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Qualität des Beitrags: Beteiligte Poster: Anonymous - tomaso - lorenz Forum: guten morgen. forum Forenbeschreibung: guten morgen. forum aus dem Unterforum: Diskussion fertiger Erzeugnisse Antworten: 3 Forum gestartet am: Donnerstag 25.11.2004 Sprache: deutsch Link zum Originaltopic: (0) lorenz'scher artikel zum brockenhaus Letzte Antwort: vor 18 Jahren, 3 Monaten, 11 Tagen, 9 Stunden, 18 Minuten
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Re: (0) lorenz'scher artikel zum brockenhaus
Anonymous - 06.12.2004, 14:31(0) lorenz'scher artikel zum brockenhaus
das mit dem einsendedatum ist ja schön, nur wohin das eigesendet werden muss war mir leider nicht klar. darum habi ch gedacht, mal hier auf dem Forum wär gar nicht so schlecht.
bitte um gnadenlose und zerstörerische feedbacks, ich bin nämlich selber nicht 100% zufrieden, weiss aber nicht genau woran das liegt.
danke, und nehmt euch zeit, hier kommts:
In weissen Lastwagen durch Zürich kurven, täglich, mit dem Ziel gebrauchte Möbelstücke und Kleider, gebrauchtes Geschirr und andere Kleinwaren abzuholen, diese auf die Strasse zu tragen, verladen, im Lastwagen festbinden und weiterfahren. So sieht die Arbeit im Fahrdienst des Zürcher Brockenhauses aus. Drei Monate hatte ich die Gelegenheit in diesen weissen Wahrzeichen Zürichs durch die Stadt zu kurven und erhielt dabei einen Blick hinter die Kulissen des Brocki. Ein Einblick in eine Welt, die in ihrer Alltäglichkeit doch abweicht vom Gewöhnlichen, ein Haus voller eigenständigen Individuen, mit nicht alltäglichen Geschichten. Es ist ein Haus, das von seinen Bewohnern oft als Vorstufe zum Irrenhauses bezeichnet wird, dies jedoch meist im positiven Sinne. Von diesen Beschreibungen beeindruckt, bin ich mit dem Vorsatz eines Geschichtensammlers an meine Arbeit getreten. Auch wenn dieser Vorsatz je länger je mehr einem Zugehörigkeitsgefühl Platz gemacht hat, Geschichten sind mir zugeflossen, viele und interessante.
Eine der Ikonen des Brockenhauses ist Ljubi. Seit 13 Jahren mit dabei, ist er arbeitswütig wie eine Ameise bei schönem Wetter. Er habe sein ganzes Leben lang viel und hart gearbeitet, er könne nicht anders, gesteht er. Und tatsächlich: obwohl er ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis für über eine Woche in der Tasche hat, sieht man ihn schon nach zwei Tagen wieder gequält umherschleichen. Dieses Schleichen wandelt sich aber ziemlich schnell in ein regelrechtes Wirbeln, begleitet von andauernden Witzen und Sprüchen und gelegentlichen Flüchen auf Serbisch. Er fühlt sich verantwortlich, dass alles richtig läuft. Auf die Fragen nach seiner Geschichte antwortet er mit nur einem Satz: „Ich bin ein Vagabund“. Darum verzichtet er auf Erstwahl bei den Ferien, es kommt ja sowieso nicht drauf an. Natürlich gehört auch da ein Fluchen dazu.
Ob er die Tradition des Fluchens wohl von Kurt kopiert hat? Kurt ist der Chef des Fahrdiensts und seit über 10 Jahren im Brockenhaus angestellt. Früher war er Wirt und Landwirt im Zürcher Weinland. Jeden Morgen steht er als einer der ersten am Arbeitsplatz, trotz des langen Arbeitsweges. Er ist ein Mann der klassischen Werte, die Organisation immer perfekt in der Hand und trotzdem immer einen Fluch auf der Zunge. Seine Flüche drücken sich in Wörtern aus, die Städter meiner Generation sich nicht einmal vorstellen können. Diese Ausdrücke hallen dann mal leise, mal mit immenser Lautstärke durch die Hallen des Brockenhauses. Angesprochen sind aber nie seine Untergebenen. Zu seinen Leuten ist er absolut loyal, die Feinde sind die „Weiber aus den oberen Stöcken“ und natürlich die Kunden, die glauben, sie dürften alles.
