~ Asalun ~

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Daydream Master of Words

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 24.02.2009 Beiträge: 1446
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Verfasst am: 27.05.2012, 19:18 Titel: |
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Wie Sharon erwartet hatte, sprang Saeth auf ihre Lüge an und schien sogleich voller verständnisvollem Mitgefühl zu sein. Wenn sie so darüber nachdachte, wusste sie auch nicht so viel über seinen Hintergrund – möglicherweise konnte er sich tatsächlich gut in ihre Geschichte hineinversetzen. Oder er war einer dieser Leute, die gut darin waren, sich die Probleme anderer Leute anzuhören und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie sich besser fühlten.
Aber wie auch immer – Saeth hatte eine Frage gestellt. Der paranoide Teil ihres Bewusstseins bemerkte außerdem, dass er nach etwas unter seinem Mantel tastete, an einer Stelle, wo sie bei einer anderen Person als einem Bibliothekaren ein Schwert vermutet hätte. Sehr merkwürdg.
„Ja, ich vermisse sie sehr. Die ersten Tage ist es mir noch gar nicht aufgefallen, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, mich überall zurechtzufinden, aber inzwischen schon“, sagte Sharon, diesmal, zu ihrer eigenen Überraschung, sogar wahrheitsgemäß. Natürlich sprach sie nicht von der Familie, von der Saeth dachte, dass sie sprach, sondern vom Bund der Adler, den Menschen, die zwar nicht ihre Blutsverwandten waren, aber doch ihre Familie in all dem, was zählte. So, wie auch ihr Ziehvater ebenso gut ihr wirklicher Vater hätte sein können.
Sharon schüttelte diese Gedanken ab – sie wollte nicht in die bittere Stimmung verfallen, die sie stets überkam, wenn sie über den frühzeitigen Tod ihres Vaters nachdachte – und folgte Saeth weiter den sich nun durch den Wald schlängelnden Pfad entlang. Je weiter sie gingen, desto mehr entspannte sie sich, fühlte sie sich doch im Wald sehr Zuhause. Wenn Saeth dies auffiel, schrieb er dies jedoch vermutlich eher ihrem Gespräch zu, das erst weiterhin von ‚Dinahs‘ imaginärer Familie handelte und bald darauf in andere Gefilde (größtenteils den typischen Schloss-Klatsch) abdriftete.
Nach einer Weile, die Sonne war inzwischen fast komplett untergegangen, lichteten die Bäume sich wieder und Merion breitete sich vor ihnen aus. Die kleine Stadt hatte sich auf zwei Seiten eines Flusses angesiedelt und ging zu den drei Seiten, die nicht von Wald besetzt waren, in einige Bauernhöfe über, von deren Feldern gerade viele mit schwerem Gerät beladene Männer zurückkehrten, während aus den Schornsteinen schon der Rauch der Kochfeuer einladend emporstieg. Es war ein sehr idyllisches Bild, schließlich besaß Merion nicht einmal eine Stadtmauer. Sie gehörte zwar zum Herrschaftsgebiet der Alieras, dem Herzen Naryas, war aber doch so abgelegen, dass man beim besten Willen nicht mit Angreifern rechnen musste – davon einmal abgesehen, dass es in Narya so lange keinen Krieg mehr gegeben hatte, dass niemand sich mehr an den letzten erinnern konnte. Die Menschen fühlten sich sicher unter dem Schutz des Adels.
Sharon unterdrückte ein Geräusch, das ihren Missmut ausdrücken würde, und warf einen fragenden Blick in Richtung ihres Begleiters. |
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Verfasst am: 27.05.2012, 19:18 Titel: Anzeige |
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Nightmare Master of Art

