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    Re: Storys

    †warumono† - 22.02.2005, 22:31

    Storys
    Hier könnt ihr entweder eure eigenen Storys (wenn möglich bitte keine soooo langen) tippen oder welche die ihr irgendwo gelesen habt und wohl ganz cool findet ^^

    Hier gleich mal eine, basiert auf dem japanischen Film "Legend of the Moon - MoonChild":

    Kyuuketsuki no nakigao
    Prolog - Reborn
    Vier Tropfen Blut. Nur vier Tropfen Blut und ich befand mich in der Hölle. Der Schmerz strömte durch meinen ganzen Körper, ließ mich erzittern und schließlich aufschreien. Ich spührte wie mich zwei Hände grob festhielten, mich davon abhielten mir selbst weh zu tun. Doch es brannte, es brannte und wollte einfach nicht aufhören. Vage bemerkte ich die heißen Tränen die mein Gesicht in Sturzbächen herunterliefen. Noch nie hatte ich solch einen Schmerz in meinem Leben erfahren und obwohl mein Körper schon aufgegeben hatte, wehrte ich mich dagegen, wollte nicht akzeptieren was kommen würde. Ich wollte nicht sterben und ich war meiner Meinung nach viel zu jung um dem Tod in die Augen zu schauen. Was hatte ich in meinen 19 Jahren denn schon alles erlebt? Fast nichts. Diese Gedanken schoßen mir durch den Kopf während ich auf dem Boden lag und nach diesen Händen griff, die mich eisern festhielten. Eine dieser Hände legte sich brutal auf meinen Kiefer und drückte meinen Kopf zurück, soweit das auf dem steinernen Boden möglich war. Automatisch öffnete ich meinen Mund - um zu schreien oder Luft zu holen war mir in diesem Moment nicht klar - und bevor ich reagieren konnte wurde mir etwas Warmes an den Mund gepresst. Ohne wirklich darüber nachzudenken sog ich leicht daran und in nur zwei Sekunden waren meine Sinne so scharf wie noch nie. Die Welt hörte auf sich um mich zu drehen und der stechende Schmerz in meiner Brust und auch in meinem Kopf lass ganz langsam nach. Verwundert öffnete ich die Augen vollends, die ich vor Schmerzen zusammengekniffen hatte und blickte mich flüchtig um.
    Ich lag auf einem harten, sehr harten, Marmorboden und ringte nach Luft. Über mir schwebte ein verzerrtes Gesicht mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Krampfhaft versuchte ich das Bild vor meinen geröteten Augen schärfer zu bekommen, doch ich hatte keine Gelegenheit dazu. War der Schmerz die paar Sekunden verschwunden gewesen, kam er nun mit doppelter Kraft wieder. Mein Brustkorb hob und senkte sich, die Luft wurde mir immer mehr aus den Lungen gepresst - für einen Vorbeiziehenden sah es bestimmt aus, als wäre ich ein Fisch auf dem Trockenen der unbedingt wieder Wasser brauchte um weiterleben zu können.
    Immer weiter floss eine warme Flüssigkeit in meinen Mund und ohne groß darüber nachzu denken schluckte ich sie, bis ich selbst anfing fester an dem Etwas an meinem Mund zu saugen. Egal was es war, ich wollte mehr. Auf irgendeine Weise linderte diese Flüssigkeit den brennenden Schmerz in meiner Brust, es verhinderte, dass mein Herz aus meinem Körper sprang und einfach davon lief während es Tango tanzte.
    In meinem Körper wurde es wärmer und je mehr ich trank desto schwärzer und schwärzer wurde es um mich herum, bis meine Welt nur noch aus Dunkelheit bestand. Jetzt aber hieß ich diese Dunkelheit willkommen und wehrte mich nicht mehr dagegen. Ich war nun bereit zu sterben.

    Und mit einem lauten Schrei kehrte ich wieder in die Welt der Lebenden zurück. So begann alles und so wird es eines Tages enden.
    Kei, der Vampir wurde geboren.


    Kapitel 01 - Tears
    Als ich das erste Mal Blut trank, übergab ich mich wenige Sekunden später neben der Leiche. Hungrig kehrte ich wieder nach Hause zurück. Wenn man diese zerfallene Brücke unter der ich lebte, ein zu Hause nennen konnte. Zumindest war es etwas das mir ein bisschen Zuversicht gab.
    Ich verbrachte meine Tage damit, mir unter dieser Brücke den Arsch ab zu frieren und möglichst nachts etwas zum Essen zu finden. Dies stellte im Grunde das Hauptproblem meines Daseins da. Wie sollte ich etwas Essen, wenn ich das getrunkene Blut kurz darauf wieder ausspuckte? Niemand hatte mich in diese Welt eingeführt, keiner hatte mir gesagt wie ich weiterleben sollte und wodurch ich nicht verhungern würde.
    Seit dieser Nacht in der ich sterbend auf irgendeinem Stück Boden in London gelegen hatte, den Tod schon begrüßt hatte, hatte sich alles geändert. Vorbei waren die Tage in denen ich fasziniert die leuchtenden Sterne am Himmel beobachtet hatte und einfach nur in den schwarzen Nachthimmel gestarrt hatte. Vorbei waren die Erinnerungen an ein helles Objekt, das tagsüber schien und durch den, in meiner Welt ewigscheinenden, Mond ersetzt wurde.
    Ganz deutlich erinnere ich mich aber noch an diese Hände, die mir kurz nach meiner Wiedergeburt sachte über das Gesicht gestrichen hatten. Sie hatten mich in ein warmes Bett getragen und mich dort gepflegt, bis diese Dunkelheit die jeden weiteren Tag an mir nagte, ein Teil von mir selbst geworden war. Dann war dieser Mann mit den sanften Händen verschwunden und kam nie wieder. Jahre lang.
    Ich gewöhnte mich daran, Menschen zu töten. Die Übung brachte langsam langweilige Routine. Doch ich konnte nich trinken, egal wie hungrig ich war. Ich lag an manchen Tagen und Nächten einfach nur regungslos unter "meiner" Brücke und machte mir nicht einmal die Mühe einen jungen Menschen zu finden, der mich satt machen könnte. Es machte ja keinen Sinn, wenn ich jemanden tötete von dem ich gar nicht trinken konnte.
    Depressionen wurden nach einer Zeit ein großer Teil meines... Nachtlebens.
    Tagsüber schlief ich, versuchte mich vor der Sonne zu schützen, die trotzallem unter der Brücke hindurchgekrochen kam und nachts pflegte ich dann größtenteils meine Verbrennungen an Händen und Gesicht. Der Schmerz war dann irgendwann nur noch ein störendes Pochen in meinen Schläfen. Mit der Zeit konnte man sich an alles gewöhnen.
    Trotz der großen Versuchung konnte ich mich nicht selbst umbringen. Ich hatte es zwei, drei Male versucht und jedes Mal huschte ich in den schützenden Schatten zurück. Egal wie sehr ich es mir auch vornahm, am Ende war ich immer ein elender Feigling.

    Es war das 18. Jahrhundert. In diesen Jahren bestand meine Lieblingsbeschäftigung wohl daraus, die Menschen zu beobachten. SIe entwickelten sich weiter, neue Erfindungen sollten das Leben erleichtern, dabei bemerkten sie nicht einmal, dass sie durch diese Neuheiten ganz andere Probleme erschufen.
    Nacht für Nacht saß ich in einer der Dorfkneipen und studierte sie. Jugendliche die mit ihren Freundinnen und Freunden gemütlich beisammen saßen und eine freudige Runde bildeten. Alle waren sie in meinem Alter. War ich auch einmal so fröhlich gewesen? Hatte ich auch einmal so unbeschwert gelebt. Ich konnte mich nicht an so eine sorgenlose Zeit erinnern. Für mich existierte nur noch die Welt in der ich kämpfen musste.
    Das 18. Jahrhundert war für mich die Zeit des Schweineblutes. Ich brach in Metzgereien ein, trank und trank bis mir schlecht wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich in all den Jahren nur sechs Mal von einem Menschen getrunken. Doch obwohl ich die Leichen bis zum letzten Tropfen austrank, blieb ich hungrig und nichts genügte mir. Ich brauchte mehr und konnte dennoch nicht mehr bekommen. Es war ein Kreislauf der mich immer mehr zerfraß und bei jeder vorbeiziehenden Sekunde hasste ich mein Dasein als Vampir mehr.

    1778 verließ ich das Dorf in dem ich ein ganzes Jahrhundert verweilt hatte. Nicht, dass mich irgendjemand in diesem Dorf vermisst hätte, wussten sie doch nicht einmal von meiner Existenz. Außer vielleicht die kleine Brücke unter der ich diese lange - kurze - Zeit geschlafen hatte.
    Ich zog weiter, ließ dieses fremde Land hinter mir und kehrte nach fast zwei einhalb Jahrhunderten nach Hause zurück. Japan. Vergessen waren die hellen Lichter von London, New York und gekommen war die Zeit in der ich wieder in das hektische Tokyo zurückkehrte.
    Menschenmassen drängten sich an mir vorbei, kümmerten sich nicht um den scheinbar jungen Mann, der dort mitten auf der Straße stand und nach irgendetwas Ausschau hielt. Nach dieser langen Zeit wollte ich meine Mutter besuchen.

    Meine Mutter fand ich letztendllich, nach langer Suche, auf dem Friedhof wieder. So naiv es auch klingt, ich hatte tatsächlich daran geglaubt, dass sie noch lebt. Ich hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, dass sie im Laufe dieser Jahre sterben hätte können, für mich war klar gewesen, dass meine Mutter noch da sein würde, wenn ich zurückkehrte. Nun, da ich aber auf dem dunkeln Friedhof stand, auf dem ich mich nach den Legenden her ja wohlfühlen sollte, verpasste mir die Realität einen harten Schlag ins Gesicht.
    Meine ganze Familie lag unter der Erde auf der ich in diesem Moment stand, begraben, zugeschüttet.
    Voller Fassungslosigkeit ließ ich mich auf die Knie sinken und grub meine Finger in die feuchte Erde. Ich konnte es einfach nicht verstehen. Ich wollte es einfach nicht.
    Zum ersten Mal seit meiner unfreiwilligen Wiedergeburt spührte ich etwas Heißes an meinen Wangen herabgleiten. Ganz langsam schlichen sie sich an meinem Gesicht herab und tropften auf die Erde (- unter der meine Eltern und Geschwister lagen). Ich hatte gedacht, sie nie wiederzusehen, diese überflüssige Schwäche. Tränen.


    Kapitel 02 - Luka
    Sein Name war Luka. Ein Name der danach schrie, dass man etwas zu verstecken hatte. Ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass dies nicht sein wirklicher Name war und er ihm nur als Schutz diente.
    Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht. Warum sollte ich auch? Hier in Japan kannte mich ja nun niemand mehr. Meine Familie war gestorben und all die Freunde aus meiner Jugend, die ich einmal hatte waren entweder auch tot und leisteten meinen Eltern auf dem Friedhof Gesellschaft oder lagen sterbend in ihrem Bett bei ihrer kleinen Familie, die sie gegründet hatten - mit Kindern, Enkelkindern und all diesem Trara, welches man um diese ganze Familiensache machte. Für manche mochte sich dass so anhören als ob ich unsensible geworden war, doch man lernte mit der Zeit, dass die Welt sich weiterdrehte, egal ob jemand starb oder nicht.
    Vor drei Monaten war ich zurückgekehrt und hatte in Tokyo nach dem gesucht, das ich in London und New York nicht gefunden hatte. Gleichgesinnte. Jemanden der genauso war wie ich und jemand der sich mit dem ganzen Mist besser auskannte als ich. Ich suchte jemanden der menschliches Blut trinken konnte, sich nicht von Schweineblut ernährte.

    Als ich ihn das erste Mal traf trug er einen langen schwarzen Mantel, der aussah als hätte er ihn aus irgendeinem futuristischen Film kopiert um irgendein Dracula-Imitat darzustellen. Ich drückte die Zigarette, die ich gerade erst angefangen hatte, mit meinem Schuh auf dem Boden aus. Gelangweilt musterte ich ihn, prägte mir sein Bild ganz genau ein, um ihn selbst in der dunkelsten Nacht wiedererkennen zu können.
    In dieser Nacht, in der ich ihm so gegenüber stand und wir uns gegenseitig anstarrten, hätte ich nicht gedacht, dass ich das gefunden hatte, das ich in ganz Tokyo suchte. Einen Vampir.

    "Mein Name ist Luka." So fing es an. Seine Stimme war tief und so leise, dass ich ihn beinahe nicht gehört hätte. Ich musste meinen Namen nicht nennen, er kannte ihn bereits. Dennoch kam mir diese ganze Begegnung in einer der dunkelsten Straßen Tokyos suspekt vor. Was wollte er von mir und woher wusste er woher ich kam?
    In seiner Stimme lag ein schwerer englischer Akzent und ich vermutete, dass er mir von London bis hierher gefolgt war. Spontan gesehen wusste ich nicht was ich davon halten sollte. Sollte ich mich nun geschmeichelt fühlen?
    Ich nickte ihm leicht zu und wollte dann an ihm vorbeigehen. Wer er auch war, es interessierte mich nicht. Selbst wenn er Dracula's Nachkomme persönlich war sollte er mich einfach in Ruhe lassen. Er sah aus wie jemand der einem Markenartikel andrehen wollte, wie ein dummer Verkäufer und ich hatte nach dieser anstrengenden Nacht keine Lust meine verbleibende Zeit mit solch einem komischen Kauz zu vergeuden. Alles was mich jetzt noch kümmerte, war die Sorge wie ich eine passende Unterkunft für die Nacht finden würde.
    Als hätte er meine Gedanken gelesen, lächelte Luka - der Verkäufer - leicht.
    "Ich hätte eine kleine gemütliche Wohnung am Rande von Tokyo anzubieten. Dort könnten wir uns auch näher unterhalten. Die nassen Straßen hier sind nicht sonderlich bequem."
    "Ich wüsste wirklich nicht, was wir zu bereden hätten", murmelte ich ärgerlich und ging an ihm vorbei. Mir schien es fast so eine Spur von Traurigkeit in seinen Augen zu sehen als ich ihn leicht streifte.
    Doch ich kümmerte mich nicht weiter darum und lief, ohne ihn zu beachten, weiter. Ich hatte Hunger. Die Metzgerei wartete auf mich ( - und das japanische Blut war tatsächlich wesentlich angenehmer als das aus London)

    Zwei Wochen später traf ich ihn wieder. Dieses Mal standen wir uns allerdings nicht gegenüber. Seit unserem Treffen war ich jeden Abend an den Strand gegangen. Ich wusste nicht warum es mich dorthin zog, doch ich brauchte auch nicht wirklich einen Grund. Stundenlang beobachtete ich die Wellen, manchmal sogar bis schon die ersten Sonnenstrahlen langsam am Horizont auftauchten. In diesen Stunden, die mir so kurz schienen, dachte ich oft über meine Mutter nach. Wäre ich in Tokyo geblieben, hätte alles anders laufen können. Noch nie hatte ich eine sonderlich gute Beziehung zu meiner Mutter gehabt. Ich hatte sie geliebt, wie jedes Kind seine Mutter geliebt hatte und doch war immer eine gewisse Spannung zwischen uns die nie verschwunden war. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart gefangen und eingezwängt und dies war auch letztendlich der Grund gewesen warum ich nach London gegangen war. Ich wollte frei sein und dachte, in dem ich von zu Hause weg ging und in ein anderes Land reiste, ein kleines Stück dieser Freiheit gewinnen zu können. Statt dessen lief ich dem Tod geradewegs in die Arme, nur um dann wieder weiterleben zu müssen. Man hatte es mir nicht gegönnt. ER, der mich erschaffen hatte, wollte nicht, dass ich meine eigene Freiheit fand.
    Und da saß ich nun, am Strand, und beobachtete wie immer die tosenden Wellen, die gerade so meine Fußspitzen berührten. Luka stand hinter mir, er sagte kein Wort und doch merkte ich wie ihm Sätze auf der Zunge lagen. Sätze, die er schon seit zwei Wochen zu mir sagen wollte. Warum war ich überhaupt von Anfang an so schroff zu ihm gewesen? Aber war es nicht normal einen kompletten Fremden so zu behandeln? Sollte ich denn nun zu jedem freundlich sein, der mir über den Weg lief...? Unhöflichkeiten wurden doch so oder so wieder vergessen.
    Ich schüttelte leicht den Kopf - ein Versuch diese unsinnigen Gedanken endlich aus meinem Kopf zu bekommen - und drehte mich zu ihm.
    "Du schon wieder?" Selbst in meinen Ohren klang ich müde und erschöpft.
    Luka lächelte wieder dieses seltsame Lächeln, dass mich so nervös machte, und wandte seinem Blick dem Meer zu.
    "Ich liebe das Meer. Es ist beruhigend, nicht wahr?" Ich starrte ihn an. Reglos. Lange. Bis mein Magen anfing zu knurren.
    Amüsiert huschte sein Blick wieder zu mir und ohne dass ich es beabsichtigt hatte, wurde ich rot. Wütend verschränkte ich die Arme und versuchte meinen Magen zu ignorieren der heftig gegen den langen Blutverweis demonstrierte.
    So bemerkte ich nicht das traurige Glänzen in Lukas Augen.
    Er seufzte kurz und sah mich lange an.
    "Komm mit. Ich weiß, wo du etwas zu Essen finden kannst." Und ich spührte wie meine Beine, ohne meine Zustimmung, ihm einfach folgten.

    Das war mein erstes richtiges Treffen mit Luka und wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich froh ihn getroffen zu haben. Ich hatte nicht nur einen Vampir gefunden, jemanden der das gleiche Schicksal wie ich teilte, ich hatte auch einen Freund gefunden.

    (ich weiss jetzt nicht ob die geschichte fortgesetzt wird oder nicht, aber falls, dann poste ich den rest ^^)



    Re: Storys

    †warumono† - 22.02.2005, 22:38


    nur mal so als kleine info zur story, so sehen kei und luka im film aus aus:
    luka (Etsushi Toyokawa):


    kei (hyde):



    Re: Storys

    †warumono† - 22.02.2005, 22:54


    Ach ja, ganz wichtig: die Autorin von der Story heisst Melanie B. aka Caryschah (16) und hier gleich eine eigene Stroy von ihr die ich auch so richtig gut finde ^^

    Luzifers Kinder
    Momentaner Status:
    Acht Kapitel

    Genre:
    Drama / Mystery / Shônen-Ai

    Beginn:
    23.03.2003

    Ende:
    ??.??.????

