Jolly Fiddlermen

Haus Siebenstein
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    Re: Jolly Fiddlermen

    Tjorven - 31.03.2009, 17:00

    Jolly Fiddlermen
    Mir fiel gerade auf, dass ich ja bisher noch nicht gerade viele von meinen Projekten hier vorgestellt habe. Das ändere ich hiermit.

    Den Kurzroman 'Jolly Fiddlermen', der von einer Band und deren Erlebnissen während einer Tour handelt, habe ich schon vor einigen Jahren geschrieben. Einge der Figuren aus diesem Roamn spuken auch hier im Forum herum (siehe 'Steckbriefe' und 'Rollenspiel').
    Hier gibt's erstmal den Anfang. - Wer möchte, kann den Rest auf meiner Homepage http://www.beepworld.de/members100/tjorven79 lesen.

    Jolly Fiddlermen - Fünf gute Freunde. Ein Mädchen. Und jede Menge Musik

    ”Torsten, das ist jetzt nicht dein Ernst!” Daniel starrte seinen Freund und Bandkollegen an wie vom Donner gerührt.
    „Doch, ist es. Familie und Band-Leben kriegt man halt nicht unter einen Hut. Hast du selbst gesagt.“
    „Aber ... aber ...“ Verflixt und zugenäht! Verflucht sei das Weibsbild, das Torsten dermaßen den Kopf verdreht hatte. Und verflucht sei seine eigene Dummheit. Welcher Teufel hatte ihn bloß geritten, dass er seinem Freund an den Kopf geknallt hatte, er solle wählen zwischen der Band und seiner Freundin?
    „Torsten, bitte vergiss, was ich neulich gesagt habe, okay?“ bat Daniel flehentlich. „Natürlich brauchst du nicht auszusteigen, nur weil du heiraten willst.“
    „Und deine Susi hat doch immer Verständnis für dich gehabt“, mischte sich jetzt auch Erik, der Akkordeonspieler, ein. „Sie hätte doch bestimmt nichts dagegen, wenn du weiter mit uns auf Tour gehst.“
    „Trotzdem, meine Entscheidung steht fest. Ich muss auch endlich mal wieder mehr für die Uni machen, schließlich hab ich diese Jahr erstes Staatsexamen.“
    „Aber was sollen wir denn ohne dich machen?“ Daniel war jetzt der Verzweiflung nahe. „Irish Folk ohne Tin Whistle, das ist wie ... wie ...“
    „Wie Bach ohne Orgel“ schlug Jonas, der Geiger, vor.
    „Wie Metallica ohne E-Gitarre“ ergänzte Steffen, der Bassgitarrist.
    „Wie Gyros ohne Tsatsiki, wie’n Döner ohne Soße“ kam es von Siggi, dem Schlagzeuger.
    „Wie’n Pub ohne Guinness“ sagte Erik. „Wir brauchen dich, Mann, du kannst uns doch nicht einfach im Stich lassen!“
    „Keine Angst, ich hab schon für nen Nachfolger gesorgt. Besser gesagt: ne Nachfolgerin. Meine Kusine, Anna heißt sie.“
    „W ... waaas? A Madel?“ Daniel war fassungslos. Wie immer, wenn er wütend oder aufgeregt war, kam jetzt sein bayrischer Dialekt durch. „Sag mal, Torsten, bist du nimmer ganz beisammen?“
    „Aber Chef, sie ist echt gut“, protestierte Torsten. „Sie ist die beste. Ich würde sogar sagen, besser als ich. Ich hab ihr schon mal unsere Noten gegeben, damit sie üben kann. Ich bring sie dann morgen zur Probe mit.“
    Weg war er. Seine Freunde sahen ihm ratlos nach.
    „Himmel-Herrgott’s verdori!“ brach es schließlich aus Daniel heraus.
    „Na das kannste laut sagen“, murmelte Siggi düster.
    „So, nu hast du ihn endgültig rausgeekelt, bist du jetzt zufrieden?“ warf Jonas Daniel vor. Die anderen nickten zustimmend.
    „Ich, wieso ich?“ brauste Daniel auf. „Was kann ich denn dafür, dass Torsten plötzlich einen auf Spießer macht?“
    „Siehste, das ist genau das, was ich meine!“ Jonas hatte sich jetzt in Fahrt geredet. „Wieso muss einer gleich ein Spießer sein, nur weil er heiraten will? Aber seit Torsten mit Susi zusammen ist, hast du doch nur noch auf ihm rumgehackt. In einer Tour kamen fiese Bemerkungen. Kein Wunder, dass er die Schnauze voll hat.“
    „Aber ich ... das war doch nur Spaß. Das weiß er doch.“ Daniel merkte selbst, dass sein Versuch, sich zu verteidigen, halbherzig klang. Sie hatten ja recht. Diese Susi war ihm von Anfang ein Dorn im Auge gewesen. Er hatte gehofft, dass die Sache bald im Sande verlaufen würde, und je länger sie angedauert hatte, desto schlechter war seine Laune geworden. Im Innersten hatte er sich wohl immer davor gefürchtet, dass das sorglose Junggesellenleben eines Tages vorbei sein würde. Dass seine Freunde heiraten, Kinder bekommen und sesshaft werden würden, einer nach dem anderen, bis er schließlich als einziger übrig blieb. Denn dass er sich eines Tages zur Ruhe setzen und ein normales, bürgerliches Leben führen würde – das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Dazu hatte ihm das so genannte traute Familienleben seine Kindheit und Jugend zu sehr zur Hölle gemacht - er hatte für den Rest seines Lebens genug davon.
    Beklommen schaute er in die Runde. War das jetzt der Anfang vom Ende? Würde die Band, sein Lebenswerk, jetzt auseinander brechen, wo sie nach über 3 Jahren harter Arbeit endlich mit ein wenig Erfolg belohnt wurden? Seine Freunde erwiderten seinen Blick, teils vorwurfsvoll, teils ratlos.
    Da war Erik, sein bester Freund, stets gut gelaunt und immer für einen Spaß zu haben. Ihn hatte Daniel als erstes kennen gelernt, als er nach dem Abi ganz allein in dieser fremden Stadt gelandet war, um hier am Uni-Klinikum als Zivi zu arbeiten. Erik war ein Meister auf dem Akkordeon und auf der Bodhran-Trommel, und mit seinen 1 Meter 96 überragte er den Rest der Band um ein ziemliches Stück, weswegen er von den anderen auch „Big Brother“ genannt wurde. Außerdem betrieb er ein kleines Tonstudio, das unter anderem die Musik der Band herausgab.
    Jonas, der quirlige Punk mit den schrägen Klamotten und den struppigen blonden Haaren, die nach allen Seiten von seinem Kopf abstanden wie die Fransen eines Wischmopps, spielte Geige. Sein Talent hätte ausgereicht, um am Konservatorium als Konzertgeiger ausgebildet zu werden – wenn er beim Üben etwas mehr Disziplin an den Tag gelegt hätte. So war er nach kaum einem Jahr wieder rausgeflogen und hatte stattdessen angefangen, Musikpädagogik zu studieren – was er allerdings auch ohne größeren Eifer betrieb. Seine zweite Lieblingsbeschäftigung, neben dem Geigespielen, schien es zu sein, Siggi, den Schlagzeuger zu ärgern.
    Siggi, auch „Shortie“ genannt, war ziemlich klein und stämmig gebaut. Er hatte nie eine Ausbildung beendet und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch – wenn er nicht gerade sein Schlagzeug malträtierte oder im Fitness-Studio zu Gange war, denn der Fitness-Sport war seine zweite große Leidenschaft. Hier trainierte er sich die überflüssigen Pfunde wieder ab, die er bei seiner Vorliebe für gutes Essen allzu leicht ansetzte. Siggi hatte ein ziemlich heftiges Temperament und reagierte auf Jonas’ Sticheleien meist mit schlagkräftigen Argumenten – aber ansonsten war er ein prima Kumpel, auf den man sich immer verlassen konnte.
    Das galt auch für Steffen, der sich - schweigsam und stets von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, am liebsten im Hintergrund hielt, aber mit seiner Bassgitarre dem Sound der Gruppe genau die richtige Note verlieh. Wenn er nicht gerade Gitarre spielte, zeichnete er am liebsten oder las Franz Kafka, hörte Heavy und Black Metal-Musik und wollte vom Rest der Welt eigentlich nur in Ruhe gelassen werden.
    Daniel selbst, den seine Freunde auch scherzhaft „Chef“ nannten, spielte Gitarre und verbrachte ansonsten die meiste Zeit damit, Proben und Konzerte zu arrangieren und neue Stücke und Lieder aufzuspüren, beziehungsweise selbst zu schreiben. Seinem Anglistik-Studium, das er nach Beendigung des Zivildienstes angefangen hatte, widmete er keine besonders große Anstrengung, und seine Kommilitonen wunderte es immer wieder, wie er es schaffte, jede Prüfung trotzdem irgendwie zu bestehen.
    Daniel, Jonas, Siggi und Steffen wohnten zusammen in einer WG, in der auch Torsten gewohnt hatte, bevor er mit seiner Freundin zusammen zog. Gemeinsam mit Erik hatten sie die Band „Jolly Fiddlermen“ gegründet. Sie spielten traditionelle irische Musik, vermischt mit einer guten Portion hartem Rock, und hatten damit im Laufe der letzten 3 Jahre eine stetig wachsende Anhängerschar um sich versammelt. Aber nun war Torsten ausgestiegen, der ruhige, freundliche, etwas schüchterne Torsten, der nur auf der Bühne richtig aus sich herausging, wo er Flöten unterschiedlichster Art mal fröhliche, mal melancholische Melodien entlockte. Im Gegensatz zu seinen Freunden hatte Torsten sein Pharmazie-Studium immer sehr ernst genommen, zu ernst, dachte Daniel mürrisch. Was sollten sie ohne ihn machen? Für Daniel war die Band in den letzten Jahren fast so etwas wie eine Ersatzfamilie geworden. Er durfte gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn er sie verlor.
    „Es nützt jedenfalls nichts, wenn wir jetzt anfangen, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen“ brach Erik schließlich das Schweigen. „Also ich finde, wir sollten dem Mädel ne Chance geben.“
    „Bleibt uns ja wohl auch kaum was anderes übrig.“ Stimmte Jonas zu. „Es sei denn, wir sagen das Konzert am Wochenende ab.“
    „Absagen?“ regte sich Daniel auf. „Bist du net ganz gescheit? Wenn wir jetzt absagen, können wir gleich alles an den Nagel hängen!“
    „Also gut“ meinte Erik. „Dann sind wir uns ja einig.“
    Die anderen nickten resigniert, doch Siggi ließ ein unzufriedenes Knurren hören.
    „Weiber! Die bringen doch nur Ärger!“
    Daniel sah ihn dankbar an. Wenigstens einer, der ihn verstand.
    „Danke Bruder! Du hast mir aus der Seele gesprochen! Und jetzt zeigt mir den Weg zur Bar, damit ich mich besaufen kann.“