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 24.02.2009 Beiträge: 1497
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Verfasst am: 25.07.2012, 04:06 Titel: |
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Nach einiger Zeit, es war schon fast komplett dunkel geworden, erreichten sie schließlich Merion. Es war eine sehr offene, freundliche Stadt, deren Grenzen nur schwer auszumachen waren. Zuerst kam man nur an einigen Bauernhöfen vorbei, doch nach und nach war das Land immer dichter besiedelt, und ehe man es sich versah, war man plötzlich im Herzen der kleinen Stadt.
So erging es auch Saeth ein ums andere mal, wenn er Merion einen Besuch abstattete. Er führte Dinah durch die breiten Straßen vorbei an den hell erleuchteten, steinernen Häusern der Bewohner. Aus einigen hörte man Stimmen, Gelächter, aus einigen auch laut erhobene Stimmen, Eltern, die ihre Kinder zurechtwiesen, und aus wieder anderen drang lediglich das Geräusch klappernden Geschirrs.
Auf den Straßen begegneten sie nicht mehr vielen Menschen, die meisten hatten sich bereichts in ihre Häuser zurück gezogen. Nur noch vereinzelt sah Saeth hier und da einen einsamen Kneipengänger oder einen Mann, der noch zu später Stunde Heim kehrte.
Er war oft noch um diese Uhrzeit unterwegs, und doch fand er es immer noch seltsam, durch die Straßen zu gehen und dabei das ganze Leben aus den Häusern um ihn herum wahrzunehmen. Selbst war er aber nur ein Beobachter, der gerade einmal Bruchstücke aus den Geschichten dieser Menschen mitbekam. Es war, als bekäme man eine Auswahl an verschiedensten Erzählungen dargeboten, und falls eine interessant erscheinen sollte, so konnte man stehen bleiben und ihr etwas länger lauschen. Doch man blieb dabei ein Außenstehender, der nicht in der Lage war, ein Teil der Geschichte zu werden.
Deshalb fühlte er sich immer ein wenig einsam, wenn er durch die Straßen dieser Stadt ging.
Heute jedoch war Dinah bei ihm, und das änderte die ganze Situation. Heute war er seine eigene kleine Geschichte.
"Grine wohnt in dieser kleinen Seitengasse hier", erklärte er ihr, während er in eben diese einbog. Sie war deutlich kleiner als die Hauptstraße, auf der sie sich eben noch bewegt hatten. Links und rechts von ihnen waren große, mehrstöckige Häuser aneinander gereiht, sodass nur einige Leuchtkugeln die dunkle Straße erhellten. Vor der Tür zu Grines Wohnung, die am hinteren, linken Ende der Gasse lag, blieb Saeth stehen und drehte sich zu seiner Begleiterin um.
"So, wir sind da. Hier wohnt Trebby Grine", begann er leise zu sprechen. "Ich möchte dich jedoch warnen, bevor wir reingehen. Grine ist ein etwas ... sonderbarer Mann. Er hasst laute Geräusche - paradoxerweise tendiert er aber dazu, gern selbst einmal laut zu werden, wenn er sich aufregt. Was er recht häufig tut. Außerdem hat er eine Abneigung gegen helles Licht, weshalb es in seiner ganzen Wohnung, die dir vielleicht auch ein wenig seltsam erscheinen mag, ein wenig schummrig ist. Weiterhin ist er ein wenig verschroben, ab und an redet er wirres Zeug und kann dabei recht aufdringlich werden ... Besonders Frauen gegenüber, habe ich mir sagen lassen. Lass dich also nicht von ihm einschüchtern, ja? Und erschrick nicht, wenn du ihn siehst. Er ist ein wenig entstellt. Aber er ist ein ganz hervorragender Buchbinder, der beste, den ich kenne. Und wenn man mit seiner Art zurecht kommt, ist er ein ganz netter Kerl. Also -", er legte Dinah aufmunternd eine Hand auf die Schulter, "mach dir am besten selbst ein Bild von ihm."
Mit diesen Worten kloptfte Saeth an die hölzerne Tür. Es dauerte eine Weile, dann vernahm er Geräusche aus der Wohnung, und schließlich ging die Tür einen Spalt auf, sodass man aus der Dunkelheit dahinter die Gestalt eines kleinen, gebückten Mannes ausmachen konnte.
"Hally, Trebby. Ich bin es, Saeth; das hier neben mir ist meine neue Gehilfin Dinah. Wir möchten gerne ein paar Bücher zur Reperatur vorbei bringen... Wenn wir vielleicht herein kommen dürfen?"
Ein leises Brummen erklang, woraufhin sich die Tür ganz öffnete und ein alter, etwas dicklicher Mann vor ihnen stand. Sein Haar war ergraut und bedeckte längst nicht mehr seinen ganzen Kopf, die Haut war faltig und mit Altersflecken übersäht und auch seine Kleidung schien alt und ausgedient. Die knochigen Hände ruhten auf einem Gehstock, der dem Mann dabei half, sein Gewicht auszubalancieren. Alles in allem wirkte er wie ein normaler, älterer Herr. Wäre da nicht sein Gesicht gewesen, dessen linke Hälfte von wulstigen Narbengebilden überzogen war, die bis hinunter an seinen Hals und hoch bis in sein Haar reichten. Sie verdeckten auch sein linkes Auge, welches zu öffnen er nicht mehr imstande war. Sein rechtes jedoch strahlte in einem kräftigen Blau und fixierte erst Saeth, dann Dinah.
"Tut euch keinen Zwang an", sagte er in einer ruhigen, tiefen Stimme und trat einen Schritt zur Seite.
"Aber erzähl mir nicht, der Herzog hat schon wieder ausversehen ein Buch herunterfallen lassen", murmelte er, während Saeth, gefolgt von Dinah in das Haus trat.
"Jedes Mal, wenn ich das höre, könnte ich AUSRASTEN!" Beim letzten Wort erhob er plötzlich seine Stimme, sodass Saeth unmerklich zusammenzuckte, obwohl er diese Art des Buchbinders bereits kannte. Hoffentlich hatte Dinah sich nicht zu sehr erschrocken.
Ja, das war Trebby Grine. |
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Daydream Master of Words