    In Arbeit...:
    Kapitel 9

    Prolog: Luzifer
    Am Anfang war Gott. Er erschuf die Welt, formte Tiere und Mutter Natur. Er ließ die Blumen sprießen, das Meer rauschen und all die Vögel singen, die sich freudig 'gen Himmel bewegten. Er ließ allen ihre Freiheit und freute sich darüber einen Platz erschaffen zu haben an dem es friedlich war und keiner dem anderen Schaden zufügen wollte. Er blickte auf seine Schützlinge herab und war glücklich solch eine Harmonie geschaffen zu haben, die nichts zerstören konnte. Er legte seine schützende Hand über all diese Geschöpfe, segnete sie mit seiner Güte und überließ sie ihrem Schicksal, wachte aber immer mit einem Auge über den Verlauf der Erde, wie er den neu erschaffenen Planeten nannte.
    In den ersten Monaten verlief alles wie Gott es geplant hatte. Die Tiere verstanden sich, Löwen konnte neben Nashörnern an der Quelle trinken, die Affenbabys spielten mit den Kindern verschiedener Schlangen und niemand dachte auch nur daran diesen Einklang in irgendeiner Weise zu unterbrechen oder diese Friedlichkeit zu zerstören. Also machte sich Gott keine Sorgen mehr und wandte sich anderen Dingen zu, ließ die Erde für ein halbes Jahr alleine. Als er jedoch nach diesem halben Jahr wieder auf den blauen Planeten zurückblickte war er entsetzt. All die Pflanzen waren verdorrt und die Seen waren ausgetrocknet, sodass die Tiere nichts mehr zu trinken hatten und sich gegeneinander aufhetzten um an einen Tropfen Wasser zu kommen, der noch ganz langsam von einem Blatt hinuntertropfte und nur derjenige ihn bekommen würde, der schneller war. Gott war traurig und bestürzt über diese Vorkommnisse und überlegte sich wie er dieses Problem beseitigen konnte, ohne seine geliebten Kinder auseinander bringen zu müssen. Er dachte sich dass er eine neue Lebensform erschaffen müsste, die all diese Probleme beseitigen könnte. Eine Lebensform die sich immer mehr entwickeln würde und so perfekt erschaffen worden war - so "programmiert" war -, dass sie keinen einzigsten Fehler machte.
    Und Gott dachte nach. Er sah sich jedes einzelne Tier an dass er erschaffen hatte, merkte sich die Stärken und die Schwächen von jedem, fand keine Ruh und durchforstete alle Lebewesen die es gab. Nirgends war jedoch ein Tier das perfekt war. Es gab die riesigen Elefanten die große Entfernungen hinter sich bringen konnten, es gab die Giraffen, die riesig waren und ihre Hälse so lustig drehen konnten ( - was Gott manchmal äußerst amüsierte, da er eigentlich nicht eingeplant hatte, solch komische Kreaturen zu kreeieren). Viele Tiere die außergewöhnliche Eigenschaften besaßen, aber alle nicht gut genug waren. Es musste etwas her, dass absolut keine Schwächen hatte.
    So zog sich Gott zurück, vernachlässigte die Erde und dachte Tag und Nacht nach, wie er solch ein perfektes Wesen erschaffen könnte und was für eine Form es haben würde. Sollte es die Beine eines Leoparden haben, die schnell waren, die Größe eines Elefanten um von keinem anderen überragt werden zu können? Er konnte sich nicht entscheiden und blickte - die Hoffnung schon aufgebend - ein, vielleicht, letztes Mal auf seinen Planeten. Er blickte auf die Meere, auf die Wälder und Wüsten, die sich dahinstreckten und ihre hungrigen Mäuler aufrissen, ihn darum baten etwas zu unternehmen.
    Und an diesem einen Tag, an dem das Meer ganz ruhig war und die Vögel sich endlich in ihre schützenden Bäume zurückgezogen hatten, bemerkte Gott die Intelligenz der Affen und fragte sich ob das nicht ein Vorbild für seine Kreatur wäre, die er sich so sehnlichst wünschte. Er zog sich wieder zurück, begann immer mehr eine Kreatur zu spinnen die eine Intelligenz besaß, wie kein Wesen zuvor, eine Lebensform wie man sie noch nie gesehen hatte. Gott formte und formte, ließ seine Hände spinnen und seine Gedanken führen ohne auch nur einmal aufzuhören. Er formte bis zum letzten Stück und als er schließlich erschöpft aufblickte, stand vor ihm ein nacktes Wesen ohne Fell, ohne Krallen und ohne Reißzähne. Langes, schwarzes Haar, welches wie das schimmernde Felle des Panters aussah, fiel in langen Wellen an einem Körper hinunter der auf zwei Beinen stand und zwei Arme besaß, die schlaff an der Seite hinunterhingen. Das Gesicht war sanft, ohne jegliche Härte oder Kanten. Die Nase war nicht zum feinen Suchen von Beute gedacht, der Mund nicht zum Zerfleischen und die Augen nicht zum Jagen. Als er dieses Geschöpf ansah war Gott enttäuscht. All die Sachen die er wollte hatte diese Gestalt nicht und er fragte sich ob all seine harte Arbeit umsonst gewesen war. Gott schüttelte ungläubig den Kopf und betrachtete sein Werk noch einmal. Was sollte ihm etwas so Schwaches bringen, dass sich nicht einmal selbst verteidigen konnte und nicht die Anmut und Gerissenheit besaß, die jedes Tier auf seinem Planeten erlangen konnte. Wieso war diese perfekt gedachte Person so unglaublich unfertig?
    In dem Moment jedoch, als diese merkwürdige Gestallt ohne Krallen und Fell die Augen aufschlug, verstummte Gott und all seine Zweifel und Unsicherheit war verschwunden. Vor ihm stand ein Wesen mit den Augen eines Herrschers. Macht und Stolz blitzte in den roten Augen, ein leichtes Lächeln zierte auf einmal die leblosen Lippen und Farbe überzog den blassen Körper. Wie angewurzelt blickte Gott erstaunt auf das Ereignis vor ihm und erst ganz langsam dämmerte es ihm. Er hatte einen Gott erschaffen, einen Herrscher, der seiner eigenen Macht ebenbürtig war und ihn so auf der Erde vertreten konnte. Er gab dieser Gestalt einen Namen; wollte dieses perfekte Geschöpf auf keinen Fall namenlos auf die Erde lassen. So entstand der Mensch.
    Gott sandte ihn auf die Erde, ohne lange zu warten und ohne den Menschen auf seine Aufgabe vorzubereiten. Von den Augen hungriger Tiere verschlungen, von dem Knurren wütender Jäger bedroht, stand er dann da, verstand nichts und kannte nichts. Er machte einen Schritt, dann einen Zweiten, suchte sich einen Weg durch die Menge an Tieren, die ihn umzingelte. Doch keiner wagte es ihn anzufallen. Sie spürten seine Macht und respektierten ihn. Gott war zufrieden.

    Ein Jahr verging und der Mensch lebte zusammen mit den anderen Tieren auf der Erde. Gott dachte, dass der Planet nun endlich perfekt sei und dass er ein Meisterwerk erschaffen hatte. Er pries die Geburt des Menschen und bemerkte nicht die schwarze Wolke die sich immer mehr über seinen blauen Planeten zog.
    Dann, eines Tages bemerkte er dass sein Meisterwerk nicht so wollte wie er es gern hätte.
    Der Mensch, dem er die Aufgaben zugewiesen hatte, die keines der Tiere erledigen konnte, sonderte sich ab, untersuchte die Welt alleine und kümmerte sich nicht um das laute Fluchen Gottes. Er genoss die gewonnene Freiheit, hörte auf nichts und niemanden und begann aus Vergnügen die fremden Tiere zu jagen. Gott war erzürnt über solch eine Missachtung seiner Regeln und verbannte den Menschen aus seinem Reich, musste aber bemerken, dass er ihn nicht von der Erde verbannen konnte. Er trieb den Menschen zu einem einsamen Fleck, tief in der Wüste, wo er leben sollte und niemals wieder ein Tier sehen durfte. Der Mensch lachte nur, ein boshaftes Lächeln, eines das Gott nur noch mehr entsetzte und er sich enttäuscht von seiner Schöpfung abwandte. Er fragte sich ob dieses perfekte Wesen zu perfekt war und ob es durch diese Macht zu einem Monster geworden war, dass aus den Händen Gottes gesprungen war um der Welt den Untergang zu bringen. Gott weinte, bereute seine Tat und verfluchte den Menschen für seine ungeheure Besessenheit und seine Macht, die er in sich trug. Und er gab diesem Geschöpf, das er anfing so zu hassen, einen neuen Namen. Er wollte ihm einen Namen geben, der den Hass von Gott verdeutlichte und der jedem auf der Erde zeigte, dass er Gottes verbanntes Kind war. Und so gab er dem Menschen den Namen Luzifer.
    Doch alles was Luzifer tat war zu lachen und sich über die Dummheit Gottes zu freuen...


    Kapitel 1: No fear
    Er grinste leicht und strich sich eine Strähne seines schwarzen Haars aus dem Gesicht. Seine schwarz lackierten Finger kämmten immer wieder durch die lange Mähne ohne inne zu halten und seine roten Augen funkelten amüsiert.
    Schon bald würde der große Saal von Menschen überfüllt sein. Von Menschen die ihm Unterhaltung bringen würden und auf die er spöttisch herabblicken könnte. Er würde auf seinem Thron sitzen und interessiert beobachten wie sich diese geschundenen Körper winden würden und die Angst förmlich zu riechen wäre.
    Er wusste wie er seine Macht nutzen konnte, hatte er doch schon tausend Mal Vergnügen daran gefunden den stinkenden Geruch verbrannten Fleisches einzuatmen und über das getrocknete Blut armer hilfloser Oper zu stolzieren ohne auch nur einmal seinen Blick zu senken oder zu zögern. Er allein hatte die Macht über diese nutzlosen Geschöpfe, die ihn winselnd ansahen und jedes Mal darum baten verschont zu werden, doch er lachte nur über diese unwürdige Bitte. Waren sie im Kampf und Strategie ein großer Triumph, so waren sie als Gefangene riesige Feiglinge, die sich all ihre Würde und Stolz nahmen und wie ein getretener Hund vor einem lagen und jammerten. Dass er selbst einmal zu diesem schwachen und unwürdigen Volk gehört hatte, beschämte ihn und ließ seine Wut und seinen Hass nur noch größer werden. Was hatte Gott sich dabei gedacht, solch feige Menschen zu schaffen? Hatte er als Vorbild doch ihn gehabt, die perfekte Macht, jemand der keinerlei Schwächen hatte und mächtiger als irgendein Lebewesen auf dieser Welt war. Was dachte sich Gott dabei solch schwache Wesen zu ermutigen, ihnen Kraft zu geben, die sie zwar im Kampf weise nutzten, jedoch bald wieder vergaßen wenn sie vor ihm standen?
    Er schnaubte leicht und lehnte sich in seinem Thron zurück, spielte gelangweilt weiter mit seinen Haaren. Er wartete, wartete auf die Zeremonie die jeden Tag stattfand und die das Einzigste war, dass ihn wenigstens ein bisschen erfreuen konnte.
    Nach einigen Minuten wurde dann doch noch die große Tür aufgestoßen und ein schwarzgekleideter Mann trat herein, den Kopf gesenkt.
    "Das wurde aber auch Zeit", knurrte er wütend und beobachtete amüsiert wie sein Gegenüber beim Klang seiner Stimme leicht zusammenzuckte und noch mehr in sich zusammensank. Jeder hatte Angst vor ihm, das wusste er. Selbst diejenigen die jeden Tag bei ihm waren, konnten nach all den Jahren, die sie schon bei ihm waren, ihre Furcht nicht ablegen.
    "Entschuldigen Sie, Luzifer-sama. Es wird nicht wieder vorkommen", entschuldigte sich der Fremde wehmütig und ging schließlich auf die Knie.
    Luzifer machte eine abweisende Handbewegung und wandte sich wieder von dem Mann ab.
    "Fangt endlich an und dann geh mir aus den Augen!" Seine Stimme war tief und bedrohlich, signalisiert dem Mann ganz genau was er wollte. Hastig rappelte sich dieser wieder auf und eilte - flüchtete beinahe - aus dem Thronsaal.
    Luzifer seufzte und ein Lächeln stahl sich langsam auf seine Lippen.
    ,Dumme Menschen. Sie sind es wirklich nicht wert sich so aufzuregen. Ich sollte mich um andere Dinge kümmern', dachte er und sein Blick verfinsterte sich wieder. Seine Gedanken schweiften ab, vergaßen die Zeremonie die in wenigen Sekunden anfangen würde und erinnerten sich an den Tag der heute eigentlich ganz rot in seinem Kopf angestrichen war (- Kalender mochte er nicht, da es eine Erfindung der Menschen war und er sie so automatisch verabscheute).
    ,Heute ist es genau 50230 Jahre her, dass ich verbannt wurde. Komisch wie schnell doch die Zeit vergeht. Ich frage mich ob ich ihn bald wiedersehen werde. Vielleicht schon... bald?' Er blickte gedankenverloren in das flackernde Feuer, dass neben seinem Thron auf einer Fackel brannte. War es schon so lange her? Als er sich damals mit den Tieren in den Wäldern versteckt hatte und auf seine Beute gewartet hatte nur um sich dann wie ein Barbar auf das Tier zu stürzen um es mit Haut und Haaren zu verspeisen. Das war damals seine Art gewesen am Leben zu bleiben, weil Gott ihn im Stich gelassen hatte und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Er hatte ihn einfach aus seinem Reich verbannt, hatte Angst, dass eine Macht zu groß werden würde. Vielleicht sogar größer als seine eigene...
    Ein lautes Läuten riss ihn aus seiner Trance. Uninteressiert blickte er auf, sauer dass er in seinem Gedankengang unterbrochen wurde und stützte sich auf seinen linken Arm.
    "Lasst sie rein", rief er laut und sofort wurde die Tür, wie schon einmal, aufgestoßen und herein trat eine ganze Schaar verängstigter Menschen, die durch Ketten aneinander gebunden waren. Ihre Blicke waren gehetzt, zögernd traten sie in die Mitte des Saals. Ein Wächter trat hinter sie, signalisierte ihnen in die Mitte des Saals zu gehen. Die Peitsche in der einen Hand, eine Fackel in der anderen, trat er hinter einen der Männer und erhob seine Peitsche drohend.
    "Geht auf die Knie vor Luzifer-sama, ihr Unwürdigen!" Luzifer grinste aufgrund der gekeiften Worte und neigte leicht seinen Kopf um dem Wächter zu danken. Luzifer sah sich die Menschen genauer an, merkte sich die verängstigten Gesicht und die getrockneten Tränen, die wohl Minuten zuvor noch in Bächen die Gesichter hinuntergelaufen waren. Ein weiterer Mann trat in den Saal, jünger als die anderen und stellte sich vor die Menschen. Nach einer kurzen Verbeugung vor seinem Herren zog er ein gerolltest Stück Pergamentpapier aus seiner langen Kutte und lass es laut vor.
    "Dies hier sind die Menschen des Nordgebiets Ascar'jah, die sich unerlaubt in unser Gebiet geschlichen haben und zwei unserer Wachen töteten. Sie trugen das Siegel Meajens' mit sich und wollten über die Westgrenze ins andere Reich." Luzifer runzelte die Stirn und lehnte sich leicht nach vorne.
    "Sie haben das Siegel Meajens'?", fragte er noch einmal nach und der Mann nickte. Der Herrscher schloss kurz seine Augen und stand dann auf. Der Botschafter rollte das Papier wieder zusammen und trat zurück, nicht aber ohne sich noch einmal vor dem ehrfürchtigen Mann zu verbeugen. Luzifer beachtete ihn nicht weiter und ging auf die Menschen zu, die immer noch zusammengekauert auf dem Boden knieten.
    "Steht auf", befahl er grob und wartete bis sich einer der Menschen seinem Befehl beugen würde. Erst langsam traute sich einer der stärkeren Männer und kam auf wackligen Beinen zum Stehen. Auch seine Wangen waren nass und Luzifer musste sich zurückhalten um nicht laut aufzulachen. Das sollten wirklich Menschen sein? Das perfekte Werk Gottes? Sie konnten ja nicht einmal aufrecht stehen geschweige denn den notwendigen Respekt zeigen. Sie heulten wie kleine Kinder und schämten sich nicht so viel Schwäche vor einem Herrscher zu zeigen, der sie jederzeit töten könnte. Er hielt sich jedoch zurück und studierte das geschundene Gesicht des Mannes lange und ausführlich. ,Er wäre ein guter Krieger, wäre er nicht so verweichlicht erzogen worden. Wirklich eine Schande.'
    "Wie heißt du?", fragte er den verschüchterten Mann. Dieser schluckte und starrte ihn mit großen Augen an, als ob er nicht verstanden hätte was der Herrscher gerade gefragt hatte. Seine Stimme brach als er leise antwortete.
    "Jerem, mein Herr." Luzifer nickte wissend und streckte seinen rechten Arm aus um den Kopf Jerems zur Seite zu drehen. Beinahe schon als Ablenkung begann er ein kleines Gespräch mit dem Gefangenen, vielleicht um demjenigen einfach die Angst zu nehmen, die ihn an seiner Untersuchung hindern würde.
    "So, Jerem. Das ist ein seltener Name. Du kommst also aus Ascar'jah?" Jerem antwortete nicht, Luzifer fühlte allerdings dass sich seine Muskeln verspannten und sein Körper steif wurde. Kein Wunder. Niemand gab gerne zu wo er lebte, wenn er in der Hand des Feindes war.
    ,Sind wir wirklich Feinde? Waren sie es nicht die uns bedrängten und unser Land erobern wollten, obwohl wir sie in Frieden leben lassen hatten? Uns interessiert das Nordreich nicht, es sind nur arme Bauern die sich um ihr Vieh und ihre Familie kümmern. Kein großer Fang und dennoch wagten sie es in unser Gebiet einzudringen um das Siegel in den Westen zu bringen?' Er schmunzelte leicht und fuhr mit einem seiner langen Fingernägel den Hals des Mannes entlang.
    "Ascar'jah muss in einer ziemlich schwierigen Lage sein, wenn ihr es tatsächlich riskiert durch unser Land zu streifen mit dem Siegel Meajens' in eurem Besitzt. Wisst ihr nicht, das wir Satane es verabscheuen solche Machtzeichen durch unser Land transportiert zu sehen? Besonders wenn es das Zeichen des Südreiches Meajens' ist?" Neben den beiden begann eine der Frauen laut aufzuschluchzen und schlug sich schnell die Hände vor den Mund um ihr Weinen zu unterdrücken. Oh ja, sie wussten was für einer Gefahr sie ausgeliefert gewesen waren, das merkte Luzifer nun. Ihre Beweggründe konnte er jedoch nicht verstehen, besonders dass der Bauer seine ganze Familie mitgenommen hatte, ohne an das Wohl seiner Frau und seiner Kinder zu denken. Waren die Menschen wirklich so weit gesunken und wollten nicht nur alleine sterben sondern mit ihrer Familie?
    Er drehte seinen Kopf leicht und starrte auf das Kind das sich schluchzend an seine Mutter klammerte. Es war gerade einmal sechs Jahre, vielleicht noch jünger.
    "Wir wollten doch nur...", versuchte der Mann sich und seine Familie zu verteidigen, wurde aber von Luzifer unterbrochen, als dieser wütend zischte: "Du redest nur wenn ich es dir erlaube. Und ich habe dir gerade eben keine Erlaubnis gegeben, oder?" Hastig schüttelte der Mann den Kopf, was nicht sonderlich gut ging, da der Herrscher immer noch seine Hand an dessen Hals gedrückt hatte. Luzifers Wut stieg wieder an, wurde so rasend wie jedes Mal wenn er eines dieser abscheulichen Wesen vor sich hatte und merkte wie selbstgefällig dieses Volk geworden war.
    ,Gott, was hast du getan? Ist dir nicht klar dass diese Rasse deinen Untergang bringen wird?' Erschreckt darüber, dass er ausgerechnet nun an denjenigen dachte, der ihn vor vielen Jahren selbst verbannt hatte, aus Angst und Wut vor ihm, grub er seine Fingernägel tiefer in das Fleisch des Mannes. Ihm war es egal ob dieser Mensch hier sterben würde, er war einer dieses Sandkörner in Luzifers, die es galt auszulöschen.
    "Denkt ihr Menschen denn nur an euch? Interessiert euch nicht das Wohl eurer eigenen Familie? Sag, Jerem, hattest du Angst alleine zu gehen und hast deswegen deine Familie mit in dein Unglück gezogen oder wolltest du einfach nur aus Eigennützigkeit mit ihnen gemeinsam sterben?" Seine Stimme senkte sich, seine roten Augen waren vernebelt und blickten eiskalt in die Jerems. Jerem öffnete seinen Mund, wollte etwas sagen, doch kein einzigstes Word verließ seine Lippen.
    "Wie armselig..." Und Luzifer grub seine Hand stärker in das warme Fleisch.

    Langsam und nicht auf den Weg achtend schritt er durch die langen Gänge des Schlosses. Er wollte weg. Weg und sofort in sein Zimmer, wollte sich den Blut vom Körper waschen und seine Kleidung wechseln, die über und über mit Blut besudelt war. Blut, das überall an ihm haftete. Blut eines Menschen, der nicht gewimmert hatte, nicht gefleht und der ihn nicht angesehen hatte mit Angst und Schmerz. Nein, dieser Mann hatte ihn mit einer Gewissheit angesehen, dass es ihm unheimlich war. Jedes Mal wenn er tötete, sah er die Angst. Die Angst die jeden trieb wenn er auch nur den Saal des Herrschers betrat. Doch genau in diesem Augenblick in dem er ausgelöscht wurde, hatte dieser Mensch keinerlei Angst gezeigt. Gleichzeitig hatte Luzifer in diesem Moment die Antwort auf seine Frage bekommen. Der Mann wollte mit seiner Familie sterben, genau das war in seinen Augen gewesen. Er wusste ganz genau, dass wenn er durch das Gebiet des Herrschers gehen würde, sterben würde und deswegen hatte er seine Familie mitgenommen um nicht alleine zu sein und friedlich bei ihnen ausgelöscht zu werden.
    Luzifer fluchte kurz und blieb stehen. Selbst das kleine Kind hatte ihn nur noch fragend angeschaut, hatte die ganze Situation nicht verstanden. War es auch glücklich mit seinem Vater zu sterben? Konnte man wirklich solche Sehnsucht nach jemandem haben, dass man sogar mit ihm sterben würde?
    Unfreiwillig kreisten Luzifers Gedanken zu Gott, der, der nun weinen würde. Weinen um drei seiner Kinder, die von einem seiner ehemaligen Kinder getötet worden waren. Und sein Hass würde immer mehr werden, auf das Kind, dass er einst aus seinen schützenden Armen entlassen hatte.
    Luzifer hingegen weinte nicht. Er hasste. Hasste diese Schwäche von sich selbst, die er nicht haben durfte und niemals wieder haben würde. Er hasste, dass er dauernd an seinen Schöpfer dachte, der ihn im Stich gelassen hatte um ihn sterben zu sehen. Doch er würde nicht sterben. Nicht in dem fünzigtausendzweihunderdreißigsten Jahr seit seiner Verbannung. Er würde erst dann sterben wenn er noch einmal in diese Augen schauen würde, die ihn einst so liebevoll angeschaut hatten. Dan könnte er sterben, erst dann, vorher nicht.
    Und Luzifer begann die stummen Worte Jerems zu verstehen und er fluchte.
    ,Dumme Menschen...'


