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Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:29Synthics II
So,
ein neuer versuch.
Das hier ist der erste Kapitel des zweiten Synthics Buches.
Der Hauptcharakter ist eigentlich der Synthics-rp-charakter von Maliz, den ich mir für das Buch mal eben ausgeliehen habe.
Also, viel Spaß und ich halte jetzt meine Fresse.
Padraigin
Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:29
1. Verbotene Gefühle
Das grelle Licht der Halogenlampen stach in ihren Augen und verursachte ihr Kopfschmerzen. Sie kniff kurz die Augen zusammen und rieb mit dem Handrücken über die Lider. Niemand hatte ihr je erzählt, wie sehr diese Arbeit an ihren Kräften zehren würde. Es schien eine Tatsache zu sein, dass das leichte Pochen in ihrem Schädel nicht nur vom Licht kam.
Sie seufzte unhörbar und zwang sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen hinter der Scheibe zu lenken.
Die Scheibe war nicht wirklich eine Scheibe. Sie wusste, dass der junge Mann, der sich dort im angrenzenden Raum befand, sie nicht sehen konnte. Er sah nur einen Spiegel, obwohl sie sich sicher war, dass er ebenso wusste, dass er beobachtete wurde.
Sie würde sich genauso wie in den unzähligen Übungsstunden verhalten. Alles streng nach Vorschrift.
Ein weiteres tiefes Einatmen folgte dem ersten, während sie sich bemühte, den Mann mit ihrem Blick zu fixieren.
Er war jung. Höchstens ein oder zwei Jahre älter als sie selbst aussah. Vielleicht siebzehn oder achtzehn. Seinen Namen wusste sie nicht, aber das würde sich bald ändern. Erstaunt bemerkte sie wie seine Unterlippe zitterte. Wahrscheinlich zitterten auch seine Hände. Sie konnte sie nicht sehen, doch sie hatte bemerkt wie hin und wieder die Schultern zuckten. Vielleicht arbeitete er gegen die Handschellen an, die seine Hände auf den Rücken fesselten. Ein leichter Schweißfilm bedeckte die blasse Haut auf seiner Stirn. Seine Augen waren geweitet und flogen ständig umher, als suchten sie einen Ausweg.
Er hatte Angst. Es war offensichtlich.
Ein seltsames Gefühl kroch in ihr hoch, doch ehe sie sich darauf konzentrieren konnte, war es verschwunden.
Sie schüttelte leicht den Kopf.
Irrelevant.
Die Gefühle des Mannes waren so unwichtig wie ihre eigenen.
Wieder seufzte sie und konzentrierte sich auf ihre Zielperson.
Er hatte schmutzig braunes Haar, das ihm in fettigen Strähnen ins schmale Gesicht fiel. Die dünnen Lippen bewegten sich leicht, als murmelte er unhörbare Worte.
Sie legte den Kopf schief und beobachtete die Bewegungen der Lippen.
Er fluchte, flüsterte unaussprechliche Verwünschungen. Dann bat er um Vergebung für etwas, dass er getan hatte.
Einen kurzen Augenblick stellte sie sich vor, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Er lächelte. Seine Augen sprühten förmlich vor Fröhlichkeit. Wenn er lächeln würde, könnte man diesen Jungen durchaus als attraktiv bezeichnen.
Doch im Hier und jetzt wirkte er eher wie ein Häufchen Elend.
Wieder stieg dieses merkwürdige Gefühl hoch. Diesmal gelang es ihr, ein gewisses Unbehagen zu erfühlen. Unbehagen und…Angst? Sie konnte es nicht deuten. Das Gefühl entglitt ihr, sobald sie sich darauf konzentrierte.
Ach, verdammt!
Missmutig klopfte sie mit dem Kugelschreiber auf den Schreibblock.
In all den Übungsstunden war ihr so etwas noch nie passiert.
Es gab keinen Unterschied zwischen dem Training und diesem Fall. Auch wenn es ihr erster war.