    Und so endeten die Freunde, wie so manchen Abend, im „Riverside Irish Pub“, das mit Aussicht über den Fluss am Fuße des Hügels lag, von dessen Spitze die alte Burgruine die Stadt überragte.
    Josefin Kühne, die Wirtin, eine runde, fröhliche Frau, die Anfang 50 sein musste, sah den 5 Jungs, die mit hängende Schultern angeschlurft kamen, sofort an, das etwas nicht stimmte.
    „Sagt mal, was ist denn mit euch los? Ist jemand gestorben? Und wo ist Torsten, muss er wieder lernen?“
    „Ja, muss er“, murmelte Daniel düster. „Er ist ausgestiegen. Desertiert. Die Ratten verlassen das sinkende Schiff ... Ich brauch jetzt erst mal einen Whisky, aber nen doppelten!“
    Das Gewünschte wurde eingeschenkt, und Daniel kippte den Inhalt des Glases in einem Zug hinunter. „Noch einen!“
    Während Daniel systematisch versuchte, seinen Kummer in Alkohol zu ertränken, erzählten Erik und Jonas der Wirtin, was passiert war. Während dessen kam Fabian, Josefins Bruder und Mit-Inhaber des Pubs dazu. Die Freunde nannten ihn wegen seines hünenhaften Aussehens „Finn McCool“, nach dem irischen Märchenriesen, und er gehörte schon fast mit zur Band, da er den Jungs vor jedem Auftritt bei Klarmachen der Instrumente, Aufbauen der Verstärkeranlage und Verkaufen der Eintrittskarten half und überhaupt überall dort war, wo er gebraucht wurde.
    „Mhm...“ Fabian kratzte sich die Stirn. „Vertrackte Sache. Ich kann den Torsten schon verstehen, dass ihm seine Freundin jetzt erst mal wichtiger ist – und sein Studium. Pharmazie soll ja echt hammerhart sein, da fallen so viele durch ... Also ich an eurer Stelle würde dem Mädel ne Chance geben. Zu verlieren habt ihr schließlich nichts.“
    Jonas nickte. „Das sag ich ja auch, aber der Chef“, er wies mit dem Daumen in Richtung Daniel, der trüben Auges noch immer an der Bar hockte – „hat was gegen Frauen, die ihm zu nahe treten.“
    „Ach so?“ fragte Josefin spitz und warf Daniel, der gerade zum zigsten Mal sein leeres Glas wieder auf den Tresen knallte, einen weniger freundlichen Blick zu. „Aber bedienen dürfen sie ihn, ja?“
    „Aber Jossi!“ schmeichelte Jonas. „Bei Dir ist das doch was anderes. Du bist doch wie eine Mutter für uns.“
    „Wie oft soll ich’s dir noch sagen, Junge: Ich bin nicht deine Mutti!“ Die Jungs waren viel zu sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt um die besorgten Falten zu bemerken, die bei diesen Worten auf Jossis Stirn erschienen waren.
    „Sag mal, Danny, ist dir eigentlich klar, wie viel Geld du hier im Laufe einer Stunde verzecht hast?“ wandte sie sich wenig später an Daniel.
    „Keine Ahnung“ brummelte dieser, die Zunge war ihm bereits schwer geworden. „Setzt es einfach auf die Rechnung, ja?“
    Jossi seufzte schwer. „Na gut, heute noch mal, aber nur, weil ihr so’nen schlechten Tag hattet. Ab morgen wird bar bezahlt.“
    Jonas starrte die Wirtin entgeistert an. „Jossi, mach keinen Scheiß!“
    „Ich mache keinen Scheiß.“ Josefins Stimme klang auf einmal sehr müde.
    „Aber Mama Jo, das kannst du uns doch nicht antun!“
    „Und nenn mich nicht immer so!“ langsam wurde sie ärgerlich. „Deine Mama arbeitet nicht hier, kapier das doch endlich! Kann ja sein, dass du bei ihr einfach so reinschneien, den Kühlschrank leerfressen und danach wieder verschwinden kannst, aber wir müssen hier schließlich auch von irgendwas leben! Ich war gestern beim Steuerberater, dem standen bei unserer Quartalsabrechnung glatt die Haare zu Berge. So kann es nicht mehr weitergehn!“
    „Tut mir leid.“ Jonas sah betroffen zu Boden. „Ich zahl auch alles zurück, versprochen.“
    „Ha. Soviel Geld, wie ihr hier schon habt anschreiben lassen, verdienst du doch im Leben nicht! Oder soll ich dich vielleicht zum Gläser-Spülen in die Küche stellen, so für die nächsten 10 Jahre ungefähr? ... Ach, tut mir leid.“ Müde strich sich die Wirtin mit der Hand über das Gesicht. „Ich wollte dich nicht so anfahren. Aber ich hab einfach Angst, versteht ihr? Wenn wir hier dichtmachen müssen ... in meinem Alter krieg ich doch im Leben keine andere Arbeit mehr!“
    Schuldbewusst sahen sich die Jungs an. Wie oft hatten sie Jossi schon um Kredit gebeten, wenn das Geld wieder mal nicht reichte, und keinen Gedanken daran verschwendet, wie sie wohl über die Runden kam. Erik kramte schließlich einen 50 Euro Schein aus seinem Portemonnaie hervor und legte ihn auf den Tisch.
    „Hier, mehr hab ich im Moment nicht. Aber wir werden mal sehen, was wir so zusammenkratzen können. Und äh... wenn du mal Hilfe brauchst, zum Servieren oder so, dann sag bescheid, ja?“
    Die Wirtin lächelte schwach. „Mach ich, Jungs. Und viel Glück bei Eurer Probe morgen. Ihr werdet sehen, es findet sich schon irgendwie ne Lösung.“
    „Hoffen wir’s“, murmelte Erik. „Na dann woll’n wir mal. Ist der Chef noch ansprechbar?“
    Daniels Kopf war inzwischen auf den Tresen gesunken und alle Versuche, ihn zum Aufstehen zu bewegen, scheiterten.
    „Hey Alter, jetzt komm schon ... Abmarsch in die Heia ... HAAALLOO, Erde an Daniel, Erde an Daniel... Mensch, der ist ja echt völlig hinüber“, stellte Jonas fest. „Na denn los, Kraftmeier, zeig mal, was du kannst.“
    Siggi packte Daniel an der Schulter und hievte ihn vom Barhocker. „Alleine trag ich ihn aber nicht nach Hause. Na los, steht nicht so rum, helft mir mal!“ Steffen packte Daniels anderen Arm, und mir vereinten Kräften gelang es den Freunden, Daniel in eine halbwegs senkrechte Lage zu bringen.
    „Mensch, wie kann man sich bloß so sinnlos besaufen?“
    „Ja ja, Herr Gesundheitsapostel. Pass bloß auf, dass dein Heiligenschein nicht verrutscht. Warst du nicht derjenige, der gesagt hat: Weiber bringen nur Unglück? Wenn du uns stattdessen geholfen hättest, den Chef aufzumuntern, wäre er jetzt vielleicht nicht ...Mensch, passt doch auf!“ Ein ziemlich unsanfter Zusammenstoss mit dem Türrahmen beendete jäh den Disput zwischen Siggi und Jonas. Fabian erbarmte sich und half den Freunden, ihren Chef zur Tür hinaus zu bugsieren, dann verabschiedete Erik sich, und der Rest der Band machte sich auf den Weg zu ihrer WG.