    Kapitel 2: Knocking on heaven's door or: Heaven's hell
    Ich war gerade einmal zwölf Jahre alt als ich Kami-sama zugeteilt wurde, dem großen Herrscher des Himmels. Erst war ich überrascht, dass man ausgerechnet mich für solch einen Dienst genommen hatte, aber anderseits... warum eigentlich nicht? Man hatte mir schon oft gesagt, dass ich sehr zuverlässig war und ordentliche Manieren hatte, die im Himmel grundsätzlich vorgeschrieben waren, jedoch nicht sonderlich von vielen beachtet wurden. Ich dachte mir also, dass es doch nicht schwerer sein konnte als einem der hohen Fürsten zu dienen, was ich mein ganzes Leben schon tat - nichts anderes gewohnt war. Ich irrte mich und das wurde mir sogar relativ schnell bewusst. Schon im ersten Moment in dem ich das Zimmer Kami-samas betrat.

    Meine Familie stammte von einem armen Adligen ab, der schon Jahrzehnte den Höheren gedient hatte und dessen Vorfahren irgendwann einmal bankrott gegangen waren und so in der Schuld der hohen Fürsten waren. So wurde unser ärmliches Schicksal von Generation zu Generation weitergereicht bis mein Vater letztendlich starb und mich und meine Mutter alleine im Himmel ließ. Von da an musste ich seinen Platz einnehmen und fing schon mit ungefähr vier Jahren an den Fürsten nach der Pfeife zu tanzen.
    Sie sahen verächtlich auf mich herab, lachten mich jedes Mal aus wenn einer der großen Porzellanteller aus meinen kleineren Händen fiel und ich als Bestrafung jedes Mal vom Küchenchef geschlagen wurde und ohne Lohn nach Hause ging.
    Damals hasste ich denjenigen den sie Gott nannten sehr. Wenn er tatsächlich so gutmütig war, wie alle sagten und Gleichgewicht auf der Erde haben wollte, warum kümmerte er sich dann nicht auch um den Himmel? Sollte er doch erst die Probleme bei uns regeln und dafür sorgen, dass auch wir einfachen Diener unser Recht bekamen und nicht wie Dreck behandelt wurden. An uns dachte er aber nicht, ignorierte uns als hätte er uns nicht erschaffen. Dabei waren wir doch seine engsten Kinder, die ersten die er erschaffen hatte... oder?
    Ich weiß noch ganz genau wie meine Mutter ich immer in den Schlaf geweint hat, seitdem Papa gestorben war. Jede Nacht konnte ich ihr verzweifeltes Schluchzen hören und wollte am liebsten auch dort hin wo Papa war. Da war es bestimmt schöner als in dieser Hölle, die sich trügerisch Himmel nannte.
    Also lag ich jeden Abend da und versuchte dieses Weinen zu ignorieren, dass durch die dünne Wand drang und sich bis in mein Gehirn schlich, in meinem Trommelfell ein seltsames Pochen auslöste. Irgendwann war es mir dann zuviel und ich stülpte das Kopfkissen über meinen Kopf um nichts mehr hören zu müssen. Die eigene Schuld blockte es jedoch nie aus...

    "Mama...?" Ganz leise ging ich langsam in das kleine Zimmer, beobachtete jede kleine Bewegung die meine Mutter machte als sie das Geschirr abwusch. Ich konnte sehen wie ihre Schultern zitterten und ihre Knöchel weiß hervortraten als sie den Teller immer fester umklammerte. Ich war wieder durch ihr Weinen wach geworden, wie jeden Morgen.
    Und wie jeden Morgen fand ich sie dann in der Küche, wie sie sich irgendwie beschäftigte. Entweder sie putzte so lange bis man sich selbst im Fußboden sehen konnte oder sie wusch das Geschirr mehrere Male ab, egal wie sauber es war. Es war ihre Art alles zu vergessen. Zu vergessen, dass wir so arm waren und dass wir keinen Papa mehr hatten. Ich glaube ich war um diese Zeit ungefähr sieben Jahre alt, wusste noch nicht wirklich warum Mama eigentlich weinte. Ich wusste nur, dass es etwas mit meinem Papa zu tun hatte. Mehr nicht. Aber mehr wollte ich in diesem Moment eigentlich auch nicht wissen. Es reichte mir völlig.
    An diesem Tag war ich mit einem seltsamen Gefühl aufgestanden. Teils weil meine Mutter dieses Mal so laut geweint hatte, dass es durch die ganze Wohnung drang ( - sie nahm sonst immer Rücksicht und versuchte mich nicht zu wecken, auch wenn es ihr nie gelang.), teils weil ich merkte, dass sie nicht nur aus Trauer weinte. Sie weinte auch aus Wut und ich konnte sehen WIE wütend sie war, als sie einen der, mehr oder weniger, teuren Teller auf die Spüle knallte und sich zu mir umdrehte. Ihr Gesicht war blass, dunkle Ränder zeichneten sich unter ihren Augen ab und ihre Wangen waren ganz eingefallen. Ihr ganzes Gesicht sah aus als wäre es dass einer sehr, sehr alten Frau. Vielleicht war es das auch. Ich wusste nicht wie alt sie wirklich war. Ich hatte sie nie gefragt. Heute bereue ich es irgendwie. Hätte ich sie fragen sollen...?
    Ich konnte ganz genau erkennen wie die Tränen langsam auf ihren Wangen trockneten und leichte Spuren hinterließen. In ihren Augen lag etwas dass mir Angst machte und vorsichtig trat ich einen Schritt nach vorne, wollte mich vergewissern, dass sie nicht auf mich so wütend war - ein dummer Gedanke, ja. Ohne ein Wort zu sagen starrte sie mich an. Minuten, Stunden, ich wusste es nicht. Ich starrte zurück und irgendwann gab ich dann auf und senkte den Blick. Sie hatte nie mit mir über Papas Tod gesprochen, hatte es immer gemieden und ich hatte sie auch nicht dazu gedrängt. Was aber in diesem Blick lag, sagte mir alles. Ich brauchte sie nicht zu fragen oder ihr zuzuhören, ich wusste all das was ich wissen musste;
    Sie gab mir die Schuld an Papas Tod. Und sie versuchte auch nicht es vor mir zu verbergen. Eine ganze Zeit lang ignorierte sie mich, verleugnete dass ich überhaupt existierte und jeden Tag ging ich zur Arbeit ohne den Segen meiner Mutter, dass ich gesund wieder nach Hause kommen würde. Damals dachte ich, dass sie mich vielleicht gar nicht mehr haben wollte. Dass sie nichts mehr sagte, weil sie hoffte dass mir irgendetwas passieren würde. Ich lag falsch. Sie hoffte nicht nur, nein, sie wünschte es sich aus ganzem Herzen.
    An dem Tag an dem meine Mutter starb, war ich die ganze Zeit an ihrem Bett, doch sie sah mich kein einzigstes Mal an. Selbst während sie dem Tod immer näher rückte konnte sie mir nicht verzeihen, mir nicht einmal in die Augen blicken. Ihrem eigenen Sohn. Dennoch hielt ich ihre Hand. Vielleicht um mich selbst zu vergewissern, dass sie trotz allem noch meine Mutter war und immer für mich gesorgt hatte - wenigstens für eine kurze Zeit mit mir und Papa glücklich gewesen war.
    Als sie ihre Augen schloss, lächelte sie. Bestimmt hat sie Papa getroffen. Mich würde interessieren, ob sie mir verziehen hat. Ich hoffe es... das ist alles was mir bleibt.
    Nach ihrem Tod lebte ich allein in der kleinen Wohnung, versuchte für mich selbst zu sorgen, hörte nichts von Verwandten oder anderen Leuten die mich vielleicht hätten aufnehmen können. Sie hatten alle keinen Platz. Wir waren eine arme Familie, ein Waisenkind konnten sie alle nicht gebrauchen. Noch ein Maul, dass ernährt werden musste. Dabei ernährte ich mich schon seit Jahren selbst, im Grunde war es mir aber sowieso egal. Hauptsache ich konnte in dem kleinen Zimmer bleiben, in dem es immer noch nach meinen Eltern roch.

    Ich bat nicht zu Gott - ich tue es heute auch noch nicht, auch wenn ich einer seiner Diener bin. Für mich machte es keinen Sinn so etwas zu tun, da ich wusste, dass er uns nicht erhören würde. Was würde er für uns schon tun können? War es doch unsere Aufgabe so behandelt zu werden.
    War der Himmel wirklich so schön wie man sich sagte. Nicht wenn man selbst dort lebte, keine Ruhe fand und sich durch jede einsame Nacht quälte. Die Nächte in denen man Angst hat, der Mann mit der Sense würde kommen. Der Mann, von dem alle sprachen, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt hatten als ich noch ganz klein war.
    Fürchte dich nicht vor dem Sensenmann, den der tut nur den kleinen Kindern was an. Also wachse schnell und werde stark, dann kann er tun was er mag. Der Sensenmann, so groß und stark...
    Den Rest kenne ich nicht mehr. Es ist schon lange her. Aber es hat damals gereicht mir jedes Mal Angst einzuflößen.
    Es hieß der Sensenmann lebt in der Hölle und viele Menschen im Himmel fürchten ihn deswegen nicht. Ich schon, denn für mich ist hier die Hölle.

    Als ich mit meinen spärlichen zwölf, unerfahrenen, Jahren in das Zimmer Kami-samas eintrat, zitterten meine Knie. Auch wenn ich mir tausend Mal sagte, dass es nichts besonderes war, so wusste ich, dass es das doch war. Sogar etwas sehr Besonderes. Jeder wusste es, ich versuchte es nur zu verdrängen. Eigentlich sollte es mir damals eine Ehre gewesen sein, ich empfand es aber vielmehr als eine Bestrafung. Musste man mich zu demjenigen schicken, der sich eigentlich um mich kümmern sollte, aber nicht einmal meinen Namen kannte?
    Zögernd betrat ich also das Zimmer des Fremden, den jeder so sehr lobte und der so viel Macht hatte.
    Meine großen blauen Augen schauten sich suchend um und ich dachte gar nicht erst daran, dass es unhöflich sein konnte, einfach so das Zimmer anzustarren. Hatte ich auch noch vergessen zu klopfen?

    Am I really knocking on heavens door...?

    War ich einfach so in das Zimmer reingegangen? Bevor ich in meinem Kopf nach der Antwort suchen konnte, räusperte sich jemand mir und ich drehte mich hastig um. Was ich dann sah, hielt ich beinahe schon für einen schlechten Scherz. Vor mir stand ein Jugendlicher, nicht älter als sechzehn. Er lächelte und seine glasklaren Augen blinzelten mich an. Es waren aber keine Kinderaugen, es fehlte das feurige Funkeln, dass ich bei jedem von uns sah und in ihnen lag irgendwie eine große Müdigkeit, als ob sie schon seit Jahrhunderten über etwas wachten.

    Are you really watching me...? Out of your little window with the blue curtains?

    Lächelnd ging er an mir vorbei, sagte kein Wort. Gleichzeitig bemerkte ich das lange Gewand das er trug, und die schwere Kette die um seinen Hals hing (Anm.: meine Deutschlehrerin würde mir vermutlich für diesen Satz einen Fehler geben ^^" Immerhin trägt er die Kette nicht selbst und weiß nicht ob sie schwer ist oder nicht... ignoriert es einfach XD). Die Kette bedeutete Macht, zumindest hatte ich das irgendwann einmal gehört. Was für eine Macht sie allerdings repräsentierte wusste ich nicht. Ich hatte damals nur mit einem Ohr zugehört und mir um meine Mutter Gedanken gemacht. Meine Mutter, die jetzt nicht mehr existierte...
    Der Junge setzte sich auf einen der großen Stühle und winkte mich zu sich. Verunsichert und leicht nervös ging ich auf ihn zu und blieb vor ihm stehen. Fragend schaute ich ihn an, wollte ihn etwas fragen, ließ es dann aber.
    "Du musst Lunor Isaan sein, nicht wahr?", fragte er mich leise, so leise, dass ich ihn fast nicht hören konnte und doch kam es mir vor als würde seine Stimme den ganzen Raum erfüllen. Seine Stimme war tief aber sanft und warm. Ich wurde leicht rot und nickte schüchtern. Insgeheim wunderte ich mich warum ich nichts sagte und so unbeholfen da stand, hatte ich doch sonst immer etwas zu sagen. Vielleicht kam es daher, dass ich nicht wusste wer vor mir war und wie ich ihn ansprechen sollte. Als ob er meine Gedanken gelesen hatte, lächelte der Junge noch breiter und lehnte sich nach vorne, sodass seine Nase beinahe meine berührte.

    Do you see what I see? One door, seems so far away. 'Want to reach for it?

    Are you really knocking on heavens door?

    Ich starrte für eine Weile - eine ziemlich lange "Weile", wie ich später feststellte - in seine Augen, verlor mich in diesen tiefen Seen. Er ließ mich eintreten, ließ mich immer tiefer in diesen See gleiten, führte mich sogar. Er war blau, der See, aber auch ruhig. Die Ruhe störte ein wenig, kein See sollte so ruhig sein, oder? Aber diese Ruhe täuschte - dieser blaue See, der kein einzigstes Wort von sich gab oder irgendwie zeigte, dass er existierte begann sich zu verändern. Er verschmolz mit etwas anderen, etwas dass sich immer weiter ausbreitete und den blauen See überzog, bis er... blutrot war. Ich wollte zurückweichen und aus diesem See entkommen, doch irgendetwas hielt meinen Fuß fest und zerrte mich zurück. Langsam formte sich ein leises Wimmern aus dem See und all die Traurigkeit, Einsamkeit und unendliche Müdigkeit zerdrückten mich und sanken alle auf einmal in mich hinein.
    Mit einem kräftigen Ruck stieß ich den Jungen von mir und begann langsam wieder das Zimmer klar zu sehen, ohne Wellen, ohne die Farbe des Blutes, dass sich gerade noch an meinem Körper entlang geschlichen hatte. Als ich aufblickte, grinste der Junge immer noch, dieses Mal grinsten seine Augen jedoch nicht mit. Hatte er Angst, dass ich ihn nun fürchten würde, nachdem ich so tief in seine Seele gesehen hatte? Nun, das tat ich auch.

    Is it real what you see? Do you want to knock, to knock down this shield of undying glass, that seems to stop you!?

    Do you really... really want to knock on heavens door?

    Letztendlich nannte er mir doch noch seinen Namen und als er das tat, gefror mir das Blut in meinen, so oder so schon kalten, Adern.

    "Ich heiße übrigens Gott, der große Herrscher. Du kannst mich aber auch einfach Kami-sama nennen." Er grinste noch mehr und zwinkerte mir zu. "Freut mich dich kennen zu lernen, Lunor."

    Is this heaven? Is this heavens door? Or is it something else...

    No, you're not knocking on heavens door.
    Because this... is Heavens hell


    Kapitel 3: Don't fear the demons
    Er seufzte und schaute sich gelangweilt um. Der Saal war gefüllt mit Debatierenden, die heftig miteinander diskutierten - über was genau war ihm im Grunde vollkommen egal. Er lächelte leicht und stand dann gemächlich auf. Die Blicke seines Gegenübers ignorierend schob er den Stuhl langsam zurück und verbeugte sich leicht.
    "Wenn Sie mich entschuldigen würden." Sein Gegenüber runzelte leicht die Stirn, nickte aber nur und wandte sich dem Mann neben ihm zu, der anscheinend wieder irgendeine Neuigkeit hatte.
    Genervt durchquerte er mit großen Schritten den Saal und fand sich bald auf der anderen Seite wieder, sein eigentliches Ziel, die große Marmortür, die von zwei finster aussehenden Wachen bewacht wurde. Er räusperte sich kurz und ging auf die Wachen zu, machte keinerlei Anstalten als wollte er noch länger auf dieser Versammlung bleiben, auf der so oder so nur die neusten Gerüchte verbreitet wurden.
    ,Wie ein Kaffeekränzchen an dem die Frauen den neusten Tratsch austauschen', schoss es ihm durch den Kopf und sein Blick verdüsterte sich. Warum war er der Einzigste der zu dieser dummen Veranstaltung musste? Hätten nicht die anderen gehen können? Doch er wusste wieso ausgerechnet er gehen musste und das machte ihn noch wütender. Er freute sich darauf wieder in das heimatliche Schloss zu kommen und endlich in seinem Zimmer alleine sein zu können. Er hasste solche Menschenmengen, vor allem wenn sie so naiv und tratschig waren wie an diesem Ort.
    Die Wachen musterten ihn kurz und winkten ihn dann durch die Tür. Er verstand ihre Regeln nicht, egal wie oft er versucht hatte diese zu studieren, selbst eigene Praxis hatte ihm nichts gebracht. Früher hatte er seinem Vater nie geglaubt, wollte die Welt dort draußen sehen die angeblich voller schöner Dinge war und wollte die freundlichen und starken Menschen sehen, die von Gott erschaffen worden waren. Alles nur eine große Lüge. Die Enttäuschung die er erfahren hatte als er genau das Gegenteil feststellen musste, hatte ihm den Geschmack auf die Menschenwelt genommen. Anderseits hoffte er auch, dass es nicht überall gleich auf der Welt war und wenn auch nur ein kleiner Hoffnungsschimmer noch übrig blieb, würde er ihn nur zu gerne behalten und aufbewahren.
    Hinter der Tür lag ein langer Gang, der zum großen Haupttor führte und vor dem die ganzen Kutschen und Pferde der Menschen waren, die sich in dem großen Saal versammelt hatten. Er kam an Zimmern vorbei an denen er lautes Schreien hörte oder auch nur ein leises Stöhnen. Es ekelte ihn an, dass manche Menschen diese Versammlung als geeignete "Partnerbörse" nutzten und ihren Spaß mit den jungen Dienerinnen des Schlosses suchten um sie dann nach ein paar Gläsern Bier in eines der Zimmer abzuführen um sie da willig zu machen. Dass der Schlossherr davon nichts wusste glaubte er nicht, auch wenn dieser immer ganz empört war wenn sich wieder einmal einer seiner Gäste über das laute Treiben hinter den Türen beschwerte.
    ,Als hätte man nichts besseres zu tun...', dachte er wütend und beschleunigte seine Schritte. Er wollte keinen Moment länger hier in diesem Schloss bleiben als nötig.
    Bevor er jedoch an der letzten Tür vorbei gehen konnte wurde diese aufgerissen und ein Mann torkelte heraus. Nachdem dieser vollkommen außer Atem auf dem Boden fiel wurde die Tür auch wieder zugeschlagen und Stille kehrte ein - wenn man das Gestöhne hinter den anderen Türen außer Acht ließ.
    Der Mann war, wie er sehr schnell feststellte, noch eher ein Junge und als er einen Blick auf die spärliche Kleidung warf die der Kleinere anhatte, stöhnte er leise auf. Nun waren auch schon jugendliche Stricher auf dieser Versammlung.
    ,Das wird ja immer besser...'
    Der Junge hustete und wischte sich das, beinahe schon angetrocknete, Blut von der Lippe. Er schnaubte kurz und rappelte sich dann wieder auf. Erst als er sich in die Richtung des Mannes drehte, der wie angestarrt dastand und nicht gerade einen freundlichen Eindruck machte, hob er seine Nase hoch und stolzierte hochnäsig an dem Mann vorbei.
    "Was schaust du denn so? Noch nie einen Stricher gesehen?", zischte er verächtlich als er an dem Größeren vorbeiging. Dieser lächelte nur leicht und würdigte dem Jungen keines Blickes mehr.
    Er musste hier raus - so viel Hochmütigkeit und Stolz von einem Stricher, der nichts anderes tat als seinen Körper freiwillig jedem beliebigen Betrunkenen anzubieten, war eine Kränkung in seiner Ehre, wenn er sich noch länger hier aufhalten würde.

