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Re: War Paulus frauenfeindlich eingestellt?
Nachtperle - 05.01.2008, 20:52War Paulus frauenfeindlich eingestellt?
War Paulus frauenfeindlich eingestellt?
Bevor ich auf das eigentliche Thema eingehe, einige Vorbemerkungen:
1. Im Schöpfungsbericht wurde die Gleichwertigkeit von Mann und Frau vor Gott und untereinander schon deutlich gemacht; beide sind im Bilde Gottes erschaffen, die Frau wird gleichsam vom Manne genommen, und sie sollen ein Fleisch sein. ‚Ein Fleisch‘ zu sein bedeutet mehr als nur eine Sexualbeziehung; von keinem der anderen Geschöpfe, die zum Zwecke der Vermehrung Sexualbeziehungen haben, wird davon gesprochen, daß sie ‚ein Fleisch‘ würden. Dagegen macht die Schrift deutlich, daß unter diesem Begriff ein 'Einswerden' in Liebe zu verstehen ist. Paulus sagt, daß niemand sein 'eigenes Fleisch' je gehaßt habe (Eph. 5:29).
2. Nach dem Abfall in Eden entwickelte sich eine dominante Männergesellschaft auf Kosten der Frau, was sich schon in der frühzeitigen Einführung der Polygamie zeigte, die Gott zwar weder wollte noch billigte, jedoch in seinem Gesetz regelte, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern (Matth. 19:5-8). Durch das Gesetz sorgte er besonders für die Schwachen, wie für Witwen und Waisen sowie auch für ungeliebte Frauen und deren Kinder (2.Mose 21:10; 5.Mose 21:15-17); sogar Regelungen für das Erbrecht von Töchtern waren vorgesehen (4.Mose 27). Allerdings war alles weit entfernt von den ursprünglichen Absichten Gottes, die erst unter Christus wieder hergestellt werden sollten und sollen.
3. Das zeigte sich besonders im Verhalten und Benehmen Jesu gegenüber Frauen; er hatte ein zwangloses, offenes Verhalten gegenüber Frauen, wurde sogar von einigen begleitet, was für einen jüdischen Rabbi völlig ungewöhnlich war (Luk. 8:1-3). Als er am Brunnen Jakobs (Johannes 4) im Gespräch mit einer Samariterin befunden wurde – einem Gespräch, in dem er mehr von sich offenbarte als in vielen Gesprächen mit Juden, selbst Pharisäern - , wunderten sich seine Jünger sehr; nur der Respekt vor ihrem Herrn hielt sie zurück, ihrem Erstauen Ausdruck zu geben (Vers 27). Auch seine Gespräche mit der Frau in Tyrus oder mit der Erkrankten, die sein Gewand berührte und geheilt wurde (Matth. 15:28; Mark. 5:34), zeigen seine offene und achtungsvolle Haltung gegenüber Frauen. Er scheute auch nicht zurück vor dem Kontakt mit stadtbekannten Sünderinnen (Luk. 7:37-39). Er war ja gekommen, Sünder zu retten!
4. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß Gott durch seine Engel die Auferstehungsnachricht Frauen anvertraute, um sie den Jüngern zu überbringen, obwohl damals das Zeugnis einer Frau im Orient nicht anerkannt wurde, und daß die erste Person, die den Auferstandenen zu Gesicht bekam, eine Frau war (Matth. 28; Mark. 16; Joh. 20). Sollte man bei dieser Haltung des Herrn selbst annehmen, daß ein Paulus sich als ein Frauenfeind erweisen würde? Sollte er die Haltung Jesu gleichsam 'zurückdrehen', er, der nichts mehr kannte als Christus allein (1.Kor. 2:2; Gal. 2:20)?
