Die tote Hand

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    Re: Die tote Hand

    Nero - 30.12.2006, 12:44

    Die tote Hand
    Die Hand glitt langsam durch den hohen Saal. Weiß war sie, tot. Sie schwebte, mit einem Ziel. Sie pirschte sich an, langsam, bedächtig. Darauf bedacht ihr Opfer nicht zu erschrecken. Töten wollte sie. Ihren Körper suchte sie, ihren Körper, dessen Hand sie war. Weiter flog sie. Die Halle war dunkel. Die Fenster ließen nur fahles Mondlicht durch. Stille. Nicht war zu hören. Nichts! Die weiße Hand glitt weiter. Sie leuchtete auf, wenn sie die blassen Strahlen aus Licht durchflog. Niemand wusste, dass sie da war. Niemand wusste, dass es dieses Grauen gab. Eine Hand, die tötete. Eine Hand, die selbst schon tot war. Woher auch? Jeder der sie sah und dem Grauen entgegenblickte, war nun ebenfalls tot. Gestorben als die Hand ihren Körper suchte.

    Judit gähnte und beschloss sich zu Bett zu legen und draußen war es schon dunkel. Sie legte ihr Buch weg, ging zum Fenster und öffnete es. Sie fühlte sich im Schloss sicher. Schnell zog sie sich um und kuschelte sich in ihr Bett. Die Frau betrachtete den Titel ihres Buches „Sie kamen aus dem Dunkel“. Ein schauriges Buch, dachte sie. Es handelte von Geistern, Geistern aus der Vergangenheit. Nachts kamen sie, um sich zu rächen. Vielleicht gibt es hier ja auch Geister und vielleicht werden sie heute Nacht kommen um mich zu töten. Zuerst schmunzelte sie, doch dann lief ihr ein eiskalter Schauer über den Rücken. Denk nicht an so was!, schalt sie sich selbst. Sie knipste das Licht aus und drückte sich in ihr Kopfkissen. Doch nun hatte sie ein mulmiges Gefühl. Gibt es hier Geister?, fragte sie sich. Sie stand noch mal auf und ging zu ihrer Zimmertür. Sie öffnete diese einen Spalt. Niemand zu sehen. Vorsichtig lugte sie links und rechts in den Gang. Keiner da. Mach dich nicht verrückt, ärgerte sie sich. Dennoch schob sie den Riegel vor, nach dem sie die Tür leise geschlossen hatte.
    Mitten in der Nacht wachte sie auf. War da was vor der Tür? Sie lauschte, doch sie hörte nichts! Du hast geträumt!, versuchte sie sich einzureden. Da! Schon wieder! Als kratzte etwas draußen an der Tür. Das bildetest du dir ein, du träumst nur! Und wieder! Diesmal lauter! Nur war sie hellwach. Langsam setzte sie sich auf, um kein Geräusch zu verursachen. Sie lauschte wieder. Ja, da kratze etwas an der Tür. Eine Katze oder der Wind! Unbewusst tastete sie nach etwas, etwas mit dem sie sich wehren könnte. Die Polizei, dachte sie, ich muss die Polizei anrufen. Doch auf dem Schloss gab es kein Telefon! Das Geräusch wurde lauter, eindringlicher. Etwas versuchte hereinzukommen. Geh weg, geh weg! Ihr Gesicht war vor Angst zu einer Grimasse verzogen. Sie hielt die Luft an.
    Langsam, ganz langsam schob sich der Riegel zurück, von alleine. Mit vor Entsetzten geweiteten Augen sah sie es. Ihre Hände verkrampften sich zu Fäusten. Sie begann zu zittern. Der Riegel schabte über die Halterung bis er hinten einrastete. Die Tür war offen. Millimeter für Millimeter öffnete sich Tür, Spalt um Spalt. Die Tür knarrte. Sie war ein gutes Stück weit auf, als etwas hineinglitt. Etwas weißes, abweisendes. Judit drücke sich gegen die Wand. Das etwas flog, suchte. Es glitt zur Kommode. Langsam wurde die erste Schublade aufgezogen. Das etwas flog hinein, kam hinaus und ebenso langsam wurde das Fach geschlossen. Die Bewegung dabei kam ihr unerklärlicher Weise vertraut vor. Die nächste Schublade ging knarrend auf. Oh mein Gott, fuhr es ihr durch den Kopf, eine Hand! Eine verdammte Hand! Das wird ihr letzter Gedanke sein. Die Hand suchte weiter. Weiter und immer weiter. Judit liefen vereinzelte Tränen über das Gesicht. Eine verdammte Hand! Nun glitt diese Richtung Tür, drückte sie zu und schob langsam, mit schabenden Geräusch den Riegel wieder vor. Sie hatte ihr Ziel gefunden. Ein neuer Versuch. Ein neuer Körper. Langsam wendete die tote Hand sich Judit zu.
    Die Frau war knallrot, sie hielt noch immer die Luft an. Röchelnd begann sie wieder zu atmen. Ihre Augen waren schwarz, die Pupillen geweitet. Sie saß stocksteif da und schaute ihrem Ende entgegen. Bedächtig flog die Hand auf ihr Opfer zu. Ruhig. Ohne Eile. Sie tastete, sie suchte. Nein, das war nicht ihr Körper. Sie hatte umsonst gesucht. Nun war es an der Zeit zu töten.
    Judit wollte schreien, doch sie konnte es nicht. Etwas eiskaltes legte sich um ihren Hals und begann zu zudrücken. Langsam, bedächtig. Eine verdammte Hand! Sie wehrte sich nicht. Sie hätten es auch nicht können. Wie soll man eine tote Hand töten. Etwas Totes empfindet auch keinen Schmerz, ebenso wenig wie Mitgefühl. Die Frau röchelte stärker, ihre Augen traten ein bisschen hervor, sie lief rot an. Sie begann zu zappeln, doch die Hand drückte ungnädig weiter zu. Sie zappelte stärker. Eine verdammte Hand! Dann war Stille im Raum.

