Ein etwas anderer Arbeitstag in Stuttgart

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    Re: Ein etwas anderer Arbeitstag in Stuttgart

    Bushrescue - 30.05.2007, 18:54

    Ein etwas anderer Arbeitstag in Stuttgart
    Die Arbeit beginnt, Stuttgart an einem sonnigen Feiertag, lässig wird die Sonnenbrille aufgesetzt und der Auftrag entgegengenommen. Ein Brand 4, nichts besonderes, das MDV geschnappt und schon mal alles eingetippt, so das der Einsatz wie fast immer nur noch beendet werden muss. Auf der Anfahrt die erste Lagemeldung, es gibt wohl schon einen Patienten, mehr ist nicht bekannt. Unsere Erwartung: leichter Rauchgasintox, wie immer halt. Der ELRD fordert gleich einen zweiten RTW nach, damit wir uns ungestört um den Patienten kümmern können. Wir nehmen Aufstellung hinter dem Löschzug und machen die Abgehende Straße dicht.

    Der Kollege steigt aus und zieht sich Vorbildmässig Jacke und Helm an, um sich seinen Weg zum ELW der Feuerwehr zu bahnen: Wir sind da! Ich bleibe mit unserem Praktikant am Auto stehen, erkläre ihm unsere Vorgehensweise, Taktische Einzelheiten des Rettungsdienstes bei Bränden und halten nebenbei den Funk besetzt. Aus den Augenwinkeln sehe ich wie mein Kollege angerannt kommt. Erster Gedanke: Scheiße, er rennt, jetzt ist wirklich was passiert.

    Kurz hinter ihm rennt ein Mann auf uns zu, Ruß verschmiert, in seinen Armen hält er ein kleines lebloses Kind, nicht älter als 4Jahre. Sie ist schwer verbrannt. Noch bevor sich der Schock dieses Anblicks gelegt hat, wird der Notarzt nachalamiert. Der Mann springt in den RTW legt uns die Kleine auf die Trage und steigt aus. Erst einmal läuft alles durcheinander, keiner von uns hatte auch nur im Entferntesten an so ein Szenario Gedacht.

    Sie qualmt noch, wir müssen kühlen, die Ringer im Fach sind zu warm, raus aus dem Auto, den Koffer auf und die Ringer raus zum kühlen. Die kleine liegt regungslos auf der Trage, bewegt sich nicht, wie auch, ihre Arme sind steif, die Haut zum bersten gespannt. Ich sprech Sie an, gucke ob sie noch da ist. Sie reagiert, Sie öffnet die Augen und schaut mich an, die Augenlider sind beinahe weg, 4°-Verbrennungen der Nase und vom Mund. Sie spricht nicht, reagiert aber auf uns und macht alles worum wir Sie bitten. Sie bekommt sofort 10L-Sauerstoff über Maske die wir ihr vorsichtig vor den Mund halten. Wir beginnen die übrige Kleidung wegzuschneiden, vorsichtig, einzelne Fetzten sind tief ins Gewebe gebrannt. Man spürt Ihre Angst, Ihren Schmerz, Sie verfolgt uns mit Ihren Teddybär braunen Augen bei jedem Handgriff den wir machen und dennoch kein Ton. Nachdem wir Sie einigermaßen von Ihrer Kleidung befreit haben, genügt ein kurzer Blick zur Diagnose: 90%-3°-4°-Verbranntes Kind mit Inhalationstrauma. Im Hintergrund richten wir die Intubation, legen die Medikamente bereit. Endlich, wir hören dass NEF, es hält direkt bei uns. Der Notarzt läuft vor unsere Tür, den Rücken zu uns gedreht mit Blick auf seinen Fahrer. Erst nachdem wir ihn rufen, dreht er sich rum und sieht die kleine aufs schwerste verbrannt auf unserer Trage liegen. Dann geht alles schnell, die intraossärnadel kommt zum Einsatz, sofort in die rechte Tibia. Sie schreit, das erste Mal!!! Medikamente werden aufgezogen, Ketamin und Dormicum. Der Pädiater trifft ein, will eine zweite intraossäre Nadel. Keine mehr da, wir stellen fest, das NEF hat nur eine an Bord. Wir fordern ein zweites NEF nach, das nach 3min uns die Nadel reicht. Diese kommt sofort in die linke Tibia, Volumen!!! Wir richten die Intubation weiter, der Pädiater verlangt 2 Tuben mit Cuff in 4.5, 5.0, 5.5 doch wir haben nur den 5.5 mit Cuff. Wir richten diesen mit Führungsstab. Dann geht es los, endlich bekommt die Kleine Ihr Schmerzmittel, die Augen kann Sie schon lange nicht mehr öffnen, sie sind mittlerweile zugeschwollen. Die Intubation beginnt, der Pädiater schweigt, es ist ruhig, keiner spricht. Er zieht den Führungsstab raus, wir beatmen sie: er sitzt. Alle atmen auf. Doch der Pädiater, er ist still, er konnt nichts sehen, der Kehlkopf: verkohlt. Ihre Chancen sinken Richtung Null. Keiner von uns weis was er denken soll, soll Sie es schaffen oder ist es besser mit den Verletzungen zu sterben. Sie ist drei Jahre, Verdammt, Sie hat nur in Ihrem Kinderzimmer gespielt und deshalb darf Sie jetzt nicht mehr Leben?!? Der Brand war nicht groß, es hat gerademal ein Quadratmeter Ihres Zimmers gebrannt, genau da wo Sie saß! Sie rührte sich nicht, dabei war Sie nur 10min unbeaufsichtigt, doch das hat gelangt.

