Der letzte Herbst

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    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 11.11.2005, 17:30

    Der letzte Herbst
    1.

    Das Laub

    Unzählige Blätter auf verwirbelten Wegen, bunt knisternd, schwebend und kringelnd mit Herbstwind im Nacken, der so anders war und warm von Osten her wehte, ohne zu verstummen; in den verschwimmenden Nächten erklangen die klagenden Laute, und die Luft erbebte und zerfiel in verwirrte Fetzen, die ins kühle Schwarz entwischten, noch bevor man sie sah; was sie zurückließen, waren die erstarrten Schreie, die durch die heiße Dunkelheit hindurch an den Rand des Lichtes drangen, wo sie ihre Augen verhüllten, um nur noch dem Jammern des Windes zu folgen, der sie so verunsicherte.
    Und so starb jeden Morgen die Welt in den ersten Strahlen der Sonne, die sich mühsam auf den Himmel quälten, in dem der Atem der Nacht alltäglich verbrannte; es bewegten sich nur die vielen Blätter, die in verwaschen bunt schillernden Farben über den Boden krochen und hüpfend tanzten, ohne ein Ziel zu haben, denn vor ihnen staute sich die Zeit in jener matt hellen Hitze, die den Weg nicht mehr freigeben wollte.
    Und so zog es weiter, immer und immer weiter, jeden Tag, auf dem Weg, der kein Ende hatte, ein Wandern und Welken vom Wind getrieben; und es wünschte sich nichts so sehnsüchtig, wie endlich sterben zu können, die grauen Wälder zu verlassen, aus denen es kam, und zu Staub zu zerfallen, das Laub.

    Das Wasser

    "Ich friere so!"
    Zedt umfaßte kurz mit beiden Händen einen dünnen Baumstamm, der sich zwischen ihm und dem Wasser befand, bis er auf ein paar trockenen Steinen wieder Halt fand.
    "Ich auch;"
    Ypsilonne bog einen verdorrten Strauch zur Seite, worauf sie sich ganz dicht an das Wasser setzte.
    "Warum ist der Wind so kalt?"
    "Er war noch nie so kalt wie in diesem Herbst ..."
    Der wilde Bach sprudelte vor sich hin, und erst nachdem die beiden einen Augenblick dem Wasser zugehört hatten, wußten sie wieder, warum sie hier hergekommen waren ...
    "Wo ist nur der letzte Sommer hin?"
    "Er ist bestimmt erfrohren ..."
    Ihre Augen funkelten durch das Dunkel und verfingen sich in den dürren Zweigen der niedrigen Bäume, die sich auf der anderen Seite des Baches befanden.
    Zedt lehnte sich langsam zurück und betrachtete den Himmel.
    "Es hat mal wieder Wolken!"
    "Es wird Zeit, daß es regnet ..."
    Wahrscheinlich waren sie hier, um der Stille zu entkommen, die sie überall sonst eingeholt hätte. Nur hier her traute sie sich nicht und blieb deshalb in sicherer Entfernung.
    Zedt begann die Sterne zu zählen ...
    "Wir werden nie wissen, wieviele es sind;"
    Ypsilonne beugte sich zum Wasser hinab und versuchte, einige Schlucke zu trinken, als beide durch das plötzliche Aufheulen des Windes erschraken. Die Luft, die durch die unzähligen, leeren Äste und Zweige hindurchblies, verursachte ein vielstimmiges Säuseln und Wimmern, das mit einem Male um die beiden herumhuschte, ohne daß sie es sehen konnten. Zedt stand wieder auf, und nachdem er die Arme ausgebreitet hatte, begann er sich ganz langsam zu drehen.
    "Wenn wir nur verstehen würden, was er sagt!"
    Hin und wieder tat Zedt einen Schritt nach vorn oder hinten, bis er einen Baum erreichte, an dem er sich festhielt, um seine Bewegungen enden zu lassen; Ypsilonne faßte mit der offenen Hand durch das Wasser ...
    "Mir ist so kalt;"
    "Mir auch!"
    Jetzt vergaßen sie wieder den Himmel und was sich in ihm tat; sie spürten nur noch den Wind und fühlten, daß sie gehen wollten.

    Das Feuer

    Zedt roch den Rauch, der auf einmal durch das finstere Geäst gekrochen kam und sie umwickelte, bis die beiden schneller gingen. Es dauerte nicht lange, bis sie vor sich irgendwo im Wald das hell matte Schimmern eines Feuers erblickten. Sie gingen noch näher heran.
    "Warum machst du schon wieder Feuer?"
    "Du weißt doch genau, daß das gefährlich ist ..."
    Hel blieb stehen.
    "Warum müßt ihr mich so erschrecken?", wollte sie vorwurfsvoll wissen, bis sie sich wieder dem Feuer zuwandte, das innerhalb eines Kreises aus Steinen loderte.
    "Du weißt doch, daß es gefährlich ist ..."
    Blitzschnell hatte sich Hel wieder umgedreht und die beiden sahen und fühlten das Funkeln in ihrem Auge.
    "Und was wißt ihr?", begann sie. "Die Welt war nicht immer so, wie sie jetzt ist."
    Sie fing an, um das Feuer herumzugehen.
    "Es war alles einmal ganz anders.", sagte sie leise.
    Ypsilonne empfand auf einmal wieder das Stärkerwerden des Windes, worauf sie die Augen zusammenkniff, um Hel hinter dem Feuer wahrzunehmen.
    "Der Wind", fuhr diese fort, "war auch anders; alles war anders, aber das interessiert euch ja nicht."
    Sie blieb stehen.
    "Also gut, ", meinte sie dann, "ich mach es wieder aus, aber erst, wenn ihr weg seid."
    Die beiden drehten sich von ihr und dem Feuer weg und gingen.
    Eigentlich war der Wald jede Nacht so, doch heute roch er anders, und der Wind war viel stärker als sonst. Die kahlen Zweige und Äste zitterten in ihm, und hin und wieder wurde Staub aufgewirbelt, der den beiden in den Gesichtern biß. Manchmal umfaßten trockene Grashalme ihre Füße, so daß sie sich erschrocken umdrehten oder stolperten; doch schließlich erreichten sie die erste Lichtung, die am Rande des Dorfes lag.
    "Hey ihr zwei, ", hörten sie da eine Jungenstimme rufen, "könnt ihr mir mal helfen?"
    Die beiden entdeckten Gudja, wie er in einem angelegenen Waldstück ein Stück Stoff zusammenfaltete, worauf die beiden sich daran machten, durch das dichte Unterholz hindurch zu ihm zu gelangen.
    "Sie hat wieder Fieber.", erklährte er.
    Fon saß ganz schweisbedeckt an einen Baum gelehnt, und sie vernahmen ihren überstürzt hastigen Atem. Gudja wischte ihr mit dem Stück Stoff die Stirne ab.
    "Wir müssen sie heimbringen;", sagte er, worauf er aufstand und einen ihrer Arme ergriff, "wie gut, daß ihr vorbeigekommen seid."
    Ypsilonne und Zedt stützten sie.
    "Ist mir heiß!", stöhnte Fon, als die kleine Gruppe ihre ersten Schritte tat.
    "Wo ihr schon mal da seid, ", meinte nun Gudja, "da kann ich euch gleich sagen, daß wir uns nachher alle treffen sollen; es gibt wieder etwas zu bereden."
    "Warum;"
    "Wegen des Windes.", war die Antwort.
    Das unrhythmische Knistern der Baumkronen begleitete sie, bis sie zu den ersten Häusern gelangt waren.
    "Wir haben`s ja gleich geschafft.", rief Gudja, während er nach der Türklinke griff und sie in die muffelige Finsternis des Gebäudes traten. Es war jedoch nicht so einfach, Fon die Treppe hinaufzubringen, da sie nun nicht mehr von alleine ging und sie deshalb getragen werden mußte. Doch schließlich hatten sie ihr Bett erreicht, wo Fon sogleich zugedeckt wurde.
    "Ich mache einen kalten Umschlag!"
    Zedt eilte aus dem Zimmer.
    "Wir bleiben noch ein bißchen bei ihr;"
    "Ist gut, ", antwortete Gudja, "aber vergeßt nicht, nachher noch rüberzukommen; es ist wirklich wichtig."
    Der Junge schloß die Tür hinter sich, und Ypsilonne hörte ihn die Treppe hinuntergehen.
    "Hast du etwas gesehen;"
    "Mir ist so heiß!", entgegnete Fon aber nur und wälzte sich auf ihrem Kissen hin und her, bis Zedt mit einem befeuchteten Taschentuch zurückkam, das er nun vorsichtig auf ihre Stirn legte.
    "Hast du etwas gesehen;"
    Ypsilonne nahm Fons Hand, worauf sich diese ein wenig beruhigte.
    "Sag uns doch, ob du etwas gesehen hast!"
    "Ich", stammelte Fon da wild drauf los, "habe den Wind gesehen!"
    Ein tiefes, offenes Lächeln trat nun auf ihr Gesicht, und froh, daß sie ihre Erinnerungen wiedergefunden hatte, erzählte sie mit wirrer Betonung und Abgehacktheit weiter: "Ich habe den Wind gesehen! Ganz deutlich! Er war auf einmal rings um mich herum, und ich habe ihn so gesehen!"
    Die Fetzen eines erfreuten Lachens überkamen Fon.
    "Es war auf einmal alles ganz kühl und frisch, ", fuhr sie strahlend fort, "und irgendwie auch bunt! Die ganze Luft war voll von ihm! Er sah aus wie..."
    Ihr Gesicht verdunkelte sich mit einem Schlag, und ihr Lachen wurde zu einem hastigen Ringen nach Kälte.
    "Wie sah er aus;"
    Fon drehte ihren Kopf zur Seite: "Mir ist so schrecklich heiß!"
    Ypsilonne ließ ihre Hand wieder los, und nachdem sie kurz zu Zedt hinübergeschaut hatte, machten sich die beiden daran, aus dem Zimmer zu schleichen.

    (Fortsetzung folgt.)



    Re: Der letzte Herbst

    Setsuna - 11.11.2005, 18:52


    Als ich die ersten Zeilen lass, kam mir der Gedanke: "Sind das Elben?"
    Der Grund, weil sie, so scheint mir, sich mit der Natur verbunden fühlen und den Wind "fühlen" können.
    Bei dem Namen Hel, dachte ich aber wieder an die nordische Mythologie in der Hel die Herrin der Unterwelt ist.
    So gesehen ist deine Geschichte ganz in Ordnung, nur was fehlt ist ein bisschen Spannung, aber das kommt bestimmt noch, oder?
    Also Daumen hoch und Weiter!



    Re: Der letzte Herbst

    PhiloFoX - 12.11.2005, 00:45


    Also, für mich ist Hel die Roboterfrau aus Metropolis, aber das kann gut von der nordischen Mythologie abgeleitet sein, würde zu ihr passen! *g*

    Ypsilonne und Zedt? Interessante Namen. Was da wohl dahinter steckt?
    Ich muss dir sagen, du bist ein hervorragender Landschaftsmaler. Wirklich sehr sehr schön.
    Interessant, dass du die beiden 'Wesen', nenn ich sie mal, gar nicht beschreibst. Das schürt die Neugier, wer sie sind und was sie da tun. Auch die anderen...
    Ein sehr gelungener Anfang, der schon ganz viele Fragen aufwirft und mal was ganz anderes ist, als wir hier sonst so schreiben.
    Du schreibst schön, lakonisch-sanft, irgendwie. Frag mich nicht, was ich meine.
    Ich freu mich auf die folgenden Entwicklungen. Wie wohl der Wind aussieht?



    Re: Der letzte Herbst

    Setsuna - 12.11.2005, 19:01


    PhiloFoX hat folgendes geschrieben: Also, für mich ist Hel die Roboterfrau aus Metropolis, aber das kann gut von der nordischen Mythologie abgeleitet sein, würde zu ihr passen! *g*

    Ypsilonne und Zedt? Interessante Namen. Was da wohl dahinter steckt?
    Ich muss dir sagen, du bist ein hervorragender Landschaftsmaler. Wirklich sehr sehr schön.
    Interessant, dass du die beiden 'Wesen', nenn ich sie mal, gar nicht beschreibst. Das schürt die Neugier, wer sie sind und was sie da tun. Auch die anderen...
    Ein sehr gelungener Anfang, der schon ganz viele Fragen aufwirft und mal was ganz anderes ist, als wir hier sonst so schreiben.
    Du schreibst schön, lakonisch-sanft, irgendwie. Frag mich nicht, was ich meine.
    Ich freu mich auf die folgenden Entwicklungen. Wie wohl der Wind aussieht?

    *zustimm*
    Also ich würd sagen, dass es Elben sind.
    Mona, wie kommst du bei Hel auf Metropolis, und was ist das??? *null Peilung*



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 13.11.2005, 12:59


    2.

    Die Bänder

    "Wo bleiben die denn nur?", wollte Ingmar ein wenig unge- duldig wissen. "So kriegen wir nie eine ordentliche Versamm- lung zusammen."
    Während seine Augen noch durch das schummrige Licht der schwachen Lampe fuhren, öffnete sich die Tür und Gudja trat ein.
    "Hallo, ", grüßte er, "da bin ich. Übrigens kann Fon heute nicht kommen; sie hat mal wieder sehr starkes Fieber."
    "Und die anderen?", fragte Katja nach, die man inmitten der hohen Bücherregale gar nicht sehen konnte.
    "Sonst ist mir nichts Außergewöhnliches bekannt.", war die Antwort.
    "Hoffen wir das Beste;", brummte Ingmar, "es ist heute eben sehr wichtig, daß so viele kommen wie möglich."
    Wieder ging die Tür auf, und eine Gruppe von Jungen und Mädchen kam herein.
    "Na wunderbar!", rief Ingmar sichtlich erfreut.
    "Das sind fast alle;", meinte Katja und trat hinter den Regalen hervor, "jetzt fehlen nur noch Ypsilonne und Zedt."
    Jetzt war es laut in jenem Raum, und alle suchten sich einen Platz, bis es ein wenig leiser wurde.
    "Also, ", begann Ingmar schließlich, und alle anderen hörten zu, "den Grund, warum wir heute Nacht alle hier sind, habt ihr bestimmt schon gespührt: Es ist der Wind. Wie ihr ja wißt, hat er zum Herbstanfang seine Richtung geändert."
    Nun kamen endlich auch noch Ypsilonne und Zedt.
    "In unserer jetzigen Lage, ", fuhr Katja fort, "ist es wichtig zu wissen, was das bedeutet; es kann sich zum Beispiel um eine Klimaveränderung handeln, das wäre gut möglich. Was allerdings viel wichtiger ist, das ist der Wind selber; er weht nämlich auf einmal aus dem Osten."
    Nun hörten sie ihn, wie er an den Häusern und dem Wald zerrte.
    "Er ist auch viel stärker geworden als sonst.", fügte Ingmarnoch hinzu.
    Hier wußte er nicht mehr weiter und Katja ebensowenig.
    "Warum seid ihr denn auf einmal so still?", fragte da Nian, der Junge mit den großen, hellen Augen, der um beide Hände einen dünnen Verband trug.
    "Weil wir nicht wissen, was das zu bedeuten hat.", antwortete Katja. "Der Wind hat sich noch nie so verhalten."
    "Steht denn darüber nichts in unserer Bibliothek?", erkundigte sich nun Idun, die ihre dunklen Haare mit Hilfe eines tiefblauen Bandes zusammenhielt und sie so über ihre linke Schulter hängen ließ.
    "Ja nicht so direkt, ", entgegnete Katja, "es steht zwar einiges über den Wind darin, aber nicht über den Ostwind und auch nicht über den Osten."
    "Über den wissen wir ja sowieso schon genug.", brummte Gudja halblaut.
    "Aber darf ich mal fragen, was ihr mit der Klimaveränderung gemeint habt?", rief Linga, ein Mädchen mit mittelblonden, schulterlangen Haaren. "Kann es passieren, daß wir eines Tages mal nichts mehr zu essen haben?"
    "Die Gewächshäuser sind noch in Ordnung, ", sagte Katja darauf, "da passiert so schnell nichts."
    "Eben, ", fügte Ingmar noch hinzu, "und außerdem vollzieht sich eine Klimaveränderung ja nicht von heute auf morgen."
    "Woher willst du denn das wissen?", warf nun auf einmal Hel ein, die die ganze Zeit ruhig in einer dunklen Ecke des Raumes gesessen hatte. "Die Welt verändert sich immer und immer wieder; man kann nie wissen, was als nächstes passiert."
    "Das heißt, wir sind doch nicht sicher.", meinte Linga fast schon niedergeschlagen.
    "Wieso denn?", wollte Ingmar gleich wissen, blieb dann aber doch wieder stumm.
    "Also, ", meldete sich da Fenrir, "wenn wir nicht weiterwissen, hilft auch das viele Gerede nichts."
    Nun flogen die Wortfetzen wild durcheinander im Raum herum.
    "Warum gebt ihr denn uns die Schuld, "rief Ingmar aber in einer Weise betrübt und verärgert, "wir können doch auch nichts dafür!"
    "Also wer hat eine Idee, was wir jetzt machen könnten?", erkundigte sich Gudja darauf, und es wurde still; nur noch der Wind war zu hören, jedoch schien es, als würde auch er auf eine Antwort warten, die es vielleicht nicht gab ...
    "Gehen wir doch nach Westen!"
    Nach einem allgemeinen, kurzen Zögern meinte Hel: "He, ihr seid gar nicht so dumm!"
    Die meisten anderen überlegten noch.
    "Ja, ", rief Fenrir, "das machen wir, wir gehen nach Westen. Unsere Landkarte ist im Westen sehr unvollständig, wir müssen einfach mal im Westen nachschauen."
    "Also gut, ", entgegnete Katja darauf, "gehen wir in den Westen, damit wäre eigentlich alles erledigt."
    Nur langsam erhoben sich die anderen, doch Ypsilonne und Zedt waren die ersten, die hinausgingen.
    "Hey, ", Linga kam auf Ingmar und Katja zu und ergriff die beiden bei der Hand, "hey, niemand gibt euch die Schuld, im Gegenteil; wir brauchen einander doch; und übrigens, ich gehe mit nach Westen."
    "Eigentlich wissen wir ja gar nichts über den Westen, ", meinte Katja ein wenig später, als sich nur noch sie und Ingmar in jenem großen Versammlungsraum mit den vielen Büchern befanden, "es war wirklich an der Zeit, eine Expedition dort hin zu starten."
    "Mich wundert nur, ", entgegnete der Junge langsam, "daß in den Büchern nichts über den Westen steht."
    "Hey, ", rief Katja, "diesmal sind wir dran; wir schreiben das Buch über den Westen!"
    Ingmar sah auf: "Ich überlege nur, ob es nicht vielleicht zu gefährlich für uns werden könnte."
    Sie legte ihr Buch beiseite und setzte sich neben ihn auf den Boden: "Wir haben doch alle etwas abbehalten von damals, als es passierte; unser Zustand kann sich doch gar nicht verschlechtern."
    "Damals; ", er schloß die Augen und lehnte sich an sie, "ich erinnere mich noch genau an unsere Geschwister; ", mit jedem Wort, das er aussprach, wurde seine Stimme immer schwerer und lag ihm bald wie ein Stein auf der Seele, "sie waren immer so warm, so unglaublich warm; ich hätte stundenlang zuhören können, wenn sie erzählten; ihre Worte waren so wie die Nacht; man mußte sie zuerst enträtseln, bevor man sie richtig verstand; ach, wenn sie heute noch da wären, dann wäre alles anders ..."
    "Oh Ingmar, ", antwortete Katja leise, "ich hab dich so lieb;"
    Sie beugte sich zu seinem Gesicht hinunter, während draußen der Wind heulte und an den vielen Bäumen zerrte, die sich ächzend bogen und umherschaukelten, bis die Nacht in der heißen Luft endete.

