Frau Röschens Garten

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    Re: Frau Röschens Garten

    Neuröschen - 23.04.2005, 14:23

    Frau Röschens Garten
    Frau Röschens Garten


    Da geh ich nun, wieder allein, lasse alles zurück. Die Stadt, die Arbeit, die Freunde, das Leben. Es war nicht mehr das meine und ich strich die Segel, ehe das Leben sich meiner bemächtigte. Mit einem letzten, wehmütigen Blick verabschiede ich mich von meiner geliebten Stadt. So ruhig lag sie da in ihrem Talkessel gleichsam wie einem Bett, zugedeckt vom heraufziehenden Nebel, die anbrechende Dämmerung lässt sie einschlummern. Mit einem tiefen Seufzer lenke ich meinen Blick wieder auf die Strasse und schalte einen Gang zurück. Mein neues Leben soll ruhig noch etwas auf mich warten. Lange genug wird die Ruhe und Abgeschiedenheit mich für sich haben. Leicht, nein, leicht war diese Entscheidung nicht, aber der einzige sichtbare Weg mich zu schützen und ich Selbst zu bleiben.
    Ich betrete mein neues Heim, ein kleines, leeres, schmuckloses Zimmer. Das Nötigste habe ich dabei. Mein Bett, mein Schrank, meine Musik, mein Computer. Die einzige Möglichkeit, gefahrlos mit der anderen Welt dort draußen Kontakt aufzunehmen und gleichzeitig sicherzustellen dass niemand in die meine eindringt. Die Tage verbringe ich mit Musik, die jeden Kummer auszumerzen scheint, aller Sorgen gewachsen ist, die Abende allein, mit Gesprächen, unpersönlich, virtuell. Wenn jemand versucht durch die Telefonleitung in meine Welt zu kommen ziehe ich den Stecker.
    Ich glaube nicht, dass ich momentan einer weiteren Belastung gewachsen wäre und so gehe ich jedem Risiko aus dem Weg. Sich auf Abenteuer einzulassen ist nicht schwer. Angebote bekäme ich genug. Ich wähle, zu wem ich Kontakt pflege. Sich zu verlieben scheint unmöglich. Auch wenn ich mich nach etwas Nähe sehne, so ist es doch zu gefährlich sich preiszugeben. Aber noch muss ich nur den Stecker ziehen.
    Ach, wo ist sie hin, die unbeschwerte Zeit? Meine ganze Kindheit schien ich den Menschen nicht in dieser Welt zu sein. Die anderen Kinder sagten, ich sei komisch, sei anders. Ihre Eltern verboten ihnen mit mir zu spielen. Ich sei kein gute Umgang für ihre christlichsozial, gutbürgerlich erzogenen Sprösslinge. Aber sie lagen alle falsch. Ich war einfach nur nicht da. Ich war in meinem Kopf, in meinem Garten. Wenn ich auf meinem Baum saß, stundenlang, und in die Luft u starren schien, lag ich in Wirklichkeit auf einem Bett aus Gänseblümchen oder flog mit den Wolken, hörte die Geschichten die Bäume und Sträucher erzählen. Jetzt geht das nicht mehr. Die Gesellschaft will mich zwingen hier zu sein, präsent zu sein. Die Gesellschaft sagt mir wen ich wann, wo lieben darf, was ich sein darf. Die Gesellschaft will mein Leben sein. (Sie kann mich mal, diese Gesellschaft.) Ja, klar, ich habe versucht die Gesellschaft zu sein, wie alle es versuchen, versucht mit dem Strom zu schwimmen, es war nicht schwer. Aber es war schmerzhaft. Nun sag ich der Gesellschaft leb wohl. Ich versuche es. Ich suche nach den Gänseblümchen meiner Kindheit, aber es ist nicht mehr das Selbe. Die Welt in mir ist zu klein geworden. Ich bin gewachsen. Das ist alles. Auch wenn es genug ist.
    Also muss ich ausbauen in meinem Kopf. Ich arbeite daran. Und bis es soweit ist, liege ich in dem zu klein gewordenen Bett aus Blumen und warte darauf dass das Glück zurückkehrt, die Schwerelosigkeit, die Unschuld.
    Ist er eigentlich machbar, dieser Spagat zwischen Gesellschaft sein und man selbst sein? Gibt es eine Möglichkeit beides zu verbinden oder ist jeder Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt und eines von beidem bleibt unweigerlich auf der Strecke? Worin liegt das Geheimnis? Oder ist die Kunst gar die, das Ich zu behalten und zu warten dass die Gesellschaft sich angleicht? Was, wenn die Gesellschaft einen nicht mag? Es scheint ungewöhnlich zu sein, sein Leben mit der in meinen Augen gebotenen Ruhe und Freude zu begehen. Alle sind schnell. Alle sind ernst. Niemand lächelt.