    Auch wenn zum Schluss all unsere Maßnahmen nur noch palliativ waren, haben wir dafür gekämpft, das Sie lebt. Dieser kleine Brand, der kurz nachdem eintreffen schon aus war, forderte 4 Leichtverletzte, band 4 RTW’s, den ELRD, es waren 3 NEF’s an der Einsatzstelle und 5 Ärzte.

    10Stunden später starb Jenny im künstlichen Koma, ohne auch nur noch einmal die Augen zu öffnen.



    Re: Ein etwas anderer Arbeitstag in Stuttgart

    atomic - 31.05.2007, 23:18


    Hm, das isch natürlich hart ... Aber zum Glück sind so Einsätze eher selten =). Am besten immer an die Guten erinnern :).



    Re: Ein etwas anderer Arbeitstag in Stuttgart

    Reanimator - 15.07.2007, 17:30

    Ein ganz normaler Arbeitstag?
    Gibt es im Rettungsdienst – egal ob Großstadt oder ländlicher Bereich, egal ob Millionenstadt oder weit und breit kein einziges Haus – überhaupt einen ganz normalen Arbeitstag?
    Wenn ja, was ist ein ganz normaler Arbeitstag im Rettungsdienst?
    Fahrzeugcheck und dann ein paar Routine-Einsätze?
    Was sind Routine-Einsätze? Der Krankentransport, die Einweisung, oder der Apoplex, der leichte Verkehrsunfall, vielleicht der Herzinfarkt? Vielleicht.
    Für uns sind das Routine-Einsätze. Für die Patienten keinesfalls. Aber was wenn mal etwas fernab unserer Routine passiert? Oder fernab eines ganz normalen Arbeitstages? Sicher, wenn wir dem Patienten helfen konnten, sind wir alle froh. Manchmal verliert man das Wettrennen mit der Zeit und gegen den Tod. Oftmals bringen wir die Patienten aber gut versorgt ins Krankenhaus. Mit mehr oder weniger guten Aussichten. Wir haben jedoch alles getan. Vielleicht sind ein paar kleine Dinge aufgefallen, die hätten besser laufen können und werden das nächste Mal besser laufen. Vielleicht lief der nicht alltägliche Einsatz auch sehr gut ab – aber keine Zeit um sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Das Alltagsgeschäft geht weiter. Läuft der Alltag in der Notfallrettung vielleicht so ab, dass kurz nach Schichtbeginn der erste Einsatz auf uns wartet? Ein Kreislaufkollaps? Oder doch der bekannte Epileptiker, der mal wieder einen Krampfanfall hatte. Wir nehmen in mit ins Krankenhaus, führen vor Ort bzw. unterwegs alle notwendigen Maßnahmen durch, dokumentieren auf unserem Protokoll, dass es dem Patienten bei Übergabe wieder besser geht. Weiter zum nächsten Einsatz – diesmal vielleicht mit Signal. Eine gestürzte Person irgendwo im Stadtgebiet. Nichts Schlimmes, eine Kopfplatzwunde, ansonsten geht’s dem Patienten gut. Er kommt in eine chirurgische Ambulanz, dort wird vielleicht zum Ausschluss weiterer Verletzungen noch ein CT gefahren. Der Patient darf unter Umständen gleich wieder nach Hause. Dann im Anschluss noch ein Verkehrsunfall. Die Polizei ist schon vor Ort, hat die Lage schon etwas sortiert, für uns gibt es einen Patienten, mit Ausschluss HWS-Schleudertrauma und „Gurttrauma“ (Prellmarken durch den Sicherheitsgurt). Der Patient bekommt von uns einen Liegeplatz angeboten, nebst Stifneck und Kontrolle seiner Vitalfunktionen. Lagemeldung und Anfrage: „Auffahrunfall zweier PKW, einmal verletzt, Kräfte ausreichend – nächste Chirurgie?