Deceit / Betrug

Tokio Hotel - Fanfictions
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    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 12.01.2006, 17:11

    Deceit / Betrug
    Autor: coffee_fairy
    Art der Story: Lime
    Hauptpersonen: Celina, Anne und Gustav
    Rating: PG-14
    Warnungen: Nix weiter denke ich, man müsste mit allem soweit klarkommen.
    Disclaimer: Die gesamte Geschichte ist rein fiktiv! Ich habe keine Besitzansprüche auf Tokio Hotel und die Bandmitglieder und habe nicht vor ihnen durch die Geschichte in irgend einer Form zu schaden. Es entstehen keine kommerzielle Vorteile durch die FF.
    Claimer: Celina und Anne entspringen meiner eigenen Phantasie... Ansonsten ist aber nichts wirklich meins.
    Summary : Celina wird von ihrer Freundin Anne ständig mit Tokio Hotel genervt, ist aber nicht an ihnen interessiert bzw. mag sie nicht. Sie trifft unerwartet auf Gustav und verliebt sich in ihn, ohne zu ahnen, dass er Teil der Band ist, die sie so verabscheut...



    Prolog

    Im Nachhinein ist es schwer für mich zu begreifen, wie alles so kam, wie es jetzt ist. Wie ich es heute in Gedanken betrachte.
    Es liegt einfach in der Natur des Zufalls ihn nicht nachvollziehen zu können, doch der Übergang zwischen Zufall und Schicksal ist fließend. So wie ich jetzt hier sitze, ist es mit Sicherheit übertrieben so große Worte wie Schicksal zu durchdenken - wenn man so will den Sinn des Lebens, denn das ist mit Sicherheit nicht wie es angefangen hat und das ist wahrscheinlich auch nicht, wie es geendet ist. Doch gibt es trotzdem Momente in denen man es in Gedanken gerne zu weit treibt, in denen eine kleine Verletzung durch eine Verkettung unglücklicher Umstände lebensbedrohlich wird, in denen ein bisschen Herzschmerz das Ende der Welt einläutet.
    So fühle ich mich jetzt, wenn auch weniger negativ.
    Ich sitze auf dem Sessel vor meinem Fenster, die Knie angezogen und schaue nach draußen. Den Kopf auf die Hände gestützt denke ich nach, über alles was war. Darüber, wie es weitergehen soll. Ich bin mir bewusst, dass es weitergehen wird, in jedem Fall- und ich will auch, dass es das tut,… Aber für einen Moment bleibt alles stehen und tut so, als wäre es davor einfach zusammenzufallen und wider seine Natur eben doch nicht weiterzugehen.
    Es macht mich nicht mehr traurig Ich versuche es nicht weiter zu rechtfertigen. Ich akzeptiere es.
    Und trotzdem komme ich nicht umhin wieder zurück zu denken an eine Zeit, in der ich nicht, wie jetzt, acht Monate gealtert bin – gefühlt 24 Monate.

    -----

    Es war November und das Wetter verhielt sich dementsprechend. Die nervenaufreibende Zeit zwischen Herbst- und Weihnachtsferien war angebrochen und ich war im Stress.
    Oder sollte es zumindest sein.
    Jemand hat mir mal gesagt, die 11. Klasse wäre eine der schwersten. Jemand anderes behauptete es ginge kaum noch einfacher.
    Ich befand mich irgendwo dazwischen und kümmerte mich nicht groß darum. Es war mir nicht wichtig Bestnoten zu bekommen – hauptsächlich wollte ich versetzt werden und das klappte seit Jahren so gut wie automatisch, ohne größere Anstrengungen. Klar hätte ich besser sein können, doch der Aufwand dafür hätte in keinem Verhältnis zu dem Ergebnis gestanden- dachte ich.
    Der Automatismus, mit dem ich durch die Schuljahre zog und ansonsten meine Freizeit genoss war anderen allerdings weniger vergönnt - so meiner besten Freundin Anne.
    Sie bemühte sich sehr, doch besonders in Deutsch und Physik hatte sie arge Probleme damit, noch eine vier in den Arbeiten zu schreiben.
    Ich bot mich an ihr zu helfen und so verbrachte ich in eben jenem November jeden Montag und Donnerstag mit ihr um zu lernen.
    Wir unternahmen auch sonst so gut wie jeden Tag was, doch es war mir wichtig, dass sie das Jahr nicht wiederholen musste und so opferten wir eben diese Nachmittage um wirklich etwas zu schaffen und nicht nur zu tratschen… Nur am Rande ein bisschen.
    Ich höre wirklich gerne Musik und lege mich auch auf kein bestimmtes Genre fest, doch was man sich damals in den Charts antun musste, war echt nicht mehr feierlich und so interessierte es mich auch nicht sonderlich, als Anne an einem Donnerstagabend, als wir anfingen die Bücher einzupacken und die Milch für einen heißen Kakao zu erhitzen, mal wieder von ihrer Lieblingsband berichtete.
    Mittlerweile kannte ich Tokio Hotel in- und auswendig. Unfreiwilligerweise. Es verging so gut wie kein Tag, an dem sie nicht eine tolle Geschichte aus dem ach-so-interessanten Leben von Bill
    - „der ist ja so süüüüß-“ -
    und Tom
    -„was für ein cooler Checker!“ -
    zu erzählen hatte.
    Sie sang auch ständig vor sich hin – als musste man dieses beschissene Monsun- Lied nicht schon oft genug im Radio ertragen.
    Im Grunde war die Band für mich nur ein Grund mehr vom Radiohören abstand zu nehmen und das sagte ich Anne auch oft genug, doch was ein richtiger Fan ist schafft es auch durch penetrantes geplapper über die B-Prominenz auch in dem größten Hasser noch ein Fünkchen Interesse zu wecken – davon war sie überzeugt!
    Sie hätte mich durch nichts so weit bringen können, doch sie hatte im Sommer auch mein Gejammer darüber ertragen, dass mein „Goldjunge“ Jonas keinen Blick für mich erübrigte und so blieb mein Protest gegen Informationen jeglicher Art über Tokio Hotel auf einem Minimum.


    --> Die FF ist fertiggestellt und auf dem FC Board auch schon ganz gepostet. Allerdings überarbeite ich alles noch mal, bevor ich es hier reinstelle, um noch einige Flüchtigkeitsfehler/Logikfehler zu beseitigen. Deswegen werde ich es mal Stück für Stück posten...

    Zusätzlich ist vielleicht noch zu sagen, dass das die erste Geschichte dieser Art ist, die ich veröffentliche und ich hoffe man sieht mir vielleicht ein paar,.. ähm Nachlässigkeiten nach, insbesondere was die storyline angeht ;) Ihr merkt beim Lesen eventuell, was ich meine.



    Re: Deceit / Betrug

    Fitzkik - 12.01.2006, 18:18


    Begeistert im Kreis hüpft... :lol: :P :D

    Im anderen Forum war ich großer Fan dieser Story und logischer Weise hat sich das nicht geändert... :D :shock: :D

    :!: :!: mach schnell weiter... :!: :!:

    dein Schreibstil ist wie zu erwarten genauso geil wie vorher auch....

    jaja....

    also schnell den nächsten Teil... :D



    Re: Deceit / Betrug

    yezibel - 12.01.2006, 19:04


    Mir gefällts auch... vorallem find ichs gut, dass du was über Gustav schreibst...die meistens FFs sind ja über bill und tom und deshlab ist das schon ganz cool...



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 12.01.2006, 22:17


    „Auf jeden fall hat dann der Bill ganz süß in die Kamera gelächelt und wollte was sagen, aber dann hat Tom-“

    Ungefähr da hörte ich auf ernsthaft zuzuhören.
    So langsam wünschte ich, ich hätte die blöde Reportage auch gesehen, dann hätte Anne jetzt mit Sicherheit nicht das Bedürfnis sie Szene für Szene nachzuerzählen - inklusive Stimmimitation. Der fragende Ausdruck auf Annes Gesicht sagte mir, dass jetzt der Part gekommen war, an dem ich vortäuschen müsste, zugehört zu haben.

    - „Was? Ja klar, auf jeden Fall…“

    Ich beobachtete, wie Anne schlagartig aufhörte mit dem Löffel in der dampfenden Milch rumzurühren, sich zu mir umdrehte und ihr die Röte ins Gesicht stieg.

    - „Im Ernst? Du sagst einfach ja, ohne, dass ich betteln muss? Ohne, dass ich dich erpressen muss? Ohne, dass ich Gewalt anwende? Ohne---“

    Das aufgeregte Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand schlagartig und sie kniff ihre grünen Augen zusammen, wie sie es immer tat, sobald sie etwas verärgerte.

    - „Du machst dir einen Spaß mit mir, oder? Du findest das wahrscheinlich furchtbar witzig, dass ich auch nur für einen einzigen Augenblick geglaubt haben könnte, du meinst es ernst!!“

    Was war da so schnell so verdammt schief gelaufen? Ich hätte einfach mal zuhören sollen – so sauer hatte ich Anne lange nicht gesehen und auf mich noch nie!
    Und nun?
    Was sollte ich machen, ich konnte ja schlecht widersprechen, wenn ich nicht einmal wusste, worum es ging, oder?
    Aber gestehen, dass ich nicht zugehört hatte..?

    - „Das finde ich ja auch unglaublich witzig, ich lache mich tot. Hahahaha die dumme Anne denkt tatsächlich die tolle, coole, Celina würde mit ihr zu einem Kinderkonzert von Tokio Hotel gehen…“

    Oha, daher wehte der Wind! Sie hat mich gefragt, ob ich mit ihr zu einem Konzert gehe… Und ich hatte ja gesagt! War ich von allen guten Geistern verlassen!? Ich hatte ja schließlich nicht meinen Verstand verloren… Tokio Hotel, so weit kommt’s noch! – Ich kam mit meinen Gedanken allerdings nicht sehr weit, denn Anne baute ihren Monolog weiter aus.

    - „Ich… Mir fehlen die Worte über so ein Verhalten! Und das nach allem, was dieses Jahr war- nach allem was ich für dich getan habe! Ich bin mit dir zu jeder von diesen blöden Parties gegangen, nur weil dieses Arsch von Jonas da sein sollte! Ich habe mich vor allen zum Deppen gemacht, als sie glaubten ich wolle was von Jonas und nicht du. Ich habe das alles stumm hingenommen, die Sticheleien jeden tag, nur weil du zu feige warst es richtig zu stellen und ich habe das auch gerne für dich getan und nun, wo ich dich um einen kleinen Gefallen bitte, machst du dich einfach über mich lustig? Dabei weißt du, wie viel mir Tokio Hotel bedeuten! Und ich hab dir auch schon so oft erklärt, dass mich meine Eltern mich allein auf kein Konzert lassen und nun, wo sie eingewilligt haben mich gehen zu lassen, wenn du mitkommst, erlaubst du dir so einen Scherz mit mir!!“

    Das mag im nachhinein sehr dramatisch scheinen, wie sie da abgegangen ist Allerdings war sie wirklich so Tokio Hotel fanatisch und da ich ihr unmissverständlich klar gemacht hatte, dass ich mir zwar ihr Gerede über sie gefallen lassen, aber in keinem Fall auf ein Konzert mitkommen würde, lag es nahe, dass sie nun davon ausging, dass ich mir einen Scherz auf ihre Kosten erlaubte.
    Ich sah, wie ihr Tränen in die Augen stiegen, die sie aber in ihrer Wut unterdrücken wollte. Es war wirklich höchste Zeit für mich zu reagieren. Ich wollte sie nicht so sehen! Es tat mir auch weh, weil sie Recht hatte. Die ersten Wochen nach den Sommerferien waren für sie wirklich alles andere als Leicht gewesen und das nur durch meine Schuld… Ich war verdammt, aber das war ich ihr schuldig,…

    - „Stop mal, raste doch nicht gleich so aus! Atme laaaangsam ein- ja so- und hör mir erstmal zu! Ich habe nachgedacht und du hast vollkommen recht mit dem, was du gesagt hast und genau deshalb habe ich doch meine Antwort ernst gemeint… Wenn dir das Konzert wirklich so viel bedeutet und dich deine Eltern sonst nicht lassen - dann kommen ich halt mit… Muss ja nicht gerade mit in die erste Reihe kommen“,

    fügte ich noch murmelnd hinzu.

    Ich beobachtete, wie sich Annes Muskeln anspannten und der böse Gesichtsausdruck zu purer Verwirrung wechselte, um dann ein riesiges Lächeln zu formen, dass ihre Augen strahlen ließ:

    - „Oh mein Gott! Du meinst echt – DU BIST SO TOLL!! DANKE DANKE DANKE!“

    Sie zog mich in eine feste Umarmung und während ich gerade nach Luft rang ertönte ein lautes Zischen und Rauch stieg auf
    –Die Milch war übergekocht.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 13.01.2006, 14:56


    Ich hatte nicht vor bis zum Konzert noch viele Gedanken daran zu verschwenden. Das wäre es nicht wert gewesen. Es war es auch nicht wert überhaupt hinzugehen – meiner Meinung nach – aber, dass es Anne so freute machte das wieder wett.
    Natürlich brach sie bald nach dieser schicksalhaften Konversation auf, um die Tickets zu erwerben.
    Ich konnte nur schlecht schlafen in der Nacht- ich hatte absolut keinen Bock mich von kreischenden Mädchen drängeln zu lassen. Der Altersdurchschnitt würde wahrscheinlich bei 13,6 liegen und wenn jemand erfahren würde, dass ich mir ernsthaft ein Tokio Hotel Konzert reinziehen würde, wenn auch nur teilweise freiwillig, wäre mein Ruf im Eimer! Ich hatte Anne zwar versprechen lassen diesen Teil – also dass ich sie begleiten würde – niemandem gegenüber zu erwähnen, doch in ihrer überschwänglichen Freude konnte man sich nicht ganz sicher sein, dass es ihr nicht doch rausrutschen würde.
    Ich seufzte und drehte mich rum, schlug auf mein Kissen ein, um eine bequemere Lage zu finden, die mir endlich Schlaf bescheren würde, doch es dauerte noch eine ganze Weile.

    Ich versuchte mich zu entsinnen, was ich über die Band überhaupt wusste.
    Ihre Musik fand ich scheiße und die Fans waren mit Ausnahme von Anne sicher total bekloppt.
    Ich wusste sonst nicht sehr viel, konnte mich aber an diese Frontfiguren erinnern, die Anne ständig erwähnte. Bill und Tom. Ein Vollidiot, der dachte, sein Pseudo-Japan-Manga Outfit Zeugs würde ihn cooler machen und der total krasse hip-hop Checker, dem die Weiber zu Füßen lagen – dachte er.
    Wahrscheinlich stimmte das auch noch und blies sein Ego noch weiter auf, als ohnehin schon… Das würde ein sehr, sehr langer Konzertabend werden und ich glaubte den nur mit ganz viel Alkohol ertragen zu können,… Ja, das war eine Idee!


    Der liebe Gott musste es gut mit mir meinen: Meine Nullpunkt-Stimmung erhellte sich schlagartig, als mir Anne am nächsten Tag in Mathe ein Zettelchen zukommen ließ, auf dem sie gekritzelt hatte:

    „Leider war das Konzert schon ausverkauft, ich musste Karten für Februar bestellen… Aber Hauptsache ich komme überhaupt hin!“

    Das war seit bestimmt 15 Stunden das Beste, was ich gehört hatte!
    Februar – nach meiner Zeitrechnung wären Tokio Hotel bis dahin schon wieder in der Versenkung verschwunden und das Konzert würde mangels Interesse abgesagt werden! Natürlich würde ich Anne ein bisschen trösten müssen aber das konnte ich im Gegensatz zu dem Konzert noch verschmerzen.

    „Richtig, ist ja nicht mehr soo lange hin! Sag mal, was denkt sich die blöde Kuh eigentlich bei ihrem Unterricht!? Siehst du auch nur einen, der aussieht, als würde er verstehen was sie da redet!?“,

    schrieb ich zurück und sah mich selbst noch mal in der Klasse um. Einige waren im Endstadium des Deliriums angekommen, andere vertrieben sich ihre Zeit mit Spielen, während der Rest, der sich wirklich bemühte aufzupassen, mit verwirrtem Gesichtsausdruck an die Tafel schaute und hektisch Notizen machte.

    „Eher nicht,... Was geht am WE? Gehst du auf Andys Geburtstagsfeier?“
    Ich kaute gedankenverloren auf meinem Bleistift rum.

    „Nein, bin auch nicht eingeladen… Ich fahre mit meinem Vater nach Berlin, er muss da was arbeiten und hat mir angeboten mit zu kommen – Shoppen oder so!“

    Eigentlich hätte ich dieses Wochenende lieber zuhause verbracht und mit ihr DVDs geschaut, aber als mein Vater mich vor ein paar Wochen gefragt hatte, ob ich mitkommen wollte, hatte ich natürlich sofort eingewilligt. Wer war schon lieber in so einem Kaff, wie dem, in dem ich wohnte, als in Berlin!?

    In Gedanken war ich schon in den Kaufhäusern und überlegte, was ich wohl noch schönes gebrauchen könnte, als es zur 1. großen Pause klingelte. Endlich! Auf dem Weg in die Pausenhalle nahm mich Anne sofort wieder in beschlag:

    - „Das hast du mir gar nicht erzählt, dass du da hin fährst! Du hast so viel Glück! Bringst du mir was mit!?“

    Bevor ich überhaupt zu einer Antwort ansetzen konnte, ging es auch schon munter weiter – hatte sie heute zu viel Kaffee getrunken? Nach einer Mathestunde bei Frau Gessner konnte man gar nicht derart aufgedreht sein!

    - „Oh mein Gott—weißt du was!? Tokio Hotel sind dieses Wochenende auch in Berlin! Vielleicht begegnest du ja Bill! Den kannst selbst du nicht übersehen! Wie toll wäre das denn, wenn..“

    Ich zog es vor wieder abzuschalten und den Kopf zu schütteln. Langsam fühlte ich mich von dieser Band verfolgt- hoffentlich würde ich sie nicht sehen! Allerdings war ich schon immer etwas realistischer als Anne und auch nicht voreingenommen, sodass ich die Chancen, tatsächlich auf diese Clowns zu treffen, auf 1: 6 000 000 schätzte und somit aus meinen Gedanken strich.
    Wenn ich damit doch Recht behalten hätte!



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 13.01.2006, 19:02


    Bereits auf dem Weg nach Berlin beschlich mich das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Mein Vater war stiller als sonst. Ich saß nur auf dem Beifahrersitz und starrte aus dem Fenster, zählte die Leitpfosten, an denen wir in rasendem Tempo vorbeifuhren.
    Was sollte ich auch groß sagen?
    Ich war keine 2 Stunden weg und schon bekam ich lauter SMS von meinen Freunden. Es war unbegreiflich, wieso in unserem Dreckskaff nie etwas los war, es sei denn ich war mal ein Wochenende nicht da- anscheinend legten sie alle extra die Parties und Treffen auf einen Zeitpunkt, an dem sie sicher sein konnten ihre Ruhe vor mir zu haben.

    - „Celina?“

    Ich erschrak beinahe. Wie lange war es schon her, dass mein Vater sich zuletzt zu Wort gemeldet hatte, mit einem Kommentar über das schlechte Wetter? Eine halbe Stunde?

    - „Ja?“

    Ich spürte, dass er nicht genau wusste, wie er anfangen sollte. Ich sah ihn von der Seite an und er öffnete seinen Mund um etwas zu sagen. Schloss ihn dann wieder. Setzte neu an.

    - „Ich wollte eigentlich damit warten, bis wir in Berlin sind aber ich halte es nicht mehr aus und es macht ja auch keinen Unterschied…“

    Jetzt kam es- was auch immer.
    Ich hatte mir schon längere Zeit gedacht, dass meine Eltern nicht mehr lange so weitermachen würden. Immer öfter gab es Streit darüber, dass mein Vater so viel unterwegs war und auch wenn er zuhause war, war er für keine der Aktivitäten mehr zu haben, die er und meine Mutter früher so gerne unternommen hatten.

    - „Weißt du… Wenn ich den Auftrag in Berlin bekommen sollte, was eigentlich nur noch Formsache ist, dann suche ich mir dort eine Wohnung. Deine Mutter und ich… Wir haben uns überlegt, dass es eine gute Idee wäre uns vorerst, auf Zeit, zu trennen.“

    - „Habt ihr das? Und was bedeutet auf Zeit?“

    -„Nun ja… Wir wollen das Ganze erstmal auf ein paar Monate befristen. Wir brauchen einfach Abstand, um herauszufinden, ob wir noch zusammen passen.“

    Ich antwortete nach kurzer Bedenkzeit lässig mit

    - „Okay…Cool.“

    Doch wir wussten beide, dass es alles Andere als das war. In gewisser Hinsicht war ich aber auch erleichtert- der Stress und die Ungewissheit, denen ich zuhause ausgesetzt war, waren vermutlich noch belastender als nun die Tatsache zu verarbeiten, dass sich meine Eltern – wenn auch nur „vorerst“ – trennten.


    Erstmal angekommen brachten wir das Gepäck auf die Hotelzimmer. Scheinbar war bei der Buchung etwas schief gegangen, sodass kein Doppelzimmer mehr frei war. Dem Personal war es sehr unangenehm und sie boten uns zwei Einzelzimmer zum selben Preis an. Mir war das nur recht – ich hatte keine Lust weiter darüber zu diskutieren, ob ich „damit klarkommen würde“, denn das war der nächste logische Schritt.
    Mein Vater zog sich um und machte sich auf den Weg zu seinem Geschäftsessen. Ich schnappte mir meine Handtasche und fuhr erstmal ins Stadtzentrum.

    Ziellos lief ich durch die Straßen, schaute in Schaufenster ohne auf die Auslage zu achten. Ich war erschütterter, als ich es damals wahrhaben wollte. Ich war 17, wieso sollte ich nicht klarkommen? Die coole Celina, die in jeder Situation die Nerven bewahrt.
    Als ich zum ersten mal wieder die Umgebung um mich herum wahrnahm, versetzte es mir einen kalten Stich. Das sah nicht mehr nach Einkaufsmeile aus. Das sah viel eher nach komischer Seitenstraße aus und es gab keinen, für mich nachvollziehbaren, Anhaltspunkt wo ich mich ungefähr befand.
    Die Nerven musste ich aber behalten! Ich lief ein Stück zurück, konnte mich aber an der nächsten Kreuzung nicht mehr erinnern, aus welcher Richtung ich überhaupt gekommen war. Perfekter Tag!
    Es war schnell dunkel geworden, wie es im November halt so ist und es begann auch zu nieseln. Ich kuschelte mich tiefer in meinen Dunkelgrünen Wollmantel und entschied mich rechts die Straße lang zu gehen, bis ich auf eine S- oder U-Bahnstation treffen würde, um zum Hotel zurück zu kommen.
    Nach ungefähr 200 Metern sah ich jemanden auf mich zu rennen. Ich erschrak. Was wollte der?
    Eine zweite Gestalt erschien weiter hinten, verfolgte den Typen, der sich in unglaublicher Geschwindigkeit näherte. Ich konnte sie lachen hören und folgerte, dass für mich keine Gefahr bestand - wieso auch? Auf jeden Fall würde ich niemandem ausweichen! Sollten die halt aufpassen!
    Den Beschluss bereue ich heute noch!
    Die verfolgte Person drehte den Kopf im Laufen zurück, um die Distanz zu seinem Verfolger abschätzen zu können und sah mich deshalb nicht den Bürgersteig entlang gehen. Ich selbst schaute auf den Boden – die Regentropfen fielen jetzt stetig auf den feuchten Asphalt – und dann kam es, wie es kommen musste:
    Der Mensch wollte seinen Kopf gerade wieder in „Fahrtrichtung“ wenden, als er auch schon mit voller Geschwindigkeit auf mich traf und ich zu Boden ging.
    Im ersten Moment spürte ich gar nichts.
    Im zweiten Moment sah ich Sterne.
    Im dritten Moment dachte ich
    „Aua…“
    und im vierten Moment blickte ich mit tränenden Augen auf um denjenigen, der für das nun schon wieder verantwortlich war, zur Rechenschaft zu ziehen, möglicherweise einen Vorteil zu erhaschen, was eine persönliche Beleidigung anging… Doch mit dem, was ich sah, hätte ich nie gerechnet! Ich hätte auch nicht damit rechnen gewollt!

    -„ Ich kann nicht fassen, dass von den Millionen hirnlosen Menschen in dieser Stadt gerade du es sein musst, der in mich rein rennt“

    Bill rappelte sich auf – auch er war durch den Zusammenstoß gefallen- und ich sah einen keuchenden Jungen mit Dreadlocks neben ihn treten und auf mich herunterblicken – Tom.
    Bill schien irritiert, startete aber einen Versuch sich zu erklären:

    - „Tut mir echt Leid, ich hab dich nicht gesehen! Komm ich-“

    Ich ignorierte die Hand, die er mir hinhielt, um mir aufzuhelfen und stand allein auf. Mein rechtes Knie tat echt weh, aber in dem Moment dominierte die Wut- auf alles.

    - „Das kann ich mir denken, dass du Spast nichts sehen kannst! Ich gebe dir mal einen guten Tipp: Nimm deine Haare vor den Augen weg, dann bist du auch in der Lage andere Menschen aus einer Distanz von mehr als 30 Zentimetern erkennen zu können... Aber dazu bist du dir ja wahrscheinlich zu cool, hab ich recht?“

    Bill sah mich böse an, sein Blick wurde aber weicher, als er an mir herunter sah.

    - „Alles OK? Du Blutest ja!“

    Ich folgte seinem Blick und sah den Grund für den Schmerz in meinem Knie. Schien aber nicht sonderlich schlimm zu sein, nur aufgeschürft.

    - „Sobald ich räumlichen Abstand zu dir habe ist alles OK, ja!“

    Ich sah Bill an, dass es ihm Leid tat aber ich konnte ihn nun mal nicht leiden, das war sein Pech. Normalerweise hätte ich niemanden so angefahren aber es hatte sich so einiges angestaut und er bot sich als Ventil geradezu an!

    - „Dummer Penner…“,

    murmelte ich und versuchte mir den Dreck von der Kleidung zu streichen.
    Tom trat einen Schritt nach vorne und hob seine Stimme:

    - „Komm mal wieder klar, Mädel! Was willst du überhaupt!? Er hat sich erkundigt ob es dir gut geht und sich entschuldigt – was willst du denn noch!?“

    Der Typ hatte Nerven sich auch noch einzumischen, obwohl er doch offenbar Schuld daran war, dass das überhaupt passiert war!

    - „Oh, wow, die Tokio Hotel Übergötter haben sich gegen mich verschwört! Ja, er hat sich entschuldigt- und? Was kann ich mir jetzt davon kaufen!?“

    Ich wollte damit nur ausdrücken, dass es keinen Unterschied machte ob er das nun getan hatte oder nicht aber scheinbar bekam Tom das in den falschen Hals.

    - „Was davon kaufen!? Ach, du willst also Geld! Sag das doch gleich… Hätte ich mir auch denken können! Du siehst die – wie nanntest du uns? Ach ja – Tokio Hotel Übergötter auf dich zu laufen und stellst dich absichtlich in den Weg, um erstmal abzukassieren! Ich sage dir jetzt zwei Worte, die dich reich machen können: Dreckige Hure! So, nun geh und verklag mich, weil ich dich beleidigt habe! Davon kannst du dir mit Sicherheit was kaufen!“

    Ich entschied, dass ich mir langsam genügend Dreistigkeiten von der Frontfraktion der Kinderkapelle angehört hatte und hob meine Tasche auf, die noch am Boden lag.

    - „Vielen Dank Jungs, es war echt ernüchternd euch kennen gelernt zu haben! Ihr seid in Wirklichkeit noch viel dümmer, als ich es mir von den Medienberichten her gedacht hatte… Schönes Leben noch!“

    Ich plante damit den ultimativen Abgang zu machen und sie dumm aus der Wäsche schauend stehen zu lassen, doch mein Knie machte mir einen Strich durch die Rechnung. Als ich es beim 2. Schritt, an den beiden vorbei, mit meinem Gewicht belastete, durchfuhr es ein stechender Schmerz, der sich weiter das Bein hochzog. Ich strauchelte.

    „Ahh, verdammt!“

    Ich stütze mich an einer Hauswand ab und versuchte nicht zu heulen. Was war das überhupt für ein beschissenes Wochenende? Träumte ich? Ich versuchte meine Konzentration vom Schmerzzentrum zu lösen und hörte die zwei Jungs hinter mir leise diskutieren. Dann trat Bill wieder neben mich.

    - „Okay, auch wenn du unsere Hilfe nicht zu Schätzen weißt, rufen wir jetzt erstmal ein Taxi, das dich zu einem Arzt bringt und dann nach Hause… Wir bezahlen das selbstverständlich. Und ob du es glaubst oder nicht – es tut mir wirklich leid!“

    Was redete der denn von zu Schätzen wissen? Durch ihn war ich doch erst in dieser Situation, das war ja wohl das Mindeste! Mir war allerdings nicht mehr danach ihm das auch noch an den Kopf zu werfen. Ich wollte einfach in das Taxi und so schnell wie möglich zurück ins Hotel.
    Schweigend warteten wir, bis eine beige Mercedes Limousine am Straßenrand hielt. Die beiden stiegen hinten ein und überließen es dem Taxifahrer mir auf den Beifahrersitz zu helfen. Mir ging es nicht so schlimm, ich hätte es wohl auch allein geschafft aber ein schlechtes Gewissen würde den aufgeblasenen Möchtegernrockstars sicher nicht schaden.

    Die Verletzung stellte sich als nicht weiter dramatisch heraus: Der Arzt reinigte und desinfizierte die Wunde und legte abschließend einen dicken Verband an, der das Knie vorerst ruhig halten würde. Das sollte reichen. Seit wir in dieser komischen Seitenstraße auf das Taxi warteten, hatte ich kein Wort mit Bill oder Tom gewechselt. Zurück im Taxi versuchte Bill erneut sich beliebt zu machen. Hatte der ein Problem damit, dass ein Mensch ihn mal nicht vergötterte?

    - „Ich bin froh, dass das mit deinem Knie nicht all zu schlimm war!“

    Er erwartete wohl eine art Antwort von mir, doch da konnte er lange warten!
    Er seufzte.