Entschlossen fixierte sie den Jungen mit ihrem Blick und atmete tief durch.
Endlich schien sie durch einen Schleier hindurch zu treten.
Eindrücke flogen auf sie zu und sie war sich sicher, dass es nicht ihre, sondern seine Erinnerungen waren.
Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:30
Sofort begann sie zu schreiben. Ihre Hand mit dem Stift flog nur so über das Papier. Glitt von Zeile zu Zeile, während sie, schon selbst fast in Trance, alle wichtigen Erinnerungen des Jungen in sich aufnahm.
Sie sah nicht, sie wusste.
Der Name des Jungen war Danny. Danny Harding.
In hektischen Sprüngen rasten die Bilder weiter.
Danny saß in einem Auto. Schüsse fielen. Schreie. Er wurde hart in die Gurte geworfen. Seine kleine Schwester weinte neben ihm. Die Tür sprang auf. Danny löste den Gurt und ließ sich aus dem Wagen fallen. Schmerz. Angst. Trauer.
Alles brach gleichzeitig über sie herein.
Dann Gesichter. Freunde. Ein Kuss mit einem hübschen Mädchen unter einer Brücke. Sie liebten sich. Der Name des Mädchens war Rose. Sie hatte lange, blonde Haare. Rose schien enorm wichtig für Danny zu sein.
Wieder ein Wechsel.
Danny schreckte aus dem Schlaf. Lichtkegel von Taschenlampen warfen sich von Wand zu Wand. Er rannte eine Treppe hinab. Etwas traf ihn im Gesicht. Schmerz. Angst. Wut.
Erschöpft brach sie die Verbindung ab und bemühte sich ruhig zu atmen.
Ziemlich aufwühlende Erinnerungen.
Ihre bisherigen Testpersonen hatten nicht so ein bewegtes Leben gehabt.
Sie blinzelte ein paar Mal und warf einen kurzen Blick zu dem jungen Mann, von dem sie nun wusste, dass er Danny hieß.
Er hatte nichts von all dem bemerkt. Aber das taten sie nie.
Während sie ihn beobachtete, stieg wieder dieses undefinierbare Gefühl in ihr empor.
Diesmal nicht.
Eilig wischte sie es zur Seite.
Jetzt zählte nur noch der Auftrag.
Sie erhob sich und drehte sich entschlossen um.
Hinter ihr saßen drei Männer. Zwei von ihnen trugen die Uniformen des Militärs. Den dritten kannte sie. Doktor Chess, aus dem Institut. Er hatte sie bis jetzt überall hin begleitet.
Die Männer sahen sie erwartungsvoll an.
Instinktiv nahm sie Haltung an.
„2017-12-12 meldet Bereitschaft für Phase Zwei.“ Sie reichte ihre Notizen an Chess weiter, der sie kurz überflog und sie schließlich an den Mann links neben ihn weitergab.
Während die beiden Militärs durch ein leichtes Nicken ihre Zustimmungen für Phase zwei gaben, lächelte Doktor Chess leicht und deutete ein Händeklatschen an. Eine Geste, die sie nicht wirklich einordnen konnte.
Verwirrt blinzelte sie und ließ sich wieder auf den unbequemen Plastikstuhl sinken.
An Phase zwei war sie nicht maßgebend beteiligt.
Sie konnte hören, wie die Tür geöffnet wurde und die beiden Militärs den Raum verließen. Doktor Chess blieb sitzen. Er würde sich wie immer Notizen machen.
Es war ihr unklar, was er eigentlich notierte und im Wesentlichen war es ihr auch egal. Nach den Übungen hatte er sie stets gelobt. Also gab es an ihrem Verhalten auch nichts auszusetzen.
Wieder knarrte die Tür. Zwei Soldaten bezogen rechts und links an der Wand Posten. Sie würden erst bei Phase drei ins Spiel kommen.
Sie beschloss den Doktor und die beiden Männer einfach zu ignorieren und konzentrierte sich stattdessen auf das Geschehen im angrenzenden Raum.