Frauen in der Apostelgeschichte
Daß die Haltung Jesu gegenüber Frauen schon vor Pfingsten auf die Jünger abgefärbt hatte, zeigt Apostelgeschichte 1:14! Dort wird berichtet, daß sie einmütig im Gebet verharrten zusammen mit Frauen, etwas, was für die damalige Zeit völlig ungewöhnlich war. Jüdische Männer und Frauen beteten nicht gemeinsam; für eine jüdische Gebetsversammlung war eine bestimmte Anzahl von Männern erforderlich; Frauen zählten nicht! Das, was hier von den Nachfolgern Jesu berichtet wird, war neu: Männer und Frauen beteten gemeinsam! Hier wurde schon gelebt, was später in Galater 3:28 – gerade von Paulus – so formuliert wurde: 'da ist nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus'.
Die Anerkennung der Frau als selbständige Anbeterin vor Gott bedeutete auch eigene Verantwortlichkeit. Während zum Beispiel in Josua 7 die Familie Achans das Geschick des verantwortlichen Familienhauptes erleiden mußte, hatte gemäß Apostelgeschichte 5:7-9 Saphira die Möglichkeit, für ihr Verhalten und Geschick selbst einzutreten; sie war nicht mehr automatisch an das Los des Ehemannes gebunden.
Interessant ist auch, daß in Apostelgeschichte 9:36 von einer ‚Jüngerin‘ Tabitha gesprochen wird, was zeigt, daß auch der Ausdruck 'Jünger' sich keineswegs nur auf Männer bezog oder daß diese Bezeichnung ein männliches Vorrecht gewesen sei.
Als Paulus nach Apostelgeschichte 16 den Auftrag erhielt, mit der Botschaft Jesu nach Mazedonien zu gehen, war die erste Person, die den Christlichen Glauben annahm, eine Frau! Der erste Christ in Europa, Lydia, eine Frau! Und Paulus, der viel geschmähte Frauenfeind, war darüber offensichtlich nicht enttäuscht! Er blieb sogar mit dieser Gemeinde, die sich dort bildete – möglicherweise in Lydias Haus – stets in besonders enger Verbindung! Seine Freude kommt im Brief an die Philipper besonders zum Ausdruck, so sehr, daß man den Brief an die Philipper auch den 'Brief der Freude' genannt hat.
In Apostelgeschichte 17:34 wird ebenfalls eine Frau unter den wenigen Bekehrten in Athen erwähnt, was für antike Verhältnisse durchaus ungewöhnlich ist. Im 18. Kapitel lernen wir dann ein Ehepaar kennen, Aquila und Priscilla, die, wenn sie erwähnt werden, immer zusammen genannt werden, häufig sogar die Ehefrau an erster Stelle, weil sie möglicherweise der aktivere Teil der beiden war. Es wird sogar berichtet, daß sie einen jüdischen Gelehrten (18:24) – Apollos – genauer im christlichen Glauben unterrichtete.
Nach Apostelgeschichte 21:8-9 ist Paulus bei dem Evangelisten Philippus zu Gast, dessen vier Töchter weissagten; Paulus scheint nichts dagegen gehabt zu haben; nach seinen Briefen zu urteilen, schätzt er ja, wenn Christen prophezeiten, und wie hätte er sich nicht freuen sollen, wenn Gott seinen Geist auf Menschen legt, ob Männer oder Frauen!
Aus all diesen Hinweisen und Bemerkungen der Apostelgeschichte, die durchaus keine Abhandlung über die Stellung der Frau in der Christenversammlung abgibt – darüber zu schreiben wäre einem Lukas nicht eingefallen -, kann man aber die andersgeartete Stellung der Frau in der Christenversammlung im Vergleich zum Judentum und erst recht zum Heidentum erkennen. Gewiß war diese Stellung im öffentlichen Leben noch nicht unabhängig von der Umwelt und sollte sich im Laufe der Jahrhunderte noch ändern – nicht immer zum Guten! Aber es war eine ganz neue Würde und Identität, die der Frau hier gegeben wurde, was auch eine neue Beziehung zwischen Männern und Frauen einschloß, die, wie die folgenden Jahrhunderte zeigten, durchaus nicht allen Männern gefiel.