    Die Zweige

    Ein Rauschen und Knistern lag über dem Wald, das nicht mehr verstummen wollte; wie ein Flüstern lähmte es die Luft, die sich langsam nur beruhigte, um sofort wieder loszustürmen und alles zu verwirbeln; in die kahlen Stämme schnitt sie die gewisperten Worte, die von dem erzählten, an das sich niemand erinnerte; wild überzog sie die Erde mit ihren trockenen Schweifen, die im Sand ihre wortlosen Spuren vergaßen; sie riß an den Zweigen, die zitterten und bebten wie die Wolken in der Sonne und das Säuseln in sich trugen, das so traurig und bedrückend klang wie ein verzerrter Schrei, der sich nicht ans Licht traute; ein Abend aber brach das Schweigen.

    Der Mond

    Nian schreckte aus dem Schlaf. Wieder war es passiert, er hatte eine Wimper im Auge. Zuerst drehte er sich auf die andere Seite und begann zu zwinkern, doch das half nichts. Er drehte sich noch einmal und schüttelte den Kopf, aber davon wurde es nur noch schlimmer. Schließlich stand er ungeduldig auf und eilte ins Bad. Ein wenig desorientiert tastete er nach dem Wasserhand, und als er ihn endlich gefunden hatte, drehte er umständlich an ihm herum und beugte sich über das Waschbecken, bis er, um sich an der Wand abzustützen, mit der Hand gegen ein Glas stieß, das sogleich auf den Boden fiel und zersplitterte.
    Die Wimper war nun draußen, aber von dem Klirren war Mena aufgewacht, der sich nun langsam seinen Weg ins Bad zu erfühlen begann.
    "Nein warte, ", rief Nian jedoch, "hier sind Scherben."
    "Wie spät ist es?", fragte Mena jetzt noch verschlafen.
    "Kurz nach acht.", war die Antwort.
    Nian ging auf das Fenster zu und zog die Vorhänge zurück; draußen war es noch ein bißchen hell, doch über dem gegenüberliegenden Hügel, der ganz mit Wald bewachsen war, sah der Junge den Mond.
    "Der Mond geht gerade auf;", rief er.
    "Wie sieht er aus?", wollte Mena wissen und kam vorsichtig näher.
    "Einfach wunderbar;", schwärmte Nian, "er ist ganz rund und groß und ganz goldgelb, so wie deine Augen; er kommt ganz langsam über die Bäume gekrochen und schaut, ob die Nacht schon da ist;"
    "Ist sie denn schon da?", fragte Mena.
    "Ja; ", entgegnete Nian halblaut, "auf einmal ist sie über uns alle hereingebrochen wie der Herbst über den Sommer, ohne daß wir es bemerkt haben; es ging wie von heute auf morgen, ohne daß wir wissen, warum ..."
    Etwas später begann Nian in der geräumigen Küche im Untergeschoß des Hauses das Essen zuzubereiten. Je länger er jedoch damit beschäftigt war, desto öfter bemerkte er, wie er manchmal aufhorchte, um einfach nur dem Wind zu lauschen, der seine Gedanken ineinander verstrickte und unheimliche Wege gehen ließ.
    "Ah verdammt!", Nian ließ das Messer fallen, weniger über es als über sich verärgert, bis er das Blut sah, das an seiner linken Hand heruntertröpfelte. Er legte den Apfel bei seite und ließ ein wenig Wasser über die Wunde fließen. Doch da klopfte es an der Tür.
    "Hallo, ", grüßte Idun, "kann ich heute vielleicht bei euch essen; ich bin sonst so allein;"
    "Ja gut, komm rein!", war die Antwort.
    "Was hast du gemacht?", fragte das Mädchen jedoch gleich, nachdem sie gesehen hatte, wie Nian den Mund auf die linke Hand drückte.
    "Ich habe mich geschnitten; ", meinte er, "der Wind hat mich abgelenkt."
    "Er bringt uns alle durcheinander.", sagte sie und fing an, in ihrer Tasche nach einem Tuch zu suchen. "Laß mich das mal ansehen."
    Sie ergriff Nians Hand und umwickelte sie mit dem Tuch.
    "Und wie geht es dir sonst?", wollte sie wissen.
    "Ach ich fühle mich irgendwie seltsam, ", erzählte Nian, "aber ich weiß nicht genau wie und warum."
    Auf einmal wußte er nicht mehr weiter, doch Idun lächelte verständnisvoll: "Mach dir keine Sorgen, der Herbst ist immer so eine merkwürdige Zeit, in der sich alles verändert, wir haben schöne, lange Nächte und all das, was wir brauchen, und wenn es einmal kalt werden sollte, wird der Sommer irgendwann wiederkommen."
    Jetzt lächelte Nian zurück: "Ich habe leider noch nichts zu essen gemacht."
    "Komm, ", rief Idun jedoch, "ich helfe dir!"
    Mena stand immer noch vor dem Fenster und versuchte den Mond zu fühlen, der so dicht vor ihm lag. Er ließ ihn einfach nur in sich eindringen, tiefer und immer tiefer, bis er spührte, wie die vielen, kleinen Strahlen in seinem Gesicht herumtanzten und mit ihm sprechen wollten, bis er sich daran erinnerte, daß er sie nicht verstand.
    Da kam Idun herein.
    "Hallo Mena, ", rief sie, "kommst du nach unten? Es gibt essen."
    "Schön, daß du da bist; ", antwortete er leise, "ich freue mich immer sehr, wenn du uns besuchst."
    "Was tust du hier denn?", wollte sie darauf wissen.
    "Ich habe Angst, "meinte er, "Angst um euch alle, daß ich euch einmal verliere."
    "Warum?" Idun kam näher und begann auch aus dem Fenster zu schauen.
    "Ich lebe immer nur bei Nacht, ", sagte Mena aber, und der laue Wind untermalte seine bewegungslose Betonung, "doch ihr wißt, wo Licht ist, und das macht mir Angst."
    "Auf einen Tag folgt eine Nacht, das war doch schon immer so, ", entgegnete sie nun, "ich glaube, da wird es keine Ausnahme geben, oder?"
    Mena blieb stumm.

    (Fortsetzung folgt.)



    Re: Der letzte Herbst

    PhiloFoX - 13.11.2005, 13:01


    Metropolis ist der erste richtige Science Fiction/Katastrophen-Film von ca. 1930, Regie Fritz Lang, von dem bis heute alle klauen. Das ist kein Witz.
    George Lucas gibt zum Beispiel offen zu, dass C3PO komplett von Hel abgeguckt ist. Und wer Hel mal gesehen hat, weiß, dass das stimmt.

    so schautse aus



    Re: Der letzte Herbst

    Korppi - 14.11.2005, 15:55


    Hm, ich rätsel ein wenig, in welcher Zeit das spielt und an welchem Ort.
    Jedenfalls nicht jetzt und hier.
    Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass mich die vielen Personen (ich nenn sie mal so, ob sie menschlich sind, lass ich dabei mal zweifelhaft) irritieren. Zu viel auf einmal.



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 14.11.2005, 16:36


    Hallo Korppi! :)

    Ja, daß die Figuren gerade am Anfang etwas verwirren, war schon immer der Hauptkritikpunkt an der Geschichte. Ich kann Dich aber insofern beruhigen, als daß jetzt keine weiteren Personen (zumindest keine... nein, ich sage nichts ;D ) mehr hinzukommen.

    Danke fürs Lesen!
    Andreas



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 15.11.2005, 12:38


    Warnung!

    3.

    Die Wege

    Idun blieb noch bis nach Mitternacht bei Nian und Mena, doch dann beschloß sie, in das Versammlungshaus zu gehen, teils um mit jemand anderem zu reden, teils um zu erfahren, wer von ihnen denn nun nach Westen gehen würde. Als sie in den großen Raum im unteren Stock des Hauses eintrat, sah sie zuerst nur Fenrir, der ein Buch vor sich hielt.
    "Hallo, ", begann das Mädchen, "was liest du denn?"
    "Ich suche schon die ganze Zeit etwas über den Westen, ", erzählte er, "aber ich finde nichts."
    "Sag mal, ", fuhr sie fort, "kannst du mir vielleicht sagen, wer denn nun nach Westen geht?"
    "Kann ich, ", war die Antwort, "Ingmar, Katja, Linga und ich."
    "Du und Linga?", wiederholte sie erstaunt. "Seid ihr euch da auch ganz sicher?"
    Fenrir nickte nur kurz und verschwand dann hinter einem der Bücherregale.
    Idun überlegte noch sehr lange und bemerkte gar nicht, daß auf einmal Gudja hereingekommen war.
    "Hallo, ", rief dieser fröhlich, "wie gehts dir?"
    Das Mädchen schüttelte jedoch mit dem Kopf: "Ach, ich beginne mir Sorgen um den Erkundungsgang zu machen."
    "Wegen Linga und Fenrir?", erkundigte sich der Junge, worauf sie nickte.
    "Ach, ", meinte er jedoch, "wir wissen doch alle, wie es um uns bestellt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, daß da etwas passiert."
    "Vielleicht hast du wirklich recht; ", entgegnete sie nur, "verrückte Ideen hatten wir ja schon immer; und irgendwie brauchen wir sie auch zum Leben."
    "Übrigens, "rief Gudja jetzt noch fröhlicher als vorher, "du wirst nicht glauben, wen ich gerade eben draußen gesehen habe."
    Idun blickte fragend auf.
    "Fon, ", war die Antwort, "sie ist da, wo sie am liebsten ist, an der Kreuzung."
    Fon war so eine seltene Erscheinung, daß Idun sich gleich auf den Weg zur Kreuzung machte, die nur wenige Minuten vom Versammlungsgebäude entfernt war. Dort fand sie sie dann auch, wie sie auf dem großen Stein direkt unter den verworrenen Ästen und Zweigen der Buche saß. Idun blieb eine kurze Weile stehen, um sie sich anzusehen; sie war so unendlich ruhig, wie sie es eigentlich immer war, und warf das fahle Vollmondlicht so zurück, daß sie selbst wie ein Stein wirkte; ihre Augen starrten unbeweglich auf die weite Wiese, deren Ende kaum zu sehen war, und obwohl der Wind ungleichmäßig an den vielen Büschen und Sträuchern zerrte, die rings um den großen, alten Baum herumstanden, lag ihr Haar ganz dicht an ihrem Kopf, der die unzähligen Schatten, die in der unruhigen Luft lagen, wie ein Magnet anzog.
    Nun kam Idun näher: "Fon!"
    Diese ließ sich lächeln: "Idun!"
    Der Wind wurde schwächer.
    "Jedesmal, ", begann Fon, "wenn ich kann, komme ich hier her; ich finde diese Aussicht so beruhigend, und auch hier zu sitzen, wo die Wege zusammentreffen; manchmal kommt es mir so vor, als würde die Zeit hier langsamer vergehen als anderswo ..."
    Jetzt blickte sie zu Idun.
    "Das ist lustig, ", fuhr sie fort, "kaum sieht mich jemand draußen, besuchen mich gleich alle."
    "Weißt du schon, was wir beschlossen haben?", fragte Idun, doch Fon schüttelte nur mit dem Kopf.
    "Ein paar von uns gehen nach Westen.", erklährte das Mädchen.
    "Aha, ", brummte Fon und schaute zur Seite, "nach Westen. Na weißt du, das sagt mir alles nicht besonders viel; ich bin nur froh, wenn ich hier sitzen kann; außerdem führen alle diese Wege in ganz andere Richtungen."
    "Wohin denn?", erkundigte sich Idun, aber Fon lächelte nur und meinte schließlich: "Ihr stellt mir viele Fragen, dabei weiß ich selber fast nichts. Irgendwie glaube ich, daß unser ganzes Leben eine einzige, große Frage ist, auf die es keine Antwort gibt;"
    "Da kannst du recht haben, ", sagte Idun ein wenig leiser, "das würde jedenfalls erklähren, warum wir so sind, wie wir sind."

    Die Steine

    Inzwischen bereiteten Ingmar, Katja und Gudja den Erkundungsgang nach Westen vor.
    "Also ich glaube, ", meinte das Mädchen, das die Landkarte in den Händen hielt, "bis zu diesem Haus kommen wir in einer Nacht, aber wie es dann weitergeht, weiß ich nicht."
    "Ich habe mal irgendwo gelesen, ", entgegnete Gudja, ", daß es auch noch weiter draußen Häuser gibt."
    "Wenn nicht, verkriechen wir uns eben irgendwo im Wald.", lachte Ingmar aber.
    "Das ist eigentlich nicht witzig.", gab Gudja jedoch zurück. "Übrigens, ihr braucht noch Papier.", bis er etwas überlegter hinzufügte: "Ich hoffe nur, daß alles klappt."
    "Nun mach dir mal keine Sorgen, ", rief sie und fuhr ihm kurz durchs Haar, "es wird schon alles gut gehen."
    "Wann wollt ihr gehen?", fragte Gudja da.
    Ingmar sah ein wenig erschrocken auf: "Tja, eigentlich so bald wie möglich.", bis er schließlich noch schnell hinzu- fügte: "Am besten gleich morgen."
    Gudja blieb stumm und begann zu überlegen. Und so kam es, daß er sich zwischen die Bücherregale zurückzog und nicht merkte, wie die anderen aus dem Haus gingen. Doch jetzt wo er allein war, begann er auf einmal dem Wind zuzuhören, der etwas schwächer war als zuvor und so ungleichmäßig wehte, daß ihn niemand verstand. Der Junge blieb, bis plötzlich Idun neben ihm stand.
    "He, ", rief sie, und Gudja blickte sie überrascht an, "was machst du denn noch so späht hier?"
    "Ach, ich habe nur nachgedacht.", war die Antwort.
    "Komm, ", sagte sie jedoch, "es wird schon langsam hell, oder willst du etwa hier schlafen?"
    Er sah noch einmal kurz aus dem Fenster, dann folgte er Idun, die ihm die Tür aufhielt.

    Das Moos

    Wartend auf den Regen lag es schattig am Grunde des Waldes, der so ruhig und unbeweglich war wie ein Meer aus Kreuzen, die sich am Wind festhielten und ihn nicht mehr loslassen wollten, bis es dunkel wurde; und während das Taglicht die letzten Tropfen Tau, die sich im Moos verfangen hatten, verdunsten ließ, wehte der Wind leise vor sich hin; ein Abend aber war voller Wirbeln ...