    - „Ähm… Okay. Wo wohnst du denn? Also wohin sollen wir dich bringen?“

    Darauf musste ich wohl oder übel antworten, wenn ich von den Freaks wegkommen wollte.

    - „Ich wohne nicht in Berlin, bin nur dieses Wochenende da!“

    Ich nannte dem Fahrer den Namen meines Hotels und wartete dann, bis er vor dem Haupteingang den Blinker rechts setzte und mich aussteigen ließ. Ohne weitere Verabschiedung entfernte ich mich vom Auto, sah allerdings noch hinterher, als es sich zurück in den Verkehr einfädelte.
    Auf dem Zimmer schmiss ich mich auf mein Bett, atmete hörbar aus. Meine Schultern sackten zusammen und ich konnte die Tränen nicht länger zurückhalten.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 14.01.2006, 12:00


    Als ich meine Augen wieder öffnete musste ich mich erstmal neu orientieren. Ich war also im Hotelzimmer, musste eingeschlafen sein. Die rot leuchtenden Ziffern auf vom Wecker auf dem Nachttisch neben dem Bett verrieten mir, dass es erst kurz nach zehn war. Normalerweise kein Grund für mich weiter zu schlafen, besonders, wenn sich mir draußen das Nachtleben Berlins offenbaren wollte. Testweise versuchte ich mein Knie anzuwinkeln, was auch größtenteils schmerzfrei verlief, sodass auch dieses Handicap mich nicht wirklich aufhalten konnte. Allerdings stand ja noch das Gespräch mit meinem Vater über meine derzeitige, geistige Verfassung an. Zögerlich schaute ich erneut zu der einzigen Lichtquelle im Zimmer – dem illuminierten Wecker.
    Ich entdeckte ein Stück Papier direkt vor dem Wecker. Ich schaltete das kleine Leselicht an der Bettrückwand an und kniff erstmal meine geblendeten Augen zusammen, während ich nach dem Zettel griff.

    Nach dem Auffalten des mehrfach geknickten Zettels fielen mir ein paar Geldscheine entgegen. Verwundert las ich die unordentlich mit blauem Kugelschreiber gekritzelten Zeilen auf dem weißen Hotelbriefpapier.

    „Celina – ich wollte noch mit dir reden aber du hast schon geschlafen. Verschieben wir das auf morgen, ich bin auch müde… Wenn du Lust hast kannst du noch weggehen aber tu mir den Gefallen und nimm ein Taxi, ja? Bis morgen Prinzessin!“

    Das war genau seine Art – jede Abwesenheit ließ sich irgendwie entschuldigen und kompensieren. Ich war es allerdings nicht gewohnt ohne große Diskussionen in die Partyhölle entlassen zu werden. Der Part fiel meiner Mutter zu, die immer eine Zeit setzte- wenn auch früh am Morgen- zu der ich zuhause sein musste. Sie holte mich auch grundsätzlich zu jeder Tages und Nachtzeit ab. Sie hätte es nie geschafft sich von ihren Sorgen um mich freizukaufen, indem sie mir Geld für ein Taxi gab aber immerhin war es eine Geste, die zeigte, dass es auch meinem Vater nicht egal war, wie ich nach Hause kam.

    Während ich mich im Bad umzog und schminkte, dachte ich über den ganzen Tag noch einmal nach.
    Es war schier unglaublich, dass der eins-zu-sechs-Millionen Fall wirklich eingetreten waren! Wenn ich Anne davon berichten würde, wäre Stress vorprogrammiert. Sie wäre endlos enttäuscht über mein Verhalten und zudem noch sauer, dass ich die Gelegenheit nicht ergriffen hatte um ihr ein Autogramm zu besorgen. Ich entschied den Vorfall – das ganze Treffen mit den Zwillingen von Tokio Hotel – einfach zu unterschlagen. Wann hätte ich auch um ein Autogramm bitten sollen? Zwischen „Spast“ und „dummer Penner!“? Das hätte mich einiges an Glaubwürdigkeit gekostet und zudem war es völlig gegen jedes Prinzip und jede Logik! Ich fühlte mich durch den Tag eher bestätigt in meinem Hass auf diese blöde Band! Was dachten die denn wer sie waren?! Ein seltsames Gefühl stellte sich bei dem Gedanken an das Konzert im Februar ein aber ich rief mir in Erinnerung, dass ich nichts zu befürchten hatte, da es die Band zu dem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr geben würde.
    Überhaupt war es lächerlich sich über so etwas Triviales zu sorgen, wenn mein Vater mir nur ein paar Stunden vor dem „Unfall“ eröffnet hatte, dass seine Trennung von meiner Mutter bevorstand.

    Mit Leichtigkeit kam ich in einen Club, den der Taxifahrer mir empfohlen hatte. Schon gleich nach dem Eintreten, als ich an den Garderoben vorbei in den eigentlichen Clubbereich vordrang fühlte ich mich durch die Bässe, die alles zum Vibrieren brachten seltsam ruhig gestellt. Genau das brauchte ich jetzt – ein paar Stunden tanzen, trinken und Leute kennen lernen. Einfach den Rest des Tages vergessen – morgen würde ich über alles noch oft genug nachdenken müssen. Es war ungefähr halb 12 und immer mehr Menschen strömten aus der Kälte herein. Bunte Lichter blendeten unablässig auf und wieder ab, Rauch hing in der Luft und es war ziemlich heiß. Nachdem ich eine Weile getanzt hatte und mein Knie sich wieder bemerkbar machte, entschied ich eine Pause einzulegen. Ich kämpfte mich vor bis zur Bar und bestellte mir ein Bier, das ich mit zu einer Sitzecke im hinteren Teil des Clubs mitnahm. Ich fand einen Platz bei einem Typen, der wohl dazu verdammt war auf die Taschen seiner weiblichen Begleiterinnen aufzupassen, während diese sich auf der Tanzfläche tummelten und anzüglich andere Jungs antanzten. Ich verfolgte seinen sehnsüchtigen Blick zu einem der Mädchen und so kamen wir ins Gespräch.
    Er hieß Thomas, das Mädchen hieß Anja. Er war sehr nett aber keine halbe Stunde später kannte ich bereits seine halbe Lebensgeschichte. Scheinbar brauchte er jemanden zum Reden aber sein wirkliches Interesse an mir war anscheinend minimal – er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht nach meinem Namen zu fragen…
    Routiniert tat ich so, als würde ich ihm aufmerksam zuhören, nickte dann und wann, wie ich es bei Anne auch immer tat, sobald sie von ihrer Lieblingsband zu reden anfing und schaute mich unauffällig um.
    Es war wirklich schön hier. Modern eingerichtet, aber genau das führte dazu, dass es nicht recht gemütlich war. Ich amüsierte mich still über einige Charaktere, die ich am Rande herumstehen sah und ließ meinen Blick zu den anderen Sitzecken schweifen, die durch transparente Raumteiler voneinander getrennt waren. Sinn machte das für mich nicht aber ich vermutete, dass es eher darum ging nicht gehört zu werden als gesehen, was aber durch die Lautstärke ohnehin ein ziemliches Unterfangen war, selbst wenn man gehört werden wollte.

    Auf einem Platz unmittelbar hinter Thomas ließ ich meinen Blick schließlich ruhen. Ich war fasziniert von einem Blonden Jungen, der dort saß und ziemlich gelangweilt die Menschen auf der Tanzfläche beobachtete. Ich schätzte ihn auf ungefähr mein Alter, vielleicht 18 oder so. Er trug eine helle Strickjacke über einem schwarzen T-Shirt, das ich auch aus der Entfernung als ein Fanshirt von Metallica identifizieren konnte.
    Mehr als sein Profil konnte ich von seinem Gesicht gerade nicht erkennen. Er starrte weiter zur Tanzfläche, lächelte und winkte jemandem zu. Ich entdeckte niemanden, der zurück winkte und als meine Augen sich wieder zu der Sitzecke wandten kreuzte sich mein Blick mit seinem. Ich erstarrte, glotze ihn nur dumm an. Er schaute zurück, lächelte.
    In Sekundenbruchteilen war es um mich geschehen.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 14.01.2006, 15:18


    Was heißt „es war um mich geschehen“? Ich rede hier sicher nicht von Liebe, absolut nicht aber ich fühlte ein Kribbeln im Bauch. Fühlte mich einfach physisch angezogen von ihm- soll sagen: Ich fand er sah gut aus.
    Nicht überdurchschnittlich - Ich hatte schon perfektere Typen gesehen, so viel stand fest - aber für einen normalen Typen sah er schon gut aus!
    „Nett“ – was immer das heißen sollte.

    Thomas hatte inzwischen gemerkt, dass ich ihm keine Aufmerksamkeit mehr schenkte und rührte gelangweilt mit einem Strohhalm in seinem, bis auf ein paar langsam schmelzende Eiswürfel, leeren Glas.

    -„Ähm,… ich gehe mir mal was zu Trinken holen!“

    Mein leeres Bierglas ließ ich stehen um seinem Gesellschaft zu leisten und drängte zurück in Richtung Bar. Ich hatte kaum bemerkt wie voll es inzwischen geworden war und es konnte sich nur um Stunden handeln, bis der nächste kühle Drink sich seinen Weg meine Kehle hinunter bahnen würde. Ich seufzte und stand dicht gedrängt hinter ein paar betrunkenen Männern, die lautstark nach zehn Gläsern Wodka- Red Bull schrieen.
    Das Bar Personal schien total überfordert aber ich wartete geduldig. Fünf Minuten, zehn Minuten,…Als ich das sechste Mal die Hintergrundbeleuchtung an meiner Uhr bemühte waren bereits 17 Minuten Vergangen und ich war noch keinen Schritt vorwärts gekommen. Langsam verlor auch ich die Geduld. Ich drehte mich um, um lieber noch ein wenig tanzen zu gehen, bevor ich mich auf den Weg zurück ins Hotel machen würde. Der Abend war ein Reinfall, genau wie der Tag, der ihm voraus ging!

    Ich machte den ersten Schritt in Richtung Tanzfläche, als etwas meinen Weg blockierte.
    Oder jemand.
    Direkt vor mir hatte sich der Blonde aus der Sitzecke neben „meiner“ aufgebaut und hielt mir ein Glas hin.

    -„Hey… Ich beobachte schon bestimmt zehn Minuten, wie du vergeblich versuchst an was Trinkbares zu kommen… Also hatte ich Mitleid und habe dir was organisiert!“

    Skeptisch unterzog ich das Glas einem prüfenden Blick. Wie wollte der – auch wenn er sehr gut roch, wie ich so aus der unmittelbaren Nähe feststellen konnte- so schnell an was zu trinken gekommen sein, wenn ich es in den letzten fast 20 Minuten nicht einmal bis auf einen Meter zur Bar geschafft hatte?
    Worte meiner Mutter zogen sich durch meine Gedanken. Von wegen Menschen in Clubs mit bösen Absichten, die einem was ins Glas kippten…
    Scheinbar erriet er meine Gedanken.

    -„Ich habe da nichts weiter rein getan es ist nur Whiskey-Cola!“

    Ich nahm noch immer leicht skeptisch das Glas an, trank aber noch nicht davon.

    -„Wo hast du das denn so schnell herbekommen?“

    Er lachte. Es war unglaublich wie sexy das bei ihm aussah. Jeder perfekte Zug seines Gesichts strahlte amüsiert, seine Augen glitzerten und zogen sich durch das Lachen etwas zusammen. Es war hypnotisierend, steckte mich an. Auch ich musste lächeln.

    -„Naja, wenn ein paar Leute so wie ich an die Bar dort drüben gehen würden, dann hätten alle wesentlich weniger Stress!“

    Er deutete in eine Dunkle Ecke, in der ich zunächst keine zweite Bar erkennen wollte, dann aber doch ganz klar die Zapfanlage hinter künstlichen Palmwedeln ausmachen konnte. Na super, es standen vielleicht 3 Leute vereinzelt am Tresen um zu bestellen…

    -„Oh,… Dann, äh, Danke!“

    Er machte mir nicht den Eindruck, als wäre er der Typ, der Frauen Drogen untermischte um sie abschleppen zu können, doch die Tücke lag ja darin, dass man das auch Typen, die es taten nicht ansehen konnte. Ich schob die Gedanken aber schnell bei Seite und stieß mit ihm an – er gefiel mir, ich hatte Durst und außerdem war es doch sehr nett von ihm so aufmerksam zu sein! Ich nahm einen ordentlichen Schluck. Das tat gut!
    Er bot mir an, mich zu ihm zu setzen, was ich selbstverständlich tat – mit dem Rücken zur Glaswand und somit Thomas.

    -„Bist du denn alleine hier?“

    Ich wusste natürlich, dass er vorhin jemandem zu gewunken hatte, doch ich war nicht bereit so früh in unserem Gespräch zuzugeben, dass ich ihn beobachtet hatte.


    -„Eigentlich bin ich mit einem Freund hier, der fährt auch, aber er ist vor geraumer Zeit mit ein Paar Mädels im Gewühle verschwunden.“

    Ich wage zu behaupten, dass meine Unterhaltung mit dem Fremden die erste richtige Konversation des Tages war, wenn wir auch schreien mussten um uns zu verstehen.
    Ich erfuhr, dass er Gustav hieß, eigentlich in Magdeburg wohnte und ebenfalls nur vorübergehend in Berlin war. Er mochte offensichtlich Metallica, zu meiner Entzückung auch System of a Down und Slipknot und war so alt wie ich.
    Wir wechselten uns ab damit uns hochprozentiges auszugeben und die Gesprächthemen wurden zunehmend lustiger.
    Wir tanzten miteinander und er stellte mir auch kurz seinen Kumpel Georg vor, bevor dieser wieder im Gedränge verschwand. Ich wurde langsam aber sicher schläfrig und fühlte mich durch die Zeit bestätigt, dass es trotz allem Zeit wurde zu gehen- halb vier!

    -„Hör mal Gustav, es hat mir sehr viel Spaß mit dir gemacht, du bist echt nice! Aber ich muss langsam zurück zum Hotel!“

    Schwankend stieg ich von dem Barhocker, auf dem ich die letzte Zeit gesessen hatte und streckte ihm meine Hand zum Abschied hin. Er kicherte, ergriff sie und zog mich in eine kurze Umarmung.

    „Ok, es war auch lustig mit dir Celina... Bist du sicher, dass du allein raus willst? Ich kann dich zumindest noch bis zum Taxi bringen…!“

    Ich wusste, dass es eigentlich keine gute Idee war, die Nacht, die wider Erwarten noch so toll geworden war, künstlich zu verlängern aber er war so ein Gentleman und ich hatte kein Problem damit, noch ein paar Minuten mit ihm in der Kälte zu stehen und in normaler Lautstärke mit ihm zu reden…


    Während Gustav Georg suchen ging, um ihm bescheid zu geben, dass er mit raus kam, schlenderte ich zur Garderobe, um unsere Jacken einzulösen.
    Der Alkohol machte sich jetzt, wo ich nach längerer Zeit wieder stand anstatt saß, sehr bemerkbar. Besonders als ich an Gustavs Seite in die Kälte heraus trat und meine Lunge mit frischer Nachtluft füllte, drehte sich alles.
    Nervös kicherte ich vor mich hin.

    -„Oh Gott bin ich betrunken…“

    Gustav schüttelte lächelnd seinen Kopf. Ich versank vollkommen in seinen Augen.

    -„Das war doch Sinn der Sache, oder? Ähm, wollen wir die Straße lang gehen, bis ein Taxi vorbei kommt, das wir anhalten können?“

    Unter normalen Umständen hätte ich mich wohl nicht einfach so mit einem X-Beliebigen Typen allein vom Club entfernt, vor dem neben den Türstehern auch noch genügend andere Besucher standen und eine gewisse Sicherheit boten. Andererseits war das gesamte Wochenende eine einzige große Ausnahme. Außerdem war es eine Hauptstraße und grell beleuchtet, sodass ich mich keiner gesteigerten Gefahr ausgesetzt sah und schließlich zustimmte.
    Schweigend gingen wir langsam nebeneinander her, unser Atem stieg in weißem Nebel vor uns auf und schwebte den Straßenlaternen entgegen.

    -„Du hast mir noch gar nicht erzählt, wieso du überhaupt in Berlin bist! Nur zum Einkaufen?“

    Ich war mir nicht sicher, wie ich darauf am Besten antworten sollte. Irgendwie war es ja schon so – so war es zumindest geplant aber es war plötzlich zu so viel mehr geworden,… War ich bereit schon so viel über mich preis zu geben?
    Meine Gedanken zogen ihre Kreise um die Worte meines Vaters, meine eigenen Gefühle und Wünsche. Der Alkohol tat sein Übriges mich trauriger zu stimmen als ich noch vorhin gewesen war, nachdem Desaster in der Innenstadt.

    -„Gegenfrage: Was machst du hier!? Ich meine Magdeburg ist zwar nicht aus der Welt aber ihr fahrt doch sicher nicht mal eben so nach Berlin nur um ein bisschen zu feiern, oder?“

    Ich kickte eine leere Bierdose vor mir her und wich konsequent Gustavs Blicken aus, indem ich ihren Weg unter ein parkendes Auto verfolgte. Interessant, ein VW. Wahrscheinlich ein Polo?...

    -„Doch, manchmal machen wir das auch aber in letzter Zeit hatten wir da nicht so viel Zeit zu… Ich bin mit meiner Band hier- wir sind sozusagen auf Tour.“

    -„Echt? Sollte man euch kennen? Ich muss zugeben, dass du mir überhaupt nicht bekannt vor kommst… Dein Name sagt mir auch nichts.“

    Er blieb stehen und sah mich lächelnd an.

    -„Das musst du auch nicht,… Wir sind nur eine Schülerband, ist nichts weiter Großes.“

    Sein Lächeln wurde noch breiter und brachte seine Augen schon wieder zum Strahlen. Das gehörte verboten! Meine Knie wurden ein wenig weicher als zuvor. Was war los? Man konnte fast den Eindruck haben er wäre froh, dass ich seine Band nicht kenne. Waren sie so schlecht? Oder war das einfach nur ein dumm – trunkenes Lächeln? Ich riss meinen Blick von ihm los, ging langsam weiter und wartete seine Schritte neben meinen wieder zu hören.

    -„Aber das beantwortet nicht meine ursprüngliche Frage, oder? Was machst du hier?“

    Der Kreis hatte sich geschlossen und wieder kamen meine Gedanken zurück zu der Frage wie es weitergehen sollte. Ich kam nicht klar- was sollte es mir bedeuten, dass sich meine Eltern auf Zeit trennten? War das nur eine Übergangsphase bis zur endgültigen Scheidung? War das für sie eine Art Urlaub voneinander, von dem beide erholt zurück kamen um sich inniger als je zuvor zu lieben? Und was planten sie, sollte ich tun? Ich sah meinen Vater zwar ohnehin nicht so oft aber wer wusste schon wie lange sich diese „Zeit“ hinziehen würde!? Mal angenommen meine Eltern würden feststellen, dass sie nicht länger zueinander passten oder sie lernten in der Zeit jemand anderes kennen: Was dann? Würde meine Mutter unser Haus allein unterhalten können? Würden wir umziehen? Wo würde ich bleiben? Was war mit meinen Freunden?
    Eine Fülle von quälenden Fragen legte sich schwer auf meine Seele, bruchstückhaft stürzte alles auf mich herab und in meinem alkoholisierten Zustand konnte ich dem nicht mehr standhalten.
    Die Dämme brachen, Tränen suchten sich ihren Weg über mein Gesicht. Krampfhaft versuchte ich sie wegzuwischen, bevor Gustav was bemerkte – es war zu peinlich! Da lernte man einmal einen möglicherweise brauchbaren, lieben Kerl kennen und ich fing an zu flennen und würde ihn damit abschrecken, wenn das so weiter ging! Verdammt!

    -„Hey, was ist denn los? Du musst doch nicht weinen! Willst du lieber nicht drüber reden?“

    Ich lächelte ihn an, was seinen Effekt allerdings verlor, als weitere Tränen in Sturzbächen der Schwerkraft nachgaben.
    Er war unsicher wie er reagieren sollte, ein besorgter Gesichtsausdruck hatte sein vorher noch so zufriedenes Lächeln ersetzt und er hatte seine Hände in die Hosentaschen gesteckt. Er verlagerte sein Gewicht auf die Zehenspitzen.
    Es war so verdammt lieb von ihm so besorgt zu sein… Aber es gehörte sich ja auch so. Anstandshalber. Oder?
    Da ich mich ohnehin schon so blamiert hatte war es auch egal, ich war ihm eine Erklärung schuldig und ich wollte nicht, dass er dachte er hätte irgendwie Schuld. Ganz davon abgesehen würde er mich nach dieser Szene eh nicht wieder sehen wollen und so strich ich tapfer erneut die Feuchtigkeit von meinen Wangen, atmete zitternd ein, tief, und begann zu erzählen, mit was ich selbst erst vor ein paar Stunden konfrontiert wurde.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 15.01.2006, 19:58


    Es war noch dunkel. Der Himmel hing tief schwarz über uns und der Nebel ließ uns kaum bis zur anderen Straßenseite sehen. Wir saßen nebeneinander auf dem Bordstein – Gustav und ich. Er hatte mir zugehört, mir Taschentücher gereicht und mit seiner Hand beruhigend über meinen Rücken gestrichen, wenn es für mich schwer wurde weiter zu sprechen.
    So saßen wir jetzt seit bestimmt 5 Minuten da, seit ich fertig war zu erzählen und keiner von
    uns hatte seitdem das Wort ergriffen. Ich fühlte mich erleichtert, dass er so verständnisvoll war und mir zugehört hatte. Es wäre mir egal gewesen, wenn er nur so getan hätte. Hauptsache war, dass ich meine Gedanken mal laut ausgesprochen hatte und jetzt von einem völlig anderen Blickwinkel noch mal alles durchdenken konnte.

    -„Weißt du… Es tut mir echt leid, wie schwer es im Moment für dich läuft. Ich wünschte ich könnte irgendwas für dich tun, dir einen guten Rat geben, wie du dich jetzt verhalten sollst oder so etwas in der Art…Aber ich will ehrlich sein: Ich habe nicht mehr Ahnung als du, wie man die Situation am besten meistert. Tut mir echt… leid.“

    Ich drehte meinen Kopf nach rechts um ihn anzuschauen, sah in seine Augen. Ich schüttelte den Kopf.

    -„Glaub mir Gusti – du hast schon mehr für mich getan, als jeder andere getan hätte! Du hast mir bereits geholfen… Im Gegenteil: Es tut mir leid, dass ich dich die halbe Nacht mit meinen blöden Problemen belastet habe… Du musst mich jetzt echt für total beschränkt halten!“

    -„Shh,… Wenn ich dir nicht hätte zuhören wollen, dann hätte ich es gelassen und wäre wieder rein gegangen oder? Ich denke gar nichts Schlechtes über dich! Im Gegenteil… Ich mag dich, du bist irgendwie… anders.“

    Gustav war der erste Junge, von dem ich es als Kompliment auffassen konnte „anders zu sein“. Ich hatte die Formulierung schon öfter gehört, dann aber in dem Zusammenhang, wenn Jungs mir klar machen wollten, dass wir einfach nicht kompatibel waren. Sehr strange.
    Ich beobachtete den Verkehr, der langsam dichter wurde. Vorher kamen nur vereinzelt Autos vorbei, nun häufte sich die Anzahl vorbeirollender Reifen.

    -„Danke. Für alles, weißt du? Ich bin nicht gut darin jetzt die große Abschiedsszene zu machen. Hat mich gefreut dich kennen zu lernen aber es wird wirklich höchste Zeit, dass ich mich zurück auf den Weg ins Hotel mache, bevor mein Vater aufwacht und eine Vermisstenanzeige aufgibt!“

    Ich stand auf und bemerkte erst jetzt, dass seine warme Hand noch auf meinem Rücken geruht hatte. Auch er stand auf und sah sich direkt nach einem Taxi um.

    -„Hat mich auch gefreut dich zu treffen, Celina… Du sollst nicht denken, dass du mir meinen Abend vermiest hättest oder so. Ich fand es schön! Sehr schön! … Also… ähm… nicht, dass es dir zuletzt so schlecht ging und so aber… na ja… du weißt schon!“

    -„Ich glaube ich weiß wirklich was du meinst… Oh, da kommt ein Taxi!“

    Gustav reagierte, sprang ein Stück auf die Straße und winkte das Taxi zu uns rüber. Der Fahrer reduzierte sein Tempo und kam schließlich neben uns zum Stehen.
    Ich öffnete die Beifahrertür.

    -„Celina- gibst du mir deine Handynummer? Ich würde dich gerne anrufen,… Wenn das OK ist!“

    Ich strahlte, hatte nicht damit gerechnet, dass er das wirklich noch fragen würde! Der Fall, dass er nur aus Höflichkeit fragte war zwar möglich aber die Wahrscheinlichkeit dafür verschwindend gering. Ich kramte einen schwarzen Kajalstift aus meiner Handtasche, griff nach seiner Hand und kritzelte die Nummern auf seine Haut.
    Ich sah ein letztes Mal in seine Augen bevor ich einstieg.

    -„Mach`s gut!“

    -„Warte du musst mir noch eins erklären! – Gusti !???“

    Ich lachte, schloss die Tür und zwinkerte ihm zu, bevor der Taxifahrer Gas gab und mich meinem Ziel näher brachte.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 15.01.2006, 20:08


    Briefe schienen in den Kommunikationsformen meines Vaters ein Revival zu erleben. Denn als ich gegen Mittag aus einem erholsamen Schlaf erwachte lag wieder ein Zettel neben dem Bett.
    Scheinbar war die gesamte Berlinfahrt genauer durchdacht gewesen, als ich zunächst annehmen konnte. Er hatte sich den Job gesichert und für den gesamten Samstag Wohnungsbesichtigungen angesetzt. Nett mich darüber im Vorfeld zu informieren.
    Schultern zuckend machte ich mich auf den Weg ins angrenzende Badezimmer und ließ meine Kleidung auf einem Haufen neben dem Schrank liegen.
    Das Badezimmer war eher klein, dafür aber luxuriös eingerichtet. Es hatte keine Bestandteile aus Marmor oder Gold aber die silbern glänzenden Armaturen fand ich trotzdem sehr schön und mit weißen Fliesen konnte man ohnehin nichts falsch machen. Es gab eine verhältnismäßig große Duschkabine mit Glaswänden und einem fest installierten Regen-Duschkopf. Unmittelbar neben der Dusche befand sich eine weiße Holztür, die zur Toilette führte und gegenüber war ein Waschbecken installiert, über dem ein großer, beleuchteter Spiegel hing. Ein Fön hing in einer Halterung an der Wand und frische Handtücher lagen bereit.
    Ich duschte ausgiebig und heiß. Die kalte Nachtluft war noch nicht ganz aus meinen müden Knochen gezogen. Meine Gedanken flogen zurück zu Gustav. Ich hoffte er würde sich wirklich bei mir melden, doch mehr als hoffen blieb mir nicht übrig, schließlich hatte er mir nicht seine Nummer im Tausch gegen meine geboten.
    In ein flauschiges Duschtuch gewickelt saß ich auf meinem Bett und zappte durch das Mittagsprogramm, während ich nachdachte, was sich mit dem Rest des Tages anfangen lassen würde.
    Zielsicher griff ich nach dem Hoteltelefon, ließ mich von der Rezeption nach außen schalten und wählte Annes Nummer. Es klingelte. Ein zweites Mal. Ein drittes mal.

    -„Ja!?“

    -„Hey Anne, was geht?!“

    -„Aaaah Celina! Endlich! Ich habe tausendmal versucht dich anzurufen! Wieso hast du dich gestern nicht gemeldet? Was machst du so? Und wie geht es dir überhaupt?“

    Ich reflektierte. Wie ging es mir denn? Physisch: gut, wenn auch müde. Psychisch? War schon schlimmer. Insbesondere letzte Nacht.

    -„Es geht mir gut! Tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet hab, war ein bisschen stressig!“

    Anne erzählte mir von der Geburtstagsfeier, zu der ich ja nicht eingeladen war und fragte alles Mögliche über Berlin und was ich schon gekauft hatte. Ich hatte Erklärungsnöte, als ich gestehen musste, dass ich bisher noch gar kein Geld gegen Waren eingetauscht hatte.

    -„Und das sagt Konsumgöttin Celina!? Stimmt irgendwas nicht mit dir? Das sieht dir gar nicht ähnlich! Los, erzähl!“

    Mir fiel keine Ausrede ein, die ich vorschieben konnte. Ich wollte ihr ja nicht von meiner Begegnung mit den Tokio Hotel Leuten erzählen aber ich war auch nicht bereit die Geschichte mit meinen Eltern mit ihr am Telefon zu diskutieren, auch wenn sie sicher dafür bereit gewesen wäre und mich getröstet hätte. Dafür bestand aber kein Bedarf, Gustav hatte den Job schon ganz gut erledigt…

    -„Celina? Wer ist denn dran?“

    -„Was, wo?“

    -„Dein Handy?! Ich höre bis hier, dass das klingelt!“

    Erschrocken bemerkte auch ich jetzt, dass „Baby Boy“ nicht auf MTV lief, sondern einen Anruf auf meinem Handy ankündigte.

    -„Ahh, warte ich rufe dich gleich zurück!“

    Ich legte auf, griff mein Handy und klappte es auf.

    -„Hallo?“
    -„Celina? Hier ist Gustav!“

    Mein Herz machte einen kleinen Sprung. Er hatte wirklich angerufen! Wow.

    -„Ach, Gusti!“

    Ich konnte mir nicht helfen und fing an zu lachen.

    -„Ja, schön, dass du das von selbst ansprichst! Ich wollte fragen, ob du mir das bei einer Tasse Kaffee erklären willst?“

    -„Da gibt es nichts zu erklären, aber ich würde trotzdem mit dir Kaffee trinken gehen.“

    Noch immer kicherte ich vor mich hin. Wie albern.

    -„Zu großzügig!“

    -„Richtig. Wann und wo… Gusti?“

    Auch er lachte jetzt.

