Im Willkommturm

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    Re: Im Willkommturm

    Albis Otison - 08.09.2007, 18:49

    Im Willkommturm
    Aus dem alten Forum:

    vanWal

    17.06.2007 23:02: Im Willkommturm


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    Fort von Derduwâth
    Die Delegation des Baerensteiner Ordens begleitete die hochwerten Versammlungsmitglieder Albis Otison, Mattis Godeland und Jannis van Wal nach Trutzhaven. Auch der unentwegte Minstrel Rabaldus hatte sich der Gruppe angeschlossen, hatte es sich doch in einem Gespräch mit dem Hauptkontor geklärt, dass keine der widerstreitenden Parteien, weder der Sänger der Stadt, noch die Stadt dem Sänger, einander etwas Böses wollten und alles ein großes Missverständnis gewesen war.

    Der vertrauensvolle Barde
    Van Wal selbst hatte dem Rabaldus ein Podest auf dem zentralen Marktplatz Trutzhavens, direkt zu Füßen der Zitadelle versprochen, von dem herab der Barde sein lobpreisendes Lied zu Gehör bringen sollte, und Rabaldus freute sich augenscheinlich sehr über diese Gelegenheit. Zumal das Fest in Trutzhaven anstand, mit dem die Bürger das Vergehen des Winters und das Auslaufen der Flotte feierten: Das „Fassrollfest“! Und wo und wann wäre ein Barde wohl besser aufgehoben, als zur Zeit dieser Jubeltage in den Mauern der Seehandelsstadt, wo das Gejauchze der Feiernden einen Tag und eine Nacht lang alle Straßen durchklang.

    „Mein Freund Rabaldus“
    Oft genug entstieg der Hauptkontor im Verlauf der Reise der Kutsche und schritt, Scherzworte austeilend, zwischen den Baerensteinern einher, wieder und wieder wandte er sich auch an Rabaldus und die beiden versanken in angeregte, von häufigem gemeinschaftlichen Lachen unterbrochene Gespräche über Musik und Liedgut. Ab und an verfielen sie sogar in eine, den baerensteiner Ohren unbekannte Mundart, in der sie sich anscheinend beide gut verstanden. In jeder Kaschemme, in die die Gruppe auf dem weiten Weg einkehrte, nötigte der Hauptkontor den Barden, Beispiele seiner Sangeskunst zum Besten zu geben, fiel immer als erster in den Refrain mit ein, schunkelte mit den Bauern, legte mit den Schankmaiden schwungvolle Ländler auf's Parkett und ging abschließlich der jeweiligen Sangesstücke sogar noch mit seinem großen Hut herum, wobei er ausgelassen brüllte:
    „Mein Freund Rabaldus zahlt heute nicht!“
    Albis Otison und Mattis Godeland tauschten ein- ums anderemal vielsagende Blicke.

    Die Nachtfähre
    Als die Reisenden die Seemark durchquert und die Stadt auf der Insel im Delta des Valon in Sicht kam, war es finsterste Nacht, doch tausende Feuer, die hinter den Mauern brannten, tauschten den Nachthimmel in heimeliges Rubinrot und der sachte Wind trug Gelächter und Fetzen von Sang und Spiel aus Trutzhaven hinüber. Der Hauptkontor trat ans Ufer und brüllte in die Dunkelheit „Fährmann, hol över!“
    „Wo eens säh dat?“, kam es aus der Finsternis zurück.
    „De Kanzler säh dat!“, erwiederte van Wal.
    Erneut schallte es aus Richtung der Insel: „Un wenn de Koning över't woder kummt?“
    Van Wal schlug Rabaldus lachend auf die Schulter und bedeutete ihm, zu antworten:
    „Dann wer'n we em hangen sehn!“, klang der Tenor des Barden über die Wellen und aus der Dunkelheit löste sich ein flachkieliges Schiff: Die Nachtfähre - die einzige Möglichkeit nach Trutzhaven überzusetzen, wenn die Sonne hinter der Kimm verschwunden war.

    Zollangelegenheiten
    Die Torflügel des zwölf Schritt hohen, reichverzierten Tores waren verschlossen, aber an den Manntüren herrschte großes, ausgelassenes Gedränge. Feiernde schunkelten aus der Stadt heraus, und wenn sie ihre Geschäfte und Stelldicheins am Ufer des Deltas erledigt hatten, drängten sie wieder hinein. Die Kontore und Büttel hatten ihre liebe Not, aber als man der drei Ratsherren und ihrer Begleitung ansichtig wurde, teilte sich die Menge, wie der Haischwarm vor dem Oktopoden. Plaudernd und erklärend führten die Trutzhavener ihre Baerensteiner Gäste in die Stadt. Als letzter war der Barde von der Fähre geklettert und hatte seine liebe Mühe aufzuschließen. Gerade als er dem letzten Baerensteiner durch die Manntür folgen wollte, stellten sich ihm zwei Kontore in den Weg, die ihn unter ihren breitkrempigen Hüten fixierten:“Moment, Kerl! Was trägst du uns in die Stadt?“, fauchte einer und nickte grimmig in Richtung von Rabaldus' Laute: „Ein viersehniger Bogen, hm? Sowas ist verboten, mitkommen!“ Rabaldus sah noch den fröhlich wippenden Hut des Hauptkontors und die blitzenden Rüstungen der Baerensteiner in der Menge verschwinden, da verspürte er einen Schlag im Nacken und ihm wurde schwarz vor Augen.

    Begrüßung im Willkommturm
    Es war das Geschrei der Möwen und das Tosen der Brandung, was Rabaldus weckte, doch der Anblick der spektakulären Tafel, die da inmitten der steinernen Zelle stand, war es, was ihn auf die Beine kommen ließ. Im Licht der Morgensonne, das durch das schmale Fenster in der Höhe in den kaum zehn Schritt langen und zehn Schritt breiten Raum hineinfiel, stand ein Frühstück, wie es auch Freija selbst nicht prächtiger und reichhaltiger erwarten könnte.
    Gebratenes gruppierte sich um Gesottenes und Gestampftes, Gebackenes duftete mit Gekeltertem um die Wette und Früchte aus aller Herren Länder ließen die Tafel, die doch nur ein großer aber grober Tisch war, in allen Farben des Regenbogens schimmern. Rabaldus taumelte näher, denn der gestrige Schlag ging ihm noch auf's Gleichgewicht. Da hörte er aus Richtung der mittig stehenden Säule, an der schwere Ketten, Hals-, Hand- und Fußfesseln hingen, die Stimme des Hauptkontors:
    “Rabaldus, Rabaldus. Du machst mir große Schwierigkeiten.“
    Die blassen Skriptorenfinger van Wals tasteten interessiert an den schweren Ketten, dann wandte er sich zu Rabaldus um und ging einige Schritte auf die Tafel zu:
    “Wie ich sehe, hast du gute Versorgung, darf ich dir zum Frühstück Gesellschaft leisten?“

    Der Barde und der Ratsherr
    Rabaldus hatte sich zu rasch umgedreht. Zwinkernd versuchte er, die beiden tanzenden Bilder vor seinen Augen wieder zu vereinen. Dann wollte er etwas sagen, aber es kam nur ein mühseliges Gekrächze aus seinem Mund. Mit viel Mühe rasselte er schließlich: "Gott der Zaunkönige, lehre mich, nie wieder einem ehrbaren Mann zu vertrauen... " Neues Husten brach seine Rede ab. Rabaldus schloß die Augen und schluckte ein paarmal, die einstudierte Übung eines Menschen, der von seiner Stimme lebte. Dann brachte er, schon klarer, heraus:" Was wird denn das hier für ein Spiel, Hauptkontor?"
    Van Wal griff nach einem Stück dampfenden Backwerks, aber die Hand des Hauptkontors verharrte über der Tafel und ein spitzer Finger wies auf Rabaldus: "Verwechsle nicht Haltung mit Frechheit, Rabaldus", mahnte van Wal grimmig: "Ich weiss, dass Dir eine gute Mahlzeit viel wert ist, derer Dreie sollst Du pro Tag von mir haben. Ich weiss aber auch, dass Dir ein selbstbestimmtes Leben noch wichtiger ist, und das erhältst Du nach Beendigung unseres Gespräches ... einem Ende, das mich zufriedenstellt, versteht sich."
    Der Hauptkontor biss herzhaft in die Teigware: "Und es wird Dir einsichtig sein, dass die Frist kürzer wird, wenn ich hier die Fragen stelle."
    Prüfend hob der Hauptkontor ein kariertes Tuch von einem irdenen Krug, der augenscheinlich Milch enthielt. "Also, Rabaldus, weisst Du wo Du hier bist?"

