Bruno Wanderer
Was betrübt, was beglückt in Worten ausgedrückt


 

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Petrei (Autoren)



 
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brunowanderer
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BeitragVerfasst am: 02.11.2015, 19:06    Titel: Petrei (Autoren) Antworten mit Zitat

KUNST/INHALT BERNHARD KUNST

ZITATE-Online
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A°M°O°N
Amon-Menschhorn—> http://www.michaelamon.com/homepage.htm http://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Amon
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20151102


Heimgarten und Heimgärtners Tagebuch

Peter Rosegger gab über viele Jahre hinweg die damals sehr beliebte Monatszeitschrift "Heimgarten" heraus.
Zum Titel sagt der Herausgeber in der ersten Nummer (Oktober 1876):

"Heimgarten nennt man in verschiedenen Alpengegenden jenes Haus im Dorfe, wo man des Abends zu kleinen, handlichen Geselligkeiten zusammen kommt, wo die geistig regsamsten, erfahrensten, am Erzählen und Schildern Behagen findenden Dorfbewohner, wo Leute, welche welt- und lebensklug sind oder werden mögen, zu kurzweiliger, anregender, belehrender Unterhaltung sich einfinden ..."

Im "Heimgarten" führte Peter Rosegger ein "öffentliches Tagebuch" unter dem Titel "Heimgärtners Tagebuch"

Als Peter Rosegger 1910 die Redaktion des "Heimgarten" an seinen Sohn Hans Ludwig übergab führte er "Heimgärtners Tagebuch" jedoch selbst weiter.
Von 1983 bis 1993 setzte Ehrenpräsident Dr. Bertl Petrei die Tradition des "Tagebuches" im kleinen Rahmen fort und gab in Anlehnung an Roseggers "Heimgärtners Tagebuch" vierteljährlich "Des neuen Heimgärtners Tagebuch" heraus. http://www.roseggergesellschaft.at/heimgaertners_tagebuch.htm


Kindheiten...
von Bertl Petrei

Es gibt so vieles, was man zu dem „gestellten Thema“ sagen, schreiben könnte und möchte, und ich hoffe, dass das alles in diesem Kärntner Gedenkjahr auch gesagt und geschrieben wird, von Kompetenteren als ich es bin. Ich war von vornherein entschlossen, mich auf ein, zwei Aspekte zu beschränken, die ich für wichtig halte und zu denen mich zu äußern ich befähigt zu sein glaube. Etwa: Anfang und Ende, richtiger: damals und heute. Da mir bedeutet wurde, dieses Zeitdokument solle vor allem „an alle Schüler in unserem Bundesland verteilt“ werden, müsste ich meine Stimme wieder für die Versöhnung, für den Gedanken an die „größere Heimat Europa“ erheben – und gegen Zwist, Kampf und Krieg. Mein Lieblingsdichter, der mit Kärnten so eng verbundene große Steirer Peter Rosegger, liefert mir auch dazu das passende Zitat:

„Nebst der Liebe für das Heimatland hat im Menschen zum Glücke auch noch eine Liebe für die ganze Welt Platz. Anstatt die Kinder für die Kriegshelden der Geschichte zu begeistern, ist es besser, ihnen vor dem Kriegshandwerk den zornigsten Abscheu einzuflößen. Die Idee, aus was immer für einem Grunde unschuldige Menschen töten zu dürfen, muss im Menschengeschlechte allmählich ausgerottet werden.“

Aber als er 1892 in seiner berühmten Rede vor der „Versammlung der Friedensfreunde“ in Wien für die Abrüstung eintrat, entgegnete er auch auf die Vorwürfe, er und die Friedensfreunde wollten „das Vaterland wehrlos machen“:

„Wir danken schön für dieses Glaubenmachenwollen, als möchten wir nur unser Vaterland allein bewegen, abzurüsten. Da wären wir ja Hochverräter vom Hut bis zum Stiefel. Keiner ist unter uns, der zur Zeit der Not sein Vaterland wehrlos lassen möchte. Aber dahinbringen wollen wir es dies- und jenseits der Grenzen, dass die Waffen einmal niedergelegt werden dürfen.“