    Der Sturm

    Nian drückte mit dem Ellenbogen umständlich die Türklinke herunter und trat ins Bad, wo er gleich die Mullbinden aus dem Schränkchen über dem Waschbecken holte. Aus irgend einem Grund hatte die Wunde an seiner linken Hand wieder zu bluten begonnen, so daß er den Verband wechseln mußte. Er suchte mit einer Hand irgendwas, mit dem er die Binde abschneiden konnte, wobei durch seine Hektik einige kleine Döschen aus dem Schrank ins Waschbecken fielen.
    "Was machst du denn?", wollte da Mena wissen, der langsam hereinkam.
    "Ach, ", brummte Nian, "ich muß mir die Hand nochmal verbinden.", bis er etwas leiser wurde: "Naja, du weißt ja, wie ich bin; ", er stellte ein paar der heruntergefallenen Dosen wieder an ihren Platz, "manchmal glaube ich, du hast es wirklich nicht leicht mit mir; "
    "Nian, ", entgegnete sein Gegenüber jedoch gleich, "ich bin so froh, daß ich dich habe. Und ich möchte auch mit niemand anderem tauschen."
    "Ich auch nicht.", antwortete Nian kaum noch hörbar.
    Draußen ging der Wind; er kam zwar immer noch aus dem Osten, doch war er seit dem Abend viel stärker und umgab alles mit einem Rauschen und Jammern, das sich zwischen den vielen Bäumen verirrte. Irgendwie begann die Luft nach Regen zu schmecken, doch der Himmel blieb trocken.
    Nian wurde auf einmal durch einen kurzen Schrei Menas aufgeschreckt, der ins Bad gegangen war.
    "Was ist los?", fragte Nian erschrocken, nachdem er die Treppe ins obere Stockwerk des Hauses hinaufgeeilt war.
    Mena gab ihm jedoch keine Antwort. Er hielt seine rechte Hand, die stark blutete, unter den Wasserhahn.
    "Was hast du denn gemacht?", wiederholte Nian besorgt.
    "Ich habe in die Schere gegriffen; ", war die Antwort, "sie lag mit der Spitze nach vorn im Schrank."
    "Ich hole Idun!", rief Nian und eilte davon.
    Es dauerte nicht lange, bis er in Begleitung des Mädchens mit den schwarzen Haaren zurrückkam, das sich gleich Menas Verletzung annahm.
    "Das sieht ja furchtbar aus!", meinte sie, bevor sie begann, seine Hand zu verbinden. "Die Wunde ist ziemlich tief. Tut es sehr weh?"
    "Ja!", entgegnete Mena.
    "Na zum Glück hat es aufgehört zu bluten.", sie knotete die Enden des Verbandes zusammen.
    Nian, der leise in einer Ecke zusah, druckste: "Ich komme gleich wieder ..."
    Dann stolperte er aus dem Zimmer.
    "Ach, ", Idun hielt kurz inne, "dieser Wind macht mich ganz nervös."
    "Wieso?", erkundigte sich der Junge.
    "Das kann ich dir nicht genau sagen; ", erklärte sie und sah zum Fenster, "irgendwie ist er ganz anders als sonst; manchmal habe ich das Gefühl, als wäre er noch nie so gewesen."
    "Wie ist er denn?", fragte Mena weiter.
    Sie überlegte kurz, bis sie fortfuhr: "Er ist ansteckend, und er klingt sehnsüchtig und traurig zugleich; das ist irgendwie eine aufregende Mischung ..." Doch dann meinte sie: "Glaubst du, daß das halten wird?"
    "Bestimmt!", lächelte er.
    Mit jedem Augenblick schien der Wind heftiger zu werden, und seine Böhen kamen immer plötzlicher und ungeduldiger. Am Himmel wechselten Sterne und schwarze Wolken in rascher Folge, bis schließlich die ersten, leichten Tropfen fielen.

    (Fortsetzung folgt.)

    edit Korppi: Warnung



    Re: Der letzte Herbst

    Inga - 16.11.2005, 19:55


    Sodele. Ich hab angefangen, endlich. Ich bin nur noch nicht sehr weit, also irgendwo bei deinem zweiten Post, weil ich es ein bisschen anstrengend zu lesen finde und bei meiner momentanen Aufmerksamkeitsschwäche Angst hab, die Hälfte zu übersehen.

    Also. Anstrengend ist nicht im negativen Sinn gemeint, nicht dass du auf falsche Idee kommst! ;D
    Mir gefallen die erlebten Landschaftsbeschreibungen im ersten Teil ganz besonders gut, es ist richtig wundervoll- mysteriös- unheimlich (in der romantischen Begriffsdefinition).
    Ich finde die vielen "Personen" gar nicht so schlimm, denn... sie werden nicht eingeführt. Das ist spannend, man fällt so hinein in eine Gruppe von "Leuten", die man nicht kennt... als würde man sozusagen mitten auf einer fremden Party landen oder so ähnlich.
    Irgendwie mag ich das. Und ich gebe mir am Anfang auch nie die Mühe, das alles auseinander zu halten, weil ich denke, das wird sich schon hinterher klären, sonst kann ich ja nochmal nachgucken. Deshalb hat es mich nicht gestört.
    Wenn du jetzt zu jeder einzelnen die Lebensgeschichte erzählt hättest, sie uns "vorgestellt" hättest, wäre das schwieriger gewesen, nicht mehr so... glatt. Und nicht spannend.

    Der Wind kommt mir übrigens wie eine weitere Person vor, und ganz ehrlich, das hast du meisterhaft gemacht.

    So. Zum Schluss oute ich mich noch als nicht unbedingter Freund von Geschichten dieser Art, aber ich bin ein wohlwollender Leser und lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen, wenn es nur gut geschrieben ist!



    Re: Der letzte Herbst

    Korppi - 17.11.2005, 12:26


    Ich habe eine dringede Bitte:

    Wenn du Teile in der Geschichte hast, wo es um verbundene Arme, aufgeschnittene Hände oder Ähnliches geht: Schreib bitte unbedingt eine Warnung drüber.

    Irgendwie weiß ich noch immer nicht, worum es geht, aber ich werde mir immer sicherer, dass es sich bei den "Personen" nicht um Menschen handelt. Ich denke beim Lesen immer an HdR, was ich nach etwa 10 Seiten in die Ecke geworfen habe, weil ich kein Stück folgen konnte.
    Liege ich mit meinem Vergleich auf der richtigen Spur?



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 17.11.2005, 12:46


    Hi Korppi!

    Korppi hat folgendes geschrieben:
    Liege ich mit meinem Vergleich auf der richtigen Spur?

    Überhaupt nicht. :D

    An die Warnungen denke ich für kommende Teile. :nick:



    Re: Der letzte Herbst

    PhiloFoX - 17.11.2005, 12:54


    Ich versteh überhaupt nichts, aber es liest sich sehr schön, träumerisch. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht doch Menschen sind. Sehr sensible Menschen, die etwas sehr Einschneidendes erlebt haben. Die vielen Personen verwirren mich ein wenig, aber die ganzen Andeutungen über ihre Schicksale und Persönlichkeiten macht mich neugierig. Ich frage mich, ob sie eigentlich alle noch sehr jung sind. Nur Fon wirkt etwas älter, Ingmar vielleicht noch.

    Ich konnte übrigens nicht mal mit den Herr der Ringe-Filmen besonders viel anfangen und mit dem Buch schon gar nicht. Dafür liebe ich Harry Potter, aber das ist ja wieder was ganz anderes.



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 17.11.2005, 13:08


    Hallo Mona!

    PhiloFoX hat folgendes geschrieben: Ich versteh überhaupt nichts, aber es liest sich sehr schön, träumerisch. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht doch Menschen sind. Sehr sensible Menschen, die etwas sehr Einschneidendes erlebt haben.


    Nicht schlecht, Mona! :wink:

    PhiloFoX hat folgendes geschrieben:
    Die vielen Personen verwirren mich ein wenig, aber die ganzen Andeutungen über ihre Schicksale und Persönlichkeiten macht mich neugierig. Ich frage mich, ob sie eigentlich alle noch sehr jung sind. Nur Fon wirkt etwas älter, Ingmar vielleicht noch.


    Sie sind alle ungefär gleich alt, aber manche sind ein wenig vernünftiger als andere, die wiederum sensibler sind als diie ersteren. :wink:

    PhiloFoX hat folgendes geschrieben:
    Ich konnte übrigens nicht mal mit den Herr der Ringe-Filmen besonders viel anfangen und mit dem Buch schon gar nicht. Dafür liebe ich Harry Potter, aber das ist ja wieder was ganz anderes.

    Ich auch nicht. Das Buch hatte ich auch mal angefangen, dann aber nach kurzer Zeit wieder weggelegt. Obwohl ich das Genre eigentlich mag, hat HdR mich niemans auch nur ein kleines bißchen begeistern können, warum auch immer ... :grübel:

    Gruß
    Andreas



    Re: Der letzte Herbst

    Korppi - 17.11.2005, 13:11


    OT:
    HdR habe ich versucht zu lesen, da war ich 14 oder so, das war etwa 1000 Jahre vor den Filmen, von dem ich den ersten "zwangsweise" bis zum Einschlagen (nach höchstens 30 Mins) gesehen hab und den Rest nicht
    Also, die Bücher gab es lange lange vor den Filmen
    /OT



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 17.11.2005, 13:15


    WARNUNG!


    4.

    Die Tropfen

    "Also nochmal, ", erklärte Katja im Versammlungsraum, "wir gehen heute nur bis zum nächsten Haus. Weitergehen können wir auf gar keinen Fall."
    "Ja, ", gab Linga lächelnd zurück, "das hab ich jetzt auch verstanden."
    "Seid bloß vorsichtig!", sorgte sich Gudja. "Geht nie zuweit in einer Nacht."
    "Mach dir mal keine Gedanken um uns, ", rief da Ingmar, "und bei dir wird ja auch alles klappen, du hast ja Fon."
    "Solange sie kein Fieber hat.", entgegnete Gudja jedoch.
    "Worauf warten wir eigentlich noch?", wollte Linga ungeduldig wissen.
    "Also gut, ", sagte Katja darauf, "gehen wir."
    "Paßt auf euch auf, ", rief Gudja noch einmal, als die vier Kundschafter begannen, den Raum zu verlassen, "geht nicht zu weit!"
    Ein leichter Nieselregen durchzog die Luft, als die vier das Dorf verließen.
    "Also laut Karte müßten wir das in einer Nacht schaffen.", meinte Katja, die nicht mehr von jenem Stück Papier ablassen konnte.
    "Warum steht denn so weit draußen noch ein Haus?", erkundigte sich Fenrir.
    "Früher gab es da mal Felder.", berichtete Katja.
    Der Weg führte beinahe geradlinig durch den endlosen Wald, der oftmals von kleinen Lichtungen unterbrochen wurde. Als die vier jedoch ein Stück gegangen waren, erreichten sie auf einmal einen Abhang, und der Weg verlief in einer weiten Kurve nach unten in ein von dicht nebeneinander stehenden Bäumen bewachsenes Tal. Gegenüber erblickten die Kundschafter einen weiteren Berg.
    "Ich hoffe doch nicht, ", stöhnte Ingmar, "daß wir da wieder rauf müssen."
    "Laut Karte doch.", antwortete ihm Katja.
    "Hier war ich noch nie.", sagte jetzt Linga.
    "Wir haben uns nur, wenn es unbedingt sein mußte, weiter herausgetraut, als nötig war.", entgegnete Ingmar.
    "Das sieht aus wie eine große Schleife.", fiel es Fenrir ein, als er den Weg betrachtete.
    "Gehen wir lieber weiter, ", rief Linga, "sonst schaffen wir es nicht mehr."
    Also setzten sie sich wieder in Bewegung, um in das Tal hinabzukommen, in dem sich die kalte Luft staute, die nun auf einmal nach Feuchtigkeit schmeckte.
    "Merkt ihr das, ", meinte Fenrir mit einem geheimnisvollen Ton, als sie endlich am Fuß des Berges angelangt waren, "der Wind kommt gar nicht hier herunter. Er weht darüber hinweg. Es ist so, als sei diese Luft hier schon ewig gewesen."
    "Also auf der Karte ist das Haus nicht weit von diesem Tal hier entfernt.", bemerkte Katja.
    "Aber vielleicht kann es doch noch etwas länger dauern, ", gab Ingmar zurück, "es hängt eben davon ab, wie lange wir brauchen, um den Berg wieder raufzukommen."

    "He Nian!" Fon hatte ihn im stärker werdenden Regen bei einer der Lichtungen am Rande des Dorfes entdeckt. "Was machst du denn hier? Wenn du hier bei dem Wetter noch länger stehst, holst du dir noch eine Erkältung."
    Er schien sie nicht zu hören. Sie kam näher.
    "Nian, hörst du mich?"
    Erst jetzt fuhr er ein wenig erschrocken herum.
    "He, ich wollte dich nicht erschrecken, ", meinte Fon darauf, "aber Mena hat sich Sorgen um dich gemacht."
    Er lehnte seinen Kopf wieder an den dicken Baum und flüsterte: "Ja, ich komme gleich."
    Fon überlegte kurz. "Ist alles in Ordnung?"
    "Ja.", brummte er nur.
    "Wirklich?" Fon kam noch näher.
    Zuerst schloß Nian die Augen und legte seinen Kopf zur Seite, doch schließlich begann er: "Ach manchmal frage ich mich, was mit mir los ist; immer mache ich irgendwas kaputt oder sowas."
    Fon verstand und wurde traurig.
    "Aber trotzdem hat dich Mena lieb und braucht dich.", entgegnete sie und reichte ihm die Hand: "Jetzt komm, sonst wirst du wirklich noch krank."
    Nur ganz langsam ergriff er sie und ließ sich von Fon in den Stand ziehen, bis die beiden losgingen.

    "Na prima, ", ärgerte sich Ingmar, "wenn ich vorher gewußt hätte, daß es hier so bergig ist, wäre ich nicht mitgegangen."
    Die vier hatten den Berg erklommen und blickten in ein weiteres Tal hinab, das jedoch viel weitläufiger war als das erste. In ihm erstreckte sich ein Wald, der immer wieder von kleinen Lichtungen unterbrochen wurde, die sehr oft unförmige, sumpfige Tümpel enthielten.
    "Das sieht ziemlich moorig aus, da unten.", bemerkte Ingmar.
    "Wir hängen in unserem Zeitplan schon eine ganze Weile hinten dran. ", stellte Katja ein wenig beunruhigt fest. "Wenn die Wolken nicht wären, würde es bestimmt schon hell werden."
    "Da steht ja das Haus!", rief da Linga, die jenes finstere Gebäude zwischen ein paar hohen Bäumen entdeckt hatte.
    Sie lief los, und die anderen folgten ihr. Die Türklinke und die Scharniere waren ganz verrostet, und es dauerte eine Weile, bis sie es zusammen geschafft hatten, den Eingang, der aus irgendeinem Grund verklemmt war, zu öffnen. Dann traten sie in das Untergeschoß des Hauses, das sie mit muffiger, abgestandener Luft empfing.
    "Ich möchte mal wissen, wie lang hier schon niemand mehr gewesen ist.", fiel es Ingmar ein, als er auf den an manchen Stellen schon morschen Bodenbrettern auf und ab ging.
    "Ich schau mal nach, was es oben gibt.", rief Linga und eilte die Treppe hinauf.
    "Hört ihr das?", auf Fenrirs Worte waren die anderen still geworden und vernahmen nun auch jenes wirre Klopfen, das sie auf einmal von allen Seiten her umgab. "Jetzt ist er da, der Regen. Vielleicht wird endlich wieder was wachsen."
    "Na zum Glück sind wir hier rechtzeitig reingekommen.", murmelte Katja. "In so ein Wetter zu geraten, hätte uns gerade noch gefehlt."
    "Hey, kommt hier hoch, ", rief nun Linga aus irgendeiner Tür, "hier hat es noch ein paar alte Betten."
    Die anderen drei stiegen langsam die Treppe hinauf, doch nachdem sie sich alle Betten ausgesucht und hingelegt hatten, kroch bereits das erste Taglicht durch die zugezogenen Vorhänge, bis sie in den Schlaf sanken.

    Jetzt war er da, der Regen; mit schweren Tropfen stürzte er auf die ausgetrocknete Erde, die so nach ihm verlangte; mit seiner anhaftenden Näße durchwusch er die vielen schleirigen Dünste, die im Wald hingen und zwischen den Bäumen auf die Nacht warteten; mit seinen Wolken aus Feuchtigkeit umfaßte er den Wind, der sich durch die Helligkeit flüchtete mit wilden Böhen, die heulten und klagten, bis kühl der Abend kam und der Regen schwächer wurde.

