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Re: Enas kleine Universum - Der Sonnenstein
Ena - 26.07.2010, 19:41Enas kleine Universum - Der Sonnenstein
// Hallöchen! Ein Ideenflash hat mich dazu gebracht, mal in meinem kleinen Universum (welches noch fast niemand kennt) eine Geschichte zu schreiben. Ich denke, qualitativ hab ich mich im Vergleich zu anderen Geschichten von mir gesteigert - außer vielleicht Umarth, aber die ist ja auch zu neu. Ich würd mich sehr freuen, wenn jemand wirklich Kritik schreiben würde, muss ja nichts langes sein, aber ich möchte mich gerne verbessern. Zum Schluss noch fürs Recht:
Die Charaktere auf meinem Bild stammen aus dem Spiel Fire Emblem und dienen zur Vorstellung der Charaktere. Sie gehören ihren rechtmäßigen Eigentümern.
[1]
Vor langer Zeit, als die Welt noch nicht existierte, schwebte in der Atmosphäre des Göttlichen, die wir heute Multiversum nennen, eine Insel. Auf dieser Insel lebte die Göttin Larxene, die Mutter. Von Anbeginn der Zeit an wartete sie dort auf die Liebe. Das Schicksal sah die tugendhafte Geduld der Jungfrau und schickte einen Gott zu ihr – Tamon, den Vater. Weil es das Schicksal wollte, verliebten sie sich ineinander und lebten lange alleine auf der Insel. Doch irgendwann wünschten sich die beiden eine Familie.
Larxene gebar Tamon Zwillinge, die Söhne Schatten und Licht. Zunächst waren sie ganz gleich, doch langsam stellte sich heraus, dass Licht Schatten in allem übertraf. Licht konnte Schatten verdrängen, doch Schatten könnte gegen Licht nichts tun und musste weichen, so bekam Licht immer zuerst die schönsten und die besten Dinge. Schatten, eifersüchtig auf seinen so viel besseren Bruder, erdolchte ihn als Jüngling hinterrücks.
In tiefer Trauer um ihren Sohn erschuf Larxene die Sonne, das ewige Licht. Zornig verbannte Tamon Schatten in einen großen Lehmklumpen und befahl ihn, auf ewig um die Sonne zu kreisen, auf dass er niemals vergesse, was er seinem Bruder angetan hatte. Man erzählt sich, dass die Reue Schattens das Schicksal besänftigte und es ihm Wälder, Meere und Bewohner schenkte, über die er wachen konnte. Seine Eltern waren damit sehr zufrieden und zogen sich von den Geschicken ihres Sohnes zurück, auf ewig unauffindbar auf Sternen fliegend.
Nur ein kleiner Rest von Schatten blieb boshaft und konnte sich dem Sonnenlicht entziehen – wir nennen es heute das Schattenreich. Dort leben die niederträchtigsten und gemeinsten Geschöpfe, die auf ewig dem Bösen zugewandt sind.
Bird klappte das Buch zu und strich nachdenklich über den dunklen Leinenumschlag. Ihre Finger, feingliedrig wie die einer Elfe, fuhren den Titel „Die Schöpfung“ entlang. Kurz kräuselten sich die weißen Augenbrauen des Mädchens, Erinnerungen an das Schattenreich überfluteten ihre Gedanken. Dunkelheit, gelbe, unablässig starrende Augen, Stimmen, die voller Sehnsucht nach dem Licht riefen...
„Da ist etwas! Hör zu: Die Macht des göttlichen Lichts regnete auf die Bewohner des Lehms – später Lerym – herab und schenkte ihnen die Magie. An einer ganz bestimmten, bisher noch unbekannten Stelle, errichtete es ein Grab für den menschlichen Körper Lichts. Wer den Sonnenstein findet, der Karte folgt und dorthin pilgert, soll der Legende nach sein wahres Ich erkennen und einen Wunsch erhalten” , erklang plötzlich eine Stimme links unter ihr.
