Weg würde sicher zurück nach Elona führen.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:37


    „Bei den Fünf Göttern: NEIN!!!“ schrie die kamadanische Händlerin, als ihr letzter Leibwächter unter dem Schwerthieb des Korsaren in die Knie ging.
    Die Truhen, deren Stahlbarren bei den Rüstungs- und Waffenschmieden des wiederauferstandenen Sonnenspeer-Ordens auf den Ambossen hätten landen sollen, lagen weit offen.
    Die erschlagenen Träger lagen neben ihnen.
    Das Gelächter der Korsaren und das Getrampel ihrer abgewetzten Stiefel deuteten an, dass die Piraten heute keine Zeugen und, schlimmer noch, keine Überlebenden haben wollten.
    Ein schwarzer Blitz schien plötzlich über der Händlerin durch die Luft zu segeln und landete zwischen der Frau und den sie verfolgenden Männern.
    Das dunkle Braun ihrer Rüstung passte perfekt zu ihrer Hautfarbe, aber ihre pupillenlosen Augen und ihre schneeweissen Haare bildeten einen scharfen Kontrast dazu.
    Die drei von den Leibwächtern erschlagenen Korsaren begannen, erneut zu zucken und erst hätte man denken können, ihre Leichen würden sich erheben wollen.
    Dann aber brachen ihre Knochen und Innereien aus den Leibern der Piraten und einen Herzschlag später standen vier Knochendiener und ein mächtiger Fleischgolem über der leeren Kleidung der Toten.
    Brüllend gingen die Monstren auf die Piraten los, aber nicht alle stellten sich ihnen.
    Einer der Korsaren rannte auf die dunkelhäutige Fremde zu, aber die Frau hatte bereits mit beeindruckender Geschwindigkeit eine mächtige Sense vom Rücken gezogen.
    Kopflos stolperte der Korsar zwei Schritte weiter, bis sein Körper in den Sand kippte.
    Ein zweiter Korsar wurde von einem plötzlich aufkommenden Sandsturm geblendet, doch als die Sense seinen Brustkorb geöffnet hatte, war dies das mindeste – und letzte – seiner Probleme.
    Aus der Deckung der Talsenke kam ein weiteres Dutzend Korsaren mit hoch erhobenen Waffen angerannt, aber ihr Angriff endete, bevor er überhaupt beginnen konnte.
    Ein Hagel aus Wurfmessern pfiff an der Dunkelhäutigen vorbei und fegte die Hälfte der Räuber von den Füssen.
    Eine hellhaarige Frau mit schneeweisser Haut landete vor den beiden Frauen im Sand und ein Mann in schwarzer Rüstung schritt an der Assassinin vorbei.
    Als sei es das Normalste der Welt, packte der Mann den Kopf eines der noch lebenden Korsaren und brach dem Mann das Genick.
    Ein weiterer der Banditen wirbelte, sich überschlagend, davon, als ihn der Stab des Mannes im Gesicht traf.
    Sheddim Tayne, Nekromantin auf den Wegen der Todesmagie, und nebenbei den Künsten, die die als Derwische bekannten Kriegermönche beherrschten, zugetan, beschwor eine weitere Gruppe untoter Kämpfer, doch die hässlichen Kreaturen fanden keine Gegner mehr.
    Der weisshaarige Mann in seiner schwarzen Rüstung tippte einen an Boden liegenden Korsaren mit seinem Stiefel an, während die ebenso weisshaarige, wie bleiche, Frau einem Korsaren, der noch lebte, die Kehle durchschnitt.
    Beide sahen danach die Händlerin und Sheddim an.
    „Sheddim Tayne?“ fragte der Mann mit dem tätowierten Gesicht.
    „Nuhalia, die Händlerin?“ fragte die mit Messern und Wurfsternen behängte Frau.
    „Ja?“ antworteten beide Frauen.
    „Euer Ehemann hat uns geschickt, um Euch Schutz bis zur Halle der Sonnenspeere zu geben“, sagte die Frau zu der Händlerin und blickte zu den Toten, „leider sind wir etwas zu spät.“
    „Was wollt ihr Beiden von mir?“ knurrte Sheddim. „Ich bin in eigenen Angelegenheiten unterwegs und war nur zufällig in der Nähe!“
    Dann betrachtete sie die bleiche Assassinin und hob eine Augenbraue. „Tahandhri? Bist du das?“
    Die unter dem Namen Ilarya Deathwynd die Messer schwingende Profi-Mörderin hob entwaffnend die Arme und deutete auf den in seiner schwarz gefärbten Plattenrüstung stehenden Nekromanten.
    „Was soll ich sagen, Yjurahin? Ich habe meinen Zwillingsbruder gefunden.“
    Sheddim Tayne blickte dem schief grinsenden Mann in die Augen und liess die Sense sinken.
    „Das glaube ich jetzt nicht!“
    Die Händlerin Nuhalia hatte der Zusammenkunft mit wachsendem Staunen zugesehen und trat zwischen den schwarz gepanzerten Mann, die graugekleidete Assassinin und die Braun tragende Nekromantin.
    „Wenn ich meine Dankbarkeit beweisen dürfte: In Schwarz würden sie alle perfekt aussehen und ich könnte meinen Lebensrettern einen hervorragenden Preis machen… „

    Mit ächzendem Holz und krachendem Gebälk sank das Schiff auf ebenem Kiel ins Hafenbecken, aber die hell brennenden Segel und das zertrümmerte Deck boten ein klares Zeugnis davon dar, dass der Bau eines neuen Schiffs billiger sein würde.
    „Was hattet ihr beide eigentlich mit diesem Bastard zu schaffen?“ fragte Sheddim, die mit einem Fetzen Korsarengewand die Klinge ihrer Sense säuberte.
    „Ich gar nichts“, antwortete Ilarya und deutete auf Norazul und dessen Gefährten, „aber unser kleiner Bruder hier.“
    „Dabei bin ich nur vier Minuten jünger als du!“ rasselte Norazuls Stimme, die Sheddim immer sympathischer wurde. „Rahan der Raffgierige hat mich, seit meine Freunde und ich eine canthanische Prinzessin aus Elona befreit haben, verfolgt.“
    Begleitet von brüllenden Flammen und dem Bersten von Holz, brach der Hauptmast des Piratenschiffs und klatsche über Steuerbord zischend ins Wasser.
    „Irgendwie hat er es wohl übel genommen, dass Koss, Jora, Margid und ich seine halbe Mannschaft im Hafenbecken versenkt haben“, fügte der Nekromant hinzu.
    „Den Rest, mitsamt des Schiffs, haben wir jetzt auch gekriegt!“ murmelte Sheddim und blickte zuerst auf ihr neues, mitternachtschwarzes Gewand und dann zu ihren zweihundert Jahre jüngeren Geschwistern. „Und wie geht es jetzt weiter? Willst du einen Versuch unternehmen, dein Gedächtnis wiederherzustellen?“
    Norazul Lifetaker dachte eine Sekunde nach und schüttelte den Kopf.
    „Wozu? Vielleicht habe ich nichts verloren, das ich behalten wollte. Ich weiss, dass unsere Eltern tot sind, ich weiss, dass meine Schwestern noch leben und ich weiss“, er deutete auf das brennende Schiffswrack und die im Wasser treibenden Leichen, „wieviel Spass ich mit ihnen haben kann.“
    Dunkoro, der Heiler, liess resignierend den Kopf hängen und Norazul legte die Arme um die Schultern seiner Schwestern, um sie an sich zu drücken.
    Keine von ihnen störrte sich an der Kälte, die seine Rüstung verströhmte.
    Am Horizont zeichnete sich der Rumpf und die rahgetakelten Segel der `Rote Sonne´ ab und Norazul deutete auf das Schiff von Margid, der Listigen.
    „Wir haben das schnellste Schiff auf allen drei Meeren! Mal sehen, wo uns der Wind hintreibt, aber wenn ich eines weiss, dann dieses: Gildenkrieger werden immer und überall gebraucht!“
    Mit diesen Worten stapfte er planschend auf die anrudernden Beiboote des ankernden Schiffs zu.
    Seine Gefolgsleute, mittlerweile eine kleine Armee, folgte ihm.
    Der Mond schien, ein kühler Wind pfiff von See her und Tote trieben im Wasser.
    Kein Wunder, dass Norazul Lifetaker und seine Schwester Sheddim Tayne plötzlich bester Laune waren.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:38


    Jahre später…

    Das Mädchen wickelte sich in die dünne Bettdecke ein lehnte sich nach vorne.
    „Darf ich dich was fragen?“ sagte sie zu dem bleichen Mann, der soeben in eine knielange, enganliegende Unterhose aus schwarzem Stoff gestiegen war.
    „Aber sicher doch.“ Seine Stimme war überraschend leise.
    „Bist du ein Nekromant?“ fragte das Mädchen und der Mann mit den übel vernarbten Rücken hob die Schultern.
    „Wie kommst du denn da drauf?“
    Das Mädchen lehnte sich wieder zurück. „Ich meine nur… ich habe Minuten gebraucht, um deinen Körper zu wärmen und dein halbes Gesicht ist mit kunstvollen Narben bedeckt“,
    sie sah zum Tisch herüber, auf dem die Rüstung des Fremden lag, „und deine Rüstung hat lauter Stacheln… und deine Augen haben im Dunkeln einigemale geleuchtet.“
    Der Mann hatte seinen Oberkörper mit einem ärmellosen Netzhemd bedeckt und griff nach seiner mit Panzerplatten bedeckten Hose. „Das passiert mir immer, wenn jemand in meiner Nähe einen Zauber wirkt.“
    Das Mädchen machte grosse Augen.
    „Ich bin ein Nekromant“, sagte der Mann und setzte sich auf die Bettkannte, um die Lederschlaufen an den Seiten der Hosenbeine zuzubinden und schloss danach die einzelnen Panzersegmente.
    „Darf ich dich nochwas fragen?“ sagte das Mädchen nach kurzem Zögern.
    „Noch bin ich ja da.“ Der Mann stieg in seine Stiefel und griff nach dem Rücken- und Brustteil seiner Rüstung.
    „Denkst du… denkst du, ich könnte auch Nekromantin werden?“
    Seine Augen blitzten im Halbdunkel des Zimmers auf und für eine Sekunde hatte das Mädchen Angst, das Falsche zu fragen gewagt zu haben.
    „Du eine Nekromantin? Nein, bestimmt nicht.“
    Irgendwas in seiner Stimme sorgte dafür, dass sie nicht enttäuscht war, vor allem, als sich der Mann vorbeugte und mit einem Finger auf ihr Herz deutete.
    Sie spürte, obwohl er sie nicht berührte, die Kälte auf ihrer nackten Haut.
    „Aber etwas Anderes. Denn du hast die Energie in dir.“
    Das Mädchen machte noch grössere Augen.
    Klickend schloss sich die Rüstung um den Oberkörper des Nekromanten und er griff nach seinen Handschuhen, die so aussahen, als würde jeder, der ihm die Hand gibt, seine Finger verlieren.
    „Du wirst Mesmerin werden, wenn du dich dazu entscheiden solltest, den Weg der Gildenkriegerin einzuschlagen.“
    „Eine Mesmerin??“ dem Mädchen schwirrte der Kopf. „Wieso eine Mesmerin?“
    „Schau dir dieses Zimmer an“, antwortete der Nekromant und hob die Arme, „stell dir vor, wie es aussieht.“
    Das Mädchen blickte sich im Zimmer um. „Es sieht ganz normal aus.“
    „Bist du dir sicher? Schau genau hin… „ antwortete der Nekromant und seine Augen begannen zu Leuchten, als das Mädchen sich genauer umsah.
    Dann sah sie es! Die schmutzigen, zerkratzten Scheiben. Den Staub auf dem Boden.
    Und die Spuren, die unwirsche Freier an der Wand zurückgelassen hatten.
    Die Blutspritzer.
    Ein Geldbeutel plumpste vor ihr auf das zerzauste Laken. Er war prall gefüllt.
    „Damit kommst du überall hin. Shing Jea, Churrhir oder die neue Akademie in den Thermalquellen in Elona, oder nach Ascalon.“
    Das Mädchen war sprachlos.
    Der Nekromant erhob sich, ging zur Tür und fragte über die Schulter: „Darf ich jetzt dich auch mal fragen?“
    „Ähhh… „ sie sah auf.
    „Wie heisst du?“
    „Tiay… Tiay-Jin“, stotterte sie.
    „`Die Zauberblüte´. Wie passend“, sagte Norazul Lifetaker und verliess das Zimmer.