Eben hatte sich die Tür geöffnet und zwei Männer betraten den Raum.
Einer trug die Uniform des Militärs, deren Rangabzeichen ihn als Captain auswies. Auf dem Namensemblem entzifferte sie A. Perkins. Er schien Anfang dreißig zu sein. Sein dunkelblonder Bürstenhaarschnitt bildete eine Perfekte Ergänzung zu den stahlblauen, kalten Augen.
Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:30
Der zweite war älter. Vielleicht Mitte dreißig oder Anfang vierzig. Er trug einen grauen Anzug, unter dessen linker Achsel sich eine deutliche Beule abzeichnete. Sein gesamtes Auftreten schrie geradezu nach Geheimdienst.
Perkins postierte sich neben der Tür, während der Geheimdienst-Mann sich zu dem Gefangenen mit dem Namen Danny an den schmalen Tisch setzte.
„Guten Morgen, Danny“, sagte er ruhig und rückte den Stuhl zurecht.
Die Stimme des Mannes klang etwas blechern aus dem kleinen Lautsprecher unter der Scheibe.
Dannys Reaktion auf diesen einfachen Satz war erstaunlich.
Er fixierte den Mann mit einem wütenden Blick und spuckte ihm ins Gesicht.
Hinter der Scheibe zuckte sie erschrocken zusammen. Eine solche Ungeheuerlichkeit hatte sie noch nicht gesehen.
„Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“ Mit einer gelassenen Handbewegung zog der Geheimdienst-Mann ein weißes Taschentuch aus der Brusttasche seines Jacketts und wischte sich den Speichel aus dem Gesicht.
Danny starrte den Mann wutentbrannt an. Sie konnte sehen wie sich seine Schultern bewegten als er wieder an den Handschellen nestelte.
„Ja, schweigen“, murmelte der Geheimdienst-Mann. „Schweigen tut ihr alle, nicht wahr?“ Ein kaltes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. „Ihr haltet alle zusammen. Wie eine große Familie. Aber du, Danny, solltest dir überlegen, was jetzt wirklich gut für dich ist.“
Der junge Mann schloss die Augen und schüttelte leicht den Kopf.
„Erzähl mir von Rose“, sagte der Geheimdienstler sanft.
Da war es. Das Stichwort. Bald würde Phase drei beginnen.
Als der Name seiner Freundin fiel riss Danny die Augen wieder auf und fixierte seinen Gegenüber mit einem schockierten Blick.
„Ja, Rose. Ein wirklich hübsches Ding. Du hast Geschmack. Also“, er klatschte kurz in die Hände und beugte sich leicht nach vorne. „Ich weiß, dass euere Diebesbande aus mehreren Leuten besteht. Sag mir, wo sie sich verstecken!“
Sie konnte sehen wie sich Dannys Atmung beschleunigte. Vielleicht sollte sie einen kurzen Blick riskieren. Niemand würde es merken.
„Wie viele gehören dazu, Danny?“
Vorsichtig wandte sie sich um und warf einen kurzen Blick auf Chess, der seelenruhig die Befragung verfolgte. Niemand würde es merken.
Entschlossen fixierte sie Danny und atmete tief durch.
Sofort brach eine Woge aus Empfindungen über sie herein. Panische Angst, Verzweiflung, Wut und Hass. Gefühle von einer solchen Intensität, dass sie drohten ihr Selbst zu übermannen. Wie konnte ein Mensch im Stande sein, so viel auf einmal zu fühlen, ohne verrückt zu werden? Einen kurzen Augenblick war sie sich nicht mehr sicher, welche Empfindungen eigentlich zu ihr gehörten. War es Danny, der allmählich in Panik geriet, oder sie selbst?
Keuchend schnappte sie nach Luft. Es war ihr gar nicht klar gewesen, dass sie den Atem angehalten hatte. Ihr Herz raste als wolle es aus ihrer Brust springen, während sie sich an den Tischkanten festhalten musste, um nicht seitlich vom Stuhl zu kippen.
