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Re: Professor H. NUSSBAUMER im AFRO-ASIATISCHEN INSTITUT
Anonymous - 17.05.2008, 15:08Professor H. NUSSBAUMER im AFRO-ASIATISCHEN INSTITUT
Festrede zum „Fest der Visionen“,
am Freitag, 16. Mai 2008
im Afro-Asiatischen Institut Wien
von Prof. Heinz Nußbaumer
Verehrte Festgäste, liebe Freunde!
Wer bei einem „Fest der Visionen“ das Wort ergreift, der sollte zunächst von den Realitäten reden – um den Abstand deutlich zu machen, der zwischen unseren Visionen und der Wirklichkeit liegt.
Das „Afro-Asiatische Institut“ geht eben in das 50. Jahr seines Bestehens. Ich möchte unter den Ersten sein, die gratulieren und danken. Danken auch dem großen, unvergesslichen Stifter dieses Hauses, Kardinal Franz König, der auch mir zu einem Lebensmenschen geworden ist.
Jedesmal wenn ich hier über die Schwelle gehe, erlebe ich eine Welt, die mich berührt und die jene Visionen nährt, von der heute in besonderer Weise die Rede sein soll.
Die Frage sei aber erlaubt: Würde dieses Haus des Dialogs der Kulturen und Religionen heute, 50 Jahre später, überhaupt noch gegründet werden, gegründet werden können? Und falls ja, von wem?
Wer würde heute noch ein Lateinamerika-Institut gründen – oder die „Orientgesellschaft Hammer-Purgstall“? Sie alle sind in wirtschaftlich weit schwierigeren Zeiten entstanden als heute.
Ich erinnere mich noch gut an einen „Dialogkongress Europa-Schwarzafrika“ in Alpbach – vor gut 30 Jahren. Er wurde zu einem großen gemeinsamen Schwur zweier Kontinente: „Wir sind Zukunftspartner“. Ich höre noch unsere begeisterten rotweißroten Spitzenpolitiker und Wirtschaftschefs von damals: Wir Österreicher – klein, neutral und kolonial unbelastet – wir sind der gottgeschaffene Brückenkopf auf dem Weg in dieses neues Miteinander. ‚Im Herzen eins, im Ziele gleich – Schwarzafrika und Österreich!‘
Und heute, ein paar Jahrzehnte später? Afrika ist kein Thema mehr. Und Asien? Ein paar sogenannte „Tigerstaaten“ - die ja. Ein paar exquisite und auch weniger exquisite Urlaubs-Fernziele - die auch. Aber der Rest? Bestenfalls geraten sie ins Blickfeld, wenn das monströse Leid von Tsunami- und Wirbelsturm-Opfer fernsehtaugliche Bilder liefert.
Fünf der Schwerpunktländer österreichischer Entwicklungs-Zusammenarbeit liegen in Afrika, eines in Asien. Das ist schön und gut so. Aber: Weiß irgendjemand von uns, welche es sind? Haben wir je von ihrem Schicksal - vom Leben der Menschen dort - erfahren? Hat uns jemals jemand erzählt, was dort mit unserer Hilfe geschieht? Oder vielleicht doch – und es hat uns nur nicht interessiert?
Die vielzitierte Globalisierung, das tausendfach beschworene Zusammenrücken der Menschen im „globale Dorf“, – was davon gilt für die, die diese Dorfgemeinschaft am bittersten nötig hätten?
Wir jetten um die Welt. Wir urlauben in den Tropen. Wir transferieren Milliarden in entlegenste Winkel der Erde, in die seltsamste Wohlstandsoasen: Dubai, Singapur, die Cayman-Inseln. Wir chatten und treiben e-commerce über Kontinente und Ozeane hinweg. Wir rühmen uns, dass es im Zeichen der weltweiten Vernetzung bald keine schwarzen Löcher mehr geben wird. Mit Satellitentelephon, Bildschirm und Modem gehört uns die Welt, heißt es – und so falsch dieses „uns“ wohl auch nicht.
