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Re: Lok Leipzig
Diego Odonkor - 10.04.2005, 12:51Lok Leipzig
Stand auf www.blutgraetsche.de:
04.04.2005 Lok ist überall
Ganz egal was oder wie man es anstellt, und als ob es nicht reichen würde, dass das eigene Team als Heimat ehemaliger Klub-Spieler dient; nein, kein kurzer Stadtbummel, kein Besuch in der Eisarena der Lions; auch die Maßstäbe setzende Bahnfahrt des letzten Wochenendes kommt nicht ohne Begegnung mit dem Kreisklassenklub aus dem verbotenem Stadtteil aus.
Es ist kaum zwölf Monate her, dass bei dem Stadtrivalen der ruhmreichen BSG Chemie die allerletzten Lichter ausgingen. Die zweite Insolvenz innerhalb von nur drei Jahren war eingeleitet, die Mannschaft weggelaufen, die Saisonergebnisse längst annulliert, und die letzten Spiele unter den Augen von vielleicht 500 Zuschauern gespielt. Der VfB Leipzig wurde als Verein aufgelöst und als Lok Leipzig neu gegründet.
Auch wenn Schadenfreude über den Werdegang des Rivalen nicht ausblieb, blieb auch ein sonderbares Gefühl zurück. Natürlich hasst man sein Feindbild, aber wäre man glücklicher ohne dessen Existenz? Kann man einfach so eine über 100 Jahre andauernde Tradition vergessen, wo doch eine Zukunft ohne die gewohnte Rivalität irgendwo auch langweilig wäre? Hat es Sinn, den Feind zu begraben, wenn man seine Anhänger eh nicht gewinnen würde?
Fragen über Fragen, die den Sportteil der Lokalpresse im Frühjahr 2004 zur Genüge füllten, noch wusste schließlich keiner, wie schnell der scheinbar KO geschlagene Boxer aufs Neue erstarken würde.
Wie stark er ist, muss auch bei der größten Abneigung Verwunderung hervorrufen. Der Zuschauerschnitt, zu Saisonbeginn vergleichbar mit dem von Chemie, übertrifft locker einige Regionalligisten, der Verein maßt sich an als Kreisligist städtische Unterstützung einzufordern, und die Bekanntheit des wiedergegründeten 1. FC Lok geht deutlich über die Grenzen einer normalen Feierabendtruppe hinaus. Zeit genug also, um das Mitleid beiseite zu legen, und sich wieder auf alte Tugenden zu besinnen.
Wie zum Himmel kann ein biederer Elftligist so zur Flächenplage werden, wie es der LOK vormacht?
Beginnen wir doch am Besten in den eigenen Reihen. Schon beim ersten Blick auf die Mannschaftsaufstellung des FC Sachsen stechen die Namen der ehemaligen Klubspieler hervor. Der halbe Kader, einschließlich Fußballgott Ronny Kujat, hat einen maßgeblichen Teil seiner Karriere im Team des Rivalen verbracht. Zur Winterpause der vergangenen Saison kamen mal kurz zwei Spieler aus Probstheida, dieses Jahr waren es deren fünf. Auch der erste Neuzugang für nächstes Jahr trug bereits das blaue Trikot. Man stelle sich bitte die Dortmunder Borussia vor, die jährlich ihren Kader um drei Spieler aus Gelsenkirchen erweitert.
Ein bisschen anders ist da schon das Verhältnis der Fans bestellt. Während ich bisher weitgehend ohne Schlägereien ausgekommen bin und gar nicht fertig werden würde, wenn ich alle Lokisten meines Bekanntenkreises zurechtweisen wollte, wird in anderen Fangruppen das Duell der A-Jugendmannschaften genutzt, um diverse Auseinandersetzungen auszutragen. Über den Sinn dieser darf gestritten werden, auch die Frage, für wen man sich einsetzt, bleibt spannend. Immerhin spielen die herausragenden Akteure der Lok-Jugend sowieso bald bei uns, zumindest solange sich die Herrenmannschaft mit Hobby-Teams duelliert.