Ertappt steckte sie das Buch wieder an seinem anbestimmten Platz und zwang sich ein Lächeln auf das Gesicht. Langsam, hoffentlich nicht auffällig langsam, beugte sie sich zu ihrem besten Freund hinab und schaute über seine Schulter auf die Runen in dem Buch, das er ihr entgegenhielt. Nun...sie musste sich nicht sehr weit bücken. Obwohl Duncan im Schneidersitz auf den Fliesen saß, rieb der Knoten seines olivgrünen Stirnbandes an ihrer Hüfte, wenn er die großen und kleinen Stapel durchwühlte, welche ihn mittlerweile einkreisten. Bird runzelte die Stirn. Er war fast einen Kopf größer als sie. Dabei hatten ihre Stiefel bereits Absätze... Wenn er weiter so wuchs, konnte er sie bald als bequeme Armstütze benutzen.
Um ihre Antwort nicht noch weiter hinauszuzögern, räusperte sie sich und murmelte: „Interessant.“
Sie hatte kaum zugehört oder hingeschaut, doch das Wort passte eigentlich immer. Vielleicht wäre sie damit durchgekommen, mit einem Frosch im Hals und einer universellen Antwort, wenn vor ihr nicht Duncan Link gesessen wäre. Der blauhaarige Junge, der sie seit sie in diesem Teil der Welt war begleitete, so lange schon und so zuverlässig, dass sie sich Alleinsein gar nicht mehr vorstellen konnte. Der Junge mit dem roten Umhang und dem ansteckenden Lächeln. Ihr bester Freund. Ihr einziger.
Doch die enge Freundschaft hatte ihren Preis. Er kannte mittlerweile jede einzelne Kleinigkeit, die eine veränderte Gemütslage anzeigte. Er drehte den Kopf und fixierte sie forschend mit den Augen, die sich in der Farbe kaum von seinen Haaren unterschieden. Auch ihre künstlich fragende Miene konnte ihn nicht täuschen.
„Was ist los?“, fragte er, klappte wie sie zuvor das Buch zu, einen behandschuhten Finger zwischen die Seiten geschoben und richtete sich auf.
Nur kurz wandte er den Blick von ihr ab, um die Umgebung zu sondieren. Der Bibliotheksraum war kleiner als die, durch welche sie zuletzt gereist waren, aber gut bestückt. Die knarrigen Bänke waren jedoch so morsch, dass sie mit dem Steinboden vorlieb hatten nehmen müssen und die Regale wackelten bei jeder Berührung wie ein dreibeiniger Stuhl. Die Mittagssonne schien durch die Buntglasfenster in den Raum und tupfte bunte Lichttröpfchen auf die Lesepulte. In den Lichtstrahlen tanzte der Staub der umgeschlagenen Seiten. Es roch nach Pergament und Tinte. Aber auch modrig.
Bird kaute auf ihrer Unterlippe herum. Er sah sich nicht nach Lauschern um. Sie kannte das Spiel. Er wollte ihr Zeit geben um zu antworten. Erst als er sie wieder ansah machte sie den Mund auf und bevor die Wahrheit auch nur starten konnte, war schon die natürlichste Lüge der Welt herausgeschlüpft:
„Nichts.“
Er verdrehte die Augen. „Vor zehn Minuten warst du noch so begeistert wie ich, und seit du dieses dumme dunkle Buch angefasst hast...bist du traurig.“
Die Selbstverständlichkeit, mit der Duncan alles, was Bird traurig machte, als „dumm“ bezeichnete, zauberte ihr beinahe schon wieder ein Lächeln aufs Gesicht. Aber nur beinahe.
„In dem Buch ging es um das Schattenreich“, sagte sie schließlich doch mit zusammengebissenen Zähnen.
Mehr brauchte sie nicht erklären. Ihr Tonfall flötete von alleine für Duncan: „Das dumme, idiotische Schattenreich, das Reich mit den bösen Leuten, die von allen gemieden werden. Mein dummes dunkles Heimatland!“
Er sah auf das Buch in seiner Hand, ein dünner Pilgerführer, gebunden in kaum mehr als ein paar würmerzernagte Lappen. Rythmisch schlug er es gegen den Eisenschutz über seinen Fingerknöcheln.