Und Afrika? Und die bettelarmen Schmuddelkinder in Asiens? Ist das nicht unsere Welt? Wer fragt heute danach? Und wie konnte die stille Liquidierung unseres Interesses, unseres Mitgefühls so unbemerkt geschehen?
Ich weiß schon: Es geht mir heute wie dem Pfarrer, der ausgerechnet seinen treuesten Schäfchen in der Sonntagsmesse den schwachen Kirchenbesuch vorhält. Sie alle sind ja heute hier, weil Ihnen dieses Thema wichtig ist. Weil Ihr Horizont eben nicht an den Außenzäunen Ihres Urlaubshotels endet und Ihr Herz keine Rollbalken kennt. Weil Sie sehr genau wissen, dass eine Globalisierung des Handels und der Geldströme allein ein Todesurteil für Millionen Menschen ist. Dass wahre Globalisierung auch die Globalisierung der politischen Rahmenbedingungen, der sozialen Standards und wirtschaftlichen Spielregeln voraussetzt. Und eine Globalisierung der Mitmenschlichkeit.
Wer von „Visionen“ spricht, muss von den Fakten ausgehen. Faktum ist: Fast alle der 30 ärmsten Länder der Welt liegen südlich der Sahara. Und nie war der Abgrund zwischen ihnen und den wohlhabendsten Ländern so groß wie heute; nie die Sünde schamlosen Reichtums so offenkundig: Allein das Vermögen der sieben reichsten Männer würde genügen, um die bitterste Armut in der Welt auszurotten. Und die 400 Milliardäre auf unserem Globus besitzen mehr, als die halbe Weltbevölkerung zusammen in einem Jahr verdient - das sind immerhin drei Milliarden Menschen.
Faktum ist auch: Nie war auch die Schicksalsgemeinschaft offenkundiger, die uns – die Völker im Norden und im Süden – zusammenschweißen sollte. Sie alle kennen das Bild aus der Chaostheorie: Wenn irgendwo ein Schmetterling mit den Flügeln flattert, kann das anderswo einen Tornado auslösen. Recht unbestritten ist heute, dass unser Wohlstands samt seinen Abfällen auf direkte und indirekte Weise die Stürme und Fluten, die Dürren, Missernten und Seuchen der bettelarmen Geschwister auslöst. Wir - das reiche Fünftel der Menschheit – wir verbrauchen vier Fünftel aller Ressourcen und schaffen vier Fünftel aller Umweltprobleme. Wir sorgen für jene Erderwärmung, die Hurricanes verursachen und Malaria-Erreger am Leben erhalten.
Man muss sich das vorstellen: Im letzten Viertel des zu Ende gegangenen Jahrhunderts hat sich die Zahl der Katastrophen im Norden auf ein Drittel reduziert – und im Süden verdreifacht.
Genug der Fakten: Sie sind tausendundein mal genannt, beschrieben und beklagt worden – und doch weitgehend ohne Wirkung geblieben. Mehr noch: Der Rückwärtsgang ist nicht zu verbergen – materiell, mehr aber noch geistig.
Erinnern Sie sich noch, wie stolz wir vor 30, 40 Jahren auf die vielen afroasiatischen Studenten an unseren Hohen Schulen waren. Stolz, dass sie sich bei uns das Rüstzeug für ihre Zukunft und die ihrer Völker holen konnten.
Wie viel öffentlichen Applaus ein Wiener Baumeister vor 30 Jahren erhielt, weil er das Minarett der Wiener Moschee im Donaupark auf eigene Kosten um einige Meter höher bauen ließ, damit dieses Zeichen muslimischer Präsenz in Österreich nicht ganz untergeht.
Und heute? Da kann ein Minister die Orientalistik, die Islamwissenschaft als „Orchideen-Studium“ in die Schrulli-Ecke abschieben. Da kann ein machtvoller Landeshauptmann Moscheen als „artfremd“ bezeichnet. Und ein Landesbischof den Bau von Minaretten lauthals als „Provokation“ empfinden.
