Kurzgeschichte: Die Perle

Maya und Domenico
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    Re: Kurzgeschichte: Die Perle

    faithful - 26.06.2010, 12:34

    Kurzgeschichte: Die Perle
    hey, ich wollt au mal was reinstellen. das war ursprünglich meine kurzgeschichte zum glück, aber da sie zu lang war von den wörtern und ich sie nich kürzen konnte, stell ich sie jetzt einfach so rein. ich hoff sie gefällt euch und ihr gebt mir viel kritik (positiv und negativ) :)
    faithful

    Die Perle
    Es regnete, als ich ankam und ich hasste diesen Ort schon jetzt. Nein, niemals konnte ich an diesem Ort glücklich werden. Mein deutscher Vater war damals, vor 20 Jahren in die Philippinen gereist um dort an einem Projekt teilzunehmen. Dabei hatte er sich in Rose, meine Mama verliebt. Innerhalb von zwei Wochen waren sie verheiratet gewesen. Nach drei Jahren kam ich. Mama starb bei meiner Geburt. Und damit begann die Suche. Die Suche nach meinem Glück. Paps schlug sich tapfer. Alle möglichen Frauen versuchten ihn dazu zu bringen, mich ihm wegzunehmen, er sei doch noch so jung und hätte ja sowieso keine Ahnung, wie man ein Kind erzöge. Was sie nicht wussten war, dass er der beste Paps gewesen war, den es geben konnte. Er hatte immer Zeit für mich, lehrte mich nach Muscheln tauchen, zeigte mir die Schönheit der Natur und brachte mir das Lesen bei. Er zeigte mir die Selbständigkeit und lies mich doch nie allein. Ich erfuhr nie, was es ihn gekostet hatte mich zu dem zu machen, was ich jetzt bin, aber ich liebte ihn dafür. Oft sagte er mir, dass ich aussehe wie Mama und das machte mich glücklicher als alles andere. Ich wusste, dass sie die schönste und beste Frau gewesen war, die je mit ihren Füßen diese Erde betreten hatte. Er zeigte mir Bilder. Ihre Augen strahlten immer. Ich kann nicht sagen, dass ich unglücklich war – ich kannte einfach kein anderes Leben, als nur das mit meinem Vater. Sicher bemerkte ich, dass etwas in unserer Familie nicht normal war, dass andere in meinem Alter eine Mutter hatten, aber ich glaube, dass ich glücklicher nicht hätte sein können. Ich glaube sogar, dass niemand glücklicher gewesen war als ich, auch mit beiden Elternteilen. Ich glaube, dass ich mit meinem Vater alles hatte, was nötig gewesen war. Er war mein Alles gewesen. Und dann, eines Tages starb er. Einfach so, im Schlaf, lies mich allein auf dieser Erde. Die Behörden begannen sich einzuschalten. Ich war noch nicht volljährig hieß es, es müsste das gemacht werden, was das Beste für mich sei. Keiner von denen interessierte sich wirklich dafür, dass ich meinen besten Freund verloren hatte und damit alles Glück das ich besessen hatte.
    Und nun kam ich also in Deutschland an. Paps hätte eine Schwester hieß es, bei der könnte ich bleiben. Ich wurde zu Wildfremden geschickt, in ein unbekanntes Land. Der einzige Vorteil den ich hatte, war dass ich zumindest schon Deutsch sprach. Von Tante Mona hatte ich nur ein Bild. Eine Frau, die ganz anders als Papa aussah. Sie würde mich vom Flughafen abholen, hatte man mir versprochen.
    Ich sah mich um, verglich die Gesichter der Umgebung mit der Photografie. Ein Schild erregte meine Aufmerksamkeit. „Willkommen in Deutschland Giana“. Der Träger dieses Schildes war jedoch noch nicht mal entfernt von weiblichem Geschlecht. Ich griff nach meinem Koffer und begann in Richtung des Schildes zu laufen.
    „Hallo, ich bin Giana.“
    Der Träger senkte das Schild und lachte mich fröhlich an. Sein Haar war hellbraun, seine Augen dunkel. Er verzog sein Gesicht zu einem verschmitzten Lächeln. Seine Augen waren ganz warm als er sagte „Angenehm. David. Mona, meine Mum, konnte nicht kommen. Aber sie heißt dich herzlich Willkommen. Das mit dem Schild war ihre Idee.“ Wir verließen gemeinsam den Terminal. Er spannte den Regenschirm auf, hielt ihn über uns und dabei sprachen wir kein Wort.