„Ich dachte, das hätten wir geklärt. Bin ich weggelaufen, als du mir erzählt hast, woher du kommst?“
Sie schüttelte den Kopf, nun versuchte er wiedereinmal zu erreichen, dass sie sich dumm fühlte „Nein, aber...“
„Habe ich dich seither auf irgendeine Weise gemieden? Ich meine, bis auf das eine Mal, als ich in die Stinkpilze gefallen bin. Aber das war zu deinem eigenen Schutz.“ Er riss einen Witz. Birds Mundwinkel zogen sich leicht nach oben. „Nein, hast du nicht, aber...“
„Hast du denn irgendwelche verborgenen, nach Blut und Verderben lüsternen Gefühle gegenüber der Welt des Lichts oder wünschst irgendjemanden den Tod, wenn er es nicht verdient hat?“ Er verschränkte die Arme und klopfte mit dem Buch jetzt im selben Takt gegen seinen Gürtel. Das war sein Sieg.
„Nein.“
Duncan zog gespielt überrascht die Augenbrauen nach oben. „Nein? Hast du gerade dreimal 'Nein' gesagt?“
Um Birds sonst so blasse Nase zog sich ein rosaroter Schimmer.
„Ja, ich habe 'Nein' gesagt! Und jetzt zeig mir das Buch...!“
Sie nahm es aus seiner dargebotenen Hand und las die Stelle mit dem Sonnenstein im Zeitlupentempo, um sein auf ihr ruhendes, amüsiertes Grinsen loszuwerden. Nach dem dritten Mal lesen konnte sie es nicht mehr hinauszögern, ohne zu offensichtlich zu sein. Und dann würde er noch breiter grinsen.
„Da steht aber nicht, wo wir den Sonnenstein finden“, meinte sie abwertend und drückte ihm das Buch gegen die von seinem zerschlissenen, blauen Hemd bedeckten Brust.
Mittlerweile lohnte es sich kaum mehr, der Erzählung eines Bettlers hinterherzurennen. Wenn sie nicht bald richtige Arbeit bekamen, waren sie wiedereinmal pleite – und das bedeutete, dass Duncan jagen musste. Und Bird kochte. Letzteres wollten sich beide keinesfalls antun.
Er seufzte, da sie nicht in Lobeshymnen ausbrach und stellte es zurück ins Regal, wo es einsam ohne seine Nachbarn, die den Boden um Duncans Sitzplatz belagerten aussah.
„Aber ist das erste offizielle Buch, das den Sonnenstein erwähnt. Vielleicht finden wir in der Stadt eine Spur.“
Normalerweise brauchte es nicht viel, um Birds Begeisterung zu entfachen, besonders nicht, wenn Duncan es versuchte. Der Geruch eines Abenteuers genügte, um sie hinterherrennen zu lassen wie ein kleines Kind, das versucht einen Schmetterling zu fangen, so hatte er es einmal beschrieben. Sie schmunzelte. Er hatte hin und wieder seine poetischen Momente.
„Natürlich. Ich bin überzeugt davon, dass die Bewohner einer Stadt, die so gläubig ist, dass die halbe Bibliothek nur aus Pilgerführern besteht jederzeit einem Mädchen aus dem Schattenreich die Lage des Grabes ihres Gottes, den ich nach deren Glauben ja wohl umgebracht habe, verraten würden. Und selbst wenn. Dann gibt es ja auch noch den halbwüchsigen Stachelschopf an meiner Seite, der bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit mit seinem Schwert herumfuchtelt.“ Sie drehte sich um und schritt voran, wollte so schnell wie möglich wieder in der Wildnis sein, irgendwo, wo es niemanden gab, der sie seltsam beäugte oder versuchte sie hinzurichten. Duncan ging direkt hinter ihr, es kostete ihm kaum Mühe sie mit seinen langen Beinen einzuholen.
„Was meinst du mit halbwüchsig...?“, fragte er spöttisch und überholte sie, um sich lässig in den Torrahmen zu stellen.
Es war nicht der richtige Moment, seine Größe auszuspielen. Die heiße Wüstenluft blies durch den offenen Flügel und trieb Bird Sandkörner in die Augen. Stilvoll waberte Duncans Umhang um ihn herum. Eine Bö peitschte die losen Enden seines Stirnbandes gegen sein Gesicht und löste den Zauber von Macht um ihn fast augenblicklich auf, während er sich fluchend das tränende Auge rieb. Sie ging nicht weiter auf seinen Spott ein und ergriff seinen Ärmel, um ihn hinter sich herzuziehen. Er stolperte wenig elegant die Steintreppe herab, die zu dem quaderförmigen Mauerklotz mit Buntglasfenstern und dem Schild „Bibliötheque“ führte.
