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Re: Von einer Stadt, die sich selbst das Schwimmen lehren wollte
Neuröschen - 04.07.2005, 23:18Von einer Stadt, die sich selbst das Schwimmen lehren wollte
Kapitel 1
Der Regen hat ein Faible für Speedmetal. Seit Tagen übt er sich Tag und Nacht in Schlagzeugsoli und lässt ihn nicht schlafen. Jeden Morgen um fünf steht er widerwillig auf und geht zur Arbeit, gelangweilt von der Nacht und mit Augenringen die in Form und Farbe sehr dem Marianengraben gleichen. Er zieht sich an, vollführt eine Katzenwäsche die der Wüste Gobi Konkurrenz macht und hetzt los. Raus aus dem Haus, rein in die U-Bahn (auch die ist wie die Wüste Gobi, aber nur weil es in ihr um diese Uhrzeit ebenso heiß, stickig und menschenleer ist), raus aus der U-Bahn, rein ins Gebäude, raus aus den Klamotten, rein in die Uniform. Ja, das Leben als Arbeiter gleicht schlechtem Sex. Immer rein und raus und keine Abwechslung in Sicht.
Jeden Tag kommen neue Unfälle auf seine Station, schwere Autounfälle sind bei diesem Wetter auch nicht überraschend. Seit nunmehr neun Tagen regnet es ohne Unterlass als habe die Stadt beschlossen sich die Grundmauern wegzuspülen und wegzuschwimmen oder einfach auch mal ein Vollbad zu nehmen. Diese Vermutung überkam ihn aber erst als er von seinem neusten Patienten hörte. Ein Kind von neun Jahren, das sich das Wasser in den Regenrinnen zunutze machen wollte um sein Papierschiffchen schwimmen zu lassen und von einer meterhohen Schaumwelle überrascht wurde. Deren Verursacher war ein ins Schleudern gekommener Lastwagen etwa 243,8 Meter weiter auf einem Hügel, der zwar nicht umkippte aber seine komplette Ladung verlor. Eine Waschpulverlieferung für das örtliche Krankenhaus. Das Kind rutschte auf dem von der Seife glitschigen Boden aus, fiel ins Wasser und schluckte kräftig davon, so dass es sich eine Vergiftung zuzog die sich sehen lassen konnte. So oder so, das Waschpulver kam doch noch ins Krankenhaus. Und zumindest eine Straße der Stadt und ein gutes Stück ihrer Kanalisation waren nun wirklich sauber.
Währenddessen gingen in einem Stadtteil unweit der Unfallstelle alle Lichter aus. Endlich war es dem Gewitter gelungen eine Stromleitung zu kappen. Natürlich eine von den Dicken, denn auch Wasser hat Humor. Wenn es schon jemanden ärgern will, dann richtig. Und es hat beschlossen diese Stadt zu ärgern. Es war eine groß Herausforderung für die Gewitterwolke, die seit über einer Woche über der Stadt parkte, herauszufinden mit welcher der vielen Leitungen sie möglichst viel Schaden anrichten konnte und wie sie diese mit Hilfe ihres Regens zerstören HAAADE! CIAO!!nne. Es brauchte zu viele Versuche die LKWs so schleudern und umfallen zu lassen dass sie genau im richtigen Winkel auf ein wirklich schwer erreichbares Kabel fielen und nach etwa zehn Versuchen die alle missglückten dachte sie sich eine neue Methode aus. Sie ließ das Wasser die Leitung komplett frei spülen und dann mit aller Gewalt daran ziehen in der Hoffnung die Isolierung sei irgendwo porös und werde nachgeben. Auch diese Idee war aber zum Scheitern verurteilt als die Wolke feststellen musste, dass in dem Kabel mehr, kleine, einzeln isolierte Kabel waren. Darüber regte sie sich so auf, dass sie Blitz und Donner aus ihrem Schlaf holte.