Heute können sich ausgerechnet jene politischen Gruppierungen als Verteidiger des christlichen Abendlands profilieren, die sonst mit dem Christentum wenig oder gar nichts zu tun haben.
Was ist da unterwegs passiert – in Österreich und weit darüber hinaus?
- War es der 11. September 2001, der alles erklärt und rechtfertigt?
- War es das Ende des Kommunismus – auf zweifache Weise:
Weil mit dem Kalten Krieg auch das Interesse der Staatsmänner an ideologischen Verbündeten und Militärbastionen zu Ende gegangen ist.
Und weil wir offenkundig nicht ohne Feindbilder leben können – weil sich die so genannte „islamische Bedrohung“ als ein idealer Ersatz für den Verlust der „roten Gefahr“ angeboten hat?
Und weil sich beinahe niemand dem Trommelwirbel des „Kriegs gegen den Terror“ entziehen kann, zu dessen größten Opfern nicht nur unsere demokratischen Freiheiten gehört, sondern auch die Solidarität und Achtsamkeit des Herzens. Das Hinschauen und Hinhorchen auf Menschen und Schicksale.
Ich meine: All das – und die zahllosen politischen und medialen Vorleistungen dazu – hat sicher zu den tragischen Entwicklungen beigetragen. Aber: Politik und Medien können letztlich nur verstärken und verzögern, was schon in uns angelegt ist – oder eben nicht. Die Suche nach Wurzeln und Nährboden ist komplexer.
Es könnte durchaus sein, dass die Mehrheit unserer Landsleute damals, als dieses Haus und manch Ähnliches entstanden ist, kaum anders gedacht hat als heute. Dass vielleicht nur Interessen anders gelagert waren – und fremde Arbeitskräfte eben ein unverzichtbarer Teil unseres wirtschaftlichen Aufstiegs waren. Es könnte sein, dass eine Minderheit von Engagierten, von Weltoffenen damals nur das allgemeine Desinteresse an fremden Kulturen und Religionen besser in ihrem Sinn genutzt haben. Und dass die politischen Durchsetzungs-Prozesse – im Schatten der Aufmerksamkeit - noch leichter waren.
Der sogenannte Informations-Boom hat ja nicht nur freien Zugang zu mehr Nachrichten, sondern auch ihrer selektiven Nutzung ermöglicht – und damit auch allen Populisten den Weg bereitet.
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich meine, dass jeder von uns trägt ein mehr oder weniger großes Stück Fremdenangst in sich – ebenso, wie wir auch alle fähig sind, Gastfreundschaft zu erweisen. In unseren Seelen existiert ein weit verzweigtes, rätselhaftes Kanalsystem, aus dem sich Neugier, aber eben auch Angst vor dem Anderen, dem Fremden nährt. Es wird ebenso aus den unzähligen Brüchen in unserer Geschichte gespeist, wie aus unseren menschlichen Begrenztheiten. Aus unserer Suche nach Identität und Abgrenzung wie auch aus unseren Macht- und Ohnmachtsgefühlen. Und aus einer Fülle von individuellen und kollektiven Ängsten.
Immer wieder wachsen neue Verzweigungen hinzu – zuletzt wohl stärksten vorangetrieben durch den Verlust an Überschaubarkeit, an Heimat, im Zeichen der Europäisierung und Globalisierung. Es ist ja ein bekannter psychischer Prozess der Entlastung, dass wir Ängste, die aufgrund der Unsicherheiten unseres eigenen Lebens entstehen, gerne auf andere Menschen projizieren.
Mehr noch: Fremdenangst ist immer auch die Angst davor, im Anderen, Unbekannten, einem ungewollten Stück des eigenen Ich zu begegnen. Der Fremde – das ist der, der nicht ganz dazugehört. Oft auch nach Jahrzehnten nicht. Das ist der, der weniger Rechte hat. Der, der sich nicht voll mitteilen kann. Der, der Angst haben muss, dass er abgedrängt wird. Der Fremde – das ist dieses lebendige Stück Angst in uns. Wenn wir ihm – oder ihr - begegnen, dann kommt etwas von dieser Angst auf uns zu – von der Angst, irgendwann selbst nicht mehr dazu zu gehören. Irgendwann vielleicht ohne akzeptierten Sinn und Status dazustehen, ausgeschlossen aus unserer etablierten Lebenswelt. All das macht uns „der Fremde“ auf subtile, symbolhafte Weise deutlich.