    "Téanemus-Arcem. Thronfolger." Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde Téanemus von einer Wache abschätzend beäugt und wurde dann durch das riesige Tor gelassen. Er wusste, dass er bei dem Personal nicht sonderlich beliebt war, allerdings interessierte es ihn nicht das geringste. Sie konnten nicht verstehen wie er, einer der jüngeren Söhne Luzifer-samas, Thronfolger werden konnten. Sie erfanden Geschichten, dass er seinen Vater erpressen würde oder irgendein Geheimnis hatte, welches sie nicht kannten. Er hatte keine Geheimnisse, so etwas brachte nur Unglück und es würde ihnen einen Grund geben ihn noch mehr zu hassen (- nicht dass es ihm etwas ausmachen würde. Es wäre nur unangenehm, mehr nicht...)
    Gelangweilt ging er in Richtung Thronsaal um seinen Bericht abzuliefern und stellte amüsiert fest, dass das Personal immer mehr zurückwich wenn er auftauchte. Téanemus schätzte es gefürchtet zu werden, auch wenn er es eigentlich nicht darauf ankommen ließ. Angst, das sah er jedes Mal in ihren Augen. Sie fürchteten ihn, ihn den siebten Satan. Dabei hatte er noch nie etwas getan was ein Grund für diese Angst sein könnte. Zumindest nicht, dass er es wüsste. Natürlich könnte es sein, dass er etwas unbewusst getan hatte - vielleicht ein verachtender Blick oder ein gelangweiltes Stöhnen? Nein, im Grunde erfüllte er nicht den Ruf eines Satans. Nicht so wie seine älteren Brüder.
    Kaum dachte er an seine Brüder, sah er auch schon zwei schwarze Haarschöpfe auf ihn zurasen. Téanemus grinste und wartete bis die zwei Wirbelstürme bei ihm angekommen waren. Diese sogenannten Wirbelstürme waren die jüngsten Kinder Luzifer-samas, Meridot und Peridot, und waren gerade dabei ihren älteren Bruder mit Fragen zu überschütten. Dieser lachte nur und hob abwehrend die Hände.
    "Jetzt mal langsam. Nicht beide auf einmal. Ihr werdet später schon noch alles erfahren. Außerdem war es gar nicht so toll", erzählte er ihnen und fuhr sanft mit seiner Hand durch ihre weichen Haare. Er liebte es mit den Haaren der Zwillingsbrüder zu spielen, waren sie doch fast die einzigsten, die ihm noch ein Lächeln schenken konnten. Ein wehmütiges Glitzern spiegelte sich in seinen Augen wieder und er seufzte leise. Auch wenn er es nicht sofort zugeben würde, liebte er seine beiden kleinen Brüder über alles und würde sogar für sie sterben um sie zu schützen. Sie waren seine Hoffnung, dass nicht alle ihn fürchteten, vor ihm Angst hatten. Allerdings wurde es ihm immer mulmig wenn er daran dachte, dass sich ihre Freundlichkeit ihm gegenüber auch ändern könnte. Was wenn sie den wirren Geschichten des Personals glauben würden und ihn dann nur noch mit solch verächtenden Blicken anstarren würden wie die anderen es taten? Er wollte dass die beiden für immer seine kleinen Freunde bleiben würden, dass sie ihn so sehen würden wie er eigentlich in Wirklichkeit war und keine Angst vor ihm hatten. Das wünschte sich Téanemus.
    Meridot und Peridot blinzelten ihn beide kurz an und lächelten dann wieder, wussten sie doch nicht was gerade in dem Kopf ihres älteren Bruder umherschwirrte. Aufgeregt zogen sie an Téanemus um ihn endlich in den Thronsaal zu bringen, wo ihr Vater schon ungeduldig auf die Rückkehr des Thronfolgers wartete.

    Als Téanemus den großen Saal betrat musste er schlucken. Die ganze Familie war anwesend und am hinteren Ende saß, auf dem Thron, sein Vater, Luzifer, der ihn aus emotionslosen Augen ansah. Was ihn mehr beunruhigte waren seine älteren Brüder die ihn verachtend ansahen und hinter seinem Rücken über ihn tuschelten. Unsicher trat er ein paar Schritte nach vorne und ging auf die Knie.
    Luzifer sah ihn musternd an und nickte dann mit dem Kopf, das Signal, dass er wieder aufstehen durfte. Téanemus suchte nach seiner Stimme die ihm, wie jedes Mal wenn seine älteren Brüder anwesend waren, versagte. Diese lächelten nur und durchbohrten ihn mit eisernen Blicken, so als wollten sie sagen: Verräter! Du gehörst nicht auf den Thron - was er im Grunde auch nicht tat, allerdings konnte er sich nicht gegen die Entscheidung seines Vaters stellen und seine Brüder trauten sich nicht Einspruch gegen den Beschluss Luzifers zu erheben, kannten sie doch nur zu gut die Konsequenzen, die es mit sich bringen würde.
    Er räusperte sich kurz und fing dann an seinen Bericht vorzutragen.
    "Ich war an der Versammlung in Hermje und es wurde einstimmig beschlossen, dass..." Er schwieg kurz, traute sich seinem Vater nicht in die kalten Augen zu schauen. "... der Friedensvertrag zwischen Himmel und Hölle fortbesteht." Er kniff die Augen zusammen und wartete auf die Reaktion seines Vaters, während er die stechenden Blicke in seinem Rücken spürte, spürte wie sie lachten und sich auf die folgende Bestrafung freuten. Als Luzifer jedoch nichts sagte, wagte er sich leicht seinen Kopf zu heben und seinen Vater anzuschauen. Dieser blickte ruhig auf seinen Sohn, keine einzigste Bewegung zeigte ob er wütend oder zufrieden war. Als Téanemus allerdings in seine Augen sah kannte er die Antwort. Blitze zuckten wirr durch die roten Augen, die beinahe schon dämonisch glühten.
    ,Fürchte ihn nicht. Fürchte ihn nicht, sonst ist alles verloren und du kannst dich als Asche von dem Personal aufsammeln lassen, während sie verachtend auf dich spucken und sich über dein Hinrichtung freuen. Also fürchte dich nicht..', versuchte er krampfhaft in seinem Kopf zu behalten.
    Luzifer schloss seine Augen und zischte leise hinter zusammengebissenen Zähnen: "Einstimmig beschlossen?" Der Raum war mucksmäuschenstill, keiner sagte ein Wort, keiner traute sich überhaupt noch zu atmen. Téanemus schluckte noch einmal und nickte leicht.
    "Ja, Luzifer-sama. Einstimmig beschlossen." Er wusste dass er somit sein Urteil gesprochen hatte. Luzifer war nicht gnädig, selbst bei seinen eigenen Söhnen nicht. Sie waren seine Nachfolger, das hieß aber nicht, dass er sie auch dementsprechend behandeln musste. Im Gegenteil; er konnte noch grausamer zu ihnen sein, als zu irgendeinem Boten, der schlechte Nachrichten brachte ( - was zum Glück nicht allzu oft passierte.)
    Die roten Augen des Herrschers begannen verräterisch zu glühen, ein Knurren löste sich aus seiner Kehle und ließ den ganzen Raum erzittern.
    "Das heißt du hast auch für den Friedensvertrag gestimmt?" Die Drohung war nicht zu überhören und obwohl Téanemus wusste, dass er den Bogen schon zu weit gespannt hatte, war es ihm jetzt nicht mehr sonderlich wichtig und er stimmte zu.
    "Ja, das habe ich, Luzifer-sama. Ich habe dem Friedensvertrag zugestimmt." Einer seiner älteren Brüder schnaubte verächtlich und aus seinen Augenwinkeln konnte er sehen wie ihn Meridot und Peridot traurig ansahen. Sie wussten ganz genau, was er getan hatte.
    Luzifer-sama lächelte erst leicht, dann verzog sich sein jugendliches Gesicht zu einem breiten Grinsen und schließlich brach er in schallendes Gelächter aus.
    "Mein eigener Sohn hat für den Fortbestand des Friedensvertrags gestimmt! Nein, so etwas amüsantes habe ich wirklich schon lange nicht mehr gehört." Seine Stimme klang aber nicht sehr amüsiert, sondern wütend und beinahe schon gequält.
    Auch wenn Téanemus erwartet hatte dass sein Vater wütend sein würde, war er überrascht über das gepeinigte Lachen dass immer noch durch den Saal hallte. Hatte es ihm tatsächlich soviel bedeutet, wieder Krieg mit dem Himmel führen zu können? Oder steckte vielleicht etwas anderes dahinter...
    Als sein Vater jedoch aufhörte zu lachen und ihn wieder ansah war das Letzte was er mitbekam der Aufschrei seiner beiden kleinen Brüder...

    Wie viele Stunden er nun schon in diesem Kerker verbrachte wusste er nicht. Vor einiger Zeit war er hier aufgewacht, spürte eine Seite seines Körpers nicht mehr und bemerkte, dass ihm Blut über die ganze linke Seite seines Gesichts lief. Er war nicht geschockt oder hatte Angst. Das nicht. Er spürte nur die Schmerzen die durch seinen ganzen Körper liefen und ihn lähmten. Téanemus hatte gewusst dass Luzifer-sama so reagieren würde, warum auch nicht? Er hatte ihn verärgert und es war sein gutes Recht ihn dafür zu bestrafen.
    Er war schon einmal in diesem Kerker gewesen, damals als er seinem Vater nicht gehorchen wollte. Mit sechs Jahren wurde er für zwei Wochen in diesem Kasten aufbewahrt und wurde regelmäßig von einem der netten Wächter besucht. Seitdem hatte er versucht seinem Vater alles Recht zu machen, seine Aufgaben gut zu erfüllen und all das zu tun, dass seinen Vater nicht wütend machte. Luzifer-sama sollte stolz auf ihn sein, sollte ihn achten und sollte ihn respektieren. Es trat nie ein und inzwischen hatte er es aufgegeben. Solange er Luzifer nicht fürchtete war es in Ordnung. Das hatte er eingesehen.
    Müde hob er seinen Kopf als die Kerkertür aufgeschlossen wurde und jemand hereintrat. Es war ein Wächter. Langsam kam dieser auf Téanemus zu und grinste.
    "Lange nicht mehr gesehen, nicht wahr, Süßer? Ich habe dich vermisst." Und Téanemus schloss die Augen, denn erst wenn er seine Angst überwunden hatte durfte er hinaus. Er wollte nicht fürchten und er wollte auch nicht hören wie, nach ein paar Minuten, der Mann anfing seinen Gürtel aufzuschnallen und leise lachte. "Lass uns ein bisschen Spaß haben, ja?" Gelähmt und unfähig irgendetwas auszurichten biss er die Zähne zusammen und ignorierte die rauen Hände auf seiner brennenden Haut. Er wollte nicht hier in diesem kalten Kerker sein, er wollte nicht alleine sein. Er wollte nur...

    Er wollte nur, dass ihn jemand verstand und ihn nicht fürchtete wie all die anderen. Das war alles.


    Kapitel 4: Holy Sin - A burden I don't want to bear
    [Long Lost Love]

    Trees have dropped their leaves,
    Clouds their waters
    All this burden is killing me

    Distance is covering your way,
    Tears your memory
    All this beauty is killing me

    Oh, do you care,
    I still feel for you
    So aware,
    What should be lost is there

    I fear I will never find anyone
    I know my greatest pain is yet to come
    Will we find each other in the dark
    My long lost love

    - Nightwish "Beauty of the beast"


    Endlich war er alleine. Sein Kopf tat ihm weh und selbst aufrecht stehen fiel ihm schwer. Wann hatte es angefangen solche Auswirkungen zu haben? Seit wann nahm er seine Umgebung nur noch als störende Schatten war?
    Müde ließ er sich auf das große Doppelbett nieder und schloss seine Augen. Drei Stunden hatte er sich nun mit dem Jungen unterhalten, den man ihm als neuen Diener eingeteilt hatte, und der anfangs zwar noch misstrauisch gewesen war, sich aber nach und nach geöffnet hatte. Es freute ihn mal wieder etwas Abwechslung zu haben und die Anwesenheit des Jungen störte ihn nicht. Im Gegenteil, er hatte es sehr genossen. Seit langem fühlte er sich wieder etwas fröhlicher. Er hatte den Jungen mit dem seltenen Namen Lunor Isaan, lange beobachtet und war erstaunt darüber, dass er ihn so klar wahrnahm. All die Personen in seinem Umfeld verschwammen nach einer gewissen Zeit und verloren ihre Gesichter. Sie gingen an ihm vorbei, wie ein kühle Sommerprise, die kurz da war und dann wieder verschwand. Er konnte sich an viele nicht mehr erinnern.
    Was ihn allerdings an dem Jungen störte war diese unglaubliche Neugier, die er besaß. Schon als Lunor Isaan das Zimmer betreten hatte, hatte er dessen jugendliche Abenteuerlust bemerkt und genau das bereitete ihm Sorgen. Die Aufmerksamkeit mit der er alles untersucht hatte machte ihn, den Herrscher, nervös und in dem Moment in dem der Junge ihm so intensiv in die Augen gesehen hatte, hätte er beinahe seine Kontrolle verloren...
    Die Schmerzen in seinem Kopf begannen zu wachsen und als er es nicht mehr aushielt stand er wieder auf und ging langsam ans Fenster. Der Himmel war kein trostloser Ort, das nicht, allerdings hatte er schon lange seine Freude daran verloren. Früher hatte er es geliebt an seinem Fenster zu stehen und das Treiben der Menschen zu beobachte, die ihr Dasein lieber im Himmel als auf der Erde verbrachten. Es war zur Routine geworden und irgendwann begann es ihn zu langweilen. Auch die Erde interessierte ihn nur noch wenig. Die Menschen begannen ihre eigene Geschichte und er wusste dass sie bald nicht mehr an ihn glauben würden. Es interessierte sie nicht mehr von wem oder wie sie erschaffen wurden, solange sie weiter existierten und ihr Leben weiterführen konnten. Er versuchte es so gut es ging diese Gedanken zu ignorieren, diese Intoleranz zu akzeptieren und dennoch machte er sich Vorwürfe. Hatte er eine solch schwache Rasse geschaffen, die ihn nach ein paar Jahrhunderten wieder vergessen würden, verleugneten dass es ihn gab?

    Gott sah nach draußen und während er das Kommen und Gehen verschiedener Personen verfolgte, registrierte er langsam warum alles seinen Reiz verloren hatte und warum er an diesem Tag ausdrücklich angeordnet hatte niemanden außer seiner Diener zu ihm zu lassen und alle Versammlungen abzusagen.
    Es war genau 50230 Jahre her. Wie von einem Blitz getroffen zuckte er zusammen und schluckte.
    "50230 Jahre... schon so lange." Er senkte seinen Blick und betrachtete seine Hand, die ruhig auf dem Fenstersims lag. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, als er ihn das letzte Mal gesehen hatte und doch konnte er sich noch ganz genau an sein Gesicht erinnern. An die leuchtend roten Augen, die ihn jedes Mal durchbohrten, an die langen schwarzen Haare, die sich wie weiche Seide anfühlten und die er so gerne in seine Hand genommen hatte. Er sehnte sich nach diesem Gefühl und er wünschte sich zum zweiten Mal an diesem Tag einfach unsichtbar zu werden und von dieser Welt verschwinden zu können. Er wollte niemanden mehr sehen und mit niemanden mehr reden, alles was er berührte erinnerte ihn an diesen einen Tag an dem sich alles verändert hatte und an dem er das letzte Mal ein Lächeln zu Stande gebracht hatte.
    Viele Nächte hatte er alleine verbracht und öfters war er einfach in dem großen Bett gelegen und hatte sich nach jemandem gesehnt, der ihn in den Arm nehmen würde und ihm sagen würde, dass alles gut wird. Jedes Mal wurde er enttäuscht und irgendwann hatte er aufgehört auf diesen bestimmten Jemand zu warten.
    Er lächelte leicht und seufzte. Das letzte Treffen mit seinem verbannten Kind lag schon Jahrhunderte zurück und er sehnte sich danach ihn wieder zu sehen, auch wenn er wusste, dass es ein verbotenes Gefühl war. Er hatte keine andere Wahl gehabt; alles was er tun konnte um die Lebewesen auf der Erde zu schützen war die ewige Verbannung. Und genau diese Verbannung lag nun 50230 Jahre zurück.
    Gott verzichtete auf seinen Titel, er wollte nicht als großer Herrscher gesehen werden und er wollte nicht dass all die Menschen, die ihm begegneten so unendlich freundlich zu ihm waren, hofften dass er sie beachten würde und letztendlich etwas für sie dabei herausspringen würde. Anscheinend war es ein sehr großer Vorteil den Herrscher des Himmels persönlich zu kennen. Dennoch wollte er diese vorgeheuchelten Worte nicht hören und distanzierte sich immer mehr von seiner Umgebung. Was brachten diese Worte der Aufmunterung wenn sie nicht wirklich ernst gemeint waren?
    Mussten sie sich bei ihm wirklich so einschmeicheln dass sie Erfolg hatten? Hatte er solche verräterische Kreaturen erschaffen, die nicht auf ihren Stolz achteten und einfach demjenigen hinterher rannten, der ihnen einen Vorteil verschaffen konnte!? Jedes Mal wenn er die Menschen betrachtete und einen Blick auf den blauen Planeten warf, wuchs seine Wut und seine Trauer. Hatte er einen Fehler gemacht? War alles was er erschaffen hatte wirklich so ohne Würde und so schwach, dass sie selbst nicht ohne Unterstützung überleben konnten? Nicht alle...
    "Woran denkst du?" Er konnte hören wie amüsiert sie war und legte leicht den Kopf in den Nacken.
    "Wie bist du hier rein gekommen? Ich habe den Wachen doch gesagt, sie sollen niemanden hereinlassen", gab er trocken zurück und wartete auf ihre Antwort, auch wenn er sie schon wusste. "Ich brauche nicht die Erlaubnis der Wachen. Das hast du mir doch selbst einmal gesagt, oder?"
    Ohne irgendein Geräusch zu verursachen trat sie neben ihn und blickte, wie er wenige Minuten zuvor, aus dem großen Fenster. Er sah sie kurz an und schmunzelte. Wie immer hatte sie ihre Haare zu einem losen Zopf geflochten und wie jedes Mal kümmerte sie sich nicht um die einzelnen Strähnen die ihr wirr ins Gesicht fielen.
    "Also? An was hast du gerade eben gedacht?", fragte sie noch einmal und sah ihm nun direkt in die Augen. "Hat unser großer Herrscher wieder diese Phase an der er daran zweifelt ob er hier überhaupt noch willkommen ist?" Er grinste und schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe nur gerade daran gedacht wie ihr Menschen immer so nett sein könnt, selbst wenn ihr denjenigen mit dem ihr redet, gar nicht kennt. Ich frage mich ob alles was ihr tut und sagt nur eine große Show ist und ich gerade in diesem Moment neben einer Person stehe die genau das gleiche Ziel verfolgt wie all die anderen." Er wusste dass sie es nicht ernst nahm und das sie ganz genau wusste, dass er es nur ironisch gemeint hatte. Dazu kannte sie ihn viel zu gut.
    Amanee grinste und stupste ihn leicht an.
    "Das Übliche also", neckte sie ihn und ging wieder vom Fenster weg um sich auf die Kante des großen Bettes zu setzen.
    "Habe ich dich gestört? Du sahst so nachdenklich aus, außerdem hast du ganz schön dunkle Ränder unter den Augen. Du solltest dich mehr ausruhen." Besorgt sah sie ihn an und forderte ihn auf sich neben sie zu setzen. Gott verhaarte noch einen Moment und setzet sich dann neben sie. Er hatte schon längere Zeit nicht mehr in den Spiegel gesehen und konnte sich nur vorstellen wie er wohl aussah. Kein Wunder, dass der Junge ihn so entsetzt angeschaut hatte. Vielleicht war er aber auch nur überrascht gewesen, dass der Herrscher so jung aussah und nicht einen grauen langen Bart hatte und die Hilfe eines Stockes brauchte um Laufen zu können.
    Gott konnte seinen Anblick nicht mehr länger ertragen und selbst wenn er versuchte all seine Gedanken einfach auszusperren und nie wieder hervortreten zu lassen, gelang es ihm nur teilweise. Immer wieder schlichen sie sich in seinen Kopf und quälten ihn, jedes Mal raubten sie ihm den Schlaf und ließen ihm keine Ruhe. Und all das seit 50230 Jahren.
    Wie konnte er Amanee sagen, dass das alles nur an einer speziellen Person lag, wie sollte er ihr erklären, dass er etwas begonnen hatte, das er auf keinen Fall beenden durfte. Selbst wenn er es wollte, es war eine Sünde und so lange diese Sünde existierte, würde er niemals wieder so sein wie am Anfang. Wo alles begonnen hatte.
    Es kam so schnell dass er gar nicht erst reagieren konnte. Ein heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper und für einen kleinen Augenblick verschwamm alles und hilflos griff er nach dem Ärmel von Amanees langem Kleid, hörte noch wie die Frau entsetzt aufschrie und ihm etwas zurief.
    Sein Körper begann unkontrolliert zu zucken und grelle Blitze tauchten vor seinem geistigen Auge auf. Ein Schatten sprang auf ihn zu, fauchte ihn an und warf sich ihm entgegen. Panisch hob er seine Hände vor sein Gesicht um sich zu Schützen doch die scharfen Krallen bohrten sich durch sein Fleisch, zerrissen seine Kleidung und ließen das Blut aus ihm herausströmen. Er fühlte wie sich ein Schrei in seiner Kehle formte, jedoch nie Gehör fand. Tränen des Schmerzes stießen ihm in die Augen und je mehr er versuchte das verschwommene Bild klarer zu erkennen um so verzerrter wurde es. Es war als würde er den Schatten lachen hören, ein unheimliches Lachen dass ihn erzittern ließ. Alles was er hörte war das schnelle Schlagen seines pochendes Herzens und einen ungeheuren Druck auf seinen Ohren. Nur wenige Sekunden später ließ der Druck nach und er spürte wie warmes Blut aus seinen Ohren lief und seinen Hals bedeckte. Plötzlich sah er nur noch Rot. Alles um ihn herum rot, sein Gesicht, seine Arme, sein ganzer Körper schwamm in diesem unendlichem Rot. Er schnappte nach Luft, hatte Angst in diesem unendlichen See zu ertrinken und niemals wieder herauszufinden. Obwohl er den Schatten nicht mehr sehen konnte, wusste er dass dieser noch da war. Er konnte seine Anwesenheit beinahe schon riechen. Diese furchterregende Präsenz, die nur darauf wartete wieder angreifen zu können. Ironischerweise musste er an etwas denken, dass man ihm lange zuvor gesagt hatte. "Man weiß erst dass zu schätzen was man hat, wenn man es verliert." Im Moment war er gar nicht mehr so scharf darauf aus der von ihm erschaffenden Welt zu verschwinden, im Gegenteil; auf einmal wollte er sehr gerne wieder leben.
    "Kyrios..." Die Luft war stickig, das Blut begann zu trocknen. Krampfhaft versuchte er sich zu bewegen, nahm nicht die wispernde Stimme hinter ihm wahr die immer näher zu scheinen kam.
    "Kyrios!" Der See begann zu kochen. Eine unglaubliche Hitze schlich sich an seinem Körper empor und umrahmte ihn. Panisch versuchte er die klebrige Flüssigkeit von sich zu bekommen, versuchte Luft zu holen und scheiterte.
    "Kyrios, immer noch gefangen im Feuer des Drachen? Suchst du den schwarzen Hund, der wimmernd vor dir zurückweicht, etwa immer noch?" Der selbe Schatten. Lächelnd schwebte er vor ihm, fast schon mitleidig ruhte sein Blick auf dem verwirrten Jungen, der gar kein Junge mehr war. "Der kleine Kyrios der die Fürsten dieser Welt fürchtet und den obersten Beelzebub die Füße küsst. Wie tief bist du doch gesunken..." Seine Augen weiteten sich. Es konnte nicht sein. Und als der unheimliche Schatten noch einmal seine Krallen ausstreckte und leise lachte um ihn noch einmal diese Lektion zu lehren, fühlte er wie der Schrei in seiner Kehle Gestalt annahm und durch den ganzen See hallte...