„Ist alles in Ordnung?“ Das war die Stimme des Doktors.
Sofort richtete sie sich wieder auf und zwang sich ruhig zu atmen.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie fuhr herum, kämpfte die Angst, die nicht ihre war nieder und blickte zu dem Doktor hoch.
„Bist du in Ordnung?“ fragte er wieder.
Sie nickte.
Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:31
„Natürlich, Sir“, sagte sie ruhig, obwohl ihr ganz und gar nicht danach war.
Er warf ihr noch einen prüfenden Blick zu, nickte dann aber und begab sich zu seinem Stuhl zurück.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Verhörzimmer zu.
Captain Perkins stand immer noch neben der Tür als sei er dort festgewachsen. Der Geheimdienst-Mann lächelte seinen Gefangenen noch immer kalt an, während Danny begonnen hatte auf seinem Stuhl vor und zurück zu schaukeln.
Irgendwie begann die Szene immer surrealer zu wirken. Die Männer mussten doch bemerkt haben, dass sich der Junge zu Tode ängstigte.
Da war es wieder.
Dieses seltsame Gefühl, dass tief in ihr lauerte.
Konnte sie es riskieren? Vorsichtig lauschte sie in sich hinein. Angst war es nicht. Eher eine Art Schmerz. Ein Stich, der sich in ihre Brust senkte und ihre Kehle zusammenschnürte. Es musste etwas mit Danny zu tun haben. War er am Ende vielleicht ebenfalls ein Synthic? Ein Synthic, der sie bemerkt hatte und sie nun mit diesen Emotionen überhäufte?
Sie warf einen Blick auf den jungen Mann und verwarf diesen Gedanken sofort wieder.
Nein, wenn er ein Synthic gewesen wäre, hätte man es ihr gesagt.
Es war etwas anderes.
Sie beobachtete Danny. Tränen rannen seine Wangen hinab und seine Unterlippe zitterte.
Seine Angst war so echt. So real, dass sie sie schon fast greifen konnte.
War es das?
„Hör mir zu, Danny“, riss sie die Stimme des Geheimdienstlers aus ihren Gedanken. „Ich habe nicht wirklich das Verlangen, dir oder deiner Rose weh zu tun.“
„Sie lügen!“ Es war das erste Mal, dass sie Dannys Stimme hörte. Sie klang warm und weich, obwohl er ein Zittern in ihr nicht verbergen konnte.
„Ich lüge nicht“, widersprach der Geheimdienst-Mann sanft. „Sie hat blonde Haare, nicht wahr? Etwa Hüftlang.“
Danny schloss die Augen und schüttelte den Kopf, als wolle er das Gehörte einfach ausblenden.
Sie konnte sehen, wie Captain Perkins langsam eine Hand zu seinem Hals führte.
„Bereitmachen für Phase drei.“ Seine Stimme klang leise und beherrscht. Der Captain trug wahrscheinlich ein Kehlkopfmikrophon.
Nun kam Leben in die beiden Soldaten, die hinter ihr an der Wand gestanden hatten.
Sie ließ zu, dass man ihr Handschellen anlegte, während sie sich erneut auf Danny und das geistige Bild seiner Freundin konzentrierte.
Doktor Chess hatte sich ebenfalls erhoben und sich auf einen anderen Stuhl ganz rechts an der Wand gesetzt. Dort würde Danny ihn nicht sehen können.
„Es ist wirklich schade“, fuhr der Geheimdienstler fort, „dass auch sie sich weigert, mit uns zu reden.“
„Das ist unmöglich“, schluchzte Danny leise. „Ein Trick.“
„Sag mir, wo sich deine Freunde verstecken!“
Verzweifelt warf Danny den Kopf hin und her.