Welchen Standpunkt nahm Paulus ein?
Wie hat Paulus die Stellung der christlichen Frau gesehen? Sah er sie nur im Zustand der Unterwerfung, der Stille? Welchen Platz gab er den Frauen? Wollte er ihnen ein Lehrverbot auferlegen? Um den vielen schon geäußerten Meinungen nicht einfach noch eine weitere hinzuzufügen, fragen wir doch Paulus selbst! Sein Brief an die Römer ist sicherlich sein wichtigster Brief; Paulus war noch nicht in der Gemeinde von Rom gewesen, wenn er auch viele Christen dort persönlich oder von Berichten her kannte. Es wurde in jener Zeit der 'pax romana' viel gereist im Mittelmeerraum! Paulus wollte die Römer für sein Evangelium der Gnade gewinnen und Rom zum Ausgangspunkt für geplante Reisen ins westliche Mittelmeer machen. Darum ist interessant und informativ, wie er seinen wichtigsten Brief in Kapitel 16 zu Ende führt. Zuerst empfiehlt er eine in Rom unbekannte Glaubensschwester, Phöbe, eine 'Dienerin' der Gemeinde zu Kenchreä. Kenchreä war die Hafenstadt von Korinth; in Korinth hatte Paulus den Brief geschrieben. Wenn er sie den dortigen Christen empfiehlt, muß sie also mit dem Brief zusammen angekommen sein. Daraus schließen alle Kommentatoren zu recht, daß Phöbe die Überbringerin des Briefes an die Römer gewesen ist. Man stelle sich das vor: Paulus vertraute den wichtigsten Brief des Neuen Testaments, den Brief an die Römer, einer Frau zur Beförderung an. Der Brief, der die Substanz der Lehre Jesu konzentriert enthielt, einer Frau anvertraut, die in der damaligen Welt nicht einmal als Zeugen vor Gericht anerkannt wurde! Und das von einem 'Frauenfeind'? Ich stelle mir heutige Kirchen- oder Organisationsfürsten vor! Würden sie die wichtigste Botschaft, die sie besäßen, Frauen anvertrauen? Nach meinen Erfahrungen undenkbar!
Und wie empfiehlt er Phöbe? Schreibt er etwa an die dortigen Brüder: 'sagt bitte der Phöbe, was sie zu tun hat'? Nein, er sagt: 'steht ihr bei, worin immer sie euch braucht'! Sie soll bestimmen, was sie benötigt, und die römischen Christen sollten ihr dabei Hilfe leisten. Sie war die wichtige Person!
Im nächsten Vers wird das schon genannte Ehepaar gegrüßt, Priscilla wieder an erster Stelle! Und Paulus schreibt nicht, daß sie endlich aufhören soll, Männer wie zum Beispiel Apollos zu belehren, sondern nennt sie voll Freude seine Mitarbeiterin in Christus Jesus! Die beiden ersten Personen, die in Römer 16 erwähnt werden, sind also Frauen! Wie würden im vergleichbaren Fall wohl heutige örtlichen Würdenträger oder Älteste reagieren?
Dann werden in diesem wichtigsten Brief des Christentums weitere Frauen gegrüßt: Maria, Junias, Tryphäna und Tryphosa, Persis, dann die Mutter des Rufus, Julia, Olympas usw.
Wenn man vergleicht, wie heutige Religionsführer ihre wichtigen Schreiben abfassen, dann kann ich bei Paulus durchaus keine Frauenfeindschaft feststellen, sondern ein Leben nach seinem Wort: 'da ist nicht Mann noch Frau, sondern ihr seid einer in Christus'! Er tritt ein für die Taufe aller und befreit die Christen von den Beschränkungen des alten Bundes; er kämpft gegen das den Männern vorbehaltene Bundeszeichen der Beschneidung, das diese allein unmittelbar unter den Bund stellte, und wirkt für die Gleichheit von Männern und Frauen vor Gott.
