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Re: Seelenfutter
Brisëis - 07.04.2008, 17:43Seelenfutter
Es war ein Schiff der Toten, das sich mit der Nordwestbrise der Küste näherte. Die Marssegel waren noch gesetzt, die Rahen hingen gebrasst für einen längst auf dem offenen Meer zurückgebliebenen Wind. Die Männer in den Jollen sichteten es als erste, am Tage vor dem Fest des Brunnens. Selbst in der leichten Dünung krängte es stark, und was von den Segeln noch übrig war, zitterte und flatterte, wenn die Brise aussetze.
Es war ein strahlend blauer Tag - die See und der Himmel präsentierten sich so klar, dass sie einander wie Spiegelbilder glichen. Ein paar Möwen kreisten erwartungsvoll über den mit dem silbrig schimmernden Fang gefüllten Netzen, die von den Fischern emsig eingeholt wurden. EIn Schwarm glänzender Machtfische schwamm in Richtung Hafen davon. Ein böses Omen: dem Aberglauben der einfachen Leute nach hauste in jedem die Seele eines Ertrunkenen. Doch der Wind stand günstig,und der Fang erwies sich als gut - die Schwärme waren unter dem Schiffskörper als grosse Schatten zu erkennen. Bisweilen blitzte die leuchtende Flanke eines sich windenden Fisches daraus hervor. Schon in der Vormittagswache weilten die Fischer hier draussen und füllten die Netze mit den Gaben der See, derer sie sich nie gewiss sein konnten. Die dunkle Linie der Küste des Immersangwaldes zeichnete sich verschwommen rechterhand hinter ihnen ab.
Der Kapitän einer Jolle hielt schützend die Hand an die Stirn, verharrte und schaute hinaus auf die See, seine Augen blitzten wie grüne Saphire aUF rauhem Leder, und auf dem Kinn sprossen Bartstoppeln, so weiss wie die Härchen in Nesselhalmen. Flackernd spielten die Schatten der Wellen in den Tiefen der Augenhöhlen.
"Schiff in Sicht", brummte er.
"Was ist es, Vater?"
"Ein Karacke, Junge. Allem Anschein nach ein Hochseeschiff. Aber die Segel hängen in Fetzen von den Rahen - eine BRasse ist sogar lose. Soweit ich es erkenne, muß sie wohl mindestens eine Tonne Wasser gefasst haben. Sieht ziemlich mitgenommen aus, das Schiff. Und was ist mit der Besatzung? Parfümierte Stadtelfen aus Silbermond könnten es nicht schlechter machen."
"Vielleicht sind sie alle tot. Oder zu Tode erschöpft", meinte sein Sohn aufgeregt.
"Vielleicht. Oder die Geissel hat sie alle geholt und es ist ein Schiff voller Verlassener. Oder der Geissel selbst. Möge der Fluch des Sonnenbrunnens sie alle verzehren!"
Als sie das vernahmen, hielten die anderen Männer auf der Jolle inne und starrten mit düsteren Minen auf das herannahende Schiff. Der Wind drehte sich leicht und der seltsame Kahn geriet vom Kurs ab. Nun trieb er mit dem Rumpf voraus, die lädierten Masten zeichneten sich schwarz gegen den ungewissen Horizont ab, der gleichsam Himmel wie Meer sein konnte. Wasser troff von den Händen der Männer. Unbeachtet zappelten sterbende Fische in den Netzen. Schweißtropfen sammelten sich an den Nasen und brannten in den Augen, überall war Salz, selbst im Wasser des eigenen Körpers. Die Männer schauten zu ihrem Kapitän.
"Das Schiff ist Bergungsgut, wenn die Besatzung tot ist", meinte einer, was eine lautstarke Diskussion über für und wider zur Folge hatte. Mittlerweile hatte sich die Karacke weiter genähert und türmte sich nun bedrohlich über ihnen auf, wie ein immer näher rückender Gigant. Die Geitaue hingen lose im Wind; die Lateinerrah auf dem Besanmast glich einem bloßen Stumpf, die mächtigen Planken an der Seite waren gesplittert und geborsten, als hätte sich das Schiff durch eine enge Stelle gezwängt. Kein Lebenszeichen, keine Antwort auf das Rufen des Kapitäns. Verstohlen beteten einige zu ihren Göttern.
Der Kapitän sprang, ächzte, als er an die Seite der Karacke prallte, hievte sich über die Reling und blieb schnaufend stehen. Die anderen folgten ihm, zwei mit Dolchen zwischen den Zähnen, als erwarteten sie, sich den Weg an Bord freikämpfen zu müssen.