    Was ihn erstmals in seinem Leben, zumindest an den Teil, an den er sich erinnern konnte, in das Rotlichtviertel von Canthas Hauptstadt getrieben hatte, wusste Norazul nicht, als er den schäbigen Holzboden entlang zum Ausgang ging.
    Vielleicht die schlechten Nachrichten vom Jadesteinbruch.
    Die kaiserliche Familie in Kaineng war zwar gross, aber sie konnte niemals so gross werden, dass sich Prinzen, Fürsten, Herzöge und Minister in der Häufigkeit in den Freudenhäusern die Klinke in die Hand gaben, wie die Betreiber es behaupteten.
    „Mama Fu´s Oase“ machte da keine Ausnahme, vor allem wenn man die namensgebende Inhaberin erst sah.
    Wenn Mama Fu einmal hübsch gewesen sein mag, dann hatte sich das schon vor langer Zeit geändert. Und wenn sie einmal höflich und nett gewesen sein mochte, dann hatte sie diese beiden Eigenschaften zusammen mit der Schönheit gegen ein groteskes Übergewicht eingetauscht.
    Sie sass, genauso breit wie hoch, auf einer steinernen Sitzbank an der Rezeption ihres Hauses und beobachtete von dort aus, eine Pfeife mit Jijiri-Blättern rauchend, den „Salon“.
    Jijiri war ein eigentlich schon enorm starkes Rauschmittel, das man in der Nähe von Qinkai anbaute, aber es wurde meist noch von abgehalfterten Magiern behandelt.
    Der Rausch war danach zwar unvergleichlich viel stärker, aber es war ein Münzwurf, ob er gut oder schlecht werden würde.
    Mama Fu bevorzugte jedenfalls die magische Version.
    Es war noch nichtmal Vormittagszeit, aber der „Salon“, in dem man sich die arbeitenden Mädchen und Jungen zur Not schönsaufen konnte, war bereits gut besucht.
    Die Kundschaft machte jedenfalls den Eindruck, als wolle sie die Mädchen erstmal begreifen, anstelle sie zu verstehen.
    Wenn man in „Mama Fu´s Oase“ genug zahlte, so lautete der Wahlspruch des Hauses, erfüllten sie alle Wünsche, die die Gäste sich vorstellen konnten.
    Wenn man in der Oase noch mehr zahlte, dann sogar noch mehr.
    Mama Fu wollte Norazul, als er die Stufen hinabkam, fragen, ob er für sein Geld bekommen hatte, was er gewollt hatte, als aus dem ersten Stock lautes Männergebrüll ertönte.
    Die Tür eines Zimmers flog krachend auf und seine Hand sank instinktiv an seinen Gürtel.
    Dummerweise hatte der Nekromant seinen Zauberstab an Bord gelassen.
    Mama Fu brüllte etwas nach oben und eine rauhe Stimme antwortete, dass eines der Freudenmädchen heimlich Gold hortete.
    Als Tiay-Jins heulende Stimme lautstark verkündete, dass einer ihrer Gäste nur mehr gezahlt hatte, erstarrte Norazul Lifetaker.
    „Peitsch´ das Gör aus!“ keifte Mama Fu nach oben, da stapfte ihr Gast schon mit hell leuchtenden Augen die Stufen hoch und hinterliess eisbedeckte Fussabdrücke auf den Stufen.

    „Darf ich dich was fragen?“
    Norazul stand, an die Reeling des Brückendecks gelehnt, mit dem Rücken zur Frau, die am Steuer stand, also konnte sie sein Lächeln nicht sehen.
    „Das habe ich heute schon mehrmals gehört“, antwortete er und drehte sich zu Margid der Listigen um.
    Die Korsarin und der Nekromant waren sich zu Beginn des Kriegs gegen Kriegsherrin Varesh Ossa begegnet und seit damals stellte sie mit ihrem Schiff eine zuverlässige und vor allem schnelle Transportmöglichkeit über die Weltmeere dar.
    Nebenbei war die Korsarin eine zuverlässige Gefährtin und, wenn sie nicht eben ihre Mannschaft zusammenstauchte, die Einzige, die sogar Koss unter den Tisch trinken konnte.
    „Ist es eigentlich möglich, dass wir mal aus irgendeinem Hafen dieser Welt auslaufen können, ohne dass jemand ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt hat, weil du mal wieder ein dutzend Menschen ermordet, oder einen Stadtteil niedergebrannt, oder einen Verbrecherlord erschlagen hast?“
    Norazul drehte sich kichernd zu ihr um. „Wie kommst du darauf? Es leben diesmal doch alle noch.“
    Margid öffnete mit einem Stiefel eine Luke im Boden und brüllte hinunter.
    „Yussuf!! Schieb´ deinen versoffenen Hintern ans Steuer!!“
    Margids alter Steuermann schlurfte an. Er war besoffen, wie immer, hatte eine steinerne Flasche im Arm, wie immer, und, kaum dass er das Steuerrad in die Hand nahm, schien das Schiff an Fahrt aufzunehmen.
    Wie immer.
    Margid trat neben Norazul und beide schlenderten sie zur Backbord-Reeling.
    „Okay, ich gebe zu, dass der Oberzuhälter von Mama Fu noch lebt“, sagte die Korsarin, „aber ich behaupte mal, dass er seine Arme vermissen wird, die du ihm abgerissen hast. Mit deinen Zähnen!“
    „Ich hatte meinen Zauberstab nicht dabei.“ Norazul blickte nach achtern, wo Kaineng vor drei Tagen am Horizont verschwunden war und Margid schlug sich mit der flachen Hand an den Kopf, ging zu Yussuf und nahm einen tiefen Schluck aus dessen Flasche.
    „Denkst du etwa, dass du mich so los wirst?“ fragte sie ihn hustend und ging zu dem Nekromanten zurück.
    „Als ob das für jemanden, der mit Giftphiloen im Umhang herumläuft und Menschen durch Handauflegen töten kann, ein Problem wäre.“
    „Ich war als Diplomat unterwegs und bin ziemlich aus der Übung. Ich hatte ausserdem nur eine Phiole dabei und die brauchte ich für die Pfeife von Mama Fu.“
    Margid sah Norazul entgeistert an. „Du hast Mama Fu vergiftet?! Weißt du, wieviele Freunde und Kollegen die hat?“
    Der Nekromant lachte leise. „Ich habe ihr nur einen Gefallen getan. Von ihrem nächsten Rausch wird sie nie wieder runterkommen.“
    Er sah zu Tiay-Jin herüber, die auf dem Wetterdeck stand und begeistert das Meer betrachtete.
    Obwohl der Moloch der canthanischen Hauptstadt eine Küstenstadt war, war sie noch nie auf See gewesen.
    Ailina, Margids Schiffköchin, hatte dem kleinen Mädchen einen grünen Bademantel geliehen und ihr sogar ein Kopftuch geschenkt, damit sie sich wenigstens etwas wie eine waschechte Korsarin fühlen konnte.
    Tiay-Jins einzige eigene Kleidung war derartig knapp und durchsichtig, dass Margid ihre männlichen Crewmitglieder kaum bändigen konnte.
    „Nimm dir lieber als nächstes ihre Eltern vor, wenn du das Morden nicht lassen kannst“, knurrte die Korsarin. „Mit zwölf Jahren von den eigenen Eltern ins Freudenhaus verkauft!“
    „Und das ist erst zwei Jahre her“, fügte Norazul hinzu und Margid wirbelte zu ihm herum.
    „Sie behauptet, sie sei vierundzwanzig, hat sich aber bei ihrem Geburtsjahr verplappert.“
    „Captain?“ fragte Yussuf. „Bleibt´s beim Konsulatshafen?“
    „Ja!“ antwortete Margid. „Konsulatshafen, dann Beknur-Hafen und danach zurück zum Amatz-Becken.“
    Zu Norazul gewandt sagte sie dann: „Übrigens schuldest du mir 50 Goldstücke.“
    Norazuls rituelles Gesichtstattoo schien sich wie ein Bündel Schlangen zu bewegen, als er die Augenbrauen hob. „Wieso das denn?“
    Margid, die Listige, machte mit ihrem Grinsen dem Namen alle Ehre, als sie sagte: „Wir haben damals doch gewettet, dass du es im Ruhestand nicht aushälst.“