Allerdings ist er kein Sozialreformer, wie er dies auch in der Frage der Sklaverei nicht ist. Er versteht, daß im Christentum Menschen nicht ihre Brüder versklaven dürfen (Philemon 15-16), aber das würde das Evangelium durch seinen Geist im Laufe der Zeit bewirken; in gleicher Weise dürften Christen nicht Frauen unterdrücken oder mißbrauchen; das Evangelium würde in seiner Kraft die Frau als Mensch wieder zum Gefährten des Mannes machen, so wie es ja schon die Stellung der Frau angehoben hatte unter den Christen. Aber das war nicht die aktuelle Aufgabe von Paulus. Seine Aufgabe war es, Menschen durch die Botschaft von Jesus zur Rettung zu führen, und dazu war er bereit, 'jedem alles zu werden', das heißt, auf viele Rechte zu verzichten, um Menschen zu retten.
1.Timotheus 2:9-15
Dennoch fragen sich viele, warum Paulus im 1. Timotheus-Brief Worte geäußert hat, die seit Jahrhunderten mißbraucht wurden, um Frauen zu unterdrücken. Wie stimmt das mit dem bisher Gesagten überein? Paulus schreibt dort an Timotheus: '...ebenso, daß auch die Frauen sich in würdiger Haltung mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, sondern mit dem, was Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen, durch gute Werke. Eine Frau lerne in der Stille in aller Unterordnung. Ich erlaube aber einer Frau nicht zu lehren, auch nicht über den Mann zu herrschen, sondern ich will, daß sie sich in der Stille halte ... Sie wird aber durch das Kindergebären hindurch gerettet werden....'.
Es ist ein guter Grundsatz, bestimmte Texte im Zusammenhang zu lesen und auch zu erklären. Der 1. Brief an Timotheus zählt zu den sogenannten 'Pastoralbriefen', Briefen also, die an eine Einzelperson, an 'Hirten' in bestimmten Situationen mit bestimmten Problemen gerichtet waren. Auch wenn wir heute noch bei vergleichbaren Situationen daraus Nutzanwendungen ziehen können und sollen, müssen wir diese Briefe und ihren Inhalt für die damalige Zeit im Lichte dieser besonderen Gegebenheiten und ihres Umfeldes sehen.
Timotheus war Aufseher in Ephesus (1.Tim. 1:3); Ephesus war das Zentrum des Diana-Kultes, sowohl der orientalischen wie auch – da die Bewohnen dem griechischen Kulturkreis angehörten und überwiegend Griechen waren – der griechischen Diana, einer Göttin 'ohne Mann'. Diese Diana galt als Mittlerin zwischen den Menschen und den höchsten Göttern; ihr Kult lehrte die Überlegenheit der Frau über den Mann und mißachtete die Geburt von Kindern (nicht unbedingt ein Kult der Jungfräulichkeit, aber ein Kult der Kinderlosigkeit). Ephesus war damit ein Zentrum des Okkultismus und des antiken Feminismus. Es war ein Kult der männerlosen Frau und schloß die Vorherrschaft der Frau und die Erniedrigung der Männer ein (man denke an die griechische Sage von Akteion: dieser junge Mann hatte die Göttin Diana mit ihren Nymphen beim Bade beobachtet, wurde dabei entdeckt und deshalb von ihr in einen Hirsch verwandelt, der dann von ihren Jagdhunden zerrissen wurde). Es ist somit nicht verwunderlich, daß in Ephesus durch Frauen, die vorher dem Kult der Diana gehuldigt hatten, in der Gemeinde nun Probleme besonderer Art entstanden, die möglicherweise bis zu dem Versuch gingen, die in jenem Kult praktizierte Vorherrschaft über den Mann weiter auszuüben. Hier war es daher nicht nötig, die Stellung der Frau anzuheben, sondern deren 'Überhebung' auf das biblische Maß zurückzuführen. Nur vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, daß zuerst – in Kapitel 2:5, deutlich gemacht werden muß, daß es nur e i n e n Mittler gibt, Christus, und nicht etwa eine weitere wie Diana (oder vielleicht Maria), auch nicht als Mittlerinnen von besonderen Offenbarungen, ferner daß Frauen nicht über Männer herrschen sollen; hier waren die Worte der Verse 9-14 als ‚Lernlektionen‘ angebracht, nicht um Frauen zu unterdrücken, sondern um die biblische Schöpfungsordnung zu rehabilitieren und wieder einzurichten: Gleichheit in der Schöpfung! Insoweit allein kann ich auch den Vers 15 verstehen, der zeigen soll, daß Kinderlosigkeit kein Vorzug ist, sondern 'sie werden auch durch Kindergebären gerettet, wenn sie in Glauben und Liebe...' bleiben. Unter anderen Bedingungen gäbe der Vers wenig Sinn, und Kindergebären an sich ist kein Verdienst.