    „Erschießt mich ... autsch!! Bitte erbarmt euch, ich will sterben“ Am nächsten Morgen saß Daniel wie ein Häufchen Elend am Frühstückstisch der WG und umklammerte krampfhaft ein Glas Wasser und eine Schachtel Aspirin. „Ich rühre nie wieder nen Tropfen Alkohol an, nie! Das schwör ich!“
    „Ja ja, das sagen sie alle.“ Jonas grinste breit. „Spitzen-Gesichtsfarbe, Chef. Hätt nicht geglaubt, dass man wirklich grün im Gesicht werden kann. Dachte immer, das wär nur’n Gag der Trickfilm-Zeichner.“
    „Spiegelei ist fertig“ meldete sich Siggi vom Herd aus. „Wer will?“
    „Bleib mir bloß vom Leibe mit dem Zeug .... aaarggb...“
    Die Hand vor den Mund gepresst stürzte Daniel in Richtung Badezimmer.
    „Oje. Den hat’s ja echt voll erwischt.“
    „Selber schuld!“ knurrte Siggi.
    „Naja, hoffe, er ist bis zur Probe wieder halbwegs auf dem Damm.“

    Als sie sich am Nachmittag zur Probe trafen, war Daniels normale Gesichtsfarbe einigermaßen wiederhergestellt. Seine Laune allerdings hatte sich nicht gebessert.
    „Sie kommen zu spät“ knurrte er, als die verabredete Zeit um 2 Minuten überschritten war und weder Steffen noch Torsten und dessen Nachfolgerin eingetroffen waren. „Wenn er schon unbedingt ein Weibsbild anschleppen muss, könnten sie wenigstens pünktlich kommen. Und Steffen ist auch wieder mal nicht da.“
    Erik und Jonas warfen sich vielsagende Blicke zu.
    „Bleib ruhig, Chef. Hast du MacDubh schon mal irgendwohin pünktlich kommen sehen? Die werden schon alle noch...“ In diesem Moment flog die Tür mit einem lauten Krachen auf und ein Mädchen stolperte, keuchend nach Luft schnappend, in den Raum. Sie trug einen Koffer und eine Umhängetasche, die ihr beim Rennen von der Schulter gerutscht war, und deren Inhalt jetzt auf den Boden plumpste. Münzen kollerten nach allen Seiten davon.
    „Oh sorry ... tut …tut mir leid“ keuchte das Mädchen „bin ... bin ich zu spät?“ Sie bückte sich und versuchte fieberhaft, ihre Habseligkeiten einzusammeln und wieder in die Tasche zu stopfen.
    Die Jungs betrachteten sie verstohlen. Sie war klein und zierlich, und ihre langen, lockigen Haare schimmerten in dem feurigsten Rot, das sie je gesehen hatten.
    „Also, mojn erst mal.“ Das Mädchen richtete sich auf. “Ich bin Anna.”
    “Mojn?“ fragte Jonas. „Es ist Nachmittag!“
    Ein zartes Rot überzog Annas Gesicht. „Oh, äh... ich kann mir das einfach nicht abgewöhnen.“
    „Wo kommst du denn her?“ wollte Erik wissen.
    „Flensburg. Ich bin erst seit ein paar Monaten hier.“
    Jonas bückte sich und sammelte etwas vom Boden auf. Es war Annas Personalausweis, der aus ihrer Tasche gefallen war.
    „Piper, Anna Maria Margaretha“, las er. Er und Erik sahen sich an und grinsten. „Denkst du auch, was ich denke?“ – “Mary Mack’s mother’s making Mary Mack marry me” grölten die beiden los. „My mother’s making me marry Mary Mack...“ Anna wurde noch röter.
    “So now we have a piper named Piper,” spottete Daniel. “Ist ja echt zum Piepen.”
    „Anna Maria Margaretha, was für ein Name“ kam es von Jonas. “Klingt nicht gerade norddeutsch.”
    “Meine Mutter stammte aus Bayern” murmelte Anna, deren Gesicht inzwischen die Farbe einer reifen Tomate angenommen hatte. „Aus Passau, falls euch das was sagt. Das liegt...”
    “Ich weiß, wo das liegt!” fauchte Daniel. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Er hatte getan was er konnte um von seiner Heimatstadt wegzukommen, und zwar so weit weg wie möglich, hierher in den Osten, wo die meisten Leute noch nicht einmal von einer Stadt namens Passau gehört hatten – das hatte er jedenfalls gehofft. Und nun musste er ausgerechnet hier ...
    „Unser Chef kommt nämlich selber da her“ unterbrach Jonas Daniels Gedanken.
    „Ach so.“ Das Mädchen lächelte zaghaft. “Ist ne schöne Stadt, oder? Ich war zwar erst einmal da, aber ...”
    Steffens Ankunft ersparte Daniel eine Antwort. Eine Zigarette im Mundwinkel kam er in den Raum geschlurft. „Hallo allerpfffeifff.“ nuschelte er. „Habiff waffarpaffss?“
    “Wenn ich deine Frage dahingehend interpretieren kann, ob du was verpasst hast“ antwortete Jonas grinsend, „Nein, hast du nicht. Wir machen uns nur gerade mit unserer neuen Flötistin bekannt. Darf ich vorstellen: Anna Maria Margaretha Piper, alias Mary Mack.“
    “Also, willkommen bei uns Mary Mack.” Sagte Erik. “Hoffe, unser Umgangston schockt dich nicht zu sehr. Im Grunde sind wir nämlich alle gaaanz lieb.“
    “Na das will ich schwer hoffen!“ Anna seufzte. „Aber müsst ihr mich unbedingt Mary Mack nennen? Das ist nämlich so ungefähr der hundertsiebenundzwanzigste Spitzname, den ich verpasst kriege. Und keinen davon kann ich ausstehen.“
    „Wieso, was hast du gegen Mary Mack einzuwenden? Außerdem, wir haben hier alle Spitznamen: Das hier ist unser Drummer, Sigmund Köhler ...“ „Siggi, wenn ich bitten darf“, knurrte dieser unwirsch. “Also gut, Siggi, auch “Shortie“ genannt...”
