Träume

Maya und Domenico
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    Re: Träume

    jesusfreak - 18.11.2009, 19:03

    Träume
    Träume

    Ihr Blick war starr. Ihre Augen schienen einen bestimmten Punkt zu fixieren und doch blickten sie durch alles hindurch. Steinhart. Unbeeindruckt von irgendetwas. Könnte man meinen. Hätte jemand in ihr Inneres blicken können, hätte er bemerkt, wie viele Gefühle aufeinander trafen und eine Emotion die andere ablöste. Doch sie ließ niemanden in sich hineinsehen. Keine Menschenseele. Niemand hatte das Recht, ihre Gefühle zu lesen. Deshalb hatte sie gelernt, ihren Blick, ihr Gesicht, zu kontrollieren. Nie spiegelte sich eine Gefühlsregung darin. Ihr Leben konnten die Menschen betrachten und auseinandernehmen so viel sie wollten. Nicht aber das dahinter. Nicht ihre Träume.


    Angenehm weiches Gras. Beschienen von wärmenden Sonnenstrahlen. Etwas Sanftes, Zärtliches streicht über meine Wange. Noch bevor ich meine Augen öffne, zaubert sich ein kleines Lächeln auf meine Lippen. Ein Lächeln voller Zufriedenheit und Geborgenheit. Ein ehrliches Lächeln. Ein Lächeln, das von Herzen kommt und es scheint, als könnte es niemals erlöschen.
    Langsam schlage ich die Augenlider auf. Zwei dunkle, geheimnisvolle Augen fangen meinen Blick auf und halten mich fest. Ich bin gefangen. Gefangen von der Tiefe und Schönheit dieser beiden Augen. Doch ich wünsche mir keine Freiheit. Möchte ewig darin gefangen bleiben. Das Zwinkern und Lachen darin studieren und in mich aufsaugen. Aber ich kann es nicht. Darf nicht. Unmöglich.
    Langsam richte ich mich auf. Ich weiß, was jetzt kommt. Nicht noch einmal will ich es erleben. Das Zerfallen der Augen. Grausam. Entsetzlich. Kein weiterer Riss soll mein Herz durchziehen. Weg, ich muss weg! Fort von dieser Schönheit, die mein Herz erleuchten lässt. Fort von der Geborgenheit, die mich von innen erwärmt. In mir dreht sich alles. Meine Gedanken, meine Gefühle, alles. Mein eigener Schmerz scheint mich zu zerreißen. Ich will nicht weg. Doch ich will nicht noch einmal alles Schöne vor meinen Augen verschwinden sehen. Mein Magen verkrampft sich, ein verzweifelter Schrei löst sich.


    Unverändert stand sie da. Registrierte weder Blumen noch Wälder. Geschweige denn die Wolke, die über die Sonne zog. Ihre Lippen pressten sich fest aufeinander, als ob sie verhindern wollte, dass ein Laut ihrem Mund entwich. Der Wind spielte mit ihren Haaren und gab ihr ein geheimnisvolles Aussehen. Sie wusste es. Doch es war ihr egal. Ihr war so vieles gleichgültig. Ihre Familie, ihre nicht vorhandenen Freunde, ihr Leben. Sie hatte ja ihre Träume. Sie waren ihr wahres Leben. Auf sie konnte sie sich immer verlassen. Sie waren ihr Zufluchtsort. Noch mehr, sie waren ihr Zuhause. Das Heim ihrer Gedanken, ihrer Gefühle und ihrer Vorstellungskraft. Von niemandem würde sie es sich nehmen lassen. Von niemandem. Nicht einmal ihre Albträume. Sie gehörten ihr. Sie gehörte ihnen.


    Mein Kopf schmerzt, das Herz pocht. In meinen Ohren dröhnt es. Ich warte auf Tränen, doch es kommen keine. Alles ist wie ausgetrocknet: meine Augen, mein Mund, mein Denken. Sogar der Boden rings um mich ist trocken. Dürr. Die reinste Steppe. Wasser, ich brauche Wasser! Ich versuche zu laufen, aber meine Beine gehorchen mir nicht. Sie fühlen sich bleischwer an. Ich bin erschöpft. Ausgelaugt. Auf allen Vieren komme ich voran. Langsam, ganz langsam. Meine Augen streifen über das Land, ohne ein einziges Anzeichen von Wasser zu entdecken. Weit und breit nur karge Sträucher und trockenes Gras. Ich sacke zusammen und schließe die Augen. Meine Suche ist vergeblich. Ich weiß, dass ich kein Wasser finden werde. Was soll ich tun? Wonach soll ich suchen, in dieser endlosen Weite, die sich bis zum Horizont erstreckt? Ich weiß es nicht. Aber da war doch etwas! Etwas, das ich nicht verlieren wollte. Es ist, als ob es mir durch die Finger rieselt. Ich kann mich nicht daran erinnern, so sehr ich mich auch anstrenge. Mein Kopf schmerzt. Ich spüre etwas Nasses auf meiner Nase, dann auf meiner Stirn. Auch auf meinen Fingern fühle ich es. Ich brauche die Augen nicht erst zu öffnen, um zu wissen, dass die soeben noch nicht vorhandenen Wolken ihre Schleusen geöffnet haben.