    -„Ich hol dich in der Hotelhalle ab. In einer Stunde!“

    Bevor ich noch zu- oder absagen konnte hatte er das Gespräch beendet. Mit einem blöden Grinsen ließ ich mich zurück auf mein Bett fallen und griff wieder nach dem Hoteltelefon um Anne zurück zu rufen.

    Kapitel 11

    Anne meldete sich auf das erste Klingeln hin.

    -„So, nun sag an, wer war es!?“

    -„Ach, das war nur so ein Typ, den ich gestern kennen gelernt habe.“

    -„Oha, „nur so ein Typ“ Celina, Celina,… Kaum lässt man dich für ein paar Stunden aus den Augen reißt du schon die Berliner Typen auf!“

    -„So sieht’s aus… Du spinnst doch!“

    -„Ach ja? Und was wollte er dann von dir?“

    -„Mit mir Kaffee trinken gehen.“

    -„Aha, Kaffee trinken. Soso.“

    Es war genau Annes Art mir kurz nach dem Kennen lernen sofort eine vollständige Beziehung zu unterstellen- inklusive nächtlicher Aktivitäten, die Betten und andere gut gewählte Orte involvierten.

    -„Da gibt es gar nichts zu „soso“ -en… Ich muss mich jetzt auch fertig machen, er kommt bald vorbei und ich muss noch die Haare fönen.“

    -„Hey, warte! Ich will erst die Details hören! Was ist das für einer? Wie heißt er, wie sieht er aus?“

    -„Ich erzähle dir alles, wenn ich wieder da bin, okay? Ich muss mich jetzt beeilen…“

    -„Celinaaa so geht das nicht!“

    -„Doch… Hast du nichts zu tun?! Kommt nichts über Tokio Hotel im Fernsehen!?“

    Entnervt musste Anne resignieren aber nicht ohne Androhung schlimmer physischer Schmerzen, falls ich ihr nicht sofort nach der Ankunft zuhause alles erzählte.

    Ich hatte keine Lust auf großen Aufwand, also zog ich eine saubere Jeans aus dem Koffer, entschied mich für ein normales, schwarzes Shirt mit langen Ärmeln und schlüpfte in meine ebenfalls schwarzen Turnschuhe.
    Meine brünetten Haare ließ ich offen und ich nutzte nur ein bisschen Mascara und Labello bevor ich mich auf den Weg in die Hotelhalle machte.

    Gustav wartete bereits und umarmte mich kurz zur Begrüßung. Er trug eine dunkle Stoffhose und eine blaue Winterjacke. Außerdem hatte er ein weißes Cap tief ins Gesicht gezogen und trug eine verspiegelte Sonnenbrille. Angesichts des verregneten Wetters draußen bildete das ein eher komisches Bild.

    -„Was geht denn mit dir? Versteckst du ein blaues Auge?“

    -„So ähnlich… Ein nettes Mädchen hat mit mir bis in die frühen Morgenstunden durchgemacht und ich hatte nicht viel Schlaf, bevor ich arbeiten musste.“

    Ich hätte ein schlechtes Gewissen haben sollen aber es wollte sich nicht einstellen. Besonders, wenn er während dieses Vorwurfs unentwegt grinste.

    -„Na dann war sie aber doch nicht so nett, hm? Hat dich gar nicht ins Bett gelassen. Tzz….“

    -„Du hast vollkommen Recht, sie ließ mich schon gar nicht in ihres und das trotz meines unbeschreiblichen Sexappeals!“

    Nachdem ich mich wieder einigermaßen eingekriegt hatte und wieder Luft bekam, wollte ich wissen, was er geplant hatte.

    -„Und nun? Starbucks? Da hängen doch alle coolen Leute ab, mit annähernd so viel Sexappeal wie du!“

    Gustav schien zu überlegen.

    -„Ich bringe dich lieber wohin mit, wo nicht so viel los ist, einverstanden?“

    Vermutlich brummte ihm noch der Schädel von all dem Alkohol und er wollte es ruhiger angehen lassen. Mir ging es ja im Prinzip ähnlich, also stimmte ich zu.

    -„Wenn du willst können wir uns nachher noch mit Georg und zwei anderen Freunden von mir treffen?“

    -„Klar, kein Problem. Bin gespannt mit was für Leuten du so abhängst!“

    Ich freute mich wirklich, dass er mir seine Freunde vorstellen wollte. Georg hatte einen guten Eindruck auf mich gemacht und es konnte ein weiterer netter Abend werden, wenn die Anderen auch nur annähernd so nett waren. Gustav schleifte mich in ein relativ teures Cafè, in dem sich, außer uns, nur ältere Leute – vorzugsweise im Rentenalter – befanden. Ruhiger angehen: Okay!
    Aber was war das!?
    Wir setzten uns an einen Tisch im hinteren Bereich des Cafès und bestellten erstmal ein Kännchen Kaffee und zwei Stückchen Kuchen. Er setzte seine Sonnenbrille ab und ich musste feststellen, dass ich ihm den Grund dafür sie überhaupt aufzusetzen – seine Müdigkeit – kaum ansah.

    Wir saßen ziemlich lange so im Café und redeten angeregt über alles Mögliche: Schule, Freunde, Beziehungen, Musik… Die Zeit verging wie im Fluge.
    Angesichts der offensichtlichen Zielgruppe des Cafès hätte ich damit gerechnet, dass diese bei der Musikauswahl berücksichtigt werden würde, aber es lief ein Musiksender, der hauptsächlich Charts hoch und runter spielte.
    Es kam, wie es kommen musste und ich wurde mit „Durch den Monsun“ gequält. Ich beobachtete, wie Gustav während des Gesprächs geistesabwesend mit seinen Fingern den Takt gegen die halbleere Kaffeetasse mit trommelte und amüsierte mich sehr darüber.

    -„Nanu? Magst du etwa das Lied?“

    Sofort stellte der das Geklopfe ein.

    -„Bitte?“

    -„Na, Durch den Monsun! Seit das angefangen hat trommelst du die ganze Zeit den Takt mit!“

    -„Ach so… Schlagzeugerkrankheit.“

    Er zuckte die Schultern.

    -„Als ob die Spasten von Tokio Hotel wirklich Schlagzeug spielen würden…“



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 15.01.2006, 21:35


    Ich musste wieder anfangen zu lachen und auch Gustav muss der Seitenhieb auf meine Hassband Nummer eins gefallen haben, denn er verschluckte sich an seinem Kaffee.

    -„Alles OK?“

    -„Ja, kein Ding. Du glaubst sie spielen ihre Instrumente nicht selber? Kennst du die überhaupt?“

    -„Kennen wäre zu viel gesagt. Meine beste Freundin labert mich ewig von denen voll – eigentlich die meiste Zeit von diesen Zwillingen da. Echt lächerlich. Die anderen kenne ich gar nicht, interessiert mich auch nicht! Schlimm genug, dass ich die anderen zwei kennen muss!“

    -„Du magst Tokio Hotel also nicht.“

    -„Nein, überhaupt gar nicht! Wieso, du!? Ich meine- falls doch dann tut es mir-“

    Ich fragte das nicht wirklich entsetzt aber man konnte bei der ganzen Fragerei ja fast den Eindruck gewinnen! Er unterbrach bevor ich den Satz zu Ende gebracht hatte.

    -„Sehe ich so aus!?“

    Er zog seine Augenbrauen fragend hoch und ich lächelte ihn an.

    -„Nein! Schön, dass mich endlich jemand versteht… Ist mir ja ein bisschen peinlich aber wenn du versprichst es keinem zu verraten erzähle dir was…“

    -„Ich schwöre!“

    Ich erzählte ihm vertrauensvoll von dem Zusammenstoß mit Bill und letztendlich auch Tom am Vortag und betonte wie sehr mir dieses Zusammentreffen nur mein ohnehin schlechtes Bild von der Band bestätigt hatte.

    -„Ich meine,… Die halten sich wirklich für was Besseres oder!?“

    -„Naja, immerhin haben sie sich doch um dich gekümmert oder? Das war doch… nett?“

    -„Ja, das war aber auch das Mindeste, schließlich wäre das ganze ohne sie ja nicht passiert!!“

    Wir kamen wieder vom Thema ab und unterhielten uns über diverse Läden in Berlin aber irgendwie war die Unterhaltung oberflächlicher als vorher. Es war nicht so persönlich und angenehm warm, wie am Anfang. Eine unangenehme Stille trat zwischen uns und Gustav checkte nervös seine Uhr.

    -„Sorry ich muss dann weg! Ich bezahle selbstverständlich deine Sachen mit. Ähm- ich ruf dich an?“

    -„Was ist denn los? Du wolltest doch, dass wir uns mit deinen Freunden treffen und-“

    -„Ja, das will ich auch wirklich gerne machen aber – ich hab vergessen, dass ich heute noch was zu tun habe! Tut mir echt leid! Bis später!“

    Gustav schmiss hektisch einen 20 Euro Schein auf den Tisch zwischen das schmutzige Geschirr und verließ fluchtartig das Cafè. Ich konnte ihn durch die Fensterscheiben zur Hauptstraße aus nur noch kurz vorbeirennen sehen. Was war denn los?
    Die ganze Szene schrie förmlich danach, dass irgendetwas schief gelaufen war und er sich aus der Affäre ziehen wollte… Aber so oft ich auch in Gedanken Schritt für Schritt jedes Wort und jede unserer Bewegung seit dem Treffen im Hotelfoyer durchging: Ich konnte keinen Punkt in unserem Treffen finden, der eine solche Reaktion von ihm hervorrufen konnte.
    Vielleicht hatte er wirklich noch einen Termin, den er vergessen hatte?


    Während ich durch die Kaufhäuser zog und abwechselnd Sachen für mich aussuchte und auch Weihnachtsgeschenke berücksichtigte, wurde ich immer frustrierter. Wieso schienen die Typen mit der größten Macke immer anfangs so nett und nahezu perfekt!?
    Das war mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert derart abserviert zu werden – einfach sitzengelassen! Das war wohl die größte Dreistigkeit ever!
    Von wegen er wollte mich anrufen- es schien sonnenklar, dass er unmittelbar nach Verlassen des Cafés meine Nummer gelöscht hatte, um nichts weiter mit mir zu tun haben zu müssen.
    Es machte mich wirklich sauer. Ich verstand es nicht!
    Ich hätte es gut nachvollziehen können, wenn er in der Nacht so reagiert hätte, wo ich ihn voll geheult hatte, aber nach einem wirklich guten Gespräch bzw. Treffen war es nur noch unverständlich.
    Ich entschied, dass ich mir das nicht einfach so gefallen lassen konnte! Ich zog mein Klapphandy hervor und checkte, ob er seine Nummer bei seinem Anruf am Morgen bzw. Mittag unterdrückt hatte – glücklicherweise hatte er nicht. Ich wartete, während sein Handy klingeln musste.
    War es wirklich eine gute Idee ihm so hinterher zu laufen?
    War es nicht eher arm ihn als sitzen gelassene weiter zu bedrängen und wenigstens eine Erklärung aus ihm heraus zu quetschen, anstatt es mit Fassung zu tragen, mir ein sündhaft teures, aber umwerfendes, Kleid zu kaufen und den Nächsten zu beeindrucken?
    Außerdem waren Probleme mit Typen im Moment das Letzte, was ich jetzt zusätzlich zu dem Stress mit meinen Eltern noch gebrauchen konnte!
    Alles in mir schrie danach wieder aufzulegen und das Arschloch zu vergessen, doch bevor ich den Anruf noch canclen konnte hörte ich schon seine Stimme am anderen Ende.

    -„Celina!?“

    -„Die einzig Wahre! Warte, sag noch nichts! Ich rufe lediglich an um dich zu fragen, was die ganze Aktion sollte! Wenn ich so ein schrecklicher Mensch bin und du keine Zeit mit mir verbringen willst, würde ich gerne wissen, wieso du dann überhaupt das Treffen arrangiert hast? Mich angeflirtet hast, falsche Hoffnungen in mir geweckt hast, um mich dann sitzen zu lassen!? Ist das deine kranke Definition von Spaß!?“

    Ich hörte laute Stimmen im Hintergrund, während er sich ausschwieg aber so schnell atmete, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen.

    -„Du hast dir Hoffnungen gemacht?“

    Das war die letzte Frage, die er mir stellen sollte. Wieso hatte ich das überhaupt erwähnt? Ich hatte damit meine gesamte Taktik über den Haufen geworfen und ihm alle Karten in die Hände gespielt. Wie konnte man nur so dumm sein!?

    -„Nicht, dass es jetzt noch darauf ankäme. Ich dachte nur wir hatten Spaß! Ich dachte dir hätte unser Treffen auch gefallen… Wie mir, bevor du so einen Abgang gemacht hast…“

    Diverse Menschen im Kaufhaus rempelten mich an und erinnerten mich daran, wo ich mich wirklich befand.

    Gustav schwieg mal wieder und ich hörte, wie eine männliche Stimme ihn zutextete. Hallo!? Er telefonierte doch offensichtlich gerade!?

    -„Das hatte ich auch Celina, wirklich! Es tut mir Leid, dass ich einfach so gegangen bin aber ich hatte wirklich vergessen, dass ich noch einen Termin hatte! Ich hatte dir doch gesagt, dass ich mit meiner Band hier bin und wir hatten ein Interview – für eine Schülerzeitung!“

    -„Aha.“

    Die Antwort war mehr als nur ein bisschen dümmlich aber plötzlich kam ich mir ziemlich blöd vor, ihm überhaupt so eine Szene am Telefon zu machen, obwohl wir uns gerade das zweite Mal getroffen hatten. Wir waren ja nicht verheiratet oder so und im Endeffekt musste ich mir eingestehen, dass es zum Teil auch die Eifersucht war, die meinen Ausraster bedingt hatte.
    Warum?
    Ich konnte mir ja nicht einmal sicher sein, dass er nicht eine Freundin hatte, an die er sich bei unserem Treffen plötzlich entsinnen musste.

    -„Hör zu Celina, ich hab noch ein bisschen zu tun hier… Aber ich will mich auf jeden Fall noch mal mit dir treffen, bevor du wieder nach Hause fährst! Kann ich meinen sexy Arsch heute Nacht noch mal in dein Hotel schwingen, oder hab ich es jetzt vermasselt?“

    Ich hörte Gelächter im Hintergrund und die Eisschicht, die ich um meine Gefühle gelegt hatte, fing an zu tauen.

    -„Okay Romeo du hast noch eine Chance…“

    -„Perfekt.“,

    sagte er und legte auf.

    Seltsame Art ein Gespräch zu beenden aber ich stand in der Menschenmenge, meine Einkaufstüten in der Hand und grinste vor mich hin, wie eine Irre.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 15.01.2006, 22:25


    Das Abendessen mit meinem Vater in einem chicen Restaurant verlief annähernd so schlecht, wie erwartet. Er erzählte mir von ein paar „interessanten Objekten“, die er besichtigt hatte und in die engere Auswahl nahm. Nach jedem 2. Bissen, den er nahm, erkundigte er sich, ob ich auch wirklich mit der ganzen Situation klar kam. Beim Dessert kamen wir auf die letzte Nacht zu sprechen und ich musste ihm erzählen wo ich war und wann ich ins Hotel zurückgekommen war. Ich manipulierte die Uhrzeit ein wenig zu meinen Gunsten und erzählte ihm ein bisschen von Gustav.
    Die normale Reaktion auf ein männliches Wesen außer ihm in meiner Nähe wäre für meinen Vater ein böser Gesichtsausdruck gewesen und die Androhung den Kerl umzubringen, sollte er mich irgendwie verletzten aber die Umstände waren ja nicht normal also sagte er nur:

    -„Freut mich für dich, Schatz, freut mich…“

    Um mich dann zu fragen ob es mir etwas ausmachen würde, wenn er noch mal wegging.
    Ich konnte die Stunden, in denen ich meinen Vater in Berlin überhaupt gesehen hatte an einer Hand abzählen aber es kam mir auch nicht mehr darauf an. Morgen Abend würde es wieder nach Hause gehen und ich müsste mich sowieso an die neue Normalität anpassen.
    Eine Normalität ohne meinen Vater. Oder meine Mutter. Je nachdem, wie ich mich entschied.
    Außerdem hatte sich ja Gustav noch angekündigt, sodass es mir nur recht war, wenn mein Vater nicht auf der Bildfläche erschien.
    Ich dachte, dass was auch immer Gustav noch zu tun hatte nicht sonderlich lange dauern würde aber ich saß Stunde um Stunde in meiner Lieblingsjeans und einem neuen, meiner Meinung nach umwerfenden, Top im Hotelzimmer rum und nichts tat sich. Kein Anruf, keine SMS.
    Die Zweifel vom Nachmittag meldeten sich in vierfacher Intensität zurück. Was war, wenn er mich am Telefon nur abwimmeln wollte? Was, wenn ich ihm doch nicht gefiel?
    Wie kam ich überhaupt dazu in Gedanken schon so weit zu gehen? Ich kannte ihn ja gerade mal ein paar Stunden! Es war grotesk…
    Ich lenkte mich mit Fernsehen ab und driftete schließlich ab ins Land der Träume.
    Als ich die Augen wieder öffnete, bemerkte ich zuerst das Flimmern des Fernsehers, auf dem die nachts üblichen 0190er Nummern beworben wurden. Wie spät war es inzwischen? Kurz nach eins.
    Ich wurde auf ein Klopfen an der Tür aufmerksam.

    -„Zimmerservice!“

    Unverkennbar Gustav. Er war tatsächlich noch aufgetaucht!
    Hektisch fuhr ich mit meiner Hand über die Haare, um sie weniger verwuschelt aussehen zu lassen – mit fragwürdigem Erfolg. Man sah mir an, dass ich gerade aus dem Bett kam. Der Blick in den Spiegel zeigte deutlich, dass von der Fabelhaftigkeit von vor ein paar Stunden kaum etwas übrig geblieben war aber es interessierte mich nur noch am Rande.
    Es war eindeutig Gustavs Schuld, wenn er mich jetzt in einem weniger hübschen Zustand sehen musste als noch am Anfang des Abends- das hatte er davon, dass er mich warten ließ.
    Betont lässig öffnete ich die Tür um ihn eintreten zu lassen.

    -„Bonjour, Monsieur!“

    Gustav lächelte mich an, stieg drauf ein:

    -„Bonjour, Mademoiselle!“

    und deutete einen Handkuss an, bevor er eintrat und sich umsah.

    -„Wie ich sehe, haben Sie sich ganz gut ohne mich vergnügt in meiner Abwesenheit!“

    Mein Blick folgte seinem und blieb auf dem Bildschirm des Fernsehers hängen – eindeutig ein Film, den man dem Genre „Erotik“ zuordnen konnte.
    Er wollte mich vermutlich verlegen machen aber wieso sollte ich das sein? Er war es, dem seine Verspätung unangenehm sein sollte, nicht mir. Ich erlaubte mir ein Süffisantes Grinsen.

    -„Selbstverständlich. Es muss für Sie wirklich bitter sein zu meiner Befriedigung kein bisschen beigetragen zu haben!“

    Ich griff nach der Fernbedienung und ersetzte die hell erleuchtete Szene mit elektrischer Dunkelheit.
    Licht brannte keines mehr. Ich suchte meinen Weg zum Lichtschalter, streckte die Hand nach ihm aus, um das Zimmer zu illuminieren, als Gustav meinen Arm griff und mich zu sich heranzog.
    Ich spürte seinen Warmen Atem an meiner Haut als er seine nächsten Worte nahezu flüsterte.

    -„Das wollen wir doch nicht so auf sich beruhen lassen…“

    Ich hätte ihn angelächelt, wären wir nicht zu beschäftigt gewesen uns zu küssen.



    -----------> liest noch jemand mit? O_o :(



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 16.01.2006, 15:32


    Der Kuss war magisch und es wäre ein Leichtes gewesen mich der Situation voll hinzugeben. Die Gelegenheit war da.
    Sein Kommentar hatte angedeutet, dass er es vielleicht auch wollte und es wäre nicht mein erstes Mal gewesen… Aber trotzdem hielt mich etwas davon ab, mit Gustav zu schlafen. Es wäre einfach zu billig gewesen.
    Ich hatte Grundsätze und Prinzipien und genau die hielten mich davon ab an dem Abend weiter zu gehen, als Gustav zu küssen, seine Umrisse in dem metallischen Licht der Straßenlaterne, das nur leicht herein schien, zu erahnen und stundenlang mit ihm auf dem Bett zu liegen, zu reden, zu küssen und seine Hand zu halten.
    Der Mensch, den ich erst vor Stunden kennen gelernt hatte wurde plastischer. Ich begann ihm Informationen und Eigenschaften zuzuordnen, Emotionen, Träume, die er offenbarte. Es bedeutete mir viel mehr von ihm zu erfahren. Ihn nicht nur als Bild in meinem Hirn zu speichern, sondern als Menschen. Nur so konnte ich schließlich feststellen, dass ich mir vielleicht eine Beziehung mit ihm vorstellen konnte und mich nicht weiter bloß physisch von ihm angezogen fühlte.
    Viel zu schnell kam die Dämmerung und ließ mich Minute für Minute mehr Details wahrnehmen.

    -„Hast du Lust auf Frühstück?“

    Je heller es wurde, desto müder waren meine Augen, brannten.

    -„Ich habe Lust auf Schlafen…“

    -„Mit mir?“

    kichernd schüttelte ich den Kopf, zog meine Hand weg und drehte mich auf die Seite.

    -„Okay; soll ich das als Rausschmiss ansehen?“

    Ich wusste, dass er es nur als Scherz gesagt hatte, ich hatte ja auch nur aus Scherz überhaupt damit angefangen aber das änderte nicht, dass ich wirklich müde war. Ich sah ihn wieder an.

    -„Wieso willst du schon frühstücken? Ich bin wirklich müde… Wir haben doch noch den ganzen Tag!“

    Im Vergleich zu der Zeit, die ich bisher überhaupt mit ihm verbracht hatte, war prozentual gesehen der ganze Tag eine halbe Ewigkeit! Trotzdem gab mir der Gedanke, ihn ab morgen überhaupt nicht mehr zu sehen, einen kleinen Stich.

    -„Ich wünschte,… Hab ich vielleicht vergessen zu erzählen, aber ich muss um halb zehn wieder los!“

    Ich seufzte. Damit hatte ich gar nicht gerechnet! Der Wecker sagte es war schon kurz vor acht.

    -„Na dann lass uns keine Zeit verlieren.“

    In Rekordzeit machte ich mich fertig und verließ mit Gustav das Hotel Richtung McDonalds.
    Wir hatten Spaß. Wie immer. Wir frühstückten, machten uns über alle möglichen Leute lustig, berührten unsere Hände „zufällig“ während wir herum alberten und taten so, als würden wir uns a) schon ewig kennen und b) nicht innerhalb der nächsten Minuten wieder verlassen.

    Der Moment kam allerdings schneller als erwartet.
    Ich war verunsichert, speicherte ihm Stumm meine Adresse, Telefonnummer, E-Mail Adresse und Instant Messenger Namen im Handy und fragte mich währenddessen, was das Wochenende nun zu Bedeuten hatte.
    Waren wir zusammen?
    Waren wir Freunde?
    Wollten wir einfach so tun, als wäre nichts gewesen?
    Ich schielte zu ihm rüber. Er tippte beschäftigt auf meinem Handy rum und sah für so eine leichte Aufgabe viel zu konzentriert aus.
    Dachte er auch nach?
    Draußen vor der Tür tauschten wir die Handys wieder aus und schwiegen uns an.

    -„Tja,… Das war’s dann wohl. Erstmal.“

    Brachte ich hervor.

    -„Ja. War es wohl. Mach’s gut!“

    Er drehte sich direkt um und lief mit großen Schritten, die Hände in den Hosentaschen auf einen blauen Würfel mit einem U und einer Treppe, die unter die Straße führte zu.
    Das war’s?
    So hatte ich mir das nicht vorgestellt.
    Ich schaute ihm hinterher. Er drehte sich nicht um.
    Mein Handy vibrierte in meiner Hand und nachdem ich das Display gecheckt hatte sah ich Hektisch in die Richtung, in die Gustav verschwunden war.
    Er war gegangen.
    Was blieb war die Message und ein warmes Gefühl, dass mich trotz Novemberkaltem Morgen erfüllte.

    „Erinnerung: Celina,… Ich hab mich in dich verliebt! Gusti.“



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 17.01.2006, 21:30


    Überraschend gut gelaunt ging es über die Autobahn wieder zurück nach Hause.
    Von dem, was ich eigentlich in Berlin vorhatte – Einkaufen und mehr Zeit mit meinem Vater verbringen – hatte ich herzlich wenig umsetzen können und doch war es durch die Bekanntschaft mit Gustav zu dem besten Wochenende seit einer sehr, sehr langen Zeit geworden.
    Mein Blick verfolgte stur die vor uns liegenden Mittelstreifen und ich dachte nach.
    Es war alles Andere als typisch für mich so schnell auf einen Jungen einzugehen aber andererseits hatte es für mich aufgehört Sinn zu machen Wochen und Monatelang „nur Freunde“ mit Jungs zu sein, von denen ich im Grunde nach spätestens den ersten 3 Stunden sicher war, dass ich definitiv anderes Interesse an ihnen hatte.
    Dieses Rühr-mich-nicht-an Spielchen war vielleicht in der 8. Klasse noch ganz süß gewesen, aber es entsprach weder meinen Bedürfnissen, noch denen der potentiell interessierten Jungs.
    Das hieß aber auch nicht, dass es für mich normal war, schon am 2. Abend überhaupt in Erwägung zu ziehen mit Gustav zu schlafen aber ich hatte es ja nicht getan und es bedurfte keiner weiteren Diskussion oder verschwendeten Gedanken daran.
    Es gab eine andere Sache, die dringend weiterer verschwendeter Gedanken bedurfte: Was wollte ich Anne vom Wochenende wirklich erzählen und wie sollte ich die „Lücken“ füllen, die durch einiges „Weglassen“ entstehen würden? Filmriss?

    Ich kam allerdings nicht sehr weit mit den Planungen und entschied mich am nächsten Morgen einfach zu improvisieren. Ursprünglich hatte ich vor, mich noch am Abend mit Anne zu treffen. Doch meine Eltern gingen nun, wo ich bescheid wusste, noch ganz anders ab. Mein Vater bestand darauf keine Zeit zu vergeuden und packte seine Koffer und meine Mutter eröffnete mir kurz nachdem er wieder gefahren war, dass sie noch Besuch erwartete und ich mich doch bitte mit geplanten Aktivitäten auf mein Zimmer beschränken solle.
    Ich empfand es als größte Ungerechtigkeit der Woche nun sozusagen „Stubenarrest“ zu haben, nur weil sie sich sofort dem nächsten Typen an den Hals schmiss. Das konnte doch nicht wahr sein! Angeblich war die Trennung doch nur auf Zeit und ich zählte Fremdgehen auf jeden fall nicht zu legitimen Maßnahmen auf ihrem persönlichen mid-life-crisis Selbstfindungstrip.
    Wäre ich nicht so wütend gewesen hätte ich heulen können. In der Verfassung konnte ich jedenfalls keine Mathehausaufgaben machen - so viel stand fest!
    Mir fehlte jeder Ansatz auch nur verstehen zu können, dass schon ein anderer Mann unser Haus betreten durfte, nachdem die Tür hinter meinem Vater keine zwei Stunden zuvor ins Schloss gefallen war. Grübelnd lag ich auf meinem Bett, warf meine Stirn in Falten und traktierte mein Kissen. Es half nicht mich mit meinen Aggressionen zu arrangieren. Ich war machtlos. Von einem Tag auf den Anderen hatte ich nichts mehr zu melden! Natürlich ging es mich nichts an, was meine Mutter tat oder ließ aber sie machte sich ja noch nicht einmal die Mühe so zu tun als ginge es ihr schlecht wegen dem Auszug! Oder als würde es sie groß interessieren, was ich von einem anderen Typen neben ihr halten würde…
    Meine Stimmung näherte sich dem Gefrierpunkt. So nicht! Ich brauchte Ablenkung und das sofort!
    Anne konnte ich ja schlecht besuchen, wenn ich in mein Zimmer verbannt war aber es blieben ja noch andere Möglichkeiten.
    Ich versuchte Gustav anzurufen, aber an seiner Stelle meldete sich eine fremde Stimme.

    -„Hier der persönliche Anruf-Entgegennehmer von Gustav und Nein, er ist jetzt nicht zu sprechen! Wie oft soll man euch Mädels das eigentlich noch sagen?“

    Verwirrung war gar kein Ausdruck für das, was sich in mir breit machte. Wer war der Clown überhaupt? Fand er das irgendwie lustig? Vielleicht hätte ich den Witz verstehen können, aber nicht in der momentanen Verfassung.

    -„War sonst noch was?!“

    -„Was soll das denn bitte heißen? Gustav wartet auf meinen Anruf, wieso sollte er dann jetzt nicht zu sprechen sein!?“

    -„Das sagen sie alle! Denkt euch mal was Neues aus, wirklich! Sag mir deinen Namen, ich schreib ihn auf die Liste und ich will dir gar keine Illusionen machen – er wird wohl kaum zurückrufen. Aber sei beruhigt, dass er zumindest wahrnehmen wird, dass du angerufen hast. Alternativ kannst du es ja noch mal versuchen, wenn er nicht gerade einen Auftritt hat!“

    Ich sparte mir die Beleidigung, die mir wirklich auf den Lippen lag und legte kommentarlos auf. Wer zur Hölle war das und was wollte er?
    OK, Gustav hatte einen Auftritt aber mit Sicherheit hätte er sein Handy niemandem gegeben, der seine Freundin am Telefon so dreist abblitzen ließ. Oder?
    Mir wurde einmal mehr bewusst, dass ich doch weniger über Gustav wusste, als ich vorher dachte. Wie konnte ich auch, so lange kannten wir uns schließlich noch nicht. Sah mich Gustav jetzt überhaupt als seine Freundin an? Aber wieso hätte er sonst geschrieben, dass er sich in mich verliebt hatte?
    Genau die Situation war es, die ich mir eigentlich ersparen wollte. Ich drehte mich unzufrieden um und fiel fast aus dem Bett, bei dem Versuch. Ich wusste weder ein noch aus und hörte meine Mutter und diesen komischen Mann bis hier oben lachen.
    Das Wochenende hatte schon toll begonnen mit der Hiobsbotschaft und dem zweifelhaften Vergnügen Bill und Tom von Tokio Hotel zu treffen. Scheinbar war die schöne Zeit mit Gustav nur ein kurzes Zwischenspiel gewesen, bevor mir irgendeiner von seinen Kumpels einen mehr als würdigen Abschluss für das grandiose Wochenende bescherte.
    Perfekt.
    In meinem Kopf begann es zu Pochen, meine Hände fingen an zu zittern und als ich die Augen schloss um meine Träume zu flüchten rollte eine kleine Träne auf das Kissen um darin zu versickern.
    Perfekt.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 17.01.2006, 21:54


    Geweckt wurde ich nicht wie erwartet morgens durch meinen penetrant piepsenden Funkwecker, sondern mal wieder durch Baby Boy – im wahrsten Sinne des Wortes.
    Uhr-Check: Halb zwei.

