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Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 18.02.2005, 14:22Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Fallbeispiel „Schiffbruch“ entnommen aus DSM IV – Fallbuch
Frau T. war das einzige Kind einer in sie vernarrten Mutter. Der Vater starb im 2. Weltkrieg, als sie 3 Jahre alt war. Ihre Mutter war eine starke und besitzergreifende Frau, die ihre Tochter einkleidete, wie eine zerbrechliche Puppe behandelte und ihr alle Entscheidungen abnahm. Frau T.’s Mutter teilte ihr den Tag mit Hausaufgaben und vorher festgelegten sozialen Aktivitäten ein und suchte ihr sogar die Freunde aus. Die Klientin wohnte noch während ihrer ersten 3 Studienjahre zuhause. Frau T.’s Mutter starb plötzlich bei einem Autounfall, als die Klientin im 3. Studienjahr war.
Herr T. war damals der Anwalt und Testamentsvollstrecker der Mutter. Er übernahm nach deren Tod alle geschäftlichen Angelegenheiten für Frau T. und wurde bald zu ihrem Berater und Vertrauten. Frau T. War erleichtert, als er sie bat, sie zu heiraten, wie sie zum Auffüllen der entstandenen Lücke schnell vollkommen abhängig von ihm geworden war.
Inzwischen ist Frau T. eine 53jährige Mutter von 3 Kindern zwischen 20 und 30 und geht nur auf Betreiben Ihrer Kinder in Therapie. Ihr Ehemann hat sie nach 30 Jahren Ehe vor einem Jahr wegen einer anderen Frau verlassen und es gelingt ihr seither nicht, irgendetwas zu unternehmen. Sie fühlt sich ständig ängstlich und unfähig, Entscheidungen darüber zu treffen, was sie in jeder Hinsicht in ihrem Leben anfangen soll (z.B. ob sie weiter in ihremHaus wohnen bleiben soll und sogar, welche Kleidung sie kaufen soll). Sie fragt ständig ihre Kinder um Rat und bittet sie um die emotionale Unterstützung, die sie bisher von ihrem Mann bekam. Ihre Kinder lieben sie und haben Verständnis für ihre Notlage, sind aber zunehmend verärgert über ihre Unfähigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen. Freunde, die Frau T. früher sehr gemocht haben, fühlen sich von ihren ständigen Bitten um Hilfe abgestoßen und beginnen, sie zu meiden.
Die meisten Freunde und Bekannten können nicht verstehen, warum Frau T. so niedergeschmettert durch die Trennung des Ehemannes ist. Er war notorisch untreu, unfähig zu Freundlichkeit und hat sie finanziell immer knapp gehalten. Allerdings hat er alle wichtigen Entscheidungen für Frau T. getroffen. Er bestimmte, wie sie ihr Geld ausgeben und investieren sollte, wo sie wohnen, wann und wohin sie in Urlaub fahren, wann und wohin sie zum Essen ausgehen, wo die Kinder zur Schule gehen und sogar, zu welcher Berufslaufbahn die Kinder angehalten werden sollten. Herr T. begleitete sie immer beim Einkaufen und half ihr bei der Auswahl ihrer gesamten Garderobe. Nachdem er sie verlassen hatte, brach Frau T. zusammen, fühlte sich unfähig, irgendetwas zu tun und verfiel in verängstigte Hilflosigkeit.
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Jessica - 18.02.2005, 14:26
na, da sind wohl durch den Verlust des Mannes so einige Verstärker verloren gegangen - wenn man den Fall unter dem Aspekt der Verstärker-Verlust-Theorie betrachtet.
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 18.02.2005, 14:29
Definition und Ursachen von Persönlichkeitsstörungen allgemein
Definition
Personen mit Persönlichkeitsstörungen zeigen anhaltende und kaum veränderliche Verhaltensmuster, die starre Reaktionen auf unterschiedliche Lebenslagen bewirken. Sie unterscheiden sich von der Mehrheit der Bevölkerung durch deutliche Abweichungen im Bereich Wahrnehmung, Denken, Fühlen und in Beziehungen zu anderen. Dabei ist die persönliche und soziale Funktions- und Leistungsfähigkeit oft gestört.
