Verfügbare Informationen zu "John Wyclif"
Qualität des Beitrags: Beteiligte Poster: Xantos Forum: Nachtperle's Plauderecke Forenbeschreibung: Für ernste und tiefgehende Diskussionen gedacht.... aus dem Unterforum: Personen die einen starken Einfluss auf das Christentum hatten Antworten: 5 Forum gestartet am: Mittwoch 18.04.2007 Sprache: deutsch Link zum Originaltopic: John Wyclif Letzte Antwort: vor 15 Jahren, 2 Monaten, 21 Tagen, 10 Stunden, 44 Minuten
Alle Beiträge und Antworten zu "John Wyclif"
Re: John Wyclif
Xantos - 06.01.2008, 00:47John Wyclif
John Wyclif
John Wyclif, auch Wicliffe, Wiclef, Wycliff, genannt Doctor evangelicus (* spätestens 1330 in Spreswell in Yorkshire; † 31. Dezember 1384), war ein englischer Philosoph, Theologe und Kirchenreformer.
Leben und Wirken
John Wyclif wirkte seit 1361 als Vorstand des Balliol College in Oxford. Während er hier als Doktor der Theologie das Recht hatte, theologische Vorlesungen zu halten, übernahm er ein geistliches Amt zuerst 1361 in Fillingham (Lincolnshire), 1368 in Ludgershall (Buckinghamshire) und 1374 in Lutterworth (Leicestershire). Im gleichen Jahr sandte ihn der König mit anderen Geistlichen nach Brügge, um dem päpstlichen Nuntius Beschwerden gegen den päpstlichen Stuhl vorzutragen. Insbesondere wurde der Kurie der Verkauf von Kirchenämtern vorgeworfen.
Wyclif proklamierte außerdem die Lehre von der „Macht allein durch Gnade”, der zufolge Gott selbst jede Autorität direkt verleiht und bestritt den politischen Machtanspruch des Papstes. Er unterstützte die Säkularisierungsbestrebungen der weltlichen Herrscher, da er für Kirchenmitarbeiter ein Leben in urchristlicher Bescheidenheit propagierte.
Nicht minder groß war sein Einfluss auf die Zusammenstellung aller kirchlichen Beschwerden gewesen, welche 1376 das Gute Parlament vortrug. Ein vom Papst 1377 gegen ihn eingeleiteter Prozess verlief bei dem großen Ansehen, welches Wyclif an der Universität und im Volke genoss, 1378 im Sande. Dadurch ermutigt, wandte sich Wyclif nun offen gegen den politischen Einfluss des Klerus überhaupt und bekämpfte das päpstliche "Antichristentum".
Er missbilligte Bilder-, Heiligen-, Reliquiendienst und den Priesterzölibat, verwarf die Transsubstantiationslehre und die Ohrenbeichte. Von ihm ausgebildete Reiseprediger verbreiteten präevangelische Grundsätze im Volk. Seine Lehren fanden in großen Teilen der Bevölkerung Zustimmung und beeinflussten maßgeblich den Aufstand der englischen Bauern von 1381.
1428: Verbrennung von Wyclifs Gebeinen
1428: Verbrennung von Wyclifs Gebeinen
Bettelmönche im Verein mit der Hierarchie setzten 1381 unterdessen die Verwerfung seiner Lehre durch die Universität und durch die 1382 in London tagende Synode durch. Seine Schriften wurden von der Synode in Oxford als ketzerisch verurteilt, er verlor seine Kirchenämter. Wyclif wurde aber aus Furcht vor einem Volksaufstand nicht angeklagt. Er führte sein Pfarramt fort und vollendete 1383 seine früher begonnene Bibelübersetzung aus der Vulgata in die Landessprache, die erste Übersetzung ins Englische.
Das Konzil von Konstanz erklärte ihn 30 Jahre nach seinem Tod am 4. Mai 1415 zum Ketzer, verdammte 45 Artikel von ihm und befahl, seine Gebeine zu verbrennen, was 1418 geschah. Die Anhänger Wyclifschen Gedankengutes, die Lollarden, wurden erst nach einer missglückten Revolte von der Kirche schärfer verfolgt. Jedoch kann man die teilweise brutale Inquisition europäischer Ketzer, wie z.B. bei den Katharern oder Waldensern, nicht mit der englischen Verfolgung vergleichen. Die Verfolgung war geprägt durch ihre relative Milde und Rücksicht auf die im Untergrund weiter lebenden Lollarden, sodass sich in vielen Familien die Wyclifschen Ansichten bis zur Reformation erhielten. In Italien vertrat Girolamo Savonarola ähnliche Ansichten. Auch in Deutschland und Böhmen verbreiteten sich Wyclifs Sichtweise durch Jan Hus und Hieronymus von Prag. Auch Luther entnahm sicherlich einige Aspekte aus Wyclifs Schriften.
Quelle: Wikipedia
Re: John Wyclif
Xantos - 06.01.2008, 00:49Re: John Wyclif
Tricky:
Hallo zusammen!
Da ich hier nicht den langen Text reinkopieren will, außerdem geht es nicht so leicht, möchte ich diesen Text über das GMX Mediacenter freischalten. Sehr interessante Geschichte über John Wiklif und seinen Dienst für den Herrn:
http://service.gmx.net/mc/N0HUdI3xbLzyF55wzKH4Zl4EAPQjYx
Bei Problemen technischer Art den Artikel aufzumachen, bitte schreibt hier, man kann dem sicher abhelfen.
viele Grüße
Tricky
Re: John Wyclif
Xantos - 06.01.2008, 00:52Re: John Wyclif
gutenbergzwerg:
Hier der ausfuehrliche Text fuer Vielleser, danke Tricky fuer den Link mit diesem ausfuehrlichen Artikel::o
Textauszug über John Wiklif:
Vor der Reformation waren zeitweise nur wenige Exemplare der Bibel
vorhanden, aber Gott hatte sein Wort nicht völlig untergehen lassen.
Seine Wahrheiten sollten nicht für immer verborgen bleiben. Er
konnte ebenso leicht das Wort des Lebens entketten wie Gefängnistüren
öffnen und eiserne Tore entriegeln, um seine Diener zu befreien.
In den verschiedenen Ländern Europas wurden Menschen
vom Geist Gottes angetrieben, nach der Wahrheit wie nach verborgenen
Schätzen zu suchen. Durch die Vorsehung zur Heiligen Schrift
geführt, erforschten sie diese mit größtem Eifer. Sie waren willig, das
Licht anzunehmen, koste es, was es wolle. Konnten sie auch nicht
alles deutlich wahrnehmen, so wurden sie doch befähigt, manche
lange Zeit begrabene Wahrheit zu erkennen. Als vom Himmel gesandte
Boten gingen sie hinaus, zerbrachen die Ketten des Aberglaubens
und des Irrtums und forderten Menschen auf, die lange Sklaven
gewesen waren, sich zu erheben und ihre Freiheit zu behaupten.