“ Es geht ins nächste Krankenhaus. VUA kommt nach. Nichts Besonderes in der Großstadt. Dann folgt ein Auftrag, dessen Signalschlüssel mit RD beginnt. Wartet jetzt ein Einsatz fernab jeder Routine? Ein gemeldeter Zimmerbrand. Wir treffen vor der Berufsfeuerwehr ein. Gleich mal die Lage erörtern. Rauch ist in dem Mehrfamilienhaus in der eng bebauten City nicht sichtbar. Gut, es brennt nicht enorm. Nun trifft auch der Löschzug ein. Nachdem von einem freundlichen Nachbarn die Türe geöffnet wurde, riecht es nach „Essen auf Herd“. Aber von wo? Erste Lagemeldung des Rettungdienstes an die Leitstelle. Aha, da gibt es einen Patienten. Leichte Rauchgasinhalation, kein Husten, beste Sättigung unter Raumluft. Der Patient bekommt dennoch Sauerstoff verabreicht, er ist etwas aufgeregt hat deshalb etwas erhöhten Blutdruck. Aber keine Sorge, alles in Ordnung. Wir bringen den Patienten ins Krankenhaus zur Überwachung und rücken als allerletzte von der Einsatzstelle ab. Danach wartet ein Patient in einer Arztpraxis auf uns und den Rettungswagen. Der Hausarzt weist seinen Patienten mit einer nicht leserlichen Diagnose ins nächste größere Krankenhaus ein. Ein Gespräch mit dem Hausarzt bringt Aufklärung. Rezidivierende Schwindelanfälle. EKG, RR, SpO2 im RTW. BZ wurde schon vom HA gemacht und ab ins Krankenhaus. Unterwegs erzählt der Patient noch seine Krankheitsgeschichte. Ohne Zwischenfälle geht’s in die innere Ambulanz. Protokoll ist gerade geschrieben, die Übergabe an die diensthabende Ärztin in vollem Gange, da ertönt ein Piepsgeräusch mit der Durchsage „Dringend, NAW“ mehr war nicht zu verstehen. Also schnell den RTW startklar gemacht und mit Signal in einen entlegenen Stadtteil gefahren. Auf dem Sofa sitzt eine ältere Dame, mir fällt gleich das Blutdruckmessgerät für zu Hause auf. Sie gibt AP-Beschwerden an. Als erstes wird der Blutdruck erhoben, ah ja, alles klar. Das weitere Monitoring und ein periphervenöser Zugang werden vorbereitet. Der Notarzt trifft ein, bekommt eine kurze Übergabe, schaut sich das 12-Kanal-EKG an und verabreicht einige Medikamente. Es geht in die City, dort ist die Patienten in einem Krankenhaus schon bekannt. Der Notarzt begleitet uns. Frei gemeldet, wir steuern die Aussenwache an, kommen dabei an einem scheinbar harmlosen Verkehrsunfall vorbei, die Polizei ist vor Ort. Ein Motorrad liegt auf der Straße. Keiner will unsere Hilfe, wir fahren weiter. Unterwegs beschließen wir unseren Mittagsimbiss (es ist mittlerweile schon nach 15 Uhr) einzunehmen. Unmittelbar vor dem Ziel ereilt uns ein Einsatz. Es geht zu obigem Verkehrsunfall. Jetzt werden wir doch benötigt. Aber ohne Signal. Nichts schlimmes – ein Routineeinsatz die Fahrerin des Motorrades geht zum Röntgen in das Nahe gelegene Krankenhaus.