Eine Persönlichkeitsstörung liegt nur vor, wenn ausreichend viele dieser Merkmale zutreffen und die Störung dauerhaft besteht.
Eine Persönlichkeitsstörung beginnt bereits im Kindesalter oder in der Pubertät und dauert bis ins Erwachsenenalter an. Zu unterscheiden ist sie von einer Persönlichkeitsänderung, die erst im Erwachsenenalter erworben wird, etwa nach einer extremen Belastungssituation.
Persönlichkeitsstörungen werden entsprechend ihrem auffallendsten Merkmal unterteilt. Dabei können aber durchaus Überschneidungen vorkommen.
Ursachen
Über die Ursachen und die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen herrscht derzeit keine einheitliche Vorstellung. Es herrscht auch kein Konsens darüber, was als Persönlichkeitsmerkmal zu klassifizieren ist und ab wann die Kriterien einer Störung erfüllt sind. Sowohl der Begriff "Persönlichkeit" als auch deren Störungen werden als Ergebnis komplizierter Wechselwirkungen aus Umwelt- und Anlagefaktoren gesehen
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 18.02.2005, 14:31
Beim obigen Fallbeispiel "Schiffbruch" handelt es sich um eine
abhängige Persönlichkeitsstörung
Die abhängige P. ist gekennzeichnet durch
- mangelnde Fähigkeit zu eigenen Entscheidungen
- ständiges Appellieren an die Hilfe anderer
- Abhängigkeit von und unverhältnismäßige Nachgiebigkeit gegenüber anderen
- Angst, nicht für sich selbst sorgen zu können und der
- Angst, von einer nahestehenden Person verlassen zu werden und hilflos zu sein.
Diese Form der Persönlichkeitsstörung ist häufig gekoppelt mit leichten bis mittleren Depressionen, die aus der Handlungsunfähigkeit resultieren, worüber sich die Betroffenen selbst auch oft Vorwürfe machen.
Und es können vermehrt Angstzustände auftreten, wenn die Bedrohung des Verlassenwerdens, oder des hilflos seins zu groß wird.
Laut dem offiziellen Verzeichnis der Störung wird sie so beschrieben:
F60.7 abhängige (asthenische) Persönlichkeitsstörung
Häufigkeit in der Gesamtbevölkerung : weniger als 1 %
Personen mit dieser Persönlichkeitsstörung verlassen sich bei kleineren oder größeren Lebensentscheidungen passiv auf andere Menschen. Die Störung ist ferner durch große Trennungsangst, Gefühle von Hilflosigkeit und Inkompetenz, durch eine Neigung, sich den Wünschen älterer und anderer unterzuordnen sowie durch ein Versagen gegenüber den Anforderungen des täglichen Lebens gekennzeichnet. Die Kraftlosigkeit kann sich im intellektuellen emotionalen Bereich zeigen; bei Schwierigkeiten besteht die Tendenz, die Verantwortung anderen zuzuschieben.
Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung erleben sich selbst als schwach und hilflos. Sie fühlen sich unfähig, das eigene Leben selbstständig zu führen. Die Unterstützung durch andere erscheint Menschen mit dieser Störung unverzichtbar. Es besteht ein Mangel an Selbstverantwortung. Das Vertrauen Betroffener in die eigenen Fähigkeiten und die eigene Urteilskraft ist reduziert. Dementsprechend lassen sie die wichtigen Entscheidungen auch für das eigene Leben oft von anderen treffen. In zwischenmenschlichen Beziehungen erweisen sich Betroffene in der Regel als passiv, unterwürfig und überaus anhänglich. Sie passen sich oft vollständig den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Mitmenschen an. Oft vertreten sie keine eigene Meinung. Menschen mit abhängiger Persönlichkeitsstörung haben große Angst, verlassen zu werden. Sie können schwer allein sein. Die Beendigung einer Beziehung ist für Betroffene übermäßig schwer zu ertragen.