    -„Mhhhhhhhm?“

    Wenn ich eins war, dann ein Morgenmuffel. Ich brauchte ewig zum Wachwerden und Gustav stand durch meinen Anruf vorhin und seinem persönlichen „Anruf-Entgegennehmer“ nicht gerade so hoch in meiner Gunst, um mich vortäuschen zu lassen, es wäre anders.

    -„Hey Süße! Tut mir leid, dass ich jetzt erst anrufe aber ich hatte noch so lange zu tun… Du weißt ja wie das ist.“

    Der Mann hatte echt Nerven, das musste man ihm lassen.

    -„Was willst du? Hast du mal auf die Uhr geschaut?“

    -„Was ist denn los mit dir? Ich wollte mich nur erkundigen, ob du gut zuhause angekommen bist. Und ich dachte… Naja du weißt schon!!“

    -„Hm, scheinbar weiß ich heute ne Menge. Ich weiß „schon“; ich weiß ja wie „es ist“… Sag mir nur ob ich die erste oder Letzte bin, die du anrufst.“

    Ich lag wartend da und horchte in die Stille. Er atmete schwer, klang bei seinem nächsten Satz mehr verwirrt als alles Andere.

    -„Sowohl als auch, aber was redest du denn überhaupt, Celina!?“

    -„Ich helfe dir auf die Sprünge: Ich rede von meinem Anruf vorhin, den deine Personifikation von Anrufbeantworter entgegengenommen hat.“

    Ich verzichtete auf lange Ausschweifungen und gab ihm eine Wort-für-Wort Nacherzählung meines Telefonats. Kaum hatte ich ihn mit meinen tausend Vorwürfen konfrontiert, kam ich mir wieder lächerlich vor. Im Nachhinein war die Geschichte doch fast ein wenig lustig… Der Typ war ans Telefon gegangen, als wäre Gustav ein schwer gefragtes Boygroup Mitglied und hatte sich einen Spaß mit mir erlaubt. Ich wusste es doch besser. Ich wusste, dass Gustav höchstens in einem kleinen Club gespielt haben konnte vor ein paar Leuten, von daher hätte ich mir gerade beim wahrscheinlichen Bekanntheitsgrad seiner Band die Horrorszenarien von Tausenden von Groupies sparen können…
    Ich brauche wohl nicht gesondert erwähnen, dass ich nicht länger böse auf ihn war und mit ihm zusammen über den Vorfall lachen konnte, auch wenn es mitten in der Nacht war und er ein wenig nervös klang.
    Er fragte wie es mir ging, ob es Neuigkeiten gäbe, was meine Eltern anging, was ich die Nächsten Wochen so geplant hatte… Er wollte, dass ich meinen Vater so Bald wie möglich in seiner neuen Wohnung in Berlin besuchte und mich dann mit ihm traf. Ich versprach es zu arrangieren. Wir redeten über Belanglosigkeiten. Stundenlang.
    Natürlich war ich misstrauisch und fragte ihn, ob er zu viel Geld hatte so lange auf Handy mit mir zu reden aber er sagte nur

    -„Lass das meine Sorge sein, Kleines. Ich hab einen Nebenjob, ich verdiene zurzeit ganz gut…“

    Es tat mir endlos gut einfach so im Bett zu liegen und seine Worte zu hören, wenn er schon nicht neben mir lag aber als ich um halb fünf zum X-Ten mal gähnte, entschuldigte er sich, mich so lange vom Schlafen abgehalten zu haben. Mit belegter Stimme wünschte er mir einen schönen Tag und noch zwei erholsame Stunden Schlaf. Er wollte sich wieder melden.
    Mir war klar, dass er eine Reaktion auf seine Message auf meinem Handydisplay erhofft hatte und wer war ich ihn zu Enttäuschen? Ich lächelte und erwiderte auf seinen Abschied, bevor ich auflegte:

    -„Ich mich auch in dich, Gusti!“



    Im Nachhinein gab es tausend kleine Anzeichen, tausend Hinweise.
    Doch was helfen alle hätte – sollte –wenn’s der Welt, wenn es so kam, wie es gekommen ist?

    ---------------------------------

    In der Schule fühlte ich mich wie ein Zombie. Ich konnte den Vormittag nur unter dem Einfluss einer Menge Koffein und dem Gedanken an Gustav überstehen, ohne wirklich einzuschlafen. Am Schwersten war es, sich in Mathe unauffällig zu verhalten, damit nicht auffiel, dass ich meine Aufgaben nicht erledigt hatte. Aber wie durch ein Wunder klappte auch das.
    Anne war natürlich höchst misstrauisch, wieso ich nicht, wie sonst, wenn ich so unfassbar übernächtigt war, schlecht drauf war und herum jammerte, dass ich ins Bett wollte. Nachdem ich ihr in der Pause kurz anriss, was derzeit zuhause mit meinen Eltern abging, konnte sie noch weniger verstehen, wieso ich in einer so vergleichsweise guten Verfassung war.

    -„Du nimmst doch nicht etwa Drogen seit Berlin, oder?!“

    Sie war extrem besorgt und wurde fast böse, als ich zur Antwort nur in einen Lachanfall ausbrach.

    -„Das finde ich nicht lustig Celina! Ich meine das total ernst! Du würdest mir doch sagen, wenn es so wäre, oder? Ich frage dich noch einmal: Nimmst du Drogen?!“

    Ich versuchte wieder Haltung anzunehmen und schaute ihr in die Augen.

    -„Nicht mehr als sonst auch,… Wirklich!“

    Ich zwinkerte ihr zu und fing erneut an zu lachen. Sie verstand nichts mehr, ihr Gesichtsausdruck glich einem Fragezeichen. Es war an der Zeit mit den Spielchen aufzuhören und ihr reinen Wein einzuschenken. So rein, wie es mir möglich war.
    Ich gab ihr die Light-Version meines Treffens mit Gustav, was glücklicherweise zur Folge hatte, dass sie, ganz beste Freundin, anfing zu quietschen und alle möglichen Details aus mir rauspressen wollte. Sie fand es unheimlich romantisch und das Wichtigste war: Sie schöpfte keinen Verdacht, dass außer dem noch ein Treffen mit ihren Lieblingen Bill und Tom stattgefunden hatte, wenn auch ein weniger erfreuliches.
    Der Bogen zu ihrem Lieblings- und meinem Hassthema überhaupt wurde aber schnell geschlagen.

    -„Die Karten für Tokio Hotel sind schon angekommen, ist das zu fassen!? Sie sind so schööön.“

    -„Die Karten?“

    -„Ja, die auch… Aber ich meine die Jungs!“

    -„Du wirst auch noch irgendwann einsehen, dass es bei einer Band beziehungsweise einem Konzert nicht auf das Süß- sein ankommt, sondern auf die Musik… Aber die bleibt mir bei dem Konzert vor lauter Mädchengekreische ja zum Glück erspart!“

    Herausfordernd sah ich sie an. Wir saßen uns im Bus gegenüber und waren mittlerweile auf dem Weg zu mir. Ich grinste vor mich hin, sah ihr genau an, was sie eigentlich erwidern wollte, aber sie riss sich zusammen.
    Sie kannte solche Reaktionen meinerseits ja schon.

    -„Ja; das ist doch das Konzept! Wenn wir zu dem Konzert gehen und schon nichts hören können, wollen wir doch wenigstens was Schönes zum Gucken haben, oder?“

    Ihre Logik würde ich nie verstehen. Meiner Meinung nach gab es bei Tokio Hotel nur hässliche Idioten, die unter meinem Niveau waren! Von Nahem waren die noch viel weniger schön – zumindest Tom und Bill – aber das konnte ich ihr ja nicht sagen. Selbst wenn ich gekonnt hätte, war ich sicher Anne hätte ihre Meinung deswegen nicht geändert.

    Lange blieb Anne nicht an diesem Nachmittag, ich war einfach zu müde und sie verstand das. Gegen 16 Uhr schaffte ich es endlich unter die Decke zu krabbeln und zu schlafen. Bis 22 Uhr zumindest. Gezielt griff ich nach meinem vibrierenden Handy und klappte es auf.

    -„Baby Boy,… was geht!?“

    ---------------------------------

    Es entwickelte sich in den nächsten Wochen eine Art Routine, die mir langsam aber sicher nicht mehr gut tat.
    Es war mir wichtig jeden Tag ein bisschen mit Gustav zu reden, doch sobald er gegen Mitternacht anrief, war jeder Vorsatz höchstens eine halbe Stunde lang zu hören wie sein Tag so war vergessen. Die Schule forderte viel, ich wollte die wenige Freizeit, die mir blieb mit meinen Freunden verbringen, weil ich außer Anne auch schon vor meinem Berlin Besuch viele von ihnen eher selten sah aber nun wurde es noch um einiges komplizierter.

    Ich hätte durch das nächtliche Telefonieren ein paar Stunden nachmittags schlafen müssen aber das war nicht möglich, weil ich Hausaufgaben machen musste, für diverse Tests lernen und außerdem auch noch zum Sport ging oder mit meinen Freunden in Cafés oder zuhause rumalberte.
    Anfangs kam ich mit dem Schlafverlust noch einigermaßen gut zurecht aber es summierte sich schließlich. Es fiel mir schwer mich zu konzentrieren. Mir wurde öfter schwindelig und so gut wie nichts machte mir noch Spaß. Im Spiegel sah ich nach kürzester Zeit nur noch einen Schatten meiner selbst: Dunkle Augenringe, meine Haare glänzten nicht mehr ganz so wie früher und ich war generell leichenblass.

    Ich merkte, wie meine Mutter mir von Zeit zu Zeit besorgte Blicke zuwarf, aber sie sprach mich nie darauf an, wie es mir ging, war mit sich selbst beschäftigt und versuchte ihr Leben so geordnet wie möglich zu halten. Auch wenn es komplett anders war als zuvor.

    Es fühlte sich sehr komisch an zum einen so zufrieden mit dem Leben zu sein und dem Strom an Glücksgefühlen kaum ausweichen zu können und andererseits so fertig mit dem Leben zu sein, dass ich mir manchmal wünschte nie wieder aufwachen zu müssen.
    Die Wochenenden wurden mir von meinen Freunden meistens verplant und ich konnte einfach nicht „Nein!“ sagen, bis mein Körper mir nach „nur“ drei Wochen dieses Lebensstils die Notbremse zog.

    Es war Freitagabend und ich hatte vor ihn mit Sophie, Maren, Ben, Lukas und Anne in der örtlichen Diskothek zu begießen. Man hatte sich vorher bei Ben getroffen und war auch schon gut angeheitert, als wir im Twilight eintraten.
    Wie üblich standen wir in einer Ecke rum, ließen uns von Lukas, der sich bei solchen Gelegenheiten meist als Laufjunge anbot, mit bunten Drinks versorgen und hatten einfach Spaß.
    Die Anderen waren, wie so oft in letzter Zeit, um einiges besser drauf als ich. Ich lehnte anteilnahmslos an der Wand, gähnte und nippte wieder an meinem Glas.
    Es gab einige Jungs in meinem Blickfeld, die mir gefallen hätten, wenn ich nicht vergeben gewesen wäre. Anne meinte ich solle den Anderen einfach von Gustav erzählen, aber es fühlte sich nicht richtig an. Ich war mir sicher, es wäre unglaubwürdig mal eben so ein Wochenende weg zu sein und mit Freund wieder zu kommen. Natürlich mit einem Freund, den niemand sehen konnte, weil er wo anders wohnte… Sie waren sicher ich würde noch an Jonas hängen, beziehungsweise sie glaubten fast religiös an meine blinde Verliebtheit in diesen kompletten Vollidioten.

    Ich musste kurz meinen Kopf schütteln, um wieder in die Realität zu kommen und nicht weiter über den Spätsommer und schon gar nicht weiter über Jonas nachzudenken. Lukas fuchtelte wie wild mit seiner rechten Hand vor meinem Gesicht rum.

    -„Geht`s dir noch gut?!“

    -„Mir? Du stehst da seit bestimmt zehn Minuten und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sogar behaupten du hast seit dem nichtmal geblinzelt! Das ist doch nicht gesund!“

    Verständnislos sah ich ihn an.
    Was ging denn jetzt? Es war doch ein super Abend, alle hatten Spaß, wie immer und bisher hatte es nie jemanden gestört, wenn ich mich für ein paar Minuten aus der Konversation ausklinkte. Das kam öfter vor, es war nichts, über das er sich sonst gewundert hätte.
    Ich wollte auf keinen Fall, dass meine Freunde dachten mit mir wäre nichts mehr los!
    Lachend griff ich Lukas’ Hand und zog ihn in Richtung Tanzfläche.

    -„Na komm, wir zeigen den anderen mal, was nicht mehr gesund ist!“

    Seine braunen Augen hellten sich wieder auf und der Schleier der Besorgnis, der sie zuvor überzogen hatte, verschwand.
    Der harte Beat des letzten Liedes ging über zu „for you“ und während wir uns lachend in die Augen sahen, bewegten wir uns in einer Harmonie zum Takt, die ich zuletzt beim Tanzen mit Gustav als solche erkannt hatte. Ich merkte sofort, ob jemand gut tanzen konnte oder sich nur verkrampft mit dem Beat zu winden versuchte, um nicht lächerlich zu wirken. Aber genau das tat es dann auf mich.
    Auf circa der Hälfte vom Track gefror mein Lächeln, Übelkeit stieg in mir hoch. Oh Gott! Und nun? Ein kurzer Blick zu Lukas – er war total in den Beat vertieft. Ich bemühte mich weiter zu machen, doch es wurde zunehmend schwieriger. Die Stimmung im Club war am Kochen, das schummrige Licht wurde mit grellem Blitzlicht ersetzt, das die Gesamte Situation, den Ort und die Zeit auf eine andere Ebene hob, ich sah in Zeitlupe die verschwitzen Körper um mich herum auf- und ab springen. Ich stand, fühlte mich trotzdem, als würde auch ich springen.
    Ein Arm.
    Ein hübsches Mädchen, das am Rand einer Freundin zuprostete.
    Der Barkeeper, der hektisch Gläser mit Vodka füllte.
    Der DJ, der das Mischpult bediente.
    Der Boden, der mir eine halbe Ewigkeit lang langsam immer näher kam.
    Dann: Nichts.



    Re: Deceit / Betrug

    Fitzkik - 18.01.2006, 22:47


    Jaaaaaaaaaaaaaaah.....*irre lacht und durchdreht*

    Gaaaaaanz viel "Deceit"....

    *süchtig ist und im Kreis springt*



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 18.01.2006, 23:01


    lol? nicht, dass es mich nicht freuen würde, aber nicht, dass du irgendwann auf die idee kommst auf entzug zu gehen :D lol



    Re: Deceit / Betrug

    Fitzkik - 18.01.2006, 23:09


    Bevor ich auf Entzug von dieser FF gehe.... :shock:

    da muss schon was passieren.... :!: :!: :!:

    zB...mein Hund muss Mozart am Klavier spielen können... :lol:

    Ich liebe diese FF nämlich....und das wird net aufhören....auch nicht wenn mein Hund es doch lernt... :!:



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 19.01.2006, 19:11


    Orientierungslos versuchte ich die neue Situation zu analysieren. Gedanklich umzusetzen und zu akzeptieren.
    Ich befand mich ganz offensichtlich im Krankenhaus, so dumm war ich auch nicht - bei all dem Weiß um mich herum den einzig logischen Rückschluss nicht zu ziehen. Vielleicht hatte die kleine Nadel in meinem linken Arm auch ein wenig damit zu tun, dass mir direkt nach dem Aufwachen bewusst war, wo ich mich befand. Ein Schlauch führte zu einem Tropf neben meinem Bett, durch den stetig eine klare Flüssigkeit tropfte. Sonst waren keine Maschinen im Raum, nur ein Durcheinander von Blumen, Süßigkeiten und Grußkarten auf einem kleinen Tischchen direkt neben dem leeren Bett, das neben meinem Stand.

    -„Was machst du nur für Sachen, Kleines?!“

    Durch die Stimmen aufmerksam geworden drehte ich meinen Kopf in die andere Richtung und sah vor dem Fenster auf einem Stuhl meine Mutter sitzen. Mein Vater hatte neben ihr gesessen, war nun aber im Begriff sich auf die Bettkante zu setzen und meine Hand zu greifen.

    -„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht… Aber darüber können wir ja auch später noch reden. Schön, dass du endlich wieder wach bist!“

    Meine Hand verschwand fast in seinen großen, rauen Händen. Meine Augen suchten seine und zum ersten Mal erschrak ich darüber, wie alt er aussah.
    Eigentlich fand ich nicht, dass er für sein Alter wirklich alt aussah. Er war für mich immer eher jung im Vergleich zu anderen Vätern aber in diesem Moment, in dem ich seinen Blick suchte, fielen mir die kleinen Fältchen um seine Augen auf, die grauen Strähnen in seinen dunklen Haaren… Die Sorge ließ ihn wirklich alt aussehen und es erschreckte mich sehr, dass ich selbst der Grund dafür war, dass er nun so vor mir saß.
    Ich zwang mich zu lächeln, was mir die letzte Zeit sehr schwer fiel, aber nun ganz leicht über meine Lippen ging.
    Fast automatisch.
    Fast wie sonst.

    -„Ja.“

    Mein Hals fühlte sich sehr trocken an, ich musste mich räuspern. In den Augenwinkeln sah ich meine Mutter aufspringen und mir ein Glas Wasser einschenken. Sie gab es mir.

    -„Hier, Schatz!“

    Gierig trank ich die leicht sprudelnde Flüssigkeit, ließ sie meinen rauen Hals herunter perlen.

    -„Danke. Ja, ich bin auch froh. Tut mir Leid, dass ich euch so viele Sorgen gemacht habe…“

    An der Trockenheit lag es diesmal nicht aber ich spürte einen Kloß in meinem Hals und es brannte verdächtig hinter meinen Augen. Verdammt, was war los mit mir? Wie lange war ich wohl weggetreten, bevor ich aufgewacht bin? Ich schlussfolgerte, dass es eine halbe Ewigkeit gewesen sein musste dafür, dass mein Vater aus Berlin hier her gekommen war. Naja, nicht dafür, dass er überhaupt losgefahren war sondern dafür, dass er schon da war.

    -„Hey, es ist okay! Es hat uns einen gewaltigen Schreck eingejagt aber nun ist es ja wieder gut… Die Ärzte wussten zuerst auch nicht was los war. Du bist ja einfach umgekippt! Sie vermuteten, du hättest Drogen genommen-“

    Entsetzt zog ich meine Augenbrauen in die Höhe. Das war nicht ihr Ernst, oder? Ich mochte den Verlauf, den dieses Gespräch annahm ganz und gar nicht! Meine Mutter sprach für ihn weiter. Auch sie sah ziemlich müde aus. Ihr dunkelblonden Haare hatte sie zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden aber ein paar hingen ihr strähnig ins Gesicht. Sie strich sie ungeduldig zurück.

    -„Es hätte ja auch sein können, dass dir jemand was ins Glas gekippt hat! Der Drogenschnelltest war aber negativ. Deine Blutwerte sonst haben auch nicht sehr viel ergeben, aber der Chefarzt hat uns gesagt es wäre Erschöpfung gewesen und du bräuchtest jetzt einfach Ruhe und Erholung. Ich bin so erleichtert! Also, dass es nur das ist, wobei das an Sich schlimm genug ist. Ich hätte merken müssen, was du mit dir machst, hätte einschreiten müssen-“
    Sie sprach immer schneller, beinahe hysterisch. Ihre Augen wurden glasig. Oh nein, damit konnte ich wirklich nicht umgehen! Mein Vater fuhr sie an.

    -„Sabine, merkst du denn nicht, dass das letzte was wir alle jetzt gebrauchen können deine Selbstvorwürfe sind!? Glaubst du, das macht alles besser!?“

    Die Tränen liefen jetzt ungehalten über die Wangen meiner Mutter, während mein Vater sie anschrie. Ich konnte es nicht fassen. Es ging hier um mich! Um den Grund, wieso wir alle jetzt in diesem Zimmer zusammen waren und sie hatten nichts Besseres zu tun, als zumindest einen der Gründe hier in den Raum zu stellen. Es war höchste Zeit einzugreifen.

    -„Merkt ihr denn nicht, dass es genau das ist? Das?! Ich will nicht sagen, dass eure Trennung der einzige Grund gewesen wäre, oder der Hauptgrund denn eigentlich komme ich schon damit klar – nur- Gott, wieso ist es so schwer für euch das zu verstehen?! Ich hatte Stress und die Verhältnisse zwischen euch haben nicht unbedingt dazu beigetragen, dass ich zur Ruhe gekommen bin! Seit ihr mir überhaupt gesagt habt, was Sache ist geht alles nur Drunter und Drüber aber es ist einfach die Krönung wie ihr hier abgehen könnt, euch angiften könnt direkt nachdem ihr gesagt habt, dass ich Ruhe brauche! Darüber rede ich… Ich… Es tut mir wirklich leid, dass das passiert ist aber... Das ist…“

    Mein Puls raste, ich konnte aber nicht weiter sprechen. Beide Elternteile schienen überrascht über meinen Ausbruch, entschuldigten sich und verließen den Raum. Es war nicht gerecht von mir es so hinzustellen, als wären sie hauptsächlich Schuld an Allem. Immerhin war ich es, die nächtelang mit ihrem Geliebten telefonieren musste. Fakt war aber auch, dass einige dieser Stunden dafür draufgingen, sich bei ihm auszuheulen, wie schlecht ich mit den veränderten Tatsachen zurecht kam.
    Apropos veränderte Tatsachen - wollten sie das jetzt wie zwei Erwachsene draußen vor der Tür klären? Wollten sie mir Abstand geben, um mich zu beruhigen? Wollten sie einen Arzt holen, der mir ein Beruhigungsmittel gibt?
    Totale Verwirrung. Die letzte Möglichkeit erschien mir schon sehr wahrscheinlich, als es kurz darauf zaghaft an der Zimmertür klopfte. War das jetzt der Arzt? War es meine Mutter? Mein Vater? Beide?
    Ich rechnete mit Allem und Jedem, nur nicht mit dem, der auf mein

    -„Ja, bitte?“

    in der Tür stand und an mein Bett eilte.

    -„Gusti!?“



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 19.01.2006, 19:36


    Abgesehen davon, dass es mich überrascht hatte, dass mein Vater in der Zeit, in der ich anscheinend schon hier war, angereist war, wurde mir klar, dass die Sache anscheinend für alle anderen größer gewesen sein musste, als sie sich für mich anfühlte.
    Die Nadel in meinem Arm störte mich ein wenig und in meinem Kopf hämmerte es immer stärker aber sonst hatte ich mich lange nicht so fit gefühlt. Da seit meinem Erwachen auch noch kein Krankenhauspersonal zu mir gekommen war konnte es als Schlussfolgerung also gar nicht so schlecht um mich stehen und trotzdem ließen alle möglichen Leute alles stehen und liegen, von denen ich wusste, dass sie sehr beschäftigt waren und sie sich einen Kurztrip zu mir ins Krankenhaus eigentlich gar nicht leisten konnten. Zumindest nicht dafür, dass ich nur einen Schwächeanfall erlitten hatte.
    Gustav saß mittlerweile auf dem Platz auf meinem Bett, wo mein Vater zuvor gesessen hatte und meine Hand streichelte.

    -„Ich musste einfach herkommen und sehen wie es dir geht! Ich hab so oft versucht dich anzurufen und jedes Mal war nur die Mailbox dran. Irgendwann ging deine Freundin ran- Anne? Naja und die war total aufgelöst, meinte du wärst zusammengebrochen und jetzt im Krankenhaus und noch nicht wieder aufgewacht… Was zur Hölle ist denn los!?“

    Es war fast ein bisschen niedlich, wie er sich in Rage redete aber ganz offensichtlich erleichtert war, dass ich wach war. Ich fand es lustig, dass ich ständig gefragt wurde was los sei, obwohl ich selbst gerne jemanden das Selbe gefragt hätte. Ich wusste weder wie spät es war, noch an welchem Tag, noch wann ich wieder nach Hause gehen dürfte, wieso ich immer noch am Tropf hing, obwohl alles O.K. war. Seufzend gab ich Gustavs ungeduldigen Fragen Antwort.

    -„Ich bin da nicht ganz sicher aber ich gebe dir mal eine Zusammenfassung von dem, was ich weiß: Ich hab mich in der letzten Zeit etwas übernommen und bin dann im Club zusammengebrochen. Jetzt bin ich wieder wach. Alle machen mir Vorwürfe, ich habe keine Ahnung was ansonsten los ist. Aber am Wichtigsten ist: Ich bin so froh dich zu sehen!“

    Fordernd streckte ich ihm meinen Arm entgegen in der Hoffnung auch er würde Körperkontakt aufbauen wollen. Für einen kurzen Moment griff er auch nach meiner Hand. Seine Haut war kalt und feucht, er war nervös. Dann legte er sie aber wieder auf die weiße Krankenhausdecke, unter der ich lag. Er verschränkte seine Finger, sah minutenlang auf sie runter bevor er mich wieder ansah und leise mit mir sprach.

    -„Ich bin auch froh dich zu sehen, ich wollte so schnell wie möglich wieder zu dir aber, dass es auf diese Weise geschehen muss wollte ich nicht! Uns ist doch beiden klar, dass es meine Schuld ist, was passiert ist. Ich meine, ich hätte erkennen müssen, dass du viel zu tun hast, hätte dich schlafen lassen sollen… Denn daran lag es doch oder?“

    Seine Selbstvorwürfe trieben mir zum x-ten Mal, seit ich mir bewusst war hier im Krankenhaus zu liegen, das Wasser in die Augen. Unsere „Beziehung“ bewegte sich noch auf sehr dünnem Eis und obwohl der Anfang – also im Grunde das Kennenlernen –viel versprechend gewesen war, bedeutete das nicht, dass wir schon eine so feste Bindung zueinander hatten, dass es auf Dauer halten würde. Erst recht nicht, wenn etwas wie das jetzt alles auf die Probe stellte. Kannten wir uns denn genug um schon von Liebe zu sprechen oder war es die reine, physische Anziehungskraft, die wir aufeinander ausübten?
    Ich konnte nicht sicher sagen, wie ich momentan aussah. Der in Frage kommende Zeitraum, den ich schon hier lag konnte beliebig lang sein. Ich hatte seit dem sicher nicht geduscht und diese Krankenhaus-Kleid-Dinger, von denen ich eins trug, waren auch alles andere als sexy. Auf physische Anziehungskraft kam es also im Moment sowieso nicht an und für mich stand deshalb die Frage nach dem Typus unserer Beziehung wirklich ganz oben auf der Liste. Direkt nach

    -„Welcher Tag ist heute? Hast du Plan, wie lange ich hier schon bin?“

    Kalt traf mich der fordernde Blick aus Gustavs Augen. Wieso sah er mich so ungeduldig an? Fast fragend. Siedend heiß erinnerte ich mich, dass er eine für ihn bedeutende Frage nach Schuldzuweisung gestellt hatte, die mich erst auf meine Gedanken gebracht hatte. Hatte ich lange überlegt?

    -„Es ist Sonntagnachmittag… Du bist seit Freitagnacht hier.“

    -„Sorry. Also ich meine… Es ist nicht deine Schuld. Es lag nicht an dir, dass ich mich überfordert habe. Vielleicht liegt es zum Teil daran nur... Hey schau mich nicht so an es ist… Es war die Gesamtsituation. Es kam so vieles auf Einmal und ich hab es einfach nicht mehr geschafft alles wie sonst voreinander zu bringen. Oder Prioritäten zu setzen. Jetzt mache ich es einfach besser…Tut mir leid.“

    Bittend sah ich ihn an, mir die Chance zu geben, mich zu beweisen. Er brach den Blickkontakt ab und schüttelte fast unmerkbar den Kopf.

    -„Es ist süß, dass du die Schuld auf dich nehmen willst, aber selbst wenn es so wäre: Ich wusste, wie es derzeit bei dir aussieht und trotzdem war ich zu eigennützig, als dass ich dir die Ruhe gegönnt hätte, die dir zustand. Sehen wir es mal realistisch: Du kannst mich momentan echt nicht gebrauchen. Du bräuchtest jemanden, der bei dir in der Nähe wohnt, der bei dir sein kann um dich in den Arm zu nehmen. Und scheinbar auch um dich ins Bett zu bringen.“
    Bei dem Satz lächelte er, aber das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Anscheinend war er von dem Schwachsinn, den er von sich gab wirklich überzeugt. Oh nein!

    -„Unbedingt…. Aber ich will, dass du es bist, der mich ins Bett bringt. Und künftig nicht in dieses, sondern in meins. Oder deins.“

    Mit neu gefasstem Mut richtete ich mich weiter auf, griff mit meiner freien Hand, die nicht durch den Tropf im Arm in ihrer Bewegung eingeschränkt war, nach dem Kragen von Gustavs Poloshirt um ihn zu mir runter zu ziehen.
    Um ihn zu Küssen.
    Um ihn durch Argumente zu überzeugen.
    Durch die pure Leidenschaft, die ich zwischen uns spürte.
    Durch Worte, die nicht ausgesprochen werden konnten.
    Ich spürte seinen heißen, schnellen Atem auf meiner Haut, roch das Gemisch aus seinem unwiderstehlichen Parfum und Pfefferminzkaugummi, doch bevor unsere Lippen sich berührten, wurde die Tür erneut aufgerissen und Anne stürmte herein.
    Gustav beeilte sich in eine normale Sitzposition zurückzukommen und überall hinzuschauen, nur nicht zu mir.
    Mein Puls erhöhte sich schlagartig, Frustration überkam mich. Ich hatte Anne wirklich gern und sie war vermutlich erleichtert mich endlich nicht mehr schlafend vorzufinden, doch eins musste ich ihr lassen:
    Ihr Timing war denkbar schlecht!