Um das Wesen des Zürcher Brockenhauses zu verstehen, muss man die entscheidenden Strömungen erkennen. Ein Beispiel stellt der Konflikt „Männerwelt versus Frauenwelt“, sprich „Fahrdienst gegen Verkauf“ dar. Kurt und seine Männer wollen ein aufgeräumtes Lager. Demzufolge sollen die Waren möglichst schnell in den Verkauf und dann will man sie möglichst sofort loswerden, nötigenfalls mit tiefen Preisen als Waffe. Ab und zu landet ein Möbelstück auch mal in der Mulde, wenn es nicht mehr perfekt ist. „Die Frauen“ hingegen versuchen möglichst alles zu verkaufen, es geht nämlich gegen die Philosophie des Brockenhauses, noch einigermassen Brauchbares wegzuwerfen. Pralle Regale und saftige Verkaufsstatistiken, sind ihre Ziele. Das führt oft zu Kollisionen der Ansichten, die laut und heftig zelebriert werden. Danach kann man sich wieder auf eine Kompromisslösung einigen.
Man kämpft auch mit dem Konflikt „Geschäft versus soziale Verantwortung“. Die Organisation basiert auf der Idee, finanziell schlechter gestellten Menschen ein Angebot an billigen Möbeln zu bieten und den Gewinn an wohltätige Organisationen zu spenden. Da dieser Gewinn aber möglichst hoch ausfallen sollte, wird versucht die Kosten klein zu halten. Man muss kein Professor in Betriebswirtschaft sein, um zu bemerken, dass Gewinnoptimierung und soziale Verantwortung eine potenzielle Zwickmühle darstellen. So beträgt der Basislohn für Festangestellte nur 4200 Franken brutto. Damit eine Familie durchzubringen, ist bekanntlich nicht einfach. Alle haben immer irgendwelche Löcher zu stopfen, man schaut, dass man Ende Monat sein Konto nicht allzu sehr überzogen hat. Kooperativ ist sie aber, die Leitung des Brockenhauses. Man kann jeder Zeit einen Teil des Lohnes vorbeziehen, um so die Balance im Seiltanz in Richtung Monatsende besser zu halten.
Getragen wird der Betrieb von Ausländern. Das Brockenhaus ist ein Schmelztiegel der Nationalitäten: Tschechinnen, Slowaken, Russinnen, Serben, Deutsche, Holländerinnen, aber auch Schweizer gehen ein und aus. Für einige der ausländischen Arbeitskräfte ist es der erste Kontakt zur schweizer Arbeitswelt. Ladislav beispielsweise ist ein Slowake, der seit sechs Monaten in der Schweiz lebt. Vor zwei Jahren heiratete er eine Slowakin, die seit zwölf Jahren hier lebt. Sie kommen vom gleichen Dorf und haben sich verliebt, als sie einen Sommer dort verbrachte. Dann begann er zu pendeln: In der Slowakei arbeiten, um sie hier besuchen zu können. In ihren Ferien fuhr sie zu ihm. Irgendwann wurde das zu viel, sie beschlossen hier zu leben, er suchte eine Arbeit und begann deutsch zu lernen, was ihm sehr gut gelang, gemessen an der kurzen Zeit und der Erschöpfung am Feierabend. Zu alledem hat er noch eine Vaterrolle übernommen: liebevoll kümmert er sich um die Tochter seiner Frau, das Vatersein ist scheinbar selbstverständlich. Mich hat dieser Einsatz und die grosse Verantwortung, die er mit seinen nur 25 Jahren übernimmt, beeindruckt.
„Jugos“ (scheinbar ist dieses Wort ins offizielle Pressedeutsch eingegangen) verrichten den grössten Teil der Schwerarbeit. Menschen, die teilweise seit über zehn Jahren Möbel schleppen, vorher Nachtschichten geschoben haben, oder Hilfskräfte ohne anspruchsvolle Aufgaben waren, haben im Brockenhaus eine Aufgabe mit einer gewissen Verantwortung gefunden. Diese Verantwortung nehmen sie gerne wahr.