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    vanWal

    20.06.2007 18:15: RE: Im Willkommturm


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    "...der Platz, den das Schicksal uns zugewiesen hat."

    "In Euren Fängen, Hauptkontor..." Rabaldus schielte sehnsüchtig nach der Milch, seine spröden Lippen zuckten. Aber dann fiel sein Blick wieder auf die Ketten an der Mittelsäule, und irgendwie änderte er leicht seine Haltung. Der struppige Bart, seine gedrungene Figur, in dem nur mäßig erleuchteten Gewölbe wirkte er auf den Trutzhavener Kaufherren miteinemmal fast wie ein Zwerg. Es gab ja Gerüchte über seine Mutter... wenn es tatsächlich zwergisches Blut in Rabaldus' Adern gab, so hatte es van Wal gerade kräftig aufgerührt. "In Euren Fängen..." wiederholte der Minstrel. "...und das zählt allein!"
    Van Wal fischte sich einen Becher zwischen dem Stapel Backwaren hervor und schenkte sich aus dem Milchkrug ein: "Du beweist doch sonst einen so wachen Verstand, Rabaldus. Weisst Du denn nicht, dass ich nur ein Beamter der Stadt bin und dies eine hoheitliche Maßnahme? Dies ist kein valarisches Fürstentum, in dem eine Festsetzung auf fürstlichen Geheiss geschieht. Die Stadt, Rabaldus...", van Wal setzte den Becher an: "...es ist die Stadt, in deren ... wie sagtest du ... Fängen, in deren Fängen Du bist, auf die Mauern!"
    Der Hauptkontor spülte den süßen Teig mit einigen beherzten Schlucken hinab. Über den Becherrand hinweg beobachtete er den Barden, und sann über Zwerge nach. Zwerge hatten geholfen die Grundfesten dieser Stadt zu erbauen, war es nicht so? Ging nicht ein Teil des Reichtums Trutzhavens und seiner eigenen Sippe insbesondere auf alte Abkommen mit den Steinmeistern zurück. Der Hauptkontor räusperte sich einige Milchbläschen aus der Kehle: "...ähemm... Du wurdest gesucht, das wusstest du, da du flohst, wie wir in Erfahrung brachten. Weisst du auch warum wir dich suchten, Rabaldus?"
    " 'Facta, non verba' sagt... Sigmar, Hauptkontor. 'Taten statt Worte!' Ich... hatte damals nicht nach den Worten gelauscht, sondern auf die geballten Fäuste, die Stricke und die Knüppel... Eurer übereifrigen Leute am Fluß geachtet. Nach unserem... Gespräch in Minas... Tyrcrist dachte ich, ich würde verstehen, warum Ihr mich suchtet. Aber... vor dem Schlag... auf den Kopf, den mir die Büttel am Tor verpaßt... haben, verblaßt alle Rede von Euch und alle Freundschaft, die Ihr mir auf dem Weg von Derduwath hierher bekundet habt."

    Rabaldus gab es auf, eine körperliche Stärke zu demonstrieren, die er nicht besaß, und setzte sich auf die Kante seiner Pritsche. Immer noch zwinkerte und kniff er die Augen zusammen. Doch stockend redete er weiter, und mit jedem Wort wurde seine Sprache wieder klarer:
    "...für Eure Worte über meinen Verstand danke ich Euch. Hauptkon...tor. Aber ich benutze ihn auch. Trutzhaven, das ist nicht... irgendeine Idee oder eine abstrakte Körperschaft, die Hoheit ausübt. Genausowenig, wie Valariot oder die Sigmarskirche. Trutzhaven, das ist ein Haufen Leute, genau wie jede andere Stadt, jede Provinz oder jedes Reich. Leute, die denken, und die... froh sind, wenn jemand anders für sie mitdenkt, weil sie sich dann nicht anstrengen müssen, und wenn der Jemand Mist baut, können sie...dem die Schuld dafür... geben. Schön, wenn es Regeln... zum Mistbauen gibt. Aber irgendjemand ist trotzdem da, der denkt und handelt, Fürst hin, Beamten her. Und in keiner Regel stand, 'lullt Rabaldus ein und haut ihm dann eins über den Schädel!' "

    Nun suchte Rabaldus des Hauptkontors Blick. Zeichnete sich dort nicht wieder Unmut über seine Worte ab? Für einen Moment schwankte der Sänger. Herr van Wal, der mächtige Beamte der mächtigen Stadt. Souverän wie im Kreise seiner Kapitäne, völlig Herr der Lage, trotz der finsteren Umgebung scheinbar mehr an der Zusammenstellung seines Frühstückes interessiert. Rabaldus? Nebensache. Eine unwichtige Kleinigkeit. Aber trotz allem behielt der Handelsherr ihn genau im Auge.
    So fühlte sich wohl ein Zaunkönig, wenn die Katze ihn in den Pfoten hielt und überlegte, ob sie ihn gleich verspeisen oder erst noch ein wenig herumflattern lassen sollte... Rabaldus lehnte sich zurück und schloß die Augen, im Rücken die kalte Mauer. Bleich und elend, abgerissen und würdelos. Aber in der Stimme war nun die gleiche kalte Wucht, mit der er dem Verräter Sir Vigor Lagonn ins Gesicht gesungen hatte, was er von ihm hielt.

    "Also, erklärt mir, warum ich hierbin, Hauptkontor. Vielleicht werde ich Euch glauben. Aber den Fehler habe ich schon einmal gemacht. - Ich spüre euren Unwillen. Aber seid versichert: ich verwechsele Haltung nicht mit Frechheit. Ihr habt es selbst gesagt, von diesem Gespräch hängt meine weitere Zukunft ab. Also werde ich jedes Wort von Euch auf die Goldwaage legen!"

    Der Hauptkontor stellte den Becher entnervend langsam auf der reichdedeckten Tafel ab: "Ein Mann mag eine Schurke oder von aufrechtem Geist sein. Eine Menge jedoch ist immer ein, von den niedersten Instinkten getriebener Mob, wenn es keine Idee gibt, die sie zusammenhält."
    Van Wal sah sich auf dem Tisch nach einem weiteren Sinnesgenuss um, immer den Barden im Augenwinkel behaltend: "Diese Stadt ist eine solche Idee. Sie kann und wird nur in Gemeinschaft und Einmütigkeit sein, oder sie wird nicht sein."
    Er entdeckte einen Haufen gegrillter Sprotten und nahm eine mit spitzen Fingern auf.
    "Alleine, Rabaldus, sind wir kleine Fische, ohne den Schutz des Schwarms ... Opfer größerer Fische.", lächelte der Hauptkontor wieder dieses Lächeln, das die Augen nicht erreichte und biss genussvoll in die goldglänzende Sprotte: "Unsere unterschiedlichen Einstellungen dazu sind wohl in der Position begründet, die uns das Schicksal zugewiesen hat.

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    Editiert am 20.06.2007 18:19:29 von vanWal

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    vanWal

    08.07.2007 15:31: RE: Im Willkommturm


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    Der junge Minstrel zog in den Krieg...