Wie irrational - und also für alle Vernunft unerreichbar - diese Gefühle sind, lässt sich aus vielen historischen Erfahrungen belegen. Ein Beispiel: Im Mittelalter hat man, wenn die Pest umging, die Stadttore hermetisch verriegelt. Nicht etwa deshalb, um die Menschen draußen nicht anzustecken. Nein, man war sich seltsamerweise sicher, dass Fremde noch weiteres Unglück über die Stadt bringen würden. Dieser Reflex zur Einschließung und Abschließung hat natürlich alles noch schlimmer gemacht, vor allem die Panik und die Krankheit, vor der nun niemand mehr zeitgerecht flüchten konnte. Das Hermetische ist immer auch Selbstschädigung. Auch die Fremdenangst ist es.
Wir Menschen haben viele Rituale entwickelt, um dieses Gefühl der Bedrohung zu kontrollieren. Noch heute muss sich jeder Präsident, der zum Staatsbesuch kommt, zunächst vor unserer Fahne verbeugen, ehe die präsentierten Gewehre – also die unausgesprochene Drohung „Ausländer, pass auf, wir sind bewaffnet“ zurückgezogen werden. Bis der fremde Gast mit einem Ehrenoffizier zum persönlichen Schutz rechnen darf.
Beduinen in der Wüste warten so lange außerhalb eines magischen Kreises, bis sie an ein Zelt herangewinkt werden. Und Gäste bringen ein Gastgeschenk mit – als Unterpfand ihrer Arglosigkeit. Touristen hinterlassen immerhin Geld. Auch wenn wir das Sensorium für die Zeichensprache menschlicher Kommunikation vielfach verloren haben: Das alte Ritual von Angst und Entwaffnung ist nach wie vor symbolhaft im Spiel.
Die Mehrzahl der Fremden, die heute zu uns kommen, gehen wieder. Die aber, die bleiben - auch bleiben müssen -, sie stehen von allem Anfang an unter einem Grundverdacht: Dem der Illegalität, des Schmarotzertums und der Sozialbelastung. Daran ändern weder die immer strenger werdenden Grenzüberwachungen und Asylgesetze noch die Statistiken etwas, die beweisen, wie ungleich gerade bei ausländischen Arbeitskräften die Balance zwischen ihren Rechten und Pflichten ist. Auch hier mag gelten, was ich bereits über den Prozess der Entlastung erwähnt habe: Es ist dieser latente Grundverdacht, der unser schlechtes Gewissen gegenüber denen entlastet, die wir abseits stehen lassen.
Hinter allen Ängsten, allen Verdächtigungen und Gewissensproblemen lauert letztlich unsere Hilflosigkeit im Umgang mit Fremden? Wie umgehen mit ihnen?
Die zwei einfachsten Antworten darauf heißen: Isolation, also totale Ausgrenzung. Oder Assimilation, also totale Anpassung. Beides macht einen guten Teil der heutigen Realität aus, gerade im Umgang mit jenen Muslimen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – entschlossen haben, mit uns zu leben.
Wer heute aufmerksam durch unsere Städte geht, der entdeckt zunächst die Zeichen der totalen Isolation: Die Wohn-Ghettos, Freizeit-Ghettos, Religions-Ghettos – nur die Schulen und Arbeitsplätze sind unvermeidbare, immer riskante Andockplattformen an unsere Gesellschaft.
Diese Ausgrenzung widerspricht aller Logik. Denn wir brauchen angesichts unserer sinkenden Geburtenzahlen mehr und mehr Zuwanderer zur Aufrechterhaltung unserer sozialen Standards. Also Menschen, die nicht im Niemandsland zwischen zwei Fremden und keiner Heimat stehen, sondern bei uns bleiben. Wir werden nicht darum herumkommen, sie auch verstehen zu wollen.