(Beide Zitate nach: Peter Rosegger, „Wahrheiten und Weisheiten“, Ein Zitatenschatz für die Gegenwart, München 1990)

Womit wir beim Anfang, beim „damals“ wären: beim Kärntner Abwehrkampf von 1918-19, der trotz allen Versuchen, seine Bedeutung herunterzuspielen, eine der wesentlichen Voraussetzungen für die Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 war. Ich habe die Zeit dieser Freiheitskämpfe in den letzten Monaten sozusagen authentisch nacherlebt: in vielen langen Gesprächen mit noch unter uns weilenden Abwehrkämpfern. Vor allem musste ich mein Bild von ihnen – und die ziemlich allgemeine Vorstellung von ihnen – gründlich berichtigen. Das sind keine mordlustigen Raufbolde, auch keine Kriegshelden im herkömmlichen Sinne, die den Kampf um des Kampfes willen lieben. Die einen waren damals kriegsmüde von einem Völkermorden heimgekehrt, aus einem Krieg, der sich überdies mit der Zerstörung der Monarchie, für deren Bestand sie gekämpft hatten, als sinnlos erwiesen hatte. Nur der Aufschrei „Heimat in Not!“ konnte sie noch einmal bewegen, zu den Waffen zu greifen. Dieser Kampf war zudem, wie sich zuletzt erwies, sinnvoll: Die Freiheit und Einheit der Heimat blieb erhalten. Das waren die einen. Zum anderen aber war es, und vor allem, ein Kampf der Jugend. Das wird nur verdeckt durch die Tatsache, dass wir heute Greise zwischen neunzig und hundert vor uns sehen. Aber 1918 waren die Maturaklassen unter den ersten, die dem schon bis in die Herzlandschaft Kärntens vorgedrungenen Usurpator entgegentraten. Im lange besetzten Völkermarkt, aus dem die meisten Erwachsenen in den Kampf geeilt oder geflüchtet waren, spielten gar die Kinder eine entscheidende Rolle.

Darum möchte ich am liebsten etwas aus zwei Kindheiten erzählen: von meiner eigenen in den späten Zwanziger- oder früheren Dreißigerjahren in Bleiburg und von jener der Loisi Petschnig in Völkermarkt von 1880 –1920:

1919 bin ich in Bleiburg zur Welt gekommen, dort bin ich bei meinen Großeltern im gräflich „Thurn´schen Sägewerk herangewachsen. In einer Lebenswelt, in einer Kultur, wenn man so will, die vor über tausend Jahren aus der Verschmelzung zweier Volksstämme entstanden ist. Es ist keine slawische, keine germanische, keine slowenische und keine bajuwarische, sondern eine Mischkultur von unverwechselbarer Eigenart, auch wenn das manche Nationalisten hüben und drüben nicht gerne hören. Sie sind ja bemüht um Bewahrung des „Ursprünglichen“, um Rückzüchtung sozusagen auf das Reinrassige. Das ist ein hehres Unterfangen, und mit Recht schauen solche Leute geringschätzig auf unsereinen herunter, der sich nicht geniert, ein Völkergemisch im Singular zu sein, der womöglich noch stolz darauf ist.