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 18.02.2005, 14:35
Mich würde interessieren, bevor ich beschreibe, welche Therapieansätze hier zum tragen kommen, was Ihr alle Euch vorstellen könnt, wie man einer solchen Klientin helfen könnte.
Auf was für Ideen würdet ihr z.B. kommen, wenn es sich um eine Freundin von Euch handeln würde?
LG
Amanda
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
netzmaus - 18.02.2005, 14:45
Hallo Amanda!
Ist das jetzt nur eine Fachdiskussion unter Fachleuten oder dürfen wir (ich) auch mitreden? :)
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 18.02.2005, 14:49
Nein nein, Netzmaus, das soll gar nicht für Fachleute sein!!!!
Ganz im Gegenteil! ich möchte ja, daß Ihr "Psycho-Laien" einfach mal kreative Ideen entwickelt.
Lustigerweise, kommen nämlich genau die sehr häufig in den gängigen Psychtherapien auch vor.
LG
Amanda
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Anonymous - 18.02.2005, 15:06
Ok, es dauert nur noch n bisschen. Sehr interessant der Fall
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
netzmaus - 18.02.2005, 15:10
Das oben war jetzt netzmaus.
Übrigens Laien? Ich hatte komischerweise in der PsychologiePrüfung mündlich ne Eins und außerdem diverse Erfahrungen. *gg*
netzmaus
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
casel - 18.02.2005, 15:21
Aber ich wäre da einer - definitiv!
LG - Casel
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
netzmaus - 18.02.2005, 23:19
Hallo! Jetzt grüble ich schon die ganze Zeit darüber nach, was ich denn jetzt schreiben soll.
Zuerst muss ich mal jetzt sagen, dass mich das Ganze an meinen Psychologieunterricht erinnert. Dort habe ich genau wie hier bewusst oder unbewusst klitzekleine Parallelen zu mir selbst gezogen. (Ich sage aber auch, dass es bei mir gewisse Parallelen in Wirklichkeit gibt, nur sind sie bei mir im Moment hintergründig) Bis dann unsere Lehrerin sagte, dass wohl jeder Mensch in diesen Aussagen Parallelen mit sich sehen kann - die aber im Unterschied zur Erkrankung laut Definition keine Erkrankung darstellt, sondern etwas ganz natürliches. Bei dem einen ist dies mehr oder weniger ausgeprägt. Und es kommt auch darauf an, ob man sich mental dieser Sachen annimmt oder nicht. Ich hab dann zum Glück den Abstand zu den besprochenen Themen gefunden. Gott sei dank. Obwohl von den Lehrern oft die Bemerkung kam, dass diese Ausbildung (zum Sozialarbeiter) bitte nicht dazu diene sich selbst zu therapieren. Bei stabilen Personen ist das sowieso nicht der Fall, aber bei solchen, die eben schon irgendein Problem haben, so meine Meinung.
Also im Moment fällt mir da vielleicht nur ein, wenn sie eine von meinen Jugendlichen wäre. Würde ich versuchen, so auf sie einzuwirken, dass sie erst einmal aus ihrem Umfeld herauskommt. Weg von der Familie erstmal. Damit die auch sich mal erholen können. Das ist ja auch für das Umfeld ziemlich belastend. Wobei den Familienangehörigen empfohlen wäre, sich selbst auch Hilfe zu holen. Um ihnen Wege und Verhaltensweisen im Umgang mit dem Betroffenen aufzuzeigen.