Das Wort Gottes war, ausgenommen bei den Waldensern, jahrhundertelang
durch die Sprachen, die nur den Gelehrten verständlich
waren, versiegelt geblieben; doch die Zeit kam, da es übersetzt
und den Völkern verschiedener Länder in ihrer Muttersprache in die
Hand gegeben werden sollte. Die Welt hatte ihre Mitternachtszeit
überschritten. Die Stunden der Finsternis schwanden dahin, und in
vielen Ländern erschienen Anzeichen der anbrechenden Morgendämmerung.
Im 14. Jahrhundert ging in England der „Morgenstern der Reformation“
auf. John Wiklif war der Herold der Erneuerung nicht allein
für England, sondern für die ganze Christenheit. Der mächtige Protest
gegen Rom, den er einleiten durfte, konnte nicht mehr zum
Schweigen gebracht werden, sondern er sollte den Kampf eröffnen,
der zur Befreiung des einzelnen, zur Befreiung der Gemeinden und der Völker
führte.
Wiklif erhielt eine gute Erziehung. Für ihn galt die Furcht des
Herrn als der Weisheit Anfang. Er war auf der Universität seiner inbrünstigen
Frömmigkeit, seiner hervorragenden Talente und seiner
gründlichen Gelehrsamkeit wegen bekannt. In seinem Wissensdrang
suchte er jeden Zweig der Wissenschaft kennenzulernen. Er wurde
mit den Gedanken der Scholastik, mit den Glaubensvorschriften der
Kirche und den bürgerlichen Gesetzen, besonders denen seines eigenen
Landes, vertraut gemacht. In seiner späteren Arbeit trat der Wert
seiner genossenen Schulung klar zutage. Seine gründliche Kenntnis
der spekulativen Philosophie seiner Zeit befähigte ihn, deren Irrtümer
bloßzustellen, und durch seine Studien der Landes- und Kirchenrechte
war er vorbereitet, sich an dem großen Kampf um die
bürgerliche und religiöse Freiheit zu beteiligen. Während er die dem
Wort Gottes entnommenen Waffen zu führen verstand, hatte er sich
auch die Geisteswelt der Schulen erarbeitet und war mit der Kampfesweise
der Gelehrten vertraut. Dank seiner natürlichen Anlagen
und dem Umfang und der Gründlichkeit seines Wissens erwarb er
sich die Achtung von Freund und Feind. Wiklifs Anhänger sahen mit
Genugtuung, daß er unter den tonangebenden Geistern der Nation
einen führenden Platz einnahm, und seinen Feinden war es nicht
möglich, die Sache der Erneuerung durch Bloßstellen irgendeiner
Unwissenheit oder Schwäche ihres Verteidigers in Verruf zu bringen.
Noch auf der Universität nahm Wiklif das Studium der Heiligen
Schrift auf. In den damaligen Zeiten, als es nur Bibeln in den alten
Sprachen gab, waren allein die Gelehrten imstande, den Pfad zur
Quelle der Wahrheit zu finden, der den in den Sprachen ungebildeten
Klassen verschlossen blieb. Somit war der Weg für Wiklifs zukünftiges
Werk als Reformator bereits gebahnt worden. Gelehrte
Männer hatten die Heilige Schrift studiert und die große Wahrheit
von der darin offenbarten freien Gnade Gottes gefunden. In ihrem
Unterricht hatten sie die Erkenntnis dieser Wahrheit ausgestreut und
andere veranlaßt, sich zu dem lebendigen Gotteswort zu kehren.
Als Wiklif seine Aufmerksamkeit auf die Heilige Schrift richtete,
machte er sich mit derselben Gründlichkeit an ihre Erforschung, die es ihm ermöglicht hatte, das Schulwissen zu meistern. Bisher hatte er
sich unbefriedigt gefühlt; dieses Gefühl des Unbefriedigtseins konnte
weder durch sein Studium noch durch die Lehren der Kirche behoben
werden. Im Wort Gottes fand er, was er zuvor vergebens gesucht
hatte; er sah darin den Erlösungsplan offenbart und Christus als den
alleinigen Fürsprecher für die Menschen dargestellt. Er widmete sich
dem Dienst Christi und beschloß, die entdeckten Wahrheiten zu verkündigen.
Gleich späteren Reformern sah Wiklif anfangs nicht voraus, wohin
ihn sein Wirken führen würde. Er widersetzte sich Rom nicht vorsätzlich;
doch war bei seiner Hingabe an die Wahrheit eine Auseinandersetzung
mit dem Irrtum unvermeidlich. Je deutlicher er die Irrtümer
des Papsttums erkannte, desto ernsthafter trug er die Lehren der
Bibel vor. Er sah, daß Rom Gottes Wort wegen menschlicher Überlieferungen
verlassen hatte; er beschuldigte unerschrocken die Geistlichkeit,
die Heilige Schrift verbannt zu haben, und verlangte, daß
die Bibel dem Volk wiedergegeben und ihre Autorität in der Kirche
wieder aufgerichtet werde. Er war ein fähiger, eifriger Lehrer, ein beredter
Prediger, und sein tägliches Leben zeugte für die Wahrheiten,
die er predigte. Seine Schriftkenntnis, sein durchdringender Verstand,
die Reinheit seines Lebens sowie sein unbeugsamer Mut und
seine Rechtschaffenheit gewannen ihm Achtung und allgemeines Zutrauen.
Viele aus dem Volk waren mit ihrem Glauben unzufrieden,
als sie die Ungerechtigkeit sahen, die in der römischen Kirche
herrschte, und sie begrüßten die Wahrheiten, die nun durch Wiklif
ans Licht gebracht wurden, mit unverhohlener Freude. Die päpstlichen
Führer aber rasten vor Wut, als sie wahrnahmen, daß dieser
Reformator einen größeren Einfluß gewann als sie selbst besaßen.
Wiklif war ein scharfsinniger Entdecker des Irrtums und griff
furchtlos viele der von Rom gebilligten Mißbräuche an. Während er
als Kaplan des Königs tätig war, behauptete er kühn seinen Standpunkt
gegen die Abgaben, die der Papst von dem englischen Monarchen
verlangte, und zeigte, daß die päpstliche Anmaßung der Gewalt
über weltliche Herrscher sowohl der Vernunft als auch der Offenbarung
zuwider sei. Die Ansprüche des Papstes hatten große Entrüstung
hervorgerufen, und Wiklifs Lehren blieben nicht ohne Einfluß
auf die tonangebenden Geister des Volkes. Der König und der Adel vereinigten
sich, den Anspruch des Papstes auf weltliche Machtstellung zu
verneinen und die Zahlung der verlangten Steuer zu verweigern. Auf
diese Weise wurde ein kräftiger Schlag gegen die päpstliche Oberherrschaft
in England geführt.