    “Oder auch: Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist ... “ trällerte Jonas dazwischen.
    „Klappe, Jonas! Ich hasse das, das weißt du ganz genau!“ Siggi war knallrot geworden.
    “Was kann der Sigismund dafür, dass man ihn liebt ....“
    „Jetzt halt endlich den Schnabel Sperling, sonst mach ich Frikassé aus dir!!“
    „Und hier haben wir unseren allseits beliebten Geiger Jonas „Little John“ Sperling.“
    „Go, Jonny be good ... “ röhrte Siggi, auf Rache bedacht.
    Jonas hielt sich mit gequälter Miene die Ohren zu.
    „Lass es Shortie, bitte! Du singst wie’n kaputter Staubsauger ... Hey, was soll das? Aua!“
    “Ich habe dich gewarnt!”
    Nur Eriks beherzten Eingreifen war es zu verdanken, dass es nicht zu weiteren handgreiflichen Auseinandersetzungen kam.
    „Also ehrlich, könnt ihr euch nicht mal fünf Minuten zusammenreißen? Was soll denn die Dame von uns denken!“
    „Oh, I’m sorry madam.“
    „Also, weiter im Text: unser lieber Bassist, Steffen „MacDubh“ Schwarze.“
    Anna sah den eben Vorgestellten an und musste grinsen. Von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, mit langen, schwarzgefärbten Haaren, hatte er diesen Namen ehrlich verdient.
    „Und dieses lange Elend hier“ fuhr Jonas grinsend fort „ist unser „Big Brother“, der eigentlich Erik heißt und Akkordeon und Bodhran spielt. Und dann fehlt nur noch einer: Unser alles-in-einem Gitarrist, Sänger, Songschreiber und Manager – Spannung, Trommelwirbel– Danieeeel Kornbauer! Eins, zwo, drei..“
    „Oh Danny Boy, the pipes, the pipes are calling... “ schmetterten die vier Jungs gemeinsam los.
    „Oder schlicht und einfach: The Chief.“
    Daniel verdrehte genervt die Augen. “Seid ihr jetzt fertig mit dem Blödsinn? Dann können wir vielleicht endlich anfangen.“
    In diesem Moment kam Torsten in den Raum gestürmt. „Tut mir leid, dass ich zu spät komme. Der Prof hat die Vorlesung wieder mal hoffnungslos überzogen.“
    „Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt. Allein der weite Weg entschuldigt ...“
    „Jonas, jetzt halt endlich die Gusch’n!! Sonst dreh ich dir persönlich den Hals um, ist das klar?! UND JETZT FANGEN WIR ZUM DONNERWETTER NOCHMAL ENDLICH AN!!!“

    Nach diesem Wutausbruch lief die Probe überraschend gut, das musste selbst Daniel zugeben. Die meisten Stücke bereiteten Anna keine Probleme, und sie spielte nicht nur Tin Whistle sondern auch Low Whistle, Querflöte, Panflöte – und sogar Mundharmonika. Aber würde sie es auch schaffen, ihre Parts bis zum Konzert auswendig zu lernen? Immerhin waren es nur noch 4 Tage, bis sie beim Mittelalterfest auf der Burg auftreten sollten. Daniel überlegte. Ob Torsten sich vielleicht doch noch umstimmen ließ? Er musste es wenigstens versuchen.
    “Torsten, kannst du nicht wenigstens dieses Konzert noch mitmachen, bitte!”
    Doch Torsten schüttelte den Kopf. „Eigentlich hatte ich auch vor, am Samstag noch mal mitzumachen – als Abschiedskonzert sozusagen. Aber wir schreiben nächste Woche ne Anatomie-Klausur, und ich hab schon die letzte verhauen. Wenn ich nicht das ganze Wochenende lerne, pack ich’s wieder nicht. Tut mir echt leid, Chef.“
    Erik klopfte seinem Freund beruhigend auf die Schulter. „Lass nur, wir kriegen das schon hin. Du schaffst es doch Mary Mack, oder?“
    „Klar“, antwortete Anna. „Ich hab’n gutes Gedächtnis.“ Dass sie schon seit ein paar Wochen mit den Noten der Fiddlermen übte, würde sie ihnen lieber nicht erzählen. Sie wären wahrscheinlich sauer auf Torsten, wenn sie herauskriegen würden, dass ihn der Gedanke aufzuhören schon länger beschäftigte und er nur gezögert hatte, weil er nicht wusste, wie er es seinen Freunden beibringen sollte.
    „Na hoffentlich!“ murmelte Daniel düster.

    „Und, was haltet ihr von ihr?“ fragte er später, als Anna und Torsten gegangen waren.
    „Ist doch nett, oder? Außerdem sieht sie verflixt gut aus. Also wenn sie single ist ...“ Jonas spitzte genüsslich die Lippen. Daniel verdrehte die Augen.
    „Mensch, kannst du nicht einmal ernst bleiben! Du weißt genau, was ich meine!“
    „Sie spielt gut, das musst du zugeben“, meinte Erik. „Und wenn sie sagt, sie kann die Sachen bis Samstag auswendig ... Also ich denk, wir brauchen uns keine großen Sorgen mehr zu machen.“
    „Ich hoffe bloß, sie kippt uns am Samstag nicht auf der Bühne ab“ warnte Siggi. „Die sieht doch aus, als würde sie jeder Windhauch umhauen.“
    „Soll sich halt zusammenreißen“, knurrte Daniel. „Nach der Zugabe kann sie meinetwegen tot umfallen, Hauptsache sie hält bis dahin durch.“
    „Du bist brutal.“
    „Nein. Nur konsequent.“
    “Ist euch aufgefallen, dass sie’n Kreuz an ihrer Halskette trägt?“ meldete sich Steffen zu Wort.
    Daniel zuckte die Achseln. „Meinetwegen kann sie an den Weihnachtsmann glauben, solange sie mich damit in Ruhe lässt.“