Hier kommt die zweite Variante ins Spiel: die totale Anpassung – an unsere „Leitkultur“, an unseren „Wertekanon“ und unsere „Lebensart“. Wenn es denn schon sein muss, dann sollten „Fremde“ doch möglichst geräuschlos Teil der Mehrheit werden – unter Verzicht auf alles, was sie an kulturellem Kapital mitgebracht haben. Das schafft, so hoffen wir, bald Ruhe und nimmt uns Ängste. Aber es hat seinen Preis. Es vereinheitlich, nivelliert, vernichtet einen Schatz von Traditionen, verzichtet auf Erfahrungen, auf Talente und Kenntnisse – auch auf Sprachen und transnationale Netze.
Muss das so sein? Sind Alternativen denkbar? Zumindest theoretisch gibt es auch einen dritten Weg. Er heißt Einbindung, vertrauensbildender Dialog und faire Integration. Er setzt ein hohes Maß an gegenseitigem Respekt und Überwindung von Stereotypen voraus – auf beiden Seiten.
Dazu eine persönliche Bemerkung: Ich träume von einer kulturellen Vielfalt, halte aber wenig vom Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“. Er verfälscht, er macht Angst und er ist kein realistisches Ziel. Die Realität zeigt: Es gibt in Wahrheit gar keine Chancengleichheit verschiedener Kulturen. Nirgends. Dabei wird es auch bleiben – selbst dann, wenn Muslime ihre Gebete nicht mehr in Hinterhöfen verrichten und ihre Arbeit nicht mehr an den unattraktivsten Arbeitsplätzen erledigen müssen.
Mit der oft verwendeten Metapher von der „schönen Buntheit“, von der „Blumenwiese unterschiedlicher Kulturen“, werden wir die Klammer um so viele Herzen und die tief in uns eingebrannten historischen Prägungen nicht aufbrechen können. Schon das Sprichwort enthüllt die Grenzen: „Das wird mir jetzt zu bunt!“ sagen wir gerne – und oft nicht ohne Mischung aus Furcht und Aggression.
Ich bin deshalb auch der „Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich“ besonders dankbar, dass sie ihren Mitgliedern gegenüber immer wieder deutlich macht, dass ein friedliches Zusammenleben auch die Akzeptanz der geistes- und kulturgeschichtlichen Fundamente dieses Landes voraussetzt. Das allein grenzt die „Multikulturalität“ als Zukunftsperspektive deutlich ein, darf aber nie Vorwand zur Vernichtung von religiöser Vielfalt und kulturellem Reichtum sein.
Minderheiten sind immer und überall vom Assimilierungsdruck bedrängt, der kaum zu bezwingen ist. Wer unsere Telefonbücher durchblättert, würde wohl kulturell ganz anders geprägte Städte erwarten. Die Realität aber zeigt: Die Mehrheit siegt letztlich immer. Den ausländischen Minderheiten und Neubürgern aber ein gutes Stück mehr an kulturellem Freiraum zu bieten – und sie selbst entscheiden lassen, wie lange dieser Freiraum ihren Lebensrealitäten entspricht –, das müsste möglich sein.
Die großen Solidaritätsstudien von Prof. Paul Michael Zulehner sagen uns: Das Reservoir an Solidarität in Österreich ist gottlob gar nicht so klein. Aber es ist nur begrenzt erweiterbar.
Solidaritätszentren sind unsere Familien, von da aus gibt es konzentrische Kreise abnehmender Solidarität: die Freunde, die Vereine, die Gemeinde, das Land usw. Wen wir in diese inneren Kreise unserer Freunde, Vereine und der eigenen Gemeinde – und damit in die engere Solidargemeinschaft – einlassen, das hängt allein von uns ab. Hier wäre ein Hebel, der vieles verändern kann.