    Absperrbänder wurden gezogen, Papiere ausgefüllt, Telefonate getätigt. Ich stand da, fassungslos. Eingehend betrachtete ich die Leiche.
    „ Inspektor?“, meldete sich ein junger Mann, „ Der Bericht ist eingetroffen.“
    „ Lesen Sie vor!“, war die einzige Antwort.
    „ Tod durch vermutlich Selbststrangulierung.“
    „Wie kommen Sie darauf? Keine Frau erwürgt sich selbst!“
    „Es sind keine Spuren im Haus gefunden worden, man kann Einbrecher oder dergleichen also ausschließen, zudem war der Raum von innen verriegelt. Das kann nur bedeuten, dass sie sich entweder selbst umgebracht hat oder jemand ist eingebrochen, ohne Spuren zu hinterlassen, hat sie erwürgt und hat anschließend die Tür von außen wieder verschlossen.“
    „ Das ist unmöglich. Wieso sollte sie das tun?“
    „ Probleme, Einsamkeit, Angst, alles mögliche. Es laufen genug verrückte Leute draußen rum. Auch Frauen, die sich selbst erwürgen.“
    „ Sind Fingerabdrücke gefunden worden?“
    „Das ist das merkwürdige an der Sache.“, die Stirn des Subinspektors legte sich in Falten.
    „Erläutern Sie das!“ Ich hatte meinen Blick nicht einmal abgewendet.
    „Es wurden gar keine Fingerabdrücke gefunden. Weder von ihr noch von einer nicht identifizierten Person. Das Einzige, das auf Strangulierung hindeutet, sind die Abdrücke am Hals.“ In der Tat waren am Hals nur dunkle Abdrücke einer Hand zu sehen.
    „Das sehe ich. Noch irgendwas?“
    „Leider nein. Wenn ich weitere Ergebnisse habe, melde ich mich noch mal.“ Mit diesen Worten stürmte der Mann wieder hinaus.
    „ Tun Sie das, tun Sie das!“, flüsterte ich, aber mehr zu mir selbst.
    Noch immer schaute ich auf den Hals der Frau, auf die Abdrücke. Langsam ging ich an ihr Bett. Mein Blick richtete sich auf das Buch, das sie wohl davor gelesen hatte. „ Sie kamen aus dem Dunkel“. Ich kannte das Buch aus Studentenzeiten. Damals hatte ich Alpträume und war nahe dran gewesen verrückt zu werden. Dies ist kein Buch, das man verkaufen dürfen sollte, dachte ich. Vorsichtig strich ich über den Umschlag. Vielleicht haben die Geister der Vergangenheit sie geholt. Damals wusste ich noch nicht, wie wahr meine Vermutung war.
    Ein Pastor kam rein, er war sehr alt und ging gebeugt. Er trug eine Bibel unter dem Arm und sein Kreuz war für alle sichtbar um den Hals gehängt. Ich betrachtete ihn lediglich ein paar Sekunden, dann schweifte mein Blick wieder ab.
    „Guten Tag, Herr Inspektor“, sagte er. Er klang überhaupt nicht alt.
    „Guten Tag, Vater“; erwiderte ich.
    „Was ist hier passiert? Ich hörte, ein Frau soll umgebracht worden sein.“
    „Das Gerüchte sind immer schneller sind, als man denken kann!“, fluchte ich. „Wir wissen nicht wer sie umgebracht haben soll. Es wurden keine Spuren gefunden. Die Tür war von innen verriegelt. Das ergibt alles gar keinen Sinn!“, und nach kurzer Pause „Das behalten Sie aber für sich!“
    „ Keine Frage, keine Frage.“, lachte der alte Mann. „Vielleicht hat sie ja kein Mensch umgebracht, sondern etwas anderes.“
    Zum ersten Mal schaute ich ihn länger als ein paar Sekunden an. Lächelnd deutete er auf das Buch. Er lächelte zwar, doch seine Augen waren ernst.
    „ Wie meinen Sie das?“, ich war misstrauisch Wusste der Mann etwas?
    „ Die Geister. Nein, der Geist. Der Geist dieses Schlosses wird sie umgebracht haben. Anders kann man sich das doch nicht erklären, nicht wahr?“
    „ Das ist absurd. Es gibt für alles eine logische Erklärung. Auch für diesen Fall!“