    Das Wochenende, und damit das Konzert, rückte näher. Bisher waren alle Proben gut gelaufen, und die Freunde begannen zu hoffen, dass tatsächlich alles gut gehen würde. Selbst Daniel schien sich damit abgefunden zu haben, dass Anna in Zukunft Torstens Platz auf der Bühne einnehmen würde. Doch zur Generalprobe waren alle furchtbar nervös und Daniel gereizter als je zuvor, besonders, als Steffen nach seiner üblichen Viertelstunde Verspätung immer noch nicht eingetroffen war.
    „Keine Ahnung, wo der bleibt“, erklärte Siggi. „Hab ihn heute überhaupt noch nicht gesehen.“
    „War gestern Abend zu ner Geburtstagsparty, soviel ich weiß“ meinte Jonas. „Muss spät geworden sein, ich hab ihn gar nicht nach Hause kommen hören. Wetten, der hat sich in seinem Zimmer verbarrikadiert und pennt noch.“
    Worauf Daniel Steffen per Handy zur Schnecke machte: „Guten Morgen der Herr, wünsche wohl geruht zu haben! Und jetzt schieb deine faulen Knochen hierher, aber’n bisschen dalli!“
    Danach dauerte es tatsächlich nur eine Viertelstunde, bis Steffen kam. Allerdings sah er so aus, als wollte er gleich im Stehen weiterschlafen. Als erstes wurde „Mary Mack“ geübt, und hier hatte Anna große Probleme, beim Singen mitzuhalten. „Wollt ihr’s nicht lieber alleine singen?“ fragte sie.
    „Nee, so einfach kommst du uns nicht davon, liebe Mary Mack.“ protestierte Erik. „Das ist schließlich dein Lied, also sing auch mit.“
    „Mensch, ich verknote mir ja schon beim Refrain die Zunge. Daniel, wie kriegst du bloss die Strophen in diesem Tempo hin?“
    Jonas grinste. „Ach, dem liegt das im Blut. Rapper-Gen oder so was. Schliesslich ist sein Vater Amerikaner.“
    Toll, das hatte Daniel gerade noch gefehlt, dass diese Anna jetzt auch noch anfing, in seinem Privatleben herumzuschnüffeln. „Super, Jonas, vielen Dank!“ knurrte er. „Warum setzt du’s nicht gleich in die Zeitung.“ Jonas sah schuldbewusst zu Boden. Eigentlich wusste er ja genau, wie sehr Daniel es hasste, über seine Kindheit zu sprechen. Nur Anna hatte das anscheinend noch nicht mitbekommen.
    „Echt? Find ich ja klasse. Dein Englisch ist auch supergut, hab mir schon gedacht, dass du zweisprachig aufgewachsen bist.“
    „Bin ich nicht.“
    „Wieso, ich dachte dein Vater ...“
    „Hab’ meinen Vater nie gekannt. Wenn du’s genau wissen willst: Er hat sich aus dem Staub gemacht, bevor ich geboren wurde.“
    „Oh ... äh ... tut mir echt leid, ich wusste nicht ... tut mir leid.“ Mist! Sie machte aber auch alles falsch. Dieser Daniel mochte sie sowieso schon nicht, vielleicht würde er sie nach dem Konzert gleich rauswerfen, denn dann hatte er ja bis zur Sommer-Tournee noch fast einen Monat Zeit, jemand anderen zu finden. Schade, sie hatte so sehr gehofft, in ihrer neuen Heimat schnell Freunde zu finden, und diesen verrückten Haufen hatte sie sofort ins Herz geschlossen. Aber vielleicht passte sie einfach nicht zu ihnen ...
    Daniels Laune war am Gefrierpunkt angelangt und wurde nicht besser dadurch, dass sie einen Fehler nach dem anderen machten.
    „Jonas, hast du was auf’n Ohren? Die Geige ist verstimmt.“ Jonas wollte schon protestieren, doch als er Daniels Gesichtsausdruck sah, ließ er es lieber bleiben.
    „Sind wir hier beim Musikantenstadl oder was? Bisschen mehr Tempo, los! ... MacDubh, Mund aufmachen beim Singen!“
    „Wa’?“ Steffen blinzelte seinen Freund trüben Auges an. “Was hast du gesagt?”
    Daniel explodierte. “Du sollst die Kauleisten auseinander machen beim Singen!!!“ brüllte er.
    „Au.“ Steffen hielt sich den schmerzenden Kopf. „Musst nicht gleich so schreien, ich bin ja nicht taub.“
    „Himmelkruzitürken, dann sauf halt net soviel, wenn du’s net vertragen kannscht!!“
    „Musst du gerade sagen“, knurrte Steffen, aber das hatte Daniel glücklicherweise nicht mitbekommen.
    „Also ich hab ja schon ne Menge schlechte Musik gehört aber das hier, das war grottenschlecht! Das war unter aller Sau. Das war ...“
    “Scheiße im Quadrat”, murmelte Anna, und dieses eine Mal musste Daniel ihr rechtgeben. Besser hätte er es auch nicht ausdrücken können.
    „Am besten, ich nehm mir gleich nen Strick, dann bleibt mir wenigstens morgen die Blamage erspart.“
    „Ach lass man, Chef, das wird schon“, versuchte Erik ihn aufzumuntern. „Jetzt kann’s doch eigentlich nur noch besser werden.“
    „Dein Wort in Gottes Gehörgang. Also mir reichts für heute. Ist alles klar für morgen?“
    Die Jungs nickten, doch Anna hatte noch tausend Fragen: Wie würde der Auftritt eigentlich ablaufen? Welche Vorbereitungen gab es noch zu treffen? Wer war für die ganze Technik verantwortlich? Sonst irgendwelche Besonderheiten zu beachten? Und was zogen sie eigentlich zu so’nem Konzert an? Erik beantwortete geduldig alle ihre Fragen, doch Daniel verdrehte genervt die Augen. Was hatten sie da bloß für’n Greenhorn aufgegabelt?
    „Sag mal, standest du etwa noch nie auf ner Bühne?“
    „N ... ja. Aber nicht mit ner Band“ gab Anna kleinlaut zu. “Bloß mit dem Nachwuchsorchester. Und der Begleitgruppe für den Kirchenchor.“
    „Kirchenchor!“ Daniel schnaubte verächtlich. “Na halleluja!”
    Jetzt reichte es. Sollte er sie doch rausschmeißen. Anna hatte jedenfalls keine Lust mehr, sich weiter von ihm anmotzen zu lassen.
    „Was dagegen? Dann mach deinen Dreck halt alleine.“ Ärgerlich knallte sie den Deckel ihres Instrumentenkoffers zu und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.
    Himmel, wenn sie jetzt abhaute, waren sie echt aufgeschmissen.
    „Äh nee, n ... natürlich hab ich nichts dagegen.“ Stotterte Daniel. „War nicht so gemeint, echt ich ... hey, was ist denn los?“
    Anna hatte sich an die Wand gelehnt. Sie war kreidebleich geworden.
    „Mir ist auf einmal so schwindlig“, murmelte sie. „Ich glaub, ich fall gleich in Ohnmacht.“
    „Hinlegen, du musst dich hinlegen.“ Nachdem Steffen den ganzen Nachmittag lang durchgehangen hatte, war erwachte er plötzlich zu verblüffender Aktivität. Er fasste Anna vorsichtig um die Schultern und half ihr, sich auf den Boden zu legen. „Am besten Beine hoch – gebt mal’n Stuhl her. Und Zucker, sie braucht Zucker. Little John, du hast doch immer was zu futtern dabei. Lass mal rüberwachsen.“ Nach längerem herumkramen in seinem Rucksack förderte Jonas tatsächlich eine halbe Flasche lauwarme Cola und einen halb geschmolzenen Marsriegel zu Tage, welche von Anna dankbar angenommen wurden.
    „Danke Leute, ihr habt mir das Leben gerettet.“ Nach der kleinen Stärkung ging es Anna gleich wieder besser. „Steffen, du bist ein Engel. Wenn du nicht so schnell reagiert hättest, wär ich echt umgekippt.“
    Der angesprochene zuckte gleichmütig die Schultern. “Och, das war doch nix besonderes. Hab mal ne Ausbildung zum Rettungsassistenten angefangen, nachdem ich Zivi beim Roten Kreuz gemacht hatte.“