Spannend an diesen Studien ist auch: Je religiöser die Befragten sind, desto weiter hinaus reichen ihre Solidaritätskreise. Oder umgekehrt: Verdunstet der Glaube, dann verschwindet auch ein guter Teil an Solidarität – auch jenseits der Grenzen der eigenen Konfession und Religion.
Was sagt uns das? Zunächst einmal, dass die Hoffnung auf mehr Miteinander auch in unserem Land durchaus lebt – und dass dabei die gerade religiös geprägten Mitbürger die verlässlichsten Partner sein könnten. Stabile Brücken zwischen Religionen und Kulturen lassen sich, das hat schon der unvergessliche Kardinal König wiederholt festgehalten, nur von festen Ufern aus bauen.
Und noch etwas entnehmen wir Zulehners Studien: Dass die individuelle Einstellung der Österreicher zu Migration und Integration sehr von der persönlichen Biographie der Befragten und von der Haltung glaubwürdiger Gesprächspartner abhängt. Das heißt: Der Kampf um die „Lufthoheit“ über die Stammtische, Arbeitsplätze und alle anderen Lebensbereiche, in denen sich Meinungen bilden, ist nie endgültig verloren. Engagement macht Sinn. Viel hängt davon ab, ob wir zum Zuhören und – wo nötig – auch zum mutigen Widerspruch bereit und fähig sind.
Oft genug zeigt sich hinter bestimmten feindlichen Haltungen nur eine Gemengelage aus Frust, Ärger und Enttäuschung über ganz andere Lebensprobleme. Und noch öfter erweist sich, dass ein klarer Einspruch gegen eine gesellschaftliche Stimmung gar nicht so viel Mut braucht, wie wir annehmen. Dass dem, der das Anständige sagt, ziemlich rasch die Sympathien anderer zufließen.
Wo also liegen – im Sinne der heute angesprochenen „Visionen - mögliche Wege der Annäherung? Wir werden wohl noch jede Menge Vorschläge hören. Ich möchte nur ein paar Gedanken dazulegen – wissend, dass sie immer vom Verdacht der Naivität und vom Risiko des Scheiterns bedroht sind.
Ich meine, Annäherung beginnt zunächst und vor allem mit dem Entdecken, dass „sie“ - die Anderen - überhaupt da sind. Allein dieses Wahrnehmen ist ein gewaltiger Schritt.
Ein logischer zweiter Schritt wäre: Neugierde entwickeln – an Schicksalen von Menschen um uns, die uns sonst niemand erzählt. Der Markt erfordert, dass Medien vor allem das präsentieren, was gewünscht wird. Also nähren viele von ihnen die Fiktion, dass alles tatsächlich so ist, wie wir es vermuten. Ich meine deshalb: Jedes Gespräch mit denen, die da unter uns sind und die doch eine andere, ganz konkrete Welt in sich tragen, ist auch eine Entdeckungsreise.
Zum Weg der Annäherung gehört auch das Erkennen des eigenen Unwissens: Der Islam ist heute die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft in Österreich. Aber wir wissen so gut wie nichts von ihm – und dasselbe gilt wohl auch umgekehrt. Die Verantwortung dafür liegt auf beiden Seiten. Eine Mehrheit hat die Pflicht, sich um die Gedankenwelt der Minderheit zu kümmern. Aber auch der Totalrückzug einer Minderheit ist kein konstruktiver Beitrag zum Miteinander.
Ein nächster Schritt wäre das Infragestellen der etablierten Feindbilder. Keine Kultur- und Glaubenswelt – nicht das Christentum und sicher auch nicht der Islam - ist ein monolithischer Block. Keine entspricht jenen Zerrbildern und Schablonen, die wir – auf allen Seiten - in uns tragen. Um es ganz persönlich zu sagen: Mehr als 35 Jahre lang war ich immer wieder in der islamischen Welt unterwegs. Ich bin den Muslimen der Medien - „intolerant, sektiererisch, gewaltbereit“ - nicht begegnet. Vielmehr habe ich unzählige Menschen kennen gelernt, die ihren Glauben zunächst und vor allem als Aufruf zum Seelenfrieden verstanden haben – auch in schwierigsten Lebenslagen. Ich denke mir manchmal: Vielleicht ist es auch die Angst vor dem Verlust der Stereotypen, die uns vor mehr Miteinander zurückschrecken lässt.