Und an dieser Stelle kommt der Zufall ins Spiel. Der Blitz schlug in einem Baum ein der gespalten wurde und mit voller Wucht auf das Kabel stürzte und es zertrennte. Der Donner erschreckte einen LKW Fahrer so, dass er und sein Lastzug ins Schleudern gerieten, von der Strasse abkamen, über einen abgesplitterten Ast des Baumes fuhren und mit dessen Hilfe das Kabel etwa fünf Meter vom ersten Bruch nochmals zertrennte, sich wieder fingen aber dabei alle Ladung verloren, eine Waschpulverlieferung für das örtliche Krankenhaus. Die Wolke freute sich und spielte zur Feier ihres Sieges immer noch ein Halloween-Schalgzeugsolo auf dem Fenster unseres Protagonisten, als dieser nach einer freudlosen Schicht mit einer Laugenvergiftung, drei Handgelenks- , zwei Oberschenkelfrakturen, einen Suizidversuch, einem mutwillig zerstörten Meniskus und einem unter Schock stehenden Elektrizitätsopfer der seinen Hund einen halben Meter zu nah an einer vom Gewitter in diesem Moment angegriffen werdenden Starkstromleitung ausführte, nach Hause kam.
Man muss der Wolke wirklich ein Kompliment aussprechen. Die wenigsten Wolken verstehen genug von ihrer Physik um sich so etwas überhaupt auszudenken. Wobei Wolken eigentlich nicht dumm sind, muss man dabei wissen, sie sind nur unendlich faul. Viele sind sogar zu faul aus eigener Kraft weiterzuziehen, sie lassen sich einfach vom Wind schieben. Viele Wolken verstehen aber mehr von Biologie (sie HAAADE! CIAO!!nnen ja auch den ganzen Tag lang alles unter sich studieren). Aber alle Wolken lieben die naive Kunst. Sie sind allesamt perfekte Maler und malen mit einer Engelsgeduld den ganzen Tag Bilder aus sich. Aber nun zurück zu unserem Protagonisten.
Re: Von einer Stadt, die sich selbst das Schwimmen lehren wollte
Neuröschen - 04.07.2005, 23:18
II
>Hallo? Bist du noch da?<
Die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung nahm sorgenvolle Züge an. Sie hörte ein keuchen, als hätte ihr Gesprächspartner die Sprechmuschel des Telefons verschluckt.
Es ist der 25. März, knapp eine halbe Woche und drei Stunden, ehe der Regen einsetzen wird.
>Äh... (keuchen)... (ein tiefes Einatmen)... äh ja. Bin noch da. Aber das war jetzt'n bisschen viel. Kannst du das noch mal wiederholen, bitte?<
>30 000 verlangt die Stadtverwaltung.<
>Aber das ist doch ne ganz simple Sache!?<
>Du vergisst die Büroarbeit die da dahinter steckt und dass sie deinen Vorgarten fast komplett aufreißen müssen um dich und dein Haus an das neue Abwassersystem anzuschließen.<
>Aber 30 000 schüttle ich mir nicht einfach ausm Ärmel!<
Auf den Schock hin musste er sich erst mal setzen. Von nun an galt es also jede Überstunde, jede Extraschicht zu ergattern, die irgendwo zur Debatte stand um seinem Abwasser auch weiterhin sorglos den Rücken kehren zu HAAADE! CIAO!!nnen.
Er stand auf und holte sich Eis gegen die Schmerzen im Kopf und dann Eis für seinen Magen, damit's nicht ganz so kalt ist mit Scotch drum rum und der Bequemlichkeit halber in einem Glas. Er lehnt sich in seinem grünen Ohrensessel zurück, ein Erbstück seiner Großmutter, Gott hab' sie selig, trinkt, seufzt. Mit einem Schrei springt er auf. Das Telefon! Er war ja eben noch mitten in einem Gespräch!
Kaum einen Augenblick später hängt sein Ohr wieder am Hörer um nur noch ein unfreundlicher TUUUUuuuuut zu hören.
>Mist. Aufgelegt. Jetzt wird sie wieder eine Woche lang beleidigt sein. Mindestens.<
Grummelt er vor sich hin.
