News: Laurent Garnier - Zwischen Euphorie und Selbstmord

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    Re: News: Laurent Garnier - Zwischen Euphorie und Selbstmord

    Anonymous - 13.12.2006, 10:48

    News: Laurent Garnier - Zwischen Euphorie und Selbstmord
    Köln, Ende August. Laurent Garnier gibt eines seiner selten gewordenen Deutschland-Gastspiele. Die französische Galionsfigur hat zur Einstimmung an einem Panel auf der elektronischen Fachmesse "c/o pop" teilgenommen und sich zu Perspektiven des Genres in Krisenzeiten geäußert. Danach ist er müde, weil er die Nacht zuvor kaum geschlafen hat und schon um 5 Uhr hoch musste. Zum Glück steht ja noch ein Termin mit der "Raveline" auf dem Zettel. Durch den wird er genauso wach wie später am Abend bei einem Live-Auftritt im Rheintriadem.

    Vor zwei Jahren erschien das Buch Electrochoc. Eine Compilation mit vielen deiner wichtigsten Stücke steht seit kurzem in den Läden. Jetzt erscheint mit "Kings Of Techno" eine weitere Zusammenstellung, an der du zur Hälfte beteiligt warst. Warum schaust du derzeit besonders gerne zurück?

    Laurent Garnier: Ich bin eigentlich kein Typ für Compilations. Anfragen werden öfter an mich herangetragen, im Jahr etwa zwanzig mal, aber die meisten lehne ich ab. Wenn ich eine zusammenstelle, muss ein tieferer Sinn dahinter stehen. In diesem Fall war das gegeben. Die Idee bestand von vornherein darin, Aufgaben zu verteilen. Peter Adarkwah von BBE Records hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte, an einer Rückschau über Musik aus Detroit mitzuwirken. Na klar! Ich rief dann Carl Craig an und fragte ihn, ob er sich mit mir zusammentun würde. Ich würde mich mit den Musikern aus Detroit beschäftigen und Carl mit den europäischen Schrittmachern. Er sagte sofort zu und von da gab es gar kein Problem mehr. Für mich ist es wichtig, den Hörern einen möglichst umfassenden Überblick über Musik aus Detroit zu geben. Ich habe deshalb nicht nur elektronische Stücke, sondern auch welche aus den Gebieten Funk, Gospel, HipHop oder Rock’n’Roll ausgesucht. Dazu kommt mit ‚Utopia’ von Jeff Mills ein echter Techno-Klassiker.

    Hattest du anfangs andere Entwürfe im Kopf?

    Garnier: Nein, für mich gab es dazu nie eine Alternative. Auch wenn ich zugeben muss, dass es nicht immer einfach war, die von mir ausgewählten Sachen rechtlich abzuklopfen. Ich wollte zum Beispiel einen Track von Slum Village auf die Platte nehmen, doch der Rechteinhaber war dagegen. Dasselbe galt für leider für ein Blues-Stück von den White Stripes. Ich hatte auch lange überlegt, was ich mit John Lee Hooker mache. Er stammt zwar nicht aus Detroit, hat dort aber ganz früher seine wichtigsten Songs aufgenommen. Ich habe mich letztendlich aber gegen ihn entschieden, weil er eben nicht in der Motor City geboren ist.

    Inwieweit sind die Stooges oder Funkadelic für dich Könige des Techno?

    Garnier: Dazu muss ich vorausschicken, dass ich gegen den Oberbegriff ‚Kings Of Techno’ war. Immerhin konnte ich einen Untertitel aushandeln, der ‚A Detroit Perspective’ lauten wird. Unabhängig davon entdecke ich in 90% der Musik aus Detroit eine Verbindung zu Techno. Der gemeinsame Nenner sind die Inhalte. Nahezu alle Leute von dort singen davon, wie hart das Leben in Detroit ist. Anstatt Drogen zu verkaufen und im Knast zu landen, machen sie lieber Musik und kommen so auf andere Gedanken. Es war mir wichtig, diesen Aspekt herauszustellen. Paris ist da ein ganz anderer Fall. Auf der Suche nach Inspiration schauen wir Franzosen zuerst aufs Ausland. Es gibt bei uns keine Musikgeschichte, die mit der in Detroit vergleichbar wäre. Es gibt in Paris keinen Sound, der für die Stadt typisch wäre. Deshalb lehne ich auch regelmäßig Anfragen ab, bei denen ich den Eindruck habe, ich solle als Botschafter der französischen Musik hingestellt werden.

