TAOISMUS

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    Re: TAOISMUS

    Wölfin - 04.02.2007, 12:22

    TAOISMUS
    aus:

    Buch III
    König Mu von Dschou.
    Leben und Traum

    Schlimme Heilung

    Hua Dsi aus Yang Li in Sung erkrankte in seinen mittleren Jahren an Vergesslichkeit. Was er morgens genommen, hatte er abends vergessen; was er abends gegeben, hatte er morgens vergessen; unterwegs vergaß er zu gehen; daheim vergaß er zu sitzen; heute wusste er nicht mehr, was früher war; später wusste er nicht mehr, was heute war. Das ganze Haus war darüber im Unglück. Man bat den Zeichendeuter. Der fragte das Orakel darüber, aber es kam kein Spruch. Man bat den Zauberer. Der betete darüber, aber er bannte es nicht. Man bat den Arzt. Der kurierte daran, aber es hörte nicht auf.
    In Lu war ein Gelehrter, der bot sich selber an, es heilen zu können. Die Angehörigen des Hua Dsi boten ihm die Hälfte ihres Vermögens und baten um ein Mittel. Der Gelehrte sprach: „Das ist wahrlich nicht etwas, das durch Orakel erfragt oder durch Gebete erbeten oder durch Medizinen geheilt werden kann. Ich werde versuchen, sein Herz zu wandeln, seine Sorgen zu ändern, vielleicht wird es hernach besser.“
    So versuchte er es denn und entblößte ihn, da bat er um Kleidung; er ließ ihn hungern, da bat er um Speise; er sperrte ihn ins Dunkle, da bat er um Licht. Da sagte es der Gelehrte vergnügt seinem Sohne und sprach: „Die Krankheit kann geheilt werden. Doch ist mein Mittel ein Geheimnis, das man nicht andern sagen kann. Lasst einmal alle Umstehenden sich entfernen und mich allein mit ihm bleiben sieben Tage lang.“ Sie folgten ihm und wussten nicht, was er tat. Und wirklich war die Krankheit vieler Jahre an Einem Morgen ganz verschwunden.
    Als Hua Dsi nun zu sich gekommen war, da ward er sehr zornig. Er vertrieb sein Weib und schlug seinen Sohn und nahm einen Speer und verfolgte damit den Gelehrten. Die Leute von Sung hielten ihn fest und fragten, warum er das tue. Hua Dsi sprach: „Vorher war ich in Vergessenheit versunken und gleichgültig. Ich merkte nicht, ob es eine Welt gab oder nicht. Nun bin ich zum Bewusstsein erwacht, und was mir während dieser Jahrzehnte widerfahren an Bestrehen und Vergehen, Gewinn und Verlust, Trauer und Freude, Liebe und Hass, regt sich mit tausend Verstrickungen verwirrend in mir. Ich fürchte, dass auch Bestehen und Vergehen, Gewinn und Verlust, Trauer und Friede, Liebe und Hass der Zukunft also mein Herz verwirren werden. O, dass ich doch jene Vergessenheit auch nur auf einen Augenblick wieder finden könnte!“
    Dsi Gung vernahm davon und wunderte sich darüber, also dass er es dem Meister Kung erzählte. Meister Kung sprach: „Das ist nichts, das du verstehen könntest.“ Er wandte sich darauf an Yan Hui und sagte: „Merk es dir!“



    Re: TAOISMUS

    Wölfin - 04.02.2007, 12:23


    aus:

    Buch VI
    Freiheit und Notwendigkeit

    Der Nutzen des Todes

    Herzog Ging von Tsi wandere auf dem Kuhberg. Als er von Norden der Hauptstraße seines Landes nahte, da vergoss er Tränen und rief aus: „Wie schön du bist, o Land! So üppig, so prächtig, glitzernd im Tau! Muss ich dieses Land verlassen und sterben? O, gäbe es doch keinen Tod in der Welt! Wenn ich von hier scheide, wohin werde ich dann kommen?“ Der Geschichtsschreiber Kung Und Liang Kiu Gü taten es ihm beide nach und sprachen schluchzend: „Wir hängen von des Fürsten Gnade ab, und unsere Speise ist einfaches Gemüse und geringes Fleisch. Wir fahren mit alten Mähren und Rumpelwagen und möchten dennoch nicht sterben. Wie viel mehr (Grund zur Klage) hat da erst der Fürst!“
    Nur Meister Yän lächelte für sich. Der Herzog wischte seine Tränen ab, wandte sich an Meister Yän und sprach: „Der Spaziergang hat Uns traurig gemacht, und Kung und Gü haben es Uns beide nachgetan und auch geweint. Warum lachst du allein?“ Meister Yän erwiderte und sprach: „Wenn die Würdigen ewig dauerten, so wäre der Große Herzog und der Herzog Huan ewig am Leben geblieben. Wenn die Mutigen ewig dauerten, so wären die Herzöge Dschuang und Ling ewig am Leben geblieben. Wenn nun alle Fürsten heute noch lebten, so könnten Eure Hoheit im Schilfmantel und Strohhut auf den Feldern stehen. In diesem bemitleidenswerten Zustand hättet Ihr keine Muße gehabt, ans Sterben zu denken, und wie wäre es dann überhaupt möglich gewesen, dass Eure Hoheit auf den Thron gekommen wären? Dadurch, dass in beständigem Wechsel jeder weilte und dann wieder ging, kam die Reihe an Eure Hoheit. Darüber nun aber Tränen zu vergießen, ist nicht wahre Seelengröße. Ich habe einen Fürsten gesehen ohne wahre Seelengröße und habe Diener gesehen, die ihm schmeichelnd nach dem Munde redeten. Als ich diese beiden sah, da habe ich mir erlaubt, heimlich für mich zu lächeln.“
    Der Herzog Ging schämte sich. Er erhob den Becher sich selbst zur Strafe, und er bestrafte seine beiden Diener, jeden mit zwei Bechern Weins.