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 20.01.2006, 15:06


    Anne war sofort an meiner Seite und umarmte mich so fest sie konnte. Nachdem auch sie mindestens 3-mal bekundet hatte, dass ich so was nie wieder machen solle (als hätte ich mir das ausgesucht) und wie sehr ich sie alle erschreckt hatte, kam sie langsam wieder runter und ihre gewohnte hyperaktive Art kam zum Vorschein. Gustav hatte die ganze Szene däumchendrehend beobachtet und ich freute mich die beiden endlich miteinander bekannt zu machen, schließlich waren mir beide sehr wichtig und kannten sich gegenseitig bisher bloß aus Erzählungen.

    -„Oh, Anne- darf ich vorstellen? Das ist mein Freund Gustav.“

    Ihre Augen folgten meiner Handbewegung und zum ersten Mal seit sie die Tür geöffnet hatte blieb ihr Blick an Gusti kleben. Ihre Augen weiteten sich und sie öffnete ihren Mund, als wolle sie etwas sagen, doch es kam nichts.

    -„Gustav, das ist meine beste Freundin Anne.“

    Heute weiß ich natürlich, dass damals eine stille Übereinkunft zwischen den beiden stattgefunden haben musste. Eine stille Übereinkunft mir nichts zu sagen, „die Sache“ geheim zu halten.
    Ich würde aus heutiger Sicht eigentlich nicht einmal Übereinkunft dazu sagen, sondern Verschwörung. Ich habe keine Ahnung, wie sie denken konnten es würde niemals auffliegen. Aber vielleicht dachten sie das ja auch gar nicht… Sie wollten vielleicht auf den perfekten Augenblick warten, doch den gibt s bekanntlich nicht. Für sie gab es ihn jedenfalls nicht. Jetzt, wo ich hier sitze, fallen mir spontan einhundert perfekte Momente ein, in denen sie es mir hätten sagen können. Sie entschieden sich aber zu schweigen.
    Genau wie Anne in dem Moment, als ich ihr Gustav vorstellte, die beiden sich in die Augen sahen und Gusti sie förmlich anflehte ruhig zu bleiben, obwohl dieses Treffen zwischen den beiden eine völlig andere Reaktion hätte hervorrufen müssen.
    Die relativ gefasste Reaktion Annes lässt sich für mich im Nachhinein nur durch ihren folgenden Satz erklären:

    -„Hallo Gustav… Nett dich.. Äh, kennen zu lernen! Ich hab schon… viel von dir gehört und so… Deine Freunde warten draußen auf dich, sie haben mir gesagt, dass du hier bei Anne bist!“

    Scheinbar saßen ohne mein Wissen die drei anderen Jungs von Tokio Hotel draußen auf dem Gang, nur wegen mir und warteten auf ihren vierten Mann. Auch sie waren eingeweiht, sie zogen Anne ins Vertrauen und die einzige Person, die nichts von all dem wusste war ich.
    Weil ich nichts wissen durfte.
    Im Rückblick ist es fast komisch zu wissen, dass Tom und Bill, die ohnehin nach unserem ersten Zusammentreffen nicht viel von mir halten konnten, in diesem Augenblick, den ich schwach in einem Krankenhausbett zubrachte, nur wenige Meter von mir entfernt saßen.
    Bin ich gemein denke ich, dass es vielleicht genau das war, was sie mir gewünscht hatten nach diesem Treffen in den Straßen Berlins.
    Bin ich fair denke ich, dass sie sich vielleicht mit ihrem Freund zusammen um mich, seine Freundin, gesorgt hatten, Immerhin hatten sie mir auch in Berlin weiter geholfen…
    Bin ich ganz ehrlich ist es für den weiteren Verlauf ohnehin nebensächlich gewesen, was genau sie dachten, als sie auf dem Gang des Krankenhauses saßen und warteten. Es macht keinen Unterschied.

    Wir unterhielten uns eine Weile zu dritt, scherzten und lachten während es draußen zu dämmern begann. Gegen fünf betraten meine Eltern mit einem Arzt und einer Schwester das Zimmer und zwangen Gustav und Anne zu einem stillen Rückzug.
    Die Schwester zog vorsichtig die Nadel aus meinem Arm und der Arzt fing an auf mich einzureden.
    Er hielt mir eine lange Standpauke darüber, wie ich in den letzten Wochen mit meinem Körper umgegangen sein musste, um einen solchen Effekt hervorrufen zu können. Darüber, dass er mich in Zukunft nicht noch einmal aus dem selben Grund sehen wollte, dass ich Glück gehabt hatte, dass ich undankbar war, dass … Was weiß ich.
    Er erreichte mich schon mit seinen Worten und ich wollte ihn auch ernst nehmen aber dennoch fand ich er hätte es freundlicher rüber bringen können.
    Im Anschluss daran war ich froh, als er mir lächelnd mitteilte, dass meine Eltern mich nun mit nach Hause nehmen duften unter der Bedingung, dass ich die letzte Woche vor den Weihnachtsferien, die anbrach, nicht zur Schule gehen, sondern mich zuhause erholen würde.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 21.01.2006, 14:01


    Ich war unendlich erleichtert aus diesem Krankenhausleibchen heraus zu kommen und vernünftige Sachen tragen zu können. Anne wartete auf dem Gang auf mich und war überrascht, dass ich schon gehen durfte.

    -„Naja, die drei Tage Schule werde ich auch noch ohne dich schaffen! Erhol dich bloß gut! Ich komm dich morgen besuchen, wenn es dir recht ist!“

    Selbstverständlich war es mir recht. Ich war zwar nicht traurig um diese erzwungene Auszeit, aber ich war sicher, dass es das Selbe werden würde wie in den Ferien: Anfangs ist es sehr cool nichts machen zu müssen aber dann wird es extrem langweilig nur rum zu hängen und gar nichts zu machen.
    Suchend sah ich mich nach Gusti und seinen Freunden, die ja angeblich auch da waren, um, doch ich konnte ihn nirgends entdecken. Anne entging meine Suche nach den Jungs nicht.

    -„Oh, hätt’ ich fast vergessen! Gustav wünscht dir noch mal gute Besserung, aber er musste wieder los. Ich soll dir sagen er ruft dich im Laufe der Woche an!“

    Mein Vater hatte auch ziemlich schnell den Abgang gemacht. Er hatte immerhin noch eine längere Fahrt nach Berlin vor sich und musste am nächsten Tag arbeiten. Auf der stummen Rückfahrt nach Hause mit meiner Mutter dachte ich weiter nach. Ich hatte völlig vergessen wie nah Weihnachten war. Wo würde ich feiern? Mit meiner Mutter, meinem Vater oder müsste ich die Tage irgendwie gerecht unter ihnen aufteilen? Ich verstand natürlich, dass Gusti wieder weg musste. Es hatte mich ja schon überrascht, dass er überhaupt gekommen war aber es war schwierig für mich einzuordnen auf welche Art und Weise wir jetzt schon wieder auseinander gegangen waren. Hatte der Fast-Kuss erreicht, was ich durchsetzen wollte? Wollte er mich überhaupt, oder war es am Ende zu anstrengend so eine blöde Fernbeziehung zu führen? Ich entschied mich gegen Pessimismus zu Gunsten von Optimismus – wer konnte bitteschön keine Beziehung mit mir führen wollen?! (Abgesehen von Jonas natürlich,...)

    In unserem Haus angekommen schickte meine Mutter mich sofort in mein Bett und bestand darauf mir etwas zum Essen hoch zu bringen. Sie brauchte nur wenige Minuten, bevor sie mit einem groß beladenen Teller mit belegten Broten wieder hoch kam. Und Obst. Und Joghurt. Wer sollte das alles essen?
    Zum Essen kam ich erstmal gar nicht. Meine Mutter wollte Klartext mit mir reden und presste die Details der letzten Wochen aus mir heraus. Sie hatte ja ein Recht zu erfahren was genau passiert war, aber es fiel mir schwer zuzugeben, wie sehr ich mich selbst überschätzt hatte. Außerdem kamen sofort wie erwartet ihre Selbstvorwürfe, dass die Trennung an allem Schuld wäre. Was war bloß mit meiner Umgebung und Selbstvorwürfen los? Musste unbedingt ein einziger Schuldiger gefunden werden? Konnte man sich nicht irgendwie darauf einigen die Schuld zu teilen?

    -„Und dieser Gustav… Der ist dir ziemlich wichtig geworden, ja?“

    Ich fand es extrem früh in einer Beziehung um meine Gedanken darüber mit meiner Mutter zu teilen aber das ganze Gespräch bisher verlief ziemlich emotional auf beiden Seiten und es war auch erleichternd nicht mehr alle Gedanken alle mit mir herumschleppen zu müssen.

    -„Ja. Naja. Ich weiß nicht. Eigentlich schon, nur bin ich nicht mehr sicher, ob das ganze funktionieren kann. Ob er überhaupt noch will, dass es funktioniert. Es macht mir Angst, dass er mir so viel bedeutet nach so kurzer Zeit. Es ist als wäre er schon ewig da.“

    Ein trauriges Lächeln formte sich auf dem in letzter Zeit ewig finsteren Gesicht meiner Mutter.

    -„Ich bin vermutlich im Moment kaum die Richtige dir Tipps zu geben, wie man eine Beziehung führt. Wie man sie aufrechterhält. Aber was du beschreibst ist genau das, was ich über deinen Vater dachte, als ich ihn am Anfang kennen gelernt habe. Ich nehme an er meldet sich bei dir. Lad ihn für die Ferien zu uns ein, dann könnt ihr Zeit verbringen und feststellen wie es weitergehen soll. Oder kann.“

    Ihre Augen sahen plötzlich aus, als wäre sie in Gedanken kilometerweit entfernt, doch so schnell, wie das gekommen war, war es auch wieder vorbei.

    -„Jetzt iss und ruh’ dich aus!“

    Mein Hunger überkam mich und gierig schlang ich das mir vorgesetzte Zeugs herunter, bevor ich gähnte und mich tief in meine Decke kuschelte.
    Es war wieder OK. Gustav würde herkommen.
    Wenn er wollte.
    Wenn er anrief.
    Wenn.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 21.01.2006, 14:03


    Die Langeweile setzte schon ein bevor die Ferien überhaupt offiziell begonnen. Anne war, wie versprochen, vorbeigekommen und hatte sich zwei Stunden lang mit mir unterhalten.
    Ganz zu meiner Überraschung ohne ein einziges Mal Tokio Hotel zu erwähnen. Das war etwas neues, vermutlich wollte sie mich nicht aufregen. Ehrlich gesagt hätte es mich auch aufgeregt, wenn sie die erwähnt hätte, denn mit jedem Tag, an dem Gustav nicht anrief, wurde ich gereizter und die Erinnerung an die Front-Figuren dieser Trash-Band hätte mich nur noch mehr aufgeregt.
    Sie hatten zwar nicht im Geringsten etwas damit zu tun, ob Gustav sich bei mir meldete oder nicht, aber darauf hätte ich keine Rücksicht genommen.
    Generell war ich auf mich selbst sauer. Ich war viel zu stur! Es wäre doch ein Leichtes gewesen ihn einfach selbst anzurufen, aber ich fand es blöd das zu tun, wenn er doch ganz offensichtlich keinen Kontakt wünschte. Hätte er das nämlich gewollt, hätte ich nicht seit Tagen vergeblich auf seinen Anruf gewartet. Ich wartete jedenfalls konsequent darauf, dass er sich meldete, schließlich hatte ich schon im Krankenhaus die Initiative ergriffen!
    Im Fernsehen gab es grundsätzlich nur Schrott, stellte ich fest. Talkshows, Gerichtssendungen und Klingeltonwerbungen dominierten meinen Tagesablauf, wobei ich es am Tollsten fand, dass man für schlechte Coverversionen von noch schlechteren Originalsongs auch noch Geld ausgeben sollte.
    Es war wieder mal so weit, dass der Klingelton des Monats präsentiert wurde – natürlich nichts anderes als „Schrei“, dieser meiner Meinung nach richtig grottige Nachfolgesong von „Durch den Monsun“, der wider erwarten wirklich noch schlimmer war! – in einer Zeit, in der ich einfach Made zu Ende gucken wollte.
    Ich wollte gerade ansetzen mich lautstark mit mir selbst über den total Kindischen „Nein, nein, nein, nein, nein…“ Teil aufzuregen, als es laut an meiner Tür klopfte und Lukas seinen Kopf herein steckte.

    -„Oh! Hey Lukas! Komm doch rein!“

    Sofort würgte ich das Geplärre aus dem TV ab, und machte meine Sugarcult CD an, die ein wenig Hintergrundmusik bieten würde. Lukas reichte mir einen bunten Blumenstrauß und setzte sich neben mich aufs Sofa.

    -„Hier, hab ich dir mitgebracht! Hat mich wirklich erschreckt, wie du plötzlich einfach umgekippt bist, als wir getanzt haben! Sonst habe ich nicht so eine umwerfende Wirkung…“

    Ich grinste ihn an, bevor ich aufstand, um die Blumen in eine Vase zu stellen. Ich kannte Lukas schon ewig und wusste, dass er den Witz nur riss, weil es ihm schwer fiel seine Angst um mich am letzten Wochenende zuzugeben.
    Als ich hinter der Couch vorbeiging, nachdem ich die Blumen auf meinem Nachttisch abgestellt hatte, um mich wieder neben Lukas zu setzen, lehnte er seufzend seinen Kopf zurück und drückte sich seine blond gefärbten Spikes platt, für die er bestimmt länger gebraucht hatte.

    -„Celina… Ich bin eigentlich nur hergekommen, um zu gucken, ob es dir wieder gut geht. Ich hatte echt… Angst um dich. Und dabei ist mir klar geworden, dass du… Naja, mir eben viel bedeutest!“
    Oha, das große B- Wort war gefallen! Wie jetzt interpretieren? Tor 1 oder 2?! Schnell, schnell!

    -„Hey, ist doch schon gut Luke! Du bedeutest mir auch viel! Ich meine, ich kenne dich am Längsten! Du warst seit dem Kindergarten mein bester Freund und Beschützer, ist doch logisch, dass du dir Sorgen gemacht hast… Wieso sagst du jetzt,… Oh.“

    Okay, Celina wählt Tor 2 ooooh und es ist der Zonk! Tja, der Schwächste fliegt und raus!

    -„Ja,.. „Oh!“… Es macht nichts, dass du nicht das Gleiche für mich empfindest… Es ist… Vergiss einfach, dass ich überhaupt was gesagt habe!“

    Lukas angelte seine Jacke, die er achtlos auf den Boden geworfen hatte, als er rein kam und sprang auf.

    -„Nein, warte! Ich meine… Bist du dir denn sicher!? Ich meine, bestimmt ist es nur die Ausnahmesituation gewesen, dass ich im Krankenhaus lag und nicht wach war und du… du zuletzt mit mir getanzt hast und so! Du stehst doch auf ganz andere Mädchen und das ist... Lukas!“

    Es tat mir furchtbar leid und ich war mit der Situation überfordert. Das war mein bester Kumpel überhaupt, ich war wirklich nicht sein Typ! Wie konnte es sein, dass mich über Jahre hinweg kein Junge beachtet hatte und ich nun plötzlich in der Position war gleich mehreren das Herz zu brechen? Ich war es gar nicht wert und hätte Luke rational gedacht, hätte er das doch auch wissen müssen! Klar, er war mit sechs der erste gewesen, der seine kalten, feuchten Lippen auf meine gepresst hatte um dann angeekelt festzustellen, dass er nun Mädchen-Bakterien an sich hatte…
    Aber sonst? Sonst beschützte er mich nur, wenn andere Jungs nicht nett zu mir waren. Oder zu nett. Oder seiner Meinung nach nicht zu mir passten. Verdammt, wusste er vielleicht schon länger, dass er etwas für mich empfand? Aber wenn ja, wieso kam er jetzt damit raus, wo ich doch jemand anderen gefunden hatte?
    Die Lösung kam mir in den Sinn, als ich drauf und dran war ihm hinterher zu sprinten aber mein Handy klingelte. Und dran war Gustav. Gustav, von dem Lukas ja nicht einmal etwas wusste!
    Ich hörte die Haustür ins Schloss knallen und wusste: Der Moment ihn aufhalten zu können war vorbei.
    Zeit sich anderen Problemen zu widmen, die fest mit diesem verwoben waren.
    Gustav.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 21.01.2006, 19:34


    Ich empfand es als eine Ironie des Schicksals. Gustav hatte mir noch in Berlin „gesagt“, dass er in mich verliebt war. Dann sagte er mir, dass das zwar stimmte, er es aber lieber hätte jemand aus meiner direkten Umgebung würde sich auf diese spezielle Art und Weise um mich kümmern. Er hätte wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass es da jemanden gab, der sich freiwillig meldete. Ich selbst hätte auch nicht damit gerechnet, aber wenn ich es Gustav erzählt hätte, hätte es ihn mehr aus der Bahn geworfen als mich, da war ich sicher. Gustav wusste doch im Krankenhaus gar nicht, was es für Konsequenzen gehabt hätte, wenn ich auf seine wirren Forderungen eingegangen wäre. Ich hatte aber vor es dabei zu belassen. Die Sache zwischen mir und Lukas war etwas, bei dem Gusti mir beim besten Willen nicht helfen konnte. Ich hatte es verbockt und ich musste es auch allein wieder gerade biegen.

    -„Was willst du!?“

    -„Nanu, bin ich heute gar nicht Baby Boy?“

    -„Wärst du, wenn du dir mit deinem Anruf nicht tagelang Zeit gelassen hättest!“

    -„Deswegen bist du jetzt sauer auf mich? Ich dachte einfach es wäre besser dich jetzt nicht mehr jeden Abend anzurufen, sondern dir Zeit zum Schlafen zu geben. Ich dachte das war dir klar.“

    Ok, die Logik machte irgendwie Sinn, aber vermutlich nur so lange, wie ich mir sagen konnte, dass er ja schlecht wissen konnte, dass ich vor langerweile zuhause einging. Er hatte sich ja nicht von mir verabschieden können, wusste folglich auch nicht, dass mir Schule derzeit erspart blieb. So wie ich ihn aber kannte, hätte er auch dagegen protestiert. Während ich in Gedanken unseren nicht vorhandenen Abschied im Krankenhaus durchging, war mir schlagartig klar, wieso es mich wirklich aufgeregt hatte, dass er sich nicht gemeldet hatte. Die Ungewissheit.

    -„Ja… Die Frage ist doch auch eher, ob du noch mein Baby Boy sein willst. Vor ein paar Tagen warst du fest entschlossen diesen Posten aufzugeben und dem nächst Besten anzudrehen oder habe ich auch noch Gedächtnisschwund!?“

    Ich ließ mich rückwärts auf mein Bett fallen und krallte meine rechte Hand in die weiche, rosa bezogene Bettdecke.

    -„Oh, das… Na ja ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es keinen nächst Besten gibt. Oder geben darf. Ich will dich nicht teilen! Verdammt, nach der Aktion im Krankenhaus hatte ich echt Mühe an ein paar ganz abturnende Sachen zu denken, damit Anne nicht merkt, was du mit mir angestellt hast!“

    -„Du hast mein tiefstes Mitgefühl, auch wenn Anne das sicher nichts ausgemacht hätte. Sie hat da ein paar nette Filmchen von ihrem Bruder entdeckt - von daher hätte sie nichts gesehen, dass sie nicht bereits kennt!“

    Dieses spielerische Antesten des anderen führte dazu, dass mir beim Gedanken an einen nackten Gustav ziemlich warm wurde und ich es vorzog das Thema zu wechseln.

    -„Hör auf, ich will mir gar nicht vorstellen, wie das aussieht, wenn du dir deine Hose ausziehst! Ich muss mich gleich totlachen!“

    -„Seltsame Reaktion, wenn ich bedenke, wie ich reagiere, wenn ich mir vorstelle, dass du deine Hose ausziehst! Da regt sich viel, aber nicht meine Lachmuskeln!“

    -„Schluss jetzt! Hast du Lust in den Ferien her zu kommen?“

    -„Oho, da geht aber jemand ganz schön ran! Lust schon, es kommt nur drauf an.“

    -„Auf was?“

    -„Ob ich außer an Weihnachten selbst und Silvester .. frei kriege. Urlaub. Ferien.“

    Enttäuschung stieg in mir hoch.
    Ich verstand ja, dass er die Feiertage bei seiner Familie verbringen musste aber ich hätte zuletzt damit gerechnet, dass er nicht auch so wie ich Ferien haben würde. Ich hätte mich für meine Naivität schlagen können. Es konnte sich halt nicht jede Familie leisten ihre Kinder so mit Geld und Geschenken zu zu schmeißen, wie meine!
    Vielleicht brauchte Gustav das Geld, was bei seinem Nebenjob raus sprang. Bestimmt sogar, sein hobbymäßiges Spielen in seiner Band kostete mit Sicherheit mehr, als es einbrachte. Als nächstes stellte sich für mich die Frage wie lange das mit den großen Geschenken und Geldbeträgen weitergehen würde. Vermutlich nicht mehr lange. Ich hatte ja keine Ahnung, ob meine Mutter das Haus alleine überhaupt unterhalten könnte. Ich sah mich nicht als besonders verwöhnt an und hatte auch nicht so besonders viel mehr Geld zur Verfügung als andere in meinem Alter, aber ich war auch die Einzige, die bisher noch kein eigenes Geld nebenher verdiente.

    -„Ich verstehe... Hey, wenn du arbeiten musst, dann ist das auch okay!“

    -„Nein, ich will wirklich Zeit mit dir verbringen! Ich glaube auch, dass das kein Problem darstellen dürfte, aber ich muss es halt vorher klären. Nun kling nicht wieder so down, wir kriegen das schon hin! Wenn nicht, dann kommst du halt zu mir! Dann habe ich zumindest am Abend für dich Zeit!“

    Ich sparte mir zu sagen, dass genau so eine Einstellung mich zuletzt ins Krankenhaus gebracht hatte aber er klang ja auch nicht mehr so, als müsste er wirklich arbeiten.
    Ich stellte mir solche Dinge immer sehr einfach vor: Man nimmt sich etwas vor, reicht Urlaub ein und der Chef sucht eine Vertretung! Aber nun, wo ich näher darüber nachdachte, war es sicher doch besser zuerst mit dem Chef zu reden, bevor er mir etwas versprach.
    Wir redeten noch ziemlich lange, bis meiner Mutter von der Arbeit nach Hause kam und mich zwang aufzulegen, damit ich mit ihr essen konnte.
    Ich fühlte mich super – ich war erholt, die Aussichten, dass Gustav in den Ferien kommen konnte waren nicht so schlecht, wie zuerst gedacht und meine Ma hatte etwas vom Chinesen mitgebracht.
    Es hätte nicht besser laufen können, dachte ich, bis ich beim herumkauen auf einem Stückchen Huhn wieder an Lukas denken musste.
    Auch das noch! Wie konnte ich die Freundschaft kitten?



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 21.01.2006, 19:35


    Ich versuchte erstmal Lukas auf seinem Handy anzurufen, doch er wies meine Anrufe ab. Ich verstand ja, dass er nicht mit mir reden wollte aber das fand ich ein wenig kindisch. Wenn, dann muss man so etwas auch stilecht durchziehen und das Handy ganz ausschalten. Abweisen ist so ziemlich das Letzte!
    Ich war erschrocken über meine eigenen Gedanken. Hier ging es nicht um ein gewöhnliches Streitgespräch zwischen Lukas und mir, das er mal wieder total überhitzt verlassen hatte und nun versuchte einen bühnenreifen, melodramatischen Auftritt hinzulegen.
    Der Junge litt nur wegen mir, unverschuldet. Weil er sich in mir verliebt hatte und endlich den Mut gefunden hatte es mir zu sagen. Ich schmiss ihm das sofort zurück ins Gesicht und machte mir jetzt auch noch Gedanken darüber wie „stilecht“ es war in so einer Situation einen Anruf von mir abzuweisen. War ich noch ganz bei Trost?!

    In letzter Zeit schien ich kaum noch Gespräche zu führen, die in irgendeiner Hinsicht „normal“ waren. Mit meinen Eltern sprach ich die Meiste Zeit über irgendwelche Zukunftsarrangements, mit meinem Freund konnte ich nur per Telefon und E-Mail kommunizieren und selbst Anne war irgendwie anders als sonst.
    Ich fragte mich, ob ich Recht hatte mit meiner Situationsanalyse oder ob ich einfach einer anderen Realitätswahrnehmung verfallen war. Immerhin waren die vergangenen Wochen sehr turbulent gewesen, das zieht ja nicht spurlos an einem vorüber. Ich wollte mich nicht verändert haben. Ich hasste Veränderungen! Insbesondere, wenn ich sie nicht selbst beeinflussen konnte.

    Ich gab nicht auf, versuchte zwischendurch bei Lukas zuhause anzurufen, aber seine Mutter teilte mir mit, er wäre bei einem Freund und sie würde ihm ausrichten, dass ich mich gemeldet hatte. Außerdem sollte ich aufhören ständig anzurufen, wenn ich mir denken konnte, dass Lukas wohl noch ein paar Stunden weg bleiben würde.
    Anrufe auf seinem Handy wies er noch immer konsequent ab, doch nach dem ungefähr zehnten Versuch bekam ich eine SMS von ihm.

    „Celina, lass mich heute bitte in Ruhe, das macht es nicht gerade einfacher! Wir können uns morgen treffen und reden. xxLukas.“

    Das war nicht, womit ich gerechnet hatte aber wenn er sich Abstand erbat, dann war ich die Letzte, die ihm den nicht gewähren würde. Na ja, die Vorletzte vielleicht.

    Am nächsten Tag war ich total nervös. Wir hatten abgemacht, dass Lukas so gegen fünf am Nachmittag noch mal zu mir kommen sollte – ich hatte ja sozusagen noch Ausgangssperre – und ich hatte in der Nacht nur schlecht geschlafen. Ich machte mir sonst nicht besonders viel aus stundenlangen Make-up-Sessions und zog meistens an, was halt bequem war und trotzdem noch als tragbar galt. Trotzdem verbrachte ich an diesem Tag Ewigkeiten damit, mich fertig zu machen. Ich wollte die Dinge nicht komplizierter machen, als sie waren aber sie waren doch an sich schon so grotesk!

    Ich wollte schon ganz gut aussehen, wie immer, wenn ich Besuch erwartete aber auch nicht zu gut um Lukas nicht weiter zu provozieren. Es war verdammt blöd. Ich hatte ihm mehr oder weniger gesagt, dass ich nichts von ihm wollte, er hatte sich einen Tag Zeit genommen um sich damit zu Arrangieren und nun wollte er vermutlich alles wieder so normal wie möglich weitergehen lassen und ich vermasselte alles bevor er den Wunsch auch nur äußern konnte.
    Ich wollte nicht in jeder spielerischen Kabbelei, die wir so oft hatten mehr sehen, Anzeichen sehen, dass er mich mehr mochte als seine beste Freundin aber die Frage war, ob das nun noch möglich war! Ich streckte mir selbst im Spiegel die Zunge heraus und rannte die Treppen herunter um die Tür zu öffnen, hinter der Lukas wartete.

    Wir legten uns auf meinen cremefarbenen Teppich und starrten an die Decke. Es war still. Minutenlang hörte ich nichts als seinen Atem, der meinem in seiner Regelmäßigkeit total entgegengesetzt war. Ich versuchte herauszufiltern ob das eine angenehme Stille war, die ab und zu öfter zwischen uns herrschte. In der wir gegenseitig verstanden, was wir dachten, ohne, dass Worte benötigt wurden. Vielleicht war es auch eine erzwungene Stille, weil keiner von uns wusste, was er sagen sollte.

    Eine Menge Leute denken Stille ist einfach nur das, ein Moment dem die Geräusche fehlen aber es ist sehr viel mehr. Eine Stille im richtigen oder falschen Moment sagt mehr als jedes Geräusch, jeder Ton der Welt je sagen könnte.

    Lukas entschied in dem Augenblick, dass es an der Zeit war das Schweigen zu brechen und selbst zu sprechen, nicht die Stille übernehmen zu lassen.

    -„Es muss nicht seltsam zwischen uns werden weißt du. Dazu kennen wir uns zu lange, dazu stehen wir uns zu nahe.“

    Ich grunzte mehr oder weniger zustimmend, schloss meine Augen und als ich sie wieder öffnete hatte Lukas sich wieder aufgesetzt und schaute ernst auf mich runter.

    -„Vermutlich hattest du auch Recht, kleines. Ich hab das ganze Wochenende über kein Auge zu getan vor Sorge um dich. Ich saß ewig an deinem Bett und du bist einfach nicht aufgewacht! So was kann einen verrückt machen. Ich hab gedacht was wäre, wenn du nie wieder deine Augen öffnen würdest. Und es tat weh. Sehr… Aber vielleicht hattest du wirklich Recht und ich habe unsere Freundschaft mit Liebe verwechselt. Ich weiß nicht… Es verwirrt mich selbst ohne Ende. Ich meine, du bist wirklich hübsch und alles, so ist es nicht… Nur wie du gesagt hast: Du bist so gar nicht mein Typ und…“

    Er redete und rede. Aus Nervosität? Er hatte gesagt was ich hören wollte, was er dachte und bevor er sich überhaupt sicher war, solange er selbst auch nur den leisesten Zweifel hatte, dass er mich liebte… Solange gab es kein Problem, solange würden wir so weiter machen können, wie bisher.
    Auch ich richtete mich auf und legte meinen Zeigefinger auf seine Lippen. Wir sahen uns tief in die Augen. Wenn ich mir in einem Moment sicher war, dass alles beim Alten war, dann in dem Moment als wir gleichzeitig in Gelächter ausbrachen und er mich wild anfing zu kitzeln. Es war genau wie früher, ich fühlte mich in diesem Stück Zeit, in dieser Freundschaft zuhause und alles war OK.
    Gustav konnte kommen!



