Der neue Herr Graudinger

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    Re: Der neue Herr Graudinger

    Wölfin - 24.02.2007, 13:31

    Der neue Herr Graudinger
    Jemand sagte mir, wozu einen Herrn Graudinger erfinden, wenn es doch Enten gibt. Das ist zweifellos richtig, da Herr Graudinger, wie ich über ihn geschrieben habe, kaum über mehr Gehirnmasse verfügt als Enten. Und da angeblich Intelligenz vom Gehirn abhängig ist, dürfte diese Aussage stimmen.
    Aber es gibt eine Textstelle in meiner Geschichte über Herrn Graudinger, die einen krassen Unterschied zwischen Herrn Graudinger und Enten darstellt, - nämlich, als ich mich an eines der vielen Beine des Herrn Graudinger hänge und mich von ihm den Felsen empor tragen lasse.
    Nun, hier ist jene Textstelle:

    Endlich spüre ich, dass wir oben angekommen sind. Ich klettere von Herrn Graudinger herunter.
    Du heiliger Strohsack! Ich kann es nicht glauben! Hier oben befindet sich eine Stadt! Eine supermoderne, futuristische Stadt! Und es wimmelt hier nur so von Graudingers!
    Einer oder eine (?) von ihnen nähert sich Herrn Graudinger und mir, die ziemlich geschockt hinter Herrn Graudinger hervorlugt.
    „Hey, Bobo, altes Haus! Na, hast endlich den irren Menschen mitgebracht?“
    „Hi, Nene! Yep, hab ich! Konnte ihn nicht länger im Ungewissen lassen. Dieser Mensch hält uns für Vollidioten, die nichts weiter im Sinn haben, als zu schwimmen und zu fressen. Und er meint, wir bräuchten ein größeres Gehirn. Als ob es am Gehirn liegt! Na ja, ein Mensch eben…“

    Aber mir kam das nicht richtig vor. Es entzauberte das Geheimnis von Herrn Graudinger. Er war doch so liebenswert in seiner Unwissenheit, und so klar in seiner Einfachheit.
    Es hätte ja auch diese Wendung nehmen können, wie ich damals schrieb: „Hey, Bobo! Gut, dass du endlich mal fleischliche Nahrung mitbringst!“
    Natürlich wäre dies das Ende der Autorin gewesen, falls die Graudingers wirklich fleischfressende Monster sind. Nun, vielleicht hätte ich mich herausreden können und vielleicht sind die Graudingers in diesem Fall mitleidsvolle Wesen.
    Dennoch, in meiner Geschichte über Herrn Graudinger schrieb ich viel zu viel über mich selbst und Herr Graudinger war bloß eine Nebenfigur, wo er doch DER Held meiner Geschichte hätte sein sollen.
    Ich weiß jetzt nicht genau, an welchem Text ich mich halten sollte. Die erste Version, oder doch die zweite, wo es für mich selbst nicht gerade gut aussieht? Ich könnte mich auch für beide Versionen entscheiden, denn warum sollten höchst intelligente Wesen kein Menschenfleisch essen?
    Dann würde sich das so zutragen:

    „Hey, Bobo, altes Haus! Na, hast endlich den irren Menschen mitgebracht?“
    „Hi, Nene! Yep, hab ich! Konnte ihn nicht länger im Ungewissen lassen. Dieser Mensch hält uns für Vollidioten, die nichts weiter im Sinn haben, als zu schwimmen und zu fressen. Und er meint, wir bräuchten ein größeres Gehirn. Als ob es am Gehirn liegt! Na ja, ein Mensch eben…“
    „Hey, Bobo! Gut, dass du endlich mal fleischliche Nahrung mitbringst!“
    Diese Worte kommen aus dem Hintergrund, da sich ein weiterer Graudinger genähert hat, - wohl einer, der sehr gerne Menschenfleisch verzehrt.
    Ich werde sichtlich blass und wehre mit den Händen ab.
    „Ach, an mir ist nichts dran. Ich bin viel zu dünn und zäh“, sage ich mit zitternder Stimme.
    Bobo, den ich immer nur Herr Graudinger genannt habe – natürlich nur im Geiste, da ich ihn nie persönlich angesprochen habe, was ich wahrscheinlich hätte tun sollen…

    Ja, genau! Ich kann mich nicht erinnern, je ein Wort an Herrn Graudinger gerichtet zu haben, - nicht einmal in dem Moment, als er mich das erste Mal berührte. Warum eigentlich nicht? Ich hätte mich ihm vorstellen können, ihm sagen können, wer ich bin. Vielleicht hätte er dann auch etwas erwidert. Aber so dürfte er ganz sicher erkannt haben, dass ich ihn wirklich für einen Vollidioten hielt und niemals in Erwägung zog, es könnte sich bei ihm um ein höchst intelligentes Lebewesen handeln. Das war schlichtweg arrogant von mir und wahrscheinlich auch typisch menschlich, denn die menschliche Rasse hält sich ja immer für die Krönung der Schöpfung.

    „Ach, sieh an, sie spricht mit uns! JETZT spricht sie mit uns, wo sie sich in Gefahr befindet“, meint Bobo, - noch immer mit diesem starren Grinsen im Gesicht.
    „Ja, es tut mir leid, dass ich nicht sofort gesprochen habe. Das hätte alle Missverständnisse beseitigt“, sage ich und ergebe mich sofort in einen Redeschwall: „Ich hätte ja nie gedacht, dass es mehrere von euch gibt und dass ihr so modern lebt. Diese Stadt dort – sie sieht wirklich supermodern aus, - als würde es alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten bei euch geben. Habt ihr berühmte Architekten, die uns Menschen vielleicht helfen könnten? Und wie lebt ihr eigentlich? Gibt es auch einen Anführer, Politiker oder gar einen König? Bei uns auf der Erde gibt es das alles, aber wir haben noch immer Kriege, und es herrscht in weiten Teilen der Erde Armut und Hungersnot. Wir sind gar nicht so klug, wie wir immer vorgeben zu sein. Anstatt zuerst die Probleme auf der Erde zu lösen, fliegen wir ins Weltall, um dort weitere Planeten zu verschmutzen, oder wir phantasieren uns in irgendwelche Märchen – genannt Religionen oder Esoterik – hinein, um so unsere wahren Probleme und Ängste zu vergessen. Im Grunde genommen sind wir eine sehr einfältige und obendrein selbstverliebte Spezies. Wir…“
    „Halt, halt, halt“, unterbricht mich Bobo und legt einen seiner langen Beine auf meine linke Schulter. „Keine Angst, wir tun dir schon nichts. Und das, was du uns da vorplapperst, wissen wir schon längst. Ja, ihr seid eine echt beschissene Spezies. Da sind wir mit dir einer Meinung.“
    Ich staune. Ja, ich staune wirklich und fühle mich nun richtig wohl unter den Graudingers.
    „Aber!“ wendet Bobo ein, nachdem ich richtig tief durchgeamtet habe, „So daneben seid ihr und eure Welt auch wieder nicht. Es gibt doch viel Schönes und auch Brauchbares, was ihr geschaffen habt. Du darfst nicht so streng mit dir und deinen Artgenossen sein. In eurer Welt hat eben alles zwei und manchmal auch mehrere Seiten.“
    „Bei euch etwa nicht?“ frage ich aufgeregt.
    „Nicht unbedingt. Wir tun das, wozu wir Spaß haben. Wenn’s nicht mehr Spaß macht, hören wir auf damit.“
    Ich bewunderte Bobo. Ich bewundere auch die anderen beiden und dann auch die nächsten, die sich zu uns dazu gesellen, bis fast das gesamte Plateau vor der futuristischen Stadt voll mit Graudingers ist.
    „Darf ich fragen, wie ihr euch nennt? Ich meine, die Spezies, die ihr seid. So wie wir uns Menschen nennen. Wie…“
    „Schon okay, Menschlein, - ich weiß schon, was du meinst. Nun, - wir sind, wie man sehen kann Graudingers. Genügt dir das?“
    Ich kann mein Gesicht in diesem Moment nicht beschreiben. Wahrscheinlich sehe ich nun um einiges mehr dämlicher aus als das ewige Grinsen der Graudingers.
    „Grau – Grau – Graudingers? Wirklich?“ frage ich stammelnd.
    „Ja, wieso? Wenn’s dir nicht gefällt, benennen wir uns um“, meint Bobo und alle lachen laut. Es klingt wie ein seltsamer Gesang mit einem swingenden Rhythmus.
    „Es ist nur, - nun, es ist, weil ich…“
    „Weil du mich im Geiste Herr Graudinger nennst?“ beendet Bobo meinen Satz.
    Ich kann nicht anders und muss mich auf die staubige Erde setzen. Was heißt setzen? Es setzte mich vor lauter Staunen einfach auf den Hintern. Die Graudingers lachten abermals.
    „Ihr könnt also auch Gedanken lesen?“ frage ich und erhebe mich umständlich.
    „Wir sprechen untereinander eigentlich nie laut, und außerdem haben wir keine so dämliche Sprache wie ihr Menschen, wo es Worte gibt, die eigentlich nichts beschreiben, und Dinge, die ihr nicht einmal benennen könnt. Und für manches habt ihr sogar mehrere Worte gleichzeitig. Das ist doch sinnlos.“
    „Aber woher kennt ihr dann meine, - äh, unsere Sprache?“ frage ich und komme aus dem Staunen sicher nie mehr heraus.
    „Das ist unsere Gedankenkraft. Wir erfassen alle Wesen gedanklich. Uns ist es egal, wie jemand äußerlich beschaffen ist. Aber, um dir unsere Kommunikation verständlich zu erklären, reicht eben deine Sprache nicht aus. Du würdest nichts verstehen.“
    „Kann ich es nicht von euch lernen?“ frage ich Bobo.
    „Wie denn? Dazu ist dein Gehirn zu groß. Es würde sich immer und überall einmischen, außer du könntest es abschalten. Also, kannst du das?“
    „Gehirntod vielleicht?“ frage ich und habe dabei ein mulmiges Gefühl.
    „Menschen funktionieren ohne Gehirn nicht“, meint Bobo wahrheitsgemäß.
    „Ich würde aber gerne darauf verzichten, wenn ich das könnte, was ihr könnt.“
    „Das glaube ich dir gerne. Aber es ist einfach nicht möglich. Vielleicht wirst du ja einst wiedergeboren und bist dann einer von uns“, meint Bobo und wieder stimmen alle in melodiöses und swingendes Gelächter ein.