    Re: TAOISMUS

    Wölfin - 04.02.2007, 12:23


    aus:

    Buch VII
    Yang Dschu

    Die beiden Übermenschen

    Dsi Tschan war Kanzler in Dscheng, und nachdem er die Gewalt im Staate drei Jahre lang in seiner Hand vereinigt hatte, da folgten die Guten seinem Einfluss, und die Bösen scheuten seine Strenge. So kam der Staat Dscheng in Ordnung und die übrigen Reichsfürsten fürchteten ihn. Er aber hatte einen älteren Bruder namens Gung Sun Tschan und einen jüngeren Bruder namens Gung Sun Mu. Der ältere war dem Wein ergeben und der jüngere der Frauenschönheit.
    Vor dem Hause des Älteren standen Tausende von Weinfässern aufgestapelt, und die Hefe lag in Haufen umher. Wenn man auf hundert Schritten dem Tore nahte, so beleidigte der Geruch von Trebern und ungegorenem Wein die Nase. Und nun erst seine Unmäßigkeit im Weingenuss! Er kümmerte sich nicht um des Weltlaufs Sicherheit oder Gefahr, nicht um Reue oder Verzweiflung menschlicher Vernunft, nicht um Besitz oder Verlust im eigenen Hause, nicht um Zuneigung oder Entfremdung seiner Verwandten, nicht um Freude und Trauer über Leben und Tod, ja selbst wenn Wassersnot und Feuersnot, Schwert und Spieß gleichzeitig ihn bedroht hätten, er hätte es nicht bemerkt.
    Der Jüngere hatte sich in seinen hinteren Gemächern einen Harem von Dutzenden von Zimmern angelegt, den er mit ausgesucht jungen und schönen Mädchen gefüllt hatte. Und nun erst seine Ausschweifungen in Wollust! Die Verwandten trieb er weg, und mit den Freunden brach er. Er zog sich in die inneren Gemächer zurück und trieb dort Tag und Nacht sein Wesen. Alle drei Monate kam er nur einmal hervor, und selbst dabei war ihm noch nicht wohl. Wenn in der Gegend irgendwo eine besonders schöne Jungfrau war, so sandte er sicher Geschenke, um sie herbeizulocken, brauchte Kuppler, um sie zu verführen, und ließ nicht ab, ehe er sie bekommen.
    Dsi Tschan war Tag und Nacht darüber bekümmert. Er suchte heimlich den Deng Si auf, um ihn um Rat zu fragen, und sprach: „Ich weiß, dass man erst sein Selbst in Ordnung bringen muss, um auf die Familie Einfluss zu gewinnen, dass man erst sein haus in Ordnung bringen muss, um auf den Staat Einfluss zu gewinnen. Dieser Grundsatz besagt, dass man im engsten Kreise anfangen muss, um weitere Kreise zu erreichen. Nun habe ich im Staate Ordnung geschaffen, aber meine Familie ist in Unordnung. Das ist der verkehrte Weg. Was für ein Mittel gibt es nun, um die beiden Herren zurechtzubringen? Willst du mir’s nicht kundtun?“ Deng Si sprach: „Ich wundere mich schon lange darüber, aber ich habe nicht gewagt, zuerst davon zu reden. Willst du sie nicht schleunigst zur Ordnung bringen, indem du ihnen die Wichtigkeit von Leib und Seele klarmachst und sie anziehst durch die Erhabenheit von Recht und Sitte?“
    Dsi Tschan befolgte die Worte Deng Sis und benützte eine freie Stunde, um seine Brüder zu besuchen. Und er redete mit ihnen also: „Was den Menschen vor den Tieren auszeichnet, das ist sein sinnender Verstand; worauf der sinnende Verstand uns weist, das ist Sitte und Recht. Wenn man in allen Stücken nach Sitte und Recht lebt, so kommt man zu Ehren und Ämtern; wenn man von seinen Leidenschaften sich treiben lässt und sich der Völlerei und Wollust ergibt, so bringt man Leib und Seele in Gefahr. Wenn ihr meine Worte zu Herzen nehmt und morgens Buße tut, so habt ihr abends schon ein Amt.“
    Die beiden Brüder sprachen: „Das wissen wir schon längst und haben auch schon längst unsere Wahl getroffen! Wir brauchten nicht auf dich zu warten, um das zu erfahren. Es ist ein seltenes Glück zu leben; der Tod aber kommt ganz von selbst. Was ist das für ein Gedanke, das seltene Glück des Lebens preiszugeben, um auf den Tod zu warten, der doch ganz von selbst kommt; Sitte und Recht hochzuhalten, um vor den Menschen zu prahlen; seinen Gefühlen und seiner Natur Gewalt anzutun, um den Ruhm herbeizulocken! Wenn wir das tun wollten, wären wir dann nicht so gut wie schon tot? Wir wünschen die Freuden dieses einen Lebens auszukosten und die Genüsse der Gegenwart zu erschöpfen. Darum kennen wir nur die Sorge, dass, wenn der Leib überfüllt ist, der Genuss am Trunk gehindert wird, dass wenn die Kraft erschöpft ist, die Befriedigung der Lust gehindert wird; nicht aber beunruhigen wir uns darüber, dass unser Name stinken wird und unser Leib und Leben in Gefahr kommt. Du aber kannst doch mit deiner Geschicklichkeit, den Staat zu ordnen, vor der Welt prahlen! Nun willst du auch noch mit deinem Geschwätz unser Herz verwirren und mit Ehre und Ämtern unseren Gedanken schmeicheln. Ist das nicht gemein und erbärmlich?
    Nun wollen wir einmal mit dir rechten. Wenn einer tüchtig ist in der Ordnung des Äußeren, so ist es noch lange nicht sicher, dass die Welt durch ihn in Ordnung kommt; aber er selbst hat eitel Mühsal. Wenn einer dagegen tüchtig ist, sein Inneres in Ordnung zu bringen, so ist damit noch lange nicht gesagt, dass die Welt durch ihn in Unordnung kommt; aber sein eignes Wesen hat eitel Behagen. Deine Art, das Äußere in Ordnung zu bringen, mag wohl zeitweise in einem Staat Erfolg haben; aber sie stimmt nicht überein mit dem Herzen der Menschen. Unsere Art, das Innere in Ordnung zu bringen, kann auf die ganze Welt ausgedehnt werden, und das Verhältnis zwischen Fürst und Untertan käme schließlich zur Ruhe. Wir haben schon lange im Sinne gehabt, dich diese Kunst zu lehren. Nun kommst stattdessen du zu uns, um uns in jener Kunst zu unterweisen!“
    Dsi Tschan kam in Verlegenheit und hatte nichts zu erwidern. Am anderen Tag teilte er es dem Deng Si mit. Deng Si sprach: „Du lebst mit Übermenschen zusammen und hast es nicht gewusst; wer will behaupten, dass du weise seist! Dass der Staat Dscheng in Ordnung ist, ist Zufall und nicht dein Verdienst.“