    Dabei würde sich das angesichts deiner Verdienste als Motor der Szene geradezu anbieten. Wie ist es denn zurzeit um das Label F Com bestellt?

    Garnier: Da sieht es wirklich ganz düster aus. Ich habe keine Ahnung, wie das weitergehen soll. Für die Zukunft sehe ich im Augenblick schwarz, wir machen wirklich schlechte Zeiten durch. Die Plattenverkäufe in Frankreich sind urplötzlich zurückgegangen, wir haben in den letzten zwei Jahren nur Verlust gemacht. Darauf haben wir mit selbstmörderischer Veröffentlichungspolitik reagiert, indem wir zum Beispiel das letzte Album von Mr. Oizo herausbrachten. Die einen glaubten, es sei ein Geniestreich, die anderen – darunter auch ich – hielten es für eine Verarschung. Das Ding ging mir dermaßen auf den Zeiger, das glaubst Du nicht. Doch in meiner Naivität erwartete ich eine positive Trotzreaktion durch den Käufer. Die blieb natürlich aus. Wir lassen uns aber nicht beirren und wollen weiterhin Musikern zu einer langfristigen Karriere verhelfen. Uns an zurzeit gefragten Trends wie Electropop oder minimalen Techno zu orientieren, kommt nicht in Frage. Da bleiben wir uns lieber treu, holen uns noch eine neue Band wie Gong Gong ins Programm und gehen dann zusammen mit ihr und all den anderen unter.

    Die Entscheidung, jetzt das Album "Retrospective" zu veröffentlichen, hat also kommerzielle Gründe. Ihr braucht einen Titel, den ihr auf der Habenseite verbuchen könnt.

    Garnier: Ich glaube nicht, dass sich diese Platte verkauft. Es geht bei ihr ja auch nicht um bloßes Wiederholen alter Songs. Ich habe vor vier Jahren eine Show mit Bugge Wesseltoft aufzeichnen lassen, die auf einer Privatparty stattfand. Er fragte mich, ob ich nicht mit meinem DJ-Equipment vorbeikommen könnte. Wir haben dann die beiden Stücke gespielt, die nun als Live-Aufnahmen auf ‚Retrospective’ enthalten sind. Ich hatte sie immer wieder bei DJ-Auftritten gespielt, was den Leuten sehr gefiel. Sie löcherten mich dann ständig, diese Nummern zu veröffentlichen. Ich wollte deshalb aber nicht noch einmal eine Maxi mit dem Titel ‚Man With The Red Face’ herausbringen. Da kam mir die Idee, eine Compilation zu machen, die mehr als ein Best Of sein sollte. Neben den unveröffentlichten oder raren Tracks enthält sie auch Stücke, von denen ich glaube, dass sie vom Publikum bisher verkannt worden sind. Sachen wie ‚Downfall’ oder ‚For Max’. Vielleicht versteht man sie dadurch besser.

    Dein letztes Album ‚Cloud Making Machine’ kam auch nicht so gut an.

    Garnier: Hier in Deutschland waren die Rückmeldungen ganz positiv muss ich sagen. Ihr hört Euch Musik wirklich an und konsumiert sie nicht nur wie einen beliebigen Kaugummi. Selbst in negativen Besprechungen steckte konstruktive Kritik. In England dagegen haben sie das Album glatt verrissen. Sie haben da nicht einmal zwei Minuten Zeit, um sich in Ruhe hinzusetzen und etwas auf sich wirken zu lassen, Die Engländer wollen immer nur Dancefloor, Dancefloor, Dancefloor! Das geht mir vielleicht auf den Sender! Sie haben sich auch an Oberflächlichkeiten hochgezogen. Erstens gefiel ihnen das Cover nicht, dann hatten sie mit dem Konzept Probleme und schließlich mäkelten sie am Song ‚I’m Waiting For My Plane’ herum, mit dem ich The Velvet Underground ein wenig auf die Schippe nahm. Aber nun gut, ich kann den Leuten nichts aufzwingen. Ich glaube aber, dass ‚Cloud Making Maschine’ von all meinen vier Studioalben das sein wird, an das man sich später am meisten erinnern wird.

