Neujahrstraum (Philosophie)

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    Re: Neujahrstraum (Philosophie)

    OecherJong - 27.03.2007, 19:30

    Neujahrstraum (Philosophie)
    Neujahrstraum

    Für den „Soldaten“,
    In perpetuam memoriam.

    Die Lichtung war groß und nahezu kreisrund. Und sie wäre es wohl vollends
    gewesen, wenn sie nicht im Süden durch eine Felswand ihre natürliche
    Schranke gefunden hätte. Jene Felswand, der ich mein Gesicht zugewendet
    hatte. Sie ragte empor, als fände sie kein Ende dort oben, als kratzte sie
    an das wolkenlose Himmelsgewölbe. Und irgendwo dort oben entsprang ein
    reißender Fluss, der sich hier schäumend und tosend, berstend und brausend
    die Felswand herabstürzte. Hinab in eine tiefe Schlucht, die diese Lichtung
    von Süden nach Norden durchzog, ein kaum zwei Mannsschritt breiter Spalt,
    der hier wohl seit Urzeiten zu dem ausgespült wurde, was er jetzt war. Eine
    Schlucht, dutzende Meter tief, eine Kluft die weit unten von dem Strom
    durcheilt wurde, welcher aus der Höhe stürzte. Ich wagte kurz an den Rand zu
    treten und mich vornüber zu lehnen, hinab zu schauen, um gleich wieder
    einige Schritte zurück zu tun.
    Die Sonne stand im Osten, zu meiner Linken, und beschien eben diesen
    Erdflecken, als sei es ihre einzige Aufgabe, mit der feurigen Kraft des
    Sonnenuntergangs. Lange Schatten warfen die Bäume, die an den östlichen Rand
    der Lichtung angrenzten. Schatten, die bis fast zu mir und an die Schlucht
    reichten. Diese Schatten lagen still, wie aufgezeichnet auf dem
    Lichtungsgras zu meinen Füßen, kein Windhauch, der sie tanzen ließe. Es
    überkam mich ein Gefühl es Unbehangens, angesichts dieser Situation. Zu
    meiner Rechten lag die tiefe Schlucht und zu meiner Linken jene
    Schattengebilde, welche das Gras schwarz färbten, und ihm mit dem
    Sonnenlicht die Wärme und Nahrung nahm. Minuten vergingen. Die Sonne senkte
    sich immer tiefer im Osten und die Baumschatten wurden länger und krochen
    immer näher zu meinen Füßen hin. Ich trat wieder unwillkürlich einen Schritt
    zurück, einen Schritt zu der Schlucht hin. Tief unten wallte der Fluss und
    sein Singen drang deutlicher zu meine Ohren. Ich ging einige Meter am Rande
    des Abgrunds entlang, ehe ich genau im Mittelpunkt der Lichtung stand, dort
    wo die Schatten als letztes mich erreichen würden. Mich kurz umschauend sah
    ich, dass sie im Norden und Süden bereits die Schlucht erreicht hatten. Mein
    Rücken hatte ich nun der Schlucht zugewandt, und ich schaute gen Osten, wo
    die Sonne langsam hinter den Baumwipfeln versank, und von wo die Schatten
    beklemmend näherkrochen.
    Mit einmal hörte ich ein Geräusch aus dem Wald vor mir, und mir wurde
    schlagartig bewusst, dass dies neben dem Rauschen des Flusses das Einzige
    war. Kein Singen von Vögeln, kein Zirpen von Grillen. Das Unterholz krachte
    unter Schritten, und von Ferne meinte ich Schüsse zu hören. Es waren keine
    Schüsse eines Jagdgewehres, vielmehr schallten die Schüsse in einer Folge,
    wie man es nur von Soldatengewehren kannte. Mit aufkeimendem Entsetzten
    musste ich feststellen, dass die Schritte näher kamen. Was mich jedoch teils
    erleichterte war, dass die Schüsse, die immer wieder verstummten, nur um
    Sekunden später wieder aufzuschreien, in der Tiefe des Waldes verblieben.
    Dann trat aus dem Waldrand eine Gestalt heraus, eine Silhouette zuerst,
    deren Schatten von dem der Bäume geschluckt wurde. Ich wollte die Hände
    heben, selbst nicht wissend, ob um sie in die Höhe zu strecken oder zum
    Gruße zu erheben, doch sie blieben wie versteinert neben meinen Hüften
    hängen. Noch einmal tat ich einen kleinen Schritt zurück, ich spürte wie
    meine Fersen keinen Boden mehr hatten und hörte kleine Steine sich lösen und
    die Schlucht hinab fallen. Sie klickten wie Murmeln aus meiner Kindheit. Die
    Gestalt kam langsamen Schrittes näher, und auch die Baumschatten berührten
    nun fast meine Fußspitzen. Vor mir lag der Wald im blutenden Rot der
    untergehenden Sonne. Er wirkte krotesk und ferner, als ich ihn in Erinnerung
    hatte. Mit jedem Augenblick, den ich genauer hinschaute, meinte ich ihn
    sogar von mir wegrücken zu sehen, immer weiter. Er wurde unwirklicher,
    irrealer und zu einer Erinnerung aus der Vergangenheit. Die Baumschatten
    kamen immer näher und mit ihnen die Silhouette des Mannes.