    Es artet wieder einmal viel zu sehr in Gespräche aus. Wozu über etwas sprechen, was ohnehin nicht erklärt werden kann? Menschen kennen eben nur diese Kommunikation, die sie kennen, und jede andere wäre bloß eine Vorstellung und eventuell auch etwas, das es gar nicht gibt. Es macht natürlich nichts über Dinge zu schreiben, die es gar nicht gibt. Die Graudingers gibt es ja auch nicht wirklich, ebenso, wie die Umgebung, in der sie scheinbar existieren.
    Aber was soll’s! Ich liebe Gespräche und ebenso liebe ich Phantasie!

    „Versuch es trotzdem, Bobo. Erkläre mir eure Art der Kommunikation“, bitte ich fast untertänig.
    „Es geht nicht, da dazu die Worte fehlen. In eurer menschlichen Sprache gibt es kein Wort dafür. Und wenn ich nun ein Wort erfinden würde, wüsstest du gar nicht, was es bedeutet.“
    Wie beschränkt ist eigentlich unsere Welt? – denke ich mir und frage mich gleichzeitig, was denn wäre, wenn ich plötzlich etwas sehen würde, was ich in meiner Welt nicht einordnen kann. Abermals denke ich dabei an die Indianer am Festland, die Columbus’ Schiffe angeblich nicht gesehen haben, weil sie noch nie Schiffe gesehen haben und sie in ihrer Welt nicht einordnen konnten.
    „Ist es Telepathie?“ frage ich.
    „So was in der Art“, meint Bobo kurz angebunden. „Aber lass uns erst mal in die Stadt gehen, uns an einen bequemen Ort setzen und was Ordentliches trinken.“

    Nach diesen Worten machen alle Graudingers kehrt und bewegen sich auf die Stadt zu. Ich muss laufen, um mit diesen großen Lebewesen, mit ihren langen Beinen Schritt zu halten.
    Endlich in der unmittelbaren Nähe der Stadt bin ich außer Atem.
    „Du solltest etwas für deine Kondition tun“, sagt Bobo grinsend neben mir. Wieder einmal hasse ich dieses einfältige Gesicht. Ich muss ja nicht mehr erwähnen, dass diese Wesen fast zur Gänze aus Gesicht bestehen, oder?
    Keuchend betrachte ich die so genannte Skyline der Stadt und bin wirklich beeindruckt von den gewaltigen Bauten. Klar, sie müssen groß sein, da ja auch die Wesen, die darin leben, groß sind. Aber die Größe ist nicht das Einzige, was mich beeindruckt, - es ist viel mehr die bizarre Architektur, aus verschraubten Türmen und dunkelgrau glänzendem Metall.
    „Es ist kein Metall“, klärt mich Bobo auf. „Es ist ein Material, das es auf eurer Erde nicht gibt. Wir bauen es aus dem Wasser und der Wiese ab. Es ist sozusagen ein Gemisch aus dem Grund des Sees und den Gräsern und Kräutern der Wiese.“
    „Aber bei uns gibt es auch Seen und Wiesen“, halte ich dagegen.
    „Aber keinen See wie diesen und auch keine Wiesen wie diese da unten“, sagt Bobo und winkt mit einem seiner langen Beine zurück zum Abgrund des Plateaus.

    „Ihr habt ja alles zubetoniert!“ rufe ich aus, als wir die Stadt betreten. Die Wege oder Straßen bestehen aus demselben Material wie die Bauten.
    „Ach was!“ wehrt Bobo ab. „Das ist alles Natur. Der Boden fühlt sich wohl damit, - im Gegensatz zu eurem Beton und Asphalt.“
    „Woher weißt du soviel über unsere Welt, Bobo?“ frage ich.
    „Du bist hier. Deshalb weiß ich alles über eure Welt. Wir wissen immer alles über die Lebewesen, die uns besuchen kommen. Und wir wissen alles über uns selbst.“
    „Du meinst, es kommen auch andere Lebewesen zu euch?“ frage ich verblüfft.
    „Ja, klar! Wir sind eine Sensation im Universum! Aber noch nie haben sich Lebewesen uns gegenüber so arrogant verhalten wie du.“
    „Es tut mir ehrlich leid“, sagte ich entschuldigend und habe wirklich ein schlechtes Gewissen.
    „Das ist schon in Ordnung. Menschen sind eben so.“
    „Waren auch schon andere Menschen hier?“
    „Ab und zu kommen welche im Traum zu uns. Aber so etwas nehmen wir nicht ernst.“
    „Warum nicht?“ frage ich, während wir eines dieser bizarren Bauten betreten, von denen keins dem anderen gleicht, obwohl alle aus demselben Material sind.
    „Weil sie uns nur blöd anstarren und herumirren“, sagt Bobo und begibt sich mit mir an die Bar. Einige der Graudingers begleiten uns, die anderen, die meisten von ihnen gehen wahrscheinlich ihren alltäglichen Gewohnheiten nach.
    Ja, es ist wirklich eine Bar, - auch aus diesem seltsamen dunkelgrauen Material. Eine immens lange und sehr hohe Theke, mit riesigen Barhockern, – auch aus diesem seltsamen dunkelgrauen Material. Im Lokal gibt’s auch einige Tische und Sesseln, wobei die Sesseln und natürlich auch die Barhocker eine etwas eigenartige Form haben. Ich komme mir wie ein Zwerg vor…
    Bobo verlangt vom Graudinger-Kellner ein großes Kissen. Ja, es gibt Kissen hier! Bobo legt es auf einen der Barhocker, der eine etwas eigenartige Form hat.
    Okay, ich nenne dieses Gebilde Barhocker, weil mir dazu nichts anderes einfällt. Wie soll ich auch ein Gebilde nennen, das vor einer Theke steht? Es MUSS so etwas wie ein Barhocker sein. Oder?
    Bobo fasst mich mit einem seiner langen Beine um die Hüfte und hebt mich auf das Kissen. Ich versinke fast darin, - dennoch kann ich nun über die Theke sehen und bin schon gespannt auf das Getränk, welches Bobo, zusammen mit dem Kissen, für uns bestellt hat.
    Es gibt Gläser hier! Riesige Gläser! Ich rate mal, dass gute drei Liter in das Glas reingehen. Und ich frage mich, wie ich das Glas halten, geschweige denn daraus trinken soll.
    „Einen Strohhalm, bitte!“ ruft Bobo dem Graudinger-Kellner zu.
    „Warum redet ihr miteinander wie Menschen?“ frage ich verwirrt.
    „Es ist unhöflich, vor Gästen in einer fremden Sprache zu kommunizieren“, meint Bobo und grinst wieder dämlich. Ach ja, er grinst immer! Alle Graudingers grinsen immer. Und sie grinsen meines Erachtens immer dämlich. Ich kann nichts dafür, dass es mir dämlich erscheint. Das soll keine Herabsetzung der Graudingers sein, aber es ist nun mal so für mich, dass mir ihr ewiges Grinsen dämlich erscheint. Für die Graudingers ist es wahrscheinlich gar kein Grinsen. Und wahrscheinlich können sie auch gar nicht grinsen. Es ist für sie eben der so genannte normale Gesichtsausdruck.
    Ich strecke mich so hoch ich es eben schaffe, um an den Strohhalm, der sich auch knicken lässt, zu kommen.
    „Prost! Auf das Leben im Universum!“ ruft Bobo aus und zwinkert mir zu.
    Ich habe ihn noch nie zwinkern gesehen. Ich dachte immer, ihre Gesichter, die ja fast den ganzen Körper ausmachen, seien erstarrt, zu keiner Gesichtsmimik fähig. Aber Bobo zwinkert!
    Ich sehe ihm zu, wie locker er das riesige Glas mit einem seiner langen Beine umfasst und den Inhalt – ein graues – wie könnte es anders sein? – Gebräu in seine grinsende Mundöffnung schüttet.
    Mir dämmert, dass dieses riesige Glas für ihn so etwas wie für uns Menschen ein winziges Schnapsglas sein muss. Und wenn dieses graue Gebräu auch so etwas wie für uns Schnaps ist, - na, dann Prost! Wirklich Prost!