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:39


    Wenn es jemanden auf der Welt gab, der der Meinung war, dass Razid das endgültige Ende seiner nützlichen Jahre erreicht hatte, dann war es der alte Magier selbst.
    Er konnte sich wehmütig daran erinnern, wie man ihn als einen der grössten Magier seiner Zeit gefeiert hatte, wie er die mächtigsten Zauber aller vier magischen Elemente gewirkt hatte. Razid der Grosse. Sponnenspeer-General.
    Und was war jetzt?
    Er musste sich mit Amuletten und Runen abmühen, um die gleichen Zaubersprüche zu schaffen, die er früher ohne nachzudenken mit einem Fingerschnippen gewirkt hatte.
    Wo man früher aus den entferntesten Gegenden – sogar Cantha und Tyria! – Eilboten entsandte, um nach ihm zu schicken, kannte ihn heute selbst im eigenen Heimatdorf kaum noch jemand.
    Seine Taten und Errungenschaften, die sich früher sogar in Kaiserpalästen erzählt wurden, konnte er selbst nur dann den Säufern in den schmierigsten Kneipen erzählen, wenn er vorher die Holzscheite unter den Destillen entzündete.
    Warum mussten Gildenkrieger immer so alt werden?
    Die Nebel wären angenehmer und gnädiger!
    Trotzdem war er mehr als einverstanden, als die fünfköpfige Gruppe ihm ganze fünfhundert Goldstücke geboten hatte, wenn er sie begleitete.
    Das zehnfache dessen, was er verlangt hätte.
    Die Männer gaben sich als Kurierboten aus, deren eigener Magier bei der Überfahrt aus Cantha in einem Sturm über Bord gegangen war.
    Kurierboten, sicher doch!
    Zwei ungehobelte Krieger, ein gescheiterter Mönch, der lieber Peinigungs- als Heilgebete wirkte, ein Assassine mit psychotischen Augen und ein Bogenschütze, an dessen Körper der Bogen noch das gepflegteste Teil war.
    Die Fünf Götter mögen demjenigen beistehen, für den die Nachricht bestimmt war.
    Sie waren gegen Mittag in der Ortschaft Champions Erwachen aufgebrochen und marschierten jetzt durch einen schmalen Pass an der Ostgrenze der Klippen von Dohjok südwärts.
    Wenn die Typen zum Beknurhafen wollten, kämen sie heute nicht mehr an, denn es dämmerte bereits und es zogen sich lange Schatten durch den Pass.
    Die beiden Krieger gingen voraus und deren Zoten waren kaum noch hörbar. Der Mönch und der Waldläufer stritten sich die ganze Zeit und der irre Assasine spielte mit seinen Sicheln.
    Seinen abgewetzten Zweihandstab als Gehhilfe nutzend, humpelte Razid seinen Auftraggebern hinterher.
    „Beeil´ dich!“ rief der Assassine über die Schulter. „Am Ende der Schlucht schlagen wir unser Nachlager auf. Hoffentlich kannst du kochen.“
    Moment mal! Davon hatte keiner was gesagt.
    „Keine Manieren, diese Leute, nicht wahr?“
    Neben Razid war ein neuer Wanderer erschienen, der einfache, aber geschmackvolle Gewänder trug.
    „Oh je“, sagte Razid, als er sah, dass der Mann eine Augenklappe trug.
    „Tjaja, kein Heiler weit und breit damals“, sagte der Mann und lächelte entwaffnend, dann fragte er: „Sagen Sie mal, diese fünf ungehobelten Burschen haben ihnen doch fünfhundert Goldstücke geboten, wenn Sie mitkommen, richtig?“
    „Woher wissen Sie das?“ fragte der alte Magier.
    „Ich sass im Gasthaus am Nebentisch, als Sie von denen angesprochen wurden.“
    Razid schüttelte den Kopf. Früher wäre ihm das aufgefallen.
    Sein Begleiter griff in den Umhang und drückte dem Magier ohne Weiteres einen kompakten elonischen Platinbarren in die Hand.
    „Wieso gehst du nicht wieder zurück zu Champions Erwachen, Väterchen? Die Burschen da vorne sind schlechte Zeitgenossen.“
    Razid machte ohne weitere Worte kehrt und marschierte zurück.
    Der Fremde ging mit hinter dem Rücken verschränkten Händen weiter und summte eine canthanische Melodie.
    In der Nähe brüllte einer aus der Gruppe Razids Namen.

    Die Sicheln des Assassinen, deren Klingen in der Form eines Halbmondes aneinander gelegt waren, fingen die Klinge des Schwerts mitten im Hieb auf und eine Handbewegung nach links und rechts hielten sie das Schwert eingekeilt fest.
    „Mir reicht es langsam!“ schrie Norazul Lifetaker. „Wen soll ich diesmal ermordet haben?“
    Der Assassine lag zusammengekrümmt neben dem Lagerfeuer und der Mönch sass an der Felswand des Passausgangs. Sein Kopf lag fast in der Waagerechten auf seiner linken Schulter.
    Die fünf Männer, die Razid angeheuert hatten, hatten ohne ein weiteres Wort angegriffen, als sie ihn gesehen hatten. Anscheinend hatten sie wohl vorgehabt, Razid niemals das Gold behalten zu lassen und suchten nun wohl nach einem Ausgleich ihrer Verluste.
    Auch jetzt, als Letzter der Gruppe, der noch stand, versuchte der letzte Krieger sein Schwert zu ziehen und spie dem Nekromanten endlich eine Antwort ins Gesicht. „Um dich geht es ja gar nicht! Wir wissen ja nicht mal, wer du bist!“
    Funkenschlagend riss der Krieger endlich seine Waffe frei, taumelte nach hinten und stolperte fast über den am Boden liegenden zweiten Krieger, als Norazul überrascht zurückwich.
    Da er wusste, wo jedes seiner Opfer am Boden lag, stieg er rückwärts über den blutleeren Waldläufer.
    „Aber jetzt hast du mein Team auf dem Gewissen! Und dafür mache ich dich fertig!“
    Mit einem wilden Kriegsschrei stürmte der Krieger vorwärts.
    Für den Nekromanten schien er sich fast in Zeitlupe zu bewegen.
    Wenige Augenblicke später stand Norazul in der Mitte der Leichen, die er grob kreisförmig angeordnet hatte und starrte, die Arme zu den Seiten ausgestreckt, in den dunklen Himmel.
    Als er wieder nach vorne blickte, leuchteten seine Augen noch schwach.
    Sein Gold wollten sie haben, ihre Seelen hatte er bekommen.
    „Tja, Jungs. Dumm gelaufen.“
    Er sammelte seinen Umhang wieder auf, verzichtete diesmal auf die Augenklappe als Tarnung und erblickte die Sicheln des Attentäters, die auf der Erde lagen und hob sie auf.
    Er hatte seinen Weg in die Gildenkriege, soweit er sich zurückerinnern konnte, als Nekromant mit dem Tod als Freund an seiner Seite beschritten, aber er erinnerte sich daran, wie er seine Ausbildung im Kloster von Shing Jea zuerst mit den Fähigkeiten der Assassinen ausgebaut hatte.
    Die Klingen der Sicheln glänzten in den Flammen des ausgehenden Lagerfeuers und Norazul war milde überrascht, als er mit violetter Farbe bestrichene Verzierungen erkannte.
    „Mal sehen, was die Dinger dem nächsten Waffenschmied oder Kaufmann wert sind.“
    Die Sicheln verschwanden in seinem Umhang und Norazul wollte seinen Weg fortsetzen, da erinnerte er sich an etwas.
    Der Krieger hatte gesagt, es ginge gar nicht um ihn…
    Norazul schloss die Augen und lenkte seinen Geist nach Innen.
    `Hier ist mein Angebot´, sagte er den fluchenden, wehklagenden Seelen seiner letzten fünf Opfer, `den Ersten, der mir sagt, auf wen ihr angesetzt wurdet, den lasse ich in die Nebel gehen. Die anderen werden meine Gastfreundschaft noch lange erleiden müssen.´
    Keine Sekunde später hatte er, was er wissen wollte.
    Kein Name bekannt, nur der Wohnort und das Aussehen von einem Steckbrief.
    Und den hatte der Assassine bei sich, denn der war der Anführer.
    Gewesen.
    Die Stacheln seiner Handschuhe zerteilten den Stoff der schäbigen Rüstung und Norazul fand das zusammengefaltete Stück Papier war von guter Qualität, also hatte der Auftraggeber wohl Geld.
    Er klappte den mehrfach gefalteten Steckbrief auf und seine Augen wurden zu strahlenden Schlitzen und beschleunigte seinen Schritt Richtung seines ursprünglichen Ziels.
    Den Beknurhafen.
    Drei Seelen entschwanden dankbar aus der Welt der Lebenden.
    `Du wirst eine verdammt lange Zeit haben, um Deine zwei Fehler zu bereuen. Erstens, dass du den Auftrag angekommen hast und zweitens, dass ihr dachtet, fünf von euch würden reichen, um Ihn zu besiegen!´
    Der Assassine begann zu toben und zu pöbeln, also steckte Norazul Lifetaker sie in seinen dunkelsten Folterkeller.
    Sein Herz.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:39