>na ja, dann kann ich ja weitertrinken. Hat ja eh keinen Sinn aufzuhören gerade.<
Noch ein kurzer, geübter Griff zur Wählscheibe und er hat wieder die Auswahl zwischen der zierlichen Blonden und der rassigen Farbigen mit dem großen geilen Arsch.
Er erwacht am nächsten Morgen schlaftrunken in seinem Sessel, den Telefonhörer parallel zu seiner Morgenlatte liegend, ohne Hose, aber dafür mit einem Kater der sich gewaschen hat. Schwindelnd steht er auf, legt den Hörer zielsicher neben die Gabel, macht einen Schritt vorwärts und küsst erst mal in seiner gesamten Länge seinen rosafarbenen IKEA Teppich. Er sieht hinüber zu seinen Füßen. Erleichtert stellt er fest, dass er doch nicht ohne seine Hose geschlafen hat. Zum Ausgleich ist er darüber gestolpert. Unfähig sich wieder in die Senkrechte zu begeben kriecht unser Protagonist in die Küche, verliert unterwegs die letzten Reste seiner Beinkleider und zieht sich mühsam am Waschbecken hoch. Er öffnet den mittleren Schrank und wenige geübte Handgriffe später befinden sich einige chemische Alle- Sinne- Peripher- Idealisierende- Rundum- und- Innerlich- Neuernde Tabletten (auch bekannt als A.S.P.I.R.I.N.) in einer Flutwelle aus Whiskey auf dem Weg seine Speiseröhre hinunter in den Magen. >Man soll morgens mit dem anfangen mit dem man Abends aufgehört hat<, soll man nicht? Er lehnt sich leicht zurück, taumelt, macht die Augen zu und atmet so tief er kann ein.
Ziemlich genau zwei Kilometer westlich macht sich ein blondgelocktes HAAADE! CIAO!!pfchen Sorgen. Miriam hatte am Vorabend noch mit ihrem besten Freund telefoniert, aber irgendetwas war bei diesem Gespräch kräftig schief gelaufen und seine Stimme hat sich mitten im Satz aus dem Staub gemacht und nachdem sie zehn Minuten lang dem Nichts in ihrer Telefonmuschel, unterbrochen von einem gelegentlichen, weit entfernt klingendem Rülpser und umfallenden Stühlen gelauscht hatte, hängte sie ein. Das passierte öfter bei ihren Gesprächen, aber normalerweise rief er dann mitten in der Nacht sturzbetrunken an und entschuldigte sich überschwänglich für sein Verhalten, dann für seinen Zustand und nach einer viertelstündigen Welle von lamentierten, genuschelten Entschuldigungen fiel ihm ein wie spät es war. Dann entschuldigte er sich für den Anruf um diese nachtschlafende Zeit und hatte schon aufgelegt, ehe sie antworten konnte. Irgendwie süß, dieser Tick, fand Miriam. Aber heute Nacht hat er nicht angerufen und nun war es schon fast Mittag und noch immer hat sie kein Wort von ihm gehört. Seit acht war sie nun auf und seither überlegte sie ob sie sich ins nächste Taxi setzen und hinfahren soll.
Miriam klingelte nun das dritte mal an seiner Tür, als sie ihn endlich zur Tür stolpern hörte. Aber es klang eher als würde ein ungeschickter Clown versuchen durch eine vollgestopfte Rumpelkammer zu laufen. Glas klirrte, irgendetwas großes, hölzernes machte nähere Bekanntschaft mit dem Fußboden und als die Schritte endlich recht nah an der Tür waren hörte sie ein >D O N K<, darauf folge ein >P L U M P S< und mit leichter Zeitverzögerung ein lautes, verärgertes >S C H E I S S E !<. Wieder dauerte es geraume Zeit in der nur Rascheln zu hören war, gelegentlich ein dumpfer Schlag, ehe Miriams bester Freund sich endlich bequemte mit ihr zu reden.
>Miri, ich kann den verfluchten Schlüssel nicht finden! Komm zum Küchenfenster, das ist groß genug, da kommst du durch. Ich muss nur schnell die Teller wegräumen.<
Zehn lange Minuten später, Miriam konnte sich ein amüsiertes Grinsen angesichts des in der Küche herrschenden Chaos nicht erwehren, standen sie sich im halbdunkel des Schweinestalls gegenüber, den er Küche nannte.