    Da stehe ich in Ruhe vor der Ladentür und freue mich über die kühle, leichte Luft die der Regen der vergangenen Nacht zurückgelassen hat. Die vorüber eilenden Passanten haben keinen Kopf. Der steckt in den übervollen Aktenkoffern, den Terminkalendern, Geschäftsessen und Guccianzügen. Einer sieht hoch, sieht mir ins Gesicht und lächelt mit mir einen gütigen Moment, ehe seine Gesellschaft ihn mit einem penetranten Handyklingeln zurückholt. Ein Verbündeter auf der Suche nach dem Kompromiss? Oder doch nur wieder ein weiterer Schmarotzer der die letzte Abzweigung vor dem Weg zum Selbstverlust verpasst hat und diesen Moment nutzt um eine Sekunde in melancholischen Erinnerungen zu schwelgen?
    Ich gehe zurück in meinen Garten und atme tief ein. Ich suche nach dem Geruch der Freiheit und des Glücks. Ist es falsch nach der Kindheit zu suchen, nach dem naiven Glück? Darf man danach suchen? Oder sind solche Wünsche als Rückschritt in der persönlichen Entwicklung anzusehen und somit verpönt? Dabei leben wie in einer Zeit die die Suche nach den eigenen Wurzeln, dem inneren Selbst überaus furchtbar kultiviert hat: nie zuvor wurde so großer Wert auf Individualität, Selbstbewusstsein und Originalität gelegt. Der Mensch als solcher ist gefragt in seiner Firma und seiner Meinung. Es gibt Selbstfindungsseminare en masse und an jeder Ecke schießt eine neue Religion, neue Sekte, neue Selbsthilfegruppe, neue Kampfsport- und Funsportart und was weiß ich nicht noch alles aus dem Boden. Und jeder Einzelne von ihnen predigt seinen Weg zur Selbstfindung die einzig und allein dem Zweck dient ihrer Jünger Geld den Weg ihn ihre Geldbeutel zu ebnen. Früher war alles besser. Zur Selbstfindung zog man sich zurück, übte sich als Eremit in Meditation und Askese. Wenn man sich heute isoliert mit dem Zweck seine Seele zur Ruhe kommen zu lassen und dem Wunsch sich und die Welt etwas besser verstehen zu wollen erntet man lediglich entsetzte Blicke und Vorwürfe, man vereinsame, verlerne zu interagieren und seine Kompromissbereitschaft und zu guterletzt wird man als unmodern, als Freak, als geschmacklos, als Mensch der den Fortschritt nicht zu schätzen wisse angeprangert. Kann es sein, dass sich niemand mehr seines Lebens bewusst ist (sein will) und nur möglichst uniform und unauffällig dahinlebt als sei unsere Regierung ein besetzendes Russland das jeden Ausbruch von Individualität, Freiheitsliebe und autonomem denken mit Denunzierung, Kompromittierung und menschenfeindlicher Hetzjagden quittiert. Es gibt aber keine öffentliche Anprangerung für menschliches Handeln, freies unfixiertes Denken und ebenso wenig für eine eigene Meinung. Warum also versuchen die Menschen, das politisch freie Volk, sich Selbst ein solches, wenn auch auf gesellschaftlichern (Druck)Mitteln basierendes Regime aufzubauen, während sie dieses System noch im selben Atemzug verteufeln, sei es Faschismus, sei es Kommunismus; ist der Mensch Sadist, ist er Voyeur oder Masochist, denn Schlussendlich ist immer er es der sich in Ketten legt.
    Diese Welt habe ich verlassen. Vorerst. Was die Zukunft bringt weiß niemand. Vielleicht werde ich berühmt, vielleicht reich, vielleicht mache ich Karriere. Vielleicht auch nicht. Dafür ist jetzt nicht die Zeit. Doch für was ist dann die Zeit? Philosophie? Drogen? Musik? Hemmungsloser Sex? Bei allem stellt sich die Frage mit wem. Und ich will mich nicht binden. Nicht jetzt. Nicht schon wieder. Es wäre das Leichteste sich einen Rock'n'Roll BABY DOLL HADE!lpel zu suchen, irgendeinen; alle sind sie notgeil. Aber dann hätte ich nichts gelernt. Und warum ständig mit irgendeinem Typen schlafen, nur um des Sexes Willen; das ist schwach. Und unnötig. Das Spiel ist?s, das reizt. Und Sex bar jedes Gefühls ist sinnloses Rammeln und macht keinen Spaß. Da liegt oft mehr Intimität und Befriedigung im Blick eines Menschen als in seinem Schwanz. Danke, ich verzichte.
    Ja. Manchmal muss es schon sein, manchmal braucht jeder Sex. Aber ich werde nicht bleiben; nicht jetzt. Vielleicht komme ich wieder, vielleicht liege ich heute Nacht bei einem Anderen, betäubt von den Drogen. Frag mich nur, ich antworte ehrlich. Aber ob ich dann wiederkomme kannst du nicht wissen. Wenn du zu viel fragst weißt du zu viel. Dann HAAADE! CIAO!!nnte ich genauso gut bleiben. Aber bleiben will ich nicht.