    „Ich glaube, ich traue meinen alten Augen nicht!“ donnerte der Mann, als er Norazul über den Strand auf seine auf Pfählen stehende Hütte zugehen sah.
    Er sprang von der hölzernden Treppe und sein schwarzer Kafftan wehte hinter ihm her, als er losrannte.
    Er krachte in den Nekromanten hinein und umschlang ihn mit einer bärenartigen Umarmung.
    „Norazul Lifetaker!“ Er hob den mehr als einen Kopf kleineren Mann lachend in die Luft und setzte ihn wieder ab. „Wie lange ist das jetzt her?“
    „Acht Jahre, Koss“, antwortete Norazul und der riesige dunkelhäutige Krieger schleifte ihn fast mit um die Schulter gelegten Arm auf die grosse Hütte zu.
    „Was soll das denn?“ fragte Koss und zupfte mit der anderen Hand an Norazuls zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren und seinem gepflegten Vollbart.
    „Mal was Neues.“
    „Ich hätte es mir schon denken können, dass du in der Gegend bist, aber ich habe es nicht zu hoffen gewagt.“ Koss´ Gelächter wurde noch lauter.
    „Wie kommst du darauf?“ fragte Norazul und sein alter Freund und Kampfgefährte deutete auf die etwa einen Kilometer entfernt liegende Hafenstadt Beknur.
    „Kahim, der Viehhirte, kam heute früh in die Stadt gerannt, als sei Abaddon persönlich hinter ihm her. Er sagte, er habe am Ende vom östlichen Dohjok-Pass fünf Tote gefunden, die aussahen, als habe sie jemand so richtig übel aufgemischt.“
    Er zwinkerte Norazul zu. „Genau Deine Handschrift, wenn damals ein Kopfgeld auf einen von uns ausgesetzt war.“
    „Wo ich doch jetzt am Schreitisch sitze?“ fragte der Weisshaarige und griff in seinen Umhang. „Das hatten sie bei sich.“
    Koss verzog amüsiert das Gesicht und faltete den Steckbrief wieder zusammen.
    „Ich muss meinen Namen mal wieder einigen Leuten ins Gedächtnis bringen. Fünf Platinbarren für meinen Kopf? Eine Beleidigung.“
    „Bist du unlängst jemandem auf die Füsse getreten oder hast mal wieder irgendwo ein Gasthaus demoliert?“ fragte Norazul und stolperte fast, als Koss ihm einen Schlag auf den Rücken gab.
    „Was denkst du, warum ich hier jetzt wohne, mein Freund? Das hier ist eine Hafenstadt. Da kommen immer mal gerne die Piraten vorbei und die Hafenwache ist einer zusätzlichen Klinge nicht abgeneigt.“
    Der Krieger Koss war Norazul Lifetakers ältester Weggefährte. Geboren und aufgewachsen in Kourna trafen die beiden sich in Istan erstmals bei den Sonnenspeeren.
    Das war vor zwanzig Jahren gewesen.
    Mittlerweile etwas in die Jahre gekommen, aber keinesfalls eingerostet oder am Ruhestand interessiert, war er trotzdem vor zehn Jahren in Beknur sesshaft geworden, nachdem er zu einem relativen Wohlstand gekommen war.
    Die grosse Hütte, in der er lebte, zeigte das.
    „Rahi! Komm´ doch mal und schau, wer da ist.“
    Rahi, seit fünf Jahren Koss´ Ehefrau, trat durch den Perlenvorhang und begrüsste Norazul freudig, kam aber nicht die Treppe hinunter.
    Als er sah, warum, klopfte er Koss auf die Schulter.
    „Hey! Hat´s endlich geklappt?“ rief Norazul und deutete auf Rahis dicken Schwangerschaftsbauch. „Wann ist es denn soweit?“
    „Noch vor Ende der Jahreszeit“, antwortete Koss stolz.
    „Was soll´s denn werden?“
    „Egal, ob Junge oder Mädchen – Hauptsache gesund“, antwortete Rahi lächelnd und Norazul fragte ihren Ehemann mit schiefem Grinsen: „Ich wollte eigentlich wissen, ob Krieger, oder Magier… oder Nekromant?“
    Alle lachten erneut und Koss meinte: „Das ist so typisch für dich. Sag´ mal, bist du durstig?“
    „Warum?“
    Jetzt war es an Koss, zu grinsen. „Du bist zynisch, sadistisch und zu klein – aber gegen den Durst kann ich was machen.“

    Obwohl er darauf bestanden hatte, dass sie sich schonen solle, hatte Rahi darauf bestanden, dass sie Norazul was zum Essen machte, nachdem sie hörte, in welchem Jahr er letztmals echte Nahrung zu sich genommen hatte.
    So sassen alle drei jetzt zusammen um den grossen Tisch des Hauptraums und zusätzlich zu dem Krug schäumenden Biers, den Koss und Norazul jeweils vor sich stehen hatten, stand vor dem Nekromanten noch ein Teller mit einem dampfenden Kräuteromlett.
    Kochen konnte Rahi schon immer und Norazul erkannte, dass ihn die kleinen, gebratenen Fischfleisch-Würfel an Schwertflossen-Hai erinnerten, aber die Gewürze konnte er nicht unterbringen.
    Das war aber auch nichts Ungewöhnliches, denn alleine auf den istanischen Inseln wurden soviele Gewürze, Wurzeln und Kräuter angebaut, dass ein Koch in einhundert Jahren keine Zutat zweimal zu verwenden bräuchte.
    „Tut mir leid, dass ich eure Hochzeit verpasst habe, aber diese Oni-Geschichte auf der Klosterinsel ging aus dem Ruder“, sagte Norazul, aber Koss winkte ab.
    „Mach´ dir nichts draus, mein Freund. Dafür waren bis auf Olias alle anderen da.“
    „Was ist ein Oni“, fragte Rahi und Norazul beeilte sich mit dem Kauen und Schlucken.
    „Ein Oni“, erklärte er, „ist eine Art Geist, bei dem vom Übergang vom Leben in die Nebel etwas schief gelaufen ist. Sie sind noch immer teilweise in der Welt der Lebenden und deshalb werden sie aggressiv und psychotisch. Sie greifen alles und jeden an und Koss und ich hatten auch schon mit ihnen zu tun“, Koss nickte, „jedenfalls sind sie alleine unterwegs, denn sie kommen auch untereinander nicht aus. Normalerweise. Die Oni von der Haiju-Lagune jedenfalls waren in Horden unterwegs und kamen sogar fast bis Zen Daijun und den Hafen von Seitung, also haben die Grossmeister des Klosters mich, einige Gildenkrieger und eine Gruppe Soldaten dort hingeschickt.“
    „Wieso ausgerechnet dich?“ fragte Koss. „Ich habe mich krankgelacht, als du das Angebot vor fünfzehn Jahren angenommen hast.“
    „Welches Angebot?“ fragte Rahi.
    „Grossmeisterin Kuju hat mir angeboten, das Nekromanten-Archiv im Kloster als Meisterarchivar zu übernehmen, nachdem Garriq Deathfriend in Elona gefallen ist und nach dem Tod meiner Geliebten brauchte ich Ruhe und Abwechslung. Ich habe selbst viele Schriften über die Gefahren dieser Welt verfasst und wurde von daher für geeignet erachtet, die Oni-Plage beizulegen.“
    „Wie geht es Grossmeisterin Kuju? Altert sie immer noch vor sich hin?“
    Norazul nickte Koss lächelnd an. „Sie sagt immer: `Solange wir Nekromanten den Tod mit Nachschub versorgen, hat er kein Interesse an uns´. Ihre Zunge ist noch so scharf wie ihr Verstand und ihre Macht und ihr Ruf sind noch immer gross. Naja, jedenfalls wollte ich, nachdem die Oni ausgerottet waren, zu eurer Hochzeit reisen, aber dann hiess es, es gäbe Oni-Horden in den Maishang-Hügeln auf dem Festland, also musste ich auch dahin.“
    Norazuls Gabel landete auf dem leeren Teller. „Das war gut.“
    „Und?“ fragte Koss. „Ist es eine `Nachschub-Mission´ für den Tod, die dich zu mir führt?“
    „Eine diplomatische Mission, die aus dem Ruder gelaufen ist, trifft es eher.“
    Das Interesse seines Freunds war geweckt.
    „Ich sollte mit einem kaiserlichen Diplomaten einen Disput zwischen zwei Handelshäusen in Süd-Kaineng beilegen und alles lief ganz gut, aber dann erreichte uns die Nachricht, dass eine Kurzick-Expedition im Jadesteinbruch überfallen worden ist.“
    „Was wollten die dort? Ärger suchen?“ fragte Rahi, die die Kriegsgeschichten ihres Ehemanns nur zu gut kannte.
    „Es waren keine Krieger, sondern eine wissenschaftliche Expedition, weil man im Steinbruch einen alten Silberwal gefunden hat. In der Jade eingeschlossen und perfekt erhalten, wie alles andere auch, und extrem selten. Die Leute sollten den Wal aus der Jade sägen und den Block zum Gedenk-Museum für lebendige Natur im Haus Zu Heltzer bringen, dann wurden sie von einer Banditengruppe überfallen.“ Norazul machte eine Pause, trank einen Schluck Bier und sah Koss an. „Ein alter Bekannter von uns. Tragin der Herzlose.“
    Die Bierkrüge sprangen zwei Zoll in die Luft, als Koss´ Faust auf den Tisch krachte.
    „Dieses aus Versehen als Mensch geborene Monster?“
    Rahi sah zu ihrem Mann und fragte: „Ist dieser Tragin wirklich so übel?“
    „Schlimmer“, sagte Koss, erhob sich und füllte seinen und Norazuls Bierkrug aus dem Fass in der Küche nach, „Es war mein Anteil an seinem Kopfgeld, von dem ich mich hier niedergelassen habe.“ Er drückte Norazul den Krug in die Hand, setzte sich und erzählte weiter. „Wir jagten seine Bande, weil sie mehrere canthanische Fischerdörfer niedergebrannt und immer nur einen verstümmelten Überlebenden zurückgelassen haben, um davon zu berichten. Das Kopfgeld war enorm und selbst für seine Offiziere und Mannschaftsmitglieder beachtlich. An der Südspitze der Panjiang-Halbinsel haben wir sie entdeckt und bis zum letzten Mann niedergemacht. So stand es im Kopfgeld-Vertrag.“
    „Es war Koss, der Tragin schliesslich besiegte und, da wir zuvor die Überlebenden gesehen hatten, hat sich Koss so richtig Mühe gegeben“, erzählte Norazul, „und am Ende haben wir Beweis- und Beutestücke eingesammelt und die Toten ins Wasser geworfen, damit sie aufs Meer hinaustreiben und Fischfutter werden.“
    Der Nekromant lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte die Fingerspitzen aneinander, bevor er weitersprach.
    „Die Piraten benutzten Gruppen von schnellen, kleinen Schiffen und Danika Zu Heltzers Berater gehen davon aus, das eines dieser Schiffe, das wir nicht gesehen haben, da wir nachts kämpften, Tragin herausgefischt hat. Dann musste nur noch ein Heiler an Bord sein.“
    „Aber das ist zehn Jahre her, Norazul. Was hat er die ganze Zeit gemacht?“ Koss schüttelte den Kopf und sein Freund zuckte die Schultern.
    „Es könnte sein, dass er unter anderem Namen und Vorgehen sich das Festland ausgesucht hat und jetzt aus der Versenkung zurückkehrte, denn er hat erstmals wieder nur eine Überlebende zurückgelassen.“
    „Eine Frau demzufolge?“ fragte Rahi und erschrak leicht, als Norazuls Augen grell aufblitzten.
    „Ein Mädchen, geblendet und ohne Arme zurückgelassen.“ Er sah zu Koss rüber. „Die Expedition wurde von Grygor Zu Heltzer geleitet.“
    „Oh, verdammt“, murmelte Koss, „Erinnerst du dich noch an seine Tochter Ivana? Die ist doch höchstens zwölf.“
    „Sie hat ihn begleitet.“ Norazuls Stimme sank auf ein bedrohliches Knurren herab und Eiskristalle bildeten sich auf seiner Rüstung, seinen Augenbrauen, dem Stuhl und der Tischplatte.
    „Ivana Zu Heltzer ist die Überlebende.“
    Rahi keuchte erschrocken auf und Koss erhob sich langsam, nachdem sein steinerner Bierkrug in seiner Hand geplatzt war, als Norazul weitersprach. „Und deshalb bin ich hier. Danikas Vater bietet Waffen, Rüstungen, seltene Materialien, Gold und Platin schatzkammerweise an, um den Tod seines Bruders zu rächen und dieses lose Ende werde ich zuknüpfen.
    Wie stehst du dazu?“