    Ja, es war die Gestalt eines Mannes. Ich erkannte es nun, als er näher kam,
    an seinem Gang und seiner Haltung. Ich war mir unsicher, ob er mich sah,
    zumindest schien er nicht so. Wenn ich jetzt noch einen Schritt zurück tun
    würde, so müsste ich stürzen. Ich fühlte mein Herz hinter den Schläfen
    pochen und musste mich selbst daran erinnern zu atmen. Der Mann war bis auf
    wenige Meter auf mich ran, als er urplötzlich stehen blieb. Ich fragte mich
    noch, ob er mich jetzt erst gesehen hatte, als er sich umdrehte und zurück
    auf den blutenden Wald blickte. Nun stand er wie ich, starr und
    bewegungslos, zurückblickend. Dann tat er etwas für mich völlig
    Unerwartetes. Er kniete sich mit einem Bein nieder, senkte seinen Kopf auf
    das andere Bein und faltete seine Hände zum Gebet. Für den Bruchteil einer
    Sekunde nur, doch genügte es, um mir einen eisigen Schauer über den ganzen
    Körper laufen zu lassen. Bevor er aufstand grub er seine Hand in den Boden
    und nahm ein Stück Erde auf, zerrieb es zwischen seinen Fingern, roch kurz
    daran und steckte es sich dann in die Tasche seiner Hose. Ich wusste nicht
    wie mir geschah. Dann wendete er sich wieder um und kam auf mich
    zugeschritten. Drei Meter war er noch entfernt, ich schaute auf den Boden
    vor mir, die Schatten hatten meine Schuhspitzen erreicht, ringsum war ich
    schon eingeschlossen. Der Mann kam näher, die Sonne hinter dem Wald nur noch
    zu erahnen. Meine Mundwinkel zuckten, meine Augäpfel zitterten. Dann war der
    Mann nur mehr zwei Schritte entfernt und der Schatten seines Helmes
    überbrückte die letzten Zentimeter von den Baumschatten zu meinen Füßen. Der
    Soldat würde mich umrennen. Ich strauchelte, verlor den Halt, verlor das
    Gleichgewicht und fiel nach hinten.
    Jene Sekunde von der Senkrechte in die Waagerechte dauerte Stunden. Ich
    wollte mit den Armen rudern, mich an dem Soldaten festhalten, doch immer
    noch waren meine Arme wie gelähmt. Ich fiel nach hinten, atmete tief ein.
    Dann sah ich den Himmel über mir, er war schwarz geworden wie ein Schleier
    aus Seide, dem unzählige, glänzende Pailletten aufgesetzt waren. Ich sah und
    dachte nichts, als das Firmament. Dann traf ich auf.
    Ich lag mit dem Rücken auf einer hölzernen Brücke, meine Augen die ganze
    Zeit auf den nächtlichen Himmelsdom gerichtet. Wie war mir geschehen ?
    Als stünde jemand neben mir, der mich aufforderte, stand ich abrupt auf und
    sah mich um. Die Brücke überspannte die schmale Schlucht mit ihrem morschen
    Holz, und als ich so an ihrem Kopf stand, fragte ich mich, ob sie schon die
    ganze Zeit hier gewesen war. Jedoch war es unmöglich, denn noch immer spürte
    ich die Haltlosigkeit meiner Fersen, die ich vor wenigen Minuten gefühlt
    hatte. Doch es blieb mir nicht viel Zeit zum nachdenken. Der Soldat hatte
    nun auch die Brücke erreicht und betrat sie mit den Schritten schwerer
    Stiefel. Und jetzt erst wurde mir richtig bewusst, dass dieser Mann ein
    Soldat war. Er trug eine Uniform, deren Farbe hier in der Dunkelheit jede
    gewesen sein mochte, sein schweres Gepäck auf den Schultern und ein Gewehr
    umgehängt. Ich trat auf der kleinen Brücke zu Seite, um ihn vorbei zu
    lassen, doch er registrierte mich nicht.
    Dann, der Soldat hatte mittlerweile das Brückenende erreicht, wurde es
    langsam wieder hell. Auf eine seltsame Art und Weise erschien mir in diesem
    Moment an all dem Bisherigen nichts unwirklicher, als dieser jähe Wechsel
    von Nacht zu Tag. Ich schaute einen Moment von dem Soldat weg nach Westen zu
    dem Waldrand, zum Himmel, zu den Baumkronen, über denen die Sonne aufstieg.
    Sie war hell und schön, schöner als ich sie je gesehen hatte, und hüllte den
    endlosen Wald in den silbrigen Glanz des neuen, frischen Morgentaues. Doch
    dann wurde meine Aufmerksamkeit wieder auf den Soldaten gelenkt. Er stand
    da, blickte ebenfalls in den unbekannten Wald, und hatte die Arm
    ausgebreitet, wie ein Vogel seine Flügel. Den Kopf in den Nacken gelegt
    atmete er tief auf, so dass man seinen Atem in der Frische des Tages
    aufsteigen sah.
    Dann, ich glaube ich beobachtete es zuerst bei seinem Helm, geschah etwas
    Wundergleiches.