    Der Hauptkontor führte die Sprotte dem Schicksal aller kleinen Fische zu umd tauchte die Hand in ein silbernes Schüsselchen, das zur Reinigung der Finger auf dem Tisch bereitstand: "Also, Zaunkönig, Dir wird so einiges vorgeworfen, gehörnte Ehemänner und geprellte Wirte pflastern Deinen Weg. Viel üble Nachrede hat man zu ertragen, nicht wahr? Aber Du bist hier, weil Du versucht hast einen ... wie hieß es ... mehrsehnigen Bogen, eine gefährliche Waffe in unsere Mauern zu schmuggeln. Was hast Du zu diesem Kasus zu sagen?"
    "Zu viel der Ehre. Als großer Jäger im Schürzenwald habe ich nun wirklich keinen Ruhm..." grinste Rabaldus müde. "Aber können wir diesen vorgeschobenen Mist nicht einfach vergessen, Hauptkontor, und zur Sache kommen?"

    Der Gefangene rieb sich den Hinterkopf. Er würde noch eine ganze Weile an diesem Schlag zu knacken haben. Übel war ihm auch. "Wenn Ihr meine Zunge als Waffe hättet deklarieren lassen und mir einen Maulkorb umgeschnallt hättet, das hätte ich ja noch als Allegorie verstanden: Die Idee Trutzhaven duldet keine auswärtigen Gedanken in ihren Mauern! Aber meine Cister... wie poesielos! Im Übrigen hatte ich ein Schwert und einen Langbogen bei mir."

    Van Wal tastete nach einem Krug, der mit einem Stück gelben Leinens abgedeckt war. Langsam aber sicher brachte dieser renitente Minstrel ihn zum Grübeln. Wenn es nicht die wortreiche Hervorhebung der offensichtlichen Vorzüge des Barden war, welche dieses verstockte Herz aufschliessen konnte, wäre vielleicht ein Lob dessen eingebildeter Vorzüge der Weg? Wieder und wieder erwischte der Hauptkontor sich in letzter Zeit bei dem Gedanken 'Was würde der Kanzler tun?', wahrscheinlich eine Folge der aufreibenden Alpträume, die ihn in den letzten Monaten allnächtlich heimsuchten, durch die das blasse Gesicht des Triatore schwebte und zynische Kapriolen zu dem spöttischen Gezwitscher eines Zaunkönigs ausführte. Zum ersten Mal wandte der Hauptkontor den Blick vom Barden ab, besah die goldene Krone des guten trutzhavener Bieres in dem Krug und seufzte:

    "Das würde Dir gefallen, hm? Dass wir deine Zunge als Waffe deklarieren und irgendetwas Hinrissiges von Dir verlangten. Ein wunderbares Sujet für eine Schelmenballade über den gerissenen Rabaldus, der mit Frechheit und Zunge aus den Mauern Trutzhavens entkam und die bornierten Pfeffersäcke dumm dastehen ließ. Ein großer Erfolg sicherlich in den Tavernen von Halvor bis Ehredon.", murmelte van Wal mehr zu sich, als in Richtung Rabaldus'.

    Nun schien sich der Minstrel an etwas zu erinnern. Zum ersten Mal wirkte er richtig beunruhigt. "Nebenbei hoffe ich doch, Ihr habt meine Sachen gut verwahren lassen! Vor allem das Schwert!"

    Jannis van Wal, auf der Tafel sitzend, erschien blass und ausgezehrt und trotz seiner stattlichen Körpergröße mehr wie ein jugendlicher Aufwarter, denn wie ein gestandener trutzhavener Kaufmann. Schwermütige Gedanken schienen, gleich Sturmeswolken, vor seinen meergrünen Augen vorbeizuziehen und er schwieg eine Weile, bis er beherzt nach einem weiteren Becher griff und den Krug anhob.
    "Deine Gemmen und Das Geschmeide wurden in die Glanzgasse zu den Steinschneidern verbracht um sie auf magische Wirksamkeit und Giftdepots zu untersuchen. Deine kriegerisches Spielzeug ist im Zollverschlag des Zeughauses eingelagert. Alles als 'persönliche Effekte' deklariert, versteht sich. Dein Schriftgut liegt in einer Ablage auf meinem eigenen Schreibtisch zur Sichtung."

    Was hatte der Barde nur mit seinem Schwert, dessen Schicksal schien ihm nahezugehen. Van Wal schenkte sich betont langsam, um Bedenkzeit zu gewinnen, einen halben Becher voll Bier und stellte den Krug wieder ab. Gab es da nicht ein altes Lied 'Der junge Minstrel zog in den Krieg, seines Vaters Schwert an der Seite...'? War es ihm immer noch nicht gelungen, Rabaldus zu vermitteln, was er von ihm wollte? Musste er noch klarer werden?
    "Es ist dieses Instrument, Rabaldus, mit dem Du Pfeile auf unsere Stadt geschossen hast. Unsere Herzen hast Du getroffen. Die Frage ist, ob diesem Angriff lediglich eine dumme Eitelkeit zugrundeliegt, oder etwas anderes." Van Wal nahm den Barden auf der Pritsche wieder in Augenschein und hob den Becher zum Mund, murmelnd: "Beantworte diese Frage zu meiner Zufriedenheit, oder ich werde Deine Cister befragen."



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    Editiert am 08.07.2007 15:36:05 von vanWal

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    vanWal

    10.07.2007 22:52: RE: Im Willkommturm


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    Nur ein mittelmäßiger Spielmann

    "Dumme Eitelkeit? Ihr habt mit mir schon einmal darüber gestritten. Ihr habt mir schon damals nicht geglaubt. Jetzt habt Ihr mir eine ganze lange Reise lang den Bierkrug gefüllt und Sand in die Augen gestreut. Gut, ich habe nicht gemerkt, daß Ihr mir Einvernehmen, Aussöhnung und Verstehen vorgeheuchelt habt. Aber ich habe sehr wohl gemerkt, daß Ihr mich die ganze Zeit beobachtet habt, während Ihr so tatet, als ob Ihr ebenfalls den Bierkrug leertet, Hauptkontor. Und trotzdem glaubt Ihr immer noch, daß ich mit diesem einen Lied Ruhm auf Eure Kosten zu gewinnen hoffte?"
    Verständnislos schaute Rabaldus sein Gegenüber an: "Verlernt man beim Handel tatsächlich, einen ehrlichen Mann zu durchschauen? Was wollt Ihr denn noch hören, was ich Euch nicht schon erklärt habe! Nein, ich will Trutzhaven nicht schaden! Nein, ich will die Kaufmannszunft nicht lächerlich machen! Nein, ich führe keinen Krieg der Worte gegen Euch! Ich bin nur ein kleiner, wandernder Sänger, der in Ruhe seine Lieder klimpern möchte, mein Ruf als Ranaldsjünger, der mir allmählich vorausgeht und auf den ich wirklich gern verzichten würde, den habe ich allein der mächtigen Stadt Trutzhaven zu verdanken, Euren Schergen, die auf dem ganzen Fluß den Ruf nach Rabaldus in Ketten ertönen ließen, und mich im ganzen Reich umhergescheucht haben, als wenn sie eine Armee von Spielleuten jagen - Moment mal..."

    Jannis van Wal konnte man im Gesicht ablesen, daß dies nicht die Antwort war, die ihn zufriedenstellen würde. Aber Rabaldus achtete nicht darauf. Langsam schien ihm etwas zu dämmern. Er konnte es kaum glauben...
    "Eitelkeit - oder etwas anderes...", prüfend sah der Minstrel dem Kaufherren ins Gesicht: "Jannis van Wal, sagt mir nicht, Ihr habt soviel Angst vor einem Lied von mir! Die Seemärker Flußschiffer machen Eure Leute doch seit Menschengedenken am ganzen Valon entlang madig mit dem 'Trutzhavener Tweemaster'! Und Ihr müßt doch begriffen haben, daß ich nur ein mittelmäßiger Spielmann bin, der soviel Schiß vor seiner eigenen Courage hat, daß er kaum den Mund aufmachen mag vor seinem Publikum! Sprecht es doch endlich mal aus und verschanzt Euch nicht wieder hinterm Gleichnis von der Sprotte! Wovor in Sigmars Namen habt Ihr nur solche Angst?