    Als er seine Augen wieder aufschlug lag er in dem großen Doppelbett, bedeckt mit Schichten von Laken und trug eines der weißen Hemden, welche er immer zum Schlafen benutzte. Verwirrt blinzelte er und drehte dann seinen Kopf zur Seite. Neben ihm, auf einem der hölzernen Stühle, saß Amanee. Ihre Augen waren geschlossen und ihre Hände im Schoß gefaltet. Eine leichte Falte lag auf ihrer Stirn und obwohl sie schlief schien sie nicht entspannt zu sein.
    Gott seufzte und legte sich wieder so hin wie er aufgewacht war, starrte einfach nur an die weiße Decke. War er ohmmächtig geworden oder hatte er sich das alles nur eingebildet? Doch gleichzeitig wusste er, dass es zu real gewesen war um nur aus seiner Fantasie entsprungen zu sein. Er hatte schon einmal so etwas ähnliches gehabt, allerdings war es schon so lange her, dass er es beinahe wieder vergessen hatte.
    Die Warnung die ihm dieser Schatten gegeben hatte, dieser Spott und diese Missachtung taten ihm weh. Er wusste es, er hatte es immer gewusst und er musste nicht von solch einem unwürdigen Wesen daran erinnert werden. Wie konnte er es vergessen, wenn alles woran er den ganzen Tag dachte dieser Gedanke war? Dennoch war er sich seiner eigenen Naivität durchaus bewusst...
    Hätte er es wirklich so deutlich gewusst, wäre das alles nicht passiert. Dann wäre er nicht genau vor Amanees Augen zusammengebrochen und hätte sie so erschreckt. Natürlich hatte dieser Schatten nicht gewartet bis er alleine war, nein, er musste es ausgerechnet vor der Person tun, die als Einzigste noch an ihn glaubte. Was wenn er ihr alles erzählen würde? Was wenn er ihr erzählen würde warum er in letzter Zeit kaum noch aus seinem Zimmer herauskam und jeglichen Kontakt mied? Sie würde ihn wie all die anderen für verrückt erklären, sie würde in diesem roten See versinken genauso wie dieser junge Lunor beinahe darin ertrunken wäre. Nein, er konnte es ihr nicht sagen, selbst wenn er sich so wünschte jemandem all seine Gedanken offenbaren zu können. Er hatte keine Chance dazu, diese ganze Last konnte er nicht einfach auf Amanees Schulter legen nur damit er endlich frei war. Das war nur egoistisch. Aber war es nicht auch egoistisch dass er begann sein Volk zu vernachlässigen, dass es ihn alles nicht mehr kümmerte, da sie ja sowieso den Glauben an ihn verloren hatten? Was sollte er denn noch tun?

    Und irgendwie wünschte er sich dass er sich wieder in diesen Armen befand, die ihn damals gehalten hatten. Die ihn getröstet hatten, selbst wenn er nächtelang geweint hatte. Er wollte wieder dieses seidige, feine Haar zwischen seinen Fingern spüren und er wollte vor allem wieder dieses Lächeln sehen. Selbst wenn er es niemals durfte. Er durfte nicht und doch war sein Verlangen danach so stark, dass sein Herz blutete und nach Hilfe schrie. Doch Gott konnte seinem Herzen keine Hilfe geben, denn diese Hilfe war eine Sünde die er niemals begehen durfte.
    Und genau deswegen hatte sein Daimon zu ihm gesprochen.
    ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
    Erklärung:
    Kyrios:
    (griech. "Herr") der einzige und allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Er allein bestimmt jegliches Geschehen auf der Erde und bei den Menschen.

    Daimon:
    (griech. "Hausgeist" oder "Schutzengel") ein persönlicher Schutzgeist oder auch innere Stimme



    Re: Storys

    †warumono† - 22.02.2005, 23:12


    Kapitel 5: The colour RED
    Schließlich endete ich doch hier. Ich stand vor der großen Tür und zögerte leicht als ich meine Hand hob und zum Klopfen ansetzte. Kalter Schweiß lief meinen Rücken entlang und mit einem Mal war mir klar, dass ich gar nicht mehr so selbstsicher war wie vor einigen Minuten. Jetzt hatte ich nur noch Zweifel. Hinter dieser Tür lauerte mein Ziel, jetzt wo ich es endlich geschafft hatte, wo meine Wut über meinen Verstand gesiegt hatte... deswegen durfte ich jetzt nicht zurückweichen. Ich senkte meinen Blick und klopfte mehrere Mal an die Tür. Nichts war zu hören. Keine Aufforderung, keine kalte Drohung oder irgendetwas dass darauf schließen könnte, dass er in seinem Zimmer war. Doch wann war er das schon? Vielleicht hätte ich doch lieber erst wo anders suchen sollen. Bevor ich mich jedoch umdrehen konnte wurde die Tür aufgeschmissen und er stand vor mir. Nun konnte ich nicht wieder einfach so abhauen.

    Es war wie jeden zweiten, dritten Monat. Immer das Gleiche. Diese Langeweile die mich überschlich und mich einfach nicht mehr loslassen wollte. Auch wenn ich noch nicht das Recht hatte nach draußen gehen zu dürfen, sehnte ich mich danach den blauen Himmel und die Wolken zu sehen, von denen mir die anderen schon viel erzählt hatten. Vielleicht würden die vorbeiziehenden Wolken meine Langeweile forttragen. Aber ich durfte es nicht, und ich war schlau genug diese Regel zu befolgen. Wie jedes Mal wenn diese Langeweile mich zu überrollen drohte wurde ich unausstehlich und blieb den ganzen Tag auf meinem Zimmer, wusste, dass ich es nicht riskieren durfte meinen Mund zu weit auf zu machen und die anderen zu verärgern. Auch ich lernte dazu.

    Was noch schlimmer war als diese ewige Langeweile, die mindestens zwei Wochen anhielt, waren diese ständigen Kopfschmerzen. Sie drohten meinen Kopf explodieren zu lassen und egal wie sehr ich mich auch unter meinem Kissen vergrub und alle Geräusche aus meinem Kopf bannte, wollte das Pochen einfach nicht aufhören. Wie kleine Nadeln stach es immer mehr und mehr in meine Schädeldecke ein, wollte bis ins Innerste.

    Seit einem Jahr war nun diese „Krankheit“ schon anwesend um mich immer wieder heimzusuchen. Ich hatte niemandem etwas davon erzählt – wozu auch wenn es sowieso niemanden anging. Doch... einem hatte ich es erzählt. Aber das war normal, das brauchte man nicht erwähnen.

    Er, der all meine Geheimnisse und Schwächen kannte, war im Moment unterwegs. Er hatte irgendetwas von einem kleinen Spaziergang durchs Schloss gesagt und war dann schnell verschwunden. Er benahm sich seit einigen Monaten recht seltsam und ich fragte mich ob er irgendetwas vor mir geheim hielt. Ich fragte ihn aber nicht danach. Seine Spaziergänge konnten Stunden dauern und selbst dann kam er nicht zu mir zurück. Ich fand ihn immer in seinem Zimmer, in die Bettdecke gehüllt und die Augen geschlossen. Dann setzte ich mich immer neben ihm und strich ihm durchs Haar bis er leicht blinzelte und mich emotionslos ansah. Jedes Mal fehlten mir die Worte und ich hatte nie den Mut ihn zu fragen. Ihn danach zu fragen was mit ihm los war und warum er jedes Mal so rote Augen hatte, aus denen wenige Augenblicke zuvor Sturzbäche von Tränen geflossen waren. Er weinte oft und jedes Mal nahm ich ihn in den Arm und streichelte ihn beruhigend. Es dauerte meistens Stunden bis er wieder einschlief, doch es war es Wert. Ich genoss es sein ruhiges Gesicht zu beobachten, wie er leicht die Mundwinkel nach oben zog und sich noch enger an die Decke kuschelte, die er eng umschlungen hatte.

    Manchmal wünschte ich mir so wie er zu sein. Auch wenn er gar nicht so viel jünger als ich war, kam es mir wie Jahre vor die uns trennten. Er hatte diese Art von Optimismus die ich beneidete und die ich im Laufe der Jahre irgendwo im Nichts verloren hatte. Selten sprach er mit mir nachdem er seinen scheinbaren „Spaziergang“ beendet hatte. Wenn er sprach dann immer von unheimlichen Augen und langen Krallen, die ihn holen wollten. Ich tat es immer als eine kleine Halluzination ab und schob es auf das schwere Fieber, dass er einen Tag später immer bekam.

    Wie sehr vermisste ich die alten Zeiten in denen diese Welt noch nicht so düster war wie heute und wo ich noch unbeschwert seinem Lachen folgen konnte. All das hatte sich verändert. Es war wie ein langer Traum, den man nicht träumen wollte und dennoch keine andere Wahl hatte und ihn jedes Mal von neuem erleben musste. Die Tage begannen immer kürzer zu werden und die Jahre flogen einfach nur so an mir vorbei. Ich sehnte mich danach aus diesem... Bunker herauszukommen, die freie Natur sehen zu können und selbst wenn die Welt da draußen tatsächlich so grau und steinig war wie alle sagten, war es dennoch besser als hier drinnen gefangen zu sein.

    All diese Erinnerungen an unsere vergangenen Zeiten lassen mich erschaudern und auch wenn ich sie vergessen will, sind sie das einzigste das mich noch an dieser öden Routine gebunden hält.

    So kam es dass die gewöhnte Routine weiterging, weiter und weiter, zusammen mit diesen unheimlichen Nächten an die ich mich nie erinnern kann und in denen ich Sachen tue die anderen weh tun. Aber niemand will mir sagen was ich mache, niemand. Einmal hatte ich Téanemus danach gefragt. Er hatte mich nur lange angesehen. Und obwohl es so aussah als wäre er traurig, sah ich keine definierbare Emotion in seinen sonst so klaren Augen. Irgendwann dann seufzte er leise und strich mir sanft durchs Haar.

    „Vergangenheit ist vergangen, denk nicht weiter darüber nach.“ Das war alles was er mir sagte. Immer und immer wieder, bis ich aufhörte zu fragen. Aber mir entging nie der gequälte Blick den er mir zuwarf kurz bevor er sich wieder wichtigern Dingen zuwendete. Dachte er wirklich ich wäre so blind und würde es nicht sehen? Dabei war ich mir nicht einmal so sicher, ob er nicht wollte dass ich es sah. Vielleicht tat er es mit Absicht, wollte mich durch dieses kurze Blitzen in seinen Augen warnen.

    Er war ein guter Bruder, wenn auch manchmal komisch. Mit den anderen verstand er sich nicht gut, dass hatte ich sofort gemerkt. Sie sind wütend auf ihn, warum weiß ich nicht. Es macht mich wütend. Wir werden aus allen Sachen ausgeschlossen. Wir sind noch Kinder, können nicht mitreden. Jedes Mal wenn Peridot und ich hintergangen werden, spüre ich wie Hitze meinen ganzen Körper einschließt und alles in mir zu kochen beginnt. Diese unendliche Wut steigt immer mehr und irgendwann tue ich das, was ich am besten kann. Ich renne weg. Es kümmert mich nicht was sie in diesem Moment von mir denken, ich muss rennen, denn sonst würde ich etwas tun dass ich nicht wollte. Dessen war ich mir sicher. Ich spürte dass diese Wut die ich in mir hielt gefährlicher war als sie sich anfühlte. Vielleicht war dieses Kochen in mir der Grund für meine Erinnerungslücken, für die gequälten Gesichter von Peridot und Téanemus. Aber ich werde diese Erinnerungen nie zurückholen können, weil mir niemand dabei hilft. Weil sie alle denken...
    „Vergangenheit ist vergangen, denk nicht weiter darüber nach.“

    „Was habe ich getan?“, flüstere ich leise. Meine Sicht ist getrübt. Von den Tränen die immer noch an meinen Wangen entlang laufen? Ich kann nicht mehr erkennen was oben und unten ist, was rechts oder links. Alles was ich wahrnehme ist das Blut, das ganz langsam den Teppich tränkt.

    Eine kurze Erinnerung flammt vor meinen Augen auf. Ein dunkler Raum, so dunkel dass man nicht einmal die leichten Umrisse des Bettes oder des Tischer erkennen konnte. So dunkel dass all meine Sinne geschärft sind und meine Hand ganz leicht zittert. Ich trete weiter in den Raum hinein, versuche so leise wie möglich zu sein, will ihn nicht wecken. Ich will nur nach ihm schauen, will nur wissen ob es ihm „nach seinem Spaziergang“ gut geht, will meinen kleineren Bruder in den Arm nehmen und ihn in den Schlaf wiegen, wie schon so oft. Es ist spät und ich denke nicht daran, dass noch jemand bei ihm sein könnte. Und dann höre ich dieses leise Stöhnen. Meine Augen weiten sich, meine Hand beginnt unkontrolliert zu zucken und etwas zieht sich nahe meines Herzens zusammen. Wie erstarrt stehe ich da und starre auf das Bett... sehe wie dünne aber dennoch kräftige Arme seinen Körper umschlingen und ihn an sich drücken. Sehe wie lange krallenartige Fingernägel mit seinem Haar spielen und wie sich ein mit schwarzem Lippenstift bedeckter Mund auf seinen legt. Wie eine Statue stehe ich da und beobachte heimlich zwei sich Liebende bei ihrem Spiel. Aber es sind keine Liebenden, die sich auf dem Bett meines Bruders räkeln. Die glitzernden Tränen, die seine bleichen Wangen herunterlaufen und das leise Wimmern sind Beweis genug, dass es sich nicht um ein williges Spiel handelt. Mir wird kalt, heiß, alles auf einmal. Ein lautes Pochen dröhnt durch meine Ohren bis zu meinem Gehirn wo es ganz einfach bleibt. Mein Herz schlägt schneller, wird immer mehr angepumpt. Das Bild verändert sich. Nicht mehr zwei Verliebte sondern zwei Verfluchte winden sich, umarmen sich. Ich sehe wie das lange schwarze Haar ihre Körper umrahmt und das lüsterne Grinsen auf den Lippen dieses Teufels nur noch breiter wird als er mich entdeckt. Er grinst mich an, seine Augen bohren sich durch meine während er mit einem seiner unendlich langen Nägel über die nackte Haut meines Bruders fährt. Und ich höre ihn weinen, nun noch lauter wo er weiß dass ich beinahe neben ihnen stehe. Sind das seine Spaziergänge? Landet er jedes Mal mit diesem Monster hier? War alles nur ein dummes Spiel... ein Spiel und nichts weiter? Fragen rasen mir durch den Kopf, begleitet von einem Gefühl erbrechen zu müssen und obwohl mich mein Instinkt dazu drängt einfach wieder nach draußen in den Gang zu gehen und alles zu vergessen, bleibe ich stehen. Ich bleibe stehen und schaue die beiden entsetzt an, sehe zu wie dieser grässliche Clown meinen Bruder berührt. An Stellen an denen nur ich ihn berühren durfte. Ein Faden roten Blutes kriecht unter der Bettdecke hervor und tropft auf den kalten Steinboden. Und dann lacht er. Dieses Monster lacht mir einfach ins Gesicht, ganz leise und doch klingt es in meinen Ohren unglaublich laut. Lauter als mein rasender Herzschlag, lauter als das stechende Pochen in meinem Kopf. Seine Hand gleitet unter die Bettdecke... mein Bruder fängt zu stöhnen an und öffnet seinen Mund ganz leicht, traut sich nicht mir in die Augen zu sehen. Und ich stehe nur da. Das Pochen wird lauter, bei jedem Stöhnen von meinem Bruder wird es lauter, lauter und härter, dringt durch meinen ganzen Körper und scheint mich auseinanderreißen zu wollen. Und seine Hände machen weiter, weiter... ich sehe dabei zu und mein Bruder stöhnt. Bis er fast schreit. Bis es zu spät ist. Sein Stöhnen dringt durch meinen Körper, lässt mich zittern und der Gedanke daran dass nicht ich es bin, der ihn so zum Stöhnen bringt lässt mich den ganzen Raum rot sehen. Rot so wie Blut. Viel schöner als Blut.

    Und als mein Bruder schließlich mit einem heißeren Schrei seine Hüften anhebt und die Augen zusammenkneift, wird bei mir ein Schalter umgelegt und das Pochen hört auf. Der ganze Raum wird in schönes, beruhigendes Rot getaucht. Nur wage nehme ich den Aufschrei einer Person wahr, die verzweifelt meinen Namen ruft. Eine Person die nicht einer von uns drei war. Dann wurde aus dem Rot Schwarz.

    „Was habe ich getan...?“, wiederholte ich schluchzend und sank auf meine Knie, nicht aus Trauer oder Wut sondern weil meine Beine einfach zu sehr zitterten, als dass sie mich noch tragen konnten. Meine Sicht klärt sich ein wenig und ich sehe dass nicht das ganze Zimmer mit Blut getränkt ist. Das Bett. Der Teppich. Die linke Wandhälfte. Saure Galle steigt in mir auf, schnürt mir die Luft ab und ehe ich es zurückhalten kann übergebe ich mich auf dem Boden. Der blutgetränkte Boden.