    Alles Routine-Einsätze, alles ein ganz normaler Arbeitstag. So läuft es Tag ein, Tag aus. Doch dann will uns der ganz normale Arbeitstag einen Streich spielen. Wir melden uns frei, sollen zu einer gestürzten Person in einem nicht weit entfernten Bürohaus fahren. Keine 200 Meter gefahren, bekommen wir ein Storno und sollen nun in ein wenige Straßen weiter gelegenes Wohnhaus fahren. Entbindung mit Signal. Anamnese, Patientin Treppe herunter trage, in die nächste Geburtsklinik. Ein ganz normaler Arbeitstag. Denkste. Beladen mit dem Equipment (Kreislaufkoffer, Atmungskoffer, EKG/Defi und Baby-Koffer) geht es nach oben in die Altbauwohnung. Ich sage noch zum Kollegen: „falls was ist lasse ich den RTW offen“ und schließe ihn ausnahmsweise nicht ab. Wir werden von der Nachbarin empfangen. Sie hat ein kleines Kind auf dem Arm, der Sohn der Patientin. Alle Alarmglocken schrillen, als die heftige Wehentätigkeit wahrgenommen werden. Eine initiale Anamnese ist nicht möglich, wir kommen direkt während der Wehen. Ich sehe die Patientin im Badezimmer, etwas Blut ist auf dem Boden. Wir sind mitten in einer beginnenden Geburt. Schnell das Telefon: 112 – „Notruf Feuerwehr und Rettungsdienst Stuttgart“ – „RTW soundso, Notarzt- beginnende Geburt“ – „Ja, kommt!“ Während der Wehen wird der periphervenöse Zugang gelegt und der Patientin eine Hand zum zusammenkneifen gereicht. Nun lässt die Wehe nach. Die Patientin gibt auf Nachfrage an, bei der ersten Geburt wäre alles normal verlaufen, das Kind jetzt liege normal, in der Schwangerschaft war alles ok, das Kind sei bereits über dem errechneten Termin. Alles für die Geburt wird vorbereitet – ich befinde mich neben der Patientin in einem engen Badezimmer. Der Kollege richtet draußen im Flur alles her, eine Umlagerung der Patientin war nicht mehr möglich. Nach und nach ist mehr vom Kindskopf zu sehen, ich halte mich mit sterilen Handschuhen bereit und führe den Dammschutz durch. Ermuntere die Patientin und rede mit ihr. Nun trifft auch der Ehemann ein. Er wirkt sehr gelassen, zieht sich erst mal in aller Ruhe die Schuhe aus und kniet sich dann neben seine Frau und unterstützt sie. Wenig später trifft nun auch der Notarzt ein, er bekommt eine kurze Übergabe, setzt sich im kleinen Badezimmer neben mich und wartet. Der NEF-Fahrer bleibt draußen und hilft meinem Kollegen. Alle warten bis das Kind geboren wird. Nun mit einer der nächsten Wehen muss es soweit sein. Ein, zwei, drei, vielleicht auch vier Wehen vergehen, bis ich einen Kopf in meinen Händen halte und nun das Neugeborene führe und sanft auf dem Boden in ein Handtuch ablege. „Es ist ein Junge“ sagt der Notarzt. Das Neugeborene macht sofort die Augen auf, wird gleich etwas abgesaugt und fängt dann das Schreien an. Alles gut verlaufen. Es werden die Nabelschnurklemmen gesetzt und der Vater darf die Abnabelung durchführen. Die im Flur wartenden Kollegen und der Notarzt kümmern sich nun um das Kind, versorgen es, trocknen es ab und wickeln es ein. Ich bleibe bei der Mutter und beim Vater im Bad. Anschließend bringen wir Mutter, Vater und Neugeborenes zum Check ins Krankenhaus. Ein alltäglicher Einsatz? Eher nicht. Aber einer fernab jeder Routine, bei dem alles gut lief.
    Es ist ein tolles Gefühl, wenn man als Retter ein Kind zur Welt gebracht hat. Wir haben nun schon drei Geburten im Rettungsdienst hinter uns. Man merkt es ist nicht alltäglich. Oftmals wird gesagt, Leben und Tod liegen nahe beisammen. Eine dumme Redewendung? Nicht mal an einem ganz normalen Arbeitstag in der Großstadt.