Ansonsten würde ich dafür plädieren (wenn es jetzt ein Jugendlicher wäre), dass er/sie sich entweder eine eigene Wohnung oder eine WG sucht. Aber das ist ja bei der Frau nun mal nicht gegeben. Ich würde erstmal versuchen, sie an die Hand zu nehmen, zumindest für den Anfang und ein Stück weit zu begleiten. Natürlich darf dabei keine zweite Abhängigkeit aufgebaut werden. Einfach zeigen, wie die Welt ist, einkaufen gehen, auf Hilfeersuchen vorerst reagieren, positive Rückmeldungen geben, wenn sie sich zum Beispiel selbst ein Kleidungsstück ausgesucht hat. Danach würde ich versuchen, sie mit anderen Leuten bekannt zu machen, vorrangig in ihrem Alter. Das Problem ist nur, wie bekomme ich es hin, dass sie all das auch macht??? Wenn es eine meiner Jugendlichen wäre, würde ich erstmal ein Vertrauensverhältnis aufbauen, langsam und ohne Aufdrängen. Wenn man natürlich in der Praxis sitzt (Tschuldige, den Ausdruck)ist es was ganz anderes. Da ist nur die Zeit des Aufenthaltes in der Praxis an dem und dem Tag. Hier muss ich versuchen, anders ranzugehen, wenn sie schon freiwillig kommt. Wenn natürlich nicht ganz freiwillig, wie in diesem Fall, stelle ich mir das relativ schwierig vor. Da muss man verstärkt darauf achten, dass das Vertrauensverhältnis auch "aufkommt". Und dann sanft positiv einwirken. Eine Art Gesprächstherapie. Über lockere Unterhaltung, und dann beiläufig bestimmte Verhaltensweisen erwähnen. Aber ich bin kein Psychologe.
Wenn sie meine Freundin wär, könnte ich mir vorstellen, sie einfach an die Hand zu nehmen, ihr soviel wie möglich von der Welt zu zeigen, mit ihr zum Beispiel in Cafes zu gehen, sie mit anderen bekannt machen, vielleicht auch ein gemeinsames Hobby finden. Ihr den Beginn ihres neuen Lebens klar machen, dass sie es jetzt selbst in der Hand hat, was sie mit ihrem Leben macht. Und zuhören, sie auffordern, auch von früher zu erzählen. Ihr dabei aufzeigen, dass ich ihre Ängste verstehe. Auch von meinen Problemen erzählen, damit sie merkt, sie hat nicht alleine alle Probleme für sich gekauft. (Ja!! Jetzt finde ich auch mich wieder!) Vielleicht könnte man aber auch eine gemeinsame Reise unternehmen. Aber eine Frage steht für mich immer noch offen: Was, wenn sie so in ihrer Stumpfheit drin steckt, dass sie gar nicht mehr dort raus will, vielleicht ist es ihr sehr unangenehm, so "bedrängt" zu werden. Und was wäre dann die Folge, dann würde ich mich genauso wie ihre Kinder auch zurückziehen, und das ganz ungewollt, eher bedingt durch Ratlosigkeit. Dann wäre auch ich gezwungen mir Hilfe zu suchen, um Wege zu finden. Aber wie gesagt, ich wüsste nicht genau den Weg.
netzmaus.
übrigens das mit der Psychologieprüfung oben war nicht ganz ernst gemeint. Alles nur Theorie. Es ging dabei um Stress, und da konnte ich ein Lied von singen.
LG
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Jessica - 19.02.2005, 01:16
Hallo Netzmaus,
vor allem bei Persönlichkeitsstörungen werden schnell Parallelen gezogen. Jeder hat bestimmte Merkmale, die mehr oder weniger stark ausgeprägt sind. Das Buch, welches ich für meine Prüfung gelesen habe, "warnt" einleitend auch davor, dass ,man sich nicht zu sehr darin finden soll und nicht "gestört" ist, weil man Gemeinsamkeiten findet.
Persönlichkeitsstörungen an sich sind recht schwer zu therapieren, ich vermute deswegen, weil Persönlichkeitsmerkmale meist recht stabil sind.
LG
Jessica
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
netzmaus - 19.02.2005, 20:04
Hallo Jessi,
Ja, dass die Persönlichk-strg so schwer therapierbar sind, liegt wohl daran, dass sich Einstellungen, gelerntes Verhalten usw. inzwischen so tief reingefressen haben, dass es wohl nicht unbedingt die Schwierigkeit ist, sondern eher das langwierige Umpolen der inneren Einstellungen, die ja auch noch unbewusst vorhanden sind, und oft auch unerkannt bleiben.