    Wimmernd wischte ich mir einmal mit meinem durchnässten Ärmel über den Mund und hob den Kopf. Ich wollte wissen was ich getan hatte, ich wollte wissen wessen Blut es war und ich wollte... wissen wo dieses Monster war, das gewagt hatte Hand an meinen Bruder zu legen. Ich erwartete durch diese Wut wieder das störende Pochen in meinem Kopf zu spüren, doch es blieb alle still. Ich seufzte leicht und richtete mich wieder auf. Und als ich meinen Blick durch das Zimmer gleiten ließ sah ich ihn.

    Seine Hand war krampfhaft an die klaffende Wunde an seinem Bauch gepresst, sein schwarzes langes Haar war nicht mehr wie sonst in einem Zopf zusammengebunden sondern hing ihm ihn Strähnen ins Gesicht. Blut klebte überall in dem schwarzen Wall. Blut und Schweiß klebten das sonst weiche Haar an seinen Körper. Ich war egoistisch. Ich sah ihn kurz an und drehte mich dann weg. Ich wollte nicht mehr wissen was ich getan hatte.

    Peridot lag zu meinem Erstaunen immer noch auf dem Bett. Ich hatte ihn nicht einmal angerührt. Seine Augen waren weit aufgerissen und sein ganzer Körper bebte, während er seine kurzen Beine umklammerte und sich an die Wand presste. Auch wenn er voller Blut war wusste ich, dass er nicht verletzt war. Ich verletzte ihn nie. Zumindest nicht körperlich. Seelisch... tat ich ihm am meisten von allen weh. In dem Moment wusste ich, dass es so nicht weiter gehen konnte. Die Vergangenheit war nicht einfach vergangen, denn sie kehrte immer wieder zurück. Wiederholte sich immer wieder.

    Peridot sah mich an. Nein, er starrte durch mich hindurch. Ich fühlte seine Hilflosigkeit, seine Angst und seine... Erleichterung? Könnte er womöglich dankbar dafür sein, dass ich das getan hatte. Das Monster war nirgends zu sehen, der weinende Clown, der in Wirklichkeit gar keiner war, hatte seinen feigen Schwanz eingezogen und war abgehauen.

    Er war ein Feigling. Er wusste, dass wir keine Macht hatten und nichts gegen ihn ausrichten konnten. Er wusste es und er nutzte uns schamlos aus. Und jedes Mal entwischte er mir. Er verschwand einfach immer, wie ein großer schwacher Feigling. Ich denke, dass ich gar nicht mal besser bin. Ich tat das Gleiche.

    Er starrte mich amüsiert an und grinste. Dieses Grinsen das ich ihm so gern aus dem Gesicht reißen würde. Seine schwarzen Augen funkelten leicht und mit einer einladenden Handbewegung ließ er mich in sein Zimmer. In seinem Zimmer gab es keine Fenster. Natürlich. Unser großer, mächtiger alles-wissende Clown mochte ja kein Licht. Ich grinste leicht und setzte mich unaufgefordert auf einen der schwarzen Stühle. Zumindest nahm ich an, dass er schwarz war. War nicht sonderlich gut zu erkennen, immerhin war das ganze Zimmer dunkel.

    „Bist anscheinend wirklich so durchgeknallt wie alle sagen“, sagte ich nicht gerade leise. Er tat so als würde er kurz nachdenken und nickte dann leicht. Würde ich ihn nicht kennen, hätte ich in diesem Moment sogar den Begriff „süß“ in den Mund genommen um ihn zu beschreiben. Allerdings kannte ich ihn gut genug und wusste dieses Wort in seiner Gegenwart nie zu gebrauchen. Er war alles nur nicht süß. Es gab eine Zeit in der ich wirklich geglaubt hatte, dass dieser Clown süß war. Die Art wie er einen frech anlächelte und die Art wie er seinen Kopf leicht zur Seite neigte wenn er nachdachte. Nicht dass er jemals nachdenken musste, er tat nur so. Er wusste ja schon alles. Er wollte nur auf sich aufmerksam machen, im Mittelpunkt stehen. Ja, ich glaube das war es was er wollte. Die Aufmerksamkeit anderer. Auf jeden Fall war ich damals noch klein und leichtgläubig. Ich traute seinem falschen Lächeln und erkannte nicht das dreckige Grinsen hinter seiner so liebenswürdigen Fassade. Nun kannte ich sein wahres Gesicht und mir wurde jedes Mal schlecht wenn ich auch nur seine Gegenwart spürte.

    „Es gibt doch bestimmt einen besseren Grund für deinen Besuch als einfach nur mal das Zimmer des Clowns zu sehen, oder?“, ärgerte er mich weiter und schloss die Tür, die er bis jetzt immer noch offen gehalten hatte.

    Ich musste erst einen Augenblick nachdenken bis ich begriff was er überhaupt von mir wollte. Ich wurde rot und senkte schnell meinen Kopf. Es war nicht richtig dass ich mich vor ihm schämte, er nutzte es aus und er wusste wie man seine Gegner verlegen machen konnte. Er wusste all ihre Schwächen und Stärken und machte Gebrauch von allem beiden. Natürlich musste ich mir eingestehen, dass er durchaus attraktiv war und dass er durchaus in der Lage war Andere zu verführen, denn er wusste wie man es machte. Auf eine ganz bestimmte Art und Weise, die nur er konnte und mit der er jeden verrückt machte.

    (Hat er so auch meinen kleinen Bruder verführt?)

    Er wusste mit seinen Reizen zu spielen, fast schon wie eine Frau. Allerdings war er einiges gefährlicher als eine harmlose Frau, die nur eine Nacht von dir wollte. Er wollte mehr, viel mehr. Er wollte seine Begierde vollständig besitzen und ihr den letzten Funken Lebensfreude nehmen.

    (Wie meinem Bruder...)

    Erst jetzt betrachtete ich ihn genauer. Entspannt stand er vor mir, die Arme verschränkt und dieses grässliche Grinsen ruhte immer noch auf seinen Lippen. Seine Haare waren nicht wie sonst offen und glänzten als wären sie aus Seide, sondern waren mit einem Zopfhalter zusammengebunden. Ich schluckte. Mit Téanemus’ Zopfhalter.

    (Alles rot... überall rot... Sein ganzer Körper mit Rot bedeckt...)

    „Ach... ich nehme an du willst dieses „Souvenir“ wieder, oder? Ich habe es einfach mal von deinem Bruder ausgeliehen, als du gerade so beschäftigt mit ihm warst.“ Seine Stimme ist tief, frech und sarkastisch. Er will mich ärgern, provozieren, weil er weiß warum ich bei ihm bin. Ich will mich rächen, für meinen Bruder... für meine Brüder.

    „Na! Téa-chan habe ich aber nichts getan“, lachte er und zog mit einem Rock den Zopfhalter aus seinen Haaren. Wie Seide. Ich registrierte fast nicht was er gesagt hatte. Fast nicht. Ich wollte etwas sagen aber kein Wort kam über meine Lippen. Meine Augen sahen ihn an und doch hatte ich das Gefühl als würde ich ihn gar nicht richtig sehen.

    „Nenn mir den Grund warum du zu mir gekommen bist. Du wolltest mit Sicherheit nicht nett mit mir zusammen Tee trinken.“ Er legte Téanemus’ Zopfhalter auf den Tisch und ohne dass ich es wollte, fixierten meine Augen sich nun auf den einzigst farbigen Gegenstand in dem Raum. Rot. So wunderschön rot und auch so bedrohlich rot. Eine schöne Farbe.

    (Es bedeckt meine Finger, meine Augen, meine Arme, meine Lippen. Ich schmecke es, ich rieche es, diese Lust... ein so schönes Gefühl.)

    „Weißt du, wir haben viel gemeinsam. Du und ich.“ Er kam näher. Zu nahe. Aus meinen Augenwinkeln beobachtete ich wie er in die Knie ging und seinen Kopf auf meinen Schoss legte. Ich wollte weg, weg von seiner Hand die ganz sachte mit den Fingerspitzen an meinem Bein hoch kroch... aber ich konnte mich nicht mehr bewegen.

    (Dieses Gefühl der unglaublichen Macht. Die Macht über diese schöne Farbe. So schön... so angenehm... so... beängstigend.)

    Sein heißer Atem kitzelte und meine Hand zuckte leicht. Er hob seine Hand und ließ sie durch mein schulterlanges Haar fahren, kümmerte sich nicht darum ob seine langen Fingernägel an den Haarwurzeln zogen. Ich wollte um Hilfe schreien, ihm entkommen, wollte nicht in seiner Falle enden so wie mein Bruder.

    „Du ähnelst ihm so sehr“, seufzte er leise und hob seinen Kopf. Ich musste nicht in seine Augen sehen um zu erkennen was er vor hatte. Er wollte spielen. Und weil mein Bruder nicht da war, musste ich herhalten. Aber ich wollte dieses Spiel nicht mitspielen. Nicht so wie er es wollte. Nicht so wie es immer gespielt wurde. Der böse Clown und der hilflose Satan. Komische Welt...

    „Ich bin aber nicht er“, zischte ich wütend und versuchte endlich meinen Blick von dem Zopfhalter zu wenden. Enttäuscht hörte er auf durch mein Haar zu streichen und stand ruckartig auf.

    „Ja... du bist nicht er. Er ist viel unschuldiger als du.“ Etwas krachte als mein Nacken nach vorne gedrückt wurde und ich fühlte wie mein Kopf mit dem Tisch kollidierte.

    „Denk nicht, dass du ein unschuldiges Lamm bist, dass vor Angst wimmern und weinen kann. Du bist genauso unschuldig wie ich. Kein bisschen. Wir sind beide verdammt dazu Sachen zu tun die anderen weh tun.“ Seine Stimme zitterte, sein heißer Atem dicht an meinem Ohr. Mir wurde schwindlig, sein Druck an meinem Nacken wurde stärker und ich versuchte krampfhaft bei Bewusstsein zu bleiben. Nur halb bekam ich mit was er alles sagte. Es machte mir Angst. Seine Worte machten mir mehr Angst als seine Taten. Viel mehr.

    „Hast du es gesehen? Diese Farbe die uns beide so magisch anzieht? Diese Farbe die einen so leicht verführt und der man sich einfach so hingeben kann. Ich habe dich gesehen. Ich habe gesehen wie du gelacht hast und wie du es genossen hast deinen eigenen Bruder so zu quälen. Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen wie du sein Blut an deinen Mund geführt hast als wäre es ein süßes Getränk, dass man unbedingt trinken musste, ohne das man nicht leben konnte.“ Er keuchte und legte sein ganzes Gewicht auf mich, drückte meinen Kopf noch fester auf die harte Kante. Sterne tauchten vor meinen Augen auf und trotzdem wollte ich nicht der Dunkelheit freien Lauf lassen. Seine Worte... waren so klar, obwohl er sie nur fauchte und sie machten so einen unheimlichen Sinn. Ich wollte nicht dass sie Sinn machten. Sie sollten verschwinden und mich in Ruhe lassen wie dieses elendige Pochen, das nun schon wieder auftauchte und durch mich hindurch kroch.

    „Wir beide sind verdammt. Verdammt dieser Farbe und dieser Lust zu verfallen. Wir beide sind die schwarzen Lämmer, beide tun wir den Menschen weh die wir so sehr lieben. Wir können nicht anders. Wir können einfach nichts anders... nur weil die... weil die es so wollen.“ Er war verrückt. Er begann zu Lachen. Nicht dieses neckische oder gar verachtende Lachen. Es war das Lachen eines Verrückten. Er presste sich noch enger an mich, lachte mir ins Ohr und drückte immer mehr zu.

    (Ein weinender Clown... alleine, verlassen, seinem eigenen Geist überlassen... stirbt er in der Dunkelheit und wird von den Gedanken des Wahnsinns zerfressen.)

    Bilder tauchen vor mir auf. Hässliche, störende Bilder. Ein Kind, ein Schrei, Blut, Blut, Blut. Überall Blut. Hände überall an mir. Sie tasten. Mehr und mehr. Blut. Überall. Ohne Rücksicht. Sie zerren an mir. Ich schreie. Er schreit. Beide. Dann...

    „Pierroto, lass meinen Sohn los.“ Eine ruhige, tiefe Stimme. So beruhigend, so drohend. Und blutrote Augen. Blutrot. Und über mir der Verrückte, der aufhört zu lachen.

    Der böse Clown kann also doch weinen.


    Kapitel 6: First Move (I)
    „Frieden? Was kümmert mich der Frieden!? Gott kann sich seinen bescheuerten Frieden sonst wo hin schieben!“

    Luzifer war wütend. Dazu musste man ihn nicht gut genug kennen, dazu musste man nicht einmal in einem Raum mit ihm sein. Man konnte es schon von weit entfernt hören, konnte beinahe schon spüren wie die Spannung in der Luft hing und die glühenden Augen des Herrschers einen durchbohren würden, würde man in diesem Moment die große Tür des Versammlungssaals öffnen und einfach eintreten.

    In diesem Fall traf es Téanemus-Arcem. Wie schon so oft. Inzwischen kümmerte es ihn nicht mehr. Sollte sein Vater ihn so lange anstarren wie er wollte. Sollte er ihn mit diesen roten Augen durchbohren und ihn leise verfluchen, dafür dass er seine Pläne zunichte gemacht hatte. Allerdings war Luzifer kein Satan der seine Flüche leise aussprach und fing gleich mit seiner Predigt an.

    „Natürlich. Natürlich würde es diesen ganzen Schlamassel nicht geben wäre ein gewisser Satan schlauer gewesen und hätte für seinen Vat... Herrscher gestimmt anstatt gegen ihn!“ Seine Stimme wurde höher, sein Ärger wuchs und bei jedem Wort blitzten seine Augen, die einzigst allein auf seinen siebten Sohn gerichtet waren. Téanemus sah ihn nur kalt an und stellte sich neben Meridot, der seinen Kopf gesenkt hatte und dessen Körper stark angespannt war. Peridot war nirgends zu sehen. Téanemus runzelte die Stirn. Wahrscheinlich lag er immer noch mit diesem „Fieber“ im Bett. Würde er nicht mitten in einer Versammlung sein und würde er nicht verzweifelt versuchen dem Blick seines Vaters standzuhalten hätte er laut aufgelacht, zu amüsant war diese ganze Situation. Seine zwei Zwillingsbrüder die beide kurz davor waren ihren Verstand zu verlieren und er der sich hier Sorgen um die Worte seines wütenden Vaters machte, der sich nach einer gewissen Zeit wieder beruhigen würde. Dann würde er seinen künftigen Thronfolger wieder ignorieren. Alles würde wieder beim Alten sein. So wie vorher. Und alles würde sich wiederholen.

    Er ignorierte die eine Stimme, die ihn schreiend davon zerren wollte, von ihm verlangte aus diesem Raum so schnell wie möglich zu entwischen. Die Stimme die verlangte dass er ängstlich vor seinem kleinen Bruder an seiner Seite zurückwich, ihn daran erinnerte was unter dem dicken Verband an seinem Bauch lag und woher diese Verletzung hatte. Woher diese vielen Verletzungen hatte, die ihn tagelang wie einen elendigen schwachen Hund wimmern ließen. Aber er hörte nicht auf diese Stimme. Auch nicht auf die andere die ihn tröstete und dem Ganzen um ihn herum trotzte. Sollten sie doch beide dort bleiben wo der Pfeffer wuchs. Er konnte auf diese beiden Nervensägen, die ihm einreden wollten was richtig und falsch war, gut verzichten. Er brauchte niemanden der ihm helfen würde

    (oder doch?)

    Luzifer drehte sich um und ging langsam ans Fenster während siebzehn Augenpaare - vierunddreißig Augen - ihm folgten. Auf der linken Seite des Saals standen die zwölf Söhne des Herrschers, alle mit einer Maske aus Kälte und Arroganz gekleidet. Rechts befanden sich die vier Berater die nichts anderes taten als ständig zu nicken. Jedes Mal wenn Luzifer sie ansah und mit seinem Blick ihre Meinung erfragte, nickten sie eifrig mit ihren dicken Köpfen sodass die paar Haare die sie noch auf ihrem Kopf hatten, unruhig hin und her flogen. Ein komischer Anblick. Wie eingestellte Roboter die zu allem zustimmten. Selbst wenn Luzifer ihnen vorschlagen würde die ganze Hölle mit einem Schlag in die Luft zu blasen würden sie begeistert nicken und ihre kleinen Augen würden sich ganz leicht zu Schlitzen verrenken während sie so eifrig ihrem Meister folgten.

    Und dann... ganz vorne, am Thron des Herrschers stand ein Mann ganz in Schwarz gekleidet. Seine blasse Haut bildete einen so starken Kontrast dass man ihn schon fast für eine Leiche halten konnte. Pierroto schaute, genauso wie Meridot, stumm auf den Boden und wich den Blicken der anderen gekonnt aus. Téanemus wunderte sich was wohl geschehen war, dass die beiden Satane – ein Satan und ein Verrückter – so verstörte. Offensichtlich hatte es mit Luzifer zu tun.

    „Was hast du dir nur dabei gedacht? Was hast du dir dabei gedacht diesem Vertrag zuzustimmen?“ Die Stimme seines Vaters war so leise dass der siebte Satan ihn beinahe nicht gehört hätte. Erst nach einem kurzen Moment verstand er dass er angesprochen wurde.

    „Du weißt ja gar nicht was du da angerichtet hast. Denkst du ich kann diesen Vertrag einhalten? Denkst du wirklich, dass ich Frieden spielen kann wenn alles was ich seit Jahrtausenden will nur dieser eine Krieg ist? Du naiver, dummer Junge.“ Er schrie nicht. Seine Stimme wurde nicht einmal lauter. Im Gegenteil; sie war ruhig. Alle seine Söhne wussten dass Luzifer ruhig am schlimmsten war. Dann war er wirklich verärgert und war nicht nur vorübergehend verstimmt.

    „Dieser Krieg hat mir alles bedeutet. Ich hatte so gehofft eine Chance zu bekommen de heiligen Tore des Himmels zu durchbrechen und diesen unschuldigen Engeln die Flügel auszureißen. Ich hatte mir so sehr gewünscht SEIN Gesicht zu sehen wenn ich seine geliebten Kinder vor seinen Augen mit Blut besudle und wie sie um ihr Leben betteln und alles tun würden wenn sie nur leben könnten. Ich wollte sehen wie ER reagiert wenn seine Kinder IHN verraten, wenn sie IHN verlassen und keinen Blick zurückwerfen wenn sie mir zurück in die Hölle folgen. Nur um ihr armseliges Leben behalten zu dürfen, das ER ihnen auferlegt hat.“ Keiner sagte etwas. Alle warteten sie dass sich ihr Herrscher zu ihnen umdrehte und seine Wut an ihnen auslassen würde. Er drehte sich um. Er beobachtete alle für einen Augenblick und ging dann zu seinem Thron. Und wieder erhob keiner seine Stimme.

    ... Auch nicht als Luzifer seine Hand durch die weichen Haare seines Beraters gleiten ließ und leicht an ihnen zog. Pierroto ließ es geschehen und behielt seine Maske aus Gleichgültigkeit und Abschätzung.

    „Was denkst du, mein kleiner Pierrot? Sollten wir wirklich Frieden mit dem Himmel und seinen törichten Insassen schließen?“ Pierroto schien von dem beißenden Spott nicht beeindruckt zu sein und antwortete kühl zurück.
    “Tun Sie das was Sie für richtig halten, Luzifer-sama.“ Alle waren erstaunt über das Zischen in seiner Stimme und alle sahen wie seine Augen leicht rot wurden, gleich aber wieder ins Schwarze übergingen. Niemand sagte etwas. Niemand traute sich auch nur ein Wort zu sagen, das möglicherweise falsch sein konnte.