Ein anderes Übel, gegen das der Reformator einen langen und
entschlossenen Kampf führte, war der Orden der Bettelmönche. Diese
Mönche schwärmten in England umher und übten einen Einfluß
aus, der sich auf die Größe und Wohlfahrt der Nation schädlich auswirkte
und vor allem Wirtschaft, Wissenschaft und Volksmoral lähmte.
Das träge Bettlerleben der Mönche stellte nicht nur schwere Anforderungen
an die Mittel des Volkes, sondern machte nützliche Arbeit
verächtlich. Die Jugend wurde entsittlicht und verderbt. Durch
den Einfluß der Mönche ließen sich viele zum Mönchsleben verleiten
und traten nicht nur ohne Einwilligung, sondern sogar ohne das
Wissen ihrer Eltern und entgegen ihren Anordnungen ins Kloster ein.
Einer der ersten Väter der römischen Kirche, der die Ansprüche des
Mönchtums den Verpflichtungen der kindlichen Liebe und des Gehorsams
gegenüber als erhaben hinstellte, hatte behauptet: „Sollte
auch dein Vater weinend und jammernd vor deiner Tür liegen und
deine Mutter dir den Leib zeigen, der dich getragen, und die Brüste,
die dich gesäugt, so siehe zu, daß du sie mit Füßen trittst und dich
unverwandt zu Christus begibst.“ Durch dies „greulich ungeheuer
Ding“, wie Luther es später kennzeichnete, das mehr an einen Wolf
und Tyrannen als einen Christen und Mann erinnert, wurden die
Herzen der Kinder gegen ihre Eltern verhärtet. (Luthers Werke, Erlanger
Ausgabe, XXV, S. 337 (396); Op. lat. X, 269.) So haben die
päpstlichen Führer wie einst die Pharisäer die Gebote Gottes um ihrer
Satzungen willen aufgehoben; die Heime verödeten, und die Eltern
mußten die Gesellschaft ihrer Söhne und Töchter entbehren.
Selbst die Studenten auf den Universitäten wurden durch die falschen
Vorspiegelungen der Mönche verlockt und dazu bewogen, deren
Orden beizutreten. Viele bereuten später diesen Schritt und sahen
ein, daß sie ihr Lebensglück zerstört und ihren Eltern Kummer
bereitet hatten; aber saßen sie einmal in dieser Schlinge gefangen,
war es ihnen unmöglich, ihre Freiheit wiederzugewinnen. Viele Eltern
lehnten es aus Furcht vor dem Einfluß der Mönche ab, ihre Söhne auf die
Universitäten zu schicken. Dies hatte eine erhebliche Abnahme der
Zahl der Studierenden in den großen Bildungszentren zur Folge. Die
Schulen lagen danieder; Unwissenheit herrschte vor.
Der Papst hatte jenen Mönchen das Recht übertragen, Beichten
abzunehmen und Vergebung zu erteilen. Dies wurde zu einer Quelle
großen Übels. Entschlossen, ihre Einkünfte zu erhöhen, gewährten
die Bettelmönche die Absolution unter so leichten Bedingungen, daß
Verbrecher aller Art zu ihnen strömten; infolgedessen nahmen die
schrecklichsten Laster schnell überhand. Die Armen und Kranken
ließ man leiden, während die Gaben, die ihre Bedürfnisse hätten befriedigen
können, den Mönchen zuteil wurden, die unter Drohungen
die Almosen des Volkes forderten und jene für gottlos erklärten, die
ihrem Orden Geschenke verweigerten. Ungeachtet ihres Bekenntnisses
zur Armut nahm der Reichtum der Bettelmönche ständig zu, und
ihre prächtigen Gebäude und ihre reichgedeckten Tafeln ließen die
wachsende Armut des Volkes um so augenscheinlicher werden. Die
Mönche verbrachten ihre Zeit in Üppigkeit und Freuden und sandten
an ihrer Statt unwissende Männer aus, die wunderbare Geschichte,
Legenden und Späße zur Unterhaltung der Leute erzählen mußten
und sie dadurch noch vollkommener in den Täuschungen der Mönche
verfingen. Diesen hingegen gelang es, ihren Einfluß auf die
abergläubische Menge zu wahren und sie glauben zu machen, daß
die Oberhoheit des Papstes anzuerkennen, die Heiligen zu verehren
und den Mönchen Almosen zu geben die Summe aller religiösen
Pflichten sei und hinreiche, ihnen einen Platz im Himmel zu sichern.
Gelehrte und fromme Männer hatten sich vergebens bemüht, unter
diesen Mönchsorden eine Reform durchzuführen; Wiklif jedoch
ging dem Übel mit klarer Einsicht an die Wurzel und erklärte, daß
das System selbst unrichtig sei und abgetan werden müsse. Jetzt erhoben
sich Debatten und Fragen. Als die Mönche das Land durchzogen
und den Ablaß verkauften, begannen viele die Möglichkeit,
sich Vergebung mit Geld zu erkaufen, anzuzweifeln, und sie fragten
sich, ob sie die Vergebung der Sünden nicht lieber bei Gott statt bei
dem Priesterfürsten zu Rom suchen sollten. (Siehe Anmerkung über
ABLASS.) Nicht wenige waren über die Raubgier der Bettelmönche
beunruhigt, deren Habsucht nie befriedigt zu werden schien. „Die Mönche und Priester“, sagten sie, „fressen uns
wie ein Krebsschaden; Gott muß uns helfen, sonst geht alles zugrunde.“
(D'Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 17. Buch, Kap.
7,Stuttgart, 1854) Um ihre Habsucht zu verdecken, behaupteten diese
Bettelmönche, daß sie des Heilandes Beispiel befolgten, da auch
Christus und seine Apostel von den Almosen des Volkes gelebt hätten.
Diese Behauptung jedoch schadete ihrer Sache, da sie viele veranlaßte,
zur Bibel zu greifen, um selbst die Wahrheit zu erforschen -
eine Folge, wie sie Rom am allerwenigsten wünschte. Die Gemüter
der Menschen wurden auf die Quelle der Wahrheit gelenkt, und gerade
sie suchte Rom zu verbergen.
Wiklif begann kurze Abhandlungen gegen die Bettelmönche zu
schreiben und zu veröffentlichen, damit er mit ihnen so weit in ein
Streitgespräch käme, wie nötig war, um das Volk auf die Lehren der
Bibel und ihres Urhebers aufmerksam machen zu können. Er erklärte,
daß der Papst die Macht der Sündenvergebung und des Kirchenbannes
in keinem höheren Grade besitze als die gewöhnlichen Priester
und daß niemand rechtsgültig ausgeschlossen werden könne, es
sei denn, er habe sich zuerst die Verdammung Gottes zugezogen. In
keiner wirksameren Weise hätte er den Umsturz des riesenhaften
Machwerkes geistlicher und weltlicher Herrschaft, die der Papst aufgerichtet
hatte, und in der Leib und Seele von Millionen Menschen
gefangengehalten wurden, unternehmen können.