    „Morgen sind meine Cousins hier und passen auf dich auf“, sagte Koss zu Rahi und hielt den Steckbrief hoch, „falls noch mehr kommen sollten.“
    Rahi nahm das Papier in ihre Hand.
    „Ich werde ihn zu den anderen legen. Bring dieses Monster zur Strecke!“ sagte Rahi zu ihrem Mann und umarmte ihn nochmal, bevor Koss die Treppe seiner Hütte hinabstieg und zusammen mit Norazul Lifetaker zur nahen Hafenstadt marschierte.
    „Und?“ fragte er den Nekromanten. „Wer kommt noch mit?“
    „Meine Schwestern sind zusammen mit Gwen und Ogden oben im Norden und legen einen neuen Streit zwischen den Charr und der Ebon Vanguard bei, aber Jora treffen wir in Cantha. Grossmeister Sousuke kommt ebenfalls und…“
    „Grossmeister Sousuke? Ha! Kannst du dich daran erinnern, wie er noch Akolyth war?“
    Norazul nickte. „Grossmeister Vhang hat sich altersbedingt zurückgezogen und nach Sousukes Aktion bei den Luxon hat es der Grossmeisterrat ihm angeboten.“
    Koss klopfte auf das kunstvolle Luxon-Relief auf Norazuls Schulterpanzer.
    „Die Kurzick müssen ziemlich mies drauf sein, wenn sie Luxon-Freunde in den Echowald lassen.“
    „Kommt sogar noch besser“, antwortete der Nekromant, „als sich herausstellte, dass es die Luxon nicht waren, haben sogar mehrere Luxon-Gruppen den Zu Heltzers ihre Hilfe dabei angeboten, nach Tragin zu suchen und diese haben zugestimmt.“
    „Aha, wer kommt noch alles mit?“
    „Dunkoro muss sich im seine kranke Enkelin kümmern, aber Tahlkora hat zugesagt, ebenso wie Jin und Zenmai. Olias ist auch mit im Boot und da Talon Silverwing mit vor zwei Wochen einen Geburtstags-Glückwunsch hat zukommen lassen, weiss ich, dass er in der Gegend ist.“
    Koss grinste. „Das alte Suppenhuhn… Moment… du hattest Geburtstag?“
    „Den Siebenhundertzweiundfünfzigsten.“
    „Und hat dir jemand was geschenkt?“ fragte Koss witzelnd und verdrehte bei Norazuls Antwort die Augen.
    „Ja, Grossmeisterin Kuju, aber der Kindsmörder zum Siebenhundertfünfzigsten hatte besser geschmeckt, als der Vergewaltiger diesmal.“
    Er sah zum Hafen und klatschte in die Hände.
    „Und Da kommt Margid mit unserem Transportmittel.“
    Die Mannschaft holte die Segel bereits ein, als die `Goldener Stern´ in den Hafen von Beknur einlief.
    Unter dem Namen stand `Geld oder Leben. Am liebsten Beides.´
    „Du meine Güte!“ meinte Koss anerkennend. „Was ist mit der alten `Roten Sonne´? Benutzt Margid sie als Beiboot?“
    „Die wurde vor zehn Jahren abgewrackt“, antwortete der Nekromant.
    „Die `Rote Sonne´, oder Margid?“ fragte Koss und die beiden Kameraden betraten lachend die Stadt.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:40


    „Unsere Gruppe!... Ist jetzt!... Definitiv grösser!… Als Acht Geworden!“ brüllte Koss rennend, den Kriegshammer in den Fäusten, über den Lärm hinweg.
    An diesem Tag machte die Stumme Brandung ihrem Namen keine Ehre.
    Die beiden Armeen, die aufeinander einstürmten, liessen die aufgeworfenen Jadewände von einem Krach widerhallen, den man bestimmt noch bis nach Kaineng hören konnte, als sie aufeinander losgingen.
    Noch bevor die ersten Klingen, Hämmer oder Stäbe aufeinander trafen, fauchten in beide Richtungen Pfeile aneinander vorbei, gefolgt von Feuerbällen, Steindolchen und dutzenden anderen Arten magischer Geschosse.
    Auf beiden Seiten stürzten Männer und Frauen nieder, wurden von Explosionen durch die Luft geschleudert oder von Blitzen gefällt.
    Die aus der, in der Vergangenheit kaum für möglich gehaltene, Koalitions-Armee aus Luxon und Kurzick war zahlenmässig klar unterlegen.
    Aber die gepanzerten Krieger des Echowalds trugen schwere Rüstungen und marschierten in geordneten Rängen.
    Die mit harten Schuppen bedeckten Bewohner des Jademeers waren mit mächtigen Runen verziert.
    Sie alle standen einer Armee mit zusammengewürfelter Ausrüstung als allen Teilen der Welt gegenüber, deren Schlachtordnung daraus bestand, wer am schnellsten rennen, oder sich am dezentesten zurückhalten konnte..
    Die vordersten Banditen-Reihen waren daher drastisch reduziert, als die Armeen ineinander krachten.
    Koss schlug seinen Zweihandhammer in die Menge und schickte die ersten Gegner zurück in die eigenen Ränge.
    Neben ihm brüllte Norazul Lifetaker einen Fluch über den Schlachtlärm und eine Gruppe Gegner begann, aufeinander loszugehen.
    Auf der anderen Seite schleuderte die Assassinin Zenmai mit unglaublicher Geschwindigkeit und Treffsicherheit Wurfsterne in die Feinde, dann verschwand sie in einer verpuffenden Wolke und stand einen Wimpernschlag später mitten zwischen ihnen und ging mit ihren Dolchen in den Nahkampf.
    Hinter sich konnte Norazul Grossmeister Sousuke und Tahlkora spüren, wie sie, der Magier für seine Feuermagie und die Heilerin für Schutzgebiete, die arkanen Energien manipulierten.
    „Und? Macht´s Spass?“ rief er zur Seite, einen Energieblitz in das Gesicht eines Gegners feuernd und einem anderen mit seinem Stab den Schädel spaltend.
    „Es ist mir zu heiss hier“, übertönte Joras Stimme ohne Probleme den Schlachtenlärm und das Geschrei, „aber das hier lenkt mich ab!“
    Das riesige Zweihandschwert der Norn-Kriegerin fällte mit jedem Schwung die Gegner gleich im Dutzend und wo ein Gegner zu nah an sie herankam, schickte ein Tritt der drei Meter grossen Frau ihn durch die Luft fliegend zurück.
    An der anderen Flanke, von Norazul aus betrachtet, erweckte Olias all jene Toten als Untote Monstren wieder, die ihm der grosse Tengu Talon Silverwing mit seinen spitzen Krallen lieferte.
    Wie hatte sich die Situation nur verändert.
    Die Suche, die Norazul Lifetaker mit seinen Freunden, die er seit zum Teil zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, durchführen wollte, hatte sich erledigt, als die `Goldener Stern´ im Kurzick-Hafen beim Amatzbecken vor Anker ging.
    Die Nachricht, dass Fürst Grygor Zu Heltzer ermordet und seine Tochter verstümmelt wurde, hatte jeden einzelnen Waldläufer, Fährtensucher und Kopfgeldjäger des Echowalds zu einer Treibjagd auf Tragin den Herzlosen veranlasst.
    Die Nachricht von Tragins Rückkehr hatte selbst die Luxon grössere Kräfte mobilisieren lassen.
    Schliesslich hatte eine Gruppe Luxon Spurenleser Tragin östlich der Jadeebenen gefunden. Der einzige Überlebende des Steinmetzdorfs, ein geblendeter und kastrierter Sechsjähriger mit grauenhaften Narben im Gesicht hatte gestammelt, dass einer der Brandschatzer etwas von den Leviathangruben gesagt habe.
    Der letzte Überlebende der Spurenleser, die daraufhin weiter Richtung Osten spurteten, berichtete bei seiner Rückkehr Unglaubliches.
    Tragin der Herzlose führte eine Armee von Tausenden Piraten, Banditen und Räubern an!
    Sie bereiteten sich offensichtlich darauf vor, sich ein eigenes Reich aus Cantha herauszubeissen.
    Norazul und seine Verbündeten kamen genau rechtzeitig und der Nekromant war insgeheim froh, dass er die Überfahrt nach Cantha dazu genutzt hatte, um seine Kampfküste und seine Fähigkeiten nach Jahren in den Archiven wieder aufzufrischen.
    Als Herzog Petrov Zu Heltzer diese Nachricht erreichte, liess er bis auf die dringendst benötigten Granisionen die gesamte Kurzick-Armee mobilisieren und die versteinerten Bäume hallten von den Fanfaren der Regimenter wider.
    Auch über die versteinerten Wellen des Jademeers tönten die Sturmhörner und auch die Kaineng-Armee wurde entsand, doch diese hatte keine Chance, rechtzeitig zu erscheinen.
    So wurden Tragins Armee schliesslich fünfundvierzigtausend Männer und Frauen hinterher geschickt.
    Norazul Lifetaker und seine Gefährten fanden sich an der Spitze eines Regiments von zweitausendfünfhundert Soldaten wieder, als die Militärstrategen einen besonderen Plan ersannen.
    Tragin der Herzlose hatte aber einen beachtlichen Zeitvorsprung, obwohl die Streitkräfte an den Leviathangruben auf eine Einheit seiner Banditen trafen, die in Richtung Osten flohen, nachdem sie dachten, sie hätten genug Zeit erkauft.
    Es wurde kurz beraten, welchen Kurs Tragin wohl eingeschlagen hatte.
    War er auch nach Osten, zu Rheas Krater, um eventuell die Auriosminen zu plündern?
    Wollte er die ihn verfolgenden Streitkräfte über Seemannsruh ausmanövrieren?
    Oder hatte er sogar vor, im Süden den Erntetempel zu bedrohen?
    Da man dies, dank der historischen Bedeutung des Tempels für das canthanische Volk, für das wichtigere Ziel eines Psychopathen wie Tragin erachtete, zogen dreissigtausend Soldaten nach Süden weiter, während die restlichen fünfzehntausend nach Osten weiterreisten.
    Auf halber Strecke zum Tempel scherten fünftausend Soldaten unter dem Kommando von Norazul Lifetaker und General Jewgeni Kruka nach Osten um und beraten die Stumme Brandung.
    Da es eine Nord- und eine Südroute gab, um nach Osten zu Seemannsruh zu kommen, trennten sie sich auf und Kruka marschierte nordwärts.
    Im Süden, trafen Norazuls zweitausendfünfhundert Männer und Frauen auf die Banditen-Armee von Tragin dem Herzlosen.
    Achttausend Kämpfer, die in der Summe in jedem Teil der Welt jedes Verbrechen begangen hatten und wilde Schreie ausstiessen.
    Norazul schickte seine drei schnellsten Waldläufer zurück nach Norden.
    „Er ist es“, hatte er gesagt, nachdem er das Fernrohr gesenkt hatte, „jetzt werden wir sehen, ob die Strategie der Luxon aufgeht.“
    Margid hatte ihm eines dieser modernen Fernrohre geliehen und er sah im Rücken der Banditen-Armee ein hohes Banner im Wind wehen.
    Blutrot, mit vor einem Schild gekreuzten Schwert und Speer.
    Der Gedanke, woran ihn das erinnerte, wurde unterbrochen, als er zwei Kinderarme unter dem Banner im Wind schaukeln sah, die noch mit dem Stoff schwarzer Kurzick-Roben bedeckt waren.
    Sousukes prächtiger Zauberstab hatte einen Blitz in den Himmel gejagt und mit einem ohrenbetäubenden Kriegsgebrüll jagte die Armee los.
    Die Banditen, die offensichtlich überrascht waren, dass ihre Gegner nicht flohen, zögerten eine Minute, dann setzte sie sich in Bewegung.