Ein Beospiel daran ist Radovan, mein persönlicher Brocki-Vater. Er ist die Verkörperung des schweizerischen Ordnungsideals. Abends bleibt er gerne noch etwas länger, um seinen Lastwagen immer blitzblank geputzt zu hinterlassen, neben Lappen und Besen gehören auch Hochdruckreiniger und Putzmittel zum Arsenal. „Muss bizzeli putzen“, ist sein Slogan. Während der Tour liegt das Mäppchen mit den Aufträgen im rechten Winkel zu seiner Brille. Auf dem Mäppchen werden Kugelschreiber und Stadtplan so angeordnet, dass jeder Geometrielehrer ins Staunen käme, abgeholte Waren werden immer überkorrekt festgebunden. Das Ergreifendste ist aber seine riesengrosse Herzlichkeit. Er zögerte nicht immer wieder zu bestätigen, wie gerne er mit mir arbeite, bestand darauf Kaffee und Gipfeli zu bezahlen und wenn er sich zuhause etwas fürs Mittagessen vorbereitete, war es selbstverständlich, dass er auch mir eine Portion davon mitbrachte.
So könnte man jeden einzelnen Mitarbeiter des Brockenhauses porträtieren, Anekdoten gibt es über jeden. Interessante Personen, jede auf ihre Art liebenswert, sind sie alle und im Brocki haben sie ein Team gefunden, das sich ergänzt und zusammenhält. Wenn ein Fahrteam seine Aufträge erfüllt hat, ruft es die anderen an, um zu sehen wer Hilfe braucht. Kleinere Streitigkeiten, die es natürlich auch gibt, werden dabei schnell vergessen. Die Ereignisse des Tages bespricht man im Aufenthaltsraum: auf Serbisch, laut, lachend. Auch während der wirklichen Arbeit darf der Humor nicht zu kurz kommen. Irgendwo eine Krawatte gefunden, wird diese sofort angezogen. Frauenhüte, Handtaschen, nichts ist vor der Verkleidungswut sicher. Um jeden Gegenstand dessen Zweck nicht eindeutig interpretierbar ist, wird ein fantasievolles Ratespiel gemacht. Auch die Selbstironie fehlt nicht: bei der Festanstellung Ladislavs zum Beispiel, präsentierten sich die Alteingesessenen unter vielen Lachern, als seine Zukunftsperspektive, seine Reaktion war befriedigenderweise nicht allzu positiv. Statt die harte Arbeit und die Perspektivenlosigkeit zu beweinen, lacht man im Brockenhaus. Eine Weisheit, die wohl vielen anderen Arbeitstätigen verloren gegangen ist, wird kultiviert: Nicht auf die Arbeit selber, sondern auf die Einstellung dazu kommt es an. Vielleicht ist dies ein Teil der so oft verteufelten Mentalität der Leute aus dem Balkan zu tun. Vielleicht scheint es den Medien nicht interessant genug, diese Mehrheit an hart arbeitenden Einwanderern ins richtige Licht zu rücken. In den Rahmen, in den so viele „Jugos“ in der Schweiz gedrückt werden, passen sie nämlich nicht, diese Schwerarbeiter vom Brockenhaus.
Re: (0) lorenz'scher artikel zum brockenhaus
tomaso - 06.12.2004, 22:35
Liebster Loli. Inhaltlich finde ich deinen Text spannend, witzig, zum Teil mit ganz herrlichen Bildern ("das Mäppchen im rechten Winkel zur Brille") geschmückt. Am Inhalt liegts ganz sicher nicht. Punkt.
Wahrscheinlich müsste man an der Form etwas ändern. Nachstehend ein paar gnadenlos liebgemeinte Tipps:
1. Eine kurz gehaltene Einführung wäre nicht schlecht. Zwar ist es schön, mit dem Kurven durch Zürich (quasi deinem Erlebnis) zu beginnen. Wer aber nur eine schwammige Vorstellung vom Brocki hat, der ist erst im Text drin, wenn er fast schon zu Ende ist. Darum: Zu Beginn kurz erklären wo sein Brocki und welches du meinen von den vielen und mit viele Ausländer dort schaffen und so? Vielleicht beginnen mit: "Brockenhaus ist ein Schmelztiegel der Nationalitäten..."
2. Zwischentitel. Die würden den Text sicher unterstützen. Gerade, weil er viele Ebenen hat: Persönliches, "Interkulturelles", Konflikte, allgemeines über Betrieb usw.
3. Weiss nicht, ob du da einen Rundumschlag gegen die Medien machen darfst. Gesellschaft wäre vielleicht etwas allgemeiner und weniger angriffig. Oder vielleicht den Begriff "populäre Medien" (oder irgendsowas) verwenden. (Weil es eben auch ganz liebe linksgerichtete Medien gibt, die jede Ausgabe über liebe Ausländer berichten.)