Wiederum wurde Wiklif berufen, die Rechte der englischen Krone
gegen die Übergriffe Roms zu verteidigen, und er brachte als königlicher
Gesandter zwei Jahre in den Niederlanden zu, wo er mit
Abgeordneten des Papstes verhandelte. Hier kam er mit den französischen,
italienischen und spanischen Würdenträgern der Kirche zusammen
und hatte Gelegenheit, hinter die Kulissen zu schauen und
einen Einblick in manche Dinge zu gewinnen, die ihm in England
verborgen geblieben wären. Er erfuhr manches, das seinem späteren
Wirken das Gepräge und die Schärfe gab. In diesen Gesandten des
päpstlichen Hofes las er den wahren Charakter und die echten Absichten
der Priesterherrschaft. Er kehrte nach England zurück, wiederholte
seine früheren Lehren offener und mit größerem Eifer und
erklärte, Habsucht, Stolz und Betrug seien die Götter Roms. In einer seiner Abhandlungen schrieb er wider die Geldgier
Roms: Der Papst und seine Einsammler „ziehen aus unserm Lande,
was zum Lebensunterhalt der Armen dienen sollte, und viele tausend
Markus us dem Schatz des Königs für die Sakramente und geistlichen
Dinge“. Diese letzten Worte sind gegen die von Rom geförderte
Simonie (Simonie ist der Erwerb geistlicher Ämter durch Kauf, sie
war im Mittelalter weitverbreitet. Von Simon Magus abgeleitet (Apostelgeschichte
8,18), der von den Aposteln die Mitteilung des Heiligen
Geistes für Geld zu erlangen suchte.) gerichtet. „Gewiß, wenn
unser Reich einen ungeheuren Berg von Gold hätte und keiner davon
nähme, als nur der Einsammler dieses hochmütigen, weltlichen
Priesters, so würde im Laufe der Zeit dieser Berg verzehrt werden. Er
zieht alles Geld aus unserem Lande und gibt nichts dafür zurück als
Gottes Fluch für seine Simonie.“ (Lewis, „The History of the Life an
Sufferings of the Reverend and Learned John Wicliffe“, Kap. 3, S.
37; Neander, „Kirchengeschichte“, 6. Per., 2. Abschnitt, § 2.)
Bald nach der Rückkehr nach England wurde Wiklif vom König
zum Pfarrer von Lutterworth ernannt - ein Beweis, daß wenigstens
der König kein Mißfallen an seiner offenen Rede gefunden hatte.
Wiklifs Einfluß verspürte man sowohl in der Umgangsweise am Hofe
als auch in der Umgestaltung des Glaubens der Nation.
Roms Donner trafen ihn bald. Drei Bullen wurden nach England
gesandt: an die Universität, an den König und an die Prälaten. In
ihnen war befohlen, unverzügliche und entscheidende Maßregeln zu
treffen, um den ketzerischen Lehrer zum Schweigen zu bringen. Die
Bischöfe hatten jedoch in ihrem Eifer Wiklif schon vor der Ankunft
der Bullen zu einem Verhör vorgeladen. Zwei der mächtigsten Fürsten
des Reiches begleiteten ihm zum Gerichtshof, und das Volk,
welches das Gebäude umgab und hineindrang, schüchterte die Richter
derart ein, daß die Verhandlungen einstweilen ausgesetzt wurden
und man dem Reformator gestattete, friedlich seines Weges zu gehen.
Bald darauf starb Eduard III., den die römischen Geistlichen in
seinen alten Tagen gegen den Reformator zu beeinflussen gesucht
hatten, und Wiklifs einstiger Beschützer (Johann von Gent, der Herzog
von Lancaster, übernahm als Vormund Richards II. die Regentschaft
bis 1389.) wurde Herrscher des Reiches.
Die päpstlichen Bullen legten ganz England den unbedingten Befehl
auf, den Ketzer festzunehmen und einzukerkern. Diese Maßregeln
wiesen unmittelbar auf den Scheiterhaufen, und es schien sicher, daß Wiklif bald der Rache Roms anheimfallen würde. Der aber, der zu
seinem Knecht vor alters gesagt hatte: „Fürchte dich nicht … Ich bin
dein Schild“, (1. Mose 15,1) streckte seine Hand aus, um seinen Diener
zu beschützen. Der Tod kam, aber nicht zu dem Reformator,
sondern zu dem Papst, der Wiklifs Untergang beschlossen hatte.
Gregor XI. starb, und die Geistlichen, die sich zu Wiklifs Verhör versammelt
hatten, gingen wieder auseinander.
Gottes Vorsehung leitete auch weiterhin die Ereignisse, um die
Reformation voranzutreiben. Auf den Tod Gregors folgte die Wahl
zweier Gegenpäpste. Zwei streitende Mächte, jede, wie sie erklärten,
unfehlbar, verlangten Gehorsam. Jede forderte die Gläubigen auf, ihr
beizustehen, um gegen die andere Macht Krieg zu führen, und bekräftigte
ihre Forderungen mit schrecklichen Bannflüchen gegen ihre
Gegner und mit Versprechungen himmlischen Lohnes für die Helfer.
Dieser Vorfall schwächte die Macht des Papsttums ganz außerordentlich.
Die nebenbuhlerischen Parteien hatten vollauf damit zu tun, sich
gegenseitig zu bekämpfen, dadurch blieb Wiklif eine Zeitlang unbehelligt.
Bannflüche und Gegenbeschuldigungen flogen von Papst zu
Papst, und Ströme von Blut flossen, um ihre widersprechenden Ansprüche
durchzusetzen. Verbrechen und Schandtaten überfluteten
die Kirche. Währenddessen war der Reformator in der stillen Zurückgezogenheit
seiner Pfarrei zu Lutterworth eifrig damit beschäftigt,
die Menschen von den streitenden Päpsten ab- und zu Jesus, dem
Fürsten des Friedens, hinzulenken.
Diese Spaltung mit allem Streit und aller Verderbnis, die daraus
hervorgingen, bereitete der geistlichen Erneuerung den Weg; denn
dadurch erkannte das Volk das wirkliche Wesen des Papsttums. In
einer Abhandlung über die Kirche und ihre Regierung forderte Wiklif
das Volk auf, zu überlegen, ob diese beiden Päpste nicht die
Wahrheit sagten, wenn sie sich gegenseitig als Antichrist verurteilten.