    Es sah aus, als begänne der Helm zu tanzen, er bewegte sich, zog an dem
    Kinngurt, als wolle er los, und setzte alsbald ein sich zu verwandeln. Es
    schien, als zerfiel er zu einer weißen Masse, doch ehe er auseinander floss
    wurde die Masse lebendig, belebt, und formte sich. Formte sich zu einer
    weißen Tauben, die ihre Flügel auseinander schlug und aufstieg. Ich hatte
    diesem Schauspiel mit solchem Erstaunen zugeschaut, dass mir beinahe
    entging, dass die gesamte Uniform des Soldaten diesen Prozess mitgemacht
    hatte. Unzählige Tauben hatten sich nach und nach aufgeschwungen. Ich sah
    noch, wie sich der Tornister in eine Taube verwandelte, ehe die Verwandlung
    vollends abgeschlossen war. Es mochten nun ein dutzend Tauben gewesen sein,
    die um den nackten Soldaten herumflogen, der keiner mehr war. Dann erblickte
    ich jedoch, dort auf dem grünen Gras, noch die schwere Waffe liegen, und
    wunderte mich, wieso gerade sie nicht zur Taube geworden war. Doch fast im
    selben Augenblick sah ich auch sie zerfließen und tauen. Sie wurde schmäler
    und schmäler, und mit einmal lag eine langstielige weiße Rose im frischen
    Gras. Eine Taube landete neben ihr und nahm sie in ihren Schnabel auf, ehe
    sie sich wieder in die Morgenluft aufschwang. Ich schaute dieser Taube nach,
    musste mit der flache Hand mir die Augen vor der gleißenden Sonne schützen
    um ihrem Flug folgen zu können, und war erstaunt, als sie auf mich
    zugeflogen kam. Sie drehte einen Kreis über mir und dann ließ sie die Rose
    aus dem Schnabel fallen. Ich streckte meine Arme aus, um sie aufzufangen.
    Doch ihre Blütenblätter lösten sich von dem Schaft und fielen, jedes
    einzeln, herab. Die Trautropfen auf den weißen Blütenblättern brachen das
    Licht der Morgensonne und ließen sie funkeln, wie herabfallende Sterne.
    Eines nach dem anderen, lautlos niedersinkend, streifte mein Gesicht und
    meine Schultern.
    Als ich wieder nach vorne schaute waren der Mann und die Tauben
    verschwunden, und der strahlende Wald lag im frischen Morgen vor mir.



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