Bird sah sich vorsichtig nach Leuten um, doch um diese Zeit war niemand auf der Straße. Nun, eine Straße war wohl das Letzte, was man den abgetretenen und abgefahrenen Streifen Sand nennen konnte, der die einzelnen Mauerklötze miteinander verband. Beinahe alle waren sie gleich groß und gleich breit, nur die Schilder und Ladenauslagen ließen erkennen, um was es sich bei den einzelnen Bauwerken handelte. Es stank noch modriger als in der Bibliothek, gleichzeitig war es glühend heiß.
„Wo sind die Einwohner hin?“, fragte Duncan, der sein Auge mittlerweile nicht mehr als lebensbedrohliche Verletzung erachtete und sich nun ebenfalls umsah.
Sie schaute ihn kurz an und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Obwohl er eingehüllt in einen roten Umhang ein langes, blaues Hemd, darunter ein kurzes Hemd, eine lange, weiße Hose und schienbeinhohe Lederstiefel trug, schien er kein bisschen zu schwitzen. Die einzige Reaktion auf das Betreten der Wüste war es gewesen, sich die Ärmel seines Hemdes ein Stück hochzukrempeln. Bird hingegen, die beinahe ihr ganzes Leben in lichtärmeren Gebieten verbracht hatte, fühlte sich wie ein vollgesogener Schwamm.
„Wahrscheinlich beim Essen. Es ist nach Mittag.“
Wie aufs Stichwort ertönte plötzlich ein gurgelnd-grummelndes Geräusch von Duncans Körpermitte. Er zuckte zusammen und hielt sich den Bauch.
„Studierst du das ein?“, fragte sie mit erhobener Augenbraue, doch als Antwort erhielt sie nur ein weiteres Grummeln. Duncan ließ die Schultern hängen.
„Ich hatte ganz vergessen, dass wir gestern Abendessen und heute Frühstück ausgelassen haben, um die Bücher zu durchforsten...Ich sterbe vor Hunger...“
Bird hatte ebenfalls Hunger, doch war dieses Gefühl nicht wie bei der fremden männlichen Spezies neben ihr urplötzlich aufgetaucht und hatte sich mit lautem Knurren gemeldet, sondern war seit Stunden ein unangenehmes Leerebewusstsein. Dann wollte sie mal nicht so sein. Wenn ihn der Hunger plagte, konnte man ohnehin nichts mit ihm anfangen. Bird wies auf einen Mauerklotz schräg gegenüber, von dessen Oberkante das Schild „Resterante“ baumelte.
„Das Licht sei gepriesen!“, rief Duncan aus und zog Bird mit sich, ohne auf ihre Miene zu achten. Er sagte das aus Erziehung und Gewohnheit, doch insgeheim fragte sie sich jedes Mal, wie es kommen konnte, dass so etwas ein alltäglicher Ausruf geworden war. Was war passiert, dass man „Die Schatten seien gepriesen!“ nicht mehr rufen konnte, ohne sich verdächtig zu machen?
Unbemerkt von ihrem hungrigen Freund zog Bird die Augenbrauen zusammen.
Diese Bücher waren passiert. Die Bewohner, die trotzig alle Klischees erfüllten. Das war passiert.
Das dumme, idiotische Schattenreich.
Re: Enas kleine Universum - Der Sonnenstein
Ena - 27.07.2010, 16:16
[2]
Das Restaurant unterschied sich im Wesentlichen nicht von denen, die Bird bisher gesehen hatte. In den Mauerquader waren eine Theke mit einem halben Dutzend Barhockern, dahinter ein Regal voller verschiedener Flaschen, die schon beim Anblick beschwipst machten, etwa fünfzehn runde Tische mit je drei Stühlen und einer vertrockneten Blume in einer Vase ohne Wasser, zwei Räumlichkeiten für dringende Geschäfte und eine Küche, die durch einen Perlenvorhang vom Rest abgetrennt war, gequetscht. Es war nicht unbedingt rein, aber auch nicht dreckig. Der Modergestank wurde vom scharfen Geruch des Alkoholes übertüncht, der in Pfützen voller Glasscherben auf dem Boden schwamm.