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    vanWal

    10.07.2007 23:02: RE: Im Willkommturm


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    Facta, non verba!

    Für die Dauer von Rabaldus' Zornesausbruch, hatte Jannis van Wal langsam und genüßlich aus seinem Becher getrunken. Als er schließlich absetzte, wirkte er wieder gefasst und sogar etwas zufrieden. "Facta, non verba! Hm? Aber Deine Verba sind doch Facta, das ist doch gerade das Privileg der Barden."

    Der Hauptkontor rammte den leeren Becher mit solcher Wucht auf den Tisch, dass es knallend durch das Gewölbe hallte: "Das wohnt in Dir, mittelmäßig couragierter Zaunkönig, das Bestreben alle Welt belehren zu müssen. Der Kaufmann, -diese Lehre gebe ich Dir im Gegenzug- der sich auf seine Menschenkenntnis verlässt, kommt bald auf den Bauchladen. Und wenn Deine Menschenkenntnis Dich an meiner Sympathie für Dich zweifeln lässt, ist es mit der Deinen auch nicht weit her."

    Van Wal setzte sich in Richtung Tür in Bewegung nahm den Hut ab, richtete sich die Haare: "Es ist ein Unterschied, ob ein Lied von neidgelben Seemarkern gesungen wird, oder im Feldliederbuch des valarischen Soldaten steht."

    Er setzte den Hut wieder auf und fasste nach der Türklinke: "Warum vermissen wir in diesem Buch nur so beliebte Melodeien wie 'Fünf Beine hat Herr Androns Pferd-o, nur viere reichen bis zur Erd-o' ... oder 'Sir Wismerhill hat nur ein Ohr ... fallerdi fallerdeeri-o'? Seltsam? Ja! Zufall...?", an der Tür wandte sich van Wal ein letztes mal um: "...ich glaube kaum! Iss auf, Rabaldus, die nächste Mahlzeit wird in drei Stunden aufgetragen."

    Mit einem trockenen Knallen, das entweder sehr viel die vergnügliche Aufgeräumtheit des Hauptkontors, oder aber über seinen Zorn verriet, fiel die schwere Tür ins Schloss.

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    Editiert am 10.07.2007 23:24:13 von vanWal

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    vanWal

    12.07.2007 09:41: RE: Im Willkommturm


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    "...verstei'st mi, Rabaukus?"

    Zwei Monate. Das sind sechzig kleine Striche auf der Wand. Sechzig Wanderungen (ach, so langsam!) eines hellen Sonnenflecks über die Steinplatten des Bodens. Einhundertundachzig opulente Menues, angerichtet für einen einzelnen Mann. Eintausendvierhundertundvierzig zähe Stunden, durchwacht und durchdämmert in Zorn, Furcht, Trauer und schließlich Resignation.

    Das Kredenzen der reichhaltigen Menues hatte Rabaldus -in Person der Wachbüttel- zwar in Kontakt mit Menschen gebracht, aber ein Gespräch ergab sich daraus leider nicht. Dreimal am Tag waren vier Gerüstete in den Kerker gestürmt, hatten den Minstrel mit drohenden Halmberten auf seine Pritsche getrieben und den Tisch besorgt. Die Trutzhavener hatten sich Linnen und Papier in die Ohren gestopft und jeweils übermäßig laut gebrüllt:
    "Min Fudder wer Smut op de 'Sir Richard'. Veerunveertich Johr. Alldag klarierte er sin Keuk bis in de Eck'n mit Schuurtüch bis si'n Fingers bleut hett."
    ... oder:
    "Min Broder we'r Kaptein, all Dag harr hej dree Mol den Dag Rum an si'n Lüüd geven, betolt ut de ig'n Tasch, so leevt sick dat up'n trutzhobisch Schipp, hest mi hört, Rabaukus?"
    ...oder:
    "Min Sünn is Fuhrknacht op de seemarker Stroot'n. Sej speien sin Wog'n an, wenn hej dor dörchkümmt, Rabaukus, wenn de Hauptkontor di nich so gern hett ... vun mi wörd'st just sonne Bescheeten kreegen, as du so gern dröber sing'n deist!"

    Zu Anfang ist der Zaunkönig noch aufgeregt durch seinen Käfig geflattert, bei jedem Geräusch hoffnungsvoll aufgeschreckt. Dann hat er trotzig den Kopf in den Nacken gelegt und seine Lieder geschmettert, von Sonne, Bäumen, der Straße und den fernen Bergen, Liebschaften und Freunden, ja selbst der weindunklen See gesungen. Schließlich hat er nur noch stille Gebete gesprochen: Er hat Sigmar um Kraft angefleht, Shallya um Mitleid. Er hat Ranald um Hilfe beim Entkommen und Beistand gegen die Pfeffersäcke gebeten, Verena um Gerechtigkeit, Beistand gegen die Tyrannei und ein Einsehen der Tyrannen. Moraddin und die Ahnen Unter dem Berg hat er um Standhaftigkeit gebeten, die Laren und Penaten seiner Mutter um Fürsprache angefleht. Er hat sogar zu Morr um Erlösung gebeten in den schwärzesten Stunden der Nacht.

    Schließlich hat der Zaunkönig keine Worte mehr. - Nach nur zwei Monaten? Wo andere jahrelang im Kerker vermoderten und gefestigt blieben? Bald haben ihn die zornigen Ausrufe der Wachbüttel bis in seine Träume verfolgt: "Versteihst mi, Rabaukus ... ick würd di ... min Broder wer' ... min Moder wer' ..." Der Hauptkontor hat ihm anscheindend jeden Mann handverlesen vor die Zelle gesetzt, dessen Familie jemals unter seinen Liedern gelitten hatte. Moment! Es war ja gar nicht sein Lied gewesen. Er hatte es ja nur aufgeschrieben! Nur verbreitet! Und überhaupt - ihren schlechten Ruf hat sich die Stadt doch selbst zuzuschreiben! - Oder? Ist er wirklich daran schuld? Kann es sein, daß er Trutzhaven wirklich so viel Schaden zuugefügt hat?
    Nagende Zweifel fressen ihn auf.


    Krank!

    Zwischendurch ist Rabaldus auch noch krank geworden. Blaß und abgehärmt lag er auf seiner Pritsche. Er hatte sie sich durch den Raum gezerrt, bis er im Liegen durch das kleine Fenster schauen konnte. Dort lag er still und hoffte auf ein Ende der Schmerzen in seinen Eingeweiden.Es stank grauenhaft nach Durchfall in dem Verlies, längst konnte der Eimer das Unaussprechliche nicht mehr fassen. Wie zum Hohn bog sich der Tisch immer noch dreimal am Tag vor Köstlichkeiten, mit denen man im fernen Orkenwall eine Flüchtlingsfamilie eine Woche lang durchfüttern könnte. Schmeißfliegen rundeten das Bild ab. Seitdem träumt Rabaldus, Maden und Würmer würden aus seinen Eingeweiden durch die verwesende Haut stoßen. Doch der erlösende Tod bliebe ihm verwehrt. Wäre ein Sigmarspriester da, er würde entsetzt den Namen des Großen Verpesters flüstern und den ganzen Raum mit Feuer reinigen.
    Am dritten Tag seines magenzerfetzenden Martyriums sprang die Tür auf, und eine Frau mit brandroten Gefränsel an der züchtigen Haube stürmte herein. Die Trutzhavener Seeschere! Schwach versuchte Rabaldus ein Grußwort, doch die energische Frau schnitt ihm das Wort ab:
    "Brauchst nichts zu sagen, Bernhard, ich habe mir zwar nicht Kram in die Ohren gesteckt, wie diese abergläubischen Trottel, aber ich weiss auch so, was los ist. Aufstehen, zack zack!"
    Im Verlauf der folgenden Untersuchung piekste Mathilde Daubenbüchel ihm mindestens hundertmal unangenehm fest in den Bauch, befahl ihm einen Haufen Kniebeugen und mahnte ihn an frische Luft und gesunde Ernährung. Dann rief sie in Richtung Tür:
    "Bringt mir drei Fässer handwarme Salzlake und zwar zack zack. Und redet Euch nicht auf Eure Bardenzauber-Sicherheits-Ohrstopfen hinaus, ich weiss, dass ihr mich hört." Dann schälte sie aus ihrer mitgebrachten schwarzen Ledertasche eine unterarmgroße, blecherne Tülle heraus und wandte sich wieder Rabaldus zu: "So, mein Kleener...!"
    Was in den folgenden Stunden passierte, darüber konnte Rabaldus später nie zusammenhängende Aussagen treffen.
    Die Ruhr jedenfalls, die kam nie mehr zurück. Die Träume von den Maden blieben.

