Simplizissimus

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    Re: Simplizissimus

    pfoetchen - 11.09.2006, 10:35

    Simplizissimus
    Simplizissimus I.
    Der eine kann das Unglück nicht,
    Der andre nicht das Glück verdauen.
    Durch Männerhaß verdirbt der eine,
    Der andre durch die Gunst der Frauen.
    Als ich dich sah zum ersten Mal,
    War fremd dir alles galante Gehöfel;
    Es deckten die plebejischen Hände
    Noch nicht Glacé-Handschuhe von Rehfell.

    Das Röcklein, das du trugest, war grün
    Und zählte schon sehr viele Lenze;
    Die Ärmel zu kurz, zu lang die Schöße,
    Erinnernd an Bachstelzenschwänze.

    Du trugest ein Halstuch, das der Mama
    Als Serviette gedienet hatte;
    Noch wiegte sich nicht dein Kinn so vornehm
    In einer gestickten Atlaskrawatte.

    Die Stiefel sahen so ehrlich aus,
    Als habe Hans Sachs sie fabrizieret;
    Noch nicht mit gleißend französischem Firnis,
    Sie waren mit deutschem Tran geschmieret.

    Nach Bisam und Moschus rochest du nicht,
    Am Halse hing noch keine Lorgnette,
    Du hattest noch keine Weste von Sammet
    Und keine Frau und goldne Kette.

    Du trugest dich zu jener Zeit
    Ganz nach der allerneusten Mode
    Von Schwäbisch-Hall - und dennoch, damals
    War deines Lebens Glanzperiode.

    Du hattest Haare auf dem Kopf,
    Und unter den Haaren, groß und edel,
    Wuchsen Gedanken - aber jetzo
    Ist kahl und leer dein armer Schädel.

    Verschwunden ist auch der Lorbeerkranz,
    Der dir bedecken könnte die Glatze -
    Wer hat dich so gerauft? Wahrhaftig,
    Siehst aus wie eine geschorene Katze!

    Die goldnen Dukaten des Schwiegerpapas,
    Des Seidenhändlers, sind auch zerronnen -
    Der Alte klagt: bei der deutschen Dichtkunst
    Habe er keine Seide gesponnen.

    Ist das der Lebendige, der die Welt
    Mit all ihren Knödeln, Dampfnudeln und Würsten
    Verschlingen wollte, und in den Hades
    Verwies den Pückler-Muskau, den Fürsten?

    Ist das der irrende Ritter, der einst,
    Wie jener andre, der Manchaner,
    Absagebriefe schrieb an Tyrannen,
    Im Stile der kecksten Tertianer?

    Ist das der Generalissimus
    Der deutschen Freiheit, der Gonfaloniere
    Der Emanzipation, der hoch zu Rosse
    Einherritt vor seinem Freischarenheere?

    Der Schimmel, den er ritt, war weiß,
    Wie alle Schimmel, worauf die Götter
    Und Helden geritten, die längst verschimmelt;
    Begeistrung jauchzte dem Vaterlandsretter.

    Er war ein reitender Virtuos,
    Ein Liszt zu Pferde, ein somnambüler
    Marktschreier, Hansnarr, Philistergünstling,
    Ein miserabler Heldenspieler!

    Als Amazone ritt neben ihm
    Die Gattin mit der langen Nase;
    Sie trug auf dem Hut eine kecke Feder,
    Im schönen Auge blitzte Ekstase.

    Die Sage geht, es habe die Frau
    Vergebens bekämpft den Kleinmut des Gatten
    Als Flintenschüsse seine zarten
    Unterleibsnerven erschüttert hatten.

    Sie sprach zu ihm: »Sei jetzt kein Has,
    Entmemme dich deiner verzagten Gefühle,
    Jetzt gilt es zu siegen oder zu sterben -
    Die Kaiserkrone steht auf dem Spiele.

    Denk an die Not des Vaterlands
    Und an die eignen Schulden und Nöten.
    In Frankfurt laß ich dich krönen, und Rothschild
    Borgt dir wie andren Majestäten.

    Wie schön der Mantel von Hermelin
    Dich kleiden wird! Das Vivatschreien,
    Ich hör es schon; ich seh auch die Mädchen,
    Die weißgekleidet dir Blumen streuen« -

    Vergebliches Mahnen! Antipathien
    Gibt es, woran die Besten siechen,
    Wie Goethe nicht den Rauch des Tabaks,
    Kann unser Held kein Pulver riechen.

    Die Schüsse knallen - der Held erblaßt,
    Er stottert manche unsinnige Phrase,
    Er phantasieret gelb - die Gattin
    Hält sich das Tuch vor der langen Nase.

    So geht die Sage - Ist sie wahr?
    Wer weiß es? Wir Menschen sind nicht vollkommen.
    Sogar der große Horatius Flaccus
    Hat in der Schlacht Reißaus genommen.

    Das ist auf Erden des Schönen Los!
    Die Feinen gehn unter, ganz wie die Plumpen;
    Ihr Lied wird Makulatur, sie selber,
    Die Dichter, werden am Ende Lumpen.



    Re: Simplizissimus

    pfoetchen - 11.09.2006, 10:41

    ODER
    Der Abenteuerliche Symplicissimus Teutsch, 1668-1669
    Von Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen.
    «Ach!» sagte ich zu mir selbst, «Simplici was tust du? du liegst halt hier auf der faulen Bärenhaut und dienest weder Gott noch den Menschen! wer allein ist, wenn derselbe fällt, wer wird ihm wieder aufhelfen? ists nicht besser du dienest deinen Nebenmenschen und sie dir hingegen hinwiederum, als daß du hier ohn alle Leutseligkeit in der Einsame sitzest wie ein Nachteul?»

    Kurzfassung



    Re: Simplizissimus

    Anonymous - 11.09.2006, 10:44



    VOLLTREFFER!!!!



    Re: Simplizissimus

    Anonymous - 11.09.2006, 13:51


    BRAVO!!!!!







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