Wie gesagt, finde den Text sehr witzig, reich an Eindrücken und dabei doch informativ und "währschaft". Ausserdem finde ich es wirklich nett von dir, dass du schon am 6. Dezember deinen Text publizierst und uns andere damit unter Zugzwang stellst.
gruß thomas
-------------
email: thomasza@bluewin.ch
Re: (0) lorenz'scher artikel zum brockenhaus
lorenz - 15.12.2004, 13:35
hab hier noch ein paar minime änderungen vorgenommen, das mit den zwischentiteln hab ich nicht hingekriegt. entweden kann ich das prinzipiell nicht, oder in diesem speziellen falle. ich habe jedenfalls nicht einen titel gefunden, dern icht vollkommen bescheuert klingt. ich erteile hiermit aber die offizielle erlaubnis, zwischentitel einzufügen. wer auch immer was auch immer schreibt, wenn ihr es verantworten könnt, kann ich es auch.
das mit der Einleitung hat mir auch mühe gemacht, darum habe ich beschlossen, so eine "Kastennotitz" zu machen. so im Stil von Zahlen und Fakten zum thema. diesen Kasten kann man am Anfang des textes irgendwo drin oder was weiss ich wo positionieren.
stelle halt einfach mal alles hierhin.
Kasten:
Das Zürcher Brockenhaus
1904 gründeten Zürcher Freimaurer den Verein Zürcher Brockenhaus. Hauptzweck des Vereins ist, gebrauchte Möbel und Gegenstände weiterzuverkaufen, um so finanziell schlechter gestellten Menschen die Möglichkeit zu bieten, billig einzukaufen. Der Gewinn wird an gemeinnützige Organisationen verteilt, hauptsächlich an solche, die ältere und behinderte Menschen unterstützen. In den vergangenen 30 Jahren konnten so über zehn Millionen Franken gespendet werden.
Das Zürcher Brockenhaus verkauft Waren aller Art, die von Warenspendern abgegeben werden. Die Waren werden vom Fahrdienst gratis abgeholt, falls sie weiterverwendet werden können, andernfalls muss eine Entsorgungsgebühr entrichtet werden. Bezahlt wird niemand für das Abgeben von Waren. Jeden Tag sind drei bis vier Lastwagen unterwegs, die je zwei Touren pro Tag unternehmen. In der Auspackerei wird alles genau angeschaut und auf Brauchbarkeit überprüft, danach auf die drei Verkaufsetagen verteilt oder allenfalls in der Pressmulde entsorgt. Das Zürcher Brockhaus beschäftigt rund 30 Ganz- und Teilzeitarbeitende und bietet auch befristete Arbeitseinsätze für Langzeitarbeitslose. Seit 1933 befindet sich das Zürcher Brockenhaus an der Neugasse 11 und ist nach eigenen Angaben das das Grösste Brockenhaus in Europa.
neue version:
Im Fahrdienst des Zürcher Brockenhauses
Ein Fazit nach dreimonatiger Arbeit
In weissen Lastwagen durch Zürich kurven, täglich, mit dem Ziel gebrauchte Möbelstücke und Kleider, gebrauchtes Geschirr und andere Kleinwaren abzuholen, diese auf die Strasse zu tragen, verladen, im Lastwagen festbinden und weiterfahren. So sieht die Arbeit im Fahrdienst des Zürcher Brockenhauses aus. Drei Monate hatte ich die Gelegenheit in diesen weissen Wahrzeichen Zürichs durch die Stadt zu kurven und erhielt dabei einen Blick hinter die Kulissen des Brocki. Ein Einblick in eine Welt, die in ihrer Alltäglichkeit doch abweicht vom Gewöhnlichen, ein Haus voller eigenständigen Individuen, mit nicht alltäglichen Geschichten. Es ist ein Haus, das von seinen Bewohnern oft als Vorstufe zum Irrenhaus bezeichnet wird, dies jedoch meist im positiven Sinne. Von diesen Beschreibungen beeindruckt, bin ich mit dem Vorsatz eines Geschichtensammlers an meine Arbeit getreten. Auch wenn dieser Vorsatz je länger je mehr einem Zugehörigkeitsgefühl Platz gemacht hat, Geschichten sind mir zugeflossen, viele und interessante.