Schuld daran sind vor allem die Großeltern. Der Großvater, durch Schule und Gesellenwanderzeit gebildet, weitgereist und welterfahren, galt in dem kleinen Städtchen als gutbürgerlich und als Deutscher. Aber ich sehe und höre ihn noch immer vor mir, wie er, mit den Holzknechten windisch redend, mitten im Satz in die deutsche Sprache überwechselte, wenn jemand aus der Stadt auftauchte; ebenso selbstverständlich gebrauchte er, langjähriger Kirchenrat, der Geistlichkeit gegenüber ein ordentliches Slowenisch und konnte mit den Holzeinkäufern italienisch verhandeln. Diese vollkommene Viersprachigkeit habe ich nie erreicht, um die dazugehörige weltläufige Einstellung bemühe ich mich noch heute. Die Großmutter aus dem Mießtal hingegen, die als Mädchen aus bäuerlichem Haus wie üblich keine Schule besucht hatte, bis zur Heirat nie aus ihrem Dorf hinausgekommen war und daher nie richtig Deutsch oder Slowenisch gelernt hatte, blieb ihr Lebtag lang eine Windische. Und weil sie deshalb verspottet und angefeindet wurde, wurde sie es bewusst, immer bockiger, je drängender man sie zu „bekehren“ versuchte. Sie ging nicht mehr zur Messe, seit ein junger Kaplan aus Krain schriftslowenisch und nicht mehr wie der alte „Fajmoschtr“ (Pfarrer) windisch predigte. An jedem 10. Oktober ärgerte sie sich wieder über die feiernden Deutschen; denn: „Mi smu Abstimmungu gwinnali, mi!“ Womit sie eigentlich recht hatte. Denn weder die bewussten Deutsch-, noch die Slowenisch-Kärntner hätten ohne die Windischen die Abstimmung in der „Zone A“ für sich entscheiden können.

Da der Großvater in meiner Erziehung höchstens als Vorbild zählte, wurde ich von der „Bica“ erzogen und lernte erst in der Schule deutsch; slowenisch noch viel später.

In dem Jahr, in dem ich geboren wurde, war die Loisi Petschnig – Cihlo hieß sie damals – mit ihren zwölf Jahren Mittelpunkt einer „Kinderbande“, die der fremden Macht in ihrer Heimatstadt Völkermarkt das Leben schwer machte. Mädel und Buben kundschafteten „mit Vater-leich-ma-d-Scheer und so“ die jugoslawischen Geschützstellungen aus, um sie Spähern der Abwehrkämpfer zu melden; die wieder alarmierten wieder über die Kinder die Menschen der Stadt vor Beschießungen, damit diese sich rechtzeitig unauffällig in nicht gefährdete Stadtteile verziehen konnten; sie stahlen Schießpulver; sie praktizierten pro-österreichische Flugzettel „in die Jugo-Offiziersmeß – und sogar dem Malgaj (Kommandierender der Besatzung) auf seinen Schreibtisch...“

Das waren die Flugzettel, die sie vorher „draußn gholt“ hatten. Da kam nämlich immer einmal der Vater Urbas, ein Keuschler aus Niedertrixen, dem die Besatzer nicht misstrauten, weil er gebürtiger Krainer war, ins Haus: Warum denn „die Kinder gar nix mehr Tschurtschn (Tannen- und Fichtenzapfen) klaubn kumman? Is alls voll ihr habts nix zum Hatzn!“ Das war das Signal dafür, dass Flugblätter abzuholen waren. Die Kinder fuhren hinaus, klaubten und brachten Wagen voll Zapfen in die Stadt; am Boden der Säcke aber war Propagandamaterial. Nicht immer war alles so lustig wie es jetzt klingt. Sorge war da, zitternde Angst vor dem Erwischtwerden. „Aber wer hätt das sunst machen solln? Und a Hetz war´s ah. Mein Gott, Kinder!“, sagt die 83-Jährige.

Auch der Willibald Terkl aus Fiming bei St. Georgen am Längsee, der mit noch nicht 15 Jahren in einer Alarmkompanie an den Freiheitskämpfen teilgenommen hat, gibt unumwunden zu:

„A freilich, a bißl a Abenteuerlust hat ah mitgspielt“. Es war ihm sehr wohl bewusst, meint er, dass es um die Heimat ging: „Weil mir hama ja noch richtig Heimatkunde in der Schul ghabt. Heut red ma viel zu wenig von der Hamat in der Schul – und dass es amol schlimm sein ah kann drum.“