    Fortsetzung folgt...



    Re: Der neue Herr Graudinger

    Wölfin - 27.02.2007, 12:36


    Worüber schreibe ich hier eigentlich? Übers Saufen? Und dann vielleicht, wie es Terry Pratchett in seinen Büchern so gerne tut, mein Lallen so auszudrücken: „Dasch Geschöff isch aba irre scharf!“ Und vielleicht noch ein „Hicks“ dazu? Das wäre so gar nicht meine Art des Schreibens, die doch meist in Gespräche ausartet.
    Ja, vielleicht hätte ich bei dem Enten-Graudinger bleiben sollen. Aber wozu, wo es doch schon Enten gibt? Und der Enten-Graudinger hätte rein gar nichts zu sagen gehabt, außer, was ich in sein Stummsein und den ewig dämlich grinsenden Gesichtsausdruck hinein interpretiere. Ich wusste ja wirklich, was in diesem Kopfkörper steckt, als ich ihm das erste Mal begegnete. Ja, auch wenn ich selbst über Herrn Graudinger schreibe und es meine ganz eigene Phantasie ist, wusste ich nicht, was bei der Geschichte noch alles herauskommt. So geht es mir meistens beim Schreiben.
    Stimmt! Eine ganz eigene Phantasie gibt es gar nicht wirklich. Phantasie ist, - habe ich das nicht schon öfters geschrieben? – bloß ein Zusammenfügen von etwas Bekanntem. Wie eben Pegasus, das Pferd, das es gibt, und Flügel, die es bei Vögeln gibt. Aber wir können nichts „erfinden“, das keine Ähnlichkeit mit Menschlichem, Tierischem oder Pflanzlichem hätte. Wir phantasieren über winzige Wesen, die wir Zwerge, Elfen, Schlümpfe, oder wie auch immer nennen, aber immer haben sie etwas Menschliches, Tierisches oder Pflanzliches an sich, weil wir uns andere Wesenheiten nicht vorstellten können.
    Es ist wie mit der Kommunikation zwischen den Graudingers. Wir Menschen haben für jedes Ding einen Namen, einen Begriff, um uns darunter etwas vorstellen zu können. Wir können auch in Bilder denken, aber dennoch haben wir für jedes Bild einen sprachlichen Begriff. Aber die Graudingers kommunizieren weder durch Sprache, noch durch Gedanken und auch nicht durch Bilder. Ich könnte sagen, sie kommunizieren mit sich selbst, indem sich einer in den anderen hineinversetzt und plötzlich alles über den Kommunikationspartner weiß, was auch er selbst weiß. Nur – WIE das vonstatten geht, lässt sich nicht erklären.

    „Du kannst auch nicht erklären, wie du siehst, oder wie du sprichst“, sagt Bobo, nachdem ich einen Schluck von dem grauen Gesöff gekostet habe. Es schmeckt leicht süßlich und verlockt zu mehr…
    „Aber Menschen wissen, wie das Sehen und Sprechen funktioniert. Unsere Ärzte und Wissenschaftler haben das herausgefunden.“
    „Wozu? Genügt euch nicht, dass es funktioniert?“
    „Vielleicht entdeckten unsere klugen Köpfe die Art der Funktion durch Zufall, während sie die Ursache einer Krankheit herausfinden wollten?“ entgegne ich.
    „Bei uns gibt es keine Ärzte und auch keine Wissenschaftler“, sagt Bobo.
    „Aber Architekten!“ rufe ich aus und genehmige mir noch einen Schluck vom grauen Gesöff.
    „Auch nicht.“
    „Aber irgendwer muss doch diese Stadt erbaut haben“, sage ich.
    „Ja, irgendwer hat sie erbaut. Meistens der oder die, die darin wohnen.“
    „Hast du dein Haus auch selbst gebaut?“
    Bobo nickt mit seinem riesigen Kopf.
    „Zeigst du es mir, wenn wir ausgetrunken haben?“ frage ich.
    „Es wird dir schwer fallen, mir zu folgen. Menschen können unter Wasser ohne Sauerstoffgerät nicht leben.“
    „Ach, du wohnst gar nicht hier in dieser Stadt?“
    „Die wenigsten wohnen hier in der Stadt.“
    Ich bin ein wenig verwirrt und weiß nicht, ob es am Gerede meines Gesprächspartners oder am grauen Gesöff liegt, von dem ich bereits fast die Hälfte mit Hilfe des geknickten Strohhalms getrunken habe. Bobo hat bereits sein drittes „Stamperl“ hinter sich.
    „Äh, das Getränk, welches du graues Gesöff nennst, - für uns Graudingers ist es wirkungslos, aber für Menschen enthält es eine gewisse Substanz, die Menschen auch Bewusstseinserweiterunsgdroge nennen, ähnlich dem LSD, aber nicht ganz so heftig.“
    „Das hättest du mir aber vorher sagen müssen.“
    „Es ist ungefährlich und die Wirkung dauert auch nicht lange“, beruhigt mich Bobo.
    „Könnte die Wirkung diese sein, dass ich etwas, was du mir sagst, ganz anders höre?“
    Bobo lacht, - und seine Gesichtsmimik verändert sich keineswegs. Ich kann die Geräusche, die er beim Lachen macht, nur hören. Dasselbe ist es, wenn er mit mir redet. Es scheint, als würden die Töne, die ich von Bobo hören kann, nicht aus seinem ewig grinsenden Mund kommen. Ja, diesmal habe ich das Wort „dämlich“ ausgelassen.
    „Sicher nicht! Es dürfte mehr die Optik sein, die sich verändert. Aber eben nur ein kleinwenig.“
    „Du sagtest, die meisten von euch leben im Wasser. Wo denn?“
    „Ich sagte nicht, dass sie meisten von uns IM Wasser leben. Ich sagte, UNTER dem Wasser. Aber um dorthin zu kommen, müsstest du sehr lange die Luft anhalten können.“
    „Wie lange?“ frage ich und merke noch immer keine Veränderung der Optik.
    „Nun, eine gute Stunde. Vielleicht auch länger. Je nachdem, wie schnell du hinunter tauchen kannst.“
    „Ich besorge mir eine Sauerstoffflasche.“
    Meine Phantasie ist bewundernswert. Sobald ich den Satz ausgesprochen habe, halte ich die Sauerstoffflasche, samt Taucheranzug in meinen Händen.
    „Siehst du, - das ist die optische Täuschung, die ganz schön gefährlich sein kann“, meint Bobo.
    „Was meinst du damit?“
    „Du glaubst nur, eine Sauerstoffflasche, samt Taucheranzug in deinen Händen zu halten. Aber da ist nichts.“
    „Bobo, ich glaube auch nur, dass ich hier neben dir in einem Lokal einer futuristischen Stadt sitze und ein Getränk trinke, das optische Täuschungen auslöst. Ich bin im Reich der Phantasie, in dem alles möglich ist. Na ja, zumindest fast alles.“
    „Okay, wenn du meinst. Dann lass uns zurück zum See wandern. Am besten, du hältst dich an mir fest, dann sind wir schnell unten.“

    Wir sind unten. Ja, im Reich der Phantasie ist sogar das Beamen möglich!
    „So schnell war ich noch nie am Seeufer“, meint Bobo trocken.
    Ich habe bereits den Taucheranzug an und die Sauerstoffflasche um. Nur noch das Mundstück in den Mund und es kann losgehen.
    Ich halte mich wieder an einem von Bobos langen Beinen fest. So geht das Tauchen viel schneller. Was heißt schneller? Wir sind bereits ganz unten am Boden des Sees, und ich kann eine Öffnung, wie die zu einer Höhle sehen. Bobo und ich tauchen in diese Öffnung. Da ist ein Tor. Es ist verschlossen. Aber am Tor ist eine Vorrichtung, wie bei einem Safe. Bobo dreht mit einem seiner langen Beine mehrmals daran, dann öffnet sich das Tor wie von selbst. Wir tauchen hinein. Bobo schließt das Tor. In dem Moment, als das Tor zufällt, rinnt das Wasser ab, welches einfloss, während wir hinein tauchten. Wir stehen vor einem zweiten Tor, das genauso aussieht wie das erste Tor. Bobo dreht wieder an der Vorrichtung. Das Tor öffnet sich und wir treten in die unterirdische Stadt ein.