Auch außerhalb des Stadions weiß der Klub für Aufmerksamkeit zu sorgen. Ein Lok-Schal ist genauso in wie der Renner unter den Nummernschildern, das Kürzel L-OK.
Plakate mit Bundesligazeichen weisen auf kommende Spiele hin und die Springerpresse findet auch Monate nach der deutschlandweiten Anfangseuphorie noch Platz für den Verein aus dem Süd-Osten Leipzigs.
Die Krönung des ganzen findet sich in der Partnerschaft mit den Blue-Lions, die vor dem Aufstieg in die 2. Eishockey-Bundesliga stehen, wieder. René Häusel, Torschützenkönig in der 3. Kreisklasse, mimt den Eismeister und in der Fankneipe strahlt das Lok-Trikot.
Überflüssig fast zu erwähnen, dass der Zuschauer auch bestens über die Spielstände aus dem Plache-Stadion informiert wird. Der Versuch die Eismaschine mit einem Chemie-Aufkleber zu schmücken scheiterte bisher vergeblich, es wäre zu schön, würde diese samt Eismeister in Klub-Kluft am blau-gelben Fanblock, verziert mit dem Symbol der Nummer 1 vorbeifahren.
Deutschlandweit macht sich Lok unterdessen mit dem KSV Hessen Kassel neue Freunde. Gute Freunde, wie ich es selbst habe nachprüfen können, als ich den Abend des 2. April mit Anhängern des hessischen Traditionsvereines verbringen durfte.
Dazu nur ein kurzer Abstecher in die Erlebniswelt der Deutschen Bahn AG, die sich auch an jenem Tag alle Mühe gab, gut in Erinnerung zu bleiben, und sich den folgenden Bericht redlich verdiente.
Alles fing an mit dem Brand eines Bauwagens, dessen Flammen unglücklicherweise auch auf die Hauptleitungen der Stromversorgung übergriffen. Hier hat die Bahn noch keine Schuld, und die Gelegenheit die kleine Störung zu beheben und die teilweise aufgeregten Fahrgäste zufriedenzustellen sollte auch gut genutzt werden.
Da eine E-Lok ohne Stromversorgung zum Stehen verdammt ist, beschließt der Krisenstab der Bahn eine Diesellokomotive zu schicken. Kein Problem, schließlich ist man kurz vor Kassel und die Strecke nur von zwanzig weiteren Zügen blockiert. Da verzichtet man schon mal auf Busse und zieht diesen höchst umständliche Rangiermanöver und stundenlange Verspätungen vor.
Die Zeit im Zug sollte nicht ungenutzt bleiben. Die Fans aus Kassel, ihrerseits auf dem Heimweg nach einer 0:4 Klatsche in Frankfurt, würden sicher wissen, wie die Ergebnisse des Bundesligaspieltages lauten. Auf meine spezielle Nachfrage nach dem Hansa-Spiel, dessen Ergebnis natürlich ebenso wenig überraschend ist, wie es der Sieg in Nürnberg nächste Woche sein wird, werde ich meinerseits nach meiner Herkunft befragt.
Leipzig ist natürlich bekannt, da war man ja erst vor zwei Wochen zum Freundschaftsspiel und zeigt stolz die Freundschaftsschals mit dem Abzeichen des blau-gelben Stadtrivalen. Ob ich denn auch da war, lautet die nächste Frage, Lok wäre ja so toll, über 4000 Zuschauer, der helle Wahnsinn. Unglücklicherweise muss ich verneinen, nein, das Spiel des Unterschichtenklubs habe ich nicht besucht.
Die Fans von Kassel nicken nur, andere Fans, ich verzichte mal bewusst auf die albernen Anführungsstriche, einer, der neben dem Hessen-Trikot auch einen Dynamo-Schal trägt und vorher stolz von Auseinandersetzungen mit Essener Hooligans zu berichten wusste, droht vorsorglich schon mal Prügel an. Seit Samstag meine ich zu wissen, dass wahrscheinlich die Hälfte der Dresdener Auswärts-Hooligans noch nie in Dresden war. Wozu auch, wenn man mit einem schwarz-gelben Schal überall als Dresdner Hooligan unerkannt randalieren kann?