    Und dann brach alles so schnell wie ein sorgfältig ausgearbeitetes Bild von einem Künstler zerrissen wurde, weil er mit seinem Werk nicht zufrieden war. Die düstere Stille die sich über alle Personen gelegt hatte wurde entzweigebrochen und ein lautes Donnern erfüllte den Saal. Luzifer packte seinen Berate fest an den Haaren und schleuderte ihn dann arglos in die Ecke des Raumes. Seine Söhne schauten verwirrt auf, registrierten erst nicht was geschehen war und als Erkenntnis in ihre Augen trat war es schon zu spät. Glücklich konnten sich diejenigen fühlen die in diesem Moment, in dem Luzifer die Kontrolle über sein Temperament verlor, nicht bei der großen Versammlung anwesend waren und das grelle Schreien und Grölen nur von der Ferne aus mitbekamen. Diese Glücklichen hatten wohl einen der erfreulichsten Tage in ihrer Existenz. Denn es traf nicht sie, die unwürdigen Diener, die sonst immer zu ihrem Herrscher gerufen wurden um die Strafen zu empfangen, die Luzifer nicht an denen ausüben durfte, die er noch brauchte. Er brauchte die Politiker, die ihm wertvolle Ratschläge gaben, er brauchte die Botschafter die ihn über die aktuelle Lage informierte und in gewisser weise brauchte er auch seine Söhne, die triumphierend über das Schlachtfeld schauen würden, mit den blutigen Klingen in ihren Händen. Doch an diesem Tag traf es nicht die hilflosen Diener, die ängstlich in den Küchen und Stuben der Hölle saßen. Dieses Mal traf es die hohen Tiere, die sonst nur lächelnd dabei standen wenn einer der Diener seine Strafe für jemand anderen abholte. Nun durften sie selbst unter Luzifers Wut leiden.

    Besorgt beobachtete Amanee wie ihr Herrscher unruhig vor der großen Stahltür hin und her ging. Kein einzigstes Mal hielt er an, kein einzigstes Mal hob er auch nur seinen Kopf um sie anzusehen. Es schien ihr als würde er sie absichtlich ignorieren.

    Sie befanden sich in einem der großen Säulenhäuser, die absichtlich für den Zweck politischer Besprechungen errichtet waren. Hier und da bröckelte der Putz von der Wand und ständig musste man sich gebückt halten um nicht von einem der zusammengebrochenen Pfeiler erschlagen zu werden. Amanee wusste nicht genau wie lange diese drei Häuser schon standen doch sie erinnerte sich daran wie ihre Mutter einmal erzählt hatte, dass diese Häuser fast so alt waren wie ihr Erschaffer selbst. Da aber niemand Gottes wahres Existenzjahr wusste konnte man nur ahnen wie lang diese Pfeiler das Haus getragen hatten und wann sie schließlich erschöpft aufgaben und einfach in sich zusammengefallen waren. Die blassen Pastellfarben ließen sie etwas ruhiger werden und sie glaubte beinahe jede Situation in diesem Haus meistern zu können. Anscheinend war sie aber die Einzigste die so dachte. Als sie vor fünf Stunden in das eindrucksvolle Haus gegangen waren, hatte sie sich Sorgen um die Situation gemacht in der sie sich wohl wiederfinden würden. Sie wollte nicht dass ihr Herrscher, den sie schon beinahe als eine Art Sohn ansah, noch mehr Sorgen hatte und dass er nicht sonderlich begeistert war konnte man sofort erkennen. Sie hatte ihm vorgeschlagen einen seiner Diener mitzunehmen damit er Gesellschaft hatte und damit er sich die Zeit mit irgendwelchen Diskussionen totschlagen konnte, die er manchmal Stundenlang führte. Er hatte abgelehnt. Sie musste leicht schmunzeln wenn sie an seine Begründung dachte, warum er keinen der Diener mitnehmen wollte, obwohl diese zur Zeit keinerlei Aufgaben hatten und also reichlich zur Verfügung standen. Er hatte gesagt, dass er den Neuen nicht gleich auf solch eine Besprechung mitnehmen wollte. Dass er noch eine Weile warten würde, da es noch zu früh war. Sie hatte sich zurückgehalten. Er besaß mehr als fünfzig Diener und sie hatte nie von ihm verlangt gerade seinen Neusten mitzunehmen. Gleichzeitig spürte sie aber auch, dass Gott etwas an dem Jungen lag. Seltsam wenn man bedachte, dass er ihn nur ein einzigstes Mal zu Gesicht bekommen hatte. Er hatte selten richtigen Kontakt zu seinen Dienern. SIE wusste nicht was er an diesem Kind fand und sie würde es wohl auch nie erfahren. Letztendlich war ihr das auch egal. Sie interessierte es nur ob Gott auch wirklich in der Lage war in diesem Moment politische Angelegenheiten zu klären.

    Seit der Abstimmung in der letzten Woche kränkelte der Herrscher des Himmels und nicht nur sie bemerkte es. Diener sprachen sie an und selbst die Berater von Gott runzelten die Stirn wenn sie ihn sahen. Er war dünner geworden und hatte er früher eine sehr helle Hautfarbe, war er jetzt beinahe so blass wie eine weißgestrichene Wand. Alle machten sich Sorgen um die Gesundheit ihres Herrschers. Und warum es ihm so schlecht ging wollte er natürlich nicht sagen. Es hätte Amanee auch sehr gewundert wenn er sich einmal jemandem öffnen würde. Vielleicht sollte sie doch einmal diesen Lunor ansprechen...

    „Denkst du es bringt dir etwas wenn du ständig hin und her läufst?“ Er blieb kurz stehen, wandte den Blick aber nicht von dem Boden ab den er die ganze Zeit anstarrte.

    „Vielleicht.“ Sie verdrehte die Augen und stemmte die Arme in die Hüfte. Gott hingegen setzte sich wieder in Bewegung und fuhr mit seinem Rhythmus fort. Und nach fünf langen Minuten, die für Amanee wie ein ganzes Jahrhundert waren, öffnete sich endlich die große Tür und sie wurden hereingebeten.

    Wie ein herausgerissenes Herz...

    So blutig und doch so wunderschön dass mein eigenes Herz noch schneller schlägt.

    Das Zischen einer erlöschenden Kerze, die sich ganz leise zur Ruhe legt und nie mehr brennen wird. Denn es war die Letzte.

    Leise weine ich... ganz leise. Hörst du mich? Siehst du mich? Nein. Alles Schwarz. Du darfst mich nicht sehen, nicht hören. Geh weg und weine alleine. Denn ich weine auch. Willst du nicht weinen? Ich schon. Über das Blut und die Kerze und all diese Schwärze hier in diesem Raum. Nur hier?

    Wann werden die kläffenden Hunde sich in Bewegung setzen? Heute Nacht, morgen früh. Dann wann er es will. Ach ja, stimmt. Vergessen? Ja. Traurig? ... nein. Du bist dir ganz sicher? Natürlich. Du lachst, ich lache. Beide lachen wir. Natürlich. Natürlich. Was sollen wir denn sonst machen? Weinen? Nein. Wir weinen nicht. Denn wir sind keine Puppen? Eben. Weil wir keine sind weinen wir nicht. Ach so. Verstanden? Ich denke ja. Gut. Du auch? Natürlich. Schönes Blut, ganz dunkel und süß. Dir schmeckt es? Natürlich. Natürlich. Dir doch auch. Nein. Nein? Ich mag den Geruch nicht. Warum lachst du? Der Geruch? Ich bitte dich, was kann man da schon riechen? Den Tod... wie er langsam an einem hoch kriecht und dich langsam in die Tiefe zerrt? Mich? Ja, dich. Ich sterbe nicht. Ich auch nicht. Wo ist denn dann das Problem? Du hast mich doch gefragt... Habe ich nicht! Egal. Blut ist schön und solange es nicht das Blut einer Puppe ist, ist es in Ordnung. Sind wir Puppen? Nein! Sicher? Ja! Aber ich will eine Puppe sein. Ich aber nicht! Dann lass mich gehen. Nein! Magst du mich? Natürlich, du bist ja keine Puppe.

    Lügner...

    „Kami-sama!? Kami-sama!“ Er blinzelte kurz und schaute dann verwirrt um sich. Dann stieg ihm die Röte ins Gesicht. Hier saß er nun, tief in seinen Stuhl gesunken und mit halbgeschlossenen Augen. Der Besprechung hatte er gar nicht gefolgt. Er sah wie Amanee sich unruhig auf dem Stuhl neben ihm bewegte. Ihr war das ganze unangenehm, sie wollte nur noch weg. Wollten sie das nicht alle? Er lächelte leicht und sah dann zu einem seiner Berater, derjenige der ihn gerade eben gerufen hatte.

    „Ist der Friedensvertrag entgültig?“ Mei, sein erster Berater, nickte und schloss den großen schwarzen Ordner der vor ihm auf dem Tisch lag und faltete seine Hände dann über dem Lederband.

    „Entgültig und nicht mehr brechbar. Es wurde einstimmig beschlossen.“ Gott wartete kurz bevor er wieder sprach. Seine Stimme zitterte als er leise seine Frage stellte.

    „Hat Luzifer-sama selbst dem Vertrag zugestimmt?“ Es kostete ihn alle Mühe nicht dieses Bild vor seinen Augen zu sehen dass er dauernd verscheuchen wollte. Er wollte sich nicht mehr an damals erinnern und an diese Zeit. Er wollte nach vorne schauen und nicht der Vergangenheit hinterher trauern. Immerhin hatte er es ja verdient. Luzifer hatte das richtige getan auch wenn sein Herz angefangen hatte zu bluten.

    „Nun ja, wie soll ich es sagen... Er war überhaupt nicht bei der Versammlung.“ Er schluckte. Natürlich nicht. Was hatte erwartet? Hatte er wirklich geglaubt dass Luzifer persönlich den Botschaftern des Himmels gegenüberstehen würde, dass er seine Meinung geändert hatte, dass er ihm einfach so verziehen hatte? Gott schluckte den dicken Klos in seinem Hals herunter und nickte leicht, ignorierte die stechenden Blicke Amanees.

    „Der Thronfolger, sein siebter Sohn war allerdings an seiner Stelle anwesend. Er hat Luzifer-sama vertreten“, fuhr Mei fort als hätte er das schmerzverzerrte Gesicht seines Herrschers nicht gesehen.

    „Der siebte Sohn?“ Amanee hob eine elegantgeformte Augenbraue und blickte ihren Bruder skeptisch an. „Wird nicht der Erstgeborene Thronfolger oder habe ich da etwas falsch verstanden?“ Gott schüttelte den Kopf und schloss seine Augen. „Nein, normalerweise ist es so. Allerdings hat Luzifer... ein paar Regeln geändert. Er mag es nicht sich anzupassen. Das hatte er noch nie gemocht“, knirschte er verstimmt und verbarg sein Gesicht hinter seinen Haaren indem er sich leicht nach vorne beugte. Er wollte nicht dass Amanee oder irgendein anderer sich Sorgen um ihn machte. Es ging ihm gut und er konnte offen über seine Vergangenheit sprechen.

    „War er früher denn auch so?“ Nun gut, vielleicht konnte er doch noch nicht darüber sprechen. Aber er hatte es immerhin versucht. Er seufzte und lehnte sich wieder zurück. Eine Antwort bekam Amanee keine.

    Luzifer...

    Er wusste was er zu tun hatte. Er wusste dass es so nicht gehen konnte, dass er es nicht zulassen konnte. Wollte. Er war nicht an ihn gebunden, nicht an diesen Vertrag und auch nicht an denjenigen der ihm das Ganze eingehandelt hatte. Sollte er doch schreien und weinen und vor Wut toben ( - auch wenn das relativ unrealistisch war, beachtete man seine ruhige Natur). Ihm war es egal.

    ... dir ist es egal?

    Er konnte tun und lassen was er wollte. Seine Macht war die Größte und er hatte die Kontrolle über alles. Sobald der Morgen kommen würde, würde er zum ersten Zug kommen. Der erste Zug einer langen, sehr langen Schlacht und dann würde er es ihm zeigen.

    ...sicher?

    Und wenn er ihm dann gegenüberstehen würde, würde er ihm ins Gesicht lachen und ihm dann dieses verfluchte Herz aus der Brust reißen. Und er würde diese leuchtenden Tränen bewundern die wie kleine Kristalle seine Wangen hinunterlaufen würden. Er würde seine Wangen küssen und ihn ganz leicht im Arm halten. Wie früher. Nur noch sanfter. Denn dann wäre alles vorbei. Dann wäre er wieder frei und wäre nicht mehr an ihn gebunden.

    Ich dachte du bist nicht an ihn gebunden!?

    Er würde durch dieses weiche Haar streichen und ihm ins Ohr flüstern, dass nun alles gut war. Er würde ihn von all diesen Qualen erlösen und ihn ganz leicht küssen. Wie früher. Nur noch schöner. Noch schöner und ganz sanft. Aber weinen würde er nicht. Keine Tränen. Nie. Denn er liebte ihn nicht. Dessen war er sich sicher. Er liebte ihn nicht und würde deswegen nicht weinen. Er... liebte ihn nicht. Ganz sicher nicht.

    Wirklich nicht?

    Er empfand nichts für ihn. Nichts außer Hass und Verachtung. Er hatte ihn weggestoßen, hatte ihn alleine gelassen. Nun würde er das Gleiche machen. Und er würde nicht anfangen ihn wieder zu lieben. Nie mehr. Nie wieder. Diese Liebe war weg. Würde nie wieder kommen. Nie, nie, nie. Und das sagte er sich immer wieder. Weiter. Weiter. Er liebt ihn nicht. Er liebt ihn nicht.

    Du liebst ihn immer noch...

    Er liebt ihn nicht. Und er würde ihm zeigen dass es wahr war. Er hatte keine Gefühle mehr für ihn und er war vollkommen unabhängig. Er würde alles schaffen, ohne Hilfe, ohne Freunde. Ohne diese lästige Liebe.

    Er liebt...

    Du liebst ihn. Immer noch. Immer wieder.

    Und während Luzifer seinen ersten Zug macht, leugnet er weiter. Und oben im Himmel singen die Engel ein Lied des Friedens, der niemals sein wird.


    Kapitel 7: First Move (II)
    Ich bin Luzifer.

    Ich herrsche über Hölle, Hass und Verachtung.

    Meine Aufgabe ist es das elende Reich Gottes niederzustürzen und alle existierenden Engel auszulöschen.

    Dazu habe ich meine Kinder. Sie sind alle Kinder der dunklen Macht meiner eigenen Schöpfungen. Sie kommen von meinem Blut und von dem Blut ihrer Mütter, die wiederum mein Blut besitzen. So schlisst sich der Kreis und letztendlich fließt nur mein schwarzes Blut durch ihre Adern.

    Dreizehn dunkle Seelen, die darauf warten geweckt zu werden, um den ersten Zug gegen die verhassten Heiligen anzutreten.

    Nur einer gehört mir, ihm darf ich sein Herz herausreißen und ihn darf ich bis in alle Ewigkeit quälen. Er, der mich verbannt hat, wird von niemand anderem getötet als von seinem eigenen Sohn selbst, seinem gefallenen schwarzen Engel, Luzifer.

    Leax.

    Der Älteste und doch noch ein Kind. Wie all die anderen. Ich weiß nicht mehr welches menschliche Lebensjahr er beschritten hat, aber ich weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis er bei den Menschen als "alt" eingestuft wird. Aber was bedeutet für uns schon alt? Wir leben ewig, wir brauchen keine Beschränkung und müssen uns nicht an Zahlen richten um uns daran orientieren zu können wann unser letzter Atemzug kommen könnte.

    Als kleines Kind war er anstrengend und quengelte. Ich gab ihn immer den Dienstmädchen. Ich konnte sein Geschrei nicht ertragen und war froh, dass nicht alle so waren wie er. Dann, als er erwachsen wurde, begann er trotzig und widerspenstig zu werden. Er wollte keine Befehle befolgen und stellte sich gegen alles, das ihm nicht passte. Er war perfekt für meine Armee.

    Ayev.

    Ein Kind, das ich beinahe lieben lernte. Nur beinahe. Hätte ich diese Fähigkeit nicht schon vor Jahrhunderten verlernt, hätte ich ihn wohl am ehesten in den Arm genommen und ihm einen Kuss auf die bleiche Wange gegeben. Aber ich war kein Vater, der dies tat und ich würde es auch nicht sein, immerhin war ich Luzifer.

    Ayev hatte den Drang dazu allen Leuten auf die Nerven zu gehen. Allerdings war es auch eine ganz besondere Art, wie er das machte. Er sah einen einfach nur lange an und sagte kein Wort. Selten hörte man ihn sprechen. Er brauchte keine Worte und konnte gut mit seinen Augen kommunizieren. Ich mochte das und auch er stieg kurz nach seinem Bruder Leax in meine Armee ein um den Krieg zu beginnen.

    Larumhen-hen.

    Er war schwer zu beschreiben. Selbst ich wurde aus ihm nicht schlau. Er hatte nicht viel Kontakt zu seinen Brüdern und zog sich gerne in eines der Labore zurück. Was er dort trieb, interessierte mich in keinster Weise. Vielleicht lag es an seiner stillen Mutter, die selbst nie viele sozialen Kontakte hegte und selbst ich hatte sie nur für eine einzigste Nacht zu mir rufen lassen. Sie war nicht sonderlich hübsch gewesen und alle anderen waren vergeben. Hätte ich geahnt, dass aus dieser einen Nacht ein so stiller und undefinierbarer Junge entstanden war, hätte ich es wohl lieber sein lassen. Nun konnte ich jedoch nichts mehr ändern und ich empfand es als schade, dass er eher ungeeignet für den Krieg war. Er konnte einzigst und allein mit seinen ganzen Chemikalien umgehen.

    Mey.

    Als ich ihn das erste Mal gesehen hatte, war er fünf Menschenjahre alt gewesen. Damals sah er aus wie ein kleines, freches Mädchen. Heute... sieht er immer noch so aus. Ich sehe ihn selten, allerdings häufiger als Larumhen-hen und Téanemus-Arcem. Irgendwie schafft er es immer wieder unbemerkt in einen Raum zu kommen und dann wenn man es am wenigsten erwartet, meldet er sich. Der perfekte Kämpfer. Er hat nicht viel Kraft und handelt so wie es sein Aussehen verspricht. Trotzdem ist er eine vernichtende Waffe im Krieg, gerade weil er so leicht ist wie ein Mädchen und man ihn nicht bemerkt. Ich hatte Triumph empfunden als er sich für die Armee gemeldet hatte.

    Jokkera-Aav.

    Selbst ich nannte ihn Joker. Man konnte ihn gar nicht bei seinem richtigen Namen nennen. Ich würde es nie vor anderen gestehen, aber auch ich hatte Schwierigkeiten diesen Namen in der Sprache der Satane auszusprechen. Irgendwann nannten ihn alle Joker und da er nie etwas dazu gesagt hatte, gewöhnte sich jeder daran. Mit zehn Menschenjahren hatte er fast den ganzen linken Teil des Unterschlosses abbrennen lassen, mit achtzehn hatte er für eine Überschwemmung gesorgt und mit neunzehn Menschenjahren hatte er begonnen schwarze Magie zu lernen. Es wunderte mich nicht. Er hatte einen Hang zu Katastrophen und wüsste ich es nicht besser, hätte ich gesagt, dass er einige Erbteile von Pierroto haben könnte. Vielleicht verbrachte er auch einfach nur zu viel Zeit mit unserem kleinen Pausenclown. Schwarze Magie war doch schon immer gut für einen Krieg gewesen...

    Zaounn.

    Er hatte gezögert als ich nach Freiwilligen für die Front fragte. Es hatte mich sehr gewundert, war er doch immer derjenige der voller Eifer und Freude war, wenn es um die Engel ging. Wahrscheinlich hatte ihm dieser dumme Rauschgoldengel von letztem Jahr den Kopf verdreht und nun wollte er nicht gegen diese dumme Frau kämpfen. Allerdings war das nicht mein Problem und da er einer meiner besten Männer war, musste er an die Front. Rauschgoldengel hin oder her - sie waren ja sowieso alle gleich.

    Huh.

    Téanemus-Arcem.

    Mein Thronfolger. Mein Vertreter. Derjenige, der inzwischen die Drecksarbeit für mich erledigen durfte. Es schadete ihm nichts, er sollte ruhig lernen, was es hieß sich für den Posten bereit zu halten. Natürlich bekomme ich die Gerüchte und das ganze Getuschel mit. Warum hatte ich ausgerechnet ihn zum Thronfolger ernannt? Huh. Dumme Frage... es war doch ganz offensichtlich.

    Ich sah ihn nur selten. Meistens nur bei Besprechungen. Ich hatte auch keinen besonderen Drang dazu nach ihm rufen zu lassen. Er hatte besseres zu tun und ich hatte ebenso andere Sachen zu erledigen, als mich um unseren kleinen Außenseiter zu kümmern. Für ihn hatte ich so wieso etwas ganz anderes geplant. Als ich ihm befohlen hatte, nicht an die Front zu gehen, hatte er mich emotionslos angesehen. Kein Wort hatte er gesagt. Mir war es recht so.

    Kotolym.