    Linga fühlte sich wie gelähmt, als sie ihre schweren Augen aufschlug und die Reste des hellen Lichtes erblickte, das den Tag über da gewesen war. Noch müde setzte sie sich auf, bis sie Fenrir bemerkte, der auch schon wach war.
    "Also, ", begann sie, "ich habe nicht besonders gut geschlafen."
    "Das lag bestimmt am Regen.", antwortete er, worauf er aufstand und ans Fenster schlich, um einen Blick nach draußen zu werfen.
    "Was meinst du, ", fragte er dann erst nach einer ganzen Weile, in der er so vor dem Fenster verharrt hatte, "sollen wir die anderen wecken?"
    Linga überlegte: "Lieber noch nicht; nicht daß wir sie stöhren."
    Jetzt zog Fenrir die Vorhänge ganz zurück, und Linga sah die nebelartigen, grauen Schleier, die der Nieselregen über das nahegelegene Tal ausbreitete.
    "Glaubst du, ", fragte sie darauf, "daß wir im Westen etwas finden?"
    "Ganz bestimmt.", war die Antwort, die von Geräuschen aus dem Nebenzimmer unterbrochen wurde.
    "Aha, ", meinte Fenrir, "sie sind schon von allein wach geworden."
    Wenig später machten sich die vier dann wieder auf den Weg. Noch immer tröpfelte es leicht, und der Boden war aufgeweicht.
    "Wenn wir an einem kleinen Weiher auf der linken Seite vorbeigekommen sind, ", verkündete Katja, "hört die Karte auf."
    Der Weg verlief nun leicht bergab. Die Landschaft bestand aus Wald, in welchem sich immer wieder Wasserlöcher oder Tümpel befanden, von denen ein sumpfig feuchter, geheimnisvoller Duft ausging, der die Kundschafter bis in das Tal begleitete. Und schließlich erreichten sie auch jene Stelle, die Katja beschrieben hatte.
    "Da wären wir, ", meinte diese, als die vier neben dem Weiher, in dem einige kahle Baumstämme trieben, stehen blieben, "von nun an sind wir auf uns allein gestellt."
    "Aber damit bekommt unser Erkundungsgang erst einen Sinn.", fügte Ingmar noch hinzu.

    Fon bog ein paar Äste zur Seite, bevor sie sich weiter ihren Weg durch den Wald bahnen konnte. Es kam wirklich nicht oft vor, daß sie hier südlich der Kreuzung durch das Unterholz irrte, und dementsprechend unsicher waren auch ihre Schritte. Vor sich sah sie jetzt eine kleine Lichtung, auf die der Regen herniederprasselte, doch nachdem sie ein paarmal angestrengt durch das Meer aus Tropfen gestarrt hatte, fand sie endlich, wonach sie gesucht hatte.
    "Nian!", sie kletterte über einen umgestürzten Baumstamm und setzte sich neben ihn ins Gras.
    Er hatte noch nicht richtig bemerkt, daß sie da war.
    "Nian, ", rief sie vorsichtig, "warum läufst du denn immer weg?"
    "Warum läufst du mir immer nach?", antwortete er leise.
    "Weil wir uns Sorgen um dich machen.", erklärte sie.
    Er blickte zum Himmel und kniff die Augen zusammen.
    "Du weißt, warum ich hier sitze; ", sagte er fast schon flüsternd, "das habe ich dir gestern schon erzählt."
    "Ich bitte dich, ", Fons Worte klangen beinahe vorwurfsvoll aber dennoch überlegt, "bei uns ist niemand perfekt, das weißt du doch so gut wie ich." Sie hustete, und ihre Stimme klang auf einmal ganz heiser: "Wir brauchen uns doch alle so, weil wir so sind, wie wir sind; desswegen haben wir uns Sorgen um dich gemacht."
    "Hast du dich erkältet?", wollte er jedoch wissen, worauf sie nickte.
    "Aber nur deswegen, ", fuhr er fort, "weil du mich gestern gesucht hast."
    "Unsinn!", sie reusperte sich, bevor sie rief: "Komm jetzt, du solltest hier nicht im Regen herumsitzen."
    Nian dachte kurz nach: "Also gut, ich komme gleich; ich gehe nur nochmal schnell zum See."
    "In Ordnung, ", lächelte sie, "aber bleib nicht zu lange!"
    Auf dem Weg neben der Wiese südlich der Kreuzung entdeckte Fon wenig später die meisten der anderen.
    "Hast du ihn gefunden?", erkundigte sich Gudja, als das Mädchen aus dem Wald gehuscht kam.
    "Ja, ", war die Antwort, "es ist das gleiche wie gestern, er macht sich Vorwürfe."
    "Er denkt, wir hätten es schwer mit ihm; ", Mena lehnte sich apatisch an Ypsilonne und Zedt.
    "Ja, und wo ist er?", wollte Gudja schließlich wissen.
    "Ach er kommt gleich nach, ", erklärte Fon, "er wollte nur noch einmal zum See."
    Idun stockte: "Wohin?"
    Fon fiel es plötzlich wie Schuppen von den feuchten Augen, und so wie Gudja und Idun begann sie instinktiv loszulaufen.
    Der Regen wurde wieder etwas stärker, und der nun schlammige Untergrund ließ ihre Schritte schwerfällig werden.
    "Nian!", rief da Gudja.
    "Nian;", wiederholte Mena fast betonungslos, während er die drei anderen davoneilen hörte und ihn Ypsilonne und Zedt zu einer trockenen Stelle unter einem großen Baum führten.
    "Nian!", rief Fon, als ihr ein paar naße Zweige über das Gesicht fuhren.
    Im glasig fahlen Schimmer der Regentropfen, die durch die vielen Äste und Zweige auf den Grund stürzten, begann die Landschaft unheimlich zu wirken, und das Echo der unzähligen, kalten Schauer ließ den Wald vibrieren.
    Idun rief: "Nian!"
    Sie rannten weiter und immer weiter, um ihn endlich zu finden. Und je näher sie dem See kamen, der mitten im Wald südlich der Kreuzung lag, desto sumpfiger wurde der Untergrund und versuchte sie festzuhalten, bis sie auf einmal alle jenes silbern glitzernde Schillern in ihren Augen verspürten und das Moor am Ufer des Sees erreicht hatten, das sogar Geräusche verschluckte.
    "Wo ist er?", stotterte Idun unsicher.
    "Nian!", rief Gudja, worauf die drei ihn plötzlich auf der anderen Seite des Gewässers erblickten.
    "He Nian, was machst du da?", rief Fon zu ihm hinüber.
    "Geht weg!", entgegnete er jedoch nur.
    "Mach doch keinen Blödsinn!", Gudja kniff die Augen zusammen, um ihn wahrnehmen zu können.
    "Geht weg, oder ich gehe ins Moor!", schrie Nian da.
    Iduns Entsetzen artete in ein krampfhaftes Kopfschütteln aus.
    "Was sollen wir denn jetzt machen?", wandte sich Fon nervös an Gudja, dem ebensowenig etwas einfiel.
    "Nian, ", rief da Idun und holte tief Atem, "wir haben dich doch alle lieb!"
    Er zögerte ein wenig mit seiner Antwort: "Ich hab euch auch lieb, aber bis jetzt habe ich eure Zuneigung nur ausgenutzt, ohne selbst etwas zu geben."
    "Daß du bei uns bist, das genügt doch schon!", erwiderte Gudja schon ein bißchen heißer.
    "Ich darf nicht leben, ", entgegnete Nian auf einmal, "das wißt ihr genau!"
    Das ließ die anderen stumm werden.
    "Ich mache immer irgendwas kaput, ", Nian kamen die Tränen, "sowas wie ich hat keinen Platz auf dieser Welt!"
    Idun stockte der Atem: Nian ging ein paar Schritte nach vorn, als er plötzlich mit einem Fuß einsank, stolperte und fiel, seine Hände suchten krampfhaft einen Halt, den sie nirgends fanden, und mit einem Male war es still, sogar der Regen hatte aufgehört, die anderen standen wie gelähmt im Schatten des Waldrandes und vermochten nichts zu sagen, bis Idun mit einem Male zu schreien begann und sich in wirren Bewegungen an Gudja lehnte, der sein Gesicht langsam auf Fons Schulter fallen ließ, Fon wiederum legte ihren Kopf auf den Iduns, und so standen sie eine ganze Weile, bis Idun anfing zu weinen und die anderen ansteckte.
    Schließlich setzten sie sich auf den durchnäßten Boden und spürten, wie sie vor lauter Entsetzen und Trauer fröstelten.
    "Wie sagen wir's Mena?", Fon war die erste, die wieder einige Worte herausbrachte.
    "Ich hab keine Ahnung; ", schluchzte Gudja niedergeschlagen, doch Idun sagte mit zerbrochener Stimme: "Laßt uns bitte gehen, ich werde mit ihm reden; "
    Als die drei in jener plötzlich so unbeweglichen Luft vor Mena traten, konnte es dieser schon erahnen, und noch bevor Idun die richtigen Worte eingefallen waren, fing er auf einmal an wild loszuschreien; er legte seinen Kopf weit in den Nacken und ließ sich so einfach nach hinten fallen, wo Ypsilonne und Zedt ihn auffingen; nun schluckte er ein paarmal und weinte dann bitterlich.
    "Wir bringen ihn nach Hause; "
    Ypsilonne und Zedt legten seine Arme um ihre Schultern und machten sich mühevoll daran, ihn heimzuführen; die anderen drei sahen einander lange und sprachlos an, bis schließlich auch sie mit hängendn Köpfen in Richtung Dorf davongingen.

    Dichte Nieselschleier hüllten den kleinen Berg ein, an dem sich der Weg hinaufschlängelte. Das weite, beinahe falche Tal hatte so urplötzlich aufgehört, daß die vier Kundschafter kurz anhielten.
    "Der Regen wird von Augenblick zu Augenblick schwächer, ", bemerkte Fenrir, der in den Himmel blickte, "und diese Schleier hänger einfach nur in der Luft, mehr nicht."
    "Die Berge haben sich ganz langsam um das Tal heumgelegt, ", erinnerte sich Ingmar, als er sich umsah, "mir ist das zuerst gar nicht so aufgefallen."
    "Aber der, auf den wir hinaufmüssen, scheint der höchste zu sein.", entgegnete Katja, worauf sie weitergingen.
    Der Weg verlief in zahlreichen Schlangenlinien den steilen Hügel hinauf, auf dem hier und da ein paar kahle Bäume stan- den. Weiter oben führte er zwischen zwei steinigen Hängen hindurch, die die vier von unten wegen der Regenschleier nicht hatten sehen können. Dahinter lag eine unebene Hoch- fläche, auf der der Wald wieder dichter stand. In der Mitte jedoch befand sich eine weitere Anhöhe. Der Weg verlief dort hinauf.
    "Sieht so aus, als wäre das weit und breit der höchste Punkt.", fiel es Ingmar auf, als sie sich jenem Hügel näherten.
    Und wahrhaftig, schon auf halber Höhe genoßen die vier die weite Aussicht über die umliegende Landschaft, die nur durch den Nieselregen, der immer feiner wurde, getrübt war, und ein ziemlich launischer Wind zerzauste ihnen immer wieder von neuem die Haare; oben angekommen hielten sie jedoch inne; die Mitte des Gipfels, der ganz flach war, war mit Steinplatten ausgelegt, auf denen etwas stand, das die vier zuerst an eine Sonnenuhr erinnerte; es handelte sich um eine große, runde Metallscheibe, die auf einem dicken, schweren Zylinder ruhte; auf ihrer Oberfläche erkannten sie eine Windrose, die jedoch zwölf Blätter hatte; am Ende derer, die in die vier Haupthimmelsrichtungen wiesen, befanden sich in verzierter, alter Schrift die jeweiligen Anfangsbuchstaben der Wörter; aus der Mitte der Scheibe ragte ein weiterer jedoch kleinerer Zylinder heraus, auf dem ein Rad angebracht war, das die jeweilige Windrichtung anzeigte; nach allen vier Hauptwindrichtungen gingen von jener Anhöhe Wege aus, die die Kundschafter irgendwo im Wald verschwinden sahen.
    "Sehr eindrucksvoll, ", meinte Katja, "auch wenn ich nicht genau weiß, was das zu bedeuten hat."
    "Es macht ganz den Anschein, als sei dies der Mittelpunkt von irgendetwas.", überlegte Ingmar.
    "Wenn ja, ", ergänzte Katja, "dann liegt unser Dorf von hier aus gesehen im Osten."
    "Seht mal, ", Linga war ein bißchen den Weg nach Süden hinabgelaufen, "hier ist eine Quelle."
    Die anderen kamen zu ihr; sie stand neben einem kleinen Springbrunnen, aus dem Wasser wild glucksend heraussprudelte und in einem schmalen Bachbett murmelnd den Hang hinunterfloß.
    "Der Regen hat ganz aufgehört; ", sagte da Fenrir, "manchmal frage ich mich, ob wir unser Ziel nicht schon gefunden haben."
    "Wie meinst du das?", wollte Ingmar jedoch wissen.
    Fenrir sah zu jenem Windrad. "Es ist nur so ein Gedanke, ", fuhr er fort, "ich überlege, ob wir irgendwann aufgehört haben, uns selbst und das, was wir sind und tun, zu verstehen."
    "Das haben wir bestimmt, ", entgegnete Katja, "sonst wären wir jetzt nicht hier."
    Sie verweilten noch kurz an jener Quelle, doch dann betraten sie den Weg in Richtung Westen, um die Anhöhe wieder zu verlassen.

    Fon nieste und zitterte am ganzen Leib in ihrer naßen Kleidung. Um so mehr beeilte sie sich, doch kurz vor ihrem Haus blieb sie erschrocken stehen. Ein orangeroter Schein mitten in der Dunkelheit machte ihr klar, daß sie sich nicht geteuscht hatte.
    Als sie näherkam, spürte sie den beißenden Rauch in den Augen, bis sie endlich irgendwo Hel entdeckte, die mitten auf dem Weg einen Kreis aus Steinen zusammengefügt und darin ein loderndes Feuer angezündet hatte.
    "Warum machst du denn schon wieder Feuer?", rief Fon ein wenig ärgerlich, weil sie sich sehr davor fürchtete.
    "Du weißt warum.", entgegnete Hel leise.
    "Du irrst dich, ich weiß eben nicht warum.", so wurde Fon nur noch ärgerlicher.
    "Du weißt, daß alles mal ganz anders war.", rief Hel.
    Fon wurde auf einmal leiser: "Mit deinem Feuer kannst du auch nichts mehr ändern."
    Hel blickte sie verwundert an und fühlte sofort, daß etwas vorgefallen sein mußte.
    "Was hast du?", wollte sie wissen.
    Fon stotterte: "Nian, ... er ..."
    "Was ist mit Nian?", fragte Hel weiter.
    "Nian, ", stammelte Fon entsetzt und unterkühlt, "er ist tot."
    Hel ergriff sichtlich betroffen die Arme ihres Gegenübers und flüsterte verwirrt: "Aber wieso denn?"
    "Ich weiß es immer noch nicht; ", war die erschöpf heisere Antwort, und die beiden fielen sich um den Hals.
    So standen sie eine ganze Weile, bis Hel sagte: "Du bist ja ganz naß; komm, wir gehen rein, ich mach dir was Warmes zu essen."
    "Mach bitte zuerst das Feuer aus.", Fons Stimme war kaum noch zu hören.
    "Ja.", antwortete Hel und führte sie ins Haus.

    "Wie späht ist es?", erkundigte sich Ingmar, als die Kundschafter durch einen dichten Wald gingen, in dem der wieder stärker werdende Wind ein unheimliches Flüstern verursachte.
    Katja blickte auf ihre Uhr: "Kurz nach vier."
    Der Weg führte sie allmälig in ein schmales Tal hinab, in dem es steinig war und einige umgestürzte Bäume herumlagen. Kurz darauf ging es auf einmal steil bergab, bevor das Tal in ein anderes mündete.
    Die vier jedoch blieben überwältigt stehen; links von sich sahen sie zwischen einigen hohen, finsteren Bäumen einen tosenden Wasserfall in die Tiefe stürzen, wo ihn ein kleiner Weiher auffing.
    "Habt ihr jemals sowas Schönes gesehen?", rief Linga mit großen Augen träumerisch.
    "Wenn ich es sehe, könnte ich die Zeit vergessen.", meinte Fenrir darauf.
    Sie standen noch eine ganze Weile da und sahen dem Spiel zu, bis Katja rief: "Schaut mal, da unten steht sowas wie eine Hütte."
    Sie hatte jenes kleine Holzhäuschen, das ganz nah am Waldrand lag, inmitten einiger hoher Sträucher entdeckt. Der Weg dorthin verlief in einem Bogen noch etwas bergab, wo schließlich eine hölzerne Brücke als Übergang über den Fluß diente.
    Es dauerte nicht lange, bis sie das altertümlich anmutende Gebäude erreicht hatten. Innen befanden sich drei Räume, in denen ein paar Liegen herumstanden. Müde und erschöpft schlossen die vier die Fensterläden, und als sie sich schlafen legten, begann es bereits zu dämmern.

    Mit jedem Tag wurde es heftiger; es fiel vom klarblauen Himmel wie kochendes Wasser und begrub die kühle Luft unter sich; es umgab die vielen Schatten, die sich im großen Wald versteckten, mit funkelnd flimmernden Rändern und nahm den ängstlichen Schreien, die durch das Unterholz krochen, den Atem; so blieb es bis zum Abend, der so plötzlich kam und den Wind brachte, der wimmernd wehte, um die Nacht zu rufen.