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    Editiert am 12.07.2007 13:43:15 von vanWal

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    vanWal

    13.07.2007 11:24: RE: Im Willkommturm


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    Beschränkter Horizont

    Eines Sommertages, die Möven schrien sich ihre Flüche zu und die Wellen schwappten an den Turm, erwachte der Minstrel durch das Geräusch der sich öffnenden Zellentür. In Erwartung der üblichen Beschimpfungen drehte er sich zur Wand, krümmte sich zusammen und legte sich die Hände über die Ohren.
    "Dreh Dich um und sieh mich an, Rabaldus", summte die Stimme des Hauptkontors: "Bald verlässt Du diese gastlichen Mauern und darfst hinausflattern. Ich verstehe, dass Du es kaum erwarten kannst, würde es aber als höfliche Geste deinerseits auffassen, wenn Du mir vorher alles über die Kanzlei von Caldor erzählst, was Du weißt."

    "Ach Hauptkontor..." klagte sein dicklicher Logiergast, während er sich ohne viel Hoffnung van Wal zuwandte. "Inzwischen habe ich meine Lektion gelernt. Ich soll mich auf die Freiheit freuen, aber in Wirklichkeit meint Ihr wohl, daß ich jetzt eine Voliere in Eurem Garten beziehen darf!" Immerhin machte er sich die Mühe, aufzustehen, zum Wassereimer hinüberzugehen und sich das Gesicht zu waschen.

    Jannis van Wal wirkte aufgeräumt und hatte die ungesunde Blässe, die sein Antlitz vor zwei Monaten noch prägte, verloren. Im Gegensatz zum Minstrel schien der Hauptkontor nahezu aufgeblüht zu sein. Er sah sich mit vergnügten Augen auf dem reichgedeckten Tisch um und lüpfte das Leintuch, das einen dampfenden Grieskuchen verbarg: "So Du Dir immer noch die Freiheit nimmst, Dich in Vermutungen zu ergehen und aus der Farbe der Segel, die Deinen beschränkten Horizont besäumen auch noch die falschen Schlüsse ziehst, hast Du noch nicht viel gelernt, mein Freund Rabaldus."
    Er griff sich ein tönernes Schüsselchen und langte mit einem hölzernen Löffel ordentlich in den duftenden Gries: "Aber ich will Dir ja auch gar nichts beibringen, im Gegenteil sollst Du mir etwas auf die Sprünge helfen. Aber bitte, Rabaldus: Die Kanzlei, also ?"


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    vanWal

    15.07.2007 10:56: RE: Im Willkommturm


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    "Ihr tätet gut daran, ihn zu fürchten"

    Beim vortgesetzten Examinieren des Tisches entdeckte van Wal einen Krug mit gekühlter Fruchtsoße, mittels deren wohlfällig großer Portion er den Klumpen Grieskuchen in seinem Schüsselchen in eine Insel verwandelte.
    Rabaldus strich sich mit viel Hingabe, aber wenig Erfolg durch den struppigen Bart. "Tja, die Mühe, euch etwas über die Kanzlei zu erzählen... ich hätte nicht gedacht, daß der Wind daher weht, ich hatte ja eine andere Vermutung..."

    Jannis van Wal rollte schicksalergeben die Augen gen Zellendecke und seufzte leise "Hach...Vermutungen.", während er mit seinem Löffel kunstvoll die Küstenlinien von Griesland begradigte.

    "Ihr werdet enttäuscht sein, Hauptkontor. Wie üblich werdet Ihr meinen Worten lauschen, aber den Sinn nicht zur Kenntnis nehmen. Wie üblich werdet Ihr darauf warten, daß ich sage, was Ihr sowieso zu wissen glaubt, oder was Ihr gerne hören wollt. Wie üblich werdet Ihr das Lied des Sängers hören, aber nicht hinhören! "
    Interessiert schien der Hauptkontor aufzublicken, doch seine Augen glänzten merkwürdig schelmisch: "Wenn Du es, wie üblich, dabei belässt, zu lamentieren, statt zu singen, sicher. Und Deinen prophetischen Habitus, diese selbstgewählte Eigenschaft meine Gedanken und Taten nicht nur im Nachhinein, sondern nun auch schon im Vornherein absehen zu können, solltest Du wirklich mal ablegen."

    Diesmal aber schien es Rabaldus zu sein, der nicht hinhörte. Er stellte sich unter sein kleines Kammerfensterlein und schaute in den grauen Regenhimmel, legte die Hände hinterm Rücken zusammen und sinnierte. "Was ich Euch über die Kanzlei berichten kann, ist wenig genug... Den Kanzler habe ich zweimal getroffen und mit ihm geredet. Wenn Ihr es wissen wollt, ich glaube, daß er ein Halbelb ist, aber das ist nur eine Vermutung von mir. Das erste Mal habe ich ihn auf der Beerdigung des Prinzen Hagen in der Wolfsschlucht getroffen. Es war ein trauriger Tag, und alle waren tief in ihrem Selbstmitleid versunken. Der Kanzler wurde von Prinzessin Freija zum Truchseß berufen und schaute nicht zurück, sondern nach vorne. Ich sah ihm an, daß er ebenfalls tief berührt war. Er aber verschloß seine Gefühle wie in einem Stein. Das ist, glaube ich, sein stärkster Wesenszug. Daß er sich selbst der Pflicht opfert und tut, was er tun muß. Darin gleicht er einem Zwerg, würde ich sagen."
    Der Spielmann drehte sich um und schaute van Wal nun direkt an. "Ihr tätet gut daran, ihn zu fürchten, den Kanzler. Er kennt keine Freunde, noch Feinde, nur Notwendigkeiten. So wie ich das sehe, hat er nichts gegen Eure Geschäfte mit dem Totengräber von Eschenfurt unternommen, weil dem Reich egal ist, ob Trutzhaven oder der Fürst in Halvor die Seemärker Schätze kontrollieren, solange nur der Nachschub an die Front rollt! Aber mit ihm werdet Ihr nicht so umspringen können wie mit den Seemärkern!"


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    vanWal

    07.08.2007 16:06: RE: Im Willkommturm


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    Ein gefährlicher Mann

    Hatte der Hauptkontor den Worten des Barden amüsiert löffelnd und hin und wieder fröhlich ein bestätigendes "Hmm, jaja.", summend gelauscht, so schien jetzt aller Gleichmut von ihm abzufallen. Die meergrünen Augen blitzten zornig auf und er knallte das nunmehr leere Tonschüsselchen kraftig auf den Tisch und keuchte:
    "Meine Furcht hat Deine Sorge nicht zu sein, Spielmann! Hast Du dich nie um mehr zu sorgen gehabt, als woher Dein nächstes Mahl kommt, was Dir fulminant gelungen ist, wie man Dir ansieht, so tirilliere fröhlich darob, dass man Dir selbst diese Sorge abnahm. Und mische Dich nicht in die Angelegenheiten von Stadt und Reich, in denen es darum geht, was ganz Valariot morgen, nächsten Monat und nächstes Jahr zu essen hat."