    Ich werde aus dem Jungen nicht schlau. War er früher eine lästige Klette gewesen und wollte einem nicht von der Seite weichen, hatte er sich nun von allen abgewandt und vergeudete seine Zeit damit Pierroto hinterher zu spionieren, selbst wenn er wusste, dass dieser ihn schon seit Monaten bemerkt hatte. Warum Pierroto sich das gefallen ließ, war mir ein Rätsel. Kotolym beherrschte keinerlei Kraft und bewies sich viel lieber bei Denkarbeiten - nicht, dass ich ihn jemals deswegen gelobt hätte... es war nur schön zu wissen, dass man nicht nur von hirnlosen Muskelpaketen umgeben war. Er war nicht geeignet für den Krieg und sollte zusammen mit seinem älteren Bruder Téanemus, die Mission ausfüllen, die ich als Plan B gedacht hatte... würde Plan A jemals scheitern.

    Ibesta.

    Ein Mädchen. Ich wusste noch, wie wütend ich gewesen war, als ich erfuhren hatte, dass diese Hure mir ein Mädchen geboren hatte. Was sollte ich denn mit einem Mädchen anfangen? Noch dazu ein so freches, dass ich mich jedes Mal frage woher sie dieses übergroße Temperament her hat. Sie war die Einzigste, die nicht darüber geschockt war, dass all meine Kinder verschiedene Mütter hatten. Was sollte ich auch mit einer Frau? Frauen waren nur dazu da, mir Nachfolger zu schenken... dazu brauchte ich keine Lebensgefährtin, mir reichten Huren für eine Nacht, die dann jammernd bei mir ankamen und behaupteten, dass sie schwanger von mir seien - was bei mehr als über die Hälfte, immer gelogen war. Krieg war für sie ausgeschlossen.

    Deraclaude.

    Das zweite Mädchen. Wieder von einer Hure geboren, die ich in der Menschenwelt aufgegabelt hatte. Brachten diese dummen Menschen denn nur schwache Rotzlöffel auf die Welt, die nicht einmal Krieg führen konnten? Mir schien es so. Dennoch waren die Huren dort wenigstens abwechslungsreich.

    Deraclaude war wie ihre ältere Schwester, konnte kein Wort für sich behalten und konnte keine zwei Minuten lang stillsitzen. Ich hasste es Konferenzen mit den beiden abzuhalten, weil ich genau wusste, wie sie dachten und WAS sie dachten. Verdammte Gören.

    Fue-Comenius.

    Mein elftes Kind und die erste Behinderung. Seit seinem ersten Herzschlag auf dieser Welt, seitdem er aus dem Körper seiner Mutter gerissen wurde - die übrigens nicht aus dem Menschenreich stammte -, war er erblindet. Seine Augen waren leer und blickten starr in die Ferne. Hätte ich Gefühle gegenüber meiner Kinder gehabt, Gefühle die nur ein wahrer Vater haben konnte, hätte ich geweint. Doch das habe ich nicht. Für mich war es eine Behinderung und somit war er nicht geeignet für den Krieg, konnte mir nicht von Nutzen sein. Warum ich ihn trotzdem leben ließ, weiß ich noch heute nicht. Mitleid? Oder Angst...?

    Meridot & Peridot.

    Natürlich war mir aufgefallen, was für einen Narren Pierroto an meinen jüngsten Söhnen gefressen hatte. Besonders für Peridot hatte er sich die gefährlichsten Spiele ausgedacht. Dabei sollte doch gerade er wissen, dass man nicht zu lange mit dem Feuer zündeln durfte, hatte ich ihn doch oft genug davor gewarnt. Als er sich dann an den labilen Meridot gewagt hatte, hatte er das Fass zum Überlaufen gebracht.

    Meridot war jung, Perdidot jünger. Und das spürte man. Die beiden hatten große Probleme, sowohl psychische als auch einander gegenüber physische, aber da ich nicht daran dachte ihnen zu helfen, mussten sie diese selbst lösen. Auch wenn es mich leicht verärgerte, was die beiden füreinander empfanden. Dass sie Brüder waren und dies empfanden war für mich keine Sünde - immerhin war ich kein dummer Mensch -, viel mehr das Gefühl an sich störte mich...

    Dreizehn Kinder und jedes von ihnen hatte seine Stärken und Schwächen... seine eigenen Intrigen. Fast alle kannte ich, wenige blieben mir im Schatten verborgen oder wurden von anderen Personen verdeckt.

    Jetzt aber, wo sie vor mir standen und auf meinen Befehl warteten, wusste ich, dass sie erkannten, dass ich die Kontrolle über sie hatte. Niemand sonst. Sie waren nicht frei und unabhängig, wie sie anfangs glaubten, sie hatten die Peitsche gespürt und gemerkt wie Ernst diese Sache war. Der Krieg zwischen Himmel und Hölle. Dieser schwachsinnige Friedensvertrag konnte mir den Buckel runterrutschen. Gott sollte seine lieben Friedensengelchen besser wieder zurückrufen... es könnte sonst passieren, dass ein paar Hühnchen die Federn gerupft werden.

    Der erste Zug konnte also beginnen.

    Mei sah seine Schwester fragend an. Nachdem die Besprechung des Friedenvertrags beendet wurde, hatte ihn Amanee hinter die Säulen gebeten. Nun hatte er eine halbe Stunde gewartet und war gespannt darauf, was seine Schwester so dringend von ihm wollte. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen und auch wenn sie ein Lächeln auf ihre Lippen zwang, konnte er sehen wie sie sich selbst quälte.

    "Was wolltest du mir sagen? Es muss besonders wichtig sein, wenn du mich extra nach einer so langen und anstrengenden Besprechung hierher bestellst." Mei wollte nicht bissig klingen und doch konnte er sich aus einem unerfindlichen Grund nicht zurückhalten. Seitdem er der Berater Kami-samas war, sah er alles mit anderen Augen und ihm fiel es schwer Höflichkeit vor zu heucheln wenn er sich nicht danach fühlte, Respekt vor der Person zu zeigen.

    Amanee prüfte ihn erst mit ihrem eiskalten Blick, den er nur von damals kannte, als ihre Mutter sie von zu Hause vertrieben hatte. Damals war alles noch anders gewesen...

    Dann verschränkte sie die Arme, lehnte sich an eine der wackligen Säule und schloss die Augen.

    "Glaubst du, Luzifer hält den Friedensvertrag ein?" Erstaunt schaute er auf.

    "Was meinst du damit? Er MUSS den Friedensvertrag einhalten. Immerhin wurde es einstimmig beschlossen." Sie runzelte die Stirn und schwieg. Mei wusste nicht was seine Schwester bezwecken wollte. War das nicht der Sinn eines Vertrages? Das beide Parteien ihn einhielten und nicht die Regeln brachen?

    "Was wenn Luzifer anderer Meinung ist. Sein siebter Sohn hat ihn doch vertreten, oder?" Er nickte zögernd. Der Junge war als einzigster gekommen, hatte einen ruhigen und entschlossenen Eindruck gemacht. Mei hatte Luzifer noch nie gesehen, nahm aber an, dass wenn sein Sohn schon so ruhig war, dass Luzifer gar nicht so schlimm sein konnte, wie alle behaupteten.

    "Es weiß aber niemand ob Luzifer auch wirklich der gleichen Meinung ist. Von dem was Kami-sama jemals über damals preisgegeben hat, folgt Luzifer nicht gerne Befehlen und geht selbstsicher mit dem Kopf durch jede noch so harte Wand." Amanee öffnete wieder ihre Augen und blickte zu den anderen Beratern hinüber, die alle versammelt vor der Tür standen. Gott stand einige Meter entfernt und starrte still auf den Marmorboden.

    "Was ich damit sagen will; wenn Luzifer den Vertrag bricht und uns hier überrascht angreift, sind wir verloren und die erste Front des Himmels wird fallen." Entsetzt wollte Mei widersprechen, blieb aber ruhig, als Amanee ihn scharf ansah.

    "Was denkst du haben die für Waffen da unten? Wir haben Frauen und Kinder, die Wäsche waschen und die Männer versorgen, die abends müde nach Hause kommen. Müde vom Schreiben der neuen Statistiken und Daten, nicht vom Kämpfen. Wenn die Satane hier angreifen, mit ihren stärksten Männern, die seit ihrer Geburt nichts anderes kennen als Tod, Mord, Blut und Gewalt... wer glaubst du wird da am Ende gewinnen? Die aus der Hölle oder wir?"

    Mei schluckte, denn die Worte seiner Schwester waren selbst für ihn erschreckend nah an der Realität.

    Währenddessen kämpfte Gott mit seinen ganz eigenen Dämonen. Zu klar waren die alten Erinnerungen und zu verschwommen war das damalige Glück, das er empfunden hatte. Alles was ihm geblieben war, war diese Zeit in der die Verbannung begonnen hatte.

    Zuerst überkam mich Enttäuschung. Was hatte ich getan? Vor mir stand eine Kreatur, die vollkommen nutzlos war. Wo war das glänzende Fell, wo die scharfen Krallen zum Jagen? Ich hatte etwas erschaffen wollen, das es noch nicht auf dieser Welt gab, ein Geschöpf das stärker war, als jedes Tier, das ich aus meinen eigenen Händen geformt hatte. Warum also hatte ich all meine Zeit damit vergeudet solch eine unsinnige Kreatur zu erschaffen? Hatte ich nicht all meine Kraft in dieses Tier fließen lassen um es perfekt werden zu lassen? Alle Anstrengungen umsonst.

    So hatte ich am Anfang gedacht. Die Rasse Mensch entstand und mein erstes, geliebtes Kind machte sich mit der Welt vertraut. Warum musste es soweit kommen, dass dieses Kind mich nun so hasste?

    Als ich das erste Mal seine Augen gesehen hatte, wusste ich sofort was für ein Meisterwerk er war. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen und sein Blick war nicht der eines Raubtiers. Er war sanft und als ich langsam und zögerlich auf ihn zutrat, blickte er mich erwartend an und regte sich nicht, als ich ihn glücklich in die Arme nahm. Mein Kind war geboren und es machte mich glücklicher als jede Erschaffung zuvor. Er war mein Gott, hatte Kraft die meiner gleichte und in ihm floss das selbe Blut, dass auch ich in meinem Körper hielt. In diesem Moment wusste ich, wie sich ein zufriedener Vater fühlen musste.

    Aber es änderte sich alles und aus dem unglaublichen Glück wurde eine Tragödie, die alles veränderte. Manchmal überlege ich mir, ob es besser gewesen wäre, wenn ich ihn nie erschaffen hätte. So oder so wären die Menschen entstanden... oder?

    Alles auf was ich jetzt noch zurückblieben kann ist Trauer... Enttäuschung und Angst.

    Warum müssen diese Gefühle alle an meinen gefallenen Engel, Luzifer, gerichtet sein? Warum kann er mich nicht einfach verstehen und diesem Frieden zustimmen? Warum kann es nicht alles wieder so wie früher sein...

    Luzifers Kinder wussten was ihr Vater wollte. Krieg. Die Eroberung des Himmels und der Fall Kami-samas. Sein Ziel, das auch zu ihrem Ziel geworden war, prangte über der ganzen Hölle und jeder brennte darauf, den ersten Zug zu machen. Diejenigen die für den geheuchelten Frieden waren blieben still, schwiegen und regten sich nicht, aus Angst der Herrscher könnte sie hören und würde sie hinrichten. Jemanden der für den Frieden und gegen den Krieg war, wurde enthauptet. Es gab kein Erbarmen. So kam es, dass ein fünfjähriger Junge, der noch nicht einmal verstand, was Krieg bedeutete, seine Mutter fragte, warum man denn ausgerechnet solch einen Krieg führte. Am nächsten Morgen wurde er in den Armen seiner weinenden Mutter zu Grabe geführt.

    An der Versammlung erwähnte niemand diesen rücksichtslosen Mord an einem kleinen Kind.

    Alle standen sie in Reih und Glied da. Alle Männer und kampffähigen Jungen, all diejenigen die in der Lage waren mit einem Schwert umzugehen, sollte es zum Ernstfall kommen. Nur die Frauen wurden ausgeschlossen, mussten sie doch auf die Kleinsten aufpassen und die Wunden ihrer Männer versorgen.

    In der vordersten Reihe standen die Söhne Luzifers, alle mit hoch erhobenen Kopf und ernstem Blick. Keiner regte sich, sie warteten auf ihre Befehle. Téanemus-Arcem jedoch verstand es nicht. Er verstand nicht, was er hier überhaupt suchte, wenn er sowieso nicht in den Krieg ziehen würde. Auch seine anderen Geschwister, die ebenfalls in der Hölle bleiben würden, tauschten unruhige Blicke aus. Warum wurden sie hergerufen?

    Die zweite Reihe bestand aus den Beratern Luzifers, unter ihnen auch Pierroto, der wieder er selbst war und wieder so teuflisch lächelte wie man es von ihm gewohnt war.

    Die anderen Reihen bestanden alle aus den besten Kämpfern der Hölle und aus ein paar Menschen, die sich getraut hatten, Luzifer ihre Dienste anzubieten... würden sie nicht vor dem Krieg von einem der Satane selbst getötet werden, die sie mit hungrigen Blicken begutachteten.

    Die Männer, die keine Kampfausbildung hatten und mit ihren Söhnen erschienen waren, wurden an den Seiten untergebracht und warteten nervös auf den Beginn der Versammlung.

    Als Luzifer dann endlich eintrat und auf die Anhöhung vor den Reihen trat, verstummte der ganze Saal und wartete auf seine Befehle.

    Seine kalten Augen musterten jeden einzeln und zufrieden nickte er.

    "Wir haben uns heute hier versammelt um den Krieg gegen das Himmelsreich zu beginnen." Schwaches Jubeln wurde laut, doch Luzifer ignorierte es und fuhr unberührt fort. Sollten sie doch jubeln wenn es vorbei war.

    "Hier sind all diejenigen versammelt, die an dem Krieg teilnehmen werden. Manche werden an der Front kämpfen und für andere", sein Blick ruhte kurz auf Téanemus-Arcem und wandte sich dann wieder allen zu, "ist eine andere Rolle vorgesehen. Letztendlich werden wir jedoch alle an diesem Krieg teilnehmen, selbst die schwachen Frauen, die heute nicht anwesend sind. Sie werden dafür sorgen, dass die wenigen Wunden die wir erhalten werden, versorgt werden. Das gesamte Himmelsreich glaubt an diesen unsinnigen Friedensvertrag und kommt auch nur einer hier in unserer Mitte auf die Idee, diese flatternden Hühner vorzuwarnen, wird er auf der Stelle im Fegefeuer verbrannt." Zaounn trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Er nahm die Drohung ernst und doch... musste er immer daran denken, dass Evelay nichtsahnend auf eine Nachricht von ihm wartete und gar nicht daran dachte, dass er - als Sohn Luzifers - bald ihre Heimat angreifen würde. Er hatte einen Knoten in seinem Herzen, von dem er nicht wusste, wie er ihn wieder lösen sollte. Auf der einen Seite war sein Vater, der nicht zögern würde ihn umzubringen, und auf der anderen war die Frau, die er über alles liebte. Vielleicht sollte er sich lieber gleich selbst ins Fegefeuer werfen, so würde ihm einiges erspart bleiben.

    "Gott ist naiv und gutgläubig, er erwartet keinen Angriff von unserer Seite.

    ("Warum tust du das, Luzifer?")

    Schon morgen, bei Sonnenaufgang, wird die erste Gruppe aufbrechen. Wir werden erst eine Festung der Menschen besetzen, die sich nahe an der Grenze befindet und dann weiterplanen, wie die zweite Gruppe vorgehen wird, die sich geradewegs auf den Weg zur ersten Himmelsgrenze macht. Natürlich wird die erste Gruppe aus den normalen Männern und ihren Söhnen bestehen.

    ("Du kannst mich nicht ignorieren, Luzifer! Ich habe dich erschaffen und du tanzt mir einfach so auf der Nase rum!")

    Meine Söhne und die ausgebildeten Kämpfer werden durch die erste Himmelsgrenze brechen und an der zweiten auf Verstärkung warten. Ich selbst begleite dann die dritte Gruppe, die aus den Magiern und Beratern besteht.

    ("Hiermit verbanne ich dich, gefallener Engel. Ich dachte einst dich wie ein Vater zu lieben, doch du bist nur ein Monster geworden. Verschwinde und kehre nie wieder zurück in das heilige Reich.")

    Es wird noch eine vierte Gruppe geben, die aus sieben Satanen bestehen wird, die nicht für die Front geeignet sind und einen anderen Plan ausführen werden.

    Larumhen-hen, Téanemus-Arcem, Kotolym, Ibesta, Deraclaude, Ibesta, Meridot und Peridot. Ihr werdet Plan B ausführen, während wir anderen gleichzeitig Plan A in Gang bringen. So sind wir auf der sicheren Seite und haben schon so gut wie gewonnen."

    ("Ich liebe dich, Luzifer, doch solch ein Monster, wird niemals selbst lernen zu lieben. Ich habe bei deiner Erschaffung wohl die Gefühle vergessen. Wie töricht von mir.")

    So begann der "heilige Krieg". Vier Gruppen der Hölle, alle mit einer einzelnen Mission und während Gott ganz genau weiß, dass Luzifer nicht einfach nachgeben wird, wundern sich sieben Personen was genau dieser Plan B ist, den Luzifer sich einfallen hat lassen.

    Und als Morgen wird ziehen die ersten Satane los. Nur die sechs Söhne, Leax, Ayev, Mey, Jokkera-Aav, Zaounn und Fue-Comenius warten noch auf ihren Einsatz.

    Pierroto dagegen kann über diese ganze Sache nur lachen. Luzifer unterschätzte Gott und auch wenn er es noch nicht bemerkt hatte, sein Zug war so vorhersehbar, dass selbst ein Blinder seinem Hieb ausweichen konnte. Was würde Luzifer wohl tun wenn er seinem geliebten Gott wieder gegenüberstehen würde? Nach all den Jahren...

    Es versprach eine interessante Zeit zu werden. Zumindest für den Clown, der sich amüsiert zurücklehnte und die Aussicht genoss, die sich ihm schon bald bieten würde.


    Kapitel 8: Intermezzo
    Als die Schulglocke laut schallte und alle Schüler langsam in das große Schulgebäude strömten, rührte er sich nicht. Er reagierte nicht auf das Rufen seines Namens oder auf das wütende Schnauben seines Freundes, der ungeduldig auf ihn wartete.

    Doch es kümmerte ihn nicht. Es war Montag morgen. Die erste Schulstunde würde in wenigen Minuten anfangen. Er hasste Montage. Deswegen hatte er beschlossen nicht an der ersten Schulstunde teilzunehmen, um es formell auszudrücken.

    Es war nicht so, dass er die Schule hasste und jeden Morgen beim Frühstück dachte, wie schrecklich dieses öde Leben war und wie er all seine Mitschüler hasste, die ihn ständig aufzogen und ihm abwertende Blicke zuwarfen. Nein, er war nicht die Art von Schüler die erleichtert waren, wenn die Schule endlich vorbei war. Er mochte die Schule und den teilweise langweiligen Unterricht. Es gab ihm etwas was er in seiner freien Zeit tun konnte.

    Dennoch mochte er Montage nicht. Jedes Mal blieb er vor dem Schulhaus stehen und blickte an dem grauen Gebäude empor. Die erste Stunde war das Schlimmste, danach würde alles wieder seinen geregelten Gang gehen. Doch in dieser ersten Stunde durchlebte er jeden Montag die Hölle. Deswegen bevorzugte er es der ersten Stunde fernzubleiben und erst zur zweiten langsam und ruhig in das Klassenzimmer zu gehen um sich dann dort gelangweilt auf seinen Stuhl am Fenster zu sitzen. Die vielen Eintragungen in das Klassenbuch wegen ‚fehlender Stunden’ und ‚nicht teilgenommenem Unterricht’ störten ihn nicht. Sie konnten ihm nichts anhaben, dazu waren seine Noten zu gut. Um so etwas musste er sich keine Sorgen machen. Außer in einem Fach...

    Ein Schatten senkte sich über ihn und er musste nicht aufschauen um zu wissen wer die bekannte Person war, die sich über ihn gebeugt hatte.

    „Soso, schon wieder am schwänzen, Pholex?“ Er lächelte leicht und schaute seine Freundin spielerisch empört an.

    „Du tust gerade so als würde ich immer schwänzen.“ Sie grinste und schüttelte leicht den Kopf, bevor sie sich wi



    Re: Storys

    Kyna - 23.03.2005, 16:19


    *lol* wie ihr abgeht du.... *bewunder*



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