    Wohin soll das nur führen? Und was bringt es, wenn ich über eine unterirdische Stadt schreibe, die der auf dem Plateau gleicht? Soll es die Spannung meiner Geschichte erhöhen? Oder ist es etwas Neues, - etwas, worüber noch nie jemand geschrieben hat? Vielleicht sind die Graudingers so etwas, worüber noch nie jemand geschrieben hat? Mag schon sein. Aber im Moment weiß ich wirklich nicht, was die Geschichte weiter bringen soll.



    Re: Der neue Herr Graudinger

    Wölfin - 01.03.2007, 12:16


    „Jetzt fehlt nur noch Nemo“, murmle ich, während ich hinter Bobo hertrabe und gar nicht weiß, in welche Richtung ich schauen soll.
    Wie ich schon schrieb, - es besteht kaum ein Unterschied zwischen der Stadt auf dem Plateau und dieser hier unter Wasser. Dennoch erscheinen die Bauten hier viel, viel größer.
    „Nemo? Wenn du den Kapitän meinst, der lebt in seinem U-Boot am anderen Ende des Sees. Aber das ist einige hundert Kilometer entfernt. Und Nemo, der von der Matrix, - der könnte heute sogar hier in der Stadt sein. Ah ja, es gibt noch einen Fisch, namens Nemo, - aber der dürfte sich draußen im Wasser rumtreiben.“
    Ich bleibe stehen und ziehe Bobo an einem seiner vielen, langen Beine.
    „Hast du das eben gesagt?“ frage ich.
    Bobo wendet mir sein Körpergesicht zu und sagt: „Ja! Wieso?“
    „Nun, dann können wir ja auch mit Schneewittchen zu Mittag essen“ murmle ich so nebenbei.
    „Das hättest du früher sagen müssen, als wir noch auf dem Plateau waren. Aber es wäre eine sehr lange Wanderung gewesen, - die ganze Stadt durch, aus der Stadt hinaus und über die sieben Berge.“
    „Bei den sieben Zwergen?“ frage ich und kann mein Lachen nicht mehr unterdrücken.
    „Ja, genau! Und ein Prinz wohnt auch bei ihnen.“

    Ich bin auf einem Acid-Trip!
    Ich erinnere mich, dass ich mal ein Buch gelesen habe, wo eine philosophische Abhandlung den Satz „Jesus aufm Skateboard!“ jagte. Es muss eine Jagd gewesen sein, weil dieser Satz so gar nicht dazu passte. Das Buch bestand aus drei Teilen, und am Ende des letzten Teils stand in etwa: „Da gibt es drei Bücher, in denen nur Schwachsinn geschrieben steht. Aber die Kritik ist so gut ausgefallen, dass sich keiner der Leser oder Leserinnen zu sagen wagt, dass es unzusammenhängender Schwachsinn ist.“
    Angeblich wurden diese Bücher unter Einfluss von LSD geschrieben, was mich keineswegs wundern würde.

    „Hast du Jesus schon mal auf einem Skateboard gesehen, Bobo?“
    „Nicht, dass ich wüsste. Aber auf einem Kreuz hab ich ihn mal gesehen.“
    „Wo denn?“
    „Irgendwo da draußen, hinter der Stadt auf einem Berg. Daneben waren noch zwei Kreuze, aber die zwei anderen Kerle hingen ein wenig verrenkt drauf.“
    „Ach ja? Gibt es die drei Kreuze noch?“ frage ich.
    „Keine Ahnung. Manchmal sind sie da. Und dann sind wieder weg.“
    „Du meinst, sie sind nicht immer zu sehen?“
    „Ja, so in der Art“, sagt Bobo und führt mich in eines der Gebäude, das dem in der Stadt auf dem Plateau sehr ähnlich ist.
    „Ich trinke nichts mehr“, sage ich, als mich Bobo auf einem dieser seltsamen Barhocker hebt, nachdem ihm der Graudingerkellner ein Kissen gegeben hat.
    „Wo bin ich hier?“ frage ich, wobei ich mir die Frage aber mehr selbst stelle.
    „In einer Bar ganz tief unter dem See, der aus rotem Wasser besteht“, klärt mich Bobo trotzdem auf.

    Eigentlich sitze ich vor dem PC und tippe. Aber während dem Tippen spielt sich vor meinem inneren Auge ein sehr seltsamer Film ab.

    Das Getränk ist hellgrün. Es hebt sich stechend von all dem Grau in meiner Umgebung ab. Ich selbst, wenn ich an mir hinab blicke, scheine ebenso aus Grautönen zu bestehen. Eigentlich nennt man das einen Schwarzweißfilm. Es sieht toll aus, wenn in einem Schwarzweißfilm ein einziger Gegenstand färbig ist. Egal, welche Farbe, sie hebt sich immer stechend von all den Schwarzweißtönen heraus.
    Hellgrüne Farbe wirkt giftig auf mich.
    „Ich trinke das nicht“, sagte ich, als der Graudingerkellner einen Strohhalm, der sich knicken lässt, in das riesige Glas gibt.
    „Es wird dich wieder nüchtern machen“, sagt Bobo.
    „Ich bin nüchtern!“
    „Wirklich?“ fragt Bobo und zwinkert mir wieder zu.

    Nüchtern! Ich wollte schon immer nüchtern sein. Nüchtern wie ein absoluter Realist. Gibt es einen absoluten Realisten? Und – was ist Realität? Gibt es sie überhaupt, oder ist nicht alles nur Schein?
    Wir leben in einer Scheinwelt, weil wir die Realität nicht erkennen können. Dessen bin ich mir fast sicher. Wir machen aus dem, was wir wahrnehmen, etwas, womit wir etwas anfangen können. Wir brauchen Worte dazu. Ohne Worte gibt es keine Dinge.

    „Lass dieses unnötige Philosophieren. Es jagt Jesus nur“, sagt Bobo.
    „Jesus?“
    „Na, den aufm Skateboard!“ sagt Bobo und deutet mit einem seiner lange Beine zum Fenster hinaus.
    Ich sehe auch hinaus. Irgendein menschlicher Typ, mit langem Haar und Bart, gekleidet mit einem weißen, langen Kleid skatet eben mit einem Board durch die Stadt unter dem See.
    „Soll ich ihn rein holen?“ fragt mich Bobo und ich nicke nur mit weit offenem Mund.
    Im nächsten Moment sitzt Jesus neben uns, - direkt zwischen Bobo und mir. Sein Skateboard hat er unter der Theke abgestellt.
    „Ich würde gerne Wein trinken“, sagt Jesus. „Und, bitte, ein Stück Brot dazu!“
    „So was gibt es hier auch?“ frage ich.
    „Ja“, meint Jesus, „aber nur in schwarzweiß.“
    Ich hoffe nur, dass er jetzt nicht die Worte des letzten Abendmahls wiederholt.
    „Oh, nein! Diese Worte habe ich nie gesagt!“
    „Kannst du auch Gedanken lesen?“ frage ich Jesus.
    „Das wird hier bei den Graudingers anders genannt“, klärt mich Jesus auf. „Aber es sieht so aus, als würde es in der menschlichen Sprache kein Wort dafür geben.“
    „Und wieso kann ich das nicht?“ frage ich.
    „Du musst nur mehr von diesem Gesöff zu dir nehmen, dann kannst du es auch.“
    „Als ich oben in der Stadt das graue Gesöff getrunken habe, hieß es, dass sich davon meine Optik verändert.“
    Jesus lächelt sanft und seine blauen Augen strahlen.
    „Ja, ja, das kann schon sein“, meint er und schlürft Wein aus dem riesigen Becher, der mindestens drei bis vier Liter Wein beinhaltet.
    „Trinkst du das alles auf einmal, Jesus?“ frage ich.
    „Ich bin Alkoholiker. Ich bekenne mich dazu.“
    Jesus ein Alkoholiker! Ich hätte es wissen müssen!
    Er tunkt sogar das Brot in den Becher!
    „Und du wirst nicht betrunken?“ frage ich.
    „Ich bin immerzu betrunken. Da fahre ich am besten auf dem Board.“
    „Bobo sagte, er habe dich noch nie aufm Board gesehen, - aber auf dem Kreuz, zusammen mit zwei anderen“, sage ich.
    In diesem Moment höre ich einen Song aus einem Film: „Alway look on the bright side of life...“
    “Da singen wir nur. Die Nägel sind nicht echt”, sagt Jesus und schlürft wieder Wein.
    „Singen?“
    „Ja, - diesen Song aus diesem dämlichen Film, wo man mich Brian nennt.“
    Ich schaue zu Bobo. Er zwinkert mir wieder zu.
    „Was hast du erwartet?“ fragt er mich. „Die Dinge sind nicht immer so, wie man glaubt, dass sie sind.“
    Ich trinke doch das grüne Gesöff. Es schmeckt süß, aber nicht zu süß.
    Jetzt warte ich nur mehr darauf, dass Buddha, oder Mohamed, oder irgendein anderer Religionsstifter ins Lokal hereinschneit.
    Und da kommt schon einer, - ein dicker Mann, mit einem Turban auf dem Kopf. Seitlich und hinten vom Turban quellen Dreadlocks hervor, die ihm bis über die Brust und fast bis zum Hintern reichen.
    „Das ist Einerinallem“, klärt mich Bobo auf. „Er kommt aber sehr selten hierher. Meistens lebt er in den Bergen, hinter der Stadt, in einer Einsiedelei.“
    Jesus springt auf und umarmt den dicken Mann innig.
    „Einerinallem, ich hab dich so lange schon nicht gesehen! Was treibst du so?“
    „Ach, Jesus, - immer dasselbe. Du weißt schon. Du kannst ja selbst ein Lied davon singen!“
    Und schon stimmen die beiden in den oben genannten Song ein.
    Ich trinke wieder. Das Gesöff schmeckt diesmal anders, aber ich kann nicht sagen, an welchen Geschmack es mich erinnert. Übrigens ist mein Getränk noch immer das einzig färbige Ding in meinem Umfeld.
    Einerinallem bestellt eine Wasserpfeife. Sie ist riesig und hat vier Schläuche. Einerinallem reicht uns allen einen Schlauch.
    „Boom Shankar“, sagt er.
    „Boom Shankar“, sagt Jesus.
    „Boom Shankar“, sagt Bobo.
    „Boom Shankar“, sage ich.