Wobei ich den Begrifff Perskeitsstörg (jetzt fällt mir die Abkürzung nicht ein) als ziemlich weichgrenzig auffasse. Man muss ja erstmal wissen, ob eine Änderung der PSK oder eine Störung der PSK-struktur handelt. Eine Änderung der Persönlichkeit ist da doch nicht so leicht nachvollziehbar, schließlich weiß man ja meistens nicht, wie oder wer die Person vorher gewesen ist.
Bsp. Meine Schwägerin - sie ist nie mit irgendwas zufrieden, sie zieht ständig über alle Leute her, alles was andere machen hält sie für falsch.
Ihr Vater war Trinker, ihr Bruder ist geistig behindert - wofür sie sich schämt.
Mit 16 bekam sie ein Kind, wurde zur Adoption freigegeben. Sie will überhaupt nichts darüber wissen. Irgendwann muss sie angefangen haben zu schwindeln, sich über andere zu erheben, bloß um etwas darzustellen.
Sie ist sogar eine Zeitlang von einem Arzt zum anderen gegangen, um sämtliche Krankheiten "zugewiesen" zu bekommen. Sie war regelrecht darauf aus. Dann folgten Diäten, die sie durchzog, weil sie sich für dick hielt. DAs artete fast in Magersucht aus. Es ist mir dann aber wenigstens gelungen, sie davon abzubringen. Ich sagte ihr, dass sie viel zu dünn sei. Das hat scheinbar schon geholfen. Dansn sucht sie mit allen Streit, mit mir kann sie das jetzt nicht mehr, aber sie hats lang genug durchgezogen.
Das waren harte Zeiten auch für mich. Jedes Mal, wenn sie Leute kennenlernt, sind die solange gut genug, bis irgendjemand irgendetwas gegen sie sagt, dann ist alles aus und vorbei. Ihre eigene Mutter, die obendrein schon ziemlich alt ist, beschimpft sie regelmäßig und bringt sie zum Weinen auf der anderen Seite, bekommt meine S. alles was sie haben will von ihr (auch Geld). Sie bauen jetzt das zweite Haus, weil das alte nicht mehr gut genug ist. Und meinen Schwager verstehe ich schon lange nicht merh.
Na ja, usw. usf.
Das halte ich (als Halblaie) für eine Persönlichkeitsstörung, vermutlich wurde der Grundstein dazu schon in der Kindheit gelegt.
Also ich kann mir dabeim besten willen keine Therapie vorstellen, die hier so ganz schnell helfen sollte.
Lg netzmaus
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 22.02.2005, 13:07
So, nachdem Ihr ja nun schon ein paar Tage zum Überlgen und Mitdiskutieren hattet, wollen wir heute mal Therapie-Ansätze vorstellen.
Du hast Recht Netzmaus, die therapie von Persönlichkeitsstörungen ist langwierig und schwierig.
Es gibt auch nicht "die einzige" Therapie, die man durchzieht.
Meistens ist es sinnvoll, mit Teilproblemen der Persönlichkeitsstörung zu beginnen und die Therapie auf die Einzelprobleme anzupassen.
D.h. meistens ist es so, daß verschiedene Therapien Anwendung finden.
Ich werde jetzt gleich mal 2 Therapien herausgreifen und sie kurz beschreiben.
Die Ansätze, die Du oben gebracht hast, sind schon gar nicht schlecht. Sie passen im Prinzip auch in die gleich beschriebenen Therapien. Im einzelnen werde ich später noch darauf eingehen.