    Die Tage vergingen. Ich lebte mich soweit es möglich war ganz gut ein. Meine Verwandten in Deutschland hatten mich vollständig aufgenommen und versuchten mich in ihrer Liebe zu ertränken, aber ich kapselte mich ab. Die Schule nahm dabei wohl einen Großteil der Zeit in Anspruch, was mir nur Recht war. Sie hielt mich vom Nachdenken ab und lieferte mir gute Ausreden mich nicht in Gemeinschaft begeben zu müssen. Ich wurde zur Klassenbesten. Ich, die es früher nicht erwarten konnte, aus dem Haus zu kommen, verbrachte meine Nachmittage damit in meinem Zimmer über den Büchern zu brüten. David und Rob, sein Bruder, versuchten mich hin und wieder dazu zu überreden zumindest draußen zu lernen, aber nachdem ein Windstoß einmal all meine Blätter durcheinander gebracht hatte, blieb ich drinnen. Viola, von allen liebevoll Vi genannt war die einzige, deren Gesellschaft ich duldete mit Oma zusammen. Die Mutter von Paps hatte ihr Zimmer neben mir und sie hatte mich nie bedrängt etwas zu sagen oder zu tun. Ich belohnte sie damit, dass ich schweigend bei ihr saß, einfach neben ihr. Beide Schaukelstühle knarrten und wir fühlten uns wohl. Instinktiv spürte ich, dass sie die Einzige war, die wirklich verstand, was ich verloren hatte.

    „Hi. Ich bin Paul. Du bist doch Giana, oder?“
    Perplex schaute ich auf. Nach den ersten Woche hatten es alle aufgegeben mit mir sprechen zu wollen. Ich war die Fremde, die in ihrem eigenen Kokon lebte. Vor mir stand ein gut aussehender Junge. Sein Haar war flachsblond, seine Augen funkelten grün und ein Grübchen bildete sich im Kinn. In meinem Innern meldete sich eine Stimme. Jetzt sag ihm schon Hallo. Das ist höflich. „Schanna, nicht Dschiana“
    Er wirkte zerknirscht. „Sorry, das wusste ich nicht.“ Es folgte eine kurze Pause. „Ich habe gehört, dass du aus den Philippinen herübergekommen bist, weil dein Vater gestorben ist. Das tut mir Leid.“
    Er hatte doch keine Ahnung. „Mein Vater ist auch vor drei Jahren gestorben, bei einem Autounfall. Ich weiß, wie du dich fühlst.“ Meine innere Schutzmauer bröckelte ein wenig. „Ich wollte dich schon immer kennen lernen.“ Er zögerte. „Gehst du mit mir ein Eis essen? Ich lade dich ein.“ Sein Blick wirkte ehrlich interessiert. Jetzt sag schon ja, meldete sich die Stimme. „Ich kann nicht. Tut mir Leid“, brach es aus mir heraus. „Wir schreiben morgen Geschichte, ich muss noch etwas lernen.“ Damit drehte ich mich um und flüchtete in die entgegengesetzte Richtung.