Obwohl sie sich auf den jungen Mann konzentrierte, um für ihn das zu werden, was er am meisten liebte, konnte sie nicht verhindern, dass sie erneut von dieser unfassbaren Traurigkeit ergriffen wurde.
Das war im Training noch nie geschehen.
Sie wusste, dass sie Danny sehr wehtun würde, wenn sie sich an Phase drei hielt.
Konnte sie das?
Woher kamen diese Gefühle?
„Bereit für Phase drei?“ fragte Chess von seinem halb verborgenen Platz an der Wand.
Bereit?
Sie war keineswegs bereit.
Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:31
Panik stieg in hier hoch. Verzweifelt bemühte sie sich, den Kopf frei zu bekommen. Sie musste sich konzentrieren.
„2017, bist du bereit für Phase drei?“ fragte der Doktor wieder.
„Einen Moment noch, Sir“, presste sie zwischen den Zähnen hervor.
Doktor Chess hob für einen kurzen Moment eine Augenbraue und notierte etwas auf seinem Zettel.
Nebensache.
Sie musste sich konzentrieren.
Wieder fixierte sie Danny, atmete tief ein und verdrängte dieses widerliche Gefühl aus ihrem Denken.
Endlich fühlte sie, wie sich etwas veränderte. Chess und die beiden Soldaten würden es zwar nicht sehen, aber Danny würde es und darauf kam es an. Warum wertvolle Kraft aufbringen und die Illusion auch für andere Personen sichtbar machen.
Nun war sie bereit.
„Bereit, Sir“, meldete sie leise.
Sofort griffen die beiden Soldaten nach ihren Schultern und hielten sie fest.
„Wir sind hier soweit, Captain“, sagte Chess.
Perkins nickte leicht.
Auch der Geheimdienst-Mann musste die Bestätigung erhalten haben. Er drehte sich kurz zu der Scheibe, die für ihn im Augenblick nur ein Spiegel war, um und nickte ebenfalls.
„Weißt du, Danny, du kannst euch beiden viel Schmerz ersparen. Nenn mir das Versteck deiner Freunde.“
Danny riss verzweifelt an den Handschellen und verzog vor Schmerz das Gesicht. Immer wieder warf er panische Blicke zur Scheibe, als wüsste er bereits, was ihn dort erwarten würde.
„Sie lügen!“ Er schrie schon fast.
Der Geheimdienstler schüttelte belustigt den Kopf.
„Mein lieber Junge, du solltest inzwischen doch bemerkt haben, dass ich es nicht nötig habe zu lügen.“ Er wandte sich an Perkins. „Zeigen wir ihm unseren Fang.“
Perkins nickte und hob erneut die Hand zum Hals.
„Phase drei beginnt.“
Jetzt kam es auf sie an.
Sie wischte ein letztes Mal alle Ängste, Bedenken und Zweifel beiseite und verstärkte die unsichtbare Verbindung zu Danny.
Chess betätigte einen kleinen Schalter an der Wand und praktisch sofort wurde die Scheibe, die die Räume von einander trennte, deutlich heller.
Im Nebenraum würde nun aus dem Spiegel eine normale Scheibe aus Sicherheitsglas werden.
Sekunden nachdem der Doktor den Schalter betätigt hatte, blieb Dannys Blick an ihr hängen.
Sie konnte sich gut ausmalen, was er sah. Ein junges Mädchen, etwa sechzehn oder siebzehn Jahre alt, mit einem zierlichem Körperbau und langen, blonden Locken.
Einen scheinbar ewiglangen Augenblick starrte Danny sie an. Sie sah wie sich seine Augen vor Entsetzen weiteten und Schmerz in ihnen aufflackerte.
„Rose!“
Danny war so schnell auf den Beinen, dass sein Stuhl scheppernd zu Boden fiel.
Auch sie begann sich im Griff der Soldaten zu winden, die sich anstrengen mussten sie ruhig zu halten. Ihre Schultern schmerzten bereits.
„Danny!“
Mit zwei Schritten stand er neben dem Fenster.