    Tragin der Herzlose hatte sich zufrieden auf einen hohen Kammgrat einer Jadewelle verfügt und beobachtete, wie seine Hauptstreitmacht die Narren allmählich umkreiste.
    Die billigen Schwachköpfe, die er angeheuert hatte, waren den ausgebildeten Soldaten da unten zwar in Qualität unterlegen, aber er, Tragin der Herzlose, hatte mehr von ihnen und Verstärkungen waren unterwegs.
    Seine Leibgarde, bestehend aus Kriegern, Waldläufern, seinen persönlichen Heilern und seinem Meisterstrategen, wirbelte herum, als eine schäbige Waldläuferin mit übermenschlicher Geschwindigkeit angerannt kam.
    „Grossmächtiger!“ keuchte sie. „Ich habe einen Waldläufer abgefangen, zum Nordpass durchbrechen wollte. Diese Armee da unten wird von Gildenkriegern angeführt.“
    „Wieviele?“ brummte Tragin.
    „Nicht mehr als acht, Grossmächtiger“, antwortete die Waldläuferin und Tragin winkte ab.
    Die feindliche Armee rückte, um eine Umzinglung zu vermeiden, oder wenigstens hinauszuzögern, näher nach Süd-Westen an die anfangenden Passwände heran.
    „Solche Narren werden bestimmt nicht von einem Könner kommandiert.“
    „Der Waldläufer hat mir den Namen des Kommandanten verraten, Grossmächtiger. Es soll ein canthanischer Nekromant namens Norazul Liketaker sein.“
    Eine Sekunde später versuchte Tragins Leibgarde und die Fahnenträger, ihren Boss einzuholen der, ein Schwert schwingend, den Grat brüllend hinabstürzte.
    Nur ein vermummter elonischer Waldläufer blieb zurück.

    Allmählich machte sich auf beiden Seiten Erschöpfung breit.
    Norazul Lifetaker teilte zwar noch immer mit seinem Stab und den Stacheln seiner Rüstung hervorragend den Tod aus und mit jedem Toten stieg seine innere Energie, aber es fiel ihm immer schwerer, sich zu konzentrieren, um sie überhaupt zu nutzen.
    Die Spitze des Pfeils, der ihn bei der Beschwörung eines weiteren Boshaften Geists unterbrochen hatte, steckte zwischen Verbindungsstücken seiner Panzerung an der Taille, die Kerbe eines Axthiebs verlief quer über die Brustplatte und ein Beinahetreffer eines weiteren Pfeils hatte einen Schnitt an seiner rechten Wange hinterlassen.
    Der letzte von Olias´ Fleischgolems war bereits nach zehn Sekunden gefallen, also war er jetzt dazu übergegangen, die Reihen der Banditen zu lichten, in dem er Todesnovae wirkte.
    Besonders die Heiler und Magier seiner Armee standen unter Druck und Norazul hatte Sousuke noch weiter in die hinteren Linien schicken müssen.
    Einzig und allein Zenmai, Koss und Jora schienen noch gut beieinander zu sein, wenngleich Zenmai etwas langsamer geworden zu sein schien, aber noch immer im Sekundentakt Piraten, Banditen und Räuber mit der Frage zurückliess, woher ihre tödlichen Wunden kamen.
    Koss, der die vorderste Verteidigungslinie kommandierte, hatte seinen Kriegshammer in die Gegner geworfen und war auf Schild und Schwert umgestiegen, während Jora mit den beiden Piraten, die sie kopfüber in je einer Hand hielt, auf ihre Gegner eindrosch, um an ihr verlorenes Schwert heranzukommen.
    Sie schien die Wunden an ihrem riesigen Körper gar nicht wahrzunehmen.
    Dann hatte sie ihre Waffe erreicht und verschwand kurz unter den auf sie einschlagenden Banditen.
    Als sei ein blut- und eingeweidespuckender Vulkan in Tragins Armee ausgebrochen, erhob sich die Norn-Kriegerin nach einem Rundumschlag wieder.
    Norazul blockte mit seinem Zweihandstab einen Säbelhieb ab und trieb dem Piraten den Stachel seines Knieschutzes in die Leber, da hörte er Jora schreien.
    „Norazul!! Das Banner bewegt sich!! Tragin kommt!!“
    Für einen Nekromanten war Norazul Lifetaker relativ gross, aber im Vergleich zu „normalen“ Menschen immer noch unterdurchschnittlich gross.
    Nachdem der Boshafte Geist die Gegner, die ihm die Sicht verdeckt hatten, von eigener Hand hatte sterben lassen, sah er das Banner und den Krieger in gold-violetter Rüstung, der vor ihm herrannte.
    „Sousuke!!“ schrie Norazul nach hinten. „Das Feuer!! Jetzt! Jetzt!! JETZT!!!“
    Der Grossmeister-Magier erhob erneut seinen Stab in den Himmel und ein blutroter Feuerball jagte mit einem ohrenbetäubenden Donnern in den Himmel.

    Tragins Herz, das er in der Öffentlichkeit ja angeblich nicht hatte, brannte vor Zorn und Rachsucht. Heute würde es ein Ende haben! Heute würde der Mörder unter seiner eigenen Klinge fallen!
    Er liess unbeabsichtigt seine Waffe fallen, als sich ein unerträglich lauter, extrem grosser Feuerball in den Himmel und färbte kurzzeitig die Umgebung rot.
    „Ihr werdet nicht entkommen, Mörder!!“ schrie Tragin über das schwächer werdende Pfeifen in seinen Ohren und hob sein Schwert wieder auf, während sein Banner hinter ihm ebenfalls wieder erhoben wurde.
    Er hörte das Geschrei der feindlichen Armee, wie sie wohl in Panik fliehen wollten.
    Aber das Geschrei kam, das merkte er plötzlich, von hinten und es war auch kein panisches Geschrei.
    Es war eine Mischung aus Kampfschreien, Anfeuerungsrufen und Kampfgebrüll.
    Tragin, ebenso wie viele seiner Soldaten, wandten sich zu der neuen Geräuschquelle um.
    Über den Hügel stürmte eine neue Armee Soldaten und der Banditenführer dachte, einer der Waldläufer sei doch durchgekommen.
    Na gut! Weitere achttausend Mann Verstärkung müssten jeden Moment eintreffen und er hatte noch die Hälfte seiner eigenen Leute übrig.
    Die Verstärkung war, das sah Tragin der Herzlose sogar, keine richtige Armee, denn es waren höchstens fünfhundert Männer und Frauen und sie führten keine Kriegsbanner oder Feldstandarten.
    Dafür war jeder aber in einen knielangen Umhang gekleidet…
    Und ihre Rüstungen waren in den unterschiedlichsten Farben gefärbt…

    Gildenkrieger!

    Volle fünfhundert Gildenkrieger im Rücken seiner Armee!
    Er hielt an und beobachtete entsetzt, wie die Gildenkrieger, in seine Armee schmetterten.
    Golden schimmernde Waffen, Schwerter, Äxte, Speere, Hämmer und auch solche, die Tragin als einst zu berühmten Personen gehörend erkannte mähten die Banditen zu Hunderten nieder.
    Deren rostige, billige Waffen zerbrachen an mächtigen Rüstungen aus Obsidian, Granit oder echtem Deldrimdor-Stahl.
    Zaubersprüche, Beschwörungen und Riten, wie sie nur die Grössten der Grossen kannten, verheerten den Rest der in Panik geratenden Armee.

    Die Strategie der Koalitions-Armee, wie sie im Haus Zu Heltzer ersonnen worden ist, war aufgegangen.
    Jeder Gildenkrieger hatte natürlich von dem unvorstellbaren Kopfgeld auf Tragin den Herzlosen gehört und sie waren zu Tausenden aus der ganzen Welt gekommen.
    Tragin, der von dem Kopfgeld nichts wusste, da selbst seine eigenen Spione in den Städten die Seiten wechselten, als sie davon hörten, blieb also darüber im Dunklen.
    Als die Existenz, aber nicht deren Grösse, seiner Armee bekannt wurde, entschlossen sich die Strategen zu einer List.
    Jedes Regiment würde aus regulären Soldaten unter der Führung von einem Trupp berühmter Gildenkrieger stehen und so führte als Meisterarchivar und Diplomat aus Shing Jea Norazul eben auch eines an.
    Diesen Regimentern folgte dann eine Gruppe aus jeweils fünfhundert Gildenkriegern, vor neugierigen Blicken durch die Illusions-Zauber der Mesmer und den vorausschleichtenden Waldläufer und Assassinen geschützt, in einem sicheren Abstand.
    Es wurde vereinbart, dass das Regiment, welches Tragin den Herzlosen als erstes finden würde, einen Magier einen Blitz in den Himmel feuern sollte, sodass alle anderen Regimenter, falls sie noch in Sichtweite waren, wissen würden, wo der Kampf stattfand.
    Würde Tragin dann selbst in den Kampf eingreifen, falls er das nicht schon von Anfang an tat, oder zu fliehen versuchen, würde ein roter Feuerball die Gildenkrieger herbeirufen, um sein Schicksal zu besiegeln.
    Die Strategie ging zwar nicht zu einhundert Prozent auf, aber immerhin.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:41


    Der Krieger in seiner Rüstung, die ein Elite-Schmied der Kurzick gefertigt haben musste, sah aus wie ein schwarzer Alptraum und sein Hammer liess eine helle Lichtspur hinter sich zurück, als er Tragins Leibwächter mit einem Abwärtsschwung in den Boden drosch.
    Egal, er würde einen neuen finden und rannte weiter. Nur noch wenige hundert Meter trennten ihn von den achttausend Männern seiner eingetroffenen Verstärkung und gegen eine achtfache Übermacht würden selbst Gildenkrieger nicht bestehen können.
    Ein Pfeilhagel, begleitet von Blitzen, Feuerbällen, Sandstürmen und die Fünf Götter mögen wissen was sonst noch, verdeckte plötzlich die rechte Flanke der Banditen.
    Aus dem Norden stürmte General Krukas Regiment, zeitgleich mit dem ihnen zugeteilten Gildenkriegern, in Tragins Entsatztruppen.
    Er blickte nach Norden und sah, dass der Grat die Stelle war, wo er noch vor Minuten sich als Sieger gefühlt hatte.
    Hätte diese verdammte Waldläuferin nur nicht den Namen… Dann blieb nur noch eins zu tun!
    Er griff sein Schwert fester und wollte mit einem wilden Kampfschrei zurückstürmen, kam aber nur einen Schritt weit.