“Das ist allerdings eigenartig”, murmelte Bird und stupste eine Scherbe mit der Spitze ihres Stiefels aus dem Weg. Das Restaurant musste bis vor Kurzem noch voll von Leuten gewesen sein. Ihre Teller und Getränke standen durcheinandergeworfen oder schlichtweg zurückgelassen auf den Tischen. Aus der Küche duftete es noch nach frisch gebackenem Brot und Bohnen. Doch in dem einen Raum, dem Hauptraum, war keine Menschenseele zu sehen. Vergessen war ihr Hunger. Etwas musste vorgefallen sein, etwas Schlimmes.
“Sieh mal, oben...” Duncan legte ihr eine Hand auf die Schulter, was sie beinahe an die Decke springen ließ. Er ließ sie wieder los und zeigte hoch. Ihre gelben Augen weiteten sich, als ihr Blick das Holz entlangglitt. Mehrere tiefe Krallen, für jeden Arm fünf, hatten sich in die Decke gegraben und tiefe Furchen gezogen. Direkt oberhalb der Theke befand sich ein dünnes, rundes Loch, durch das der Wüstenwind blies. Jetzt erst bemerkte sie, wieso ihre Schritte auf dem Boden knirschten. Er war von Sandkörnern bedeckt.
“Was schlägt ein so kleines Loch in die Decke, um zu entkommen, wenn es die Tür hätte nehmen können?”, fragte Duncan flüsternd. Eine steile Falte war an seiner Stirn aufgetaucht, wie jedes Mal, wenn er Probleme befürchtete. Er blickte sich gespannt wie eine Bogensehne um und zog mit einem metallischen Klirren sein Schwert aus der Scheide. Während er durch den Raum schlich, um die Küche zu überprüfen, kletterte Bird auf die Theke, um sich das Loch genauer anzusehen. Etwas daran war verkehrt. Doch sie wusste nicht, was...
“BIRD!”
Duncans Schrei warf sie vor Schreck von der Theke und ließ sie schmerzhaft auf den Hintern landen, genau zwischen zwei zerbrochenen Gläsern. Doch sie achtete nicht auf den Schmerz, sondern schlängelte sich so schnell sie konnte zwischen den Tischen vorbei zum Perlenvorhang, hinter dem sie ein blaues Hemd erkennen konnte. Duncan hatte sich davor aufgebaut und federte in Verteidigungshaltung auf seinen Füßen auf und nieder, als wolle er sich hechten. Bird verfluchte seinen langen Körper. Sie konnte nichts erkennen. “Was ist los?”, rief sie verärgert und hüpfte auf der Stelle, doch der Blick hinein blieb ihr verwehrt. Plötzlich hörte sie etwas von drinnen, dass sie erstarren ließ. Keine Furcht lähmte ihre Glieder, pure Freude durchdrang mit einem Mal jede Zelle ihres Körpers und ließ ihre Lungen anschwellen, so dass sie sich unmöglich bewegen konnte, ohne einen Jubelschrei auszustoßen. Stattdessen tat sie etwas viel Schlimmeres. Das Heulen, das kurze, wölfische Heulen, das an ihr Ohr gedrungen war und so schrecklich vertraut klang, entkorkte die jahrelang zurückgehaltene Tränendrüse und ließ sie überlaufen. Bird wusste nicht wer der Heuler war, noch konnte sie es genau einordnen, doch das pure Glücksgefühl, dass sie plötzlich ergriffen hatte, sprudelte in Form von Tränen aus ihr heraus. Bisher hatte sie es geschafft, die Lippen aufeinanderzupressen und keinen Mucks von sich zu geben, doch jetzt brach ein lauter Schluchzer aus ihr heraus. Die Hände auf ihren Mund gepresst, um weitere, so furchtbar fremde Geräusche zu unterdrücken, wurde sie noch einmal überrascht. Sie hatte noch nie jemanden gesehen, der sich schneller umdrehte. Wie ein Zyklon wirbelte Duncan wegen des Schluchzers herum und gab sofort seine Deckung auf. Bisher war sie Vertrauen von ihm gewohnt, Freundschaft, manchmal sogar einen lästigen Beschützerinstinkt, aber niemals hatte er sie als etwas Fremdes betrachtet. Für ihn waren alle Menschen gleich, ob sie nun aus der Welt des Lichts oder der des Schattens kamen. Bird blieb ihr letzter Schluchzer buchstäblich im Hals stecken, als sie sah, wie entsetzt er sie anstarrte. Vielleicht hatte er gedacht, Schattenmenschen könnten nicht weinen?