    Ja, ich erinnere mich an meine Jugend. Da gab es einen Typ, der jedes Mal, wenn er einen Joint anrauchte, „Boom Shankar“ sagte und die Augen zum Himmel hob. Ich hab das nie verstanden und diesen Typ auch nie gefragt, warum er das sagt. Es dürfte sich um eine Art Ritual gehandelt haben.
    Vielleicht ist Shankar ein Gott, - der Gott des Rauchs, - und „boom“ so eine Art Respektsbekundung. Ich wusste es aber nie und weiß es jetzt auch nicht.

    Na, toll, - Alkohol saufen und Hasch rauchen, - das passt ja zusammen! Schon alleine beim Gedanken daran wird mir schwindlig.



    Re: Der neue Herr Graudinger

    Whitewolf - 01.03.2007, 12:37


    Liebe Wölfin,

    wundervoll, ich hab echt laut gelacht. Mal schauen, was mir noch zu diesem Thema einfällt.

    Danke
    Whity



    Re: Der neue Herr Graudinger

    Wölfin - 05.03.2007, 15:19


    Sterne, so viele Sterne über mir. Ein Licht kommt auf mich zu. Es scheint von einem der vielen Sterne zu kommen. Das Licht wird immer größer. Ich kann seine Form nicht bestimmen, da plötzlich alles hell um mich ist. Alles weiß leuchtend. Das Licht scheint mich umhüllt zu haben. Mir wird wohlig warm. Ich glaube, ich lächle selig.
    „Aufwachen!“
    „Aufwachen!“
    „Aufwachen!“
    Drei unterschiedliche Stimmen klingen in meinen Ohren. Die erste ist eher neutral, nicht tief, nicht hoch, aber recht angenehm. Die zweite Stimme ist sanft und sehr leise. Die dritte Stimme hingegen laut und sehr tief.
    „Aufwachen!“
    „Aufwachen!“
    „Aufwachen!“
    Jetzt ist die Reihenfolge umgekehrt.
    Mir wird bewusst, dass ich meine Augen öffne. Ich liege am Boden. Vor meinen Füßen kann ich Herrn Graudinger sehen. Von ihm kam die erste und die letzte Stimme. Rechts neben mir kniet Jesus. Er war derjenige mit der sanften und leisen Stimme. Links steht Einerinallem. Ich kann zwar nur seine Füße und seinen dicken Bauch sehen, aber ich weiß, dass er es ist.
    „Was ist passiert?“ frage ich.
    Bobo antwortet mir: „Du hast zuerst vom Gesöff getrunken und dann mehrmals an der Wasserpfeife gezogen. Und dann bist du plötzlich schneeweiß im Gesicht geworden und vom Hocker gefallen. Wir haben uns sofort zu dir begeben und dich angesehen. Du hast gelächelt, aber deine Augen waren zu.“
    „Ich habe Sterne gesehen und ein weißes Licht, das auf mich zukam.“
    „So ging es mir auch einmal“, sagt Jesus und setzt sich wieder auf einen der Hocker. Komisch! Das fällt mir erst jetzt auf – er braucht kein Kissen, um über die Theke zu sehen!
    „Ach ja? Wann denn?“ frage ich, stehe auf und klettere auf den Hocker, mit dem Kissen.
    „Als Johannes mich getauft hat. Er tauchte mich etwas zu lange ins Wasser. Mir ging die Luft aus, dann habe ich Sterne gesehen, und von einem der Sterne kam ein Licht auf mich zu. Es war ein weißes Licht, das immer näher kam und mich schließlich einhüllte.“
    „Bei mir war es genauso!“ rufe ich aufgeregt. „Was ist denn dann weiter passiert, Jesus?“
    „Na ja, Johannes zog mich aus dem Wasser und schüttelte mich so lange, bis ich wieder zu mir kam. Ich sagte, ich habe ein weißes Licht gesehen. Johannes fragte mich, ob es wie eine Taube ausgesehen hat, denn dann wäre es der Heilige Geist gewesen. Keine Ahnung, was er damit meinte. Und ich hatte im Moment keine Luft um zu antworten, also nickte ich nur, in der Hoffnung, dass ich weiter gehen kann. Aber Johannes hielt mich weiterhin fest und rief den Menschen, die bereits getauft waren und die noch getauft werden wollten zu, dass ich der Messias sei und dass der Heilige Geist ihm, Johannes, das eben bestätigt habe. Es war zu spät für mich, etwas zu sagen, denn die Meute stürzte sich förmlich auf mich. Jeder und jede wollte mich berühren. Einige waren darunter, die dann laut schrieen, dass sie geheilt sind, nur weil sie mich kurz berührt haben.“
    „Dann warst du ja ein sehr krasser Irrtum“, meint Einerinallem lachend.
    „Nicht wirklich, da ich mich sofort von allem lossagte, als ich wieder sprechen konnte. Nur Johannes beharrte darauf, dass es unbedingt einen Messias geben muss, sonst ist sein Image im Eimer.“
    „Wieso das denn?“ frage ich.
    „Es lag an den Prophezeiungen, - an den Schriften. Sie besagten, dass ein großer Prophet kommen wird, der den Messias voraussagen und ihn auch erkennen wird. Und Johannes wollte unbedingt dieser große Prophet sein.
    Er war schon immer etwas schwierig, - ähnlich wie die alten Propheten, von denen wir alle wussten, dass sie nicht ganz dicht im Oberstübchen waren. Das hat sich zwar immer nur mündlich überliefert, da wir Israeliten ja ein sehr stolzes Volk sind und sicher nie zugeben würden, dass wir keine echten Propheten haben.“
    „Gibt es echte Propheten?“ frage ich.
    „Keine Ahnung! Bis jetzt ist mir noch keiner begegnet“, antwortet Jesus. „Nun, nachdem die Menschenmenge endlich von dannen war, machte ich Johannes klar, dass er sich einen Dümmeren suchen muss, da ich mich sicher nicht foltern und ans Kreuz schlagen lassen werde. Damit war die Sache erledigt.“
    „Stand das alles schon in den alten Schriften?“ frage ich.
    „Ja, sicher! Wir Israeliten planen immer gerne voraus. Das hält die Überraschungen fern.“
    „Und wie ging es dann weiter? Immerhin existieren die Evangelien, die über dein Leben berichten.“
    „Die alten Schriften existieren auch, - aber ich kann dir versichern, kein Wort davon ist wahr.“
    Ich staune. Aber irgendwie habe ich mir das schon immer so gedacht.
    „Aber wie konnte sich Johannes da heraus reden?“ frage ich.
    „Keine Ahnung! Vielleicht hat er ja einen Dummen gefunden, der diese ganze Geschichte durchgespielt hat. Irgendwie kann ich es mir nicht vorstellen, weil Johannes wenige Tage nach meiner Taufe gefangen genommen und geköpft wurde. Vielleicht wurde vorher einer seiner Jünger in die ganze Sache eingeweiht. Ich habe wirklich keine Ahnung.“