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 22.01.2006, 16:02


    Weihnachten hatte für mich in diesem Jahr einiges von seinem früheren Glanz einbüßen müssen. Ich hatte keine Lust darauf überhaupt einen Baum aufzustellen und ich fand es blöd so ein Familienfest zu zelebrieren, wenn man gar keine Familie mehr war. Es war nicht so traditionell wie in den Jahren davor. Meine Mutter und ich aßen an Heiligabend Würstchen mit Kartoffelsalat, tauschten kurz unsere Geschenke aus und starrten dann schweigend auf den Baum, an dem die elektrischen Kerzen brannten. Sie hatte sich alle Mühe gegeben die Lichterkette zu montieren aber es sah komisch aus, weil sie zu klein war, um oben an den Baum zu kommen und mein Vater die Aufgabe sonst übernommen hatte.
    Die Stimmung rutschte immer weiter in Richtung depressiv ab, doch irgendwann zog meine Mutter einen Schlussstrich.

    -„Es bringt nichts hier zu sitzen und alten Zeiten nachzutrauern!“

    Damit stand sie auf und holte aus dem Keller eine Flasche Rotwein hervor, die sie öffnete und die sattrote Flüssigkeit in zwei Gläser fließen ließ. Eins von ihnen drückte sie mir in die Hand und prostete mir zu, bevor sie einen großen Schluck nahm. Okay, das war mal was Neues!
    Auch ich leerte zügig das Glas und bei einem zweiten, dritten und auch vierten Glas machten wir es uns vor dem Fernseher gemütlich und schauten DVDs zur Ablenkung.
    Am 1. Feiertag tauchte mein Vater für ein paar Stunden auf, um Zeit mit mir zu verbringen doch die Atmosphäre war unterkühlt, sobald meine Eltern sich in einem Raum aufhielten, sodass ich eher froh war, als er wieder ging.
    Den 2. Feiertag verbrachten wir mit meinen Großeltern und gegen Nachmittag konnte ich mich in mein Zimmer abseilen. Anne kam vorbei um Geschenke mit mir zu tauschen, doch sie hatte auch nur kurz Zeit, weil sie zuhause gebraucht wurde.
    In keinem Jahr zuvor war ich glücklich, dass Weihnachten endlich vorbei war, doch einmal ist vermutlich immer das erste Mal.
    Mehrfach hatte ich über die Feiertage versucht Gusti zu erreichen, aber es wunderte mich nicht, dass er anscheinend über Weihnachten sein Handy ausgeschaltet hatte. Umso größer war die Überraschung, als ich früh am Morgen des 27. in Schlafanzug die Tür einen Spalt öffnete, um zu schauen wer da zu einer so unchristlichen Zeit vorbeigeschneit kam.
    Gustav lächelte mich aus den Tiefen seines Winteranoraks an und zog mich sofort in eine kalte Umarmung, in der der Schnee, der sich auf seiner Kapuze gesammelt hatte, auf mich herab rieselte.



    Wir verbrachten den Rest des Vormittags damit, uns von diversen Episoden aus den letzten Tagen – also Weihnachten – zu erzählen. Das meiste steuerte er bei, weil bei ihm anscheinend Weihnachten sehr ereignisreich gewesen war. Ich hatte ja nicht sehr viel mehr zu berichten, als von dem kleinen Besäufnis zwischen mir und meiner Ma aber bei ihm war es weniger ruhig.

    -„Naja und dann wollte meine Schwester das Geschenk unterm Baum hervor ziehen, aber der Ast war so da drauf gestützt, weil das Paket ja so hoch war und da war aber eine Kerze auf dem Ast und der ist dann so nach unten gegangen, als das Geschenk weggenommen war und durch die Bewegung ist die Kerze umgekippt so auf den Ast halt und plötzlich stand der ganze Baum in Flammen!“

    Ich hätte mich bei dem Anblick vor Lachen wegschmeißen können, wie er so wild gestikulierend auf dem Teppich in meinem Zimmer saß und die Bewegung des Astes, des Geschenks und der Kerze gleichzeitig simulieren wollte, aber eine Hand zu wenig dafür zur Verfügung stand.

    -„Krass und dann!?“

    Entgeistert schaute er mich an.

    -„Wie und dann?“

    -„Ja, was habt ihr dann mit dem Baum gemacht!? Gelöscht?“

    -„Ja. Also na ja. Der Tisch war ja noch halb gedeckt, also die Weingläser standen noch drauf aber ich hab so die Tischdecke gesehen und dachte es wär ne gute Idee das Feuer damit zu ersticken und dann hab ich also soo ungefähr an der Decke gezogen.“

    Wieder untermalte Gustav mit vollem Körpereinsatz seine Erzählung und versuchte die Szene nachzustellen.
    Er schnappte sich meine Sofadecke, legte sie auf den Schreibtisch und stellte meinen Stiftebecher und meine Maus vom PC als Weingläser drauf, bevor er wie im Fernsehen die Decke mit einer galanten, ruckartigen Handbewegung vom Tisch riss. In der Theorie muss man ja bloß schnell und ruckartig genug ziehen, um die Gegenstände auf dem Tisch zu lassen aber in der Praxis funktionierte das gar nicht und sowohl Stiftebecher samt Inhalt, als auch die Maus, machten sich auf den Weg gen Boden. Die Maus baumelte hilflos am Kabel kurz über dem Teppichboden hin und her und die Stifte waren auf dem ganzen Boden verteilt, zum Teil auch unter mein Bett gerollt. Man konnte von Glück sagen, dass der Becher aus Plastik war - im krassen Gegensatz zu den Bleikristall Weingläsern von Gustis Eltern.

    -„GENAU so haben meine Eltern die Scherben auch angeguckt aber ich musste ja alle retten, weil, der Baum hat ja gebrannt! So, dann habe ich die Tischdecke ausgebreitet – ungefähr sooo - und dann hab ich – also wenn du jetzt mal der Weihnachtsbaum bist… “

    Ich versuchte mein Lachen auf ein fröhliches Glucksen zu reduzieren und stand ihm als Baum parat. Die Decke vor sich aufgespannt rannte er auf mich zu, wickelte mich in die Decke ein und riss mich zu Boden. Prustend lag ich unter der Decke, auf der wiederum Gusti lag und vorsichtig drauf rum klopfte um zu zeigen, wie er wohl das Feuer gelöscht hatte.
    Ich zog mir die Decke vor dem Gesicht weg und wollte Gusti vom weiten Klopfen abhalten und ihn zärtlich küssen als Belohnung dafür, dass er den Baum ja gelöscht und somit alle gerettet hatte, als sich ein Körper in Form meiner Mutter im Hintergrund in die Bildfläche schob.

    -„Es sieht ja sehr … Interessant aus was ihr da macht, aber ich muss euch doch bitten eure fragwürdigen Aktivitäten zu unterbrechen und erstmal mit nach unten zu kommen!“



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 22.01.2006, 16:03


    Wie vom Blitz getroffen erstarrte Gustav bevor er sich beeilte aufzuspringen und sich umzudrehen aber meine Mutter war schon wieder kopfschüttelnd nach unten verschwunden.
    Ich konnte mich nicht zurückhalten und krümmte mich auf dem Boden vor lachen. Der schockierte Blick auf Gustavs Gesicht war einfach zu lustig.

    -„Kannst du mir mal sagen was so lustig ist?“

    Ich musste nur noch mehr lachen und konnte mich kaum artikulieren.

    -„A…Alles… du… meine… Mutter..!“

    Gustav setzte sich neben mich und stützte seinen Kopf in seine Hände während ich mich noch immer schüttelte vor Lachen. Langsam hatte ich echt Bauchschmerzen!

    -„Ich hoffe du hast da nicht gerade einen mittelschweren Nervenzusammenbruch! Ich jedenfalls stehe kurz davor… Man Celina, vergiss das Atmen nicht!“

    Durch langsames, tiefes Ein- und Ausatmen konnte ich meine Fassung schließlich wieder zurück gewinnen und mich dem „Problem“ widmen.

    -„Na ja, es ist doch schon irgendwie lustig, wie schockiert du bist!“

    -„Du kennst ja deine Mutter schon ein paar Tage aber ich… Ich komme hier her, sie weiß nicht mal, dass ich da bin, will wahrscheinlich irgendwas von dir und sieht mich dann schon auf dir liegen, bevor ich mich ihr überhaupt vorgestellt habe! Totale Horrorvorstellung. Besonders, wenn man bedenkt, dass mir das gerade passiert ist! Ich nehm’ meinen Koffer schon mal wieder mit…“

    Bevor er den Koffer greifen konnte zog ich ihn an der Hand hinter mir her die Treppe herunter und fand meine Mutter in der Küche wieder, wie sie das heiße Wasser von Spaghetti abgoss und sie auf den gedeckten Tisch stellte. Rot wie eine reife Tomate stellte sich Gustav ihr vor und stammelte sich eine Entschuldigung zurecht, die mir schon wieder die Tränen in die Augen trieb. Vor lachen natürlich.
    Er erzählte die ganze Weihnachtsbaumgeschichte noch mal um eine Erklärung abzugeben, wie wir auf dem Boden gelandet waren, obwohl meine Mutter gar keine gefordert hatte, sondern nur wollte, dass wir zum Essen kamen.
    Ich war froh, dass er durch das Essen etwas am wilden gestikulieren gehindert war und mit ebenso großer Erleichterung stellte ich fest, dass meine Mutter sich scheinbar recht gut mit Gustav verstand.
    Ich hatte mir da im Vorfeld nicht zu viele Gedanken drum gemacht aber ein wenig Nervosität war trotzdem zurückgeblieben.

    Den ganzen Nachmittag verbrachten wir kuschelnd vor meinem Fenster, weil draußen noch immer dicke Schneeflocken ihren Weg auf die Erde suchten und es drinnen so schön warm und gemütlich war.
    Kurz nachdem die Dunkelheit hereingebrochen war und wir ein paar Kerzen angezündet hatten, kam Anne vorbei. Sie hatte eine Thermoskanne voller Glühwein mitgebracht, über den wir herfielen und Gusti kramte in seinem Koffer nach einem Geschenk.
    Triumphierend wedelte er mit einem golden eingepackten, flachen Paket vor meiner Nase herum, um es wegzuziehen, als ich meine Hand danach ausstreckte und es dann Anne zu geben.
    Gespannt schaute ich ihr über die Schulter, als sie mit leicht zitternden Händen das Papier sorgfältig von Tesafilm befreite.

    Mir ging das nicht schnell genug, an ihrer Stelle hätte ich das Papier einfach runter gerissen, um möglichst schnell Sicht auf den Inhalt zu bekommen aber Anne war da anders.

    Unter dem Goldpapier war ein normaler, brauner Karton, den sie ebenso vorsichtig öffnete und schließlich den Inhalt auf ihre Hand schüttelte.

    Anne konnte es nicht fassen, war sprachlos.
    Ich konnte es ebenso wenig fassen, war entsetzt und fand als erste von uns beiden die Stimme, um das Geschenk zu kommentieren.

    -„Backstage-Pässe für das Tokio Hotel Konzert?? Gustav, hast du den Verstand verloren??!“

    Anne stieß mir ihren Ellenbogen in die Seite und bedankte sich mit einem Küsschen auf die Wange bei Gustav, bevor sie mich anfuhr.

    -„Das ist doch total lieb von ihm mir das zu schenken, wieso musst du jetzt wieder so einen Stress machen?!“

    Auch Gustav wollte nicht recht einsehen, was ich gegen die ach- so- tollen Schlüsselbänder mit dem laminierten Pappkärtchen dran einzuwenden hatte.

    -„Es ist ja nicht so, als hätte ich sie dir geschenkt….“

    -„Das kommt doch wohl aufs Gleiche hinaus! Du schenkst ihr ZWEI Backstage-Pässe für das Konzert, von dem du weißt, dass ich schon mitgeschleift werde. Außerdem weißt du, dass ich diese Kinderband nicht leiden kann und jetzt muss ich mir nicht nur die Musik vom Band anhören, zu dem die auf der Bühne so tun, als würden sie das „live“ spielen. Nein! Ich muss die auch noch treffen, denn wem wird sie wohl den 2. Pass geben, wenn nicht ihrer Begleitung? Na, macht es klick? Und das nachdem du weißt, was in Berlin war! Jetzt treffe ich schon wieder diese eingebildeten Typen mit einem Ego, das meins ungefähr 4-mal übersteigt und mache mich total zum Deppen, weil sie dann denken, dass ich sie gut finden würde! SCHEIßE ist das Gustav! Echt scheiße!“

    Es war gar nicht meine Absicht gewesen gleich so auszurasten, aber nachdem ich einmal angefangen hatte zu reden sprudelten meine gesamten Gedanken immer schneller und immer aggressiver aus mir heraus.
    Und ich war wirklich wütend.
    Immerhin war das mein Freund und er machte jemand anderem Geschenke, die sich für mich auch noch negativ auswirken würden. Das war doch dreist! Ein Blick in seine Augen verriet, dass auch er sauer wurde, aber es mischte sich noch eine andere Emotion in die Blitze, die er durch seine Augen auf mich abschoss. Ich konnte nicht herausfiltern was genau es war. War es Enttäuschung? War er verletzt?

    -„Ich würde mir da an deiner Stelle gar keine Gedanken drum machen, du hast mehr als deutlich gemacht, was du von Tokio Hotel hältst - aber wie gesagt: Ich hab es nicht dir geschenkt sondern Anne und die freut sich auch darüber. Wenn du ihr Angebot mitzukommen nicht annehmen willst, dann kann sie den 2. Pass ja immer noch auf E-Bay verkaufen. Es geht nicht immer nur um dich!“

    -„Schön!“

    Ich stand auf und verließ das Zimmer, nicht ohne die Tür zu knallen um den dramatischen Abgang zu verstärken. So etwas musste ich mir nicht sagen lassen. Schon gar nicht in meinem eigenen Haus. Hektisch zog ich mir meine Turnschuhe an, griff nach meiner Jacke und einem Schal, die ich draußen Anzog und durch den Schnee in Richtung Park rannte. Ich stoppte erst im Park selbst an einer Bank, stützte meine Hände auf die Knie und keuchte. So sportlich war ich auch wieder nicht. Mein Puls raste und Tränen stiegen mir in die Augen.
    Was hatte ich jetzt schon wieder gemacht? Seit wann war ich so eine hysterische Zicke? Das konnte doch nicht wahr sein! Es konnte eindeutig nur an dieser beschissenen Band liegen, dass ich mich so aufgeregt hatte aber wieso war mir die denn nicht egal? Sie musste mir ja zwangsläufig irgendetwas bedeuten um überhaupt Emotionen hervorzurufen. Um so einen Ausraster heraufzubeschwören erst recht!
    Jetzt hatte ich nicht nur meinen Freund beleidigt, der vermutlich in diesem Moment schon seine Koffer nahm und abreiste, sondern auch noch meiner besten Freundin vor den Kopf gestoßen.
    Das hatte ich prima hinbekommen, immerhin hatte ich ja freiwillig zugestimmt, sie auf das Konzert zu begleiten. Jetzt hatte ich so getan, als müsse sie mir auf ewig dankbar dafür sein und mir die Füße küssen und bloß keine Ansprüche mehr stellen.
    Backstage-Pässe. Wie war er überhaupt da dran gekommen? Es war im Grunde genommen phantastisch. Ich konnte nur ansatzweise nachempfinden, wie sehr Anne sich darüber gefreut haben musste.

    Wütend über mich selbst trat ich gegen den in der gefrorenen Erde verankerten Metallpapierkorb, der neben der Bank stand. Immer musste ich alles so verpfuschen, dabei lief mein Leben ja schon schlimm genug, wenn ich nicht selbst noch zu meiner Misere beitrug.
    Ich setzte mich auf die Schneebedeckte Bank und heulte einfach nur. Versank ein wenig im Selbstmitleid unterbrochen von unglaublichem Selbsthass.

    Nach einer halben Ewigkeit tauchte zum ersten Mal die Frage auf, was ich nun tun sollte. Ich konnte ja nicht ewig hier draußen sitzen und darauf warten zu erfrieren. Oder doch?



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 22.01.2006, 16:04


    Vorerst hatte ich nicht vor auf Konfrontationskurs zu gehen.
    Ich schämte mich ein bisschen für mein Verhalten aber gleichzeitig fand ich meine Reaktion nachvollziehbar und angemessen. Natürlich nicht in dem ausmaß - aber ich fand es schon verständlich, dass ich ärgerlich über dieses tolle Geschenk war. Zumindest, wenn es von Gustav kam.
    Ich hoffte nur, dass Anne sich jetzt nicht bei Gustav darüber erkundigte, was in Berlin sonst noch so passiert war, denn diese Anspielung war mir ja zusätzlich auch noch herausgerutscht. Was für eine scheiß Situation.
    Ich spürte meine Füße kaum noch, die schwarzen Turnschuhe waren von weißen Schneemassen bedeckt und meine Hände waren auch weniger beweglich als sonst.
    Langsam erhob ich mich und durchquerte den Park. Der Schnee knirschte unter meinen Füßen. Vielleicht war es auch die Kiesschicht, von der ich wusste, dass sie sich irgendwo unter dem kalten, weißen Mantel verbarg. Eventuell auch beides.
    Ich blickte konzentriert auf den Boden und konnte außer den Abdrücken, die ich hinter mir ließ nur Neuschnee entdecken. Unberührte Flächen, die im Licht der Straßenlaternen glitzerten. Wunderschön.
    Durch die puderige Schicht auf der Erde war es gar nicht komplett dunkel, sondern die Welt bot sich mir in einer Art andauernder Dämmerung.
    Es beruhigte mich ungemein die Natur so zu beobachten, auch im Kontrast zu den künstlich von Menschen geschaffenen Bauwerken. Die Lichter in den Fenstern und an den Schneebedeckten Tannen in einigen Vorgärten brachten die Eiskristalle zum funkeln und ich genoss einfach nur die Stille in den Straßen. Seit ich losgerannt war hatte ich noch kein Auto fahren sehen.
    Der Schnee fiel nun wieder dichter und ich fand mich vor Lukas Haustür wieder. Er wohnte in einer älteren Villa mit hohen Decken und antiker Einrichtung. Seine Eltern waren nicht unbedingt reich aber Arm waren sie auf alle Fälle auch nicht!
    Ich war mehr oder unbewusst zu ihm gegangen. Ich musste mit ihm reden, immerhin war er ein guter Freund und es würde ja nicht schaden sich eine unabhängige Meinung zu holen.
    Ich drückte den Klingelknopf und wartete ab, bis die schwere, dunkle Holztür von innen aufgezogen wurde und das Licht nach draußen auf mich schien. Seine Mutter begrüßte mich lächelnd und schickte mich in Lukas Zimmer.

    -„Du weißt ja wo du hin musst!“

    Lukas freute sich mich zu sehen, war aber auch überrascht, hatte nicht mit mir gerechnet.
    Seufzend ließ ich mich in einen breiten Champagnerfarbenen Sessel fallen und spielte mit einem Kissen auf meinem Schoß. In meinen Händen kribbelte es, als sie langsam auftauten und ich tauschte mit Lukas ein paar Belanglosigkeiten aus, bevor wir zum Thema kamen.

    -„Ich freu mich ja, dass du hier bist aber so wie du aussiehst – sorry – bist du ja nicht hier um zu erfahren wie es mir geht, oder? Dann erzähl mal!“

    Zu Beginn konnte ich nur schleppend hervorpressen, was passiert war. Ich musste ja ganz am Anfang starten mit der Berlinfahrt, meinen Eltern, dem Treffen mit Tom und Bill, schließlich die Nacht mit Gusti in dem Club, im Hotel… Ich ließ nichts aus, bis ich schließlich an dem Punkt angelangt war, dass ich bei ihm im Zimmer saß und nicht weiter wusste.
    Sein Schweigen erfüllte den gesamten Raum, drohte mich zu erdrückend. Hilfe suchend sah ich Lukas in die Augen, in der Hoffnung er könnte mich erlösen, die Zündende Idee geben. Er schwieg weiter, sah mich auch an, schüttelte den Kopf fast unmerklich, bevor er endlich die Stille mit vorsichtig gewählten, aber ehrlichen Worten durchschnitt.

    -„Ich kann nur ahnen, was du von mir hören willst aber du hast total überreagiert… Das ist dir ja auch selbst klar. Ich weiß nicht… Ich würde das an deiner Stelle in aller Ruhe mit den beiden besprechen. Sag ihnen, was du mir jetzt erzählt hast. Wie dich das alles verwirrt, was du fühlst und denkst. Entschuldige dich für den Ausraster… Na ja, sei halt ehrlich. Zu Anne. Zu Gustav. Aber vor allem zu dir selbst Celina, du kannst nicht immer deine Wahrnehmung so selektieren, dass du im Recht bist.“

    Schon wieder drängten sich Tränen in meine Augen, die ich krampfhaft versuchte herunter zu schlucken Ich konnte nichts sagen aber ich wusste, dass er Recht hatte und ich stand auf und umarmte Lukas. Ich brauchte nicht zu sagen, dass ich ihm dankbar war, er wusste was ich dachte. Er verstand mich und es tat gut das zu wissen. Ich war froh, dass es so normal zwischen uns sein konnte.
    Lukas brachte mich noch zur Tür und zog mir zum Abschied ein Paar Handschuhe an.

    -„Damit du nicht steif gefroren zuhause ankommst!“

    Ich ging die paar Stufen zur Straße runter und machte mich auf den Heimweg. Reifenspuren hatten sich in der zuvor noch so glatten Oberfläche verewigt, an einigen Stellen grauen Matsch hinterlassen aber das Grundbild, dass sich mir bot war noch immer weiß und glitzernd. Was machten schon die Abdrücke im Schnee? Es war noch immer magisch und trotzdem schön.
    Genau das beschäftigte mich auf dem Weg zu unserem Haus. Mein Ausraster hatte selbstverständlich Spuren hinterlassen aber mit ein bisschen Glück würde es trotzdem noch schön sein. Immer noch magisch. Es durfte einfach noch nicht zu spät sein!

    Bis ich zuhause ankam, war es schon viel später, als ich erwartet hatte aber durch das dichte Schneetreiben kam ich auch nicht gerade schnell voran. Es brannte kein Licht mehr, als ich mir Einlass verschaffte und meine Familie schlief anscheinend schon.
    Als ich meine Jacke auf einen Bügel hing und ich meine Schuhe achtlos abstreifte, ohne die Schnürsenkel zu lösen, fiel mein Blick auf Gustavs Winterschuhe, die noch da waren. Er war also noch nicht abgereist.
    Mir wurde ein wenig schlecht und es rumorte heftig in meinem Bauch. Klar wollte ich es hinter mich bringen aber es ist bekanntlich nie besonders einfach eigene Fehler einzugestehen. Außerdem hatte ich ja keine Garantie dafür, dass er Verständnis zeigen würde, mir vergeben würde. Geschweige denn überhaupt zuhören.

    Als ich mein Zimmer betrat schaltete ich automatisch mit der linken Hand das Licht an und dämmte es durch drehen des Schalters auf eine sanfte Helligkeit, die nicht blendete und so besser zu ertragen war.
    Langsam zog ich mich bis auf die Unterwäsche aus, streifte mir ein weites T-Shirt in hellblau über und hatte vor in mein Bett zu krabbeln. Die Diskussion mit Gustav, der vermutlich ins Gästezimmer einquartiert wurde, wollte ich auf den nächsten Morgen verschieben, als ich feststellen musste, dass mein Bett bereits besetzt war. So viel zu der Gästezimmertheorie.
    Ich löschte das Licht und näherte mich mit starkem Herzklopfen so leise ich konnte dem Bett, in dem Gustav gleichmäßig atmend lag. Ich schlug die Decke ein Stück zurück und legte mich neben ihn.
    Alles was ich nun hören konnte, war wie mein Herz unaufhörlich und schnell mein Blut pumpte. Er schlief. Ich war wach. Vorsichtig schmiegte ich mich von hinten an ihn heran und legte meinen linken Arm um ihn, ließ meine Hand auf seinem freien Oberkörper unter der Decke ruhen. Er roch unwahrscheinlich gut. Mit tiefen Zügen atmete ich den Duft ein, der von seiner Haut ausging, kuschelte mich noch näher an ihn heran. Ich schloss die Augen und genoss den Augenblick. Die Gedanken an morgen versuchte ich zu verdrängen. Solange ich hier so mit ihm liegen konnte war alles OK.
    Mein Herzschlag normalisierte sich, ich wurde ruhiger und driftete in Gedanken weit ab. Ich kann sagen, dass ich weit davon entfernt war einzuschlafen, zu viel Adrenalin war erst vor kurzem Ausgeschüttet worden, aber es war sehr schön mit Gustav unter der warmen Decke zu liegen, auch wenn er nichts davon ahnte.
    Ein sanfter Kuss auf seinen Nacken und ein leise gehauchtes

    -„Es tut mir Leid…“

    sollten meine Letzte Handlung vor dem endgültigen, alles vergebenden Schlaf sein, doch es war mir nicht vergönnt.
    Ich erschrak zutiefst und zuckte zusammen, als eine geflüsterte Antwort von Gustavs roten Lippen sprang.

    -„Celina, du bist so kalt… So unfassbar kalt.“


    Ich wollte meine Hand von seinem Bauch lösen, sie zurückziehen. Hatte ich ihn durch sie geweckt? Oder war dieser Satz eine Glasklare Referenz auf die Gefühlskälte, die ich vor nur wenigen Stunden an den Tag gelegt hatte? Er hielt meine Hand fest, umschloss sie mit seiner.
    Meine Stimme zitterte.

    -„W..Was meinst du?“

    Er drehte sich zu mir um und trotz der Dunkelheit konnte ich in sein Gesicht sehen.

    -„Was glaubst du denn, was ich meine?“

    -„Na ja… Draußen ist es… Es schneit.“

    Kein Lächeln kam ihm über die Lippen. Mit seiner linken Hand ließ er meine fest umklammert, mit seiner Rechten strich er mir vorsichtig eine durch de Schnee durchnässte Strähne aus dem Gesicht und zog mich anschließend noch näher an ihn heran. War das überhaupt möglich?

    -„Dann lass dich wärmen.“

    Ich schloss die Augen, unfähig ihn weiter anzusehen. Er seufzte. Mir war klar, dass die Doppeldeutigkeit seiner Aussage keineswegs unbeabsichtigt war.

    -„Und… Ich war so gemein vorhin.“

    Ein Schluchzer drang an die Oberfläche. Ich wollte unbedingt jetzt loswerden, was ich zu sagen hatte. Später war ich womöglich nicht mehr dazu in der Lage und obwohl ich mir unser klärendes Gespräch nicht im Traum so vorgestellt hatte, war es doch eindeutig, dass ich es jetzt sagen musste. Oder nie.
    Es war so... grotesk.
    Die körperliche Nähe zwischen uns verwirrte mich ohne ende- es war doch nicht normal so eine Art Streitgespräch zu Ende zu bringen.
    Das sollte erst zum Schluss kommen. Nicht gleich am Anfang.
    Dennoch fühlte es sich richtig an seine warme Hand auf meinem Rücken kleine, beruhigende Kreise malen zu spüren.

    -„Es tut mir Leid, ich hätte nie so ausrasten dürfen. Ich habe total überreagiert aber ich konnte das nicht kontrollieren. Nicht in dem Moment…
    Es war nur so…
    Ich weiß auch nicht.
    Ich dachte nur du wüsstest wie demütigend ich das Treffen mit Tom und Bill empfunden habe… Es fühlte sich halt so an, als wolltest du mir damit wehtun -- obwohl das natürlich Schwachsinn ist.
    Du hattest Recht, es geht nicht nur um mich. Das weiß ich doch auch.
    Nur. Es geht AUCH um mich. Du wolltest Anne eine Freude machen und das hast du auch. Und ich hab’s kaputt gemacht. Nur. Vielleicht hast du nicht dran gedacht, wie das auf mich wirken würde. Wie mich das verletzten würde, wenn du mir in den Rücken fällst, nachdem ich dachte du verstehst mich.
    Aber es entschuldigt natürlich nicht, wie ich mich verhalten habe. Es…
    Ich hoffe du kannst mir das noch einmal vergeben. Ich werde mich morgen auch bei Anne entschuldigen. Wenn du mir das aber nicht verzeihen kannst dann… dann ist das… auch in Ordnung. Ich versteh es.“

    Ich hatte alles ausgesprochen, was mir im Kopf herumgespukt war. Mehr oder weniger aber ich hätte es nicht geschafft auch noch ein Wort mehr zu flüstern. Alle Dämme brachen und ich weinte ohne Unterlass. Weinte an Gustavs Schulter, in meinem Bett.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 23.01.2006, 15:22


    „Shh, Celina. Es ist in Ordnung. Es ist doch nichts so Schlimmes passiert.“

    Gustav wischte meine Tränen weg und rede auf mich ein, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Ich habe keine Ahnung was er gesagt hat, vermutlich war es auch gar nichts Zusammenhängendes oder besonders Wichtiges. Die Hauptsache war seine Stimme zu hören und wieder runter zu kommen.