Bevor sie etwas sagen konnte, wahrscheinlich sogar bevor Duncan selbst bemerkte, was er tat, ging er auf sie zu – und legte ihr den Arm ohne Schwert um die Schulter. Es war nicht einfach ein freundschaftliches Trösten. Der Umhang, der sich um ihren Körper legte und ihn beinahe bedeckte, der feste Druck seines Armes, das alles hatte beinahe etwas Besitzergreifendes. Erschrocken von seinem ungewöhnlich harten Druck schaute sie auf und erkannte, dass die Adern an seinem Hals hervortraten. Die letzte Träne tropfte auf den Boden und mit ihr verschwand das Glücksgefühl über das Wolfsgeheul. Sie schämte sich dafür, geweint zu haben, doch noch mehr dafür, dass sie es nicht fertig brachte, sich von Duncan zu lösen. Zum ersten Mal konnte sie nicht einschätzen, was er dachte und das machte ihr Angst. Die Falte auf seiner Stirn war nun beinahe senkrecht. Vielleicht zerbrach er sich ebenfalls den Kopf, was ihren plötzlichen Stimmungswandel verursacht haben könnte. Sein Blick war leer, undurchschaubar auf den Vorhang gerichtet, dessen Perlen sanft hin und her wiegten. Noch viel bedrohlicher war das Schwert, das er von sich streckte, die Spitze schräg nach oben, um einen Hieb abzuwehren. Ihr wurde bewusst, wie sehr sie seine Beweglichkeit einschränkte und wollte sich befreien, aber sein Arm presste sie nur noch fester gegen seine Brust.
“Woher kennt es deinen Namen?”, fragte er abwesend, als hätte er die Frage nur gedacht und versehentlich laut ausgesprochen.
“Bird ist meine Freundin.” Die Stimme schwappte eine weitere Glückswelle über ihren Körper, doch diesmal schaffte sie es, ihre Tränen zu besiegen. Der Klang erinnerte sie an etwas. Er war tief, rauh, fremd. Und so furchtbar vertraut. Er klang nach Heimat, nach Tanzen in Blumenbeeten, nach einem wilden Herz...
“Wildheart”, sagte sie mit erstickter Stimme. Eine zweite Falte kam auf Duncans Stirn hinzu. “Warum kommst du nicht raus, Wildheart? Was ist geschehen?”, schlüpfte es aus ihren Mund, bevor sie etwas dagegen tun konnte. Wer war Wildheart? Woher kannte sie seinen Namen?