    Als Linga die Fensterläden zur Seite klappte, war der Abend schon hereingebrochen, doch sie fühlte sich fast noch ein wenig geblendet von jenem weißen, schlierigen Licht, das sich draußen schwerfällig auflöste. Die anderen schienen noch zu schlafen. Linga jedoch spürte sofort den Wind, der mit warmen Böhen von Osten die Nacht ankündigte, und das Mädchen verließ die Hütte, um an den kleinen Weiher unterhalb des Wasserfalls zu gehen. Dort angekommen zog sie ihre Schuhe aus, setzte sich auf einen Stein und ließ die Füße ins Wasser hängen; irgendwie hatte dieses Schummerlicht etwas Unheimliches an sich; Linga war wohl noch nie so früh aufgewacht, und entsprechend langsam bewegten sich ihre noch trägen Augen über ihre Umgebung, die sich in solch bunten, gleißenden Farben darstellte; Linga glaubte auf einmal zu erahnen, was sich hier und überall am Tage abspielte, doch die Befremdung, die sie so überkam, verunsicherte sie, bis sie wieder vom Wind abgelenkt wurde und sich langsam an einen dünnen Baustamm lehnte.
    Eine ganze Zeit verweilte sie an jenem Gewässer, bis Fenrir zu ihr kam.
    "Na, ", begann er, "hast du gut geschlafen?"
    "Ach, nicht so besonders; ", entgegnete sie, "ich bin schon länger wach; der Wind hat mich geweckt."
    Fenrir sah zum Himmel: "Irgendwie verändert er sich; das geht schon die ganze Zeit so; noch nie ist mir das so aufgefallen wie heute."
    "Er ist so unregelmäßig; ", Linga verstand, was Fenrir meinte, "wenn es Abend ist, ist er am heftigsten."
    "Irgendwas passiert mit ihm, oder mit uns, oder mit der ganzen Welt, ", sagte der Junge, "wir wissen nur nicht was."
    Linga stand auf und ging mit Fenrir zur Hütte zurück.

    Idun schlug das Buch zu, als sie Gudja in den Versammlungsraum kommen sah.
    "Warst du bei Mena?", fragte er leise.
    Sie schüttelte jedoch den Kopf und meinte nur: "Ich stand lange vor seiner Tür, aber ich wußte einfach nicht, was ich hätte sagen sollen."
    Der Junge sah auf den Boden: "Jetzt sind wir alle hilflos, so als würden wir uns vor einem Unwetter fürchten."
    Draußen brauste der nächtliche Wind umher, und einige leichte Regentropfen trommelten gegen die Fensterscheiben.
    Plötzlich wurde mit einem Mal heftig die Tür aufgerissen, so daß die beiden erschrocken zusammenzuckten. Herein kam Hel, die sich zuerst völlig außer Atem an die Wand lehnte, doch dann sogleich näher kam.
    "Idun, ein Glück bist du hier!", begann sie keuchen, wärend sie deren Arm ergriff. "Fon, sie hat ganz hohes Fieber; du mußt unbedingt was tun!"
    Die drei eilten aus dem Raum unter den Himmel, der einem wilden Durcheinander von finsteren Farben glich, die sich immer wieder aufs Neue miteinander vermischten, bis sie nahezu übergangslos ineinander verschwammen. Die vereinzelten Tropfen, die sich zur Erde herabverirrten, ließen das Ganze zu einem unheimlichen Geglitzer werden, das nicht mehr aufhörte, sich langsam zu bewegen.

    Die Bäume standen ganz dicht, als der Weg auf einmal steil bergab führte, bis die Kundschafter vor einem Tunneleingang standen.
    "Ich möchte mal wissen, wann das alles, dieser Weg oder das Windrad, gebaut worden sind.", rief Fenrir.
    "Das ist schon etwas länger her, nehme ich an.", entgegnete Katja darauf, aber Fenrir fragte weiter: "Und warum leben wir jetzt soweit östlich davon?"
    "Vielleicht sind wir hier, um eine Antwort darauf zu finden.", meinte Ingmar, und die vier betraten den Tunnel, in dem es irgendwo aus der Finsternis heraus tropfte und die Zugluft den Gang unangenehm kalt werden ließ.
    Sie wußten nicht, wie lange sie schon gegangen waren, doch schließlich stellten sie fest, daß der Weg wiederum abwärts verlief und daß sie links von ihnen ein kleiner, glucksender Bach begleitete, der dem Widerhall ihrer Schritte die Einsamkeit nahm. Und von hier aus war es nur noch ein kurzes Stück, bis sie den Ausgang erreichten.
    Es hatte erneut angefangen, leicht zu regnen, und die vier spürten, wie ihnen dann und wann die kleinen Tropfen über die Augenlider kullerten. Der Weg, der noch ein bißchen bergab führte, ging in ein weites Tal, in welchem eine Brücke über einen schmalen Fluß führte, der sich mit unzähligen Schleifen durch die mit Bäumen bewachsene Landschaft schlängelte.
    "Seht mal, ", rief da Linga erstaunt, "hinter der Brücke steht ein Haus."
    Die Kundschafter beeilten sich, doch als sie schließlich vor der Tür jenes Gebäudes standen, wußten sie nicht mehr so recht, ob sie eintreten sollten.
    "Erinnert ihr euch an das erste Haus, in dem wir geschlafen haben, ", begann Ingmar, "die Tür war total verrostet, aber die hier sieht wie neu aus."
    "So als würde hier jemand wohnen ...", fiel es Fenrir ein, worauf die anderen zuerst stumm wurden, doch dann meinte Katja: "Also mir ist nichts bekannt, daß es noch andere von uns gibt."
    "Wer weiß, ", entgegnete Linga, "vielleicht ist uns mal das Buch verloren gegangen, in dem das stand."
    "Das einzige Buch, ", sagte Fenrir, als er versuchte, in eines der Fenster zu schauen, "das wir verloren haben, ist das Buch über uns."
    Katja drückte vorsichtig die Klinke herunter, worauf sie nacheinander das Gebäude betraten, das innen einigermaßen möbliert war.
    "Das sieht ja ziemlich gemütlich aus.", meinte Ingmar.
    "Hört ihr das, ", untebrach ihn Fenrir jedoch, "der Regen wird wieder stärker."
    Nach einem kurzen Blick durch das Fenster rief Katja: "Was haltet ihr davon, wenn wir erstmal hierbleiben und uns ausruhen, bis das Wetter besse wird?"
    "Einverstanden, ", stimmte Ingmar zu, "wir sollten sowieso mal anfangen, die Karte zu vervollständigen."

    Fon hielt sich am Tisch fest, wärend sie sich aus dem Bett schleppte, um zum Fenster zu gelangen. Ihre Tritte waren ganz zittrig und unberechenbar, und als sie den Tisch losließ, begann sie zu stolpern, griff verwirrt nach dem Stuhl, der jedoch gleich umkippte, so daß sie haltlos nach vorne fiel und mit der Stirn auf den Fenstersims schlug.
    "Fon!", tiefes Entsetzen stand Hel ins Gesicht geschrieben, als sie, Idun und Gudja hereinkamen. "Was hast du gemacht?"
    Idun beugte sich zu ihr herunter. "Sie ist ganz heiß.", stellte sie darauf fest, und nachdem sie ihre Wunde am Kopf entdeckt hatte, rief sie: "Wir brauchen Wasser und ein Tuch!"
    Gudja eilte ins Bad, während Hel und Idun sie wieder aufs Bett legten.
    "Mir ist so schrecklich heiß!", stöhnte Fon leise und langsam.
    "Fon, ", rief Idun und berührte vorsichtig ihre Wangen, "kannst du mich hören?", aber ihre glasigen Augen irrten nur zitternd hin und her.
    "Ich glaube, sie hat eine Gehirnerschütterung.", meinte Idun.
    Nun kam Gudja mit einer kleinen Waschschüssel und einem Handtuch zurück, mit dem Idun sofort begann, die Wunde auszuwaschen.
    "Bitte Idun, ", Hel war immernoch ganz verstört, "du mußt sie mir zurückgeben!"
    "Ich tue, was ich kann.", meinte sie jedoch, ohne aufzusehen, worauf Hel nach draußen eilte.
    "Was ist mit ihr?", wunderte sich Idun.
    "Ich weiß nicht, ", antwortete Gudja ebenso ahnungslos, "aber ich versuche mal, mit ihr zu reden."
    Idun hatte Fons Kopf nun verbunden und hörte das Mädchen immer noch unregelmäßig hastig nach Luft schnappen; ihr Gesicht war ganz feucht, und ihre Augen hörten nicht auf, sich irritiert zu bewegen.
    Idun sah auf, als sie plötzlich Schritte auf der Treppe vernahm, die sich leise näherten.
    "Gudja, ", rief sie etwas verwirrt, "bist du's?"
    "Entschuldigung, wir wollten dich nicht erschrecken!"
    Ypsilonne und Zedt betraten vorsichtig das Zimmer.
    "Wir können noch ein bißchen bei ihr bleiben ..."
    Idun begann zu lächeln: "Ihr seid süß!"
    "Sind wir das?"
    "Doch wirklich, ", antwortete sie, "ihr seid immer da, wenn man euch mal braucht, und ihr seid immer so hilfsbereit!"
    Die beiden setzten sich auf's Bett.
    "Wir kümmern uns um sie ..."
    "Vielen Dank!", Idun lächelte noch einmal, bevor sie aufstand und den Raum verließ.
    Das Pochen des Regens an den Scheiben ließ etwas nach, und für einen Augenblick brach das schwache Mondlicht durch die Wolken, das mit seiner Mattigkeit die vielen Schatten in der feucht schleirigen Nacht zu neuem Leben erweckte. Ypsilonne und Zedt ergriffen jeweils eine Hand von Fon und wärmten sich an ihrer Fiebrigkeit, die sie so beeindruckte.
    "Hast du etwas gesehen?"
    Fon bewegte sich nur ganz langsam.
    "Sag uns doch, ob du etwas gesehen hast ..."
    "Ich... ", irgendwie klang Fons Stimme schwerfälliger als sonst, "habe den Regen gesehen, ", ihre Augen waren weit geöffnet, so als war sie selbst von dem überrascht, was sie sagte, doch ihr Gesicht blieb leer, "ich stand auf einem Berg irgendwo... , und dann kam er und umhüllte mich, ", mit jedem Wort schien sie müder und schwerer zu werden und in sich selbst zu zerfallen, "ich habe ihn ganz deutlich wahrgenommen, er sah aus wie... "
    Ohne Übergang hörte sie auf zu sprechen, und ihre Bewegungen verflossen im verstummenden Klopfen des Regens.
    "Wie sah er aus ..."
    Sie hörten nur noch ihren warmen Atem.
    "Erzähl doch weiter, wie hat er ausgesehen!"
    "Mir ist so heiß!" , Fon schloß ihre Augen, und die starre Luft, die sie umgab, hielt sie fest und umwickelte sie wie ein Hauch aus Sonnenlicht.
    Ypsilonne und Zedt standen leise auf.
    "Werden wir es jemals erfahren?"
    "Ich weiß es nicht; "
    Der Wind zerrte an den Bäumen, während Ypsilonne und Zedt Fon zudeckten.
    "Ich friere so; "
    "Ich auch!"

    "Hey, ", rief Linga, die schon die ganze Zeit am Fenster gestanden hatte, "es hat aufgehört zu regnen!"
    "Also, ", meinte Ingmar jedoch, "wenn ihr mich fragt, wir sollten heute nicht mehr weitergehen. Es wird sowieso bald wieder hell."
    "Seht ihr das, ", Linga war ganz begeistert, "der Mond scheint wieder!"
    "Warte, ", Fenrir war mit einem Male aufgestanden, "habt ihr das gehört?"
    "Was denn?", wollte Ingmar verwundert wissen.
    "Da waren Schritte.", erklärte Fenrir.
    "Bist du sicher?", Katja war auf einmal völlig durcheinander.
    "Ich habe es doch ganz deutlich gehört, ", entgegnete er, "draußen ist gerade jemand vorbeigegangen!"
    Ingmar sprang auf und eilte zur Tür, worauf er langsam die Klinke herunterdrückte und nach draußen sah. Die anderen folgten ihm, als er dann das Haus verließ.
    "Hallo?", rief er, und Katja wiederholte: "Hallo! Ist da jemand?"
    Es blieb still. Das einzige Geräusch, das die vier vernahmen, war das murmelnd ungleichmäßige Glucksen des naßen Untergrunds, das das leichte Säuseln des Windes beinahe übertönte.
    "Hallo!", rief Ingmar noch einmal, ohne eine Antwort zu erhalten.
    "Kann es nicht sein, daß du dich geirrt hast, Fenrir, ", fiel es Linga ein, "ich habe am Fenster ja auch niemanden gesehen."
    Fenrir sagte nichts.
    "Also ich glaube auch, daß du dich verhört hast.", brummte Ingmar, bevor sie alle wieder zurück ins Haus gingen.

    (Fortsetzung folgt.)



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 25.11.2005, 16:49


    5.

    Die Sterne

    Hel war bis ganz an den Rand des Dorfes gegangen, wo sie auf einmal Mena in mitten einer monddurchfluteten Wiese erblickte; die letzten Tropfen des Regens, der so plötzlich aufgehört hatte, ließen ein silbern mattes Schillern entstehen, das sie allmälig zu beruhigen begann. Schließlich ging sie auf den Jungen zu und setzte sich neben ihn.
    "Hallo Mena, ", murmelte sie langsam, "wie geht es dir?"
    Zuerst schien er sie gar nicht richtig wahrzunehmen, doch dann meinte er: "Wir haben nie viel miteinander gesprochen, Hel, und wir hätten uns doch immer so viel zu sagen gehabt;"
    "Glaubst du nicht, daß wir noch genügend Zeit haben, das nachzuholen?", fragte Hel nun.
    Mena fuhr mit der Hand durch das feuchte Gras: "Es ist zu spät; jetzt tut mir nichts so gut als das leblose Schweigen; um mich herum ist auf einmal alles so still geworden, daß ich nichts mehr zu sagen weiß ..."
    Hel legte ihren Kopf zurück und begann das wilde Durcheinander von Wolken und Himmelsfetzen, das über ihr so unscheinbar tobte, zu beobachten.
    "Du und Fon, ihr seid euch so ähnlich!", fiel es ihr dann ein. "Eigentlich seid ihr grundverschieden wie zwei Sterne, doch wenn man euch mit den gleichen Augen betrachtet, seid ihr ganz nah bei einander. Ihr verändert euch... , von Augenblick zu Augenblick, so wie alles sich verändert, ihr zieht eure Bahnen an einem Himmel, in dem sich Mond und Regen ohne Unterlaß abwechseln... , und irgendwie seid ihr so wie die ganze Welt, ein ewiges Hin und Her der Gefühle ..."
    "Ein ständiger Wechsel von Tag und Nacht ...", wiederholte der Junge leise.
    "Aber irgendwie haben wir uns in der Nacht verfangen; ", entgegnete Hel.
    Darauf vernahmen die beiden Schritte, als Ypsilonne und Zedt neben sie traten.
    "Wir haben dich schon gesucht, Hel;"
    "Fon schläft jetzt!"
    Das Mädchen stand auf.
    "Es wird bald wieder Tag, Mena; möchtest du nicht schlafen gehen ..."
    "Ich finde sowieso keine Ruhe so allein. ", war die leise Antwort.
    "Dann komm doch mit zu uns!"
    Die beiden ergriffen je eine Hand des Jungen und zogen ihn aus dem feuchten Gras.

    Der Fluß

    Sein Wasser war träge im fahlen Sonnenlicht, das sich durch die vielen, grüngrauen Wolken kämpfte, die hastig über den heißen Himmel huschten; der erstarrte Wind lag unbeweglich auf den vielen Wellen, die die Strömung mit sich riß in den Tag, in dem die Helligkeit das bunte Wirren, das sich auf dem Wasser spiegelte, erkalten ließ; sein Weg war immer der selbe, von der Nacht in den Tag und vom Tag in die Nacht, aus der er einst entsprang.

    Das Gewitter

    "Glaubst du, daß wir schon etwas gefunden haben?", Katja begann nachzudenken.
    "Vielleicht, ", entgegnete Ingmar, der die Arme unter dem Kinn verschränkte, "aber ich habe mit all dem nichts anfangen können."
    Sie stand auf, um die Vorhänge zurückzuziehen und danach das Fenster zu öffnen.
    "Wir haben so Manches gesehen, "meinte der Junge weiter, "aber ob das alles etwas zu bedeuten hat, das wissen wir immer noch nicht."
    "Die Anderen sind schon draußen, ", bemerkte sie jedoch, "wir sollten uns beeilen."
    Es dauerte nur ein kurzes Weilchen, bis die beiden vor das Haus traten und die vielen, ungleichmäßigen Böhen des Windes verspürten, der wieder nach Regen roch.
    Beinahe wortlos gingen sie weiter, doch der Weg hatte sie nur ein paar Schritte an jenem müde trägen Fluß, an dessen steinigem Ufer hohe, zerzauste Bäume mit abgebrochenen Kronen in den verschleierten Himmel ragten, entlanggeführt, bis die vier auf einmal eine Weggabelung erreichten. Von hier aus überquerte in der einen Richtung eine breite, hölzerne Brücke das Gewässer, und in der anderen verlief ein Weg in ein weiteres Tal, aus dem ein schmaler Bach kam.
    "Was meint ihr, ", fragte Ingmar, "wohin sollen wir gehen?"
    "Es sieht so aus, ", stellte Katja fest, "als würde der eine Weg nach Norden gehen. Also würde ich sagen, wir bleiben hier am Fluß."
    "Hey, ", rief da Linga, "gibt es einen Grund, warum wir uns hier für eine Richtung entscheiden müssen? Wir können uns doch auch aufteilen."
    "Na wenn du meinst, "brummte Ingmar, "Fenrir und du gehen in dieses Tal, und wir nehmen den anderen Weg."
    "Aber denkt daran, daß ihr nie zu weit gehen dürft; ", sagte Katja, "wenn ein Haus oder sowas kommt, macht lieber eine Pause!"

