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Re: Der Tod und das Leben
Lonny - 19.02.2007, 00:44Der Tod und das Leben
Der Tod und das Leben
Es war ein warmer Frühlingstag. Die Blumen streckten ihre Köpfe der Sonne entgegen, die Blätter der Bäume zeigten eine satte Grünfarbe, die Schmetterlinge liessen sich von der lauen Brise frei und unbeschwert von Blüte zu Blüte tragen, und die Vögel zwitscherten und sangen munter ihr Lied. Stille und Frieden lag über dem Land.
Nur ein alter Mann schlurfte schleppenden Schrittes den Weg entlang. Sein Aussehen ähnelte dem eines Landstreichers. Das Haar war zerzaust, die Augen glanzlos, und im Gesicht hatten sich tiefe Falten eingegraben. Seine Schultern waren nach vorne gebeugt, als wäre der dunkle Mantel, den sie trugen, viel zu schwer für sie. Immer wieder blieb er stehen, um Atem zu schöpfen; und wenn er für einen kurzen Moment aufblickte, lag der gesamte Weltschmerz in seinen Augen. Er kam zu einer Friedhofsmauer, an der mehrere Bänke aufgestellt waren. Sie waren leer. So liess er sich auf einer Bank nieder, um ein wenig auszuruhen. Müde schloss er die Augen und hing seinen Gedanken nach. Er träumte von der Vergangenheit. Früher, ja früher… Da hatten ihn die Menschen noch gerne gesehen, wenn er gekommen war, um eine Seele abzuholen! Sie hatten ihn freundlich begrüsst, hatten ihn eingeladen, und er hatte mit ihnen gefeiert. Es wurde gesungen und getanzt, und die Seelen hatten sich glücklich und in Frieden von ihren Familien verabschiedet, bevor er dann mit ihnen entschwunden ist. Aber das ist schon lange her… Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust.
Er musste wohl eingeschlafen sein; denn als er wieder aufblickte, war die Sonne verschwunden und der Gesang der Vögel verstummt. Langsam begann die Dunkelheit hereinzubrechen, aber den alten Mann störte das nicht. Er träumte der Vergangenheit nach; konnte nicht verstehen, warum ihn die Menschen nicht mehr mochten. Er tat doch niemandem etwas Böses; erfüllte nur seine Aufgabe, die Seelen abzuholen und nachhause zu begleiten.
Eine zarte Hand berührte seine. Der alte Mann erschrak, denn er hatte sich schon lange an seine Einsamkeit gewöhnt. Aber als er den Kopf hob, blickte er in zwei sanfte Augen, in denen sich Lebensfreude widerspiegelte. Ein junges Mädchen stand vor ihm, farbenfroh gekleidet, ein hübsches Gesicht, und in seinen Augen funkelten Sterne Er konnte nicht benennen, was es war, aber etwas an diesem Mädchen zog ihn in seinen Bann. „Wer bist du?“, fragte er. „Ich bin das Leben!“, antwortete das Mädchen, und seine Augen strahlten noch intensiver. „Und wer bist du?“, fragte es neugierig. „Ich bin der Tod!“, sagte der Mann. Da wurde das Mädchen ernst. Es spürte die Traurigkeit des Alten, und so setzte es sich neben ihn, nahm seine Hand und hielt sie. Nach einer Weile fragte das Mädchen: „Warum bist du so traurig… Tod?“ Es hatte ein wenig Hemmungen, diesen Namen auszusprechen. „Ach weißt du“, jammerte der Tod. „Früher, vor langer, langer Zeit… da mochten mich die Menschen noch. Es war so selbstverständlich, dass ich kam und die Seelen abholte, und überall wurde ich freundlich aufgenommen und bewirtet. Ich war sozusagen einer von ihnen, gehörte dazu, und niemand nahm Anstoss daran, dass ich nach der Feier die Seelen mitnahm, um nachhause zu begleiten.“ Er schwieg erschöpft, das Reden hatte ihn angestrengt, und die Trauer ihn wieder übermannt. Still sass das Leben neben ihm, hielt immer noch seine Hand. Plötzlich ruckte sein Kopf hoch, und so etwas wie Wut war in seinen Augen zu sehen. „Und heute?“, fragte er. „Wie ist das heute?“ „Ich weiß es leider nicht“, erwiderte das Leben. „Bisher gab es für mich nur Leben, ich werde heute zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert.“ „Heute…“, sagte der Tod. „Heute haben die Menschen Angst vor mir! Anstatt diese Seelen mir anzuvertrauen, damit ich sie friedlich und in Liebe nachhause begleiten kann, werden die Menschen mit Medikamenten vollgepumpt bis zum Äussersten, werden sie an Maschinen angeschlossen, damit sie nur ja auf der Erde bleiben, egal wie sehr sie leiden! Sogar auf halbem Wege werden mir noch Seelen entrissen!“ Wieder schwieg er erschöpft. Eine Träne löste sich aus dem rechten Augenwinkel, und mit zittriger Stimme fuhr er fort: „Ich will den Menschen nichts Böses. Ich liebe sie so unendlich, und das was ich tue, ist nichts Anderes, als sie in das Paradies zu begleiten, das sie sich doch ihr Leben lang so sehr wünschen. Das Einzige, was sie dafür hinnehmen müssen, ist, ihren physischen Körper, den sie nicht mehr brauchen, zurückzulassen.