Zögerlich, vollkommen lautlos wischte eine gebräunte Hand die Perlen beiseite. Ein großer, geschmeidiger Schritt, dann stand er vor ihnen, die Hände zu Fäusten geballt und den Mund zu einem schiefen Lächeln verzogen. Verwundert betrachtete sie die Halskette aus Haizähnen auf seiner breiten Brust, das erste, was ihr ins Auge stach. Der Junge war so muskulös, dass Duncan schmalbrüstig wirkte. Sie spürte, wie er den Bauch einzog und die Brust hervorstreckte und musste beinahe lachen. Über der Halskette saß eine weitere, eng anliegend und aus blauem Eisen gefertigt. Sie schimmerte leicht, als stünde sie unter magischen Wellen. Sie betrachtete das schmale, markante Gesicht mit der geraden Nase, blieb an den violetten, wölfischen Augen hängen. Das Gesicht war gerahmt von wuscheligem schwarzen Haar, durch das zwei eindeutig als Wolfsohren zu erkennende Hörorgane stachen. An der weißen Pluderhose vorbei konnte sie einen Schweif sehen, ebenso schwarz und wuschelig wie seine Haare. Als er Erkenntnis in ihrem Blick las, öffnete sich sein Mund leicht und entblößte ein spitzes Raubtiergebiss. Bird wusste nicht wieso, doch hatte sie keine Angst vor dem Wolfsmenschen. Die Tränen hatten einen Kanal geöffnet, durch welchen sie weitere Informationen bekam. Es gab viele Tiermenschen im Schattenreich, manche mehr Tier, manche weniger. Dies vor ihr war Wildheart, einer der entschlossenen Wolfsmenschen. Sie wusste nicht mehr woher sie ihn kannte, doch erinnerte sie sich an gemeinsames Lachen und Ruhen an Lagerfeuern. Die Gefühle, die sie überkamen, als sie ihn sah, erinnerten sie an die für Duncan, nur waren sie schwächer und ungewohnt, wie ein Werkzeug, dass sie schon lange nicht mehr in der Hand gehalten hatte.
“Wer ist der Klammeraffe?”, fragte er spöttisch und wies mit drei Fingern auf Duncan, der Bird immernoch nicht los lassen wollte.
“Duncan Link”, knurrte dieser. Bird hatte ihn noch nie so unfreundlich erlebt. Was war in ihn gefahren?
“Nett.” Wildheart nickte ihm zu und griff nach Birds Handgelenk, um sie aus seinen Griff zu befreien. “Könntest du aufhören, sie an dich zu pressen, als wolltest du sie gleich in deine Höhle tragen, Duncan Link?”
Er und Bird erröteten gleichzeitig und standen im Bruchteil einer Sekunde zwei Meter voneinander entfernt. Wildheart grinste Bird an und hielt ihr Handgelenk fest. Der Griff war überraschend sanft und sehr willkommen nach Duncans Presse. Dieser stieß ein Schnauben aus. Normalerweise verhielt er sich Schattenmenschen gegenüber nicht anders als gegenüber denen des Lichts. In den letzten dreißig Sekunden musste er wohl seine Grundsätze neu überdacht haben.
“Was hast du mit den Leuten gemacht? Und wieso hast du die Decke zerkratzt?” Duncans Stimme klang abweisend, beinahe schon herausfordernd. Bird war sich nicht sicher, wer von ihnen bei einem Kampf als Sieger hervorginge. Sie vergaß ihre ängstlichen Gedanken, als der Wolfsmensch in seiner ruhigen, freundlichen Stimme zu erzählen begann: “Diese Stadt gehörte schon immer den Menschen von der anderen Seite. Sie ist der einzige fruchtbare Fleck weit und breit. Dennoch ließen die Bewohner uns Wolfsmenschen in der Wüste leben und behandelten uns wie Tiere.” Er machte eine Pause, als er Duncans Gesicht sah. Bird sah ihren Begleiter kurz an und las Belustigung heraus. “Seid ihr das nicht?”, sagte es. Sie zog so ärgerlich die Augenbrauen zusammen, dass er sich bemühte, wieder einigermaßen neutral auszusehen, doch man konnte das grundlose Kochen in seiner Brust beinahe körperlich spüren.
“Wie auch immer...”, fuhr Wildheart langsam fort. “Die meisten unseres Klans haben sich damit abgefunden und überlebten gut in der Wüste, doch es gab schon immer einen weiteren, rachsüchtigen Teil, der es darauf anlegte, Krieg mit dieser Stadt zu entfachen. Sie sind heute Nacht losgezogen, als ihr noch in der Bibliothek wart und haben diese Stadt angegriffen. Wir haben erst heute Morgen davon erfahren und sind so schnell wie möglich hergekommen. Sie hatten bereits einen Teil der Einwohner gefangen genommen, als wir kamen. Der Kampf war noch vor zwanzig Minuten im vollem Gange, lautlos, wie es unsere Art ist, haben wir darum gekämpft, die Bewohner zu schützen. Aber wir waren zu wenige. Sie sind entkommen.” Er wies auf das Loch in der Decke und führte Duncan dabei seine Hände direkt unter die Nase. “Siehst du? Keine Krallen? Und ich habe es bestimmt nicht gebissen.” Er bleckte amüsiert die Zähne. “Oder denkst du, ich habe alle Gäste mit einem Happs verschlungen? Willst du eine Schere holen...?”