    Das Tal wurde enger und enger; die Abhänge, die sich mit jedem Augenblick näherkamen, endeten oftmals in schroffen Felswänden, zwischen denen sich der Wildbach und der steinige Weg entlangschlängelten. Des öfteren hatten Fenrir und Linga auch schon über verdorrt kahle Baumstämme klettern müssen, die wohl der Regen hatte von den steilen Hängen abrutschen lassen. Dann jedoch änderte sich die Landschaft schlagartig: der Bach verlief sich in viele kleine Rinnsäle, die alle vollkommen planlos aus einer riesigen Geröllhalde herausgeflossen kamen, der Wald hatte aufgehört, und die flachen Felsen, die das Tal umgaben, ließen jedes Geräusch unheimlich oft wiederhallen.
    "Wo ist denn jetzt unser Weg?", wunderte sich Linga.
    "Es sieht fast so aus, als sei er hier zugeschüttet worden.", fiel es Fenrir ein, als er die unzähligen Steine betrachtete, die vor ihnen lagen.
    Das Mädchen überlegte: "So langsam kommt es mir so vor, als wäre das Absicht gewesen."
    Ohne ein weiteres Wort begannen die beiden die Halde zu erklimmen, doch als sie oben angelangt waren, blieben sie enttäuscht um sich blickend stehen. Die Unmenge von Steinen, auf der sie sich befanden, erstreckte sich noch bis an das Ende des Tales, das die beiden in einiger Entfernung sehen konnten.
    "Zu was kann das hier wohl gut sein?", wollte Fenrir leise wissen, bis er einen Stein aufhob, in dem eine versteinerte Schnecke zu erkennen war.
    "So, als hätte jemand das Ende des Tals weiter nach vorn holen wollen ...", entsann sich Linga, doch dann ließen sie ihre Augen auf jenen Punkt starren, an dem wieder ein paar knorrige, alte Bäume standen, und sie fuhr verwirrt fort: "Siehst du auch, was ich sehe?"
    Fast schon ein bißchen erschrocken trat Fenrir neben sie und versuchte angestrengt, die wolkenverhangene Dunkelheit zu durchdringen, doch schließlich fiel es ihm ein: "Ein Zaun!"
    Sofort liefen die beiden los, doch schon ehe sie an jener Stelle angelangt waren, erkannten sie, was sie gefunden hatten.
    "Das sieht aus wie eine Grenze.", sagte Fenrir ein wenig außer Atem.
    Während sie noch das leise Glucksen des Baches, der mit seinen vielen Armen hier irgendwo entsprang, in ihren Ohren verspürten, meinte Linga: "Da drüben ist ein Loch im Zaun."
    Jetzt hatten sie jene Grenze erreicht.
    "Siehst du das, auf der anderen Seite des Zaunes ist ein Schild angebracht.", bemerkte der Junge, und bevor er es sich versah, hatte er ein loses Stück des Drahtverhaus bei seite gedrückt und war durch das Loch hindurchgekrochen, Linga folgte ihm gleich darauf.
    "Nanu, kannst du das lesen?", fragte sie dann, als die beiden sich nach jenem Schild umblickten.
    "Nein, ", wunderte er sich, "so eine Schrift habe ich noch nie gesehen. ", bis er ein wenig verunsichert hinzufügte: "Und offenbar haben wir den Weg endgültig verloren."
    Der Wald, der nun vor ihnen lag, bestand aus dicken, riesig knorpeligen Baumstämmen, an denen Äste und Zweige halb abgebrochen herunterhingen, der Boden war übersäht mit Holzsplittern, wirr verstreuten Steinen und hier und da auch Ascheresten, zwischen einigen zerknickten Büschen entdeckten die Kundschafter einen Haufen verrosteter, großer Tonnen, irgendwo lagen Stoffetzen herum, und in einer von vertrockneten Ästen umgebenen Mulde reflektierten unzählige Plastik- und Glasscherben das schlierige Sternenlicht.
    Nachdem sie ein paar Schritte durch das unwegsame Unterholz gegangen waren, begann sich der hohe Wald aufzulichten, und sie kamen auf einen schmalen Trampelpfad, der sie zu einem Kranz aus dicht beieinander stehenden jüngeren Bäumen führte, die den alten Wald in sich einschlossen. Als sich die Kundschafter durch jenes stachlige Geäst hindurchgezwängt hatten, befanden sie sich auf einer weiten Wiese, von wo aus ein ziemlich unebener Weg bergab führte.
    "Da steht ja schon wieder ein Schild.", bemerkte da Fenrir, als er sich noch einmal umdrehte.
    "Das sieht so aus, als ist da das Gleiche drauf, wie auf dem ersten, ", überlegte Linga, "was das wohl heißen mag?"
    Mit vielen Schlaglöchern wandt sich die steinige Straße in ein weiteres Tal hinab, vor dem der Wald endete.

    Die kühle Luft des Flußes, an dem die beiden entlanggingen, bewegte leicht die vielen, dürren Zweige der Bäume, die ganz dicht am Wasser standen.
    "Glaubst du, daß es richtig war, Fenrir und Linga gehen zu lassen?", fragte Katja auf einmal.
    Ingmar sah auf den Boden: "Falls nicht, hätten wir niemals von zu Hause weggehen sollen; "
    Sie waren längst stehengeblieben, hatten sich ans Wasser gesetzt und schauten nun dem Spiel der kleinen Wellen zu, die im Sternenlicht zu neuem Leben erwacht waren.
    "Sie wären niemals mit dir oder mir mitgegangen ...", fuhr der Junge leise fort.
    "Manchmal wünschte ich, ich wäre wieder daheim; ", entgegnete sie darauf, "wir wissen nicht mal, wonach wir eigentlich suchen sollen; und was noch viel schlimmer ist, wir wissen nicht mal, ob wir schon was gefunden haben; "
    "Ich würde zu gerne wissen, ", meinte Ingmar, "was die Anderen zu Hause jetzt gerade machen."
    Eine lange, wortlose Weile verstrich, bevor Katja in den Himmel blickte: "Siehst du die Wolken? Das sieht wieder nach Regen aus."
    "Gehen wir lieber weiter." , sagte er, und die beiden standen langsam auf.
    Der Fluß machte noch einige Schleifen, bevor die Berghänge auf der rechten Seite immer näher kamen; der Weg wurde nun links von einem Geländer abgegrenzt, unter dem sich eine Stützmauer befand; mit einem Male wurde der Fluß breiter, bis er in einen großen, ruhigen See mündete.
    "Sieht ganz anders aus, als der See bei uns.", fiel es Ingmar auf.
    "Siehst du das da vorne, ", rief Katja darauf, "das könnte sowas wie eine Staumauer sein."
    Die beiden liefen ein wenig schneller, bis sie jenes riesige Bauwerk erreicht hatten, hinter dem der Fluß weitertoste.
    "Das ist ein Wasserkraftwerk.", entsann sich das Mädchen.
    "Wir haben uns nie ernsthaft gefragt, woher wir unsere Energie haben; ", murmelte Ingmar leise vor sich hin, "wir dachten immer, daß unsere Solarzellen ausreichen würden, obwohl bei unseren Rechnungen immer das Gegenteil herauskam."
    "Ich könnte mir vorstellen, ", entgegnete sie, "daß dieser Stausee ein Vielfaches an Energie erzeugt, wie wir eigentlich brauchen.", worauf sie fast flüsternd fortfuhr: "Vielleicht hat sich Fenrir an jenem Morgen doch nicht geirrt; "
    Für eine Weile sahen sie noch dem lauten Treiben des Wassers zu, bevor sie weitergingen; der Weg entfernte sich von jenem Fluß und führte sie durch einen kleinen Hain in ein Seitental, das auf der einen Seite bewaldet war, während auf der anderen eine weitläufige Wiese lag; der Bach, der wohl einstmals mitten darin entlanggeflossen war, schien ausgetrocknet ...
    Ingmar hielt Katja plötzlich zurück, worauf sie beide wie gebannt vor sich durch die Dunkelheit starrten; das Tal krümmte sich leicht nach rechts, und hinter einem mit welkem Gras bewachsenen Bergrücken ragten einige Hausdächer hervor.
    "Jetzt glaube ich auch nicht mehr, ", stotterte der Junge nur, "daß sich Fenrir geirrt hat; "
    Sie wußten für einen Augenblick nicht, ob sie wirklich weitergehen sollten, doch schließlich hatte sie ihre Neugier überzeugt; mit leisen, langsamen Schritten folgten sie dem Weg, der sich in einem Bogen an den Berg anschmiegte, bis sie die Häuser von vorne sehen konnten; sie standen in einer kleinen Gruppe von vielleicht fünf vor einem dichten Wald, hinter dem das Tal zu enden schien; die Kundschafter kamen vorsichtig näher.
    "Die sehen so aus wie unsere.", bemerkte das Mädchen erschrocken, worauf Ingmar meinte: "Es scheint aber niemand da zu sein."
    Jetzt erreichten sie eines jener Gebäude, deren Fenster düster und leer in die Nacht starrten; ein lähmendes Gemisch aus staubigem Sand und unbeweglicher Stille umgab diesen Ort, dessen auf einmal so kalte Luft die Kundschafter verwirrt um sich blicken ließ ...
    "Schau dir mal das große Haus da oben an, ", der Junge sah zum Waldrand hinauf, "könnte das nicht so eine Art Versammlungsgebäude sein?"
    Die große Tür ließ sich nur schwer öffnen, und die abgestandene Luft drängte sofort nach draußen; ein weitläufiger Raum empfing die beiden, und das fahle Licht der Sterne brach sich im groben Staub, der die Fensterscheiben bedeckte; irgendwo stand ein Tisch, in einer anderen Ecke lagen ein paar Stühle, und auf der rechten Seite befanden sich weitere Türen, die wohl in die anderen Stockwerke führten ...
    "Hier scheint schon eine ganze Zeit niemand mehr gewesen zu sein.", überlegte Ingmar halblaut.
    Katja trat in die Mitte des Raumes, drehte sich ganz langsam und ging dann auf eine der Türen zu; Ingmar folgte ihr; eine finstere, hölzerne Treppe in einem engen Flur verlief steil nach oben, von woher in unregelmäßigen Abständen ein Schwall frischer Zugluft gefallen kam; das Knarren der Stiegen und die beinahe schon unangenehme Dunkelheit jenes Hauses begleiteten die beiden, bis sie am Ende des Aufgangs auf eine weitere Tür trafen, deren klopfendes Quietschen die angespannte Stille aufhorchen ließ ...
    Die beiden blinzelten vorsichtig durch den halb offenen Türspalt, bevor sie links und rechts jenes zerbrochenen Fensters, in das der Wind hineinhauchte, die hohen Regale entdeckten, die alle mit Büchern gefüllt waren ...
    "Ich möchte nur wissen, was wir nun eigentlich gefunden haben; ", Ingmars Gedanken drehten sich im Kreis.
    "Vielleicht finden wir die Antwort darauf in einem der Bücher.", entgegnete das Mädchen und verschwand sogleich irgendwo zwischen den Regalen.
    Einige Bücher waren vergilbt oder zerknittert, andere wiederum schienen an manchen Stellen wie verbrannt, doch die Geschichten, die Ingmar noch lesen konnte, waren ihm alle samt unbekannt.
    "Hey, ", hörte der Junge da Katja rufen, "sieh dir das an!"
    Sie kam aufgeregt zu ihm geeilt; vor sich hielt sie ein aufgeschlagenes Buch, dessen graugelbes Papier ganz staubig und hart war; sie zeigte ihm eine Seite, auf der eine Landkarte verzeichnet war.
    "Was stellt das dar?", wollte er wissen.
    "Ich bin mir ziemlich sicher, ", meinte sie darauf, "daß das hier die Fortsetzung von unserer Karte ist; die hier beginnt nämlich an der Stelle, an der unsere aufhört."
    "Was ist aber das da?", er fuhr mit dem Zeigefinger eine Linie nach, hinter der die Aufzeichnungen endeten.
    "Ich weiß es nicht genau, ", war die ein wenig verwirrt klingende Antwort, "aber es sieht wie eine Grenze aus."
    "Eine Grenze?", wunderte sich Ingmar. "Aber wofür denn; ", und nachdem er noch einen flüchtigen Blick auf den Verlauf der abgebildeten Wege geworfen hatte, fügte er leise hinzu: "Fenrir und Linga gehen genau auf diese Grenze zu ..."
    "Dann werden sie wohl als Erste wissen, was dahinter liegt ...", das Mädchen sah hinüber zum Fenster, wo der Wind an den Splittern der Fensterscheibe zerrte.
    "Was steht denn sonst noch in dem Buch?", fragte jetzt Ingmar.
    "Die Karte scheint das Ende einer Geschichte zu sein; ", entgegnete sie, "aber der Rest davon sieht aus, als hätte ihn mal jemand verbrannt."

    "Warte! Hast du das gesehen?"
    "Was?", Fenrir blickte sich nach Linga um, die auf einmal stehengeblieben war.
    Sie lauschte eine Weile lang, bis sie meinte: "Wahrscheinlich habe ich mich geirrt."
    Der Abhang glich einer weiten, einheitlichen Fläche, der Wald war beinahe ganz verschwunden, nur noch hier und da stand ein alter, blattloser Baumstamm. Die spröde Straße führte immer noch abwärts, bis sie um eine Ecke bog, wo sich ein riesiger Haufen aus verkohltem Holz befand.
    Kaum hatten sich die Kundschafter umgewandt, blieben sie plötzlich wie angewurzelt stehen, worauf sie erschrocken des Anderen Hand ergriffen und nicht mehr weiterwußten.
    Am gegenüberliegenden Hang ragten unzählige graue Häuser in den bunten Nachthimmel, sie schienen alt und verlassen und erinnerten die beiden an einen riesigen Friedhof, bei manchen waren Teile des Daches eingestürzt, bei anderen fehlten Türen und Fenster, doch alle hinterließen sie in den Kundschaftern die Vorstellung eines seltsam unruhigen Schlafs, der jeden Augenblick zu enden drohte, die unwegsame Straße führte, das trockene, von zahlreichen dürren Sträuchern überwucherte Tal durchquerend, mitten in jene ruhelose Stadt, die die letzten Lichtschimmer der Nacht in sich aufsaugte.
    Nur ganz ganz langsam und zögerlich beschlossen Fenrir und Linga weiterzugehen. Eine schmale, halb in sich zusammengefallene Steinbrücke führte über das ausgetrocknete Flußbett, bevor der Weg wiederum bergauf verlief, die beiden erblickten links von sich auf einmal eine Mauer aus dicken, schweren Steinbrocken, aus der die Enden einiger verrosteter Rohre ragten, auf der anderen Seite der Straße lagen unter einem ungestürzten, noch jungen Baum ein paar Eisenstangen, ein unangenehmer Geruch empfing sie, als sie endlich das erste der vielen Häuser und Ruinen erreichten, die sich in wirrer Folge abwechselten.
    "Sowas habe ich noch nie gesehen.", flüsterte Linga.
    "Das sieht ganz anders aus als bei uns.", stimmte ihr Fenrir zu, worauf sie weitergingen.
    Es wurde flacher.
    "Schau dir das an, ", meinte der Junge auf einmal halblaut, "das Haus da vorn sieht aus, als hätte es darin gebrannt."
    Sie kamen langsam näher und betrachteten sich jenes schwarze Gebäude.
    "Das ist ja fast ganz aus Holz, ", fiel es Linga auf, "ich möchte wissen, warum es nicht völlig niedergebrannt ist."
    "Vielleicht hat es jemand gelöscht ...", Fenrir hatte nur überlegt, doch kaum hatte er sich das sagen hören, wollte das Mädchen verwirrt wissen: "Ja glaubst du etwa, daß hier noch jemand lebt?"
    Mit einem Male blickte er über seine Worte erschrocken um sich; "Ich weiß nicht, es war nur so ein Gedanke ..."
    Die beiden fühlten auf einmal, wie ihre Schritte immer unsicherer wurden; das kaum noch hörbare Kreisen des Windes ließ sie bei jedem Geräusch, das von irgendwoher aus dem Häusermeer an ihre Ohren drang, zusammenzucken.
    Sie erreichten schließlich eine Straßenkreuzung, die ganz von düsteren, hohen Fassaden eingeschlossen war, hier lagen einige umgestürzte Laternenmaste herum, von denen manche schon völlig verrostet waren, die vielen Fenster, die verlassen zu den Kundschaftern hinabstarrten, waren entweder zerbrochen oder mit Brettern vernagelt, irgendwo entdeckten die beiden ein verrottetes, verbogenes Metallschild an einer brüchigen Hauswand hängen, das dann und wann vom Wind bewegt gegen die Mauer klopfte.
    "Kannst du lesen, was da drauf steht?", wollte Linga wissen, die vor jenem Schild stehengeblieben war.
    Fenrir jedoch schüttelte nur enttäuscht den Kopf. "Als wäre es eine andere Sprache... ", murmelte er vor sich hin.
    Ein schwaches Pochen, das sich auf und ab hallend durch die scheinbar endlose Straße bewegte, erreichte die beiden mit einem Male.
    "Was ist das?", Fenrir wachte aus seinen Gedanken auf.
    "Das hört sich an wie... ", Linga traute sich nicht, es auszusprechen, bis das Geräusch näher kam, "... wie Schritte!"
    Die unüberwindbare Ungewißheit entfachte in den beiden plötzlich ein beinahe quählendes Gefühl der Furcht, das von Augenblick zu Augenblick stärker wurde, wie ein aus heiterem Himmel einsetzender Platzregen, Fenrir sah ein paarmal überhastet um sich, doch Linga zog ihn am Arm in eines der nahegelegenen Häuser, dessen Tür sie in der fast ersterbend schwachen Zugluft hatte offen stehen hören.
    Im weitläufigen Flur jenes Gebäudes lag der schwere, schwüle Geruch morschen Holzes, irgendwo im oberen Stock, in den eine steile, schroff kantige Treppe mit großen, breiten Stufen führte, fiel ein Schimmer des wolkenverhangenen Nachtlichts bis hinunter zu den Kundschaftern, die sich aneinanderklammernd die kalten Stiegen hinabstolperten, die in den dunklen Keller des Hauses gingen, eine angelehnte stählerne Tür wieß den beiden den Weg in einen feucht leeren Raum, dessen vergitterte Kellerfenster auf die Straßenkreuzung hinausblickten.
    "Also hast du dich doch nicht geirrt ...", flüsterte Linga fröstelnd, als die beiden wie gebannt durch die zersplitterten Scheiben nach draußen starrten, wo die Finsternis die sich im unendlichen Dunkel der Ruinenstadt verirrenden Laute sichtbar machte.
    Der nahezu polternde Wiederhall der Schritte war auf einmal ganz dicht bei ihnen, als sie durch die rostzerfressenen Gitter der schmalen Kellerfenster plötzlich die Gestalt eines fremden Mannes wahrnahmen, der auf der Kreuzung stehenblieb, sich ein paarmal umwandte und schließlich in das den Kundschaftern gegenüberliegende Haus ging.
    "Ich habe ihn zwar nicht richtig erkennen können, ", stammelte Linga, als die Tür hinter dem Fremden zugefallen war, "aber eines ist sicher, er war nicht wie wir."
    "Er war ganz verhüllt, ", erinnerte sich da Fenrir, "so als würde er sich vor der Dunkelheit fürchten."
    Sie hielt ihm mit einem Male die Hand vor den Mund, bis auch er jenes lauernde Knarren der Bretter über ihnen vernahm.
    "Wir sollten so schnell wie möglich rauß hier!", Linga machte kaum ein Geräusch, als sie ihm das zu verstehen gab.
    Die Laute im oberen Stockwerk formierten sich allmälig zu Schritten, die von der einen in eine andere Ecke des Raumes zu gehen schienen, darauf vernahmen die Kundschafter eine zufallende Tür und wiederum Schritte, diesmal jedoch auf der Treppe, dann sahen sie, wie jemand das Haus verließ, um kurz darauf wieder im gegenüberliegenden Gebäude zu verschwinden.
    "So als würden sie bei Nacht frieren ...", Linga dachte nach, während Fenrir sich vom Fenster abwandte, "wir sollten zu Katja und Ingmar zurück."
    "Laß uns verschwinden, bevor uns noch jemand sieht!", der Junge öffnete die Tür, und die beiden verließen den Keller, in den die Kälte vor dem Tag geflohen war.
    "Hast du das gesehen?", Linga kniff ihre Augen zusammen, kurz nachdem die Kundschafter jene Straßenkreuzung verlassen hatten.
    "Nein, ", antwortete Fenrir, "was meinst du?"
    "Das Wetterleuchten, ", erklährte sie jedoch, "es sieht so aus, als würde bald ein Gewitter kommen."
    "Dann wäre der Herbst zu ende ..."