Ich führe sie in die Freiheit, in den Frieden! Aber sie wollen mich nicht. Und wenn die Seelen bereit sind, nachhause zu gehen, sind es die Angehörigen, die sich dagegen wehren, die nicht loslassen wollen und können. Dabei machen sie es sich ja nur selber schwer, die Menschen! Aber das verstehen sie wohl nicht.“ Jetzt weinte er bitterlich. „Sieh’ mich an, Leben! So wie heute sah ich nicht immer aus! Ich war geachtet und respektiert, und eingehüllt in glänzende Gewänder.“ Wieder schwieg er eine Weile. „Das, was du heute in meinem Gesicht lesen kannst und an meinem Gewand haften siehst, sind der Kummer und die Sorgen der Menschen. Jedes Mal, wenn ich eine Seele wegtrage, schicken sie mir diese Energien hinterher. Ich bin gebeugt durch soviel Menschenleid, gebeugt durch die Kämpfe, die ich auszustehen habe, bis ich eine Seele erlösen kann.“
Lange blickte das Leben den Tod an, und in seinem Lächeln war so unendlich viel Liebe, dass es dem Tod ganz warm im Herzen wurde. Mit geschlossenen Augen genoss er dieses wundervolle Gefühl. Eng aneinander geschmiegt sassen die beiden auf der Bank, hielten sich an den Händen. Göttliche Energie umhüllte sie, tauchte sie in goldenes Licht, welches in Form einer Säule zwischen Himmel und Erde spannte. „Tod“, sprach das Leben, „Gott hat mich beauftragt, dich bei der Erfüllung deiner Aufgabe zu unterstützen, dir beizustehen. Durch diese göttliche Energie sind wir untrennbar miteinander verbunden, wir sind Eins und sind Eins mit Gott. So lass uns ab nun gemeinsam die Menschen besuchen. Wenn sie gleichzeitig mit dem Tod das Leben sehen, wird dies ihre Angst nehmen. So ist es von Gott gewollt.“
In Tod’s Augen trat ein Leuchten. Seine vergrämten Gesichtszüge entspannten sich, und man konnte beobachten, wie sich sein gebeugter Körper aufrichtete. Er war wieder die stattliche, imposante Erscheinung, die er früher war. Unendlich glücklich über dieses Geschenk umarmte er das Leben, und sie verschmolzen ineinander. Gemeinsam wecken sie nun in der Menschen Herzen Hoffnung und Zuversicht auf Leben –von Ewigkeit zu Ewigkeit.
© Ponte della Luce, 27.5.2005
in unendlicher liebe für alle menschen
klangwolke
Re: Der Tod und das Leben
Lonny - 19.02.2007, 00:46
ich sitze hier und heule....
jetzt
nachdem ich diese Geschichte gelesen habe
denn
mein Mann wird momentan wieder beatmet und liegt in Narkose, damit er nicht würgen muss....
immer wieder zwischendrin, wenn er mal ansprechbar ist und mich sieht, will er mit mir nach Hause in sein Bett.
Hätte ich ihn mitnehmen dürfen und können,
wäre er inzwischen bestimmt nicht mehr hier.....
die Ärzte sagen, er ist erst 56 und er hat noch eine Chance,
er wird künstlich ernährt.
Mir kamem auch schon die Gedanken, vielleicht will er nicht mehr?
Aber, vor ein paar Tagen sagte er zu mir:
"hol mich hier raus - die bringen mich hier um"
Er wollte von mir zu seinem Hausarzt gebracht werden.
Ich habe irgendwie immer noch die Hoffnung, dass er wieder gesund wird.
Wenn ich aber genau wüsste, dass er sterben möchte, dann würde ich mich dafür einsetzten - aber ich weiß es wirklich nicht!
Ich habe den Eindruck er kämpft und will leben!
Re: Der Tod und das Leben
ChrisTina - 19.02.2007, 00:58
Ich umärmel dich mal ganz lieb
und wennst magst, mach ich ihm auch ein Wölkchen
dann fällt ihm seine Entscheidung leichter
wie immer die auch ausfallen mag.
Re: Der Tod und das Leben
Maraiah - 19.02.2007, 19:31
Lonny - ich denke, wenn er es wirklich will - dann halten ihn auch keine Maschinen auf, zu sterben.
Er hat seine Wahl schon vor langer Zeit getroffen.
Ich denke, alles ist genauso wie es sein soll und wie er es sich gewählt hat. Ich kann mir vorstellen, dass du dich sehr hilflos fühlst und doch so gerne was tun würdest.
Ich nehm dich in den Arm und halte dich, solange du magst.
Geh deinen Weg, es ist dein Recht und niemand hat das Recht dich aufzuhalten. :kiss
Re: Der Tod und das Leben
Lonny - 20.02.2007, 01:43
Hallo Ihr zwei....ich bin Euch von Herzen dankbar für eure Umarmung!
ja... ok... liebe ChrisTina, mach ihm eines ...er möge mir ein Zeichen geben, so wie hier beschrieben:
http://www.beategabriele-plus.de/sterben/sterbend/verstehe.html
hm....
aber... eigentlich hat er das schon
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