So verstehe ich diese Verse, über die man gern Gedanken und Meinungen austauschen kann. Worauf es mir ankommt, ist zu zeigen, daß Paulus kein Frauenfeind war; allerdings war er auch kein Revolutionär, der stürmisch voranging! Er war ein Hirte, der mit der Herde ging, im Tempo, dem die Schafe folgen konnten. Ihm war an der Herde gelegen, daß Grieche mit Griechen, Jude mit Juden gehen konnten. Er wollte die Gemeinde, die ekklesia aufbauen, nicht Anstoß geben. In Römer 16 zeigt er seine große Freiheit, während andere Texte in bestimmten Situationen und unter ganz bestimmten Umständen das vordringliche Ziel haben, die Gemeinde, den Leib Christi aufzubauen und nicht – durchaus vorhandene – Rechte durchzusetzen. Doch auch er sah die christlichen Frauen nur vor Gott auf den Knien, nicht vor Männern der Gemeinde; vor ihnen durften sie als Christinnen bei Christen stehen!
Leider haben viele Kirchen und Gemeinschaften die Worte von Paulus selektiv missbraucht zur Unterdrückung der Frauen. Paulus selbst hat vor solchen 'Wölfen' in den Gemeinden gewarnt, die sich zum Herrn über die Herde machen würden. Er selbst hat sich nie zum Herrn seiner Brüder gemacht; er blieb ein Hirte, ein Hirte mit Herz, für Frauen und Männer in Christus Jesus!.
Es gibt wohl keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß Paulus gottergebene Frauen sehr schätzte und ihnen einen hohen Wert beimaß. Ich habe versucht, das bei der Besprechung von Römer 16 zu zeigen; besonders auffällig war da ja, dass er wie in 2.Timotheus 4:19 Priscilla vor ihrem Ehemann erwähnt. Der Grund mag sein, daß Priscilla ihren Mann im Verständnis der Schrift überragte. Bemerkenswert ist auch der Hinweis von Paulus auf die Mutter und Großmutter von Timotheus, Lois und Eunike, in 2.Timotheus 1:5!
Mit dem Text in Galater 3:28 zeigte Paulus, dass fleischliche Unterschiede absolut keinen Einfluß haben auf die geistliche Stellung vor Gott, die jemand als Einzelner besitzen mag. Rasse, soziale Stellung und geschlechtliche Unterschiede sind kein Hindernis für irgend eine Person, ein völlig anerkanntes Kind Gottes zu werden und zu sein (1.Joh. 3:1). Es gibt in der geistlichen Familie Gottes nicht zwei Arten von Kindern – männliche und weibliche: alle sind „Söhne Gottes„.