    Noch immer stand sie am selben Fleck. Sie rührte sich nicht. Das Haar klebte klatschnass an ihrem Kopf, kleine Regentropfen sammelten sich an ihrer Nasenspitze und befeuchteten ihren ohnehin nassen Mund. Sie hob nicht einmal kurz die Hand, um sich die kleinen, lästigen Tropfen fortzuwischen. Vielleicht bemerkte sie den Regen nicht einmal. Ihre Augenlider senkten sich leicht herab und ließen sie müde aussehen. Nichts war mehr von ihrer wilden, geheimnisvollen Schönheit zu erkennen, stattdessen wirkte sie zerstört und verbraucht. Sie war noch so jung. Sie sollte jetzt mit Freunden etwas unternehmen, lachen, das Leben genießen. Stattdessen stand sie hier. Für lange Zeit. Mit ausdruckslosem Blick.


    Dunkelheit. Fest kneife ich die Augen zu. Ich weiß nicht, wo ich mich befinde und will es auch nicht wissen. In dieser Finsternis kann ich ohnehin nichts sehen. Erschöpft und mutlos lehne ich mich gegen etwas Hartes. Was ist nur passiert? Wie bin ich hierher gekommen? Wo bleibt die Schönheit, von der ich so gerne träume? Das wohlige Gefühl der Wärme und Geborgenheit?
    Weg. Ich habe es verloren. Ich habe die Kontrolle verloren. Über meine Träume. Meine Träume, die mir gehören und denen ich gehöre. Ich bin gefangen. In einem Gefängnis, das ich selbst gebaut habe. Ein absurder Gedanke überkommt mich: Ich habe beim Bauen die Türe vergessen. Nun werde ich nie mehr frei sein, wo ich mich doch immer frei glaubte.
    Ich bin hin- und hergerissen. Es scheint, als würde eine eisige Hand mein Herz zerdrücken. Mit einem Schrei von Schmerz und Verzweiflung falle ich nach vorne und schlage mit den Knien auf harten Boden auf. Die Finsternis hat sich nicht zurückgezogen. Im Gegenteil. Sie hat sich in mein Herz geschlichen, raubt mir alle Hoffnung. Ein Stich durchfährt mein Inneres und entringt mir einen weiteren von Schmerz geprägten Schrei, der aus meiner hoffnungslosen Seele kommt.
    Plötzlich spüre ich, wie sich etwas gegen meinen Bauch drückt. Zuerst nur ganz leicht, dann immer fester. Ich will mich befreien und versuche das, was meinen Bauch vernichten zu wollen scheint, zu entfernen, doch meine Hände greifen ins Leere. Da ist nichts. Der Druck ist nun schon so stark, dass es mir schwer fällt, zu atmen. Ich möchte schreien, doch es geht nicht. Augen und Mund weit aufgerissen, versuche ich, nach Luft zu schnappen.


    Ihr Gesicht, nach wie vor ausdruckslos, begann sich zu verändern. Es veränderte sich nicht in dem Sinn, dass sich Gefühlsregungen darin spiegelten. Es blieb nach wie vor steinhart. Die Veränderung bestand schlicht und einfach darin, dass alle Farbe aus ihrem Gesicht entwich. Sie wurde so weiß, als ob sich Mondlicht auf ihren Wangen spiegeln und ihre Stirn Schnee reflektieren würde. Auch das Rot ihrer Lippen schien schwächer zu werden. Wie lange würde sie noch hier stehen und ins Nichts starren, das für sie so viele interessante Geheimnisse zu bergen schien? Würde sie wieder zurückkommen? Eines Tages? Zurück in diese Welt? Würde ihr Blick jemals wieder klar werden und würde sie selbst ihr Herz wieder finden? Irgendwann? Vielleicht würde sie aber auch einfach immer hier stehen. Und wer weiß, vielleicht verschwand sie eines Tages, wie auch der Mond jeden Morgen hinter dem Horizont verschwand.