    Ein wenig erschrocken schlug Ingmar das Buch zu.
    "War das ein Blitz?", fragte er dann, doch Katja, die schon eine ganze Weile an jenem zerbrochenen Fenster stand und in die nächtliche Dunkelheit schaute, blieb stumm.
    Der Junge kam näher: "Hast du eine Idee, wo wir hier sein könnten?"
    "Ich weiß nicht; ", ihr Gesicht glänzte im Licht eines zweiten, weit entfernten Blitzes, "schon die ganze Zeit, die wir hier sind, spielen meine Erinnerungen verrückt, und mit jeder Minute, die wir hierbleiben, wird es schlimmer und schlimmer; ", ihre Augen begannen zu funkeln, "ich fühle, wie sich ein uralter Kreis zu schließen versucht, der schon eine Ewigkeit in mir zugebracht hat, ohne daß ich davon wußte; ", die Unheimlichkeit ihrer Worte fing an, Ingmar zu erschrecken, "unkontrollierte Bilder oder vielleicht auch nur ganz wirres Zeug aus einer Zeit, vor der graue Schleier liegen; ein Meer aus offenen Fragen, die ein wilder, unbändiger Strudel in eine längst verlorene Welt reißt ... Und ich weiß nicht, was ich machen soll, weil ich es nicht verstehe ..."
    Wieder flammte in der Ferne ein Blitz auf.
    "Wir sollten die anderen suchen, ", meinte da Ingmar, "wenn das Gewitter näher kommt."
    Katja sah nur noch eine kurze Weile nach draußen, wo die Schlingen des Windes enger wurden, bevor sie dem Jungen folgte, der das Buch wieder an seinen Platz im Regal zurückgestellt hatte.
    Ein wildes Wetterleuchten tobte am Osthimmel, der einem Feuerwerk glich; der Wind schien das Gewitter näher zu bringen, doch seine Böhen waren kürzer und staärker geworden; sie glichen dem Zucken der unzähligen Blitze, die sich in einiger Entfernung aus der Dunkelheit heraus entluden und so die Nacht zu einem unruhigen Gefunkel werden ließen, das mit seinen vielen, kreisförmigen Strudeln Löcher in den Himmel riß.
    Noch bevor sich die Kundschafter von jenem großen Gebäude unterhalb des Waldrandes abwenden konnten, waren ihnen jene Steinstufen aufgefallen, die zu einem zierlichen Gartentor führten, das irgendwo inmitten der Bäume war; mehr als Neugier war es, das sie dazu brachte, durch es hindurchzuschreiten, worauf sie gewahr wurden, daß sie sich nun auf einem verlassenen Friedhof befanden, dem das schwache Gewitter, dessen Donner nun schon über die gegenüberliegenden Berghänge gegrollt kamen, zu einer geisterhaften Unheimlichkeit verhalf; ein mit kleinen Kieselsteinen bestreuter Pfad wieß ihnen den Weg entlang an einem vertrockneten Brunnen und einigen längst welken Blumenbeeten hin zu den ersten Grabsteinen, die mit ihrer Verwittertheit das Flackern der Blitze in alle Richtungen zurückwarfen.
    Katja, die plötzlich stehengeblieben war, beugte sich zu einem der Gräber hinab, berührte zitternd die kaum noch lesbare Inschrift des Mals und begann sich auf einmal zu erinnern: "Damals... jetzt weiß ich es wieder ...damals; wir waren alle noch ganz kleine Kinder; unsere Geschwister haben da noch auf uns aufgepaßt; weißt du das nicht mehr?"
    Ingmar schüttelte nur den Kopf: "Ich kann mich zwar noch an sie erinnern, aber was damals genau geschehen ist, weiß ich nicht mehr."
    "Warum mir das nicht schon viel früher eingefallen ist; ", murmelte sie unzufrieden, "sie haben damals gesagt, wir müßten unser altes Dorf verlassen; und darum haben sie uns von hier weggebracht ..."
    "Moment mal, ", unterbrach da der Junge verwirrt, "du meinst also, daß wir als kleine Kinder hier gelebt haben?"
    "Ja, ", entgegnete sie, während sie wieder aufstand, "uns haben sie zuerst in das neue Dorf gebracht; und ich war damals die Älteste von euch; aufgewachsen sind wir dann, wo wir heute leben; naja, und eines Tages sind die Älteren dann nicht mehr heimgekommen ..."
    "Und wir haben niemals erfahren, was geschehen ist ...", Ingmars Gedanken wurden schwer ...
    Das Poltern der Donner hing jetzt bereits zwischen den Bergen, und die grellen Blitze durchfauchten die Nacht wie Schreie die Stille.
    "Aber komm jetzt, ", rief Ingmar mit einem Mal wieder hell wach, "wir müssen ihnen entgegengehen. Bis zum Morgen kommen wir vielleicht zu dem Haus am Fluß zurück."

    (Fortsetzung folgt.)



    Re: Der letzte Herbst

    Korppi - 29.11.2005, 23:50


    *später les* sry...



    Re: Der letzte Herbst

    Andreas - 01.12.2005, 13:43


    W A R N U N G


    6.

    Die Wolken

    Bald hatte es sein Ziel erreicht, es tobte bei Tag in den Wolken, die der Wind aus der Nacht geblasen hatte, es zerrte am Himmel, der sich entzündete und ein goldrotes Sprühen auf die Erde fallen ließ, es fraß an den Bäumen des großen Waldes, die wild entflammten und in Asche sich betteten. Einsam war nun die Nacht, die es nie sehen konnte, der Tag war tot, denn es war lebendig, das Licht.

    Das Licht

    Gudja und Idun hörten auf einmal Schritte hinter sich, und als sie sich umdrehten, erkannten sie im leisen Rascheln der dürren Zweigen Fon, die langsam und vorsichtig auf sie zukam.
    "Wie geht es dir?", begrüßte sie Idun fröhlich.
    "Naja, ", lächelte sie ein wenig müde zurück, "ich hätte nichts dagegen, wenn es mir noch ein bißchen besser ginge."
    "Und wie geht es Hel?", erkundigte sich der Junge darauf.
    Fon war eine gewisse Unruhe anzumerken: "Ich weiß nicht, ich habe sie schon den ganzen Abend nicht gesehen."
    Der Verband an ihrem Kopf sah gräßlich aus und roch nach frischem Blut.
    "Warum ist es mit uns nur so weit gekommen?", Gudja lehnte sich verzweifelt an einen Baum. "Ich kann das mit Nian einfach noch nicht fassen."
    "Was glaubst du, wie es uns geht.", entgegnete Fon aber.
    "Die anderen hätten niemals weggehen dürfen; ", Idun stolperte auf den Weg zurück, der zum Dorf führte.
    "Worüber ich eigentlich mit dir reden wollte, ", Fon warf dem Mädchen mit den schwarzen Haaren noch einen flüchtigen Blick nach, "da sind merkwürdige Sachen in der Nähe unseres Hauses passiert. Als ich heute Abend aus dem Fenster geschaut habe, hatte ich auf einmal das Gefühl, daß an zwei verschiedenen Stellen bei uns im Wald Bäume einfach niedergebrannt sind."
    "Sowas Ähnliches hab ich heute auch schon mal gesehen, ", fiel es ihm da ein, "ein Busch, der in Asche lag. Das war in der Nähe der Gewächshäuser."
    Es dauerte nicht lang, bis die beiden die besagte Stelle erreicht hatten.
    "Das ist wirklich seltsam, ", meinte Fon, "genau so war es auch bei uns im Wald."
    Gudja wartete eine Weile, bis er vorsichtig fortfuhr: "Kann es vielleicht sein, daß Hel wieder gezündelt hat?"
    "Wenn es nur eine solche Stelle gäbe, ", überlegte das Mädchen, "könnte sie es gewesen sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß sie in der kurzen Zeit gleich drei Feuer angezündet hat."
    "Da hast du recht.", stimmte ihr Gudja bedächtig zu. "Aber dann möchte ich wissen, was es sonst gewesen ist."
    "Das Gewitter von gestern kann es auch nicht gewesen sein, ", ergänzte sie, "das ist im weiten Bogen um uns herumgezogen."
    Noch für eine stille Weile sahen sich die beiden jene Stelle an, bis sie ins Dorf zurückgingen.
    Der wirre Wind, der immer noch aus dem Osten kam, war seit dem Abend viel kühler als die Nächte zuvor; fast hatte Gudja das Gefühl, daß die zahllosen, heftigen Böhen, die ihm ins Gesicht bliesen, weder wußten, woher sie kamen, noch, wohin sie überhaupt wollten; irgendwie brachten sie mit jedem Wispern, das sie in den kahlen Wäldern erzeugten, einen Hauch Ungewißheit mit sich, so daß die Nacht einer beinahe endlosen Sonnenfinsternis glich, von der niemand wußte, wann sie enden würde.
    Der Junge war längst wieder zu Hause, als auf einmal Idun vorbeikam.
    "Ich komme wegen Fon, ", begann sie niedergeschlagen, "ihr geht es wieder schlechter."
    "Warum?", wollte er verwundert wissen.
    "Sie hätte noch nicht raußgehen sollen, ", war die leise Antwort, "es geht doch so ein Wind; sie hat sich von neuem erkältet."
    "Vielleicht hast du recht; ", Gudja ließ den Kopf hängen und lauschte für einen Augenblick dem Wind, "die anderen hätten nicht gehen sollen ..."

    Die Asche

    "Moment mal, ", Linga war schon fast etwas gereizt, "was hat das zu bedeuten?"
    "Ich weiß es eben nicht; ", rief Katja, die die alte und die neue Karte aus dem verlassenen Dorf vor sich hielt, "das ist die Frage, die noch bleibt: Warum sind wir damals fortgegangen?"
    "Warum regst du dich so auf?", wunderte sich Ingmar. "Was hätten wir denn großartiges finden sollen?"
    "Eine Antwort, ", unterbrach ihn Fenrir, worauf die anderen stumm wurden, "und nicht noch mehr Fragen."
    "Was ist zum Beispiel mit diesen verbrannten Stellen, die wir im Wald gesehen haben?", Linga war nicht mehr zu beruhigen.
    "So als hätte jemand ein Feuer angezündet.", meinte Fenrir.
    "Tja, ", Ingmar begann aus dem kleinen Fenster unterhalb jenes mit altem Geschirr gefüllten Hängeschrankes zu blicken, "ich habe nicht die leiseste Ahnung, was das sein könnte."
    "Wir ... ", Linga starrte auf den Fußboden, "wir haben einen Fehler gemacht; wir hätten niemals von zu Hause weggehen dürfen; "
    Plötzlich rannte sie in wilder Verzweiflung zur Tür und rettete sich vor ihren haltlos in die Tiefe stürzenden Gedanken irgendwo in die nächtliche Schwärze. Ingmar und Katja folgten ihr ein paar Schritte weit nach draußen, bevor sie ratlos in den kühlen Wogen des Windes stehenblieben.
    "Glaubst du, sie hat recht?", Ingmar war verunsichert.
    "Ich weiß es nicht; ", Katja umfaßte einen der dürren Baumstämme, die sich am Ufer des Flußes scharten; "irgendwie fühle ich, daß es noch nicht vorbei ist; "
    Er sah sie verwundert an: "Was meinst du?"
    "Der Alptraum, der uns verfolgt; ", sie begann ein paar ziellose Schritte zu gehen; "wir haben das Ende noch nicht erreicht."
    Der Junge überlegte: "Erinnerst du dich wieder an etwas?"
    "Als wir die verbrannten Stellen entdeckt hatten, da dachte ich, ich hätte sowas schon mal gesehen.", für einen Augenblick wußte sie selbst nicht, was sie sagte.
    "Es war so wie in dem Raum mit den vielen Büchern, ", versuchte Ingmar ihr zu helfen, "das zerbrochene Fenster, und alles, was in seiner Nähe war, war irgendwie verbrannt."
    "Aber diese Stellen im Wald waren doch gestern noch nicht da. Ich frage mich, was das zu bedeuten hat. ", so verwirrt hatte er sie noch nie gesehen. "Es ist so, als wäre jemand hier gewesen, während wir geschlafen haben."
    Ingmar zögerte: "Bei Tag?"
    Ganz abrupt blieb Katja stehen.
    "Der Tag!"
    Sie drehte sich zu ihm, und die plötzliche Bläße ihres Gesichtes erinnerte ihn an einen jener unerwartet kühlen Sonnenaufgänge nach einer Gewitternacht.
    "Der Tag!", rief sie noch einmal zugleich erfreut und entsetzt. "Das war es, was wir in all den Jahren vergessen haben."
    Er verstand nicht.
    "Damals ist etwas passiert, ", begann sie überhastet und hektisch, so als versuchte sie, vor dem, was sie erzählte, davonzulaufen, "etwas Schreckliches. Wir haben damals noch in unserem alten Dorf gelebt, bis wir merkten, daß wir nicht dort bleiben konnten." Ihr stiegen die Tränen in die Augen, und die längst vergessen geglaubte Vergangenheit brachte sogar den Wind dazu, ruhig zu sein. "Der Tag! Das war es, vor dem wir geflohen sind. Die Sonne!" Ihre Betonung wurde immer unkontrollierter, aber Ingmar vermochte nicht, sie zu unterbrechen. "Es war ein Unglück, eine Naturkatastrophe, die Atmosphäre und das alles, wir konnten nicht mehr in die Sonne gehen, und deshalb sind wir vom Tag in die Nacht geflüchtet. Unser erstes Dorf war zu unsicher, das zweite lag ganz im Schatten des Waldes, und der See war in der Nähe. Wir sollten dort weiterleben, dort wo es dunkel ist; "
    "Ja und ... ", Ingmar war noch etwas durcheinander, " ... dieses Gebiet hinter der Grenze, von dem uns Linga und Fenrir erzählt haben, was ist das?"
    "Das ist die Welt, vor der wir uns versteckt haben, ", erklärte sie, "die Welt derer, die nur bei Tag leben können, weil sie sich vor der Nacht fürchten. Wir sind ganz anders als sie, denn damals, als das passierte, haben wir die Dun kelheit zu unserem zu Hause gemacht."
    Der Junge war sehr nachdenklich geworden: "Aber wie konnten wir das vergessen?"
    "Weil wir so sind, wie wir sind; ", sie kam näher und legte ihm die Hände auf die Schultern, "wir machen eben Fehler; wir sind wahrscheinlich nicht mehr so ganz richtig im Kopf, auch wenn uns unsere Fehler glücklich machen; "
    Ohne daß sie es bemerkt hatten, war der Wind, der immer noch aus dem Osten kam, wieder heftiger und stärker geworden; auf dem Fluß bildeten sich kleine, wilde Wellen, die an die sandig steinigen Ufer schlugen, wo die unzähligen Zweige der Bäume und Sträucher beinahe ruhelos raschelten.
    Ingmar faßte wieder einen Gedanken: "Wir sollten Linga suchen und dann so schnell wie möglich zu den Anderen zurück."
    Katja nickte nur.