    Wir rücken gut gelaunt ein und werden umgehend als Notarztwagen alarmiert. Eine gestürzte Person auf einem Spielplatz ist gemeldet. Was mag uns da erwarten. Wir gehen auf der Anfahrt wenige Szenarios durch, ein Sturz von einem Spielgerät aus großer Höhe vielleicht. Es gab keine Zusatzinformationen. In der Einsatzstraße verringere ich das Tempo suche die genannte Hausnummer. Aber auf der Straßenseite ist kein Spielplatz zu sehen. Mein Blick schweift zufällig auf die andere Seite, ein kleiner Holzsteg und Sandplatz ist zwischen großer Begrünung zu sehen. „Da! Das sieht nach Spielplatz aus!“ sage ich zum Kollegen und bleibe stehen. „Hast du einen Eingang gesehen?“ frage ich ihn. Keine Antwort, er sucht auch noch einen Eingang. Kein Eingang – kein Lotse. Ich fahre etwas zurück, vielleicht haben wir auch etwas übersehen. „Da liegt einer am Boden!“ höre ich nur von meinem Kollegen. Zwischen dem Holzsteg und der Begrünung kann man nur sporadisch etwas erkennen. Hier ist also kein Eingang. Ich gebe Gas und fahre um die Ecke. „Da ist das NEF!“ sage ich zum Kollegen und stelle mich genau dort hin. Wir packen unsere wichtigsten Dinge und rennen los. Es führt uns eine schmale Hofeinfahrt auf ein Schulgelände. Nichts zu sehen. Außer einem Zaun. Wir folgen dem Zaun. Da ein Tor, denke ich mir – mein Kollege eilt voraus. Jemand liegt auf dem Boden, der RettAss vom NEF kniet neben dem Patienten und die Notärztin am Kopf. „Alle bis auf die Erwachsenen jetzt sofort weg!“ höre ich den NEF-Fahrer noch rufen. Ich sehe Erbrochenes. Eins – zwei – drei – vier – fünf… Der NEF-Fahrer führt die Herzdruckmassage durch, die Notärztin hat bereits den Beatmungsbeutel aus dem NEF-Rucksack in der Hand. Ich frage, wie sie intubieren möchte. Ob wir es sofort mit einem Larynx-Tubus durchführen sollen und welche Größe sie möchte. Ich möchte die nach der Größe des Patienten sehen. Erst jetzt realisiere ich mit meinem Blick nach dem Patienten, dass wir hier einen Jugendlichen reanimieren und erinnere mich noch wie ich beim Aussteigen aus dem RTW gehört habe „ich bin in der Nähe und kann den Pädiater aufnehmen.“. Die Notärztin entscheidet sich für die konventionelle endobronchiale Intubation. Ich richte ihr den Tubus samt Equipment und reiche ihr an. Sie intubiert, mein Kollege führt das BURP-Manöver durch. „Ich sehe“, sagt sie, „ich bin drin.“ „Ich blocke auf ihr Kommando“ sage ich zu ihr. Der Tubus sitzt. Ich nehme einen Guedel-Tubus und fixiere beide mittels einer Mullbinde. In Zwischenzeit haben die beiden Kollegen einen sichern Zugang und die Softpads angeschlossen. Supra und Amiodaron sind bereit. Ich frage die Ärztin ob wir nicht mal absaugen sollten und saugen einiges an Erbrochenem aus der Lunge. Wir analysieren den Rhythmus und müssen einmal defibrillieren. Nun geht die Reanimation einen sehr geordneten Verlauf, wir haben genug Personal, sind zu viert an einem Patienten, die Sauerstoffzufuhr ist gesichert. Im Augenwinkel sehe ich ein NEF die Straße entlang fahren. Auch er sucht den Eingang, denke ich mir. Keine Minute ist vergangen, da steht der Pädiater samt Intensivschwester