Und so „wollte Gott nicht länger leiden“, sagte er, „daß der Feind in
einem einzigen solcher Priester herrschte, sondern … machte eine
Spaltung zwischen zweien, so daß man in Christi Namen leichter
beide sollte überwinden können“. (Neander, „Kirchengeschichte“, 6.
Per., 2. Abschnitt, § 28; Vaughan, „Life and Opinions of John de
Wycliffe“, Bd. 2, S. 6) Wiklif predigte das Evangelium wie sein Meister den Armen.
Nicht damit zufrieden, das Licht in den bescheidenen Familien seines
Kirchspiels Lutterworth zu verbreiten, beschloß er, daß es in alle
Gebiete Englands getragen werden sollte. Um dies auszuführen,
scharte er eine Gruppe einfacher, gottergebener Männer um sich,
welche die Wahrheit liebten und nichts so sehr begehrten, als sie zu
verbreiten. Diese Männer gingen überallhin, lehrten auf den Marktplätzen,
auf den Straßen der Großstädte und auf den Landwegen,
suchten die Betagten, Kranken und Armen auf und verkündigten
ihnen die frohe Botschaft von der Gnade Gottes.
Als Professor der Theologie in Oxford predigte Wiklif das Wort
Gottes in den Hörsälen der Universität. Er lehrte die Studenten, die
seine Vorlesungen besuchten, die Wahrheit so gewissenhaft, daß er
den Titel „der evangelische Doktor“ erhielt. Die größte Aufgabe seines
Lebens jedoch sollte die Übersetzung der Heiligen Schrift ins
Englische sein. In seinem Buch „Über die Wahrheit und den Sinn
der Heiligen Schrift“ drückte er seine Absicht aus, die Bibel zu übersetzen,
damit sie jeder Engländer in seiner Muttersprache lesen könne.
Plötzlich wurde seiner Arbeit Halt geboten. Obwohl noch nicht
sechzig Jahre alt, hatten unaufhörliche Arbeit, rastloses Studium und
die Angriffe seiner Feinde seine Kräfte geschwächt und ihn vor der
Zeit altern lassen. Eine gefährliche Krankheit (Wiklif erlitt einen
Schlaganfall) warf ihn nieder. Diese Kunde bereitete den Mönchen
große Freude. Jetzt, dachten sie, werde er das Übel, das er der Kirche
zugefügt hatte, bitter bereuen; sie eilten in sein Haus, um seine
Beichte zu hören. Vertreter der vier religiösen Orden mit vier weltlichen
Beamten versammelten sich um den Mann, der sich nach ihrer
Meinung zu sterben anschickte. „Der Tod sitzt euch auf den Lippen“,
sagten sie, „denket bußfertig an eure Sünden, und nehmet in unserer
Gegenwart alles zurück, was ihr gegen uns gesagt habt.“ Der Reformator
hörte schweigend zu; dann bat er seinen Diener, ihn im Bett
aufzurichten. Seinen Blick ernst auf die Wartenden heftend, sagte er
mit der festen, starken Stimme, die sie so oft zittern gemacht hatte:
„Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Greuel der Mönche
erzählen.“ (Neander „Kirchengeschichte“, 6. Per., 2. Abschnitt, § 10;
Schröckh, „Christliche Kirchengeschichte“, XXXIV, S. 525) Bestürzt
und verwirrt eilten diese aus dem Zimmer. Wiklifs Worte erfüllten sich. Er blieb am Leben, um seinen Landsleuten
die Bibel, die mächtigste aller Waffen gegen Rom, das vom
Himmel bestimmte Werkzeug zur Befreiung, Erleuchtung und Evangelisation
des Volkes, in die Hände zu legen. Bei der Ausführung
dieser Aufgabe galt es, viele Hindernisse zu überwinden. Wiklif war
von körperlicher Schwäche niedergebeugt; er wußte, daß ihm nur
noch wenige Jahre zur Arbeit blieben; er sah den Widerstand, dem
er entgegentreten mußte; aber durch die Verheißungen des Wortes
Gottes ermutigt, ging er unerschrocken voran. In voller geistiger Kraft
und reich an Erfahrungen hatte Gottes besondere Vorsehung ihn für
diese größte seiner Aufgaben vorbereitet und erhalten. Während die
ganze Christenheit in Aufregung war, widmete sich der Reformator
in seiner Pfarre zu Lutterworth seiner selbstgewählten Arbeit, ohne
das Rasen des Sturmes zu beachten, der draußen tobte.
Endlich war die erste englische Übersetzung der Heiligen Schrift
vollendet. Das Wort Gottes war England zugänglich. Jetzt fürchtete
der Reformator weder das Gefängnis noch den Scheiterhaufen, hatte
er doch dem englischen Volk ein Licht in die Hände gegeben, das
nie ausgelöscht werden sollte. Indem er seinen Landsleuten die Bibel
gab, hatte er mehr getan, die Fesseln der Unwissenheit und des Lasters
abzustreifen und sein Land zu befreien und zu erheben, als je
durch den glänzendsten Sieg auf dem Schlachtfeld erreicht wurde
noch auch in Zukunft erreicht werden sollte.
Da die Buchdruckerkunst noch unbekannt war, konnte nur durch
mühevolle Arbeit Abschriften der Bibel hergestellt werden. So groß
war das Verlangen, das Buch zu erhalten, daß viele freiwillig die Heilige
Schrift abschrieben, und doch konnten die Abschreiber nur mit
Mühe der Nachfrage gerecht werden. Manche wohlhabende Käufer
verlangten die ganze Bibel, andere schafften sich nur Teile des Wortes
Gottes an. In vielen Fällen taten sich mehrere Familien zusammen
um ein Exemplar zu kaufen. So fand Wiklifs Bibel in kurzer Zeit ihren
Weg in die Wohnungen des Volkes.
Wiklifs Appell an den klaren Menschenverstand weckte das Volk
aus seiner widerstandslosen Unterwerfung unter die päpstlichen
Glaubenssätze. Er lehrte die spätere Auffassung des Protestantismus:
Erlösung durch den Glauben an Christus und alleinige Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift. Die Prediger, die er ausgesandt hatte, verbreiteten
die Bibel und des Reformators Schriften mit solchem Erfolg, daß
nahezu die Hälfte des englischen Volkes voller Begeisterung den
neuen Glauben annahm.
Das Erscheinen der Heiligen Schrift versetzte die kirchlichen Behörden
in Bestürzung. Sie hatten es nun mit einem mächtigeren
Gegner zu tun, als es Wiklif war, einem Gegner, gegen den ihre Waffen
nicht viel ausrichten konnten. Zu jener Zeit bestand in England
kein Gesetz, das die Bibel verbot; denn sie war nie zuvor in der
Sprache dieses Landes veröffentlicht worden. Solche Gesetze wurden
erst später erlassen und streng gehandhabt. Unterdessen gab es trotz
der Bemühungen der Priester mancherlei Möglichkeiten, das Wort
Gottes zu verbreiten.