Die Karacke lag tief im Wasser. Im Vorder- und Achterschiff fing sich der Wind. Außer dem Rauschen und Branden der See, dem Knarren des Holzes und der Takelung und dem Scheppern eines Fasses das im inneren hörbar auf und abrollte, war kein geräusch zu vernehmen. Der Kapitän reckte den Kopf, als er den geruch der Fäulnis witterte. Der alte Ulkor schaute mit wissendem Blick zu ihm herüber. Die beiden nickten einander zu. Der Tod war an Bord, irgendwo verwesten Leichen.
Der Kapitän winkte zwei in der NÄhe stehende Elfen zu sich und gab knappe Befehle.
"Seht zu das ihr sie vor den Wind bekommt. Ich bin sicher die Fugen halten der DÜnung stand. Wir wollen versuchen sie zum Hafen zu schaffen. Dort wo die Sonnensegel ankert - nur dort ist das Wasser tief genug."
"Du willst sie in den Hafen steuern?" fragte Ulkor.
"SO ich kann. Vorher aber müssen wir uns unter Deck umsehen um sicherzugehen das sie nicht kurz vor dem Sinken ist." Das Rollen des Shciffes brachte ihn kurz zum wanken. "Der Wind legt zu. Um so besser, wenn wir sie wenden können. Komm Ulkor."
Er stiess eine Tür auf die zur Achterkajüte führte und trat in die Finsternis dahinter. Der blaue Tag draussen war wie abgeschnitten. In der plötzlichen Düsternis hörte er den barfüssigen Ulkor schwer atmend hinter sich hertrotten. Der Kapitän hielt inne. Wie ein sterbendes Wesen wand sich das Schiff unter seinen beinen, der stärker werdende Moder überlagerte sogar den geruch von Salz, Teer und Hanf. Als seine tastenden Hände auf eine weitere Tür stiessen, shcluckte er heftig.
"Beim Brunnen," keuchte er und schob sie auf.
Grell und blendend flutete Sonnenlicht durch geborstene Heckfenster. EIne grosse Kabine. Ein langer Tisch. Gekreuzte funkelnde Schwerter an der Wand. Und auf einem Stuhl ein toter Mann mit starrem Blick.
Der Kapitän zwang sich hineinzugehen.
Die Kajüte stand unter Wasser, das dem Schaukeln des Schiffes um ihre Füsse spülte. Offenbar waren rückwärtige Wellen durch die Fenster gedrungen. Am vorderen Ende derKajüte lagen Kleidung, Waffen und Seekarten verstreut. Der tote Mann jedoch sass aufrecht auf dem Stuhl, mit dem Rücken zu den Heckfenstern. Wie Pergament spannte sich die braune Haut über den Schädel. Die Hände glichen abgezehrten Klauen. Die Ratten hatten sich an der Leiche zu schaffen gemacht. Der Stuhl war in hölzern Schienen auf das Deck montiert, der Mann mit durchnässtem Tauwerk an den Stuhl gebunden. Anscheinend hatte er sich selbst gefesselt, denn die Hände waren frei. Eine verrottende Faust umklammerte einen zerfledderten Bogen Papier.
"Ulkor, was hat das zu bedeuten? "
"Ich weiss es nicht, Kapitän. Auf diesem Schiff war ein Dämon am Werk. Der Mann da muss der Kapitän gewesen sein - siehst du die Seekarten? Ausserdem liegt da ein zerbrochenes WInkelkreuz. Aber was ist hier geschehen? Warum hat er sich selbst angebunden?"
"Es gibt keine Erklärung dafür - noch nicht. Wir müssen hinuntergehen. Sieh nach ob du irgendwo eine Laterne oder eine Kerze findest. Ich muss mir den Frachtraum ansehen.
"Den frachtraum?" Der alte Seebär klang zweifelnd."
"Ja, Ulkor. Wir müssen nachsehen, wie schnell sie Wasser fasst und was sie geladen hat."
Das Licht wich aus den Fenstern und das Rollendes Schiffes wurde sanfter, als die Männer an Deck es vor den Wind setzten. Ulkor und sein Kapitän warfen einen letzten Blick auf den Totenschädel der verstorbenen Schiffsherren: Danach verliessen sie den Raum. keiner teilte dem anderen mit, was er insgeheim dachte: Der tote Mann war mit einem schreckensverzerrtem gesicht von dieser Welt gegangen.
Wiederum grelles Sonnenlicht, die klare Gischt des Meeres. Die anderen Männer mühten sich mit Hebewerken und Brassen ab und schwenkten die für sie ungewohnten Rahen. Der Kapitän brüllte ein paar Befehle. Sie würden Segeltuch und neues Tauwerk brauchen. Backbord bestanden die Wanten des Hauptmastes nur noch aus dünnen Fäden - ein Wunder das er noch nicht gebrochen war.
"Ein Sturm kann ein Schiff unmöglich so zurichten", meine Ulkor und fuhr mit den rauhen Händen über die Reling. Das Holz war gesplittert und wies kerben auf. Bisse, dachte der Kapitän und fühlte wie sich ein kalter Wurm der Angst in seinen Eingeweiden krümmte.