    „Und wie ist es mit dir?“ frage ich Einerinallem. „Hast du schon mal ein Licht gesehen?“
    „Ich sehe ständig Lichter“, meint er und blickt auf die Beleuchtungen an der Decke des Lokals.
    „Das meine ich nicht! Oder hast du Jesus und mir eben nicht zugehört?“
    Einerinallem zieht genüsslich an der Wasserpfeife und grinst.
    „Natürlich habe ich euch zugehört. Und ich habe dir auch eine wahre Antwort gegeben. Ich sehe ständig irgendwelche Lichter. So, wie alle anderen Wesen auch.“
    „Warum nennt man dich Einerinallem? Bezieht sich das auf Religionen?“ frage ich.
    „Sieht so aus. Nur – ich habe keine Ahnung von irgendwelchen Religionen. Ich kümmere mich nicht um Religionen oder Kulturen. Schon lange nicht mehr.“
    „Und früher?“ frage ich.
    „Früher? Hm, - ja, ab und zu. Aber das hat nichts gebracht. Alle Bemühungen waren umsonst. Natürlich konnte ich das nicht zugeben. Es wäre fatal für die gesamte Menschheit gewesen. So wie Jesus schon sagte, - die Menschen brauchen einen Dummen, dem sie nacheifern können.“
    „Moment! Das habe ich nicht gesagt!“ sagt Jesus schnell.
    „Ist doch egal, was du gesagt hast oder nicht gesagt hast. Ich habe es so verstanden. Und es ist die Wahrheit, dass die Menschen einen Dummen brauchen, dem sie nacheifern können.“
    Jesus reibt sich das bärtige Kinn und meint: „Du hast schon recht. Und ja, Johannes meinte dann auch zu mir, dass die Menschen einen Dummen brauchen. Aber wisst ihr, - die Israeliten sind schon immer etwas anders gewesen in dieser Beziehung. Wir haben nicht nur einen Dummen gebraucht, - wir haben auch einen Helden gebraucht, - einen Helden, der am Ende einen Heldentod stirbt.“
    „Wohl eher einen Märtyrertod“, wendet Einerinallem ein.
    „Das auch“, murmelt Jesus und zieht auch wieder an der Wasserpfeife.
    „Warst du Buddha?“ frage ich Einerinallem.
    „Es gibt so viele von ihnen, - so viele Buddhas wie es Götter gibt. In mir ist alles vereint“, sagt er wie nebenbei und gönnt sich auch noch einen Zug aus der Wasserpfeife.
    Ich blicke auf Bobo, der uns stillschweigend und dämlich grinsend zugehört hat.
    „Was ist mit dir? Haben Graudingers auch Religionen?“
    „Und genügen diese beiden Idioten, die uns ab und zu besuchen und bei uns predigen.“
    Ich sehe Bobo ungläubig an.
    „Sie predigen?“
    Bobo nickt grinsend, - grinsend wie immer.
    „Und wie reagiert ihr darauf?“
    „Wir hören ihnen zu, - zumindest tun wir so, - aus Höflichkeit. Immerhin wissen wir alles über sie. Wir wussten schon alles über sie, als sie das erste Mal zu uns kamen“, sagt Bobo.
    Ja, sicher, - ich vergesse, dass die Graudingers ihr Gegenüber vollkommen durchleuchten. Ich habe sogar die Befürchtung, sie könnten auch über die Zukunft alles wissen.
    „So ist es!“ sagt Bobo. „Deshalb sind unsere Gesichter lächelnd oder dämlich grinsend – wie du es nennst - eingefroren.“



    Re: Der neue Herr Graudinger

    Wölfin - 06.03.2007, 10:45


    Ich starre ihn an.
    „Nein, nein, das war nur ein Witz“, sagt Bobo schnell. „Ich dachte, ihr Menschen versteht Witze. Unsere Gesichter sind von Natur aus so. Bei uns bedeutet es nicht lachen oder lächeln oder gar dämlich grinsen. Bei uns hat es keine Bedeutung. Bei uns hat nichts Bedeutung.“
    „Was wird in der Zukunft geschehen?“ frage ich bange.
    „Was schon? Es ist doch immer dasselbe. Dinge kommen und gehen. Auch die Graudingers kommen und gehen.“
    „Woher kommen sie und wohin gehen sie?“ frage ich und wage einen Seitenblick auf Jesus und Einerinallem, die genüsslich an der Wasserpfeife saugen.
    „Das hat weder was mit der Vergangenheit, noch mit der Zukunft etwas zu tun, - und am allerwenigsten hat es mit der Gegenwart etwas zu tun. Es kümmert uns nicht.“
    „Okay“, sage ich lang gezogen. „Also keine Geheimnisse? Und wenn schon Jesus und Einerinallem die ganzen Schriften für Mist bezeichnen, gibt es bei uns Menschen auch nichts Geheimnisvolles.“
    „Vergiss die beiden, - die sind nicht echt. Sie sind bloß Träumer“, meint Bobo und nimmt nun auch einen Zug aus der Wasserpfeife. Ich verkneife es mir.
    „Was meinst du mit Träumer?“ frage ich.
    „Sie träumen! Sie sind in einem Traum! Der eine träumt, er sei Jesus höchstpersönlich. Jesus in Reich der Graudingers. Als Mensch ist nur Gehilfe in einem Buchladen. Aber eins muss ich ihm lassen, - seine Träume sind sehr intensiv.“
    „Und Einerinallem?“
    „Er ist als Mensch eine Frau, die sich selbst zu dick findet. Deshalb träumt sie sich als Mann, weil dicke Männer angeblich nicht so schrecklich aussehen wie dicke Frauen. Welch ein Irrtum!“
    „Aber warum solche Träume?“ frage ich Bobo.
    „Du meinst, weil es religiöse Träume sind? Na ja, Religion beflügelt die Phantasie der Menschen.“
    „Also doch alles Humbug?“
    „Menschen lieben doch Symbolisches. Versuch doch mal aus all diesen religiösen Schriften das Symbolische heraus zu lesen und nicht alles Wort für Wort zu nehmen. Ich glaube schon, dass sich die Schreiber oder Schreiberinnen irgendetwas dabei gedacht haben.
    Manchmal kommt einer zu uns, der sich Luzifer nennt. Er sagt, er sei der gefallene Engel und ist jener, der genauso groß wie Gott sein wollte. Dieser Träumer – übrigens ein Manager eines großen Konzerns auf eurer Erde – hat die Schriften völlig falsch verstanden.“
    „Wie verstehst du sie, Bobo?“
    „Es ist in allen Religionen das Selbe. Zuerst werden sie für Macht missbraucht und machen den Menschen Angst. Ganz klar, dass die Oberen nach Macht suchen, um die restlichen Menschen unten zu halten. Aber auch sie haben alles falsch verstanden und der Schuss ging nach hinten los, wie man ja heute bei euch Menschen sehen kann. Die Kirchen sind nicht mehr das, was sie einst waren.
    Nun, Luzifer wurde verstoßen, weil er sich gegen Gott stellte. Gott steht für das Leben und den ewigen, immerwährenden Fluss. Wer sich dagegen stellt, geht unter. So einfach ist es. Nun, und Jesus sagte angeblich: Wer an seinem Leben hängt, wird es verlieren. Es ist im Grunde dasselbe wie die Geschichte mit Luzifer. Die Botschaft lautet: Mitschwimmen und sich nie irgendwo festhalten.“
    „Bobo, du bist ein kluges Wesen!“ rufe ich aus.
    „Ach, was! Ich sehe das alles nur in den Träumern und kann es besser umsetzen, weil es mich nicht betrifft.“
    „Was willst du damit sagen?“ frage ich.
    „Ich bin kein Mensch, - das will ich damit sagen. Ich bin nicht in so einem Irrgarten aufgewachsen wie ihr Menschen. Aus weiter Entfernung ist es leicht, Schlüsse zu ziehen, als wenn du dich mittendrin befindest. Ich sehe über euch Menschen hinaus. Aber ihr, als Menschen, könnt nun mal nicht über euch selbst hinaus sehen. Obwohl – nun, - die Evolution schreitet stets voran und irgendwann einmal seht ihr euch in der Vergangenheit selbst. Blöd ist nur, dass ihr euch stets hinterher läuft.“
    „Warum laufen wir uns selbst hinterher?“
    Bobo rollt genervt seine großen Augen.
    „Seid ihr wirklich so blöd? Na, wenn ihr euch stets in der Vergangenheit wirklich erkennt, und in der Gegenwart stets daneben tappt, läuft ihr euch selbst hinterher. Ist doch einfach zu verstehen!“
    „Gibt es überhaupt Geheimnisse, Bobo?“
    „Sicher gibt es Geheimnisse. Das ganze Universum ist voll davon. Auch wir Graudingers haben uns einst, vor vielen Millionen von Jahren, gefragt, welche Geheimnisse uns umgeben. Aber wir haben schnell geschnallt, dass Geheimnisse immer Geheimnisse bleiben.“
    „Wieso?“
    „Wenn sie es nicht bleiben würden, würde es keine mehr geben. Ist doch auch einfach zu verstehen. Schau mal, wir sind doch nur Lebewesen. Klitzekleine Lebewesen, - auch wenn dich die Größe der Graudingers beeindruckt. Und all diese klitzekleinen Lebewesen sind von Unmengen von Kräften umgeben, gegen die sie niemals ankommen können. Na, was sagt uns das?“
    „Wir sind verloren!“
    Bobo dreht wieder seine großen Augen über.
    „Was sagte ich denn vorhin, du dumme Nase? Mitschwimmen und sich nie irgendwo festhalten. Nur so bist du Teil dieser Kräfte. Schwimmst du dagegen und hältst dich stets an irgendetwas fest, zerschmettern dich die Kräfte. Das ist natürlich nur bildlich gemeint, denn irgendwann einmal wirst du ohnehin zerschmettert. Ich meine, du kannst dir das Leben leicht oder schwer machen. Leicht ist es, wenn du mit schwimmst und dich nirgendwo festhältst. Schwer ist es, wenn du dagegen schwimmst und dich überall festhältst. Es ist schwer, weil es nicht natürlich ist. Natur schwimmt, - und wenn du nicht mit schwimmst, überschwemmt dich alles.“
    Als ich mich umdrehe, um nach Jesus und Einerinallem zu sehen, sind sie verschwunden.
    „Sie sind aufgewacht“, sagt Bobo.
    „Und die drei Kreuze auf dem Berg?“ frage ich.
    „Manchmal träumt Jesus davon. Und im Traum erschafft sich die zwei Kerle links und rechts von ihm, um im Chor singen zu können.“
    „Und Schneewittchen?“
    „Ach, die! Das ist nur ein kleines Mädchen, das träumt. Und manchmal ist Schneewittchen auch mehrere kleine Mädchen, denen eben vorgelesen wird.“
    Nach einer Weile frage ich: „Sag mal, Bobo? Wie kommt es, dass wir hier unten atmen können? Woher kommt der Sauerstoff?“
    „Phantasie braucht keinen Sauerstoff“, meint Bobo und gleitet elegant vom Barhocker.