Und es ist heute nicht „schlimm drum“? Viel schlimmer als es damals und jemals war? Unsere gemeinsame Heimat ist von der Umweltzerstörung bedroht. Was zählen da schon Unterschiede in der Sprache oder in der Lebensart oder in der Weltanschauung? Aus dem Verstehen der Gegenwart sollte der Wille zum gemeinsamen Kampf erwachsen - zum Kampf um ein wirklich „gemeinsames Leben“. http://www.zeitdokument.at/ztdok/b_tx43.html


Bertl Petrei
DAS WINDISCHE – ein letzter Versuch
Der Titel ist mit Bedacht gewählt. Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr von »den Windischen«, von ihrem »Bekenntnisrecht« und dergleichen zu reden. Der Stolz darauf, mit dem Bekenntnis ein Windischer zu sein, stets prompt »auf beiden Seiten anzuecken«, ist mir durch Spott, Liebesentzug, Beschimpfung, ja Verfolgung gründlich ausgetrieben worden. Aber nicht deswegen spreche ich heute nicht davon, sondern weil ich nach zahllosen Bemühungen das Gefühl habe, daß »dieser Zug abgefahren ist« (wie ich lieber formulieren möchte als Ralf Unkart mit seiner »toten Katz« in dem dubiosen Interview mit »Naši razgledi«, Ljubljana 1990).
Immerhin haben sich zuletzt – obwohl dafür keine Propaganda wie für »Deutsch« oder »Slowenisch« gemacht wurde – noch über 2000 Kärntner zum Windischen bekannt; was nach internationalen Maßstäben bei weitem für eine »Sprachminderheit« reichen würde. Doch fasse ich das keineswegs als ethnisches, nicht als ein politisches Bekenntnis auf, sondern als ein rein kulturelles. Zumindest für den Ethnologen - meines Erachtens auch für den Sprachwissenschafter – muß nur die Mundart der Volkskultur zugerechnet werden; die Schriftsprache, ein Konstrukt, genau genommen der Hochkultur. Daher ist das, was Marjan Sturm 1994 bei einer Diskussion in Tainach gesagt hat, zwar ein großer Fortschritt in den Bemühungen um das Gemeinsame, auch nicht unrichtig, aber unscharf.
»Dadurch, daß wir gemeinsam hier leben, haben wir uns vermischt. Das spiegelt sich auch in der Volkskultur wider... Daher sage ich: Es gibt sie nicht. Es gibt nicht zwei total zu unterscheidende Volkskulturen in Kärnten. Es gibt nur eine Kultur in Kärnten, die in zwei Sprachen ausgedrückt wird. Und ich glaube, daß genau das die entscheidende Frage ist. ..«
Das, was ich Unschärfe genannt habe, ist in dieser Aussage durch den plötzlichen Sprung vom Teilbereich Volkskultur zum Gesamtbereich Kultur entstanden. In der Hochkultur Kärntens, insbesondere natürlich in der Literatur, gibt es zwei Hochsprachen: das Slowenische und das Deutsche. Die Volkskultur hat viele Sprachen, die Mundarten, aber nur eine gemeinsame: die windische Mundart (die der Windische übrigens in ihr selbst nicht so, sondern als »po domacem«, etwa: »wie man zu Hause spricht«, genannt hat).
Gestatten Sie, liebe Leserinnen und Leser, daß ich an dieser Stelle zwei illustrierende Geschichten einschiebe, bevor ich die Gedanken zur Sturm-Aussage weiterführe:
Ich bin, wie die »Kokolore«-Leser wissen, bei den mütterlichen Großeltern und somit durch die Einsprachigkeit meiner Großmutter - die mangels Schulbesuch weder deutsch noch slowenisch gelernt hatte - windisch aufgewachsen, das Windische ist meine Muttersprache (fast ausnahmslos ist das ja eine Mundart oder doch eine Umgangssprache). In der Bleiburger Volksschule war ein Jahr hindurch ein Bub vom Kömmel droben mein Sitznachbar. Wir hatten zwei verschiedene Hochsprachen (wobei er sich die seine damals in der Schule nicht aneignen konnte), aber eine gemeinsame Muttersprache, die Mundart - in der wir uns außerhalb des Unterrichtes unterhielten und nicht nur sprachlich bestens verstanden.