    „Hattest du da nicht die Tischler-Lehre angefangen?“ fragte Jonas.
    „Nee, ich dachte das wäre Maler gewesen“, mischte sich Erik ein.
    „Habt schon recht“, brummelte Steffen. „Stimmt alles beides. Aber sag mal, Mary Mack, wieso war dir eigentlich schlecht? Verträgst du die Hitze nicht?“
    „Könnte eher daran liegen, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe“ murmelte Anna kleinlaut. „War blöd von mir, ich weiss. Aber als ich heute früh in die Küche kam, ist mir der Appetit vergangen. Und später hab ich’s nicht mehr geschafft, mir was in der Mensa zu holen.“
    „Verdreckte Küche?“ Jonas grinste. “Kommt mir irgendwie bekannt vor. Wohnst du auch in ner WG?“
    „Nee, im Wohnheim am Ehrenberg.“
    „Ach du Schande!“ entfuhr es Jonas.
    „Wieso, ist das immer noch so schlimm?“ erkundigte sich Erik. „Ich dachte, sie hätten das inzwischen mal renoviert?“
    Jonas schnaubte. „Vergiss es! Das kannste nicht mehr renovieren, bloß noch abreißen, nachdem die Assis drin gehaust haben. Das Ding ist die reinste Opiumhöhle. Hab außer unserer Mary Mack noch keinen von da getroffen, der nicht entweder bekifft oder besoffen war.“
    „Mischung zwischen Opiumhöhle und Schweinestall, würd ich sagen“, stimmte Anna zu. „Obwohl: Das wär ne Beleidigung für die Schweine. Aber was anderes war halt auf die Schnelle nicht zu kriegen, und billig ist es ja auch. Außerdem war ich so naiv zu glauben, wenn ich erst mal ordentlich saubermache, werden die anderen schon mitziehen. Aber die Typen merken wahrscheinlich noch nicht mal den Unterschied.“
    „Hey, lasst uns zu Jossi gehen“, schlug Erik vor. „Da kannste dich erst mal sattessen. Finns Sandwiches sind erste Sahne.“
    „Wer sind Jossi und Finn?“ wollte Anna wissen.
    Erik klärte sie auf: „Die beiden betreiben den Pub an der Burg – praktisch unser zweites Zuhause. Außerdem macht Finn für uns den Bühnentechniker und was sonst noch so anfällt.“
    Sie machten sich auf den Weg zum Pub. Daniel trottete mit säuerlicher Miene hinterdrein. Was sollte das erst morgen werden, wenn diese Anna jetzt schon schlapp machte? Und noch nicht mal mehr in der Kneipe hatte man seine Ruhe. Als nächstes würden sie sie wahrscheinlich fragen, ob sie bei ihnen einziehen wollte!
    Tatsächlich war Jonas kurz davor, Anna genau diesen Vorschlag zu machen. Nachdem sie ihm den Wohnheimsalltag mit allen schaurigen Einzelheiten beschrieben hatte, fragte sie, ob er nicht zufällig jemanden kannte, der ein Zimmer zu vermieten hatte. Jonas wollte gerade dazu ansetzen, ihr von Torstens Zimmer in der WG zu erzählen, das noch leer stand. Doch Daniels Blick brachte selbst ihn zum Schweigen.
    Jossi freute sich, dass sie kamen, und Anna mochte sie vom ersten Moment an. Finn kam gleich aus der Küche geeilt, um die „Neuerwerbung“ zu begutachten. Dann bereitete er 6 seiner leckeren Käse-Schinken-Spezialbaguettes zu.
    „Und Jossi, wie läuft das Geschäft“, fragte Jonas mit vollem Mund.
    „Frag lieber nicht“, murmelte die Kneiperin düster.
    „So schlimm?“
    „Jep. Heute kam die Rechnung vom Steuerberater. Ist eigentlich ne Unverschämtheit, dass einer soviel Geld haben will, nur damit er dir sagt, dass du deinen Laden bald dichtmachen kannst.“
    „Steuerberater, Finanzbeamte, Politiker – ist doch alles das gleiche Gesocks“ knurrte Steffen, während er mit einem Kugelschreiber eine bluttriefende Axt auf ein kleines Notizblatt malte. „Scheiß-Kapitalisten. An die Wand stellen, alle miteinander.“
    “Jawoll. Na starowje, towarisch Stefanowitsch!”
    „Lass mich bloß mit Russisch zufrieden, Jonas, damit haben sie mich in der Schule schon genug gequält.“
    „Kennt ihr den schon: Ein Steuerberater macht Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff und fällt über Bord. Da kommt ein hungriger Hai an, aber als er den Steuerberater sieht, dreht er um und schwimmt weg. Warum hat er ihn nicht gefressen?“
    „Keine Ahnung.“
    „Solidarität unter Gleichgesinnten.“
    Alle grinsten, auch Jossi. „Der war gut, Kleiner.“
    „Hey, sag nicht immer Kleiner zu mir!“ protestierte Jonas. „Ich bin schließlich gar nicht der Kleinste hier.“
    „Sie erkennt halt die geistige Größe“, äußerte Siggi würdevoll.
    „Ha, dann müsste deine ja im negativen Bereich liegen.“
    „Warte, bis ich mit dir fertig bin!“ brauste Siggi auf. „Dann passt du inne Streichholzschachtel! Ich ramm dich ungespitzt in den Boden! Ich ...“
    “Wieso? Du hast ja angefangen. Ausserdem ...”
    Da bekam Jossi einen solchen Lachanfall, dass sie sich auf die Theke stützen musste. Sie lachte und lachte, bis ihr die Tränen über die Wangen rannen.
    „Ach Jungs, ihr werdet mir echt fehlen“, seufzte sie, nachdem sie sich einigermaßen wieder beruhigt hatte.
    „Mensch Jossi!“ Daniel war ehrlich besorgt. “Jetzt red doch nicht so, als hättest du schon alles aufgegeben. Man muss doch irgendwas unternehmen können!“
    „Der Laden müsste mal ordentlich voll werden“, überlegte Erik. „Damit richtig Geld in die Kasse kommt. Aber womit könnte man die Leute anlocken?“
    „Warum geben wir nicht ein Benefiz-Konzert“, platzte Anna heraus. „The Jolly Fiddlermen, live und unplugged, hier im Pub.“
    Erik blieb mitten beim Abbeißen der Mund offen stehen. „Hey, das ist mal ne Idee!“
    „Jossi könnte Eintritt verlangen“ führte Anna ihren Gedanken fort. „Und dann wollen die Leute natürlich auch alle was essen und trinken – was meint ihr?“
    „Mary Mack, du bist ein Genie!“ Jonas haute ihr so kräftig auf die Schulter, dass sie sich verschluckte. „Dann schaffen wir es vielleicht doch, unsere Schulden noch in diesem Leben zurückzuzahlen. Die Jungs waren Feuer und Flamme, und Jossi fing in Gedanken schon mal an, auszurechnen, wie viele Lebensmittel und Getränke sie für ein solches Ereignis einkaufen müsste.
    Die Idee war supergut, das musste selbst Daniel zugeben, auch wenn es ihn insgeheim wurmte, dass er nicht selbst drauf gekommen war.
    Erik verabschiedete sich wenig später, er wollte pünktlich vor dem Konzert noch die neue Homepage der Band fertig stellen,.
    „Dann können wir unsere Fanpost demnächst per Mail empfangen.“
    „Na Hauptsache, wir werden nicht statt dessen per Mail zur Schnecke gemacht“, murmelte Daniel. „Und mach nicht wieder die ganze Nacht durch, hörst du?”
    “Nee, bin fast fertig. Keine Angst, Chef, ich werde morgen frisch und ausgeruht erscheinen.“
    „Möchte auch sein. Und das gilt für euch alle! Ich will morgen keine verkaterten Gesichter, Schwächeanfälle oder dergleichen erleben, damit das klar ist!““
    Widerstrebend erklärte sich Daniel sogar bereit, Anna mit dem Auto abzuholen, damit sie alle gemeinsam in der WG Kaffee trinken konnten.