So wie christliche Sklaven in Bezug auf ihre Herrn, so besassen auch christliche Ehefrauen in Bezug auf ihre Ehemänner vor Gott die geistliche Gleichwertigkeit. Für Sklaven konnte dies eine Versuchung bedeuten, auf ihre ungläubigen Herren herabzusehen und verächtlich von ihnen zu denken oder sich gegenüber ihren gläubigen Herrn ungeziemende Freiheiten herauszunehmen. Auch für Frauen könnte die Versuchung entstehen, unter völliger Durchsetzung ihrer christlichen Freiheit, die sie gewonnen hatten, nun ihren Platz als gottesfürchtige Frauen zu verlassen und damit das Evangelium in der Gesellschaft, in der sie lebten, in Misskredit zu bringen. Etwas in dieser Art schien in Korinth und wohl auch in Ephesus geschehen zu sein. (Da das griechische Wort „anthros„ sowohl Mann als auch Ehemann bedeutet, geben manche Übersetzungen wie zum Beispiel die von Weymouth und die von Knox Verse wie der in 1.Timotheus 2:12 dieses Wort mit „Ehemann„ wieder).
Grundsätzlich wollte Paulus zeigen, dass Christinnen durch ihre christliche Freiheit nicht plötzlich in einer völlig anderen Gesellschaft lebten; sie sollten jetzt nicht die Stellung ihrer Ehemänner (oder anderer Männer) usurpieren; sie sollten ihre Freiheit nicht gebrauchen, um gleichsam wie ein sozialer „Sprengsatz„ zu wirken – eher wie ein langsam wirkendes Ferment. Da es das christliche Ziel war, Menschen für die gute Botschaft zu gewinnen, hätte ein für Aussenstehende respektlos und peinlich erscheinendes Verhalten das Christentum nicht empfohlen. Die Verhaltensempfehlung, die Petrus Frauen in 1.Petrus 3:1 (mit dem ausdrücklichen Ziel, die Männer für das Evangelium zu gewinnen) gab, würde natürlich auch für ein Verhalten unter Gläubigen sinnvoll sein. Denn alle Gläubigen, Männer und Frauen, waren Glieder e i n e r geistlichen Familie und sollten sich gegenseitig in rechter Weise respektieren.
Christen sollten sich nicht so verhalten, dass sie Menschen der Kultur, in der sie leben, schockieren würden. In diesem Sinne verstehe ich auch die Ausführungen von Paulus in 1.Korinther 11. Wenn Sitten und Gebräuche der Bibel nicht widersprechen – auch wenn sie nicht ausdrücklich geboten werden -, dann sollte man bei diesen Sitten bleiben und nicht – weil man die Freiheit dazu hätte – Hindernisse in den Weg anderer legen, indem man ihnen Anlass gibt zu Fragen, welche den Anstand und die Angemessenheit des eigenen Verhaltens betreffen. Damit sind natürlich Sitten und Gebräuche nicht „festgeschrieben„, sie können sich ändern, und damit auch das Verhalten von Christen. Es soll hier auch nicht „Autoritäten„ das Wort geredet werden, die unter Missbrauch biblischer Texte das Leben von Menschen bis in die privatesten Bereiche hinein „regeln„ möchten.
Wenn man aus den Worten von Paulus ein „Regelwerk„ konstruieren will, dann geht meines Erachtens der Sinn seiner Worte verloren. Seine Briefe sind Briefe eines von Gottes Geist geleiteten Apostels, Briefe, die von Problemen unter Mitgläubigen in einer bestimmten Kultur und Zeit handelten. Die Grundsätze, die er zur Anwendung bringt, ändern sich natürlich nicht (auch der Grundsatz der „Nächstenliebe„ kann in verschiedenen Zeiten und Kulturen unterschiedlich zum Ausdruck kommen). Christen sind Glieder e i n e r geistlichen Familie, und es sollte alles vermieden werden, was zerstörerisch wirkt auf das natürliche Empfinden von Anstand und passendem Verhalten, was innerhalb dieser Familie Sitte ist. Weder Männer noch Frauen sollten ihre christliche Freiheit missbrauchen .Frauen sollten durch ihr Verhalten weder ihre Männer bloßstellen noch das Christentum in den Augen anderer herabsetzen. Kinder sollten ihre Eltern in rechter Weise achten. Ehemänner sollten ihre Frauen und Kinder in liebevoller und fürsorglicher Weise behandeln.