    Der Staub

    "Schnell, bringt mir Wasser und ein Tuch!"
    Ypsilonne und Zedt eilten in das benachbarte Bad, nachdem sie Idun gerufen hatten. Fon wälzte sich zitternd und keuchend auf ihrem Bett herum.
    "Warum bist du bloß rausgegangen, du dummes Mädchen; ", Idun war den Tränen nahe, "Wir brauchen dich doch ..."
    Nun kamen Ypsilonne und Zedt mit einer Waschschüssel und einem Handtuch zurück.
    Idun jedoch wurde immer hektischer: "Macht ihr einen kalten Umschlag! Ich muß unbedingt zu Gudja!"
    Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hastete sie aus dem Zimmer und eilte die Treppen hinunter.
    Die beiden lauschten noch eine kurze Weile, doch dann setzten sie sich links und rechts neben Fon auf das Bett. Der Junge begann das Handtuch ins Wasser zu tauchen und legte es ihr schließlich auf die Stirn.
    "Hast du etwas gesehen; "
    Die Kälte des Wassers schien Fon ein wenig zu beruhigen.
    "Sag uns doch, ob du etwas gesehen hast ..."
    "Ich... ", ihre Stimme war ganz leise, und ihre Augen schienen müde, so als spürten sie den neuen Tag herannahen, "ich habe die Sonne gesehen, ... ", Ypsilonne und Zedt sahen sich an, "ja, ... die Sonne, ganz deutlich, ... ", Fons Gesicht veränderte sich auf einmal, ihre Augen wurden irgendwie aufmerksam, "ich hatte mich versteckt, irgendwo wo es dunkel war, und dann ist die Sonne gekommen und war auf einmal rings um mich herum, so daß es ganz hell wurde, ... sie sah aus wie ... ", sie schien nicht weitersprechen zu wollen.
    "Wie sah sie aus?"
    Fon lag reglos da, ohne zu schlafen; ihre Augen waren immer noch weit geöffnet.
    "Sag uns doch, wie sie aussah!"
    "... so wie Feuer, ... ", ohne zu atmen sprach sie weiter, ihr Gesicht jedoch verriet noch mehr, ihre Augen starrten tief entsetzt irgendwo hin, ohne dabei Furcht zu empfinden, ihre Stimme hingegen blieb ruhig, "... wie helles, gleißendes Feuer, das am Himmel tobt und dann herunterfällt und heiß ist, ... ", Ypsilonne und Zedt erschraken bei jedem Wort, das sie auf diese unheimliche Weise hervorbrachte, auf's Neue, "... wenn man es einmal gesehen hat, kommt man nicht mehr davon los, ... ", die beiden blickten sich an, " ... es kommt von irgendwo her, immer aus der gleichen Richtung, und dann überzieht es die Erde mit der glühend heißen Decke, unter die wir uns zum Schlafen verkriechen ... "
    Erst jetzt verfiel sie wieder in jenen halbschlafähnlichen Zustand, in dem sie zugleich zitterte und schwitzte und ihre Blicke in einem undurchdringlichen Schleier ertranken.
    "Mir ist so heiß!", sie drehte sich noch ein paarmal müde hin und her, bevor Zedt das Tuch noch einmal feucht machte. Doch kaum war sie eingeschlafen, schlichen die beiden aus dem Zimmer und verließen das Haus.

    Die Glut

    Wie eine Welle auf einem riesigen See, so kroch sie über die Felder, die ausgetrocknet nach der Nacht Ausschau hielten, wie ein Wolkenbruch schlug sie durch die vielen, miteinander verwickelten Äste des Waldes, der auf den Wind wartete, und wie ein Tagesschimmer lauerte sie in der Nacht, die wußte, daß sie starb. Sie war wie das Warten auf den Tod, der mit jedem Morgen kam, um sie zum Leben zu erwecken und in ihrem Feuer zu leben, das sie durch die Finsternis trug, die Glut.

    Der Abend

    Gudja lief schneller, als er plötzlich und unerwartet den stechenden Rauch in den Augen spürte, der vom Rande des Dorfes kam. Er hatte Idun aus der Ferne aufgeregt rufen hören und war hinuntergegangen, doch als er um jene Wegecke bog, die das Haus von Hel und Fon vor ihm verbarg, konnte er nicht anders als zu tiefst entsetzt und erschrocken stehen zu bleiben.
    Das Gebäude glich einer riesigen Fackel, die mit taghellen, fauchenden Flammen tosend durch die Dunkelheit loderte, wie ein ausbrechender Vulkan spieh sie unzählige, glühende Funken durch die mit einem Mal so heiße Nachtluft, die im beißenden Qualm des Feuers zu ersticken drohte.
    Jetzt sah er die Anderen unweit von sich unter den schützenden Zweigen eines hohen Baumes stehen. Sie waren alle gekommen, Idun, Ypsilonne und Zedt, und sogar Mena. Nur Hel konnte er nirgends entdecken, und eine böse Ahnung machte sich in ihm bemerkbar.
    "Was ist passiert?", fragte er leise, nachdem er sich mit langsamen Schritten zu den Anderen hinzugesellt hatte.
    "Wenn ich das wüßte; ", hörte er Idun stottern, "ich wollte nur mal nach ihr sehen, da hat das Haus schon lichterloh gebrannt."
    Gudja stockte: "Du meinst, Fon ist ..."
    "Ja.", unterbrach sie ihn. "Ich werde es nie begreifen; wenn du gehört hättest, wie sie geschrien hat, würdest du es auch nicht begreifen."
    Er konnte es noch nicht fassen, zwar traf ihn Fons Tod wie ein schwerer Schlag, aber er konnte wie die Anderen einfach nicht weinen, irgendwie schien das riesengroße Feuer seine Gefühle in sich aufzusaugen, so als wären sie Luft, um diesen und den nächsten Augenblick überleben zu können.
    "Ich frage mich, ", flüsterte Idun weiter, "ob ich überhaupt jemals etwas begriffen habe von dem, was mit uns geschehen ist."
    "Was meinst du?", wollte Gudja wissen.
    "Du weißt ganz genau, was ich meine; ", auf einmal wurde sie wütend, "wir haben uns selbst durch unsere Dummheit verloren; was wissen wir denn eigentlich über uns?" Auch sie schien nicht weinen zu können. "Warum haben wir die Anderen in den Westen geschickt? Doch nur, weil wir nicht mehr weitergewußt haben."
    "Ist das denn so schlimm?", entgegnete der Junge da. "Ist das so schlimm, nicht mehr weiterzuwissen. Alles was wir wissen und auch das, was wir nicht wissen, hat uns doch zu dem gemacht, was wir sind."
    "Aber wir haben uns nicht gefragt, ob das, was wir nicht wissen, gefährlich für uns sein kann.", gab sie zurück. "Vielleicht ist den Anderen etwas passiert unterwegs. Vielleicht haben sie sich verlaufen. Das werde ich mir nie verzeihen können!"
    Sie lief davon.
    "Wenn sie recht hat, ", sagte da auf einmal Mena, "dann könnte dies unsere letzte Nacht gewesen sein ..."

    Der Morgen

    Nachdem Ypsilonne und Zedt den blinden Mena wieder nach Hause gebracht hatten, gingen sie noch einmal zu Gudja.
    "Hört zu, ", er wirkte niedergeschlagen, "wir müssen Hel suchen. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, daß sie das Feuer verursacht hat, aber ich fange an, mir Sorgen zu machen. Sie darf auf keinen Fall zu weit weggehen. Geht ihr in östlicher Richtung durch die benachbarten Wälder, ich schaue auf der anderen Seite nach. Später können wir uns wieder hier treffen."
    "Was ist mit Idun; kommt sie nicht mit ..."
    "Ich befürchte nicht.", war die zugleich besorgt und hoffnungslos klingende Antwort.
    "Also gut, wir gehen Hel suchen im Osten!"
    In dieser Nacht war der Himmel völlig wolkenfrei und klar. Die vielen kleinen und großen Sterne spendeten Ypsilonne und Zedt auf ihrem Weg in die Umgebung des Dorfes ein schimmernd blaßes Licht, in dem die beiden sogar ihre unschlüssigen Gedanken sehen konnten. Der Wind, der aus dem Osten kam, schien von Augenblick zu Augenblick schwächer zu werden.
    Sie waren schon eine ganze Weile gegangen, als sie auf einer Lichtung ankamen, die an einem Berghang lag. Und genau dort, am höchsten Punkt des Weges, entdeckten die beiden Hel, die einfach nur im Sand saß.
    "Was tust du hier; "
    "Wir haben dich schon gesucht!"
    Zuerst reagierte sie nicht, doch dann meinte sie: "Geht lieber zurück, es wird bald hell."
    Sie sahen sich an.
    "Darum sind wir doch gekommen!"
    "Gudja macht sich Sorgen um dich; "
    Erst jetzt musterte sie die beiden mit ihrem Auge, in dem sie auf einmal tiefe Traurigkeit lesen konnten.
    "Ihr wißt nicht, was sie mir bedeutet hat; ", begann sie da, und Ypsilonne und Zedt konnten nicht anders, als sich für eine Weile neben sie auf den kühlen Boden zu setzen, "sie war Abend und Morgen für mich, Nacht und auch Tag; wir haben alles miteinander geteilt, schon als wir noch kleine Kinder waren; ", sie seufzte, "und jetzt ist auf einen Schlag alles anders."
    Es war nahezu windstill, und über den fernen Bäumen, die den Horizont überwucherten, ging die hauchdünne Sichel des Mondes auf.
    "So ist das mit dieser Welt, ", fuhr Hel fort und faßte sich dabei kurz auf ihre leere Augenhöhle, "sie verändert sich die ganze Zeit über. Eine Zeit lang habe ich geglaubt, ich würde das auch so machen, aber jetzt bin ich schlauer, jetzt höre ich auf damit."
    Ypsilonne und Zedt wollten sie nicht unterbrechen, doch nun fühlten sie, daß es sein mußte.
    "Du solltest wieder ins Dorf zurückgehen!"
    "Tu es doch für Gudja; oder tu es für die Anderen; sie ma- chen sich Sorgen ..."
    "Versteht ihr nicht, ", rief sie aber, "es hat keinen Sinn mehr für mich; jetzt ist alles so leer; ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll."
    "Tu es doch für Mena!"
    "Er ist auch nicht einfach weggegangen ..."
    Sie zögerte eine Weile lang, doch dann sagte sie: "Na schön, ich tu es für euch."
    Sie stand auf.
    "Was ist? Wollt ihr nicht mitkommen?", fragte sie, als Ypsilonne und Zedt sich nicht rührten.
    "Geh schon mal vor ... Wir kommen gleich nach ..."
    Ohne noch etwas zu sagen begann Hel die leichte Anhöhe hinabzulaufen, und erst als sie irgendwo zwischen den Bäumen verschwunden war, die den Weg von beiden Seiten einschlossen, standen die beiden auf.
    "Ich friere so; "
    "Ich auch!"
    Die Sichel des abnehmenden Mondes war schon weit am Himmel emporgekrochen.
    "Ich fühle mich, als würde gleich der Winter beginnen ..."
    Die Luft hatte jegliche Regung verloren, und die so entstandene Stille ließ sie nur noch mehr frösteln.
    "Laß uns doch dorthin gehen, wo die Sonne aufgeht! Laß uns nach Osten gehen!"
    Kaum hatten sich ihre unsicheren Blicke gefunden, liefen sie auch schon los. Die andere Seite jenes kleinen Hanges war viel flacher als die, von der sie gekommen waren. Der Weg war hier übersät mit schroffen, unförmigen Steinen, die manchmal so groß wie eine Hand waren. Links von ihnen lag ein weites Feld, rechts ein niedriger, verkrüpelter Wald, aus dem eine sonderbar schwerfällige Luft quoll, die nach irgendetwas roch, das sie nicht kannten.
    Sie waren nur einige Schritte weit gegangen, als sie hinter sich in einiger Entfernung Hel hörten, die ihre Namen durch die langsam zerbröckelnde Finsternis schrie. Darauf zog Zedt seine Begleiterin an der Hand in den Wald, wo sie sogleich jenen sumpfig weichen Boden unter ihren Füßen spürten, der bei jedem Schritt unangenehm schnell nachgab. Doch die Irrfahrt durch jenen Hain dauerte nicht lange. Nach nur einer kurzen Weile erreichten sie ein weiteres Feld, um das sich einige Hügel scharten.
    Aus irgendeinem Grund hatten sie begonnen zu rennen. Hels Rufe gingen in ihren warmen Atemzügen unter, während sich am Himmel bereits der neue Morgen zeigte. Ein dünnes Blau hatte sich von Osten her beginnend über ihnen aufgespannt und bedeckte die unzähligen Sterne mit seinem Licht, dessen Geburt sich nun unwiderruflich und ununterbinbar vollzog. Mit jeder Wehe rückte das schmale Tor, das die Nacht vom Tag trennte, näher. Der Mond war kaum noch sichtbar, und die Luft wurde schwerer und schwerer.
    Ypsilonne und Zedt begannen auf einen jener Hügel, deren immer deutlicher werdende Schatten sie noch vom Horizont trennten, zu steigen, und nachdem sie seinen Rücken erreicht hatten, ließen sie sich einfach in den weichen Sand fallen, der sich auf der gesamten Sonnenseite gebildet hatte. Jetzt wollten sie nichts anderes mehr, als sich von jenem Schauspiel, das sich ihnen am Himmel bot, leiten zu lassen.
    Es verstrich noch eine Weile, bis der Horizont mit einem Mal rot aufflammte, und plötzlich ein Meer von wilden, hellen Strahlen über den Himmel stach, dessen Blau sich weiter und weiter verdichtete, bis schließlich das erste Sonnenlicht auf die Erde viel, die dann und wann kaum vernehmbare Laute von sich gab, die einem Ächzen ähnelten.
    Ypsilonne lächelte ihren Begleiter an.
    "Laß uns hierbleiben ..."
    "Ja, hier bleiben wir!"
    Sie ergriffen sich bei der Hand und legten sich ganz zurück, bis die Sonne den gesamten Erboden mit ihren heißen Schweifen überflutete. In einem flachen Tümpel, der irgendwo unterhalb des Hügels lag, begann es zu brodeln, und ein dürrer, kahler Baumstamm, der als einziger an einem benachbarten Berg übriggeblieben war, stürzte auf einmal um und rollte lodernd den Abhang hinunter, wo er in einem Feld, das ganz mit Asche bedeckt war, liegenblieb und weiße Rauchwolken von sich gab, bevor er ganz zerfiel.
    Die Sonne hatte sich bereits vom Horizont getrennt. Ypsilonne und Zedt spürten das Brennen auf der Haut und in den Augen, doch das Bild, das sie schließlich sahen, blieb ewig in ihren Erinnerungen haften, und sie wußten, daß er für immer da war und blieb, der Sommer.

    Die Sonne

    An diesem einundzwanzigsten Dezember jenes fernen Jahres schrieb das Leben auf der Erde seinen letzten Tag. Die Ozonschicht in der Atmosphäre hatte die tödliche UV-Strahlung nicht mehr aufhalten können, so daß sich vom Sonnenlicht ausgehend ein Flammenmeer ausbreitete, das alles vernichtete, was brennbar war. Und das, was diese Feuersbrunst überlebte, verendete kurz darauf an der unzureichenden Qualität der Luft.

    Sie warf ihre Kinder auf die Erde herab, unzählige Tage, die kein Ende mehr fanden in der Leere, die blieb, für immer fand die Nacht ihren Tod, und ihr Grab lag in der Helligkeit, die alles umgab, und sie pflanzte einen Garten aus Feuern, die ewig brannten, um sie zu sehen.
    Und sie lehrte sie zu verbrennen und zu glühen und zu leben im Licht, das sie gebracht hatte, und hell war das Haus, in dem sie lebte, und sie verbrannte den Wald, das Laub und die Zeit, die sie nicht mehr brauchte, weil sie nun unsterblich war, die Sonne.


    --- Ende ---



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