LG
Amanda
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 22.02.2005, 13:08
Ansatz Nr. 1 Kognitive Verhaltenstherapie
Wie der Name schon sagt, umfaßt Kognitive Verhaltenstherapie sowohl kognitive (=Erkenntnis betreffend; Einstellungen, Gedanken, Selbstgespräche, Vorstellungen und Interpretationen) als auch verhaltensbezogene Techniken; sie hat sich seit den 50er Jahren aus der Verhaltenstherapie entwickelt. Wichtige Vertreter dieser Richtung sind A. BECK, A. ELLIS und D. MEICHENBAUM, die ihr Interesse verstärkt auf innere gedankliche und bildhafte Prozesse legen. Grundannahme ihrer Theorien ist, daß Gefühle und Verhaltensweisen ein direkter Ausdruck von Gedanken sind. Deshalb wird im Therapieprozeß daran gearbeitet, irrationale, ungesunde und problematische Denkweisen, die mit psychischen Problemen einhergehen, zu verändern. Ein typisches gerne von ELLIS angesprochenes Beispiel ist die Gedankenkette: "Ich muß von allen geliebt und gemocht werden, wenn dies nicht der Fall ist, so ist es schrecklich." Solche Gedanke führen zu Ängsten und/oder Depressivität. Derartige Gedanken werden in der Kognitiven Verhaltenstherapie hinterfragt und bearbeitet, wenn der Klient sich dazu entschieden hat, z.B. die damit verbundenen Probleme verringern zu wollen.
Verhaltenstechniken stammen aus der Verhaltenstherapie und haben einen gleich hohen Stellenwert in der Kognitven Verhaltenstherapie. Basisannahme dabei ist, daß ungünstige, problematische Verhaltensweisen erlernt wurden und wieder verlernt werden können. Typische Strategien dabei sind zum Beispiel der Aufbau von selbstsicheren Verhaltensweisen, Entspannungsverfahren oder die gezielte Konfrontation mit gefürchteten Objekten.
Sowohl kognitive als auch verhaltensbezogene Techniken haben sich als effektiv in der Behandlung von Ängsten, Phobien (=Ängste vor Objekten) und Depressionen erwiesen. Dies ist vielfach wissenschaftlich untersucht und nachgewiesen worden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß (Kognitive) Verhaltenstherapie neben tiefenpsychologischen Methoden am ehesten von deutschen Krankenkassen bezahlt wird. Im Gegensatz zu tiefenpsychologischen Ansätzen wird die Kognitive Verhaltenstherapie manchmal als oberflächlich und günstig für "Kurzzeitprobleme" betrachtet. Es hat sich jedoch herausgestellt, daß die Kognitive Verhaltenstherapie auf eine breite Anzahl von Problemen angewendet werden kann. Sie unterstützt den Klienten schon sehr frühzeitig darin, seine Probleme langfristig ohne den Therapeuten verändern zu können.
Re: Fallbeispiel 1: Schiffbruch erlitten
Amanda - 22.02.2005, 13:39
Ansatz 2 : Rational Emotive Therapie
RATIONAL-EMOTIVE THERAPIE
Im folgenden wird die von ALBERT ELLIS entwickelte Rational-Emotive Verhaltenstherapie als eine besonders strukturierte und auf Selbsthilfe abzielende Methode vorgestellt. ELLIS entwickelt seit den 50er Jahren als Alternative zur klassischen eher passiven Psychoanalyse und als Erweiterung verhaltenstherapeutischer Techniken die Rational-Emotive Therapie (RET), die er seit einigen Jahren Rational-Emotive Verhaltenstherapie nennt. Er läßt sich dabei besonders von den Stoikern leiten: "Die Menschen werden nicht durch die Dinge selbst verwirrt, sondern durch die Art, wie sie über sie denken." Beeinflußt wurde er auch von den Lehren Bertrand Russells und Alfred Adlers.
Im Mittelpunkt seiner Theorie steht das sogenannte "ABC-Modell der Gefühle", wobei mit A (=activating event) das auslösende Ereignis eines Problems, mit B (=Believes) Gedanken und Bewertungen und mit C (=consequences) Gedanken und Gefühle gemeint sind. Dazu ein Beispiel:
A = Auslösendes Ereignis
B = Gedanken und Bewertungen
C = Gefühle und Verhalten
A: Auslösendes Ereignis: "Ich sitze im Bus. Katja setzt sich neben mich."