Das Gesicht des blauhaarigen Jungen lief rot an. “Nein danke, ich benutze lieber mein Schwert...!” Er umschloss den Griff mit beiden Händen und holte zu einem Hieb aus. Doch bevor er treffen konnte, stieß Wildheart ein Knurren aus und glitt um ihn herum. Klirrend schlug die Klinge auf die Bodenfliesen, die den Eingang zur Küche markierten. Der Schlag war kräftig genug, um einige zu zerbrechen und einige umliegende aus ihren Fugen zu schlagen. Bird trat kurzerhand seitlich gegen das Schwert, welches Duncan wie erstarrt umklammerte, so dass es sich zwischen Sohle und Absatz verkeilte. “Was ist in dich gefahren?”, schrie sie ihn an und deutete auf Wildheart, der besonnen seine Fingernägel betrachtete. “Willst du ihn etwa töten? Wir sollten ihm lieber helfen, die Einwohner wieder zu befreien!”
Duncan zog und zerrte, doch wenn Bird wütend war, schien sie so schwer zu sein wie ein Haus und so stark wie ein Riese. “Er lügt doch wie gedruckt! Woher kennst du ihn überhaupt?”, antwortete er nicht minder laut, doch sein Eindruck wurde dadurch geschmälert, dass er sich krümmte und deshalb kleiner war als Bird.
Sie öffnete den Mund, nur um ihn kurz darauf wieder zu schließen. Sie vertraute dem Wolfsmenschen, weil sie ihn kannte. Doch woher? Keine Ahnung.
“Ich war als Welpe oft bei ihren Eltern und habe dort mit ihr gespielt”, meldete sich Wildheart unvermittelt, “Und wenn ihr euch einmal entscheiden könntet statt die Stadt niederzubrüllen, dann würde ich euch sagen, dass ich euch gegen eure Hilfe die Lage des Sonnensteins verraten kann.” Gleichzeitig verstummten die beiden und sahen zu ihm hoch, wobei sich Duncan beinahe verrenkte. Das Loslassen seiner Waffe kam nicht in Frage. “Du weißt, wo der Sonnenstein ist?”, fragte Bird verblüfft. Der erste Teil des Satzes spukte durch ihren Kopf. Er hatte sie besucht...das klang logisch. Wenn sie sich doch nur ein klein wenig daran erinnern könnte, wo ihr zu Hause war. Oder wer ihre Eltern waren.
“Weiß er nicht!”, rief Duncan plötzlich, “Er schafft es nicht alleine und hat zufällig aufgeschnappt, dass wir ihn suchen!”
Bird runzelte die Stirn. Das war möglich. Diesen Trick hatten die beiden auch schon des Öfteren angewandt.
“Du bist ja sehr schlau, Blaupelz. Das ist aber nicht wahr. Ich kenne eine Maid der Larxene aus Romuli Town, die ihr ganzes Leben lang den Sonnenstein erforscht hat. Wenn ihr mitkommt, begleite ich euch in die Hauptstadt des Lichtreiches und führe euch zu ihr.” Wildheart stand stramm und legte zwei Finger gegen die Stirn. Er schwörte.
Bei dem Gedanken daran, die Hauptstadt des Lichtes zu betreten, fuhr ihr ein eiskalter Schauer den Rücken hinab. Doch das war die erste richtige Spur. Und möglicherweise konnten sie dort auch ein paar neue Aufträge abstauben. Sie sah Duncan an, ignorierte das panische “NEIN!” in seinem Blick, und lächelte Wildheart dann breit an. “In Ordnung. Wir werden dir helfen.”
“Großartig”, sagte er mit einem Seitenblick auf den grummelnden Schwertkämpfer. “Aber zuerst sollten wir etwas essen, ihr habt doch Hunger?”
Bestätigend grummelte Duncans Magen laut.
Bird musste wieder lächeln. Die Bedrohung schien erst einmal vorbei zu sein.
Und das Abenteuer rief!
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