neben uns. Eine kurze Übergabe mit den wichtigsten Infos muss genügen. Wir können uns nun mit sieben Personen um den Patienten kümmern. Ein zweiter Zugang wird gesichert. Medikamentös wird alles vorbereitet. Die Polizei trifft nun auch ein. Es wird nun alles getan, um das Leben des Jugendlichen zu retten. Am Rande auf einer kleinen Mauer sitzen die Eltern. Sie schauen fassungslos zu. Die Polizei kümmert sich nun um die Eltern. Die vom Dienstgrad höhere Beamtin führt die Eltern zur Seite, ihr Kollege, der sich vermutlich – so sein Dienstgradabzeichen – noch in Ausbildung befindet, steht uns, wie zwei Ersthelfer zur Seite und hält die Beutel mit Ringerlösung. Es trifft nun auch ein Notfallseelsorger ein. Er wurde gleich zu Beginn, als es das Personal und die Zeit zuließen, nachgefordert. Der Notfallseelsorger macht sich kurz ein Bild von der Situation und begibt sich dann zu den Eltern. Wir kämpfen weiter um das Leben des Patienten. Laut wird darüber nachgedacht, was der Auslöser für den Kreislaufstillstand sein könnte. Es gibt keinen Hinweis. Nach einem langen Arbeitstag lösen wir uns bei der Herzdruckmassage in den Analysen gegenseitig ab. Wir wollen doch das Beste für den jungen Patienten. Um ihn herum liegen sämtliche Ausrüstungsgegenstände. Der Notfallrucksack aus dem NEF, die Medikamenten-Zusatztasche aus dem NEF, die Lyse-Tasche, die wichtigsten Modultaschen aus dem Rucksack sind geöffnet. Daneben liegt unser Kreislaufkoffer, das Verletztenversorungsset und der NEF-Zusatzkoffer Kinder, am Kopf des Patienten befinden sich die Handabsaugpumpe, die mobile Absaugpumpe, der Atmungskoffer, sämtliche Absaugkatheter aus dem RTW, der Medumat, weiter fußwärts der Koffer aus dem Olgäle, den der Pädiater mitgebracht hat und ganz am Fuß stehen die beiden EKG/Defi-Einheiten aus dem NEF und dem RTW. Alle zwei Minuten wird analysiert und es findet ein Wechsel bei der Herzdruckmassage statt. Wir sind jetzt schon über eine Stunde vor Ort. Ich führe nun die Herzdruckmassage durch als vom Kopf zu hören ist: „wir haben alles getan, wir hören auf…“ Der NEF-Fahrer und die Notärztin kümmern sich um das Protokoll, wir räumen das Material zusammen und den Müll auf. Der Pädiater nimmt den schweren Gang auf sich, um den Eltern die Todesnachricht zu überbringen. Zusammen mit dem Notfallseelsorger kommen die Eltern und Großeltern auf den Bolzplatz. Wir verstauen zuerst unser Material im RTW und anschließend das Equipment im NEF, verlassen den Bolzplatz sprechen noch kurz mit dem NEF-Fahrer und rücken dann ein. Es ist zwar schon nach Feierabend, aber es geht dennoch der Funkspruch „nicht einsatzklar“ an die Leitstelle. Auf der Rettungswache wird noch das Material aufgefüllt. Wir beenden unseren Arbeitstag.

    Ein ganz normaler Arbeitstag?

    Leben und Tod liegen so nah beisammen…



    Re: Ein etwas anderer Arbeitstag in Stuttgart

    Reggae Sani - 26.07.2007, 08:25


    Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern daß man nie beginnen wird, zu leben.

    Marcus Aurelius
    26.04.0121 - 17.03.0180
    römischer Kaiser



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