    Verkrampft und zusammengekauert liege ich am Boden. Das Ringen um jeden einzelnen Atemzug ist ein erbitterter Kampf. Kälte umhüllt mich. In meinem Kopf ziehen Bilder vorüber und meine Gedanken überschlagen sich. Unter dem quälenden Schmerz habe ich das erste Mal das Gefühl, mit mir selbst zu diskutieren.
    Mein Wunsch, von hier fortzukommen, die Qualen loszuwerden, ist unendlich groß. Doch ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll. Außerdem wollte ich doch nie fort. Immer habe ich meine Träume geliebt, auch die schlechten. Nie hätte ich sie mir nehmen lassen.
    Und jetzt? Will ich sie wirklich freiwillig hergeben? Sie regelrecht von mir stoßen? Sie verleugnen?
    Das kann ich nicht machen, sie waren seit jeher mein Zuhause.
    Und wenn man Qualen leidet, ist es dann noch immer ein Zuhause? Ein Ort der Geborgenheit? Erfüllt von Liebe?
    Liebe! Das ist es! Trotz meiner Verkrampfung spreche ich dieses Wort aus. Wie lange habe ich danach gesucht, nur nach dem Namen dieses einen Wortes!
    Aber was soll mein Denken und Grübeln, ich bin bereits am Ende, nie werde ich sie erreichen können, nie. Ich will aufgeben und ohnmächtig meine Augen schließen, als ich plötzlich wie aus weiter Ferne ein Licht sehe. Nicht nur ein Licht. Eine Hand, in hellen Schein gehüllt, streckt sich nach mir aus. Ich will sie ergreifen, doch meine Schmerzen lassen es nicht zu. Unermüdlich scheint die Hand zu warten, darauf, dass ich meine hineinlege. Panik breitet sich in mir aus und trotz der eisigen Kälte sammeln sich Schweißperlen auf meiner Stirn. Ich scheine innerlich zu bluten, meine Schreie verstärken den Schmerz. Gerade als ich bereit bin, mich meiner Verzweiflung hinzugeben, fühle ich mich, als hätte ich neue Kraft. Ein letztes Mal strecke ich meinen Arm aus, recke mich, um wenigstens die Finger dieser erleuchteten Hand zu streifen. Und ich schaffe es. Die Berührung ist nur klein, doch sie genügt. Ich werde gehalten.


    Ein Blitz zerriss den mittlerweile dunklen Himmel. In ihren Augen blieb er lebendig. Sie leuchteten. Als ob ihre Beine nie gehen gelernt hätten, gaben sie nach und sie sackte zusammen. Stille. Auch der Donner verklang. Sie lag am Boden, konnte nicht glauben, was soeben geschehen war. Etwas Kleines, verdächtig Glänzendes stahl sich aus ihrem Augenwinkel und glitt über ihre Wange, während sich die dunklen Wolken am Himmel lichteten. Sie weinte. Freudentränen. Tränen der Erleichterung und der Dankbarkeit. Die Hand. Wo war die Hand? Sie schob gerade die Wolken auseinander und ließ die Sonne strahlen. Sie streichelte zärtlich ihren Rücken und gab ihr Trost. Ein einzelner Sonnenstrahl schien ihr sanft auf die Wange und ließ ihre Tränen glitzern. Und im Schein dieses orange-goldenen Lichts wusste sie, wo sie war. Sie war zurück. Nun würde sie das leben dürfen, wovon sie immer zu träumen versucht hatte. Den Traum der Liebe.



    Freu mich über jede Meinung!! =)



    Re: Träume

    m&dlove - 18.11.2009, 19:10


    WOW hast dir echt mühe gegeben :respekt:

    ist toll weiter...... :lol:



    Re: Träume

    noname - 18.11.2009, 19:36


    WOW! Das müste nicht mal weitergehen, wäre auch so schon eine wahnsinnig tiefe Kurzgeschichte!



    Re: Träume

    jesusfreak - 18.11.2009, 20:08


    vielen dank!

    die geschichte geht nicht weiter, hab nie daran gedacht, sie fortzusetzen, würde auch nicht passen. ich will bei meinen geschichten auch immer platz für die gedanken der leser lassen. =)



    Re: Träume

    noname - 19.11.2009, 18:07


    Das ist dir gelungen ;)



    Re: Träume

    Ticktackgirl - 20.11.2009, 21:34


    hey, die geschichte is echt schön....
    gute idee :respekt:



    Re: Träume

    jesusfreak - 21.11.2009, 14:25


    vielen dank! es freut mich immer wahnsinnig, wenn jemandem gefällt was ich schreibe. =)



    Re: Träume

    Lala - 23.11.2009, 13:51


    Die ist echt wunderschön!!



    Re: Träume

    mari - 24.11.2009, 18:00


    Also ich finde die geschichte voll toll
    besonders das mit den zwei verschiedenen Ansichten, finde ich echt gut
    und nein, auf keinen Fall weiterschreiben



    Re: Träume

    jesusfreak - 27.11.2009, 19:26


    vielen dank!



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