    „ Nein! Nein, die gibt es nicht. Geben Sie sie mir doch!“ Er lächelte schon wieder.
    „Die Frau“, ich dachte angestrengt nach, „ die Frau hat sich im Traum erwürgt. Nachdem sie das Buch gelesen hat, hatte sie solche Angst und im Traum hat sie sich dann erwürgt.“
    „ Und wie erklären Sie es sich, dass die Arme in der Totenstarre links und rechts neben ihrem Körper sind und nicht an dem Hals?“
    „ Sie sind halt runtergerutscht.“ Ich glaubte mir selbst kaum.
    „ Die letzte Frage. Wie kommt es, dass keine Fingerabdrücke gefunden worden?“
    „ Dafür finde ich auch noch eine Antwort!“ Ich war wütend. Wieso glaubte der Mann meine Arbeit besser machen zu können als ich selbst? Er musste etwas wissen!
    „ Ich kann Ihnen die Antwort geben.“
    Ich blickte ihn lange an, dann begann er die Geschichte zu erzählen:
    „ Es geschah vor ... ich weiß nicht mehr wann, es war jedenfalls sehr lange her. Ein Mann, der weniger verdiente als ein Tagelöhner stahl etwas aus dem Kronspeicher. Er wurde erwischt, verhaftet und verurteilt. Als Strafe wurde ihm die Hand abgehackt. Doch anstatt sich damit zufrieden zu geben, warf man ihn noch in den Kerker. In den Kerker dieses Schlosses. Man erzählt sich, dass der Geist dieses Mannes nun hier umgeht, um seinen Körper zu finden.“
    „ Der Geist des Mann geht um, um seinen Körper zu finden. Wohl eher um seine Hand zu finden.“, fragte ich ihn.
    „ Nein, genauer gesagt, seine Hand sucht seinen Körper. Schauen sie sich die Abdrücke an. Eine Hand. Als der Geist seinen Körper suchte.“
    „Nein, das ist absurd. Es gibt keine Geister.“
    „ Dann wären die fehlenden Abdrücke doch aber erklärt, nicht wahr?“
    „Das würde mir keine Presse abnehmen und das Gericht schon gar nicht. Wir können ja keine Geister verklagen.“, versuchte ich zu scherzen, doch der Priester blieb ernst.
    „Wenn sie mir nicht glauben. Unten, befinden sich die Kerker. In der letzten Zelle werden sie einen Handabdruck finden. Er war vom letzten Abend vor der Verurteilung. Vergleichen Sie ihn mit diesem Abdruck.“
    „ Und dann? Wenn es passt? Was hilft uns das?“
    „ Sie werden sehen, Sie werden sehen.“ Mit diesen Worten ging er. Stirnrunzelnd sah ich ihm nach. Dann wandte ich mich wieder meiner Arbeit zu.
    In den nächsten Tagen fanden wir heraus, dass der Abdruck von der Wand perfekt auf den Abdruck der Leiche passte. Formulare wurden ausgefüllt. Täter konnten nicht gefunden werden, doch ich wusste nun wer der Täter war. Der Priester hatte Recht behalten. Ein Geist, wie komisch das auch klingen mag, hatte sie getötet. Doch für die Richter gab es keinen Mörder. Das Verfahren wurde eingestellt, die Akten weggeschlossen. Ein weiterer ungelöster Fall, der in einem Schrank verschwunden war. Ich dachte lange darüber nach bis ich einen neuen Fall bekam. Ein Prostituierte hatte ihren Freier ermordet. Ich nahm den Fall an, froh dort nur auf normale Fakten zu treffen.

    Doch die Hand suchte ungestört weiter. Jede Nacht kam sie aus ihrem Versteck um zu suchen. Doch vergebens. Kalt war sie, tot. Doch noch ein weiterer Geist war in dem Schloss, ein weiter von vielen. Eine junge Frau spukte. Suchte. Wie allen anderen. Suchten, nach ihrem Mörder. Gestorben war keiner von ihnen auf natürlich Weise. Gestorben waren sie, als die Hand ihren Körper suchte.

    Kurzgeschichte by Nero



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    Die tote Hand - gepostet von Nero am Samstag 30.12.2006



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