    Nach Wochen sprach ich Margaret, meine Großmutter, an. „Ich finde es ungerecht. Er hatte noch so viele Träume, die er verwirklichen wollte. Warum gerade er, warum schon jetzt, wie konnte Gott das zulassen?“ Margaret wirkte überhaupt nicht überrascht über meinen emotionalen Ausbruch. „Hmm, er wollte immer Architekt werden und dann eine eigene Firma gründen. Nur kam ihm dann deine Mama in die Quere.“ Sie lächelte. „Damit hatte er nicht gerechnet. Oh, er liebte sie von ganzem Herzen. Später, als sie gestorben war, nach deiner Geburt, schrieb er mir, dass er es dennoch nie bereute sie kennen gelernt zu haben. Die wenigen Jahre hätten sich gelohnt.“
    „Hat er es nie bereut, sein Ziel nicht erreicht zu haben?“ Sie runzelte die Stirn. „Oh, aber er hat seine Träume doch verwirklicht.“ Ich blickte erstaunt auf. Mein Vater hatte nie zu Ende studiert. Auf den Philippinen hatte er als Handwerker gearbeitet. Als Margaret meinen Blick auffing schüttelte sie tadelnd den Kopf. „Aber Kindchen, weißt du denn nicht, dass das was wirklich hinter seinem Ziel stand, das Glück war? Er dachte, Architekt zu werden würde ihn glücklich machen. Und als er heiratete, nahm Rose diesen Platz ein. Gerald war immer vollkommen glücklich mit dieser Änderung. Und als du auf die Welt kamst, verschwendete er nicht einen Gedanken damit, um Rose zu trauern, sondern um dir das Glück zu schenken, welches er und Rose zuvor geteilt hatten.“
    „Glück?“ brachte ich verstört heraus. „Ich habe seine Träume zerstört.“
    Margaret schwieg lange. „Du warst sein Glück Giana.“
    „Ja und er war meines.“ Erwiderte ich heftig. „Ich kann nicht glücklich sein, ohne ihn.“
    „Kannst du nicht, oder willst du nicht, Liebes?“
    Die Situation mit Paul erschien vor meinem inneren Augen. „Ich darf nicht. Es wäre als würde ich ihn verraten. Ich kann nicht einfach so leben, als hätte es ihn nie gegeben.“
    „Aber das verlangt doch auch keiner von dir, Gia.“
    Als sie mich bei Papas Kosenamen für mich nannte erinnerte ich mich an eine Situation, die ich längst verloren glaubte.
    Schau, das ist eine Perle, Gia. Sie entsteht in einer Muschel, wenn Schmutz oder Dreck in diese gelangt. Damit das Sandkorn ihr nicht weiter weh tut, umhüllt die Muschel es mit einer Schutzschicht. Daraus entsteht eine wunderschöne Perle. Das kleine Mädchen blickte mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Trauer auf das kleine Wunder. Ist es nicht besser keine Perlen zu bekommen, wenn die Muschel deswegen leiden muss? Der Mann blinzelte leicht. Die Perle selbst ist nichts Schlechtes, Gia. Sie ist das Gute, das aus dem Schlechten entsteht. Gott stellt jedes seiner Geschöpfe in den Wind um zu sehen, wie sie damit umgehen, ob es sie stärkt. Die Muschel macht das Beste daraus. Es ist immer so Gia. Gegensätze bedingen sich gegenseitig. Es gibt kein Licht ohne die Dunkelheit, keine Freude ohne Trauer und kein Glück ohne Schmerz. Aber macht das das Leben nicht aus? Ist es nicht besser Glück und Schmerz erleben zu dürfen, wie nicht erleben zu dürfen, was es bedeutet? Möchtest du in einer Welt ohne Bedeutungen leben? Wichtig ist, was du in dir hast, nicht was um dich herum ist. Nicht die Umstände sollten dich beeinflussen, sondern dein Schöpfer. Was ist in deinem Herzen kleine Pearl? Wenn du innen zufrieden bist, bist du auch glücklich, wenn du Schmerz erlebst und du gehst aus ihm stärker hervor als du vorher warst. Mach das Beste daraus.
    „Pearl“, flüsterte ich leise. „Er wollte dich immer glücklich sehn, Liebes.“ Damit sprang ich auf und rannte hinaus. Draußen regnete es. Es war mir egal. Mein Vater war nicht tot. Er befand sich bei mir, tief in mir und er hatte mir ein Erbe hinterlassen: Das Glück. Ich würde es nie wieder hergeben.
    „Bist du das Giana?“
    Meine Schritte verlangsamten sich. Eine Gestalt hob sich von der grauen Umgebung ab. Von ihrer Kleidung rann das Wasser. „Mein Regenschirm klemmt“ bemerkte die Stimme unbekümmert.
    „Was machst du hier?“
    Paul legte seinen Kopf zur Seite. „Jetzt wo Geschichte rum ist, wollte ich dich fragen, ob du mit mir Eis essen gehen würdest.“
    Ich zögerte kurz. Er wollte dich immer glücklich sehn, Liebes.
    „Stört dich der Regen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Luha ang mga patak ng nakagamot kaluluwa“* Und ich wusste plötzlich, dass Gott mitgeweint hatte, als Paps mich verlassen musste. Aber nun war es Zeit für einen Neuanfang.
    „Was hast du gesagt?“
    „Ach nichts.“ Wir lächelten uns stumm an und ergriffen uns bei den Händen. Als wir die Straße überquerten erschien vor uns der Regenbogen.

    *Offizielle phillipinische Sprache (Filipino):Tränen sind die heilenden Regentropfen der Seele (keine ahnung ob das grammatikalisch stimmt... ;) online übersetzer halt xD)



    Re: Kurzgeschichte: Die Perle

    noname - 26.06.2010, 15:30


    Bin am dahinschmelzen! Die Geschichte ist wahnsinnig schön, ein riesiges Kompliment!!! :freude:



    Re: Kurzgeschichte: Die Perle

    Caterina - 26.06.2010, 16:57


    die geschichte ist total schön. schade das sie so kurz ist.



    Re: Kurzgeschichte: Die Perle

    faithful - 27.06.2010, 19:32


    dankeschön! bin froh, dass sie euch gefällt =)



    Re: Kurzgeschichte: Die Perle

    Ticktackgirl - 29.06.2010, 18:54


    echt wunderschön..... *schwärm*



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