Aufs neue versuchte die päpstliche Kirche, die Stimme des Reformators
zum Schweigen zu bringen. Dreimal wurde er zum Verhör
vor ein geistliches Gericht geladen, aber ohne Erfolg wieder entlassen.
Dann erklärte eine Synode von Bischöfen seine Schriften für
ketzerisch, und indem sie den jungen König Richard II. für sich gewann,
erlangte sie einen königlichen Erlaß, der alle, die sich zu den
Verurteilten Lehren bekannten, dem Gefängnis überwies.
Wiklif wandte sich an das Parlament, beschuldigte die Hierarchie
furchtlos vor der nationalen Ratsversammlung und verlangte die Abkehr
von den ungeheuren Mißbräuchen, die von der Kirche gebilligt
wurden. Mit überzeugender Kraft schilderte er die Übergriffe und
die Verderbnis des päpstlichen Stuhles. Seine Feinde wurden verwirrt.
Die Freunde und Helfer Wiklifs waren zum Nachgeben gezwungen
worden, man hatte zuversichtlich erwartet, daß sich der betagte
Reformator, allein und ohne Freunde, der vereinten Macht der
Krone und der Mitra beugen würde. Statt dessen sahen sich die
Römlinge geschlagen. Das Parlament, durch die erregenden Ansprachen
Wiklifs angefeuert, widerrief das Edikt zu seiner Verfolgung,
und der Reformator war wiederum frei.
Zum drittenmal wurde er verhört, und zwar vor dem höchsten
kirchlichen Gerichtshof des Reiches. Hier würde der Ketzerei keine
Gunst erwiesen werden; hier würde endlich Rom siegen und das
Werk des Reformators zum Stillstand gebracht werden. So dachten
die Römlinge. Konnten sie ihre Absicht erreichen, dann wäre Wiklif gezwungen,
seine Lehre abzuschwören, oder den Gerichtshof zu verlassen, um
den Scheiterhaufen zu besteigen.
Wiklif widerrief nicht; er wollte nicht heucheln. Furchtlos verteidigte
er seine Lehren und widerlegte die Anklagen seiner Verfolger.
Sich selbst, seine Stellung und den Anlaß dieser Versammlung vergessend,
forderte er seine Zuhörer vor das göttliche Gericht und wog
ihre Sophistereien und Täuschungen auf der Waage der ewigen
Wahrheit. Die Macht des Heiligen Geistes wurde im Gerichtssaal
spürbar. Gott hielt die Zuhörer in Bann; sie schienen keine Macht zu
haben, die Stätte zu verlassen. Wie Pfeile aus dem Köcher des Herrn
durchbohrten die Worte des Reformators ihre Herzen. Die Anklage
der Ketzerei, die sie gegen ihn vorgebracht hatten, schleuderte er mit
überzeugender Macht auf sie zurück. Aus welchem Grunde, fragte
er, hätten sie sich erkühnt, ihre Irrtümer zu verbreiten? - Um des
Gewinnes willen, um mit der Gnade Gottes Handel zu treiben.
„Mit wem, glaubt ihr“, sagte er zum Schluß, „daß ihr streitet? Mit
einem alten Manne am Rande des Grabes? - Nein! Mit der Wahrheit,
die stärker ist als ihr und euch überwinden wird.“ (Wylie, „History
of Protestantism“, 2. Buch, Kap. 13) Mit diesen Worten verließ
er die Versammlung. Keiner seiner Feinde versuchte ihn daran zu
hindern.
Wiklifs Aufgabe war nahezu erfüllt; das Banner der Wahrheit, das
er so lange getragen hatte, sollte bald seiner Hand entfallen. Doch
noch einmal mußte er für das Evangelium zeugen. Die Wahrheit sollte
mitten aus der Festung des Reiches des Irrtums verkündigt werden.
Wiklif wurde aufgefordert, sich vor dem päpstlichen Gerichtshof
zu Rom, der so oft das Blut der Heiligen vergossen hatte, zu verantworten.
Er war durchaus nicht blind gegen die ihm drohende Gefahr,
wäre dieser Aufforderung aber dennoch gefolgt, hätte ihn nicht ein
Schlaganfall die Reise unmöglich gemacht. Konnte er nun auch seine
Stimme in Rom nicht persönlich zu Gehör bringen, so wollte er doch
durch einen Brief sprechen, und dazu war er bereit. - Von seiner
Pfarre aus schrieb der Reformator einen Brief an den Papst, der, obwohl
in achtungsvollem Ton und christlichem Geist gehalten, den
Pomp und den Stolz des päpstlichen Stuhles heftig tadelte. „Wahrlich, ich freue mich“, sagte er, „jedem den Glauben, den
ich halte, kundzutun und zu erklären und besonders dem Bischof
von Rom, der bereitwilligst meinen dargelegten Glauben, soviel ich
für richtig und wahr halte, bestätigen, oder falls er irrtümlich ist, berichtigen
wird.
Erstens setze ich voraus, daß das Evangelium Christi die Gesamtheit
des Gesetzes Gottes ist … Ich halte dafür, daß der Bischof von
Rom, insofern er Statthalter Christi auf Erden ist, vor allen anderen
Menschen am meisten an das Gesetz des Evangeliums gebunden ist.
Denn die Größe der Jünger bestand nicht in weltlicher Würde oder
Ehre, sondern in der nahen und genauen Nachfolge des Lebens und
des Wandels Christi … Christus war während der Zeit seiner Pilgerschaft
hier ein sehr armer Mann, der alle weltliche Herrschaft und
Ehre verwarf und von sich stieß …
Kein treuer Mensch sollte weder dem Papst noch irgendeinem
Heiligen nachfolgen, außer in den Punkten, in denen dieser Jesus
Christus nachgefolgt ist; denn Petrus und die Söhne Zebedäi sündigten,
indem sie nach weltlicher Ehre verlangten, die der Nachfolge
Christ zuwider ist; deshalb sollte man ihnen in jenen Irrtümern nicht
nachfolgen …
Der Papst sollte allen irdischen Besitz und alle Herrschaft der
weltlichen Macht überlassen und dazu seine ganze Geistlichkeit
nachdrücklich bewegen und ermahnen; denn so tat Christus, und
besonders durch seine Apostel.