    Mahnend den Löffel erhoben trat van Wal um den Tisch, Der Barde, durch lyrische Auffassungsgabe befähigt, vermochte nahezu den Schatten der Ahnen der Trutzhavener hinter dem Hauptkontor zu erspähen, zottige Gestalten in Pelz und Stahl, die drohend auf ihn zuschritten. Da hielt van Wal inne, denn ... nun wurde Rabaldus leiser. Der Kaufmann sah dem Barden an, daß dieser Angst hatte. "Zittern solltet Ihr jedoch vor seinem neuen Kanzleiverwalter... "

    Der hochgewachsene Hauptkontor und der zusammengekrümmte Barde auf der Pritsche waren eine Weile im Zwiegespräch befangen. Blass und besorgt war das Gesicht des Barden, aufgeregt ob der Wichtigkeit seiner Informationen, flackerten seine Augen. Eindringlich wisperte er seine Worte dem Hauptkontor entgegen, der wieder und wieder nickte und Bestätigendes murmelte. Schliesslich wandte van Wal sich ab: "Bedenklich, ohne Zweifel.", und ging zum Tisch zurück, wo ein blättriges Gebäckstück seine nächste Beute wurde, das er in einen Becher Tee zu tunken dachte, den er sich ebenfalls anrichtete.


    Der Wurm!

    "Warum erzähle ich das einem Mann, der mein Vertrauen so herb mißbraucht hat? Ich tue das, weil der Wurm in der Frucht kriecht!" Rabaldus schaute sich auf seinem reichgedeckten Tisch um, aber es war einfach noch nicht die Jahreszeit für Äpfel. Dennoch blickte er schaudernd in Richtung Obstschale, wo es Frühkirschen und ein paar Nüsse gab. "Mag die Schale noch glänzen, aber darunter ringelt er sich um die Kerne... Er bohrt sich ins Fleisch, und wenn Ihr leise seid, könnt Ihr ihn schaben hören..."

    Im Gegensatz zu seiner sonst so offen zur Schau getragengen Distinguiertheit lachte der Hauptkontor mit vollem Munde los und etwas Tee plitscherte auf den Boden: "Allzukluger Minstrel, kannst Du es nicht beim Lied belassen, muss alles Dir zur Mahnung werden?"

    Langsam wich Rabaldus in die Ecke seines Quartiers zurück. Die Anwesenheit seines Besuchers schien er vergessen zu haben. "Und so höhlt er seine Behausung langsam von innen aus... Ihr wollt die Zähne hineinschlagen, und nur wenn Ihr Glück habt, warnt Euch eine Bewegung unter der Schale... Dann bricht die Haut auf, und es wimmelt, ringelt sich... Bleiches ekles Madenfleisch zuckt überall, eine üble Masse..."

    Angewiedert zog Jannis van Wal die Stirn kraus und legte das halbverspeiste Gebäckstück zurück auf den Tisch: "Bäh, weder Art noch Inhalt Deines Tischliedes gereichen mir zum Appetit, speist Du tatsächlich lieber alleine?"
    Die Aussage hinter der Metapher des Barden schien der Hauptkontor nicht zu erfassen. In Rabaldus' gequälten Verstand blitzte zwar kurz die Erinnerung an den durch und durch mundanen Verstand der Trutzhavener auf, doch seine Auffassungsgabe war bereits nicht mehr in der Lage, seinem Verstand diese nützliche Information zu übermitteln. Inzwischen war der Barde in der Ecke zusammengesunken und hielt die Hände vor den Kopf. "Jemand muß die faulen Äpfel aussortieren, bevor sie alle anderen anstecken. Ist es nicht schon zu spät? Kriecht der Wurm auch schon in Caldor durch die Mauern? Ist es vielleicht gar die Hand, die die Äpfel aussammeln soll, die die Fäulnis verteilt? Oder ist sie nicht gründlich genug?"
    Bleich schaute der Minstrel empor zu Jannis van Wal. "Könnt Ihr denn überhaupt schlafen, wo sich überall Maden herumtreiben und vom Fleisch Valariots zehren?"


    Du und ich, Rabaldus

    Klirrend zerschellte der Tonbecher an der Wand, zwei Handbreit über Rabaldus sorgenvoll erhobenem Kopf und lauwarmer Tee spritzte dem Barden um die Ohren.
    "Fasse dich, Mann!", brüllte van Wal, doch seine Augen sprachen von mitfühlender Sorge: "Zu wenig an Klarheit dieser Tage in valarischen Köpfen, es wäre schade um den Deinen."

    Der Hauptkontor trat erneut auf den Minstrel zu und ballte die blassen Scriptorenhände vor dessem Gesicht zu Fäusten: "Fäulnis, Würmer, innerer Feind! Pah, alles die Angelegenheit größerer Männer, größerer Häuser. Solcher, die Herrschaftsangelegenheiten immer unter sich ausmachen, egal welche Fahne über dem Land flattert."
    Der Handelsherr legte dem Sänger die Hände auf die Schultern und sprach eindringlich auf ihn ein: "Dir und mir geht es um etwas ganz anderes, um das Volk, nämlich. Krieg und Brand allerorten, während Deiner Logis hat die Offensive begonnen, die Jungen verbrennen an der Front und die Alten hungern im Hinterland. Fasse Dich wieder, Rabaldus, diesmal kannst Du ihnen mehr bringen als Lieder und etwas Freude, diesmal kannst Du ihnen Brot und Grütze bringen."

    Jannis van Wal richtete sich wieder auf und schaute aus dem Fenster auf den Hafen, in dem nur noch wenige Schiffe lagen: "Was sagst Du dazu, Rabaldus, eine Weile in Diensten der Stadt ...wie ich... und vielleicht gewinnen wir beide daraus mehr Verständnis füreinander."

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    vanWal

    07.08.2007 16:12: RE: Im Willkommturm


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    Der Tanzbär und der Flötenspieler

    In des Sängers Augen war unter dem Ausbruch seines Gegenübers der Verstand allmählich zurückgekehrt. Doch dieses Angebot war schon fast wieder zu viel... Mißtrauen, Hoffnung, Resignation und schiere Überraschung gaben sich die Klinke in die Hand, um schließlich die Tür weit aufzulassen für Neugier und Erheiterung! Rabaldus lachte und zog eine Augenbraue hoch:
    "Also das müßt Ihr mir aber wirklich mal näher erklären, Hauptkontor! Ich meine, aus genau dem Grund war ich doch mit Euch gekommen, oder nicht? Um in den Dienst der Stadt zu treten? Schließlich hatte ich doch meine Stimme als Wiedergutmachung für die erlittene Schmähung in den Dienst Trutzhaven stellen sollen!"

    Van Wal, dem gewieften Menschenkenner, war der hysterische Unterton in des Barden Erheiterung freilich nicht entgangen ... er starrte den Barden fassungslos an, schloss dann betrübt die Augen, liess den Kopf sinken und schüttelte denselben daraufhin resigniert:
    "Ach, du kannst dafür ja nichts. Dein eigener Witz führt Dich an der Nase herum." Der Hauptkontor klopfte dem Minstrel sanft auf die Schulter: "Wie ein ringgeführter Tanzbär tappst Du einem geistreichen Idealbild Deiner selbst hinterher."