    Meister Yang sprach: „Wenn man schon einmal im Leben steht, so muss man es unwichtig nehmen und über sich ergehen lassen, seine Wünsche beobachten und so den Tod erwarten. Kommt dann der Tod heran, so muss man ihn auch unwichtig nehmen und über sich ergehen lassen, beobachten, was erfolgt, und sich so der Auflösung überlassen. Beides muss man unwichtig nehmen, beides über sich ergehen lassen; was es braucht es des Zögerns oder der Hast in dieser Spanne Zeit?“



    Re: TAOISMUS

    Wölfin - 04.02.2007, 12:24


    Angenommen, ich disputiere mit dir; du besiegst mich, und ich besiege dich nicht. Hast du nun wirklich recht? Hab ich nun wirklich unrecht? Oder aber ich besiege dich, und du besiegst mich nicht. Habe nun wirklich ich recht und du wirklich unrecht? Hat einer von uns recht und einer unrecht, oder haben wir beide recht oder beide unrecht? Ich und du, wir können das nicht wirklich wissen. Wenn die Menschen aber in einer solchen Unklarheit sind, wen sollen sie rufen, um zu entscheiden? Sollen wir einen holen, der mit dir übereinstimmt, um zu entscheiden? Da er doch mit dir übereinstimmt, wie kann er entscheiden? Oder sollen wir einen holen, der mit mir übereinstimmt? Da er doch mit mir übereinstimmt, wie kann er entscheiden? Sollen wir einen holen, der von uns beiden abweicht, um zu entscheiden? Da er doch von uns beiden abweicht, wie kann er entscheiden? Oder sollen wir einen holen, der mit uns beiden übereinstimmt, um zu entscheiden? Da er doch mit uns beiden übereinstimmt, wie kann er entscheiden?
    So können also ich und du und die andern einander nicht verstehen, und da sollten wie uns von etwas, das außer uns ist, abhängig machen? Vergiss die Zeit! Vergiss die Meinungen! Erhebe dich ins Grenzenlose! Und wohne im Grenzenlosen!

    aus: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland von Dschuang Dsi



    Re: TAOISMUS

    Maraiah - 04.02.2007, 12:39


    Danke Wölfin.

    Ich liebe diese Geschichten.

    Die erste und die letzte haben mich angesprochen :) ...



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