    -„So, ist es jetzt wieder O.K., Süße? … Ich wollte dich mit dem Geschenk für Anne nicht so verärgern. Ich meine, ich wusste, dass du dich im ersten Moment nicht darüber freuen würdest aber ich hatte das einkalkuliert und gedacht ich könnte es dir genauer erklären, bevor du dich ernsthaft aufregst... Hat nicht geklappt. Aber ich kann dir ja jetzt sagen, dass ich dachte das Geschenk wäre auch für dich schön, weil… Na ja also. Damit wir uns sehen.“

    -„Wie meinst du das?“

    -„Na das Konzert… Ich bin da auch, weil… Ich da arbeiten muss. Und ich dich nur treffen kann, wenn du Backstage kommst… Sonst ist das ein bisschen…Stressig. Na ja und weil Anne ja sowieso Tokio Hotel sehen will dachte ich das wäre ein ideales Geschenk.“

    Ich kam mir noch dümmer und gemeiner vor als vorher, aber war gleichzeitig total high, weil er mir meine Aktion nicht mehr übel nahm. Ich konnte nicht weiter weinen, also lachte ich. Es war nicht besonders lustig, ganz im Gegenteil, aber meine Emotionen waren so überstrapaziert, dass das keinen Unterschied mehr zu machen schien. Dazu mischte sich Freude. Echte Freude über das so gut durchdachte Geschenk und ein Wiedersehen mit Gustav, wenn er wieder weg war. In ein paar Tagen würde Januar sein, dann müsste er wieder fort, ich müsste zur Schule und ein Treffen im Februar war dann ein Lichtblick. Etwas, worauf man sich freuen konnte!
    Ich kriegte mich vergleichsweise schnell wieder ein und wurde ernster, schaute Gustav in die Augen und nutze die Hand, die nicht von seiner gehalten wurde, um in seinen Haaren herum zu wuscheln.
    Seine rechte Hand wanderte tiefer, verweilte eine Zeit lang auf meinem Hintern und rutschte dann wieder höher, unter mein Shirt. Immer wieder setzte Gustav kleine Küsse auf meinen Hals, die Schultern, mein Schlüsselbein und schließlich den gesamten Bauch herunter.
    Auch meine Hände machten sich selbstständig, suchten Nähe zu Gustavs weicher Haut. Sein Brustkorb hob und senkte sich, sein Atem wurde schneller und flacher. Meiner passte sich an.
    Mit einer galanten Drehung wechselten wir die Position, sodass Gustav schließlich auf mir lag, mich weiter küsste und streichelte. Fast automatisch entledigten wir uns gegenseitig unserer Kleidung. Wir wollten uns näher kommen, jedes Stück Stoff zwischen uns wäre zu viel gewesen. Ich flüsterte seinen Namen, er erkundete mit seinem Mund meinen Körper und ich wusste was er wollte, noch bevor er es aussprach, wollte es auch, widersprach nicht.

    „Celina,… Ich will dich!“

    Und was Gustav will, bekommt er auch!



    Bereits das Aufwachen an sich brachte wieder ein Grinsen auf mein Gesicht. Das war eine fantastische Nacht gewesen und das gerade weil ich so wenig damit gerechnet hätte!
    Ich öffnete meine Augen einen Spalt und stellte fest, dass ich allein im Bett lag. Während ich mich tiefer in die Decke kuschelte nahm ich erstmal das Chaos um mich herum wahr.
    Überall lagen Klamotten von Gustav und mir verstreut und ein paar der vielen Kissen waren auch auf dem Boden gelandet. Ich gähnte herzhaft und steckte mir dann ein Kaugummi in den Mund. War wahrscheinlich Gustis Packung, die so unbeteiligt auf dem Nachttisch neben einer Kondomschachtel lag aber sie bot sich ja geradezu an.
    Ich hörte das Geräusch einer elektrischen Zahnbürste aus dem Badezimmer kommen, gemischt mit einem fröhlichen Summen von Gustav. Okay, da war auch jemand gut drauf!
    Es dauerte nicht lang, bis mein süßer nur mit Boxershorts bekleidet wieder den Raum betrat und sich zu mir aufs Bett legte. Sein Kuss schmeckte frisch, nach Zahnpasta und ich musste sogar darüber lachen. Meine Stimmung war so was von gut, ich kannte das kaum noch. Na ja, meine Stimmung war zumindest so lange gut, bis er mich wieder an den Abend zuvor erinnerte.

    -„Und was sind deine Pläne für heute? Willst du allein zu Anne gehen und mit ihr reden, oder willst du, dass ich mitkomme?“

    Ach ja… Da war ja noch dieser Auftritt von mir gewesen. Schade, dass den niemand auf Camcorder hatte, sonst hätte man mich bei GZSZ aller Wahrscheinlichkeit nach mit Handkuss genommen… Schlagartig war wieder dieses Gefühl in der Magengegend. Ein Gefühl als müsse ich mich gleich übergeben. Wie konnte ich nur so eine Zicke geworden sein? Wie war das möglich, ich hatte solche Verhaltensweisen bei anderen schon immer verurteilt - wieso war ich jetzt genau so wie die Leute, die ich hasste?!
    Verzweifelt kniff ich meine Augen wieder zusammen und kuschelte mich enger an Gustav. Am besten gar nicht erst aufstehen! Erstaunlich wie tief man innerhalb von ein paar Minuten fallen konnte!

    -„Am liebsten würde ich gar nicht gehen…“

    Murmelte ich in die Decke. Gustav hatte aber genau gehört, was ich gesagt hatte und schob mich ein Stück von seinem Bauch weg, um mir in die Augen zu gucken. Ich vermied Blickkontakt.

    -„Du musst aber… Sie hat zwar Verständnis für dich gezeigt aber sie war schon auch ziemlich enttäuscht von dir. Besonders deine Berlin-Andeutung hat sie verwirrt.“

    Und das war wieder wie ein Faustschlag in die Magengrube. Was verdammt sollte das? Vielleicht wollte er mich mit aller Gewalt zum kotzen bringen?! Aber das war ungerecht, immerhin hatte ich mir das schlechte Gewissen selbst zuzuschreiben. Ich verdiente jetzt kein Mitleid. Er gab mir auch keins, obwohl ich es vielleicht gewollt hätte. Wenigstens von ihm. Von wem denn, wenn nicht von ihm!?

    -„Sie hat das also gehört. Also na ja.. Also gehört und weiter darüber nachgedacht was ich damit meinte…“

    -„Japp, hat sie.“

    -„Und, hast du ihr alles erzählt? Hasst sie mich jetzt?“

    -„Ich weiß nicht was sie dir gegenüber empfindet, wenn du ihr alles erklärst aber es war nicht meine Aufgabe. Ich hab ihr gesagt, dass du ihr das schon erzählen musst. Ich bin aber optimistisch… Wenigstens kann sie dann deinen Ausraster besser nachvollziehen.“

    -„Perfekt. Ich wünschte trotzdem ich hätte nie was gesagt! Davon abgesehen, dass ich auch wünschte ich hätte die in Berlin nie getroffen, abgesehen davon, dass ich wünschte es gäbe diese Band gar nicht, abgesehen davon, dass mir absolut nicht danach ist heute zu Anne zu gehen und die Karten auf den Tisch zu legen,… Von all dem abgesehen ist das ja perfekt.“

    Gustav seufzte und berührte sanft mein Kinn um mich zu zwingen ihn endlich anzusehen.

    -„Ich verstehe. Ich verstehe wirklich - aber Selbstmitleid hilft dir jetzt auch nicht weiter. Am aller wenigsten! Du musst da heute hin, am besten sofort, sonst gehst du vielleicht nie. Sag am Anfang die Wahrheit, sag ihr alles, solange das noch geht. Je länger du wartest, umso schwerer wird es! Glaub mir! Die Zeit verstreicht sonst, es ergeben sich immer weniger Gelegenheiten, es entstehen mehr Argumente weiter zu schweigen,… Glaub mir das, ich weiß wie das ist!“

    -------

    Ich sah ihm damals in die Augen und ja, ich glaubte. Es lag so viel Ehrlichkeit in seinem Blick und ich wusste ja auch, dass er Recht hatte.
    Ich frage mich heute wie er es geschafft hat mir bei dieser Rede in die Augen zu schauen. Wirklich in die Augen zu schauen und mich zu belügen, obwohl er von der ultimativen Wahrheit predigte.
    Ich kenne keinen Menschen, der die Bezeichnung Heuchler im Nachhinein mehr verdient hat als er. Dabei war er auch nicht mehr als ein Opfer. Ein Opfer der Umstände aber, dass er sich selbst überhaupt Opfer hat werden lassen- genau das macht ihn zum Heuchler.

    -------

    In dem Moment allerdings glaubte ich ihm und er versprach mich zu Anne zu begleiten und so zogen wir keine halbe Stunde später Händchen haltend durch die verschneiten Straßen. Meine Hände waren kalt, verschwitzt und mein Herz schlug drei mal schneller, als es gesund gewesen wäre aber ja, ich musste die Differenzen zwischen meiner besten Freundin und mir beseitigen. Nur so konnte ich beruhigt ins neue Jahr starten!



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 23.01.2006, 15:22


    Gustav brachte mich bis zur Haustür und klingelte auch noch, damit ich nicht flüchten konnte. Er selbst wollte dann aber zum Stehcafé vom Bäcker in der Nähe um erstmal zu frühstücken. Einerseits fand ich es nett, dass er mir den Freiraum ließ, andererseits fühlte ich mich auch im Stich gelassen.
    Aber ich hatte alles angefangen also musste ich es auch zu Ende bringen!
    Anne öffnete mir die Tür und bat mich rein. Sie war nicht so herzlich wie sonst aber es war auch noch kein böses Wort gefallen, was ein wenig zu meiner Beruhigung beitrug.
    Sie bot mir Tee an und obwohl mir zum Reden eventuell Glühwein – am Besten mit Schuss! – mehr geholfen hätte nahm ich dankbar an und fing dann auch an zu reden. Wollte alles hinter mich bringen.
    Ich fing gleich mit dem Schwersten an und berichtete von meinem legendären Treffen mit den Tokio Hotel Zwillingen. Mehrfach musste ich von meiner Tasse, auf die ich interessiert starrte, aufschauen, um mich zu vergewissern, dass sie noch lebte und überhaupt zuhörte. Ich hätte erwartet, dass sie mich unterbricht, nachfragt, irgendeine Reaktion auf diese Neuigkeiten zeigte aber da kam nichts. Sie hörte einfach zu und nickte ab und zu um mir zu zeigen, dass ich fortfahren sollte.
    Ich entschuldigte mich in aller Form für mein eigentlich unentschuldbares Verhalten am Vorabend aber erklärte noch einmal meinen Standpunkt. Mein Freund, der von diesem Treffen ja wusste und deswegen meine Meinung zu all dem kannte, schenkte ihr zwei Backstage-Pässe, sodass ich mehr oder weniger gezwungen war mich vor diesen arroganten Bandschnöseln zum Deppen zu machen! Ich redete aber schnell weiter, dass Gusti mir erklärt hatte, dass er dort arbeiten würde und wir uns sehen könnten und dass ich sie selbstverständlich begleitet hätte, selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre.

    -„Dafür ist mir unsere Freundschaft einfach zu wichtig! Ich weiß ja was die Band dir bedeutet und deshalb… Na ja ich werde es schon überleben, wenn die sich dann über mich lustig machen! Aber nur weil du es bist!“

    Anne war glücklich, umarmte mich und ich hatte das Gefühl, dass alles wieder O.K. war. Die ganze Aktion hatte länger gedauert als erwartet und deshalb wollte ich mich dann auch relativ bald auf den Weg zum Bäcker machen um den wartenden Gustav aufzulesen. Wir verabredeten uns für den Nachmittag zum Eislaufen und sie brachte mich noch zur Tür. Während ich erzählt und erklärt hatte mussten sowohl Anne als auch ich ein wenig weinen aber ich verstand es nicht, dass sie bei der Verabschiedung erneut in Tränen ausbrach, als ich sagte

    -„Ich bin so froh, dass du jetzt alles weißt! Es war falsch dir das überhaupt vorzuenthalten. Wir können uns immer die Wahrheit sagen! Und das tun wir ja auch! Ach Anne, was würde ich ohne dich machen? Ich glaube du hättest so eine Aktion nie gebracht, du bist immer so ehrlich! Ich schätze das so sehr!“

    ----
    Zu erklären ist das heute nur durch ihr Mitwissen. Sie wusste die ganze Zeit über was Sache war und hat es mir nicht gesagt… Aber sollte ich ihr das so nachtragen wie ihm? Sie hatte ein Versprechen abgegeben, war unschuldig in die Sache mit rein gezogen worden und wollte uns nur schützen. Es war nicht astrein, das auf keinen Fall. Aber ich brauchte nur wenige Tage um Anne zu rehabilitieren. Gustav dagegen? Vielleicht wird sich das nie ergeben…
    -----

    Ich kam betrat den Bäckerladen und war glücklich. Glücklich, dass alles so schön war, dass draußen Schnee lag es drinnen aber angenehm warm war und ich konnte mich sogar über die vier leeren Tassen vor Gusti auf dem Tisch erheitern.
    Er erklärte mir, dass es draußen zu kalt war, die Bedienung aber immer so komisch geschaut hatte, wenn er ausgetrunken hatte aber trotzdem blieb, sodass er immer nachkaufen musste, um seine „Aufenthaltsgenehmigung“ zu verlängern.

    Zum X-ten Mal an diesem Tag hatte ich physische Schmerzen in der Magengegend- diesmal aber vor lachen!!



    Für längere Zeit sollte das ständige Auf- und Ab ein Ende finden, es lief alles ziemlich so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Gustav und ich fuhren über Silvester zu seiner Familie nach Hause und besuchten keine große Party. Wir starteten zufrieden ins neue Jahr und hatten viel Spaß zusammen. Vielleicht lief es einfach zu gut, wir sahen uns an den Wochenenden, wenn wir konnten, auch nachdem die Schule wieder angefangen hatte und obwohl es langsam ziemlich ins Geld ging und ich Gustav traurig mitteilte, dass ich in der nächsten Zeit nicht wieder runter nach Magdeburg kommen würde stellte das kein Problem dar. Er musste mit seinem Nebenjob wirklich eine Menge verdienen, wenn er es sich ständig leisten konnte zu kommen aber wer war ich schon mich darüber zu beschweren?
    Wir integrierten Gustav in unseren Freundeskreis und es war als wäre er schon immer da gewesen. Wir lernten einander in und auswendig kennen und es machte mir fast Angst, dass wir uns so nahe standen, obwohl wir uns erst ein paar Monate lang kannten.
    Ich hätte natürlich verdacht schöpfen müssen, dass Anne sich jedes Mal komisch verhielt, wenn Gustav am Wochenende da war und selbst noch Tage danach. Ich hätte die Anzeichen sehen müssen! Es gab im Nachhinein mehr als genug davon.

    Anne entfernte ihre Tokio Hotel Poster bis auf einige wenige von Bill und Tom und behauptete sie würden renovieren und sie hätte es deshalb getan. Wochenlang sah ich aber nichts weiter als ihre alte Tapete mit der Kinderborte in der Mitte und unzähligen Einstichlöchern von den Reißzwecken.

    Auch von Gustavs Seite hätte es genügend Gründe zur Besorgnis gegeben:
    Wenn ich bei ihm war, gingen wir nie groß vor die Tür. Er stellte mich keinen seiner Freunde vor und wir trafen uns nur ein oder zwei Mal mit Georg, der mir gegenüber aber sehr reserviert schien.
    Überhaupt ging Gustav auch bei mir zuhause nicht in Clubs oder Diskotheken. Er kam nur mit, wenn wir uns in kleinerem Kreis mit Freunden trafen und das passte absolut nicht zu dem Bild, was ich mir in Berlin machen konnte. Ich wusste er konnte feiern und er hatte auch gesagt er würde öfter mal nach Berlin fahren nur um Party zu machen. Wieso also sperrte er sich plötzlich dagegen und mutierte zur Couch Potatoe, wenn er mit mir zusammen war?

    Aber ich nahm all das nicht für das wahr, was es war. Oder ist. Ich sah die Welt durch meine rosarote Brille und mochte einfach alles an ihm. Ich vertraute ihm Blind und genau das war der größte Fehler meines Lebens. Ich zweifelte an keiner seiner Macken, fand es auch OK wenn wir nicht feiern gingen, sondern den Abend … na ja... anderweitig zuhause verbrachten.
    Ich zweifle heute an mir selbst, wieso ich nicht öfter nach seiner Band fragte, die ja sein größtes Hobby überhaupt war. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass es seltsam war, wenn er von sich aus nicht nur ein Wort über sie verlor. Wenn er mal wieder an einem Wochenende von einem Auftritt erzählte, dann hatte er ein glitzern in den Augen aber beschränkte sich auf Detailbeschreibungen von seinem Schlagzeugspielen. Ich wusste nicht einmal was für Musik die Band von meinem Freund überhaupt machte und im Nachhinein betrachtet ist das schon ziemlich armselig!

    Okay, es hatte sich also alles vorher angekündigt, hätte nicht so lange so laufen müssen, wie es dann noch ging. Ich hätte mich nicht so stark an ihn gebunden und vielleicht hätte es mich dann auch nicht so sehr verletzt, wie es dann in dem verdammten Februar der Fall war!
    Wie gesagt macht es aber rückblickend weniger Sinn alles zum tausendsten Mal zu analysieren. Ich sah keine Anzeichen und ehrlich gesagt: Wäre ich jetzt noch mal in derselben Situation ohne zu wissen, wie es letztendlich gekommen ist,… Ich würde auch heute die Anzeichen nicht sehen. Warum auch? Für mich gab es nichts, dass sich dunkel am Horizont abzeichnete. Für mich war alles schön, meine rosa Erdbeerwelt, wenn man so will.

    Es war also Februar und der ewig verdammte Tag des Tokio Hotel Konzerts war angebrochen. So viel zu meiner Theorie die Band würde nie so lange bestand haben… Ganz im Gegenteil!



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 23.01.2006, 17:36


    Die Jungs schienen mehr Fans zu haben, als man sich überhaupt vorstellen kann, denn Anne schleifte mich schon in aller Herrgottes Frühe zu der Halle, um sich einen Platz in der 1. Reihe zu sichern.
    Obwohl es noch so früh war, waren schon einige andere Mädchen da und ich fand das einfach nur lächerlich aber andererseits stand ich selbst ja auch da. Dass ich nur widerwillig mitgekommen war konnte ja niemand wissen. Ich versuchte zu lächeln und das aufgeregte Geplapper um mich herum zu ignorieren so gut es halt ging.
    Ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, wieso wir das durchziehen mussten.
    Meiner Meinung nach hätte Anne doch Ruhe geben können: Sie hatte ihren Backstage-Pass und würde die Jungs im Gegensatz zu allen anderen armen Seelen noch persönlich treffen. Sie hätte ruhig weniger egoistisch sein können und zwei anderen kleinen Mädels den Vortritt lassen können. Außerdem hätte sie meine Nerven geschont und meine armen Glieder, die bei den frischen Temperaturen abzufrieren drohten.
    Alles in allem eine gelungene Tagesgestaltung. Je weiter die Zeit voran schritt, umso mehr wurde von hinten gedrängt. Endlich verstand ich den Sinn von den ganzen Absperrgittern um mich herum.
    Ich spürte meine Füße nicht mehr vor Kälte und herumstehen, was vielleicht einen Vorteil bot. Ich beschäftigte mich damit Gustav ein paar SMS zu schreiben, in denen ich vom „lustigen Treiben“ um mich herum berichtete und ihm schrieb, dass unser Treffen nachher der einzige Lichtblick des Tages sein würde.
    Er schrieb nicht zurück.
    Anne war für ihre Verhältnisse echt still, wirkte nervös. Sie unterhielt sich ab und zu mit ein paar Mädchen, auf deren Bekanntschaft ich keinen Wert legte und so hörte ich ein paar anderen Mädchen hinter mir zu, wie sie um die Wette schwärmten. Süß, die waren vielleicht zwölf, wenn überhaupt!

    -„Ich freu mich schon am meisten auf Gustav! Der ist soooo knuffig! Und wenn er lächelt, der Hammer!“

    Ich fand es eher Hammer, dass sie über Gustav diskutierten. Gustav. Meinten sie damit meinen Gustav? Seit wann interessierte es solche Mädchen welcher Beleuchter hinter den Kulissen herum lief? Zumindest stellte ich mir so seine „Arbeit“ vor, der er dort nachgehen würde. Selbst für mich war der Gedanke aber abwegig! Vielleicht war seine Band im Vorprogramm von Tokio Hotel. Möglich wäre es, wenn auch sehr, sehr arm! Wer wollte schon bei denen im Vorprogramm spielen? Außerdem hatte Anne gesagt es würde direkt mit TH losgehen, hätte sie in einem Forum so gelesen.

    -„Jaa du hast Recht, der ist wirklich geil, hoffentlich spielt er heute wieder oben ohne!! Aber findest du nicht auch, dass der in Interviews seit einiger Zeit schon so komisch ist?“

    -„Wieso, der hat doch schon immer eher wenig gesagt oder?“

    Ich zwang mich nicht weiter zu zuhören. Ihr blödes Gerede interessierte mich doch gar nicht, oder? Fakt war, dass es mich eigentlich mehr als nur interessierte, denn es weckte böse Spekulationen in mir. Ein Verdacht stieg in mir auf und mein Herz schlug daraufhin schneller. Aber das konnte nicht sein! Es ging nicht!
    Ich zwang mich wieder ruhiger zu atmen aber es war schwierig.
    Besorgt stieß Anne mich an.

    „Hey, alles OK mit dir? Du bist so blass geworden plötzlich!“

    „Was? Ja, ja alles super… Mir ist nur ein bisschen schlecht geworden. Weil. Wir stehen hier ja schon so lange!“

    Die Mädels, mit denen sie diskutiert hatten gaben mitleidige Geräusche von sich, eine meinte so wäre es ihr vor ihrem ersten TH Konzert auch gegangen. Pah, Aufregung. War es denn Aufregung? Es war eher Angst. Fast Panik, die mich beinahe in die Knie zwang.
    Anne kramte eine Flasche Wasser aus ihrem Rucksack und reichte sie mir, nachdem sie den Verschluss abgeschraubt hatte.
    Gierig trank ich und versuchte krampfhaft an etwas anderes zu denken. Lebkuchen? Ja, Lebkuchen ist eine gute Sache zum dran denken. Die gab es in verschiedenen Formen. Und mit Schokolade… und überhaupt. Lecker.
    Das Stimmgewirr wurde immer lauter und ständig drang ein schräger Chor aus Mädchenstimmen an mein Ohr, die Schrei und durch den Monsun trällerten. Schrecklich!
    Meine Gedanken verweilten nicht sehr lange bei Lebkuchen – es musste kurz vor Einlass sein und ich war Minutenlang damit beschäftigt mir Freiraum zu verschaffen. Man, glaubten die echt von dem Gedrängel würden die Türen früher aufgeschlossen??

    Physisch kämpfte ich um nicht erdrückt zu werden, in Gedanken wünschte ich mir genau das würde passieren, damit ich mir nicht länger die quälende Frage stellen musste.
    Warum denn das ganze? Es würde sich doch innerhalb der nächsten 2 Stunden zeigen, ob sich mein Verdacht bestätigen würde oder nicht!

    Aber zwei Stunden waren eine Menge Zeit. Und der Gedanke mürbte...
    Hm, mürben… Mürbeteig.. Kekse.. Hey, Kekse - fast so gut wie Lebkuchen!


    Ich kann mich kaum noch an die Einlassminuten erinnern. Es gab nur jede Menge Gedränge. Wer die Karten kontrolliert hat und ob wir die zurückbekommen haben oder ob die einbehalten wurden… Keine Ahnung! Ich sah zu, dass ich hinter Anne her gerannt kam, die in Richtung Absperrung Mitte lief.
    Wir hatten wirklich die Königsplätze erreicht. Wieder beschlich mich dieses Gefühl, dass es ungerecht war, dass wir als Backstagepass Inhaber nun auch noch die besten Plätze für uns beanspruchten. Andererseits wäre es auch schlimm gewesen stundenlang umsonst gewartet zu haben. Die Dimensionen des Gedränges waren nicht dem Anlass angemessen. Ich hätte Verständnis gehabt, wenn es die Bevölkerung eines 3. Welt Dorfes gewesen wäre, die um den letzten Tropfen Wasser kämpfte, doch nur durchschnittliche, weibliche Teenager die sich einen besseren Blick auf vier normale Jungs erschaffen wollten? Surreal.
    Meine Rippen brannten innerhalb kürzester Zeit wie Feuer, die Absperrung hätte man ruhig mit einer Polsterung versehen können.
    Der Geräuschpegel war genauso unglaublich wie das Gedränge. Ein Summen wie im Bienenstock. Ein Schreien, Weinen, Kreischen. Ich nahm die Masse um mich herum nur noch als ein ganzes wahr, konnte nicht mehr zwischen einzelnen Fans differenzieren.
    Mein Blick schweifte über die bunten Lichter, die Security Menschen vor mir im Bühnengraben, über die Bühne und haftete schließlich auf einer Leinwand, über die in schneller Abfolge Bilder flackerten.

    Bill.

    Tom.

    -„DIE DVD!!!!“

    kreischte mir ein etwa gleichaltriges Mädchen ins Ohr, bevor sie hysterisch in Tränen ausbrach. Erwartete sie jetzt eine Reaktion darauf? Scheinbar nicht, denn sie wandte sich ab, streckte ihre Hände der Leinwand entgegen, als würde sie so ihren Idolen näher kommen.
    Ich stieß Anne leicht in die Seite um sie auf das Verhalten des Fans aufmerksam zu machen und vielleicht ein bisschen mit ihr darüber zu lästern aber ich hätte sie gar nicht anzustoßen brauchen. Sie beobachtete bereits jede meiner Bewegungen, ihre Augenbrauen waren besorgt zusammengezogen. Was war los? Ich folgte einer schnellen Augenbewegung ihrerseits. Sie hatte einen kurzen Seitenblick zur Leinwand riskiert. Ok, die DVD und? Nein, oder?

    Wieder Tom.

    Tom und Bill.

    Georg.

    Ein Gefühl als würde ich fallen, doch ich stand. Ich stand, ohne mich weiter an der Absperrung abzustützen, ließ mich einfach dagegen drücken. Ich spürte den Schmerz nicht.

    Gustav.

    Alle zusammen.

    Lachen.

    Ein Interview.

    Gustav.

    Ich sah nur noch ihn. Konnte mich nicht abwenden. Ich fühlte mich innerlich gefroren und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Fragmente von Erinnerungen schwirrten in meinem Hirn rum, doch keins blieb lange genug präsent, um die Realität, die harte Wirklichkeit akzeptieren zu können.

    Anne presste sich an mich, schrie, damit ich über die lauten Umgebungsgeräusche ihre Worte wahrnehmen zu können.

    -„Nun weißt du es also!“

    Ja. Nun wusste ich. Ich wusste, doch konnte noch keine logische Konsequenz daraus ziehen, mich nicht bewegen. Ich war wie gelähmt. Ich wollte mich gar nicht bewegen, ich wollte den Moment festhalten, die seltsame Leere in mir, die Emotionslosigkeit. Ich wollte einfach den Zustand beibehalten. Weil mir klar war, sobald das tiefer sacken würde, wäre der Schmerz nicht mehr weit.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 23.01.2006, 17:37


    Der Strom von bewegten Bildern auf der Leinwand riss ab, die Halle dunkelte sich schlagartig. Sollte es losgehen?
    Sobald meine Augen zwangsweise von den Bildern gelöst waren, löste sich auch meine Starre auf. Meine Gedanken ordneten sich wie von selbst.
    Es kam mir vor, als würden tausend kleine Scherben vom Boden aufwirbeln und sich wieder zu einem ganzen zusammensetzen. Ein Spiegel. Ein Spiegel, der mir die Wahrheit zeigte, wie ich sie seit Monaten schon ignoriert hatte, umgangen, schön gedacht. Alle Puzzleteile machten in diesem Gesamtbild plötzlich Sinn. Jede Reaktion Gustavs auf meine abfälligen Sprüche über Tokio Hotel, Anne, der Abend nach Weihnachten, alle Fragen, auf die ich zuvor keine Antwort wusste, weil ich nie danach gefragt hatte. Das Bild zeigte sich mir völlig klar, doch eine Millisekunde später war es auch, als würde der Spiegel durch einen Faustschlag wieder zerspringen, als regneten die glitzernden Scherben wieder zu Boden. Das war der Moment, in dem die Realisation dazu führte, dass andere Situationen, andere Wahrheiten sich als falsch herausstellten. Ihren Sinn verloren.
    Die Tatsache, dass ich seit Ewigkeiten, so schien es, nur Teil eines riesigen Komplotts war, eines lächerlichen Theaterstücks traf mich schwerer als alles, was ich in meinem Leben zuvor gespürt hatte.
    Anne hatte es gewusst, ganz klar. Das machte Sinn.
    Gustav hatte es selbstverständlich gewusst.
    Georg wusste es, die ganze Band schien eingeweiht gewesen zu sein.
    Gustavs Eltern. Was war mit meiner Mutter?
    Meine Freunde wussten es ganz sicher. Es ging gar nicht anders.
    Schwindelgefühlte folgten dieser Aufstellung von Leuten, die mich klar hintergangen hatten. Und wofür? Was war ihr Gewinn? Sie wollten, dass ich glücklich war mit meiner Weltvorstellung. Aber was sollte das? Es hätte doch klar sein müssen, dass es raus kommt. Es war doch zu 99%iger Wahrscheinlichkeit sogar geplant, dass alles heute, hier sein Ende finden würde. Dachten sie es würde weniger wehtun, wenn jetzt alles in die Brüche ging? Unfassbar.
    Hätte Gustav an diesem Tag in Berlin, im Café, gleich zugegeben, dass er bei Tokio Hotel war… Hätte er es irgendwann später aufgeklärt… Es wäre mir vielleicht egaler gewesen als jetzt. Er hatte es mir nicht mal selbst gesagt! Ich stand hier um Publikum, schwitzend, ein Mädchen unter tausenden. Sollte das seine Aussage sein? Seine Aussage ohne selbst auch nur ein Wort zu verlieren?
    War das alles eine Racheaktion?
    Die Umstände wurden immer klarer. Ich wusste es jetzt. Ich stand hier eingequetscht zwischen so vielen anderen Mädchen. Die Message kam an: Ich hatte verkackt. Ich war eine von vielen und war nur ein Spielball von Gustav, ein netter Zeitvertreib. Es war die Ultimative Revange. So konnte er es mir richtig heimzahlen. Ich müsste hier noch stundenlang stehen und zu ihm aufschauen. Es wissen. Dann würde ich mit Anne Backstage gehen müssen. Vor meinem geistigen Auge materialisierte sich die Zukunft: Ein weißer Gang. Georg, Bill, Tom und im Vordergrund Gustav. Ein einstimmiges

    -„Das hast du jetzt davon!“

    Ich schüttelte den Kopf, als könne ich so die Horrorvisionen abstoßen. Es gelang nicht. Ich musste wirklich noch ewig hier stehen und zu der Band hoch schauen, die ich so sehr verabscheut hatte. Und sie wussten es. Und er wusste es. Und sie würden auf mich herunter schauen und vermutlich ein Gefühl des Triumphes empfinden.