Die zweite Erinnerung: vor gut einem Jahrzehnt verbrachten meine Frau (Lavanttalerin) und ich einige Sommerwochen in einem uns von Verwandten zur Verfügung gestellten Haus zwischen Pörtschach und Velden. Den Ort und den Namen der beiden anderen handelnden Personen nenne ich aus Rücksicht darauf, daß der Mann in einem öffentlichen Betrieb arbeitet, nicht. Das Paar bewohnte das dicht benachbarte Haus; zwischen uns lag nur ihr Küchengärtlein und ein schmaler Streif Wiese. Da die beiden sich – besonders bei den nicht seltenen Auseinandersetzungen – recht lautstark unterhielten, hörten wir nolens volens mit. Wir verstanden nur einiges, aber jedenfalls, in welcher Sprache die Unterhaltung geführt wurde. Nämlich im Hause windisch, im Freien deutsch. Sobald einer die Schwelle nach draußen überschritt - sie, um etwa ein Küchenkräutl im Garten zu holen, er, wenn er zur Arbeit ging -, wechselte derjenige ins Deutsche, drin gabs nur das Windische. Nie habe ich den Unterschied zwischen dem po domacem und öffentlicher Verkehrssprache so deutlich erlebt. Mein unvergeßlicher Lehrer, der große Mundartforscher Eberhard Kranzmayer, hätte seine helle Freude an diesem Demonstrandum gehabt.
Damit zu der erwähnten Diskussion. Denn da es wie leider immer um Politik und nicht um Kultur geht, entwickelte sich um die Sturm-Aussage eine Auseinandersetzung zwischen den beiden slowenischen Verbänden. Im »Naš tednik« vom 21. Oktober 1994 unterstellte Matthäus Grilc Sturm, dieser »befürworte eine Art modernes Windischentum«, indem er behaupte, »daß die zweisprachigen Kärntner eine eigene nationale Kategorie darstellen«. Damit kommen wir, wenn wir die politische Polemik übergehen, der »entscheidenden Frage« näher. Die Volkskunde hat längst festgestellt, daß beim Zusammenleben einer ethnischen Mehr- und einer Minderheit neben Behauptung und Assimilation ein drittes passiert: Es entsteht eine neue, eine Mischkultur. Mit diesem Thema hat sich etwa schon 1978 ein Minderheiten-Symposion der übernationalen Arbeitsgruppe »Ethnographia Pannonica« im burgenländischen Bernstein ausführlich auseinandergesetzt. Gerade die Befassung mit solchen Mischkulturen, ja mit einzelnen Mischformen ist wichtig für das »vornehmste Anliegen der Volkskunde« – wie der ungarischösterreichische Ethnograph Karoly Gaal im Vorwort der Druckwiedergabe der Bernsteiner Vorträge und Diskussionen betonte - »bei der Erforschung der traditionellen Kultur das zu erkennen, was die Völker Europas miteinander verbindet, und nicht das zu suchen, was sie trennt« (Hervorhebungen von mir). Daß das weit schwieriger ist als die Erforschung des Besonderen und Besondernden, war allen Teilnehmern klar. Sie bemühten sich redlich – wie Wissenschafter immer – und wie immer ohne irgendwelche Kenntnisnahme durch die Politiker.
Peter Gstettner führt in einem Artikel »Die letzten Mohikaner« («Forum«, 1958) den »unerklärlichen Schwund« der slowenischen Volksgruppe (der tatsächlich nicht mehr mit der »natürlichen Assimilation« erklärt werden kann) darauf zurück, daß »die Slowenen unter dem herrschenden deutschnationalen Druck immer wieder isoliert und fraktioniert (Hervorhebung von mir) wurden«. Mit letzterem meint er »die assimilationswilligen, deutschfreundlichen Slowenen, für die man einen eigenen ,wissenschaftlichen' Ausdruck erfand - die Windischen«. Sie konnten »schon zuvor (bei der Volksabstimmung von 1920) abgespalten werden«. Ich will mich nicht mit der nachgewiesen unrichtigen Behauptung von den »,wissenschaftlich' erfundenen Windischen« auseinandersetzen - das ist wie gesagt nicht mein Thema. Aber ich muß zurückblenden auf die Zeit unmittelbar vor der Abstimmung: Wie man in jeder GedenkAusstellung feststellen kann, waren in der Propaganda beide Seiten heftigst um die Windischen bemüht. Schon seit meiner Gymnasialzeit ist mir etwa der Text eines jugoslawischen Plakates wortwörtlich in Erinnerung (wohl auch, weil er tatsächlich Witz hat): »Deitsch Koroška mre (muß) bleiben, / Windische pa vse (aber alle) vertreiben. l Deitsche Nobel im Verkehre, / Nix mehr Windisch, habdieehre!« Auch der Kärntner Heimatdienst wandte sich immer wieder in der windischen Mundart an die Unterkärntner. Nachher war alles anders. Die Windischen wurden, so Valentin Einspieler 1957, »von den nationalbewußten Slowenen in abfälliger Weise nemcurji, d. h. Deutschtümler, genannt.« Hinzuzufügen: oder »Verräter«. Diese Ächtung, diese Verstoßung (merkwürdigerweise ja auch derjenigen, die für Jugoslawien gestimmt hatten!) trug entscheidend zu dem »unnatürlichen Schwund« der slowenischen Volksgruppe bei. Obwohl sie ihr Gegenstück auf der anderen Seite hatte; Einspieler fügt hinzu: »Den Deutschen Kärntens scheint die Scheidung in Slowenen und Windische von belangloser Natur.« Letztere wurden von deutschnationaler Seite einfach als »windisch sprechende Deutsche« vereinnahmt. Wieder eine Erinnerung: Meine »Bica« (Großmutter) erklärte oftmals, sie habe »für Österreich gestimmt«. Aber am 10. Oktober sperrte sie stets die Türen zu und ging nicht aus dem Haus. Als ich sie, größer und neugieriger geworden, nach dem Grund fragte, sagte sie zornig: »Tisti (die da) feierji, pa mi smu (aber wir haben) Abstimmungu gwinali«!