    „Ist das etwa dein ... hey, du hast Auto gesagt, nicht überdachte Zündkerze!“ Kichernd sah Anna das Vehikel an, das am nächsten Tag vor der Tür des Wohnheims hielt. Es war ein Kleinbus der Marke B1000, ein Relikt aus DDR-Zeiten, das über 15 Jahre auf dem Buckel haben musste, einen Höllenlärm veranstaltete und in einem Farbton lackiert war, den man selbst beim besten Willen nur als kackbraun bezeichnen konnte, was aber wegen der vielen Aufkleber zum Glück weniger auffiel.
    „Wenn’s der gnädigen Frau net recht is, müssen gnädige Frau halt zu Fuß gehn“ fauchte Daniel beleidigt.
    „Äh ... ´tschuldigung. Ist mir nur so rausgerutscht. Ich mag alte Autos, wirklich! Der ist richtig süß.” Verflixt, musste sie auch absolut in jedes Fettnäpfchen treten? Und das gerade jetzt, wo endlich so etwas wie Waffenstillstand zwischen ihr und Daniel eingetreten war. Aber das konnte sie dann wohl vergessen. Daniel sagte während der ganzen Fahrt kein Wort, und sobald sie in der WG angekommen waren, verschwand er im Bad und schlug die Tür mit einem Knall hinter sich zu, der die Fensterscheiben erzittern ließ.
    „Was’n jetzt schon wieder los?“ Die Jungs sahen sich über den Esstisch hinweg verständnislos an. „Eben hatte er doch noch gute Laune.“
    „Meine Schuld, fürchte ich“, seufzte Anna. „Ich hab es gewagt, über sein Auto zu lachen.“
    „Oje. Da haste dich wirklich unbeliebt gemacht. Er hängt an der Kiste“, erklärte Jonas. „Dabei hat er sie damals garantiert nur gekauft, um seinen Alten zu schocken, wenn er damit nach Bayern fuhr.“
    „Seinen Alten? Ich dachte, er hat keinen Vater.”
    „Nee, der Alte ist sein Onkel. Bei dem ist er aufgewachsen. Aber sprich ihn bloß nicht drauf an.“
    „Werd mich hüten!“ Daniel auf seine Familie anzusprechen war so ziemlich das letzte, was Anna jetzt eingefallen wäre.
    „Gemütlich habt ihr’s hier.“ Sie schaute sich um.
    „Naja, schau lieber nicht so genau in die Ecken“, empfahl Jonas. „Wir müssten mal wieder’n Subbotnik einlegen.“
    „Was müsst ihr?“ Anna verstand kein Wort.
    „Mensch Johnny, red deutsch!“ Steffen verdrehte genervt die Augen. „Also, Subbotnik ist russisch bedeutet so was wie freiwilliger Arbeitseinsatz – im Sozialismus sehr beliebt. Was Johnny damit sagen wollte war eigentlich nur, dass hier mal wieder gründlich geputzt werden müsste.“
    „Glaub mir: Im Vergleich zum Wohnheim sieht’s hier echt Meister-Propper-mässig aus. Sagt mal, wer hat eigentlich das Wandbild im Flur gemalt? Das ist ja genial!“ Die weißen Wände im Flur der WG zierten zwei riesige, Feuer speiende Fabeldrachen mit ineinander verschlungenen Schwänzen.
    „Das war MacDubh“, erklärte Erik. „Du müsstest erst mal die Wände in seinem Zimmer sehen. An ihm ist echt’n Künstler verloren gegangen. Zeig’s ihr doch mal, MacDubh.“
    Steffen war bei diesem Lob rosa angelaufen.
    „Ach, wozu denn“, murmelte er verlegen. „Ist doch nix besonderes.“
    „Na klar ist es was besonderes!“ protestierte Erik, und Jonas nickte eifrig. „Jetzt stell dein Licht nicht immer so unter den Scheffel.“
    „Och bitte“ Anna sah ihn flehentlich an. „Bin richtig neugierig geworden.“
    „Also gut. Aber erstmal essen wir fertig.“
    In diesem Moment erschien Daniel am Tisch.
    „Chef, ich glaub der Panzer hat bald’n neues Auspuffrohr nötig“, bemerkte Steffen.
    „Woher willst’n das wissen, MacDubh?“
    „Hört man doch.“
    „Also ich hör nix. Klingt genau wie immer.“
    “Nee, schlimmer. Kannste glauben, ich kenn mich da aus.“
    Auch das noch. Das hatte Daniel gerade noch gefehlt, er war eh schon so gut wie pleite.
    „Wie kommt’s, dass du dich so mit Autos auskennst?“ wollte Anna wissen. „Sag bloß, du hast auch ne Mechanikerlehre angefangen?“
    „Jep, hab ich.“
    „Sag mal, welche Ausbildung hast du eigentlich nicht `mal angefangen´? Du musst sie doch bald alle durch haben.“
    Jonas grinste. “Willkommen im Club der notorischen Schul-Abbrecher, Faulenzer und Sozialschmarotzer.“
    „Sprich für dich selbst, Sperling“, knurrte Siggi.
    „Oder derjenigen, die sich einfach zu dämlich angestellt ha ...“ Noch während er sprach, merkte Jonas, dass er diesmal zu weit gegangen war.
    „Du mieser kleiner Klugscheißer, ich ...“
    „Nicht! Ruhig, Siggi. Beruhige dich.“ Mit vereinten Kräften gelang es Erik und Steffen, Siggi daran zu hindern, Jonas quer über den Tisch eine zu langen.
    „Ach leckt mich doch alle!“ Er stürmte in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
    „Mann Jonas!“ stöhnte Daniel. „Kannscht du net einmal deine große Klappe halten!“
    Jonas sah schuldbewusst zu Boden. „War doch nur Spaß“, murmelte er. „Weiß auch nicht, warum er gleich so ausgerastet ist. Er ist schon seit gestern so komisch, sagt kaum ein Wort.“
    „Hör zu, wir fahren jetzt zur Burg um die Bühne klarzumachen und treffen uns da mit Finn – das heißt, wenn wir Shortie aus seinem Zimmer locken können. Du hältst dich also am besten für ein paar Stunden aus der Schusslinie, okay?“
    „Soll ich euch wirklich nicht helfen?“
    „Um Himmels Willen, nein!“ rief Erik erschrocken. „Wir sind doch nicht lebensmüde! Sieh bloß zu, dass du verschwindest, und lass dich ja nicht blicken, bevor wir fertig sind!“
    Achselzuckend trollte sich Jonas aus der Wohnung, und während Daniel und Erik klopfend und bettelnd vor Siggis Zimmertür Stellung bezogen, räumte Anna gemeinsam mit Steffen den Tisch ab.
    „Sag mal, was hat Jonas eigentlich angestellt, dass ihr ihn beim Aufbauen nicht dabeihaben wollt?“
    „Och, bloß unser halbes Equipment demoliert und uns fast in die Luft gejagt.“ Steffen grinste. „Der Depp hat ein Verstärkerkabel falschrum angeschlossen. Das gab vielleicht nen Kurzschluss, als wir’s eingeschaltet haben!”’
    Mit vereinten Kräften war es Daniel und Erik endlich gelungen, Siggi zum Mitkommen zu überreden, und die 4 Jungs waren startklar.
    „Was machst du eigentlich noch hier?“ wurde Anna von Daniel angeraunzt, der anscheinend immer noch sauer auf sie war. Alle ihre Beteuerungen, dass sie bestimmt nichts kaputtmachen würde, und dass sie im Übrigen wüsste, wie man ein Verstärkerkabel anschließt, konnten ihn nicht dazu bewegen, sie mitzunehmen. Und Steffens Zimmer würde sie sich wohl auch ein andermal anschauen müssen.
    „Mach dir einfach noch’n paar gemütliche Stunden, okay?“ riet Erik, um etliches freundlicher als sein „Chef“. „Wir sehen uns dann nachher, ne halbe Stunde vorm Auftritt.“