    Ich schloss die Augen, spürte zum ersten Mal, dass sie mit Tränen gefüllt gewesen sein mussten, denn nun fielen sie in Strömen. Es war ein sehr ruhiges Weinen. Ich gab keinen Laut von mir, doch die salzigen Tränen flossen ohne Unterlass.
    Georg erschien auf der Bühne, von einem Scheinwerfer angestrahlt. Sofort wurde mehr gekreischt und auch gedrängelt.
    Ich musste da weg! Mir war klar, dass er gleich kommen würde. Er und diese blöden Zwillinge, die vermutlich nichts mehr freuen konnte, als meinen Fall live und in Farbe mitzuerleben und musikalisch zu untermalen. Mit Musik, die ich nicht mochte. Mit Texten, die plötzlich eine völlig andere Bedeutung für mich haben würden!
    Ich versuchte weiter nach hinten zu gelangen, in die Anonymität der vierten Reihe. Außerhalb der Sichtweite von der Bühne, doch es ging nicht zurück. Es ging nur weiter nach vorn.
    Der einzige Ausweg, der sich mir bot wäre eine vorgetäuschte Ohnmacht gewesen, stetig wurden bewusstlose Mädchen grob von den Securitykräften aus der Menge gezogen und raus getragen, doch das konnte ich nicht bringen. Meine Welt fiel zusammen, aber ich stand. Stand wie ein Fels in der Brandung, als könnte mich nichts erschüttern. Als würde ich nicht innerlich in mich zusammen sacken.

    Doch genau das tat ich. Ich tat es in dem Moment als ich Gustav die Bühne betreten sah. In der Sekunde, als er sich suchend im Publikum umschaute. In dem Moment, in dem ich durch einen Tränenschleier in seine Augen blickte.
    Ihm war klar, dass ich wusste. So wollte er es. So war es geschehen, doch obwohl er sich von unserem Blickkontakt losriss, sich von seinen Fans feiern ließ wirkte er auf mich nicht so glücklich, wie ich es nur Momente zuvor erwartet hätte. Es waren die paar Millimeter, die sein Kopf beim Schlagzeugspielen zu tief sank, der Schatten, den sein Cap über seine Augen warf.
    Ich spürte, wie die Blicke von Bill und Tom mich förmlich durchbohrten, doch ich stand weiter da, als wäre es wofür ich gekommen war.
    Und in gewisser Weise war ich auch genau dafür dort.


    Jede Note, die Tokio Hotel an diesem Abend spielten schmerzte mich mehr, ließ mich denken ich würde es nicht bis zum Ende schaffen und doch fand ich mich genau 105 Minuten später draußen vor einer rostigen Metalltür wieder.
    Anne hatte unmittelbar nach dem Konzert, als der Druck von hinten nachließ und die Massen durch die Ausgänge strömten, versucht ein Gespräch mit mir anzufangen, sie fragte ob es mir gut ginge, sie wollte sich entschuldigen. Ich schüttelte den Kopf, winkte ab und brachte nur ein krächzendes.

    -„Jetzt nicht. Bitte.“

    Hervor. Mein Hals war total ausgetrocknet und doch strömten wieder ein paar Tränen nach. Auch Anne weinte, umarmte mich stumm und schluchzte in mein Shirt. Ich war einerseits mehr als nur böse auf sie, sie hatte mich total hintergangen. Aber ich konnte die Schuld, die ich von Anfang an auf mich geladen hatte nicht außer Acht lassen. Die ganze „Wir-sagen-es-ihr-einfach-durch-das-Konzert!“ Aktion hatte ihr vermutlich den Abend gehörig verdorben und es tat mir ein bisschen leid. Deswegen beschloss ich auch trotz allem mit Backstage zu gehen aber andererseits hatte sie ja wissentlich schon viel Zeit mit einem Tokio Hotel Mitglied verbracht… War ihr das Treffen überhaupt noch wichtig?
    Ich wischte mit meinem Handrücken über mein Gesicht um die schlimmsten Spuren zu beseitigen, bevor ich einem großen Mann mit breiten Schultern, der die Tür überwachte, meinen Backstagepass vorzeigte und Reingelassen wurde.
    Anne folgte mir und griff nach meiner Hand, drückte sie aufmunternd.
    Mir wurde immer schlechter. Wir kamen an unzähligen Türen vorbei, die unterschiedlich beschriftet waren, bis wir schließlich vor „Garderobe: Tokio Hotel“ stehen blieben.
    Stimmen drangen durch die Tür. Sie waren drinnen, ganz klar.

    -„Willst du wirklich noch... Du weißt schon?“

    -„Ganz ehrlich? Nein, will ich nicht!“

    Ich ignorierte, wie Annes Augen sich weiteten und öffnete mit einem Ruck die Tür zur Garderobe ohne anzuklopfen.
    Schlagartig herrschte Stille und die vier Jungs hielten Inne. Tom sprühte Bill gerade großzügig mit Deo ein, Georg zog an einer Zigarette und Gustav tat anscheinend nichts Spannendes. Er hatte sich seit dem Auftritt noch kein T-Shirt übergezogen und Schweißperlen glitzerten im grellen Licht der Halogenlampe.
    Ich trat ein paar Schritte weiter in die Garderobe und setzte mich auf eine Bank unmittelbar neben der Tür. Anne folgte mir, schloss die Tür hinter sich und blieb vor der Tür stehen.
    Tom entspannte seine Finger, sodass das Deo nicht länger aus der Dose strömte und das Zischen verstummte.
    Mehr Stille, cool.
    Ich konnte es nicht ertragen, fünf Paar Augen auf mir und was sollte ich tun? Zusammenbrechen? Schreien? Mitschweigen?
    Ich wählte die Eleganteste aller Möglichkeiten und klatschte langsam aber betont in die Hände.

    -„Herzlichen Glückwunsch. Perfekte Vorstellung! Auch sehr realistisch gemacht, ich konnte mich für ein paar Monate echt in die Rolle hineinversetzen! Wer hat das Drehbuch geschrieben?“

    Ich setzte ein falsches Lächeln auf, um nicht wieder flennen zu müssen. Es interessierte mich auch wirklich: War es allein Gustavs Idee mir die ganze Zeit was vor zu machen?
    Tom fand als erstes den Mut zu antworten, ich hätte es wissen können.

    -„Direkt zum Thema, hm? Wie wär’s mit ein bisschen Smalltalk? Hi, wie geht’s? Super und selbst? Mensch, tolles Konzert Jungs, ihr seid ja doch nicht so schlecht wie ich immer behauptet habe!“

    -„Warum?“

    Verwirrung und Zorn sprang aus Toms Blick, doch dann erkannte er, dass ich das nicht auf seinen blöden Spruch erwidert hatte, sondern die simple Frage direkt an Gustav gewandt hatte, den ich jetzt anschaute.

    Er trat näher an mich heran, doch ich sprang sofort auf.

    -„Okay, bleib da stehen, wo du bist. Ich brauche gar keine Antwort darauf. In gewisser Weise… Es erklärt sich von selbst. Ich verstehe es. Also. Ich verstehe den Auslöser, verstehe aber nicht, wieso ihr es so weit getrieben habt. Wolltet ihr mir eins Auswischen, weil ich euch so vorschnell und ungerecht bewertet habe? Ihr wolltet es mir mal so richtig geben, hä? Wenn es das war: Ist euch gelungen. Ich bin sprachlos, es tut mir mindestens so weh, wie es dir vermutlich wehgetan hat, wenn ich deine eigene Band in deinem Beisein beschimpft habe. Aber es ist OK. Es tut weh aber weißt du was? Ich komme drüber hinweg. Ich habe aus der Sache eine Menge gelernt… Aber abschließend will ich dir noch sagen… Gustav. Obwohl dein Plan aufgegangen ist und du Erfolg hattest: Du hättest das auch anders haben können. Du hättest nicht so tun müssen, als hättest du mich wirklich geliebt!“


    Der Gedanke an die zärtlichen Momente zwischen uns, die geflüsterten Liebesbekundungen, die ich so genossen hatte, machte mich fertig.
    Ich konnte dem nicht weiter standhalten. Jedes weitere Wort von meinen Lippen wäre zu viel gewesen. Ich schob Anne zur Seite, sagte ihr mit Tränenerstickter Stimme ich würde draußen auf sie warten und rannte. Ich schaffte es nicht mal mehr die Tür zu schließen ich rannte einfach raus aus der Halle, die Straße entlang. Rannte so weit ich konnte, bis ich schließlich an einer Hauswand gelehnt auf die Knie ging und so sehr weinte, dass ich glaubte nie wieder aufhören zu können. Ich gab mich dem Schmerz hin und verlor jegliches Zeitgefühl.
    Als Anne schließlich ihre warme Hand auf meine Schulter legte, mir auf half und mich zum Auto führte, wo ihre Mutter schon besorgt wartete, konnten Stunden vergangen sein. Es hätten auch Tage sein können, ich spürte nichts als den Schmerz über alles und der wollte auch nicht aufhören, als ich mit zitterndem Körper schließlich in meinem Bett lag und in einen unruhigen Schlaf abdriftete.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 23.01.2006, 17:38


    Ich schlief bis mich meine Mutter gegen 16 Uhr am darauf folgenden Tag weckte. Sie wusste durch Anne bescheid was Sache war und kannte mich gut genug, um mich nur kurz in den Arm zu nehmen und mich dann aber in Ruhe zu lassen. Ich hätte es auch nicht ertragen können mit ihr noch mal darüber zu reden. Ich wollte weder darüber reden, noch darüber nachdenken, obwohl das natürlich das Einzige war, was ich pausenlos tat.
    Ich fühlte mich beschissen. Von aller Welt hintergangen, verarscht. Und ich hasste ihn! Ich hasste Gustav dafür, dass ich mich selbst nun mehr hassen musste als ihn!
    So oft ich auch alles von vorn an hin und her drehte, jedes Wort in meine Erinnerung zurück rief, dass er und ich je gesagt hatten: Es gab nichts daran zu rütteln, dass ich selbst Schuld war!
    Direkt hatte er ja nicht gelogen… Nie.
    Aber er hatte auch die Tatsachen nicht richtig gestellt, obwohl er wusste, wovon ich wie selbstverständlich ausging.
    Es war unfassbar.
    Es gibt Tage an denen ich mir vorstelle, was alles schief laufen könnte, in denen ich Angst habe, dass meine Mutter vom Einkaufen nicht wieder kommt, dass mein Vater seinen Job verliert… Ich dachte oft über solche Dinge nach, wie schwer es nachzuvollziehen ist, wie das Schicksal manchmal mitspielt. Ich bildete mir ein auf eigentlich alles vorbereitet zu sein, und so besser mit schlechten Nachrichten umgehen zu können, auch wenn sie Real natürlich schlimmer wären als in meiner Vorstellung.
    Das Szenario mit Gustav hätte ich mir nie so vorstellen können. So kranke Windungen der Vorbestimmung konnte ich nicht verstehen, nicht akzeptieren und ich wollte es auch nicht!
    Mit verschränkten Armen saß ich auf meinem Bett und blinzelte vor mich hin. Ich fand trotz all der schlechten Gefühle in mir und der Traurigkeit keine Tränen mehr. Meine Augen brannten furchtbar, wohl durch das viele Weinen zuvor und überhaupt ging es mir dreckig.
    Dreckig. Ich fühlte mich vermutlich nicht nur so, ich war es auch! Ich war ja sofort ins Bett… Ich brauchte zehn Minuten, bis ich mich endlich aufgerafft hatte ins Badezimmer zu schleichen und mich meiner Klamotten zu entledigen. Der Blick in den Spiegel war nicht direkt ein Desaster, aber fahrlässig war es schon.
    Stundenlang ließ ich einfach nur das warme Wasser auf mich herunter prasseln, abperlen und in den Abfluss sickern.
    Meine Gedanken kamen einfach nicht von allem los.

    Ich vegetierte zwei Wochen lang zwischen Selbstmitleid, Hass und Frustration vor mich hin. Zwei Wochen lang ließ ich mich gehen, schloss mich zuhause ein und ließ mich nicht einen einzigen Tag in der Schule blicken, wo ich auf Anne getroffen wäre.
    Ich ließ mich verleugnen, wenn sie an der Tür klingelte, ging nicht ans Telefon und ließ den Computer zum Selbstschutz aus.
    Zahlreiche Anrufe blieben unbeantwortet, SMS las ich nicht und rief meine E-Mails nicht ab, gab auch in Instant Messengern kein Lebenszeichen von mir. Ich reflektierte, dachte nach, analysierte und verarbeitete die Geschehnisse so gut ich konnte und beschränkte mich bei meinem Medienkonsum auf kulturell anspruchsvolle Sendungen auf Arte und BBC, da diese Sender als einzige garantiert nichts über Tokio Hotel brachten. Sonst hielten CD und DVDs aus meiner enormen Sammlung her.
    Es war aber Zeit wieder runter zu kommen. Nichts war optimal gelaufen, aber so war nun mal das Leben! Ich konnte jetzt so weiter machen, das Schuljahr wiederholen, weil ich zu viel verpasste und mich nie wieder verlieben… Oder ich konnte mich zusammenreißen, alles zu Ende bringen, klären und mein Leben wieder in den Griff bekommen.
    Lange würde meine Mutter sich das ohnehin nicht mehr anschauen.
    Ich räumte mein Zimmer auf und um, schmiss das Meiste weg, das ich in die Finger bekam und strich meine Wände. Auch mein Kleiderschrank wurde gnadenlos aufgeräumt und ausgemistet. Ich besaß noch einige Sachen, die einem wirklich peinlich sein mussten und behielt nur klassische Sachen, die man gut kombinieren konnte und die nicht so schnell „out“ sein würden.
    Beim Aus- und Einräumen des Schrankes erkannte ich Gustav „sein Fach“ ab, das ihm sonst zur Verfügung gestanden hatte. Ich stapelte seine Sachen, hauptsächlich T-Shirts, sorgfältig auf einem Beistelltischchen und war schließlich fertig mit allem. Eine neue, ausgeglichene Zufriedenheit machte sich in mir breit. Ich war bereit mit allem umzugehen und mich endlich wieder meinem Alter gemäß zu verhalten!

    Zuerst besuchte ich Anne. Die Poster hingen wieder und stellten die erste Probe dar, ob ich wirklich so weit war alles hinter mir zu lassen aber als ich die Band auf mich herunter lächeln sah rührte sich nichts in mir. Ich konnte zurück lächeln, fand die Frisuren von den Zwillingen wieder ziemlich daneben und lachte sogar ein wenig darüber.
    Anne war für mich voll rehabilitiert und es war verdammt super nachmittags wieder etwas zu tun zu haben, jemanden zum tratschen und lachen! Wir hatten einiges an Physikstoff zu wiederholen und eine Art „neue Normalität“ stellte sich ein.
    Meine Freunde mieden das Thema Gustav und Tokio Hotel in meiner Gegenwart. Es machte mir nichts aus, dass sie das taten, war ja lieb gemeint aber dennoch erzeugte dieses Misstrauen ihrerseits eine gewisse Spannung zwischen uns. Es war als warteten sie nur darauf, dass ich wieder zusammen brach aber so weit kam es nicht.

    Eine weitere Woche später schlief Anne bei mir und wir wollten Zeit totschlagen, bis die anderen mit DVDs aus der Videothek wiederkommen wollten und so zappten wir uns durch diverse Klingeltonwerbungen.
    Auf MTV gab es irgendwelche digitalen Tiere, die lustige Geräusche mit ihren Körperöffnungen erzeugen konnten und dies nun vermarkten wollten, also schaltete ich weiter auf Viva.
    Oha.
    Unter Normalumständen hätte ich jetzt einfach weiter geschaltet, mir den Bericht nicht weiter angeschaut.
    Mir waren Tokio Hotel schon öfter auf den Bildschirm gekommen in den letzten Tagen aber ich hatte kein gesteigertes Interesse daran, mich gedanklich mit ihnen auseinander zu setzen. Obwohl ich ja dafür bereit war, wie ich ständig behauptete. Das galt es nun in die Tat umzusetzen, denn sonst hätte Anne ja Verdacht geschöpft, dass ich in Wirklichkeit noch immer von Gustav verletzt war und außer mir wusste ja niemand, dass ich den Klamottenstapel auf dem Tisch in der Ecke mied wie die Pest!
    Die Umstände zwangen mich also dazu so zu tun, als würde mich das Gerede vom Interview kein Stück interessieren, obwohl sich mein Magen verkrampfte und ich gespannt darauf wartete, dass ich die Kamera zu IHM schwenken würde.


    Da, ja! Eine Gruppenaufnahme. Wie sah der denn bitte aus?

    -„Ihr habt in den letzten Wochen unglaubliches erreicht, eure neue Single ist immer noch auf der eins, übrigens und ihr habt eure Tour gespielt, Interviews gegeben… Im Internet tauchten Gerüchte auf, dass es eurem Schlagzeuger derzeit leider eher schlecht geht! Was ist da dran? Gustav, möchtest du vielleicht selbst was dazu sagen?“

    Gustav lachte hell, griff nach dem Mikro und schaute direkt in die Kamera. Großaufnahme. Ich war sicher einige Mädchen schmolzen in dem Moment dahin. Ich schmolz gar nicht, mir war eher kalt! Sehr sogar. Meine Hände wurden feucht.

    -„Ähm eigentlich… Nö!“

    Die Moderatorin war nicht ganz helle und checkte nicht, dass das „Nö“ darauf bezogen war, dass er sich nicht äußern wollte. Bill übernahm das Wort und versuchte die Situation ein bisschen zu entschärfen, ins lächerliche zu ziehen.

    -„Nee, der Gustav sagt nichts selber! Der bezahlt da persönliche Fürsprecher für. Ähm ja. Und heute verdiene ich mir einen Fuffi. Also: Ihm geht es eigentlich gut! Er findet es auch unglaublich, was wir erleben dürfen und spielt gerne die Shows und lässt Interviews für sich geben und so, das war schon immer sein Traum! Aber er ist ja auch ein Mensch und er hat ein bisschen Liebeskummer. Aber so wie es aussieht ist er jetzt wieder zu haben! Also Ladies, tröstet ihn mal ein bisschen!“

    Sofort folgten Mitleidsbekundungen aus dem Publikum im Studio und besorgte Blicke von Anne auf mich. Ich guckte dumm zurück. Dann wieder auf den Bildschirm. Tom zog gerade von Bill das Mikrofon ab, der sich heftig dagegen wehrte, aber verlor.

    -„Ja, entweder das oder die dumme Schlampe hört auf rum zu zicken und meldet sich bei ihm, bevor wir ihr in den Arsch treten, weil Gustav seit dieser Sache unerträglich ist!“

    Ich fragte mich, ob es unter freie Meinungsäußerung fiel, dass ich in dieser Livesendung beleidigt wurde, oder ob das vielleicht Konsequenzen für das Großmaul haben würde. Dass er dreist war, wusste ich ja bereits, aber sich so was raus zu nehmen war noch was ganz anderes!
    Ich hatte ja ohnehin vor gehabt mir endlich durchzulesen, was Gustav in seinen Mails geschrieben hatte und ich wollte ihn mich danach bei ihm melden, … Irgendwann!
    Würde ich mich jetzt nicht total zum Deppen machen, wenn ich nach so einer Sendung anrief? Andererseits konnte ich ja immer noch leugnen die Sendung überhaupt gesehen zu haben.

    -„Erde an Celina, alles klar bei dir?“

    -„Wa- Ja! Wieso auch nicht! Es ist ja nicht so, als hätte mich dieser Penner gerade vor allen Tussis zwischen 10 und 21 als Schlampe bezeichnet! Ich meine,… Was soll das denn? Hat der in letzter Zeit mal Zeitungen gelesen? Tom hat sich doch wohl selbst als Schlampe profiliert! Da habe ich noch einiges frei, bevor ich auch nur annähernd auf seinem Niveau gelandet wäre!“

    -„Hm ja da hast du ja irgendwie recht… Nur na ja inhaltlich hatte er doch recht oder?“

    -„Bitte? Der Inhalt war doch lediglich, dass ich eine – ich zitiere- dumme Schlampe bin, und du stimmst mir zu, dass das nicht wahr ist um es dann zurück zu nehmen und ihm Recht zu geben? Hä? Deine Logik will ich mal verstehen!“

    Ich griff nach zwei Flaschen Becks und öffnete sie, reichte ihr eine. Ich musste erstmal was trinken!

    -„Nein, ich meinte den Inhalt, dass du dich mal langsam bei Gustav melden solltest! Glaubst du nicht 3 Wochen sind genug um zu demonstrieren, dass er dir Unrecht getan hat und dass du am längeren Hebel sitzt? Er hat es verstanden, es tut ihm Leid… Jetzt ist es mal an dir, dir einen Schubs zu geben!“

    -„Tue ich, ständig! Ich versuche mir jeden Tag den Schubs zu geben ihm seine Scheiß Klamotten nach Hause zu schicken und tue es trotzdem nie.“

    -„Ja, weil du ihn noch liebst! Und er dich auch! Du hast ihm zwar in der Garderobe vorgeworfen er hätte nur mit dir gespielt… Aber du weißt doch selbst, dass das nicht wahr ist!“

    -„Bevor die ganze Sache raus kam dachte ich wirklich noch ich wüsste was wahr ist und was nicht… Aber verzeih mir, wenn ich da jetzt Zweifel habe!“

    Das Thema war damit für mich geschlossen. Sie mochte Recht haben oder nicht aber es war für beide Parteien besser ich würde es durchhalten mich nicht melden. Ich würde drüber hinweg kommen, er würde auch drüber hinweg kommen und es wäre doch besser es so zu beenden, als die Beziehung einen Monat später erneut wegzuwerfen, weil wir durch seinen Beruf, seinen Traum. keine Zukunft miteinander hatten.
    Er war jung, er war erfolgreich und die Mädchen lagen ihm zu Füßen.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 23.01.2006, 17:39


    Genau das schrieb ich in meinen finalen Brief an ihn, zwei Tage später. Ich hatte endlich seine Nachrichten gelesen, seine Briefe, wusste was er zu sagen hatte, nahm seine Entschuldigungen an. Ich glaubte ihm auch, als er seine Liebe wieder und wieder beteuerte, aber es machte für mich keinen Sinn mehr. Während des Schreibens kamen mir seit längerem wieder die Tränen Es schmerzte, zerriss mich - aber es musste sein.
    Ich legte ihm Nahe sein Potential nicht an mich zu verschwenden, die Chancen zu nutzen, die sich ihm boten und seinen Traum zu leben, nicht zu trauern, wenn er so glücklich sein könnte. Ich schrieb, dass er es sicher später bereuen würde den kurzen Augenblick im Rampenlicht nicht ausgekostet zu haben. Es war einfach nicht die Zeit für uns, und obwohl ich verdammte, dass es so war, wusste ich doch, dass ich Recht hatte.

    All meine Gefühle flossen in diesen Brief. Über sechs Seiten zogen sich die geraden, gleichmäßigen Linien meiner Handschrift, mit meinem Herzblut geschrieben. Ich signierte ohne Grußformel und klebte den Umschlag zu.
    Den Brief legte ich in das Paket mit seinen Sachen. Es war endlos feige ihm nicht persönlich gegenüber zu treten, aber ich hätte in diesem Fall für nichts garantiert und ich wollte kein Risiko eingehen. Keine noch so winzige Gefahr - und ein Blick in seine Augen, so viel stand fest, wäre tödlich gewesen und hätte alle Prinzipien in mir für immer zum Schweigen gebracht.


    Mit dem Brief hatte ich alles gesagt, was ich über die Gelegenheit in Worte fassen konnte und auch Gustav hatte dem scheinbar nichts hinzu zu fügen, denn es folgte nichts. Kein Lebenszeichen mehr, keine weiteren Versuche mich zurück zu erobern. Das war es also.
    Das Leben ging weiter.
    Mitte Juni reichten meine Eltern die Scheidung ein. Aus einer Trennung auf Zeit wurde eine Trennung für immer und das brachte mich wieder ganz nach unten. Meine Mutter hatte vor unser Haus zu verkaufen. Sie wollte bei ihrem neuen Freund einziehen und stellte mich vor die Wahl zwischen ihr und meinem Vater. Es schien nicht real: Wie sollte ich zwischen den zwei Menschen, die mir mit Abstand am Wichtigsten waren wählen? Nach welchen Kriterien ging man vor? Ich liebte doch beide gleich! Es war nicht das Zimmer, dass ich mit dem Sohn des neuen hätte teilen müssen, das den Ausschlag gab, es waren die Umstände. Meine Mutter hatte einen anderen, verließ die neutrale Zone unseres Hauses und bezog so Stellung. Mein Vater war zwar in Berlin in einer eigenen Wohnung, doch er hatte sich nicht gleich die nächst Beste genommen, die ihm über den Weg lief. Er lebte allein und er litt. Ich glaube er hoffte noch bis zuletzt der räumliche Abstand würde erfolgreich verlaufen, dabei war er es wahrscheinlich, der den Keil zwischen meine Eltern trieb und sie Beziehung ein für alle Mal spaltete.
    Es fiel mir alles andere als leicht mich gegen die gewohnte Umgebung zu entscheiden, gegen meine Mutter, Anne, meine Freunde… Und doch musste ich das zurück lassen und meinem Vater beistehen. Sie verstanden es, das machte es erträglicher.

    Epilog

    Und nun sitze ich hier am Fenster und schaue nach draußen. Ich sehe unzählige Autos, die sich gegenseitig jagten und drängeln um schneller voran zu kommen. Ich sehe Neonlichter, Pfützen auf dem Asphalt und beobachte Menschen mit Regenschirmen die durch die Anonymität der Straße hasten.
    Ich hätte nicht gedacht, dass das Dreamteam aufgeben würde. Dass sie 18 Jahre wegwerfen würden, alles, was sie sich aufgebaut haben nur um jetzt bei null zu beginnen. Ich kann nicht verstehen, dass sie tun als würde es sie kalt lassen. Mich ließ es nicht kalt. Ich schrie, tobte, weinte und rebellierte aber alles endet hier, in diesem Raum, in diesem Haus, in dieser Straße. In dieser Stadt. Berlin.
    In Berlin, wo alles begann. Mit Gustav. Ich denke auch über ihn nach, während ich hier sitze und der Regen stetig fällt, die Wolken beinahe vor meinem Fenster hängen und meine Gedanken spiegeln.
    Ich sehe ein, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich sehe ein, dass ich genau das getan habe, was ich jetzt an meinen Eltern kritisiere und als Feigheit abstemple.
    Ich tat als ließe es mich kalt, bis zum bitteren Ende. Ich hatte zu früh aufgehört zu weinen, nie richtig begonnen zu schreien und zu rebellieren, als ich mich endgültig von Gustav trennte.
    Doch es ist nun zu spät.
    Auf dem Fensterbrett liegt eine aufgeschlagene Zeitschrift mit einem Bericht über Tokio Hotel, sie haben einen Preis gewonnen. Gustav küsst den Hals eines Mädchens, das glücklich in die Kamera lächelt. Sie ist ein wenig billig. Ein wenig unter seinem Niveau, aber hübsch.
    Und ich sehe ein, dass es auch ihn nun kalt lässt.

    Wir fangen bei Null an und wer weiß wohin es uns bringt?
    Doch wir täuschen uns damit.
    Es gibt es kein Null.
    Es war schon immer etwas vorher da und alles was wir versuchen uns einzureden, jede Lüge, die wir uns selbst auftischen um zu glauben, es wäre anders, ist nur genau das.
    Betrug.



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 23.01.2006, 17:39


    ENDE



    Re: Deceit / Betrug

    Fitzkik - 23.01.2006, 19:44


    *tanzend herumspringt....*

    Das ist so eine geile Geschichte...

    *in Word zieht und sofort ausdruckt*

    Die bekommt einen Ehrenplatz!!

    *noch mehr herumspringt*

    Schreib doch noch eine!!



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 24.01.2006, 16:27


    wie gesagt du kannst es auch gerne als besser formatierte word datei haben ;)

    freut mich, dass es dir so gefällt :D Aber ich glaube ich schreibe nicht wieder sowas... ^^ ich freu mich zwar halt drüber, wenn auch nur 1 mensch das liest und mag, oder 2 oder 3 aber allgemein gesehen... weiß nicht :D Hab auch ganz gut zu tun ;) Aber wer weiß, man wird sehen



    Re: Deceit / Betrug

    duplo - 19.02.2006, 15:20


    hey..
    ich kenn deine FF noch ausm alten board und bin grad hier draufgestoßen.. sehr, sehr schön..
    dein schreibstil ist einfach der wahnsinn!
    und was ich ganz besonders mag, dass man die FF nicht einfach nur ließt, sondern sich wegen dem satzbau auch manchmal ein paar gedanken drüber macht.
    also es sieht jedenfalls so aus, und ich denke doch dass es das auch ist, als hättest du dir dabei wirklich mühe gegeben und nicht einfach mal so schnell was aufs papier geschmiert, wirklich sehr lobenswert!
    das einzigste, was ich ein klein wenig irritierend finde, dass trotz dem erfolg von tokio hotel, celina nicht mitbekommen hat, dass gustav in der band spielt. ich meine wenn man sich mal gedanken drüber macht, dann ist das eigentlich unmöglich. selbst wenn man kein fernsehen schaut muss man früher oder später irgendwann zufällig eine zeitschrift sehen, wo sein bild drauf ist..
    aber ja. alles in allem ist das wirklich sehr toll!
    also, ein megadickes lob von mir..!

    :wink:



    Re: Deceit / Betrug

    coffee_fairy - 20.02.2006, 17:04


    hey! Vielen, vielen dank erstmal für das lob! Das freut mich natürlich sehr... Ja ich glaube ein paar Gedanken hab ich mir schon gemacht,... ab und zu XD Der Satzbau ist zugegeben an so einigen Stellen gewöhnungsbedürftig... Weniger verschachtelt und verwirrend hätte es vielleicht auch getan... ach naja :D

    die kritik- da hast du wohl recht, es ist vermutlich wirklich sehr unwahrscheinlich, dass sie das wirklich nicht früher gepeilt hat... aber naja, was reden wir über realismus ;)



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