Die Persenninge über über den Luken flatterten zerrissen im Wind. unten, in den eingeweiden des Schiffes, war es Dunkel. Vorsichtig bahnten sich die beiden Männer den Weg hinab. Einer der anderen hatte ine Laterne gefunden und angezündet. Man reichte sie hinunter in die Finsternis und das Licht offenbarte, daß Ulkor und der Kapitän von Kisten, Fässern und Säcken umgeben waren. ein muffiger Geruch hing in der Luft, abermals leichter Moder. Sie hörten das PLätschern und Gurgeln von Wasser tiefer im Bauch des Schiffes, das rollende Poltern loser Ladung.
Langsam schlichen sie die durch den Gang zwischen der Ladung; der Schein der Laterne warf unstete Schatten in alle Richtungen. Sie entdeckten die Überreste von halb aufgefressenen Ratten, aber keine einzige lebendige. Fast mochte man glauben, der Kapitän oben in der Kabine hätte das Schiff bis zu seinem Tode allein, ohne jede Hilfe gesteuert.
Eine weitere Luke, hinter der ein Niedergang hinabführte in schwärzeste Finsternis. Das Schiff ächzte und stöhnte unter ihren Füssen. Die Stimmen der Kameraden in jener anderen Welt aus salziger Luft und Gischt hörten sie mittlerweile nicht mehr. Da war nur dieses gähnende Loch ins Nichts.
"Da unten ist Wasser, und garnicht wenig", verkündete Ulkor, der die LAterne in die Luke hinabhielt. "ich sehe es wogen, aber da ist keine Gischt. Wenn es ein Leck ist, dringt nur langsam Wasser ein."
Der Kapitän wollte sich an den Abstieg machen, aber Ulkor hielt ihn mit seltsamen Lächeln zurück und ging zuerst, wobei sein Atem deutlich rasselte. Der Kapitän sah den Schein der Laterne auf das Wasser fallen und sich darin brechen. Verschiedene Dinge trieben dort unten. Dann spritze im Spiel von Licht und Schatten etwas auf.
"Da sind leichen." verzerrt, wie aus weiter Ferne drang Ulkors Stimme zu ihm herauf. "Ich glaube ich habe die Besatzung gefunden. O gütige Sonne und alle Dämonen..."
Ein Knurren ertönte und Ulkor schrie. Die LAterne verlöschte. In der plötzlichen Dunkelheit verwandelte irgend etwas das Wasser in tobende FLuten. Der Kapitän erblickte den gelben Schimmer eines Auges, gleich einen gierigen, weit entfernten Feuer in rabenschwarzer Nacht. Seine LIppen formten Ulkors Namen, doch kein Laut drang aus seiner Kehle seine Zunge hatte sich in Sand verwandelt. Rückwärts stolpernd, stieß er gegen scharfe Kanten einer Kiste. LAUF, riet ihm sein verstand, doch das Mark der Knochen schien sich in Granit verwandelt zu haben.
Dann stürmte das Ding über den Niedergang hinauf, unmittelbar zu ihm. Dem Kapitän blieb nicht einmal die Zeit, ein gebet zu murmeln, bevor das Wesen sein Fleisch zerfetzte. Nur die gelben Augen wurden Zeugen, wie die Seele des Seefahrers dem Körper entwich und verdorrte.
Sie liess von dem leblosen Körper ab - Hass brannte in ihr, Gier und jenes unstillbare Verlangen das sie zu einer Bestie machte. Mit rollendem Knurren stieg sie die Luke herauf und fuhr wie ein Blitz unter die Männer an Deck. Knochen splitterten und Blut spritzte, Schreie - dem Wahnsinn verfallen über das was sie sahen. Dann Stille...
Re: Seelenfutter
Brisëis - 07.04.2008, 17:43
Mit ausdruckslosem Gesicht stand Briseis am Strand, nicht weit entfernt ragten die geborstenen Wände zweier gestrandeter Schiffe in die Höhe. Ein grosses und ein kleines, auf ihren Seiten liegend als hätte sie ein spielender riese im Zorn an den Strand geworfen.
Sie sah an sich herab und betrachtete ihr Kleid, nickte zufrieden und machte sich dann langsam auf den Weg gen Silbermond. Über ihr, verborgen hinter dem hohen Gras einer Düne, hielt sich Laurea eine Hand vor den Mund und folgte mit schreckgeweitetem Blick der wunderschöne Elfe, die mit sanften Schritten den Strand verliess. Sie konnte immer noch nicht fassen was sie gesehen hatte und starrte der Elfe immer noch durch die schwarze Nacht hinterher - lange nachdem diese schon im Unterholz des Immersangwaldes verschwunden war.
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