    Umgeben vom mittlerweile humpelnden Krieger Koss, dem Magier Sousuke, der Waldläuferin Jin und der auf Jin gestützten, schwer atmenden Heilerin Tahlkora stand Norazul Lifetaker keine drei Meter vor ihm.
    „Eine Frage“, keuchte der Nekromant ätzend, „was soll am letzten Überlebenden deiner Armee fehlen?“
    „Mörder!!“ schrie Tragin die Gruppe an und Koss humpelte einen Schritt vor.
    „Wieso?“ brummte der Krieger und hob seinen Zweihandhammer. „Du lebst doch wieder, auch wenn ich dich gleich endgültig in die Nebel schicke!“
    „Schnauze!!!“ schrie Tragin in einer Lautstärke, dass der Krieger kurz zuckte. „Um mich ging es mir nie! Es ging mir um meinen Sohn und meinen Bruder!!“
    Der Banditen-Lord stiess einen Finger auf Norazul Lifetaker.
    „Du, du mordsüchtiger Bastard, hast meine einzige Familie ermordet!“
    Der Nekromant liess vor dem vor unkontrolliertem Zorn bebenden Banditen den Kopf hängen. „Und welche von den vielen, die versucht haben, mit zu töten, waren es diesmal?“
    „Du und deine beiden Hurenschwestern hatten nichts Besseres zu tun, als bei eurem ersten Familientreffen seit Jahren meinen Bruder zu ermorden!“
    „Meine Schwestern?“ fragte Norazul und dachte an die Zeit, als sie sich zu dritt, während seiner Suche nach seiner eigenen Vergangenheit, zusammengeschlossen hatten.
    Da fiel es ihm ein!
    „Rahan? Rahan der Raffgiere war dein Bruder?“
    „Ja! Woher sehen sich sein und mein Familienbanner denn sonst so ähnlich?“ fauchte Tragin und Norazul konterte: „Also war es eine böse Sache, einen Piraten, Entführer, Mörder und Vergewaltiger zu töten?“
    „Dazu hast du ihn doch erst gemacht!! Als du meinen Sohn getötet hast!!“
    „Gibt es eigentlich Irgendetwas Böses auf dieser Welt, das ich nicht getan habe?“
    Norazuls Stimme wurde lauter. „Erspar mir deine theatralischen Ratespiele, Tragin! Wer war dein Sohn und wo und wann soll ich ermordet haben?“
    „Behaupte nicht, dass du Akibh nicht mehr kennst, du Heuchler!“ Das Schwert in der Hand des Banditen-Lords begann zu zittern. „Akibh war mein ganzer Stolz! Der Stolz unseres ganzen Hauses! Er besass ein so grosses Talent, Magier zu werden, dass er ins Kloster Shing Jea gehen, und sich ausbilden lassen sollte. Und du hast ihn ermordet!!“
    Norazul deutete mit der Spitze seines Stabs auf den Krieger vor sich. „Weder in den Jahren, seitdem ich für das Kloster selbst arbeite, noch davor habe ich jemals einen Studenten des Klosters getötet! Weder in Absicht, noch durch einen Unfall!“
    „Er war noch kein Student! Nachdem du ihn ermordet hattest, hatte er noch lange genug gelebt, um mir zu sagen, was passiert war! Du warst bereits ein Nekromant! So arrogant, so sarkastisch, so typisch von sich selbst überzeugt! Du hast dir irgendeinen persönlichen Gegenstand von Piraten zurückgeholt und ihn dann, als er dir seinen besten Feuerball vorzaubern wollte, hast du ihn ermordet!“
    Norazul Lifetaker beschlich ein ungutes Gefühl. Er konnte sich an nichts, was der rasend zornige Krieger behauptete, erinnern, aber irgendwas…
    „Wann soll das gewesen sein?“ fragte er und zu seiner Überraschung warf sein Gegenüber die Arme in die Luft und lachte.
    „Und da rühmt ihr Nekromanten für euer Gedächtnis! Es war vor sechsundzwanzig Jahren!!“
    Norazul merkte, wie der Boden unter ihm zu Schwanken begann.
    Vor sechsundzwanzig Jahren war er, über und über mit Wunden bedeckt und ohne Gedächtnis vor das Kloster von Shing Jea gestolpert. Es hatte einige Jahre gedauert, bis er sein Talent wiedergefunden hatte, als er während eines Banditen-Überfalls plötzlich Nekromanten-Fähigkeiten einsetzte, für die man normalerweise Monate lernen musste.
    Aber wenn er damals schon ein Nekromant gewesen war, wieso trug er nicht die Tätowierung?
    „Das war doch die Zeit, in der du doch ins Kloster kamst und zum Nekromanten wurdest“, keuchte Tahlkora und Tragin funkelte sie wütend an.
    „Wenn er kein Nekromant gewesen sein will“, knurrte er die junge Frau an, „wieso hatte er dann das Grenth-Herz bei sich?“
    Wieder an Norazul gewandt, lachte er hämisch. „Oh ja, Mörder, ich kenne die Geheimnisse der Nekromanten sehr gut! Nachdem mein Sohn, da du ihm das Leben ausgesaugt hattest, gestorben ist, haben mein Bruder und ich angefangen, alles über Nekromanten zu lernen, was unser Familienvermögen ermöglichte. Als das alle war, und das ging schnell, bei der Verschlossenheit der Nekromanten, wurden wir beide zu Piraten. Rahan wollte nur Geld sammeln, um unser wohlhabendes Leben fortsetzen und weitere Informationen kaufen zu können, aber ich wollte mehr. Ich wollte die Menschen auch leiden lassen! Als du meinen Sohn ermordet hast, ist mein Herz gestorben! Daher nannte ich mich `Tragin der Herzlose´ und überall, wo ich zuschlug, liess ich einen am Leben, damit er und die anderen Menschen um die Leiden und die Qualen, die ich erlitten habe, wussten.“
    Norazul fauchte verächtlich. Die Schlacht tobte noch immer, aber keiner der Soldaten, oder Gildenkrieger schien sie zu beachten.
    „Leiden und Qualen, die du erlitten hast? Was ist mit dem Leiden und der Qual, derer, die du verstümmelt hast?“
    Tragin spuckte aus. „Wieso sollte der Pöbel dieser Welt es verdient haben, glücklicher zu sein, als ich? Wie oft hast du dich eigentlich gefragt, weshalb selbst mehr als ein Jahrzehnt, nachdem du dich in dein dunkles Grab von Archiv verkrochen hast, immer noch der Kopfgeldjäger erwehren musstest? Weil ich es war, der immer wieder neue aussetzte! Platin für alle, die mir entweder Informationen über dich, oder deinen Kopf brachten. Und Informationen habe ich viele gefunden!“
    „Norazul Lifetaker ist nicht für den Tod deines Sohnes verantwortlich, Pirat.“
    Alle Augen richteten sich auf Grossmeister Sousuke der langsam den Kopf schüttelte.
    „Ich glaube dir nicht, Stabschwinger“, grollte Tragin, aber Sousuke sprach weiter.
    „Euer Sohn Akibh konnte schon ohne die geringste Ausbildung Feuerbälle werfen? Denkt mal an die Söhne und Töchter von Kriegern, die sich mit einer Klinge tödlich verletzen. Denkt an Kinder, die Nekromanten werden wollen und die man ohne Seele findet oder Kinder, die wie Mönche heilen wollen und in ihre `Heiltränke´ aus Versehen eine giftige Wurzel beigemischt haben.“
    Er sah den noch immer bebenden Krieger an. „Dein Sohn sollte Magier werden, weil er schon Feuerbälle werfen konnte, sagtest du und er wollte für Norazul Lifetaker seinen `grössten und besten Feuerball´ zaubern? Magier sind von allen Gildenkriegern jene, die den übernatürlichen Energien am nahesten stehen. Es kommt zwar selten vor, aber kann passieren, dass ein nicht vorbereiteter Magier-Anwärter einen besonders gewagten Zauber wirken will und er die Energien mangels Training nicht kontrollieren kann. Eine unglaubliche Energiemenge fliesst durch den Körper, schädigt alles in der Umgebung und tötet meist den Wirker. Wir Magier nennen sowas eine `Mana-Welle´“. Er deutete auf den brennenden Edelstein, der vor seiner Stirn schwebte. „Damit verhindern wir sowas, sobald das Training beginnt.“
    „Nein!!“ fauchte Tragin und lief rot an.
    „Norazul Lifetaker war mit eurem Sohn zusammen unterwegs und wurde wohl von der Welle erwischt, die seine Erinnerungen auslöschte und seine Fähigkeiten blockierte, bis sie eine emotionale Entladung wieder freisetzte.“
    „Du willst eine emotionale Entladung, Lügner?“ brüllte der Pirat ihn an und jeder rechnete damit, dass er auf Norazul und seine Begleiter losgehen würde, aber stattdessen blieb er überrascht stehen, als zwei weitere Personen zu dem Nekromanten traten.
    Eine war die verdammte Waldläuferin, bei deren Nennung von Norazul Lifetakers Namen er in den Untergang gestürzt war und die andere… war sein eigener Meisterstratege!
    „Meine Güte! Diese Klamotten sind kratzig“, sagte Margid die Listige und zog das Mundtuch ab und der Meisterstratege hob die Schultern, als er meinte: „Eine Armee ohne geordnete Ränge in eine Schlacht zu führen und nicht einmal zu wissen, wo ihre Reserven sind, ts, ts.“
    Das Gesicht des Meisterstrategen zerfloss und fügte sich zum Meister der Gerüchte zusammen. „Wer das Gerücht wohl in die Welt gesetzt haben mag?“
    Hundert Meter entfernt schrie Jora auf und Tahlkora stolperte zu ihr.
    Tragin sah ihr hinterher und senkte das Schwert. Er war überraschend ruhig und schüttelte den Kopf.
    „Willst du wissen, warum dein Gesicht damals nicht tätowiert war, Mörder? Soll ich dir sagen, was mein Geld herausfand, Mörder?“ fragte er und wartete gar nicht erst auf eine Antwort. „Als die Götter zum Abschied den Menschen die Magie schenkten, war sie noch schwer zu bändigen und jenen ersten Nekromanten, die sie meisterten, tätowierte man als Statussymbol das Gesicht, aber das müsstest du ja wissen. Als du geboren wurdest, wurde den Nekromanten zum fünfhundertsten Bestehen der Abschlussprüfung die Tätowierung und so weiter und so fort.“
    „Das erklärt vieles“, murmelte Norazul und hob seinen Stab, „und wie geht es jetzt weiter?“
    „Für zwei weitere Dinge musste ich nichts zahlen“, fuhr Tragin fort, „Erstens: Es waren vier von meinen Männern nötig, um deine Geliebte in eurem Haus in Tyria in die Galgenschlinge zu hängen.“ Norazul Lifetaker stiess einen animalischen Wutschrei aus und stürmte auf den grinsenden Piraten zu, der ganz ruhig weitersrach. „Und zweites:“ Jetzt brüllte er. „Ich habe mittlerweile einen ZWEITEN Sohn!! Dort oben!“
    Jin schrie noch eine Warnung, aber der anzischende Pfeil traf Norazul, der die Falle bemerkte und in die Richtung sah, direkt unter dem Kinn und riss ihn mit solcher Wucht von den Füssen, dass der Nekromant zwei Meter durch die Luft flog und mit ausgestreckten Armen und Beinen liegen blieb.
    Koss´ Hammer krachte in Tragins Kopf, dann warf er den Hammer weg, riss seinen Schild vom Rücken und ging hinter diesem vor dem sterbenden Nekromanten in Deckung.
    Zwei weitere Pfeile bohrten sich in den Schild.
    Mitten aus einem Hechtsprung feuerte Jin einen Doppelschuss auf den vermummten Waldläufer ab und Sousuke liess aus der Luft einen Hagel aus Feuerbällen und Meteoriten regnen. Aber auch von anderen Seiten pfiffen Pfeile, manche mit Explosivspitzen, Feuerbälle, Steindolche und anderes heran.
    Gildenkrieger stürmten heran.
    Der Waldläufer blieb einfach stehen und wurde zerfetzt.
    „Tahlkora!“ brüllte Jin, aber die Heilerin war zu weit weg. Sie zog am Federschaft und rief: „Ich kriege den Pfeil nicht raus!“
    „Kann einer von euch wiederbeleben?“ fragte Sousuke und fluchte, dass er nebenbei die Lehren der Mesmer studierte. Jin war nebenbei eine passable Kriegerin.
    Norazul begann zu zittern und seine Augen wurden dunkler.
    Keiner der sechs Krieger und Kriegerinnen war Heiler.
    „Mein Siegel ist leer!“ rief eine Mesmerin in Asura-Gewändern und die anderen Gildenkrieger prüften ebenfalls nach und schüttelten nacheinander den Kopf, während Jin und Sousuka in den Kampflärm hineinschrien.
    Seine Augen zündeten wie grüne Leuchtfeuer und keuchend ruckte Norazul in eine sitzende Position hoch und alle starrten ihn überrascht, Jin und Sousuke auch erleichtert, an.
    Der wiederbelebte Nekromant wollte etwas sagen und bemerkte den Pfeil in seinem Hals.
    Als er die Spitze ertastete, die aus der Rückseite seines Halses stand, erhob er die Hand und durchtrennte den Pfeil kurz hinter der Spitze mit den Klingen an seinem Handschuh.
    Seinen Pferdeschwanz schnitt er damit auch ab.
    Er zog das Pfeilende aus dem Hals, würgte, kippte nach vorne und spuckte einen Klumpen dicken, schwarzen Bluts auf den aus Jade bestehenden Untergrund.
    „Wie ist das möglich?“ fragte ein Assassine und Koss, der als Einziger gebückt und ruhig geblieben war, erhob sich und präsentierte seinen Gefährten und den Gildenkriegern, auch jenen, die eben dazukamen, sein von den Sonnenspeeren übergebenes Wiederbelebungssiegel.
    Es flimmerte und wurde grau.
    „Aber du hast doch vorhin Olias wiederbelebt?“ keuchte Norazul, dem ein Gildenkrieger auf die Beine half, und Koss deutete mit dem Daumen grinsend über die Schulter.
    „Aber ich habe den Anführer erwischt“, sagte er zufrieden und Norazul blickte auf den am Boden liegenden, kopflosen Körper.
    Koss hatte es tatsächlich geschaft!
    „Wo ist sein Sohn?“ fragte der Nekromant und blickte zum qualmenden Grat empor.
    „Am Spiess und gut durch“, sagte ein Waldläufer.
    „Dann endet es jetzt hier endgültig!“ knurrte Norazul Lifetaker, hob seinen Stab wieder auf und breitete, die goldene Zweihandwaffe in der rechten Hand, die Arme aus.
    Als er den Kopf in den Nacken legte und seine Augen zu leuchten begannen, nickten einige Nekromanten mit grimmig-fiesem Blick. Jeder von ihnen konnte das auch.
    Einige der anderen Gildenkrieger sahen dem Ritual zu, wieder andere kehrten zu den letzten verbliebenen Widerstandsnestern von Tragins Armee zurück und halfen dabei, die Schlacht zu beenden.
    Die Seele von Tragin dem Herzlosen erhob sich durchsichtig aus seinem Körper, überrascht, nicht in die Nebel zu gehen, dann erblickte er Norazul Lifetaker und Entsetzen zeigte sich auf seinem Gesicht.
    „Dein Bruder und dein Sohn sind schon in den Nebeln“, sagte er zu dem Geist Tragins, als dieser auf den Nekromanten, der noch immer in den Himmel blickte, zugezogen wurde.
    Er strampelte und suchte nach Halt, doch in der Welt der Lebenden fand er keinen mehr.
    Der Geist wurde immer kleiner und hätte eigentlich in Norazuls Brust verschwinden müssen, doch dessen plötzlich ausgestreckte linke Hand bremste ihn.
    Die beobachtenden Nekromanten blickten erstaunt, wie Norazul Lifetaker mit einem Schwung seines Stabes den Geist in tausend Stücke sprengte.
    Weder die Nebel, noch Jahrhunderte der Qualen zuvor, sondern komplette Auslöschung!
    „Das war´s“, murmelte Norazul und ging davon.
    In die Stelle der Jade, auf die er sein Blut gespuckt hatte, hatte sich ein zischendes Loch in den grünen Untergrund geäzt.
    „Norazul?“ rief ihn später Tahlkora und er wartete auf die Heilerin. Sie gab ihm ein kleines Buch. „Das habe ich bei seiner Leiche gefunden. Das ist doch Altdynastisch, oder?“
    Norazul nahm das Buch, las den Titel auf dem metallenen Einband und riss die Augen auf.
    Er hatte Altdynastisch gelernt, als las er auch die Widmung auf der ersten Seite.
    Tahlkora rief ihm hinterher, aber er verschwand.