Habe ich in irgendeinem dieser Punkte geirrt, so will ich mich
demütigst der Zurechtweisung unterwerfen, selbst dem Tode, falls die
Notwendigkeit es so verlangt. Könnte ich nach meinem Wunsch und
Willen in eigener Person wirken, so würde ich mich dem Bischof von
Rom persönlich vorstellen, aber der Herr hat mich auf eine andere
Art heimgesucht und mich gelehrt, Gott mehr zu gehorchen als
Menschen.“
Am Ende seines Briefes sagte er: „Deshalb beten wir zu Gott, daß
er unseren Papst Urban VI. so anregen wolle, daß er mit seiner Geistlichkeit
dem Herrn Jesus Christus in Leben und Sitten nachfolge, daß
sie das Volk wirksam lehren und daß das Volk ihnen wiederum in
denselben Stücken getreulich nachfolge.“ (Foxe, „Acts and Monuments“,
Bd. 2I, S. 49.50; Neander, „Kirchengeschichte“, 6. Per., 2.
Abschnitt, §29) Auf diese Weise zeigte Wiklif dem Papst und seinen Kardinälen
die Sanftmut und Demut Christi, wobei er nicht nur ihnen, sondern
der ganzen Christenheit den Gegensatz zwischen ihnen und dem
Meister, dessen Vertreter sie sein wollten, darlegte.
Wiklif erwartete nichts anderes, als daß seine Treue ihm das Leben
kosten werde. König, Papst und Bischöfe hatten sich vereint, um
seinen Untergang herbeizuführen, und es schien unausweichlich, daß
er in spätestens einigen Monaten den Scheiterhaufen würde besteigen
müssen. Aber sein Mut war unerschüttert. „Man braucht nicht
weit zu gehen, um die Palme der Märtyrer zu suchen“, sagte er. „Nur
das Wort Christi stolzen Bischöfen verkündigt und das Märtyrertum
wird nicht ausbleiben! Leben und schweigen? Niemals! Mag das
Schwert, das über meinem Haupte hängt, getrost fallen! Ich erwarte
den Streich!“ (D'Aubigné, „Geschichte der Reformation“, 17. Buch,
Kap. 8)
Immer noch beschützte Gottes Vorsehung seinen Diener. Der
Mann, der ein ganzes Leben lang unter Lebensgefahr kühn die
Wahrheit verteidigt hatte, sollte dem Haß seiner Feinde nicht zum
Opfer fallen. Wiklif hatte sich nie selbst zu schützen gesucht, sondern
der Herr war sein Schutz gewesen. Als seine Feinde sich ihrer Beute
sicher glaubten, entrückte ihn Gott ihrem Bereich. Als er im Begriff
war, in seiner Kirche zu Lutterworth das Abendmahl auszuteilen, fiel
er, von Schlag getroffen, nieder und verschied kure Zeit darauf.
Gott hatte Wiklif zu seiner Aufgabe berufen. Er hatte das Wort
der Wahrheit in seinen Mund gelegt und ihn allezeit bewahrt, damit
dies Wort durch ihn ins Volk gelangte. Sein Leben wurde beschützt
und sein Wirken verlängert, bis ein Grundstein für das große Werk
der Erneuerung gelegt war.
Wiklif kam aus der Finsternis des Mittelalters. Niemand war ihm
vorausgegangen, nach dessen Werk er seine reformatorische Aufgabe
hätte planen können. Gleich Johannes dem Täufer erweckt, eine besondere
Mission auszuführen, war er der Herold eines neuen Zeitalters.
In dem Gebäude der Wahrheit, die er verkündigte, bestand eine
Einheit und Vollständigkeit, die von nach ihm aufgetretenen Reformatoren
nicht übertroffen, von etlichen sogar hundert Jahre später
nicht erreicht wurde. So breit und tief, so fest und sicher war das Fundament angelegt, daß die Reformatoren, die nach ihm kamen,
darauf weiterbauen konnten.
Die große Bewegung, die Wiklif anbahnte, die das Gewissen und
den Verstand frei machte und die so lange an den Triumphwagen
Roms gespannten Völker befreite, hatte ihren Ursprung in der Heiligen
Schrift. Diese war die Quelle des Segensstromes, der seit dem 14.
Jahrhundert wie Lebenswasser durch die Zeiten fließt. Wiklif nahm
die Heilige Schrift in unbedingtem Glauben als eine von Gott eingegebene
Offenbarung des göttlichen Willens an, als eine untrügliche
Richtschnur des Glaubens und Handelns. Er war erzogen worden,
die römische Kirche als göttliche, unfehlbare Autorität zu betrachten
und die bestehenden Lehren und Gebräuche eines Jahrtausends mit
kritikloser Verehrung anzunehmen; aber er wandte sich von all diesem
ab, um den Lehren des heiligen Wortes Gottes zu lauschen. Dies
war die Autorität, an die zu glauben er das Volk nachdrücklich aufforderte.
Er erklärte, daß nicht die durch den Papst vertretene Kirche,
sondern der in der Heiligen Schrift sich offenbarende Gott die
einzig wahre Autorität sei. Er lehrte nicht nur, daß die Bibel eine
vollkommene Offenbarung des göttlichen Willens ist, sondern auch,
daß der Heilige Geist ihr einziger Ausleger ist und jedermann durch
das Erforschen ihrer Lehren selbst seine Pflicht erkennen muß. Auf
diese Weise lenkte er die Gemüter der Menschen vom Papst und
von der römischen Kirche auf das Wort Gottes.
Wiklif war einer der größten Reformatoren. An Größe des Verstandes,
an Klarheit der Gedanken, an Festigkeit, die Wahrheit zu
behaupten und an Kühnheit, sie zu verteidigen, kamen ihm nur wenige
gleich. Reinheit des Lebens, unermüdlicher Fleiß im Studium
und in der Arbeit, unantastbare Rechtschaffenheit und eine Christus
ähnliche Liebe und Treue in seinem Amt kennzeichneten diesen ersten
Reformator in einem Zeitalter geistiger Finsternis und sittlicher
Verderbtheit.
Wiklifs Charakter ist ein Zeugnis für die bildende, umgestaltende
Macht der Heiligen Schrift. Die Bibel machte ihn zu dem, was er
war. Das Streben, die großen Wahrheiten der Offenbarung zu erfassen,
erfrischt und kräftig alle unsere Fähigkeiten, erweitert den Verstand,
schärft die Vorstellungskraft und reift das Urteilsvermögen.
Das Studium der Heiligen Schrift veredelt wie kein anderes Studium
die Gedanken, Gefühle und jegliches Trachten; es verleiht Zielstrebigkeit,
Geduld, Mut und Geistesstärke; es läutert den Charakter und heiligt
die Seele. Ein ernstes, andachtsvolles Studium der Heiligen Schrift,
welches das Gemüt des Forschers in unmittelbare Berührung mit
dem unendlichen Geist bringt, würde der Welt Menschen bescheren,
die einen schärferen und gesünderen Menschenverstand und edlere
Grundsätze besäßen, als sie je der beste menschliche Weisheitslehrer
hervorgebracht hat. „Wenn dein Wort offenbar wird“, sagt der Psalmist,
„so erfreut es und macht klug. Psalm 119,130.
