Nachruf Manfred Hauser (gestorben 24. Februar 2005)

Braune Hanne
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    Re: Nachruf Manfred Hauser (gestorben 24. Februar 2005)

    Peter Hellemann - 18.01.2007, 23:29

    Nachruf Manfred Hauser (gestorben 24. Februar 2005)
    Ein Haus im Wald, darüber nur die Sterne. Ein Traum. Unerreicht.

    Im Angesicht der Sterne kamen ihm seine Sorgen nichtig vor. Er liebte die Sterne, er kannte jedes Sternbild. Die Tragödie der Affenbrotbäume kannte er nicht. „Der kleine Prinz, das ist ja tendenziell ein Buch für Frauen“, sagt seine Frau.

    Der Wintergarten in Lichterfelde ist ein guter Ort zur Himmelsbeobachtung. Aber kein perfekter. Um das Sternenmeer in voller Pracht sehen zu können, muss es auf der Erde stockfinster sein. Berlin aber leuchtet selbst wie ein Sternenhaufen. Nicht nur deshalb träumte Manfred Hauser von einem Haus im Wald. Dort wollte er sein großes Himmelsteleskop dauerhaft aufstellen.

    Die Tragödie der Affenbrotbäume: Am Anfang unterscheiden sich die Samenkörner der Affenbrotbäume nicht von denen des Rosenstocks. Sie schlafen in der Erde und sind unsichtbar. Dann keimen sie, und schnell muss ein Schaf ihre Triebe fressen. Sonst wachsen die Bäume in die Höhe und sprengen mit ihren Wurzeln den winzigen Planeten, auf dem der kleine Prinz zu Hause ist.

    Manfred Hauser zog gern Kakteen in aufgeschnittenen Blechdosen und Plastikflaschen. Leider gab der Gartenboden hinter dem Haus nicht viel her, sonst hätte er neben den Bohnen noch weiteres Gemüse angepflanzt. Das Prinzip der Selbstversorgung kannte er bereits aus Kindertagen. Er stammte aus dem Saarland. Dort hatte er von seinen Eltern gelernt, wie man Salat zieht, Tomaten wässert und einem Kaninchen das Fell über die Ohren zieht.

    Und doch wurde er Banker. Schon in der Ausbildung war er Jahrgangsbester. Anfang der Siebziger zog er mit seiner ersten Frau nach Berlin. Kontinuierlich arbeitete er sich hoch, während es mit der Ehe stetig bergab ging. Als er Niederlassungsleiter wurde, war bereits die zweite Ehe gescheitert. Anfang der Neunziger wechselte er dann den Arbeitgeber und
    fing bei einer Hypothekenbank an. Die Wiedervereinigung versprach Geschäfte im Osten. Mit einer jungen Kollegin aus Hannover fuhr er zur Besichtigung hinaus an den Stadtrand. Mit jeder Tour lernten sie den Osten und sich gegenseitig besser kennen. Sie wurde seine dritte Frau.

    Fruchtbare, tiefdunkle Erde, ein flüsternder Waldbach, der sonntägliche Weckruf des Kuckucks, großes Familienfrühstück, Kaminwärme und ein Sternenzimmer unterm Dach: für diesen Traum, für diese Zukunft stand er morgens auf und ging in die Bank. Tagsüber akquirierte er leistungsorientierte Kunden, abends baute er mit seinen beiden Kindern
    meterhohe Lego-Türme.

    „Auf jedem Planeten gibt es gute und schlechte Pflanzen“, heißt es bei Saint- Exupéry. Schwarze Schafe jedoch scheint es ausschließlich auf der Erde zu geben. Manfred Hauser war von der Toll- und Blindheit einiger Herren im Hause so schockiert, dass er 2001 das einzige Mal in seinem Leben bei einer Wahl nicht die CDU wählte. Nach dem grandiosen Immobilienskandal wehte aber auch in der Bank ein anderer Wind. Gehälter wurden gekürzt, und einen Dienstwagen sollte es auch nicht mehr geben. Manfred Hauser bangte um seine Zukunft, er fürchtete um seinen Traum. Anstatt in den Sternenhimmel über sich, guckte er nur noch auf die dunkle See der Gegenwart und Zukunft vor sich. Den Merksatz, den er anderen oft ans Herz legte, vergaß er. Anstatt an Lösungen, dachte er nur noch an Probleme.

    „Kinder, Achtung! Die Affenbrotbäume!“ Eine schöne Warnung, doch was sagt man seinen Kindern, wenn es bereits zu spät ist? Wenn der Krebs wuchert und selbst zwanzig Schafe nicht ausreichen, die Triebe des Affenbrotbaums zu tilgen? Zwei Jahre kämpfte Manfred Hauser um sein Leben, dann gab er auf. „Die Krankheit hat ihm alle Wärme aus dem Körper gezogen“, sagt seine Frau. „Dabei hatte er immer so warme Hände.“

    Eine Woche nach der Beisetzung findet der vierjährige Sohn, dass es nun genug sei mit dem Versteckspiel: „Jetzt reicht es, Papa soll von der Wolke mit einer Leiter runterklettern!“ Seine Frau denkt an den kleinen Prinzen. Manfred Hauser wohnt jetzt auf einem Stern. Er ist ganz hell und selbst von Lichterfelde aus jede Nacht gut zu sehen.

    Stephan Reisner im Tagesspiegel, Dezember 2005



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