In der Tat haben die Windischen (Gstettner: »diese Gruppe machte 2/3 der slowenischen Bevölkerung aus«) den Ausgang der Volksabstimmung entschieden, indem sie mehrheitlich für den Verbleib bei Österreich stimmten. Aber das war schon damals keine politische Entscheidung, auch kaum eine wirtschaftliche (dazu war die Wirtschaftslage der jungen Republik Osterreich zu miserabel), sondern eine kulturelle. Es war ein Bekenntnis, behaupte ich, zur Bikulturalität, ja zu gesunder Multikulturalität - auch wenn diese Menschen unsere neumodischen Begriffe noch gar nicht gekannt haben.
Damit komme ich – ermutigt durch Äußerungen von Besinnung, Vernunft, Sachlichkeit und Gemeinsamkeit in letzter Zeit – zu meinem Anliegen: das Thema Windisch zu entpolitisieren, es gewissermaßen zu historisieren, als historische Gemeinsamkeit zu legalisieren. Und damit zu einem, aber zu einem ganz wichtigen Schritt zu einer, wenn diese Steigerung erlaubt ist, »gemeinsameren« Zukunft. Von vielen volkskulturellen Erscheinungen, vor allem vom Brauchgut (vom Eisenkuppler Kirchleintragen etwa oder vom Gailtaler Kufenstechen) wissen wir heute – dank der »Europäischen Ethnologie«, zu der sich die Volkskunde entwickelt hat –, daß sie nicht nur beiden Volksgruppen in Kärnten gehören, sondern gemeinsames europäisches Kulturerbe sind. Aber diese gemeinsame Sprache, die Mundart po doma/cem, das ist eine einzigartige Kulturleistung unserer windischen und bajuwarischen Vor fahren, wie Kranzmayer immer wieder hervorgehoben hat. Für abertausende Kärntner, nicht nur solche mit slowenischer, sondern auch solche mit deutscher Schriftsprache, bleibt das Windische ihre Muttersprache – auch für mich.
Unzählige Leser haben mir auf meinen »Kokolore« und meine Artikel in Zeitschriften und Zeitungen hin geschrieben, viele haben mir ihre liebevollen Sammlungen von besonderen und vom Vergessen bedrohten windischen Wörtern und Wendungen geschickt. Eben jetzt wieder die Rosentaler Mundartdichterin Mathilde Ressmann. Wieder habe ich da viele mir unbekannte oder entschwundene Ausdrücke von kultur- geschichtlichem Wert gefunden – nicht nur deutsche und slowenische Lehnwörter, auch Windisches, das nur noch in Deutschkärntner Mundarten lebendig ist, und altslawisches und germanisches Sprachgut, das wir weder in der slowenischen, noch in der deutschen Hochsprache finden. Aus all den Briefen, den Kommentaren zu den Sammlungen, den Gesprächen darüber spricht die innige Liebe, die Hochschätzung für diese (ich muß es nochmals sagen, weil dieses oft mißbrauchte Wort ganz zutreffend ist) einzigartige Sprache. Besonders für jene Kärntner, die wie ich außerhalb Kärntens leben müssen, ist sie wesentlicher Bestandteil ihres Heimatbildes – ihres Heimwehs.
Deshalb spreche ich nicht wie Ingomar Pust in der »Kärntner Landsmannschaft« 11/1985 von einem »Denkmal für die Windischen«, sondern in einem letzten Versuch vor einem für das Windische. Kein Zeitpunkt wäre, abgesehen davon, daß er wohl der letzte ist, dafür geeigneter als diese Epoche, in der wir in Europa auch in der Erforschung und Darstellung der Volkskultur nach dem Gemeinsamen statt nach dem Trennenden suchen, nach der »Heimat Europa«. Sollten wir da nicht in unserer gemeinsamen Heimat Kärnten eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten gemeinsam annehmen, gemeinsam stolz sein auf die große Kulturleistung unserer Vorfahren: das Windische – po doma/cem?!
Aus. Die Kärntner Landsmannschaft; 1995 http://www.windische.at/AKADEMIE_FI/GESCHICHTE/AK_GE_Petrei.htm