Ein paar Schlachtrufe später gehen in den anderen Abteilen die üblichen Vorurteile um. Sicher ist eine Hälfte des Zuges längst zerlegt, ein vielleicht Fünfzehnjähriger mit Spießer-Brille referiert für seine Eltern von Gräueltaten wie sie nur Fußballfans vollbringen können und der Getränkeverkäufer, der den aufgebrachten Fahrgästen Kaffee serviert, gibt schlaue Ratschläge wie man mit dem Pöbel umzugehen hat. „Keine Angst zeigen" lautet die Devise, nur mal so als Tipp, falls Ihr jemals mit Fußballfans im Zug sitzen solltet.
Die Bahn selbst hat nach zweieinhalb Stunden die Lok organisiert und der Zug setzt die Fahrt nach Kassel fort. Dort warten dann auch schon die Busse, von denen einer sogar nach Halle fährt. Warum diese nicht schon vorher eingesetzt wurden, um die Fahrgäste nach Hause oder zu ihren Anschlusszügen zu bringen, bleibt Geheimnis der Bahn, jedenfalls fahren nun keine Anschlusszüge mehr.
In meinem Bus sitzen nun alle, die zwischen Kassel und Halle aussteigen müssen. Eine Zick-Zack-Fahrt durch Hessen und Sachsen-Anhalt steht an, an jedem Dorf wird gehalten, um auch jeden Wunsch zu erfüllen. Nach etwa anderthalb Stunden werden erste Proteste laut. Eine Mongolin und ein Russe streiten mit dem Busfahrer, warum dieser nicht die Autobahn nach Halle fährt, um danach Sonderwünsche zu erfüllen. Andere meinen im Bus rauchen zu müssen, schließlich hat ein Zug auch Raucherabteile.
Vier Stunden später sitzt man immer noch im Bus. Einerseits deswegen , weil der Fahrer im Ort 40 und auf den Landstraßen 70 fährt, andererseits, weil auch wirklich jeder Fleck Sachsen-Anhalts und Hessen abgefahren wird.
Jeder Meter Fahrt steht unter den herzerfischenden Kommentaren des Russen und seiner mongolischen Freundin. Als man früh um vier in Halle ankommt, hat man fünfeinhalb Stunden im Bus verbracht. 330 Minuten für Hessen-Halle/Saale. Die Bahn sprengt wirklich alle Rekorde.
Andere Großevents, wie man auf Hochdeutsch zu sagen pflegt, andere Events neben dem Spiel gegen das Traditionsteam aus Kassel, nur um den Bogen zum Thema zu spannen, befinden sich längst in Planung. Arcor verschenkt ein Spiel gegen Hertha BSC Berlin an den Klub, der die meisten Stimmen sammelt. Als Lok sich beworben hat, war das Spiel quasi sicher, bis sich die grün-weiße Hälfte Leipzigs eines Besseren besann, und für Bayern Hof stimmte. Momentan liegen beide Mannschaften Kopf an Kopf, Unterstützung für Chemie kann aber hier geleistet werden.
Natürlich könnte man den Beitrag endlos fortsetzen und den Leser mit Fakten über den Erzfeind belästigen. Über die wöchentliche neu auftretenden Fusionsgerüchte, der Unterschichtenklub schickt sich an, das für ihn wie geschaffene Revier der Kreisklasse so schnell wie möglich verlassen, kann ich mich ja auch später auslassen. Bei Lichte betrachtet kommt jede Zeile, die man über diesen Verein schreibt oder, noch schlimmer, liest, eh tot geschlagener Zeit gleich. Man vergesse schließlich nicht, dass Lok nichts als die unbedeutende Nummer 2 in der grün-weiß regierten Stadt ist.
In diesem Sinne, grün-weiße Grüße von Chemie, dem Stolz und der sportlichen Nummer 1 aus Leipzig
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