    Der Seiltanz

    Jannis van Wal ließ die Hände sinken, wandte sich ab und ging wieder auf den Tisch zu: "Eine Sühne habe ich Dir angeboten, armer Kerl. Es steht ein Podest auf dem Freien Markt vor der Zitadelle, ein Galgen steht darauf."
    Mit geringem Interesse schaute der Haupokontor sich wieder auf dem Tisch um und griff matt nach den Frühkirschen in der silbernen Schale: "Hätte ich Dich nicht in Fragen einer Zollangelegenheit vom Tor wegfischen lassen, wärest Du in die Stadt gekommen, hättest Du den Seiltanz getanzt, vor zwei Monaten schon."

    Teigig wirkte das Gesicht des Hauptkontors, aber prüfend glänzten seine Augen, als er sich nun Rabaldus wieder zuwandte: "Ein Barde kann singen, was die Leute hören wollen. Die Leute wollen hören, was sie sowieso schon wissen. Ein solcher Barde aber bleibt immer ein Spielmann und dafür halte ich Dich nicht. Du hast mehr Ehrgeiz. War es Ehrgeiz, der Dich dazu brachte, uns zu verspotten und zu verleumden, oder zwang Dich jemand dazu?"

    Mahnend schoss der Finger des Hauptkontors in die Höhe, als Rabaldus zu einer Anwort ansetzte und an Wal hauchte: "Und diesmal, mein Freund, eine Aussage, keine Frage, keine Mahnung, kein Rätsel, hörst Du?"


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    vanWal

    07.08.2007 16:17: RE: Im Willkommturm


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    Das Geständnis

    "Meine Antwort gab ich Euch bereits vor dem Tor von Minas Tyrcrist. Vielleicht glaubt Ihr mir ja diesmal, das es mir ernst war, Herr van Wal." Rabaldus erwiderte ernst des Hauptkontors Blick. "Wir Minstrels spielen zur Unterhaltung der Leute, natürlich. Aber unsere Musik ist uns ein Werkzeug, wie Ihr ganz richtig unterstellt. Jedoch nicht," hier unterstrich Rabaldus seine Aussage mit erhobenem Finger, "um im Auftrage des Kanzlers oder sonst irgendwem Euer Ansehen zu beschädigen! Vielmehr kommt uns die Rolle des Überlieferers, Bewahrers von Traditionen, Überbringers von Nachrichten und gelegentlich auch des Narren zu. Jeder hört dem Spielmann zu. Und so lernt das einfache Volk in unseren Liedern seine eigene Geschichte, hört, was im Lande vor sich geht, und es bekommt auch den Spiegel vorgehalten. Im Lachen soll es sich selbst erkennen. Die großen Herren sind da besser im Bilde. Sie erhalten Nachricht aus der Ferne, können in den Archiven der Tempel lesend die Taten der Alten studieren und die Traktate der Sigmarskirche. Jedoch den Spiegel brauchen sie um so mehr, denn von ihren Taten hängt viel ab. Nein, unterbrecht mich nicht, sondern hört mich zu Ende an!" Rabaldus war sichtlich froh, daß er sich erklären konnte, und redete sich in Fahrt.

    "Ihr hattet Euch beschwert, warum denn im Feldliederbuch kein Spottlied über die Prinzessin, Sir Wismerhill oder Sir Andron steht. Habt Ihr nie den Gedanken gehabt, daß Trutzhaven die Einzige sein könnte, der das nicht schadet? Die Prinzessin hat lange gebraucht, bis ihr der Harnisch paßte, den das Reich ihr angelegt hat. Sir Andron ist ein bemitleidenswerter alter Mann, der seine Seelenpein nur im Blute der Schatten lindern kann. Der Kanzler muß im Dienste der Prinzessin und des Reiches all den Schmutz erledigen, der den goldenen Greifen besudeln könnte, und hat darum einen finsteren Ruf. Wer nicht gefestigt ist, wackelt im Gelächter. Und wenn die Herrschaft der Prinzessin wankt, ist Valariot am Ende. Im ganzen Reich ist es allein Trutzhaven, die stark, sicher und uneinnehmbar scheint. Reich und aus schier unerschöpflichem Borne versorgt Trutzhaven Valariot und nicht zuletzt seine Armee und sichert somit dessen Fortbestehen. Alles, was über das einfachste und notwendigste hinausgeht, wird von Trutzhaven ins Reich gebracht, und oft sogar das Mehl noch dazu! Aber das bleibt doch nicht unverborgen... allmählich werden es die Leute gewahr, daß Valariot am Tropfe Trutzhavens hängt, und was viel wichtiger ist, die Trutzhavener auch! Darum brauchen sie ein Ventil, über das sie das übergroß erscheinende Trutzhaven wieder auf eine menschliche Größe schrumpfen können. Und Ihr Trutzhavener müßt wieder auf den Boden kommen und Euch eingestehen, daß Ihr nicht besser seid als die Seemärker, die Ihr so pfiffig kleinhaltet, sondern einfach nur gerade den Helm aufhabt. Sonst würde irgendwann die Volksseele überkochen und sich ernsthaft gegen Eure Stadt wenden!"

    Inzwischen wanderte Rabaldus gestikulierend in seiner Zelle hin und her. Ein Damm war gebrochen, und jetzt ergoß sich ein langer Redeschwall über seinen Zuhörer.
    "Darum maßte ich mir an," fuhr er fort, "Euch den Spiegel vorzuhalten und dieses Lied vom Trutzhavener Tweemaster aufzugreifen und zu veröffentlichen. Und darum nahm ich auch ein Seemärker Volkslied, statt selbst eins zu dichten. Denn daß die Seemärker solche Lieder dichten, das versteht man im Reich. Man fürchtet Eure Gerissenheit, aber man bewundert sie auch. - Laßt mich nur noch eins sagen: was dann kam - das habt Ihr Trutzhavener Euch selbst zuzuschreiben. Wenn Eure Leute mich nicht so den Fluß hinauf und hinuntergehetzt hätten, wenn sie nicht überall nach Rabaldus gefragt hätten, der das Lied gesungen hat, dann wäre diese Stimmung gegen Trutzhaven, von der Eure Schergen mir so mitfühlend zum Essen berichtet haben, nie entstanden. Die Leute hätten gegrient und wären wieder zur Tagesordnung übergegangen. Und jedesmal, wenn wieder ein Koopman aus Trutzhaven zwischen all den mageren Hühnern die fette Gans hervorgezogen hätte, dann hätten sie irgendwo im Hinterkopf einen Vers vom 'Trutzhavener Tweemaster' gehabt, unter den feierlichen Roben und Schärpen einen Menschen gesehen und ihn in Ruhe seinen Gewinn einstreichen lassen, anstatt vor Neid die Wand hochzugehen. Und auch ich hätte brav fürderhin meinen Mund gehalten und gehofft, daß Ihr lernt, über Euch selbst zu lachen."

    Rabaldus beendete seine Wanderung und setzte sich auf die Kante seiner Pritsche. "Aber es ist ja anders gekommen. Anstatt über diesen unmöglichen Gammelkahn aus dem Lied zu lachen und daraufhin über sich selbst nachzudenken, haben aufgebrachte Schipper den ganzen Fluß entlang dafür gesorgt, daß das Lied mit einemmal wichtig war. Und damit auch Trutzhavens Macht. Ihr wißt ja selbst, was die Folge ist. Die Stimmung wurde gereizt am Fluß. Sogar Messer wurden gezogen. Genau das, was ich hatte abwenden wollen, haben wir - Ihr und ich gemeinsam - dem Reich eingebrockt. Und ich für meinen Teil glaube nicht, daß es mit Reden und Liedern, oder gar einer Hinrichtung getan ist, um Trutzhavens unerschütterliche Stärke wieder herzustellen."

    Ruhig und entspannt saß Rabaldus nun da, die Hände vor den Bauch gefaltet, die Augen leicht geschlossen. "So, ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Nun mögt Ihr mir glauben oder nicht. Es liegt an Euch. Übrigens, schaut mal im Feldliederbuch nach. Über Sir Wismerhills abgehauenes Ohr gibt es sehr wohl ein Lied darin. Ich glaube auf Seite Fünfzig oder so. Er fand es sehr lustig."