B: Gedanken und Bewertungen: "Jetzt ist wieder eine Möglichkeit, sie zu einem Kaffee einzuladen. Das ist meine letzte Chance, sie zu fragen. Sicherlich sagt sie nein oder ... sie lacht mich aus. Andere hier im Bus bekommen das mit. Sie erzählt es meinem Kollegen und der lacht mich aus. Das wäre mir furchtbar peinlich. Ich könnte mich hier im Bus und bei meiner Arbeit nicht mehr sehen lassen.“
C: Gefühle: Angst, Aufregung, Niedergeschlagenheit;
Verhalten: unruhiges Hin- und Herrutschen, Zittern
ELLIS geht davon aus, daß irrationale Bewertungen oder Einstellungen über Erziehungs-, Kultur- und Sozialisationsprozesse erworben worden sind. Jeder Mensch entwickelt eine eigene Philosophie, die sich in seinen Selbstgesprächen wiederspiegelt. Dabei werden nicht alle problematischen Verhaltensweisen in den ersten Lebensjahren erworben sondern auch später.
Ein Therapeut, der mit der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie arbeitet, wird unter anderem folgende Techniken einsetzen: Disputation unangemessener, irrationaler oder ungesunder Denkweisen: Nachdem der Klient und der Therapeut einig darin sind, ein bestimmtes Gefühl, zum Beispiel Angst vor einer Prüfung (in Lampenfieber) zu verändern, wird der Therapeut das bisherige Denken konfrontativ hinterfragen (=disputieren). Er geht dabei wie ein Wissenschaftler mit logischen Denkregeln vor. Wenn der Klient glaubt, ein Versager zu sein, wenn er die bevorstehende Prüfung nicht schafft, fragt ihn der Therapeut z.B., ob er diesen Glauben beweisen kann.
Erstellung von ABCs: Der Therapeut bittet den Klienten, zu Hause ABCs über problematische Verhaltensweisen oder belastende Gefühle zu erstellen. Er soll sich z.B. dann, wenn die Angst kommt, hinsetzen und sich die auslösenden Situationen und seine Bewertungen bewußt machen. Das geht am Besten mit strukturierten Notizen. Im Laufe der Therapie lernt er dabei, zunehmend selbständig eigene unangemessene Denkweisen zu hinterfragen.
Durchführen von Rational-Emotiven Imaginationen (=Vorstellungen): Der Therapeut bittet den Klienten, sich bei verschlossenen Augen ein bestimmtes belastendes Gefühl vorzustellen und die damit zusammenhängenden Gedanken zunächst zu betrachten. Danach verändert der Klient mit dem bewußten Einsetzen der neu erlernten Gedanken das belastende Gefühl. Hier wird also eine belastende Situation zunächst durch mentales Üben bewältigt.
Verhaltensübungen: Nachdem der Klient erlernt hat, bei einem bestimmten Problem anders zu denken, kann er durch eine Verhaltensaufgabe im Alltag lernen, die Veränderungen zu überprüfen. Zum Beispiel kann jemand, der Angst vor Ablehnung hat, kleine Experimente machen, wo er mit Ablehnung rechnen muß und dabei sehen, daß die damit verbundene Erfahrung aushaltbar ist.
Sie sehen daran, daß die Rational-Emotive Verhaltenstherapie eine direkte, eher konfrontative Therapieform ist. Der Therapeut hinterfragt sehr genau die Gedanken und Bewertungen, die zu belastenden Konsequenzen führen und sucht nach gedanklichen Alternativen. Dies geschieht natürlich in einer Atmosphäre des Respekts vor den Problemen des Klienten. Rational-Emtovie Verhaltenstherapie hilft, in Belastungssituationen mit rationalen Mitteln Gefühle und Verhaltensweisen angemessen zu steuern. Dies führt jedoch nicht dazu, daß wir unsere Gefühle verlieren und uns wie ein Roboter verhalten. Ein Beispiel dafür ist Ärger: zu viel davon bringt unser vegetatives Nervensystem in Fahrt und führt zu gesundheitlichen Problemen; leichter Ärger, hingegen motiviert eher, demnächst bessere Lösungen zu finden. Es kommt also auf das Ausmaß eines Gefühls an.
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