Eine der Ikonen des Brockenhauses ist Ljubi. Seit 13 Jahren mit dabei, ist er arbeitswütig wie eine Ameise bei schönem Wetter. Er habe sein ganzes Leben lang viel und hart gearbeitet, er könne nicht anders, gesteht er. Und tatsächlich: obwohl er ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis für über eine Woche in der Tasche hat, sieht man ihn schon nach zwei Tagen wieder gequält umherschleichen. Dieses Schleichen wandelt sich aber ziemlich schnell in ein regelrechtes Wirbeln, begleitet von andauernden Witzen und Sprüchen und gelegentlichen Flüchen auf Serbisch. Er fühlt sich verantwortlich, dass alles richtig läuft. Auf die Fragen nach seiner Geschichte antwortet er mit nur einem Satz: „Ich bin ein Vagabund“. Darum verzichtet er auf Erstwahl bei den Ferien, es kommt ja sowieso nicht drauf an. Natürlich gehört auch da ein Fluchen dazu.
Ob er die Tradition des Fluchens wohl von Kurt kopiert hat? Kurt ist der Chef des Fahrdiensts und seit über 10 Jahren im Brockenhaus angestellt. Früher war er Wirt und Landwirt im Zürcher Weinland. Jeden Morgen steht er als einer der ersten am Arbeitsplatz, trotz des langen Arbeitsweges. Er ist ein Mann der klassischen Werte, die Organisation immer perfekt in der Hand und trotzdem immer einen Fluch auf der Zunge. Seine Flüche drücken sich in Wörtern aus, die Städter meiner Generation sich nicht einmal vorstellen können. Diese Ausdrücke hallen dann mal leise, mal mit immenser Lautstärke durch die Hallen des Brockenhauses. Angesprochen sind aber nie seine Untergebenen. Zu seinen Leuten ist er absolut loyal, die Feinde sind die „Weiber aus den oberen Stöcken“ und natürlich die Kunden, die glauben, sie dürften alles.
Um das Wesen des Zürcher Brockenhauses zu verstehen, muss man die entscheidenden Strömungen erkennen. Ein Beispiel stellt der Konflikt „Männerwelt versus Frauenwelt“, sprich „Fahrdienst gegen Verkauf“ dar. Kurt und seine Männer wollen ein aufgeräumtes Lager. Demzufolge sollen die Waren möglichst schnell in den Verkauf und dann will man sie möglichst sofort loswerden, nötigenfalls mit tiefen Preisen als Waffe. Ab und zu landet ein Möbelstück auch mal in der Mulde, wenn es nicht mehr perfekt ist. „Die Frauen“ hingegen versuchen möglichst alles zu verkaufen, es geht nämlich gegen die Philosophie des Brockenhauses, noch einigermassen Brauchbares wegzuwerfen. Pralle Regale und saftige Verkaufsstatistiken, sind ihre Ziele. Das führt oft zu Kollisionen der Ansichten, die laut und heftig zelebriert werden. Danach kann man sich wieder auf eine Kompromisslösung einigen.
Man kämpft auch mit dem Konflikt „Geschäft versus soziale Verantwortung“. Die Organisation basiert auf der Idee, finanziell schlechter gestellten Menschen ein Angebot an billigen Möbeln zu bieten und den Gewinn an wohltätige Organisationen zu spenden. Da dieser Gewinn aber möglichst hoch ausfallen sollte, wird versucht die Kosten klein zu halten. Man muss kein Professor in Betriebswirtschaft sein, um zu bemerken, dass Gewinnoptimierung und soziale Verantwortung eine potenzielle Zwickmühle darstellen. So beträgt der Basislohn für Festangestellte nur 4200 Franken brutto. Damit eine Familie durchzubringen, ist bekanntlich nicht einfach. Alle haben immer irgendwelche Löcher zu stopfen, man schaut, dass man Ende Monat sein Konto nicht allzu sehr überzogen hat. Kooperativ ist sie aber, die Leitung des Brockenhauses. Man kann jeder Zeit einen Teil des Lohnes vorbeziehen, um so die Balance im Seiltanz in Richtung Monatsende besser zu halten.