    Re: Story: Norazul Lifetaker - With Death Among The Living

    GOTO Norazul - 27.04.2008, 14:42


    Die Feierlichkeiten in ganz Cantha dauerten eine Woche und Haus Zu Heltzer entlohnte die Gildenkrieger mehr als grosszügig. Koss war der unangefochtene Held, aber vor allem die Nekromanten und Mystiker bedrängten Norazul, doch dieser zog nach Shing Jea weiter, sobald es die Höflichkeit erlaubte.
    Man fand nie heraus, wie Tragin der Herzlose eine solche Armee hatte aufstellen können.
    In den folgenden Prozessen gegen die überlebenden Piraten, dreitausend von den ursprünglichen dreissigtausend Frauen und Männern, fällte ein Rat aus Richtern aller canthanischen Nationen die Urteile und sie fällten immer das gleiche.
    Henker hatten Hochkonjunktur, Nekromanten nannten es den „Dunkeln Freudenmonat“.

    „Hättest Du es mir irgendwann einmal gesagt?“
    Norazul Lifetaker stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, am Fenster der Nekromantenhalle mit dem Rücken zu Grossmeisterin Kuju, die das prädynastische Buch durchblätterte. „Aber natürlich. Spätestens, wenn Du meinen Platz übernommen hättest.“
    Er senkte den Kopf und rieb sich mit einer Hand über das frisch rasierte Gesicht.
    „Ich habe dank Tahandri und Yjurahin viel über meine Vergangenheit herausbekommen, aber im Gegensatz zu meinen Schwestern habe ich noch einige vergessene Jahrhunderte zu füllen.“
    „Wie ich sehe“, sagte Kuju wissend, „trägst Du deinen Gildenumhang noch, reicher Mann.“
    Norazul lächelte und blickte an seiner neuen Rüstung herunter. Schwarz natürlich.
    Die Hälfte seines Platins hatte er dem Kloster gespendet und das war genug, um nicht nur das Kloster theoretisch auf die dreifache Grösse zu erweitern und in ganz Cantha und interessierten Orten der anderen Kontinente Tempel zu eröffnen.
    Den Grossteil seiner Schätze, einfache wie seltene, übergab er der Nekromantenhalle, auf das die künftigen Todesschüler besser gerüstet über die Welt ziehen konnten.
    Selbst nachdem er seinen Schwestern, sowie allen jenen Helden und Gefolgsleuten, die ihn seit seiner „Wiederauferstehung“ als Nekromant („Wiedergeburt“ klang irgendwie unpassend) je begleitet hatten, hatte er noch mehr als genug, um sich zur Ruhe zu setzen.
    Oder um wieder loszuziehen…
    „Ich will zu meinen Schwestern in den Norden hoch und es ihnen sagen, ausserdem hat mich Koss zur Taufe seiner Zwillinge eingeladen und ich will mal sehen, was für einen Palast er sich baut.“ Er drehte sich zu der Nekromantin um. „Ausserdem besuche ich den Tempel der Zeitalter wieder, auch wenn ich vom letzten Besuch weiss, dass mein Geburtshaus nicht mehr steht. Obwohl es das erste dort war.“
    Kuju nickte lächeld und reichte ihm das Buch, als er ihr einen kurzen Kuss gab, aber er drückte es zurück in ihre Hand.
    „Gib es mir zurück, wenn ich wieder da bin, Grossmutter.“
    Sie sah ihm nach, wie er die Halle der Nekromanten verliess und dem stellvertretenden Meisterarchivar freundlich die Hand gab.
    „Einmal ein Gildenkrieger, für immer ein Gildenkrieger!“ sagte Kuju lächelnd.

    ~The End~

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