    Re: Der neue Herr Graudinger

    Wölfin - 09.03.2007, 14:25


    Wenn Phantasie keinen Sauerstoff braucht, könnte ich doch ohne Taucheranzug und Sauerstoffflasche zurück an die Oberfläche schwimmen. Bobo nickt und grinst. Ach, ja, er grinst immer und sein Grinsen hat keinerlei Bedeutung.
    Der Weg führt uns zurück zu der Kammer zwischen den zwei Türen.
    „Du weißt aber, dass es für Menschen nicht natürlich ist, unter Wasser zu atmen“, sage ich vorsichtshalber, bevor Bobo die Tür zum Wasser öffnet.
    „Sicher weiß ich das. Und ich weiß auch, dass du bald nicht mehr atmen kannst und es auch nicht wirst.“
    „Ich werde sterben!“ rufe ich aus.
    „Okay, dann stirb! Ich bin neugierig, was sich ein Mensch unter dem Tod vorstellt.“
    Toll!
    „Toll?“ wiederholt Bobo meinen Gedanken.
    „Ja, toll, - was deine Neugierde betrifft.“
    „Es ist ja nur Phantasie. Du stirbst doch nicht wirklich. Du weißt doch noch, dass du eigentlich vor einem PC sitzt und dort atmen kannst. Oder?“
    „Klar weiß ich das. Und ich werde auch weiteratmen – vor dem PC, während ich meine Vorstellung vom Tod mit Hilfe der Tastatur eintippe.“
    „Okay, dann komm!“

    Ich atme ganz tief ein und schwebe durch die Öffnung zum Wasser. Eine Weile geht es ganz gut, da meine Lungen noch mit Sauerstoff gefüllt sind. Aber bald bahnt sich ganz leise Panik an. Ich habe das Gefühl, als wäre ich wie ein Luftballon aufgepumpt, - mit zu viel Luft, die ihn zerreißt. Ich habe das Gefühl meiner Lungen. Erschrocken sehe ich zu Bobo, der seelenruhig durch das Wasser segelt. Er sieht schön aus mit seinen vielen langen Beinen. Wie ein Balletttänzer bewegt er sie rhythmisch zu einer leisen Musik, die mich an Sprudeln erinnert. Eine sprudelnde Musik! Blubber!
    Fast lässt es mich vergessen, dass ich nicht atmen kann. Bobo, es ist das Denken! Wenn ich nicht daran denke, sinkt die Panik, - aber sobald ich daran denke, kommt sie hoch.
    „Denke nicht!“ sagt Bobo. Seine Stimme hört sich unter Wasser genauso an wie über Wasser.
    Irgendwann habe ich einen Film gesehen, in dem eine Frau fast ertrunken wäre. Sie strampelte zuerst wild mit Beinen und Händen, um an die Oberfläche zu kommen. Als sie spürte, dass alles vergebens ist, ließ sie einfach los. Es ist leicht gesagt, los zu lassen, es tun, ist viel schwerer - vor allem, wenn es ums eigene Leben geht. Nach ihrer Rettung sagte die Frau, sie hätte sich noch nie so wohl gefühlt, als in diesem Moment, als sie alles los ließ. Es wäre so befreiend gewesen. Alle Angst war augenblicklich weg. Sie sorgte sich nicht mehr um sich selbst. Sie sorgte sich um gar nichts mehr. Am liebsten wäre sie für immer in diesem Zustand geblieben.
    Ich versuche es auch. Ich bin ganz ruhig und versuche nicht mehr, verzweifelt nach Luft zu schöpfen. Ich lasse das Wasser in meine Lungen eindringen.
    Holy water in my lungs…
    Ich liebe diesen Song von “Live”, - auch wenn er eine furchtbare Schnulze ist. Der Song löst etwas in mir aus, - so was wie inneren Frieden, passend zu der Situation, in der sich die Frau befand, als sie los ließ. Der Song heißt „Overcome“. Ich hab ihn, nachdem ich ihn das erste Mal hörte, gleich noch mal abgespielt und dann noch mal. Am nächsten Tag konnte ich es kaum erwarten, die Musikanlage einzuschalten, um den Song wieder zu hören.
    „Lass los!“ ruft mir Bobo zu.
    Mit den Klängen von Live und der bezaubernden Stimme von Ed lasse ich alles los. Ich schwebe schwerelos durch das Wasser und fühle, wie ich mehr und mehr auflöse. Ich sehe es nicht, - ich fühle es nur. Meine Beine, meine Arme, mein ganzer Körper verwandelt sich in strahlendes Licht.
    „Das ist dein wirkliches Sein“, sagte Bobo leise, aber seine Worte hallen in mir nach.
    Licht ist angeblich das Schnellste. Mag ja sein, dass es noch etwas Schnelleres als Licht gibt, - aber in diesem Moment fühle ich mich wirklich schnell, als könnte ich überall gleichzeitig sein. Ich bin überall gleichzeitig! Nur kann ich das nicht mehr so fühlen wie einst mit meinem schweren Körper. Okay, mein Körper ist nicht schwer, - etwa 55 Kilo bei 1,70. Aber ich erinnere mich an eine Schwere, die mich am Boden hielt.
    Ich bin nicht wirklich Licht. Nein, nein, so meinte ich das nicht. Ich weiß schon, dass ich noch immer vor dem PC sitze und diese Buchstaben eintippe. Ich meinte das mit dem Licht ganz anders. Ich bin kein Licht, wie das einer Lampe. Ich bin auch nicht Energie, wie sie massenhaft auf der Erde vorkommt. Ich bin ein strahlendes Etwas, ohne etwas zu sein. Ich bin überall und nirgendwo. Ich bin kein Ich mehr…

    Bobo wartet schon auf mich am Seeufer.
    „Du hast ja eine seltsame Vorstellung vom Tod“, sagt er, als ich keuchend auf die Wiese sinke.
    „Hast du keine?“
    „Wozu? Ich werde noch früh genug wissen, wie das Sterben und der Tod sind.“
    „Na ja, Menschen machen sich halt über alles Mögliche Gedanken.“
    „Ja, und auch über alles Unmögliche!“
    „Warum Unmögliche?“ frage ich.
    „Weil es unmöglich ist, sich über das Sterben und den Tod Gedanken zu machen. Tsä! Licht! Energie! Überall und nirgendwo sein! Tsä!“
    Es klingt sehr lustig, wenn Bobo „tsä“ macht.
    „Warum denn nicht? Es KÖNNTE so sein, Bobo!“
    „Na und? Es KÖNNTE vieles sein. Es könnte jetzt eine Atombombe auf uns fallen.“
    „Mal nicht den Teufel an die Wand, Bobo!“
    „Hier ist keine Wand, und der Teufel treibt sich eben oben in den Bergen rum.“
    „Ehrlich? Mit dem würde ich gerne mal reden.“
    Bobo lacht laut.
    „Er ist ein Träumer! Oder meinst du, du hättest mit dem echten Jesus geredet? Der Teufel ist genauso echt wie der Träumer, der träumte, er sei Jesus.“
    „Es könnte ja sein, dass diese Träumer Aspekte dieser Wesenheiten sind“, sagte ich klug.
    „Klug? So was Dämliches habe ich schon lange nicht mehr gehört! Was, bitte, sind Aspekte von Wesenheiten?“
    „Noch nie was von der Ganzheit des Selbst gehört, Bobo?“
    „Nö! Was’n das schon wieder?“
    „Unsere Seele ist so groß, dass sie in einem einzigen Körper nicht Platz hat. Also ist sie in mehreren Körpern aufgeteilt. Diese Aufteilung nennt man Aspekte.“
    Bobo lacht wieder laut.
    „Bobo, du bist ein ungläubiger, sarkastischer Realist!“
    „Komm, lass uns in die Berge gehen. Du wirst schon sehen, was du davon hast, wenn du mit diesem blöden Teufel redest.“