Jörg Haider

Jörg Haider, 39, österreichischer Landeshauptmann von Kärnten, läßt seine Gesinnungsfreunde nicht im Stich. Nach Protesten aus der Bevölkerung hatte die Wiener Kulturstadträtin Ursula Pasterk darauf verzichtet, den nationalen Heimatdichter Bertl Petrei mit dem "Goldenen Verdienstzeichen der Stadt Wien" zu ehren. Petrei war als Mitautor des "Kärntner Grenzland-Jahrbuchs 1989" mit einer Lobeshymne auf den Anschluß Österreichs ins Gerede gekommen. Textauszug: "Wo gestern Hunger und Arbeitslosigkeit war, war heute Arbeit und Brot, wo gestern Hoffnungslosigkeit, dumpfe Ergebung war, war heute Hoffnung und Wille . . . Wieso alles so anders geworden war, woher es kam, darauf gab es nur eine Antwort: Adolf Hitler, der Führer!" Vergangene Woche versprach Haider, den Alt-Nazi für die entgangene Ehrung zu entschädigen: "Jetzt wird der Petrei bei uns ausgezeichnet" - mit dem "Kärntner Landesorden". Offen ist nur noch, ob in "Gold" oder "Silber".

DER SPIEGEL 51/1989 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13498517.html

http://www.artnet.com/artists/switbert-lobisser/k%C3%A4rntner-volksabstimmung-10-oktober-1920-QcY3ellQf497I7MxzMbkJA2
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BeitragVerfasst am: 02.11.2015, 19:06    Titel: Anzeige

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