„Oh, Rose es tut mir so Leid. So unendlich Leid“, schluchzte er.
Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:32
Sein Gesicht war nun ganz dicht an der Scheibe. Tränen rannen seine Wangen hinab. Verzweifelt warf er sich mit der Schulter gegen die Scheibe.
In seinen Augen schimmerte so unendlich viel Qual, dass sie glaubte, sie würde an dem Kloß in ihrem Hals ersticken.
„Ich liebe dich Rose“, flüsterte erstickt.
Etwas irgendwo in ihr brach. Das Gefühl wallte so unendlich stark in ihr auf und spülte Selbstbeherrschung und Disziplin davon wie Treibgut in einem reißenden Fluss.
Tränen begannen ihre Wangen hinabzuströmen und sie konnte fühlen wie ihre Illusion in sich zusammen fiel.
„Rose?“ flüsterte Danny hinter der Scheibe und starrte schockiert auf das Mädchen, dass er eben noch für seine Freundin gehallten hatte. Zorn schien Schmerz und Angst zu ersetzten.
Mit bebenden Schultern drehte sich Danny um.
„Ihr beschissenen Schweine!“ schrie er und stürmte auf den Geheimdienst-Mann zu.
Entsetzt sah sie mit an wie der Mann Danny hart ins Gesicht schlug, so dass der Junge benommen zu Boden fiel.
„Nein, tun Sie ihm nicht weh!“ schrie sie.
Die Soldaten, die sie festhielten, lockerten ihre Griffe und gaben sie frei. Sie mussten bemerkt haben, dass Phase drei gescheitert war.
Der Geheimdienstler trat den am Boden liegenden Jungen in die Seite. Danny stöhnte leise.
Das war mehr als sie ertragen konnte.
Ehe sie wusste, was sie tat, war sie aufgesprungen.
„Nein, Sir bitte!“ schrie sie nun ebenso verzweifelt, wie Danny es noch vor Sekunden gewesen war. „Danny, es tut mir Leid!“
Doktor Chess war ebenfalls auf gesprungen, packte sie an den Schultern und drehte sie zu sich herum.
„Ist dir eigentlich klar, was du da tust 2017.“ Seine Stimme zitterte fast so stark wie ihre.
„Sie dürfen ihm nicht mehr wehtun“, schluchzte sie.
„Beruhige dich, verdammt noch mal.“ Chess schüttelte sie heftig.
„Sie dürfen ihm nicht wehtun.“
Der Doktor wandte sich an die beiden Soldaten.
„Bringen Sie sie in ihr Quartier. Ich komme später nach“, wies er die beiden an. „Und nehmen Sie ihr die Handschellen ab.“
„Ja, Sir.“
Sie nahm kaum war, wie sie aus dem Raum gebracht wurde.
Das schreckliche Bild von Dannys Augen hatte sich tief in ihre Seele gebrannt und irgendwie ahnte sie, dass der verängstigte Ausdruck in ihnen, sie noch lange verfolgen würde.
Re: Synthics II
Padraigin - 12.07.2007, 22:32
Stunden nach dem Zwischenfall mit der jungen Synthic saß Doktor Chess auf dem unbequemen Plastikstuhl vor dem Ausschuss für auffällig gewordene Synthics.
Die zehn Männer und Frauen der Kommission, die über das weitere Verfahren mit
2017-12-12 entscheiden sollten, saßen etwas erhoben und blickten aufmerksam auf ihn hinunter. Ihre Stühle waren natürlich weit aus bequemer als seiner.
Chess ordnete seine Unterlagen und räusperte sich.
Professor Walter Cavanaugh, der Vorsitzende der Kommission, ergriff als erster das Wort.
„Nun Doktor Chess, Sie wollen uns also sagen, dass sie für das Verhalten von 2017-12-12 keinerlei Erklärungen haben?“
Chess nickte.
„Ja, Sir.“
„Und eine Vermutung? Haben Sie wenigstens die?“ Der Professor hob missbilligend eine Augenbraue.