    Re: Der neue Herr Graudinger

    Wölfin - 12.03.2007, 12:22


    Und schon befinden wir uns, Bobo und ich, mitten in einer gebirgigen Landschaft, mit wunderbaren Wanderwegen, wo nicht unbedingt geklettert werden muss. Auf einem Hügel hockt eine dunkle Gestalt. Als wir uns nähern, noch bevor ich die dunkle Gestalt richtig ausmachen kann, höre ich diese Worte von ihr:: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär's, dass nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element“.
    „Er zitiert Goethe“, sage ich lächelnd.
    „Ich sagte doch, dass er nur ein Träumer ist“, meint Bobo.
    „Meinst du, es gibt auch einen echten Teufel?“ frage ich, während wir langsam weiter auf die dunkle Gestalt zugehen.
    „Was kümmert mich der Teufel?“ sagt Bobo, und wenn er eine Achsel hätte, würde er damit zucken.
    Es ist ein kleines Männchen, das mitten auf dem Hügel im Schneidersitz da hockt und uns freundlich anlächelt. Seine Kleidung besteht aus langen, engen Hosen, einem ebenso engen Pulli und eleganten Herrenschuhen, - natürlich alles in schwarz. Sein Haar ist kurz und ebenfalls schwarz.
    „In meinem Traum würde er anders aussehen“, sage ich leise.
    „Verwandle ihn“, sagt Bobo.
    „Wie meinst du das?“
    „Sehe ihn so, wie du ihn sehen willst. In der Phantasie ist alles möglich.“
    Ich denke an Kim, und denke mir das Muttermal unter dem linken Auge weg. Oh, jetzt hockt eine mächtige Gestalt auf dem Hügel, - groß gewachsen und athletisch, mit langem, seidig schwarz glänzendem Haar, das bis zu den Hüften reicht. Sie ist in einem schwarzen Umhang mit Kapuze gehüllt, darunter enge, schwarze Hosen und Leibchen und schwarze Lederstiefel, mit Nieten, bis zu den Knien.
    Als sich die Gestalt erhebt, weht der Umhang in alle Richtungen und mit ihm auch das lange Haar. Es sieht wundervoll aus, und ich bin versucht, mich zu verneigen.
    Mit lauter Donnerstimme ruft der Schwarze aus: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär's, dass nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element“.
    „Das sagtest du schon“, sagt Bobo zu ihm und sieht mich an, während er seinen riesigen Kopf schüttelt.
    „Was ist, Bobo?“ frage ich.
    „Er sieht lächerlich aus“, meint Bobo.
    „Gefällt dir meine Phantasie nicht?“
    „Etwas zu großspurig, - aber mir ist es ja egal.“
    Der Schwarze hockt sich wieder nieder und nickt Bobo und mir zu.
    „Setzt euch zu mir“, sagt er, - diesmal mit sanfter, weicher Stimme.
    Ich sehe ihm in die Augen. Sie sind gelb leuchtend. Also auch ein kleiner Unterschied zwischen Kim und ihm, da Kim leuchtend türkisfarbene Augen hat.
    „Warum zerstörst du alles?“ frage ich ihn.
    „Damit wieder Neues entstehen kann.“
    „Aber du sagtest eben, besser wäre, wenn nichts entstünde.“
    „Dann hätte ich nichts mehr zu tun. Weißt du, ich bin sehr faul.“
    „Wie nennt man dich? Wie darf ich dich anreden?“
    „Am liebsten ist mir Luzifer. Aber du kannst mich nennen, wie du willst. Ich habe ja viele Namen unter den Menschen.“
    „Luzy?“ frage ich vorsichtig.
    „Von mir aus!“ grummelt Luzy.
    „Woher kommst du eigentlich? Stimmt es, dass du einst ein Engel Gottes warst?“ frage ich.
    Aus den Augenwinkeln kann ich erkennen, wie Bobo seine großen Augen rollt.
    Luzy lacht laut.
    „Warum fragst du nicht, ob Gott einst ein Engel meiner Armee war? Weißt du nicht, dass ICH zuerst war? Ich war einst der Höchste unter allen, geboren aus der Mutter aller Mütter, der Morgenröte.
    Die Hindus haben es so halbwegs verstanden und nennen mich Shiva, den Zerstörer. Für sie bin ich der höchste Gott.“
    „Stimmt nicht“, sage ich.
    „Doch, das stimmt, denn sie nennen mich in einem Atemzug mit den anderen höchsten Göttern“, beharrt Luzy auf seine Worte.
    „Warum sagst du dann, dass du Böses tust?“
    „Das sagen die Menschen, - na ja, gewisse Menschen, - du weißt schon“, sagt Luzy und verzieht den Mund.
    „Die Christen?“ frage ich.
    „Die auch, und einige andere noch. Aber das spielt keine Rolle. Ich weiß, wer ich bin und das genügt mir.“
    „Du bist also ein fauler Gott, dem es lieber wäre, dass nichts Neues entsteht, weil er dann nichts mehr zerstören müsste“, sage ich.
    „Genau!“ stimmt Luzy zu.
    „Ist das alles?“ frage ich.
    „Es reicht mir, - glaube mir. Ich habe eine ganze Menge zu tun.“
    „Und warum sitzt du dann hier herum, wenn es doch so viel zu tun gibt?“
    „Das hier ist nur eine Erscheinung. In Wirklichkeit habe ich keine Gestalt, da ich reine Kraft bin, - die Kraft der Zerstörung.“
    „Du bist dann wohl auch diese Kraft, die Menschen Böses tun lässt“, sage ich.
    „Wenn die Menschen meinen, dass es böse ist, dann wird es schon so sein.“
    „Habgier, Neid, Hass, Mord und Todschlag, Diebstahl, Sucht, - das alles ist dein Werk.“
    „Mag schon sein.“
    „Lässt dich das alles kalt?“ frage ich erbost.
    Luzy hebt unschuldig seine Hände.
    „Was soll ich denn tun? Ich bin wie ich bin. Wenn meine Kraft so auf die Menschen wirkt, so ist das nicht nur meine Sache, sondern auch ihre. Nur, nimm das nicht persönlich, denn das hat nichts mit Persönlichkeit zu tun. Wenn zwei Kräfte aufeinander wirken, weiß man nie, was dabei herauskommt. Bei anderen Lebewesen wirkt meine Kraft vielleicht anders. Ich mache mir darüber keine Gedanken, wie ich auf andere Kräfte wirke. Ich wirke nur, - so wie alle Kräfte wirken.
    Wenn ihr Menschen es persönlich nehmt, so kann ich doch nichts dafür.“
    „Du wäscht also deine Hände in Unschuld“, sage ich anklagend.
    „Ich wasche überhaupt nichts. Ich bin nur Kraft, - eine unveränderliche Kraft, die wirkt. Mehr steckt da nicht dahinter. Ich kann mich also nicht ändern, - selbst, wenn du dich auf den Kopf stellst, oder mir den Schädel einschlägst. Du schlägst dann ohnehin nur auf eine leere Erscheinung.“
    „Könnten sich die Menschen ändern?“ frage ich.
    „Auch Menschen sind wie sie sind. Was sollten sie denn an sich selbst ändern? Veränderung ist immer, - aber das liegt nicht in der Hand der einzelnen Lebewesen. Das ist einfach Natur. Das werden dir auch die so genannten guten Kräfte sagen.“
    „Wer sind die guten Kräfte?“
    „Das sind die Erneuerer, die immer wieder Neues schaffen, damit ich ja viel Arbeit habe. Aber ich nehme es nicht persönlich. Faulheit, das ist nur ein Aspekt meiner Kraft, den ich erkannt habe, als ich mich mit den Menschen einließ. Okay, ja, ich bin faul, - aber das tut nicht wirklich etwas zur Sache.“
    „Du bist sehr widersprüchlich“, stelle ich fest.
    „Oh ja!“ sagt Luzy und lächelt selig.
    „Aber weißt du, die Menschen wollen sich ändern.“
    „Nein, da bist du im Irrtum. Das sagen sie nur. Menschen sagen viel, wenn der Tag lang ist. Aber tief, ganz tief in Kern ihrer Kraft wissen sie, dass sie sich nicht willentlich ändern können, solange sie auf ihre Persönlichkeit beharren. Erst, wenn sie sich auf alle Kräfte einlassen, dann erkennen sie, dass sich in den Erscheinungswelten alles verändert und nichts wirklich echt ist. Echt sind nur die unveränderlichen Kräfte, die aufeinander wirken, wodurch die Erscheinungswelten entstehen und wieder vergehen, entstehen und wieder vergehen, entstehen und…“
    Bobo erhebt sich und winkt mir mit einem seiner langen Beine zu.
    „Lass uns gehen. Damit hört er jetzt lange nicht auf. Ich kenne das“, sagt er und seufzt sogar.
    „Entstehen und wieder vergehen, entstehen und wieder vergehen…“
    Die Worte klingen noch nach, als Bobo und ich bereits die Berge verlassen haben und kurz vor der Stadt sind.



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