    Re: Frau Röschens Garten

    Neuröschen - 25.04.2005, 20:01


    ihr dürft auch gern was dazu schreiben. sonst hätt ichs nich online stellen brauchen



    Re: Frau Röschens Garten

    Anonymous - 26.04.2005, 20:18


    Da war doch einer der Morgende nach einem Regenschauer, an dem die feuchte, kalte Luft der Nacht, die sich mit den ersten, warmen Sonnenstrahlen des Frühlings vermischt, die Menschen daran erinnert, dass es noch etwas gibt, das sie weder steuern noch kaufen HAAADE! CIAO!!nnen und sie tun ihr möglichstes, es deswegen zu ignorieren. Sich über so etwas Banales zu freuen wäre altmodisch, ja fast ein Rückschritt, und in jedem Fall nicht ihrer großartigen Zivilisation angemessen („Selbstverständlich weis ich so etwas zu schätzen! Aber wo soll denn hier der weiße Sandstrand mit dem azurblauen Meer sein? Dieses deutsche Wetter mach mich…“).
    Die Straßen füllen sie schnell am Morgen, und die Menschen hasten durch den kühlen Nebel, den sie nicht spüren, über die von Tau bedeckten Pflastersteine, die sie nicht sehen, zur Arbeit oder zu einer der Tätigkeiten, deren Widerspruch schon in dem sie bezeichnenden Wort, Freizeit-beschäftigung, deutlich wird. Doch ein kleines Mädchen stört bei dieser sonst so gut geübten Verdrängung (sie nennen sie: „sich aufs wesentliche Konzentrieren“!), die Augen des Mädchens müssen ein Zeichen tragen, Narben eines Kampfes gegen sich selbst, den nur Wenige gewinnen unter der Last einer sogenannten „modernen Gesellschaft“, die Einen meist schon zu Boden drückt, bevor die erste Runde beginnt. Beteiligungslos steht sie am Rand eines Aufruhrs, den sie ungewollt zu verursachen scheint. Die Menschen erahnen in ihrer Freiheit die eigene, von der sie nicht zugeben wollen, dass sie noch nicht verloren ist. Es ist schwer, nicht an sie zu glauben, wenn sie so leibhaftig vor ihnen steht. Das Mädchen schaut sich um, man nimmt sie wahr, Blicke treffen sie, einige von ihnen grollen ihr nur ihrer Existenz, die die Eigene in Frage stellt, andere neiden oder bewundern an ihr die Freiheit, die sie fast vergessen hatten und die sie für sich nicht für möglich halten. Die Meisten jedoch bemerken nur gleichgültig, dass an ihr irgendetwas anders ist und gehen beteiligungslos weiter. Leider sind die Meisten damit jedoch am hoffnungslosesten Verloren.
    Doch niemand scheint zu ahnen, wie einsam das Mädchen mit ihrem Sieg ist. Was ist er wert, wen niemand da ist ihn zu teilen? Wie soll man mit Blinden über Farben sprechen? Und warum kann diese verfickte Gesellschaft nicht sehen, wie lächerlich sie sich macht, wenn sie sich für kritisch, unersetzlich und perfekt hält? Warum hängt ihnen ihre Durchschnittlichkeit, ihre Konformität nicht schon lange zum Hals heraus? Braucht es erst wieder einen Weltkrieg um ihr zu beweisen, das der Lebenslauf und Lebensziele nicht im Grundgesetz festgeschrieben sind und das, selbst wenn es so wäre, das Grundgesetz auch nur ein Stück Papier ist, das durch die Menschen lebt?
    Ich würde dem Mädchen gern helfen, aber zum einen kann und will ich nicht in ihre Geschichte eindringen, und zum anderen geht es mir kaum besser als ihr. Ich kann nicht einmal Kraft aus meiner Kindheit schöpfen, ich will mich nicht der verlockenden Illusion hingeben, unwissende Unschuld sei besser enttäusche Neugier. Das Gänseblümchen existiert, so wie es in meiner Kindheit existiert hat, wenn ich es in der Hand halte sehe ich keine Unterschied, ich kenne es nur inzwischen besser, das ist alles. Ich kann nur hoffen es gibt noch andere, unbekannte Blumen. So lange kann man sich nur betäuben. Sex hilft, vor allem weil man dabei nicht denkt. Sowie Essen. Oder Alkohol. Doch nur kurz, zu schnell gewöhnt man sich, und eine Stumpfheit des Empfindens legt sich über die verschwitzen HAAADE! CIAO!!rper, das halbleere Weinglas oder das letzte Stück Nogatschokolade. Die Droge verliert ihre Wirkung, wenn man zu lange genießt. Und am Ende bin ich doch wieder allein, verkatert.



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