„Ja, Sir. Die habe ich. Es schien so als wenn 2017-12-12 ein erstaunliches Mitleid für Danny Harding an den Tag legte. Doch als ich später mit ihr über diesen Vorfall sprach, konnte sie mir selbst keine Erklärung für ihr Verhalten geben.“
„War sie früher schon einmal auffällig?“
Chess schüttelte entschlossen den Kopf.
„Nein, Sir. Wenn Sie mich erklären lassen.“ Er erhob sich und wartete das Nicken des Professors ab. „2017-12-12 wurde als Unterstützung für Verhöre konzipiert. All ihre Fähigkeiten sind darauf ausgelegt und sie meisterte alle Tests mit Bravour. Dieser Vorfall heute ist einzigartig. Man hatte ihr niemals beigebracht etwas wie Mitleid zu empfinden. Sie…“
„Spezifizieren Sie die Fähigkeiten von 2017-12-12“, unterbrach ihn Cavanaugh.
„Nun.“ Chess warf einen kurzen Blick in seine Unterlagen. „Ihre Fähigkeiten beziehen sich auf die Überprüfung der Gefühle ihrer Zielperson. Sie ist in der Lage Erinnerungen einer Person, die eine starke Emotion hervorgerufen haben, zu lesen und sie kann geistige Illusionen erzeugen, die von einer oder mehreren Personen gesehen werden können, wobei dies nur auf ihr eigenes Äußeres zutrifft.“
Cavanaugh nickte leicht.
„Ist sie einzigartig?“
Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihm auf, doch er schüttelte den Kopf.
„Nein, Sir. Insgesamt verfügt das New Yorker Genforschungslabor im Augenblick über fünf Synthics mit diesen Fähigkeiten.“
„Dann wäre 2017-12-12 also ersetzbar?“
Chess nickte widerstrebend.
„Ja, Sir. Sie wäre…kein großer Verlust.“
„Gut, Sie können sich setzten, Doktor. Die Kommission wird sich nun beraten.“
„Sir, ich möchte noch anmerken, dass ein solches Verhalten meiner Meinung nach zu korrigieren ist.“
„Sir haben uns ihre Meinung bereits ausreichend dargelegt. Danke, Doktor Chess“, sagte Cavanaugh kalt.
Chess ließ sich wieder auf diesem verdammten Suhl nieder und überlegte, während er mit nicht einmal einem halben Ohr der Beratung lauschte.
Die Chance, dass 2017-12-12 auch weiterhin in seiner Obhut bleiben würde, war denkbar gering. Viel wahrscheinlich war, dass sie bei der nächsten Auktion von irgendeinem reichen Großindustriellen gekauft wurde und von ihm eine neue Aufgabe als Betthase erhalten würde. Es schmerzte Chess weitaus mehr als er sich das eingestehen wollte. Irgendwie sah er in der Synthic fast schon so etwas wie seine Tochter.
Cavanaughs Räuspern riss ihn zurück in die Wirklichkeit.
„Die Kommission verfügt hiermit, dass die Synthic 2017-12-12 außer Dienst gestellt wird. Sie, Doktor Chess, werden für den 6. November eine Militäreskorte bestellen, die 2017-12-12 zur Auktion geleiten wird.“
Chess nickte mechanisch und erhob sich.
6. November. Viel Zeit blieb ihm nicht gerade sich von 2017-12-12 zu verabschieden.
Re: Synthics II
Maliz - 13.07.2007, 01:37
Ich find's großartig, mehr kann ich dazu auch garnicht sagen. Ich mag den Synthics-Hintergrund sehr und das, was Du bisher dazu geschrieben hast auch.
liebe Grüße :)
Re: Synthics II
Anonymous - 18.07.2007, 17:19
Absolute Spitze! Die Geschichte ist sehr packend geschrieben, und ich muss ehrlich sagen, dass mich das Setting äußerst fasziniert. Mehr davon! *G*
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