>Woher wusstest du, dass ich's bin?<
>Niemand ist so hartnäckig wie du wenn es darum geht in mein Haus zu kommen, Schatz, auch wenn ich eine Stunde lang mucksmäuschenstill hinter der Tür stände würdest du noch klingeln und klopfen. Bitte entschuldige für gestern Abend. Ich hatte einen Scheißtag und einen mittelmäßigen Absturz.<
>Ja. Das kann ich sehen. Ich glaube, du brauchst nach deinem "mittelmäßigen Absturz" erst mal eine komplett neue Wohnung. Außer dem Sofa scheint hier nichts mehr in Gebrauchsfähigem Zustand zu sein. Und bei Gelegenheit, kauf die wieder Hosen, mein Lieber. Du musst nicht der ganzen Stadt beweisen, dass die Natur es gut mit dir gemeint hat.<
Er sieht an sich herunter, stammelt etwas das sich wie ein
>Oh... äh... das war... äh gestern Nacht... ähm...<
anhörte und lief ins Bad.
>Wo hast du denn deine Hausschlüssel?<
rief Miri, ihm ins Bad folgend. Es war immer lustig ihm beim Umziehen zuzusehen. Niemand machte daraus so ein Ritual, sucht akribisch unter extra dafür gekauften Tageslichtlampen zu Hose und Shirt passende Socken aus um diese dann einige male an- und auszuziehen, bis er sich entschieden hatte welcher der Rechte und welcher der Linke war.
>Ich weiß es nicht, du. Den suche ich schon seit ein paar Tagen. Erst dachte ich, ich hätte ihn auf Station liegen lassen oder eine Kollegin hätte ihn eingepackt aus Versehen. Aber Fehlanzeige. Und hier habe ich auch schon alles auf den Kopf gestellt aber nichts gefunden außer ein paar Sachen die ich letzte Woche gesucht habe.<
>Ja. Das sieht man. Du solltest dir wirklich angewöhnen alles gleich wieder da hinzustellen wo es war. Ich wette mit dir, der Mixer steht schon seit mindestens drei Tagen neben dem Fernseher und die Fotoalben liegen sicher auch seitdem im Kühlschrank<
Wieder wurde er verlegen. Sie kannte ihn einfach zu gut, zu lang.
Kennen gelernt hatten sie sich die beiden noch zu Schulzeiten. Er hatte noch fünf Minuten um seine Arbeit abzugeben und einen großen Becher frischen Kaffee den er fein säuberlich über alle Seiten zu verteilen im Begriff war, also verzweifelt. Und sie half ihm die Sauerei zu beseitigen und legte noch ein gutes Wort für ihn beim Lehrer ein, woraufhin dieser die Arbeit annahm und ihm erlaubte am nächsten Tag eine frisch ausgedruckte, makel- und kaffeelose Version nachzureichen. Daraufhin ging sie, ohne ein weiteres Wort, aber mit dem Lächeln eines Engels auf den Lippen und er überwand, nachdem er seine Arbeit abgegeben hatte alle Angst und lud sie zum Essen ein. Verbrannte Würstchen, fettige Pommes und ein Bier vom Vortag. Mehr hatte er nicht zustande gebracht. Aber sie lächelte und aß tapfer auf.
Ein melancholisches Lächeln erobert für einen Moment seine Lippen als er daran dachte und ihr zusah wie sie im Wohnzimmer nach seinem Schlüssel suchte, seine Traumfrau. Seine Miriam. Aber ihr das zu sagen, dazu fehlte ihm noch immer, nach all den Jahren, der Mut.
>Sag mal, wie kommst du eigentlich jetzt rein und raus, so ganz ohne Schlüssel, hast du doch einen nachmachen lassen?<
>äh, ne. Bisher durchs Wohnzimmerfenster.<
Sie schaute ihn verdutzt an. Eigentlich hätte sie sich das denken HAAADE! CIAO!!nnen.
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