Wahrscheinlich wird sich jetzt mancher und manche von Ihnen denken: Das klingt ja alles nicht so schlecht, aber die gelebte Praxis sieht doch ganz anders aus. Mag schon sein. Aber selbst dann bleiben noch immer drei Wege der Annäherung, die – wenn wir sie ernst nehmen - mit Garantie zum Ziel führen. Einfach deshalb, weil sie nicht auf die Mitwirkung von Anderen setzen, sondern nur mit uns selbst zu tun haben:
- Der erste wäre der Vorsatz, uns gelegentlich auch in die Lage, die Ängste und Hilflosigkeiten des Anderen, des „Fremden“ hineinzuversetzen. Die Erfahrung zeigt, wie wirkungsvoll das ist.
- Der zweite Weg führt über die die kleine, respektvolle Alltagsgeste: Ein Blick, ein Wort, ein Gruß, ein Angebot zur Hilfsbereitschaft. Auf der Straße, im Kaufhaus, bei Behörden. …
- Der dritte ist der schwierigste, aber er ist unausweichlich: Es ist der immer neue Versuch, das Anderssein als Wert zu akzeptieren.
Eigentlich müsste es gerade für uns, noch immer christlich Geprägte, gar nicht so schwer sein, den Weg zum Miteinander zu finden. Denn der Christ sieht ja auch im Anderen ein Ebenbild Gottes. Das ist eine Vision und ein Bekenntnis, das von keiner anderen Ideologie jemals eingeholt werden kann. Es bedeutet letztlich, dass niemand mehr ein unterschiedliches Maß für Menschen verschiedener Herkunft festsetzen darf: ich Übermensch, Du Untermensch. Die Würde des Anderen hängt also nicht mehr von irdischen Beurteilungen ab, sondern nur davon, dass auch er von einem Höheren ins Dasein gerufen wurde.
Christen müssten deshalb überall dort aufstehen, wo eine Gesellschaft anfängt, am Maß des Anderen, an seinem Wert und seiner Würde herumzuspielen. Und sie müssten überall dort die Ärmel aufkrempeln, wo Menschen von den Rändern des Lebens und der Gesellschaft – auch von den Rändern unserer Ortschaften - in die Mitte geholt werden müssen.
In einer Wiener U-Bahn-Station war kürzlich wieder der Satz zu lesen: „Dein Christus ein Jude, Dein Auto ein Japaner, Deine Pizza italienisch, Deine Demokratie griechisch, dein Kaffe brasilianisch, Dein Lieblingsstar amerikanisch, Deine Zahlen arabisch, Deine Schrift lateinisch, Dein Urlaubsziel türkisch, spanisch, siamesisch. Und Dein Nachbar? Nur er ein Fremder?“
Verehrte Zuhörer,
ich bin überzeugt davon, dass Weltgeschichte – auch die Entscheidung über das Zusammenleben der Religionen und Kulturen - nicht irgendwo fernab von uns stattfindet. Dass es nicht anonyme Mächte sind, die Geschichte prägen. Nein, jeder von uns ist Teil dessen, was schon morgen Geschichte sein wird. Also ist es nicht gleichgültig, wie wir - jeder von uns - mit dieser Verantwortung umgehen.
Überall fallen kleine Alltags-Entscheidungen – für ein Miteinander, für ein Nebeneinander oder Gegeneinander. Diese Entscheidungen fällen wir – im Reden und im Handeln. Allen, die ständig von der Zwangsläufigkeit eines „Kriegs der Zivilisationen“ reden, halte ich entgegen: Nichts, gar nichts ist zwangsläufig. Die Zukunft ist immer offen. Nur Untätigkeit nimmt uns die Möglichkeit einer Lösung aus der Hand!
Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit!
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