    Sie waren startklar, in einer guten halben Stunde würde es losgehen, und so langsam lagen bei den Fiddlermen die Nerven blank. Sie saßen in einer kleinen Kammer in Eingangsbereich der Burg, die als Künstlergarderobe hergerichtet worden war. Siggi drehte nervös seine Taktstöcke zwischen den Fingern, Steffen rauchte eine Zigarette nach der anderen und kritzelte dutzende von kleinen Zetteln voll, Erik klimperte leise auf seinem Akkordeon, und Daniel trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, während er zum hundertsten Male seine Gitarre stimmte. Er kannte das Ziehen im Bauch, das sich bei ihm vor jedem Auftritt einstellte und wusste, dass es wie weggeblasen sein würde, wenn er erst mal auf der Bühne stand – aber deswegen fühlte er sich im Moment auch nicht besser.
    „Willste eine, Chef?“ Steffen hielt ihm eine selbstgedrehte Zigarette hin.
    „Bah, bleib mir bloß weg damit. Kannscht mir mal verraten, wie man mit dem Rauchen aufhören soll, wenn einem dauernd einer mit einer Kippe vor der Nase rumwedelt?“
    „Sorry, Chef. Diesmal ist es also Ernst mit dem Aufhören?“
    „Jep.“
    Eine Weile schwiegen alle. Dann meldete sich Erik zu Wort.
    „Sagt mal, wo bleiben eigentlich Jonas und Mary Mack?“
    „Ach, die kommen bestimmt gleich.“ meinte Steffen. „Hauptsache, sie ist nicht dem Kaufrausch verfallen.“
    „Weiber!“ knurrte Daniel.
    Der „Kaufrausch“ bezog sich auf den Mittelalter-Markt, der im Burghof stattfand. An zahlreichen Buden boten mittelalterlich gekleidete Marktschreier ihre Waren feil. Doch langsam wurden die Buden eine nach der anderen geschlossen, und eine immer größer werdende Menschenmenge sammelte sich vor der Freilichtbühne.
    „Da, schaut mal!“ stolz hielt Anna den Jungs ein paar weiche, flache Lederschuhe vor die Nase, die sie gerade erstanden hatte. „Die sind handgenäht.“
    „Ja, hand-made in Taiwan von kleinen Kindern wahrscheinlich, “ schnaubte Daniel. „Wer fällt denn noch auf so nen Touristenkitsch rein? Ich frage lieber gar nicht erst, wie viel du dafür bezahlt hast.“
    „Och Mann, musst du mir unbedingt den Spaß verderben? Mit irgendwas musste ich mich doch beschäftigen, sonst wär ich vor Angst schon den Heldentod gestorben!“
    „Geht’s?“ fragte Erik besorgt.
    „Naja.“ Anna streckte die linke Hand aus, die zitterte, als hätte sie Schüttelfrost. Ihr Gesicht war blass unter der wilden roten Haarmähne. Sie sah zart und zerbrechlich aus in ihrem knöchellangen, weiten Rock, der kunstvoll mit einer Schicht weißer Stofffetzen besetz war, aus denen hier und da ein Stück schwarzer Stoff hervorlugte. Darüber trug sie ein eng anliegendes schwarzes Kapuzen-Shirt.
    „Schicker Rock“ bemerkte Erik.
    „Danke. Hab ich selbst genäht. Ihr habt euch aber auch ganz schön in Schale geschmissen.“
    Die Bekleidung der Fiddlermen konnte mit Recht als fantasievoll und ausgesprochen individuell bezeichnet werden. Doch Jonas, der gerade eben angekommen war, übertraf alle anderen. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit näherte er sich Siggi zögernd, fast schüchtern.
    „Du, tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe, okay? War nicht so gemeint.“
    „Schon gut“ brummelte Siggi. Jetzt erst hob er den Kopf und nahm Jonas genauer in Augenschein, der eine knallrote, tartan-karierte Hose und darüber ein weißes, halb durchsichtiges Netzhemd trug.
    „Wie läufst’n du schon wieder rum? Das ist ja abartig! Leute, seid ihr sicher, dass der Typ nicht doch linksgestrickt is?“
    “Ah ja, Süßer, komm her mein Schnuckel” näselte Jonas affektiert und machte schmatzende Kussgeräusche in Siggis Richtung.
    „Ähhh, mach dich vom Acker! Weg! Weiche von mir!“ Mit beiden Zeigefingern machte Siggi das Zeichen gegen das Böse.
    Anna kicherte, und Daniel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
    „Do mine eyes deceive me?“ Erik schaute auf Jonas verwuschelte Frisur, die einen leicht grünlichen Farbton angenommen hatte. „Sag mal, hab ich was auf den Augen, oder sind deine Haare tatsächlich grün?“
    „Jep, sind sie. War vorhin extra noch beim Friseur.“
    “Sieht aus, als hättest du Grünspan angesetzt“, meldete sich Steffen zu Wort. „Soll ich mal nachschaun, ob dir schon Moos auf dem Rücken wächst?“ Er nahm den protestierenden Jonas in den Schwitzkasten.
    „Hey, lass mich los! Nein ... Waldi, aus! Platz! Böser Hund!” Vergeblich versuchte Jonas, Steffen an seinem mit Metallspitzen besetzten Lederhalsband zu packen.
    Erik nutzte die Gelegenheit und rubbelte Jonas mit den Fingerknöcheln feste über die Kopfhaut.
    „Au! Lass das, du weißt genau ich hass das! ... Hey, wo haste’n den Deckel her?“
    Erik verbarg seinen bereits schütteren Haaransatz unter einem Tirolerhut, komplett mit Gamsbart und allem drum und dran. Dazu trug er ein schwarzes T-Shirt mit einem Anarchie-Stern darauf, abgewetzte Jeans und DocMartens-Stiefel.
    „Gib dir keine Mühe, Big Brother“ stichelte Jonas. „Es wissen eh alle, dass du ne Glatze hast!“
    „Ha, von wegen Glatze!“
    „Naja, noch nicht. Aber auf dem besten Wege dahin, alter Freund. Nicht mehr lange, dann siehst du aus wie Kojak persönlich.“
    „Fesches Hüatl!“ grinste Daniel. „Fehlt nur noch die Krachlederne dazu.“
    Anna hatte schon die letzten 5 Minuten lang nur gelacht, aber als sie sich jetzt den langen Erik in bayrischen Lederhosen, samt Anarchie-T-Shirt und DocMartens vorstellte, musste sie sich an die Wand lehnen, um nicht umzufallen.
    „Was’n hier ausgebrochen?“ Neugierig steckte Finn den Kopf zur Tür herein. “Ist das ansteckend? Wollt eigentlich bloß bescheid sagen, dass wir gleich loslegen können – ich zieh mich nur rasch um.“ Er warf Anna, die immer noch keuchend an der Wand lehnte, einen besorgten Blick zu.
    „Spar deine Kräfte lieber für nachher auf, Mädel. Du wirst sie brauchen, glaub mir!“



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