Die Wahrheiten, die Wiklif gelehrt hatte, breiteten sich eine Zeitlang
weiter aus. Seine als Wiklifiten und Lollarden bekannten Nachfolger
durchzogen nicht nur England, sondern zerstreuten sich auch
in andere Länder und brachten ihnen die Kenntnis des Evangeliums.
Jetzt, da ihr geistiger Führer von ihnen genommen war, arbeiteten die
Prediger mit noch größerem Eifer als zuvor; große Volksmengen
strömten zusammen, ihren Lehren zu lauschen. Einige Adlige und
sogar die Gemahlin des Königs waren unter den Bekehrten. An vielen
Orten zeigte sich eine bemerkenswerte Umgestaltung der Gebräuche
des Volkes, und auch die irreführenden Sinnbilder des
Papsttums wurden aus den Kirchen entfernt. Bald jedoch brach der
erbarmungslose Sturm der Verfolgung über jene los, die es gewagt
hatten, die Heilige Schrift als ihren Führer anzunehmen. Die englischen
Fürsten, eifrig darauf bedacht, ihre Macht zu stärken, indem
sie sich Roms Beistand sicherten, zögerten nicht, die Reformatoren
dem Untergang zu weihen. Zum erstenmal in der Geschichte Englands
wurde der Scheiterhaufen für die Jünger des Evangeliums aufgerichtet.
Ein Märtyrertum folgte dem andern. Die geächteten und
gefolterten Verteidiger der Wahrheit konnten nur zu Gott, dem
Herrn, schreien. Als Kirchenfeinde und Landesverräter verfolgt, ließen
sie dennoch nicht ab, an geheimen Orten zu predigen, wobei
sie, so gut es ging, in den bescheidenen Wohnungen der Armen Zuflucht
fanden und sich oft in Gruben und Höhlen verbargen.
Trotz des Rasens der Verfolgung wurde jahrhundertelang ein ruhiger,
in christlichem Geist geführter, ernster und geduldiger Widerstand
gegen die vorherrschende Verderbnis der Religion fortgesetzt. Die Christen der damaligen Zeit kannten die Wahrheit nur teilweise,
aber sie hatten gelernt, Gottes Wort zu lieben, ihm zu gehorchen und
um seinetwillen geduldig zu leiden. Gleich den Gläubigen in den
apostolischen Tagen opferten viele ihren weltlichen Besitz für die Sache
Christi. Die in ihren eigenen Wohnungen sein durften, gewährten
ihren vertriebenen Brüdern freudig Obdach, und als auch sie
vertrieben wurden, nahmen sie das Los der Verstoßenen freudig auf
sich. Allerdings erkauften Tausende, erschreckt durch die Wut ihrer
Verfolger, ihre Freiheit, indem sie ihren Glauben opferten. Sie verließen
ihre Gefängnisse in Bußkleidern, um ihren Widerruf öffentlich
bekanntzumachen. Doch die Zahl derer - und darunter befanden
sich Männer von adliger Herkunft ebenso wie Geringe und Niedrige
-, die in Gefängniszellen, in „Lollarden-Türmen“, bei Folterschmerzen
und Flammen furchtlos für die Wahrheit zeugten und sich freuten,
daß sie würdig erachtet wurden, „die Gemeinschaft der Leiden“
Christi zu erfahren, war nicht gering.
Es war Rom nicht gelungen, Wiklif bei Lebzeiten den Willen der
Kirche aufzuzwingen, und Roms Haß konnte nicht befriedigt werden,
solange dessen Leib friedlich im Grabe ruhte. Einem Erlaß des Konzils
zu Konstanz zufolge wurden seine Gebeine mehr als vierzig Jahre
nach seinem Tode ausgegraben, öffentlich verbrannt und die Asche
in einen benachbarten Bach gestreut. „Der Bach“, sagt ein alter
Schriftsteller, „führte seine Asche mit sich in den Avon, der Avon in
die Severn, die Severn in die Meerengen und diese in den großen
Ozean; und somit ist Wiklifs Asche ein Sinnbild seiner Lehre, die
jetzt über die ganze Welt verbreitet ist.“ (Fuller, „Church History of
Britain“, 4. Buch, 2. Abschnitt, § 54.) Seine Feinde erkannten kaum
die Bedeutung ihrer gehässigen Tat.
Von Wiklifs Schriften angeregt, sagte sich Jan Hus in Böhmen von
vielen Irrtümern der römischen Kirche los und begann eine auf Erneuerung
abzielende Tätigkeit zu entfalten. So wurde in diesen beiden
so weit voneinander entfernten Ländern der Same der Wahrheit
gesät. Von Böhmen erstreckte sich das Werk auf andere Länder. Der
Sinn der Menschen wurde auf das lange Zeit vergessen gewesene
Wort Gottes gerichtet. Gott bereitete der großen Reformation den
Weg. :o
Re: John Wyclif
Xantos - 06.01.2008, 00:53Re: John Wyclif
Eine kleine Randbemerkung sorry, aber dieser Text ist zu lang. Liebe Grüsse Regenbogen
Re: John Wyclif
Xantos - 06.01.2008, 00:54Re: John Wyclif
@regenbogen
Der Text ist nur für Vielleser. Oder zum Ausdrucken. Du hast ganz recht, fürs Forum ist er viel zu lang.
@gutenbergzwerg
Freut mich, dass dir der Text gefällt. Ich habe ihn auch versucht hier zu posten, aber das hat nicht geklappt. Egal, jetzt steht er ja hier Smiley
viele Grüße
Tricky
Mit folgendem Code, können Sie den Beitrag ganz bequem auf ihrer Homepage verlinken
Weitere Beiträge aus dem Forum Nachtperle's Plauderecke
Die Gemeinde - gepostet von Sonnenschein am Donnerstag 19.04.2007
Erklärungsurl - gepostet von Nachtperle am Montag 23.04.2007
Ähnliche Beiträge wie "John Wyclif"
Mark St. John - Micha (Sonntag 18.06.2006)
John Cena schrieb: kannst ja themen eröffnen und sow =) - zweag (Montag 03.10.2005)
John Cleese - Spenser (Montag 28.02.2005)
John Frusciantes Equipment - Saluipeppers (Mittwoch 25.10.2006)
John B - Pennyless (Dienstag 12.09.2006)
The Tale of: Sir John Mc Thorne - BadDrizztfan (Samstag 02.06.2007)
Vom Club Auf die Strasse - Das Mixtape (pres. by Jonesmann) - Anonymous (Sonntag 15.06.2008)
Werwolf [m.m] evil john 70 Gold - Terrentec2 (Sonntag 05.02.2006)
John Locke - caitlin (Sonntag 18.02.2007)
John Cena on Stage , honeys - John Cena (Freitag 25.06.2004)