Meines Erachtens darf man das Wort vom ‚Schweigen‘ der Frauen auch nicht zu eng verstehen. Es gibt zum Beispiel das Wort: „Gut erzogene Kinder sollten weder gesehen noch gehört werden„; niemand würde diesen Satz so verstehen, daß Kinder nicht reden dürften; sie sollten vielmehr durch ihr Verhalten nicht das Familienleben gleichsam „sprengen, zertrümmern„, sondern sich als Glieder der Familie einfügen und auch erkennen, wann es an der Zeit ist, zuzuhören und von anderen zu lernen.
Wir kennen heute nicht die Einzelheiten der Verhältnisse in Korinth oder Ephesus, die zu den Worten von Paulus geführt haben. Doch können wir davon ausgehen, dass jene Christen, die seine Worte hörten, die Verhältnisse kannten und auch verstanden, welche geistlichen Ziele mit den Ratschlägen von Paulus angestrebt wurden. Wie die Christen des ersten Jahrhunderts, so haben auch wir heute durchaus ein Gefühl dafür, was anständig, passend und geeignet ist, wenn es um ein annehmbares oder unannehmbares Verhalten in Familie oder innerhalb der christlichen Bruderschaft gehen mag. Insoweit sind die Worte von Paulus bei aller Zeitbedingtheit dennoch zeitlos. Der Punkt ist: verletzen wir durch unser Verhalten – auch wenn wir die christliche Freiheit für unser (beabsichtigtes) Tun haben – das allgemeine Gefühl für Anstand und Schicklichkeit und bringen dadurch die gute Botschaft Gottes in Verruf? Verhält sich eine Frau in einer Weise, auch in Bezug auf ihr Verhalten gegenüber ihrem Ehemann oder anderen Männern, die in ihrer bestehenden Kultur und ihrem sozialen Umfeld als anstößig und Ärgernis erregend gilt? Das Ganze gilt natürlich entsprechend auch für das Verhalten der Männer.
Die Worte von Paulus als „Regeln„ oder extrem auszulegen, führte oft zu lächerlichem Verhalten (zum Beispiel dass Frauen Taschentücher auf den Kopf legten, wenn sie .... den Rest kennt ihr ja). Seltsam auch, dass Männer die Gebete ihrer Frauen nicht hören sollen (denn bei Anwesenheit der Männer sollen ja diese beten), wo doch die Schrift über Gebete von Frauen berichtet, die heute von Männern und Frauen gelesen werden können. Es geht viel verloren, wenn der Geist der Briefe eines Apostels nicht mehr verstanden wird; und leider gibt es Leute, die auf der Bedeutung und der Anwendung bestimmter Worte beharren, die dem ganzen Tenor, dem ganzen Sinn und der Absicht der Schrift fremd sind.
Ich habe nicht darüber zu entscheiden, welche Rolle bestimmte Religionen und Gemeinschaften ihren weiblichen Gläubigen auferlegen oder nicht auferlegen, übertragen oder nicht übertragen, aber ich denke, dass ich schon erkennen kann, wenn bestimmte „Rollenzuweisungen„ nicht geeignet erscheinen, der Würde der Frau als einem voll verantwortlichen Kind Gottes gerecht zu werden und zu einem schicklichen und passenden Verhalten beitragen, das für eine liebevolle „christliche Familie„ unter ihrem Herrn Christus kennzeichnend sein sollte. Gleichzeitig fehlt es mir aber auch nicht an Einsicht, daß man mein Verständnis dieser Gedanken von Paulus nicht oder nicht in allen Punkten teilen muß. Doch mögen meine Ausführungen wenigstens dazu beitragen, das Thema einmal – unabhängig von vorgegebenen gemeinschaftsbedingten Strukturen oder vorgefasster Ideologien – zu bedenken.
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