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    vanWal

    07.08.2007 16:21: RE: Im Willkommturm


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    Fang' wi di, denn hang' wi di!

    Prüfend griff Jannis van Wal wieder nach den Frühkirschen die blassen Skriptorenfinger zitterten leicht:
    "Bei uns ist ein Barde -und glaub mir, ich verstehe etwas davon- ein Sänger. Weder ist er ein Aufklärer, noch ein Spiegelhalter noch ein Singbube der hoihen Herrschaften oder gar ein...", der Hauptkontor blitzte Rabaldus unangemessen scharf an: "..Volksaufwiegler! Ein Barde hat der arbeitenden Bevölkerung den Feierabend mit Weisen zu versüßen, solch einer arbeitenden Bevölkerung...", van Wal hob die Hand -voller Kirschen war sie, erstaunlich welche Masse an Dingen in die Hand eines Kaufmannes passte- und wies zum Fenster: "...wie denen da draußen."

    Jetzt wurde dem Barden das Gemurmel gewahr, dass unter seinem Fenster zugenommen hatte und er warf einen Blick nach draußen. Die Mole -tausend Schritt lang bog sich das Horn der Südlichen Mole von hier bis hinüber zur Stadt- war schwarz vor Menschen. Grobe Arbeiter schienen es zu sein, sie hielten Fackeln und schwenkten Belegnägel, die ihnen anscheinend aus einer schwarzen Kutsche gereicht worden waren, die ganz hinten auf der Mole stand. Als die Menge des Barden am Fenster gewahr wurde, drangen drohende Rufe hinauf:

    "Rabaukus! Rabaukus! Fang' wi di, denn hang' wi di!"

    Der Hauptkontor ließ die Kirschen nach und nach in die Schüssel zurückfallen und fragte, unangemessen amüsiert: "Und wie steht es mit dieser anderen Weise, Rabaldus 'Dann kaufen sie dich einfach ein, dann bleibt ein Stück vom Kuchen dein', ging es, glaube ich. War das auch als Blick in den Spiegel gedacht? Auch ein Scherz, den wir hier nicht kapieren?"


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    vanWal

    07.08.2007 16:25: RE: Im Willkommturm


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    Der Unterschied zwischen Barde und Spielmann

    "Wenn Ihr wollt, kann ich Euch den Text hersagen und Zeile für Zeile auslegen. Aber um es kurz zu machen, das zu veröffentlichen war ein Versuch von mir, mich gegen Eure Treibjagd auf mich zu wehren."
    Rabaldus schien unbeeindruckt von der Menge draußen, ebenso wie er die Worte des Haupkontors vom Galgen vorhin scheinbar gelassen und auf alles vorbereitet aufgenommen hatte. Doch die Sorgfalt, mit der er jetzt sprach, verriet, daß seine ruhige Stimme auch nur Fassade, Bühnenauftritt war. Und seine entspannte Haltung wohl eher ein Versuch, die Körpersprache zu unterdrücken.
    "Und selbst dieser Text macht doch wohl deutlich, daß man besser fährt, wenn man die Trutzhavener ihren Profit machen läßt und mit ihnen ins Geschäft einsteigt, statt gegen sie."

    Resigniert seufzte Rabaldus. "Inzwischen glaube ich aber, daß Ihr mich nur allzugut versteht, Herr van Wal. Grade vorhin habt Ihr mir den Unterschied zwischen Spielmann und Barden dargelegt.Ihr nennt meine Haltung Ehrgeiz, ich sage Euch, das ist die Verantwortung und Aufgabe der Sänger. Ihr mögt vielleicht Euch vielleicht wünschen, daß ein Spielmann die Leute nur unterhält und sie in den Feierabend wiegt, aber das wird nie so sein, selbst nicht beim losesten struppigsten Straßensänger. Auch er nutzt die Macht seiner Musik, um die Leute sich ihm gewogen zu machen. Ihr werdet die Sänger in Eurer Stadt verbieten müssen. Aber wahrscheinlich werden sich solche, die Ihre Verantwortung ernst nehmen, sowieso nicht mehr nach Trutzhaven aufmachen wollen. Worte sind mächtig, wir wissen es beide. Mit Eurer Knüppeltagsfeier da draußen macht Ihr doch nichts anderes: Ihr haltet mir einen Spiegel vor, Hauptkontor. Ihr und die Idee Trutzhaven."

    Schwerfällig stand Rabaldus auf und schritt zur Waschschüssel hinüber.
    "Na gut, dann wollen wir das Publikum nicht länger warten lassen. Wird sich der Zaunkönig wohl für seinen letzten Flug bereitmachen müssen." Nun schwankte seine Stimme doch leicht - zumindest für einen kurzen Moment. "Aber täuscht Euch nicht: Ihr mögt einen Zaunkönig wegfangen, aber in den Hecken werden die Lieder in Euren Ohren nur um so schriller klingen."

    Leise begann er ein Lied erst zu summen, dann leise zu singen. Der Trutzhavener Kaufmann fühlte, wie ihn das Lied seltsam ergriff - einnahm - für den Sänger einnahm... das war doch nicht... das war doch...

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    vanWal

    08.08.2007 09:18: RE: Im Willkommturm


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    Bardenzauber


    ...ein Zauberlied, schmeichelnd flutete der Gesang des Barden durch den Raum. Der Hauptkontor wurde von schlechtem Gewissen ergriffen. Was hatte er dem Rabaldus nicht alles angetan, diesem einzig wahren Freund Trutzhavens.
    Dem Hauptkontor schwindelte augenscheinlich. "Raus...", wisperte er.
    Hatte er den Barden zunächst ungläubig und fasziniert angestarrt, so taumelte er nun gegen den Tisch."...aus...", knurrte er.
    Jannis van Wal griff haltsuchend nach der Tischkante, doch die tastende Hand erwischte den Brotkorb, der zu Boden kollerte:"...meinem...", sagte er.
    Die Beine gaben dem Haupkontor nach und er fiel auf die Knie, beide Hände drückte er sich auf die Ohren und brüllte:"...Kopf!"

    Rabaldus unterbrach seinen bezaubernden Gesang, zu sprachlos um noch einen Ton herausbringen. Der Hauptkontor kam wieder auf die Beine, nahm den Hut ab und rieb sich über die schwitzige Stirn: "Dies wird auf lange Zeit Dein letzter Streich gewesen sein."


    Das Urteil

    Van Wal sah zum sprachlosen Spielmann hinüber und fuhr sich mit der Hand durchs Haar: "Einen Kontor in Ausübung senes Amtes zu behindern ist das schändlichste aller Vergehen. Hierfür und in Verbindung mit den diversen anderen, Dir zur Last gelegten und nachgewiesenen Taten urteile ich Kraft meines Amtes, im Namen der Zoll- und Außenhandelsbehörde und im Sinne von Stadt und Reich, wie folgt."

    Jannis van Wal setzte den Hut wieder auf: "Du wirst in Eisen geschlossen, unter Deck eines Schiffes gebracht, dessen Namen Du nicht kennst und an das andere Ende der Welt gefahren. Dort wirst Du ausgesetzt in einem Land in dem alles Aufrechte als Nieder gilt und Chaos und Spitzbüberei herrschen. Dort sind Strauchdiebe Könige und vor ehrbaren Männer speit der Pöbel aus. Dort ist das Untere zuoberst und es gibt viel zu tun, für den mahnenden und warnenden Barden Rabaldus."

    Ohne eine Antwort seines augenscheinlich entsetzten Gastes abzuwarten, schritt Jannis van Wal zur Tür: "Nutze Deine letzten Nächte, Rabaldus." Der Hauptkontor lachte bitter: "Vielleicht ein Lied? Deportation ist so ein dankbares Thema, oder?"

    Der Haupkontor warf die Tür hinter sich zu, das laute Krachen zeugte von seinem Zorn.



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