Getragen wird der Betrieb von Ausländern. Das Brockenhaus ist ein Schmelztiegel der Nationalitäten: Tschechinnen, Slowaken, Russinnen, Serben, Deutsche, Holländerinnen, aber auch Schweizer gehen ein und aus. Für einige der ausländischen Arbeitskräfte ist es der erste Kontakt zur schweizer Arbeitswelt. Ladislav beispielsweise ist ein Slowake, der seit sechs Monaten in der Schweiz lebt. Vor zwei Jahren heiratete er eine Slowakin, die seit zwölf Jahren hier lebt. Sie kommen vom gleichen Dorf und haben sich verliebt, als sie einen Sommer dort verbrachte. Dann begann er zu pendeln: In der Slowakei arbeiten, um sie hier besuchen zu können. In ihren Ferien fuhr sie zu ihm. Irgendwann wurde das zu viel, sie beschlossen hier zu leben, er suchte eine Arbeit und begann deutsch zu lernen, was ihm sehr gut gelang, gemessen an der kurzen Zeit und der Erschöpfung am Feierabend. Zu alledem hat er noch eine Vaterrolle übernommen: liebevoll kümmert er sich um die Tochter seiner Frau, das Vatersein ist scheinbar selbstverständlich. Mich hat dieser Einsatz und die grosse Verantwortung, die er mit seinen nur 25 Jahren übernimmt, beeindruckt.
„Jugos“ (scheinbar ist dieses Wort ins offizielle Pressedeutsch eingegangen) verrichten den grössten Teil der Schwerarbeit. Menschen, die teilweise seit über zehn Jahren Möbel schleppen, vorher Nachtschichten geschoben haben, oder Hilfskräfte ohne anspruchsvolle Aufgaben waren, haben im Brockenhaus eine Aufgabe mit einer gewissen Verantwortung gefunden. Diese Verantwortung nehmen sie gerne wahr.
Ein Beispiel daran ist Radovan, mein persönlicher Brocki-Vater. Er ist die Verkörperung des schweizerischen Ordnungsideals. Abends bleibt er gerne noch etwas länger, um seinen Lastwagen immer blitzblank geputzt zu hinterlassen, neben Lappen und Besen gehören auch Hochdruckreiniger und Putzmittel zum Arsenal. „Muss bizzeli putzen“, ist sein Slogan. Während der Tour liegt das Mäppchen mit den Aufträgen im rechten Winkel zu seiner Brille. Auf dem Mäppchen werden Kugelschreiber und Stadtplan so angeordnet, dass jeder Geometrielehrer ins Staunen käme, abgeholte Waren werden immer überkorrekt festgebunden. Das Ergreifendste ist aber seine riesengrosse Herzlichkeit. Er zögerte nicht immer wieder zu bestätigen, wie gerne er mit mir arbeite, bestand darauf Kaffee und Gipfeli zu bezahlen und wenn er sich zuhause etwas fürs Mittagessen vorbereitete, war es selbstverständlich, dass er auch mir eine Portion davon mitbrachte.
So könnte man jeden einzelnen Mitarbeiter des Brockenhauses porträtieren, Anekdoten gibt es über jeden. Interessante Personen, jede auf ihre Art liebenswert, sind sie alle und im Brocki haben sie ein Team gefunden, das sich ergänzt und zusammenhält. Wenn ein Fahrteam seine Aufträge erfüllt hat, ruft es die anderen an, um zu sehen wer Hilfe braucht. Kleinere Streitigkeiten, die es natürlich auch gibt, werden dabei schnell vergessen. Die Ereignisse des Tages bespricht man im Aufenthaltsraum: auf Serbisch, laut, lachend. Auch während der wirklichen Arbeit darf der Humor nicht zu kurz kommen. Irgendwo eine Krawatte gefunden, wird diese sofort angezogen. Frauenhüte, Handtaschen, nichts ist vor der Verkleidungswut sicher. Um jeden Gegenstand dessen Zweck nicht eindeutig interpretierbar ist, wird ein fantasievolles Ratespiel gemacht. Auch die Selbstironie fehlt nicht: bei der Festanstellung Ladislavs zum Beispiel, präsentierten sich die Alteingesessenen unter vielen Lachern, als seine Zukunftsperspektive, seine Reaktion war befriedigenderweise nicht allzu positiv. Statt die harte Arbeit und die Perspektivenlosigkeit zu beweinen, lacht man im Brockenhaus. Eine Weisheit, die wohl vielen anderen Arbeitstätigen verloren gegangen ist, wird kultiviert: Nicht auf die Arbeit selber, sondern auf die Einstellung dazu kommt es an. Vielleicht ist dies ein Teil der so oft verteufelten Mentalität der Leute aus dem Balkan. Vielleicht scheint es der breiten Gesellschaft nicht interessant genug, diese Mehrheit an hart arbeitenden Einwanderern ins richtige Licht zu rücken. In den Rahmen, in den so viele „Jugos“ in der Schweiz gedrückt werden, passen sie nämlich nicht, diese Schwerarbeiter vom Brockenhaus.
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