    Wie siehst du die Zukunft des Techno allgemein?

    Garnier: Wir sind unerwartet in einen Generationenkonflikt geraten. Für die 16- und 17jährigen von heute hat Musik nicht mehr dieselbe Bedeutung wie bei uns früher. Wir sind losgelaufen und haben uns stundenlang in Plattenläden aufgehalten, um aus den vielen Veröffentlichungen eine Sammlung mit Niveau herauszufiltern. Das war eine Berufung, ein intensives Erlebnis. Heute hört man überall Musik, sogar auf der Toilette in diesem Hotel. Per Mausklick hast du dir deine Lieblingstracks im Internet schnell herausgesucht. Ich weiß nicht, ob sich das Rad noch einmal zurückdrehen lässt und neige da eher zu Kulturpessimismus. Für Techno stellt sich ein Sonderproblem. Techno ist jetzt die Musik der Elterngeneration, für die sich Kids nicht interessieren. Ich sehe das an meinem eigenen Sohn. Wenn er mit Freunden ins Studio kommt, sagt er ihnen, das sei Papas Musik. Allerdings gibt es positive Signale, vor allem aus Ibiza. Dort hat das Geschäft in diesem Jahr wieder angezogen. Svens ‚Cocoon’-Nächte waren mit der größte Renner. Außerdem beobachte ich, wie sich die Dinge innerhalb der elektronischen Musik angleichen. Ich habe letztens mit David Morales gespielt und war überrascht, dass er so viel hartes Zeug spielt. Es handelt sich hier immerhin um einen der Könige des House.

    Benutzt du Final Scratch?

    Garnier: Um Gottes Willen, nein! Der mp3-Sound ist viel zu schlecht. In den Clubs wird viel Geld für eine vernünftige Anlage ausgegeben, aber die DJs spielen Musik in schlechter Klangqualität. Es ist, als fahre man einen Porsche mit einem Motor aus der Ente von Citroën. Wie albern ist das denn bitte?

    Welche Pläne hast du für ein neues Album?

    Garnier: Ach, da fällt mir eigentlich immer etwas Neues ein. Die Leute aus meinem Umfeld sind schon ganz besorgt und sagen mir, ich solle mal halblang machen. Richtig entschieden habe ich mich noch nicht. Einer meiner Nachbarn ist französischer Chansonsänger und will, dass ich ihm ein Gedicht schreibe. Mein Keyboarder meint, ich solle mal anfangen zu singen. Ich habe inzwischen mehr Gefallen am Bandgefühl gefunden, da lassen sich Ideen wunderbar aufbauen und man kann sich gegenseitig die Bälle zuwerfen. Ich bin außerdem ein großer Fan von Radiohead. Vielleicht schreibe ich ja mal Songs mit traurigen Melodien, wer weiß.


    Auf der Nachtveranstaltung der "c/o pop" geht es dann aber doch nicht melancholisch zu. Garnier betritt zuerst das Podium und groovt sich mit einem Dub-Track ein. Wenig kommen ein Saxofonist und besagter Keyboarder hinzu, mit denen der Maestro dann seine eigene Vorstellung von Future Jazz entwickelt. Richtig in Gang kommt der Auftritt erst, als der Techno-Beat einsetzt und die Zuhörer mit rave-üblichen Rufen ihrer Ekstase Ausdruck verleihen. Ohne Dancefloor, Dancefloor, Dancefloor wird es für Garnier also auch in Zukunft nicht gehen. Das ist vielleicht ganz gut so, denn Musiker für Jazzfeste gibt es ja schon genug.

    Das Doppelalbum "Retrospective" ist bei F-Com/Rough Trade erschienen.

    Die Compilation "The Kings of Techno" erschien am 13.Oktober bei !K7/Rough Trade.



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