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 24.02.2009 Beiträge: 1446
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Verfasst am: 18.10.2013, 12:17 Titel: |
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Nach Saeths Beschreibung des Buchbinders war Sharon zugegeben ein wenig skeptisch – und als er dann leibhaftig vor ihr stand, war sie noch ein wenig skeptischer.
Es war nicht einmal das entstellte Gesicht, das sie störte, vielmehr strahlte Grine eine solche Verschrobenheit aus, dass es ihr auch sofort aufgefallen wäre, hätte man sie nicht vorgewarnt. Und nicht nur er. Wie Saeth gesagt hatte, waren alle Vorhänge zugezogen, so dass im Haus überall Dämmerlicht herrschte, einmal abgesehen von der einzelnen Lichtkugel im Arbeitsbereich – doch selbst diese schien eher schwach zu leuchten.
Außerdem war offensichtlich, dass hier eine penible Ordnung gehalten wurde, denn nicht nur war alles sauber und aufgeräumt, sondern sämtliche Möbel und Gegenstände waren parallel oder im rechten Winkel zueinander aufgestellt.
Sharon erlaubte es sich etwas zu starren, da sie fand, dass dies durchaus nicht aus Dinahs Charakter herausfiel, während Saeth sich mit Grine unterhielt… und bis Grine auf einmal „…AUSRASTEN!“ brüllte.
Sie hätte es niemals zugegeben, aber vor Schreck hätte sie das Buch beinahe ein zweites Mal fallen lassen, als ihre Hand reflexartig zu dem Messer zuckte, das sie im Ärmel versteckt hatte. Dann musste sie sich zusammenreißen, um Grine den schweren Schinken nicht um die Ohren zu hauen.
Sie räusperte sich, und wich der Frage, wer das Buch beschädigt hatte, ‚unauffällig‘ aus.
„Hier ist es jedenfalls“, sagte sie, obwohl sie im Nachhinein vermutete, dass der halbe Satz im plötzlichen lauten Regenprasseln untergegangen war. Sie hatte keine Ahnung, wann Wollen aufgezogen waren, aber es musste sehr schnell gegangen sein. Und ob er es verstanden hatte oder nicht, der alte Mann riss ihr das Buch sofort aus der Hand, um es zu begutachten, wobei er ein paar sehr merkwürdige Grimassen zog und unverständlich vor sich hinmurmelte.
Ob er mit sich selbst, mit ihnen oder mit dem Buch redete, war fraglich. |
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Nightmare Master of Art

Geschlecht:  Anmeldungsdatum: 24.02.2009 Beiträge: 1497
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Verfasst am: 05.01.2014, 01:14 Titel: |
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Lächelnd schüttelte Saeth den Kopf, als Trebby Grine grummelnd mit dem Buch, welches Dinah ihm soeben gegeben hatte, in einem Nebenzimmer verschwand. Seine Gehilfin schien zwar überrascht, aber nicht über die Maßen verstört – gut so, denn sie würde sich mit ihm arrangieren müssen. Als er das Regenprasseln hörte, seufzte er und trat zum Fenster. Ein kurzer Blick durch die zugezogenen Vorhänge bestätigte ihm, dass sie ihren Aufenthalt bei dem Buchbinder wohl etwas verlängern mussten.
„Komm mit, wir warten hier, bis der Regen aufgehört hat“, sagte er zu Dinah und führte sie in Trebbys Küche. Genau wie der Rest der Wohnung war auch diese ausgesprochen sauber, dafür aber auch ziemlich dunkel. „Setz dich“, sagte Saeth und nickte zu einem der hölzernen Stühle, die um den rechteckigen Küchentisch herum standen. „Und pass' auf, nichts irgendwie zu bewegen.“
Dann ging er zu einem der Schränke, holte drei Weingläser heraus und stellte sie auf den Tisch. Aus einem weiteren Schrank wählte er aus Trebbys Sammlung (welche er nicht selten um ein oder zwei edle Tropfen bereicherte) einen einfachen Wein aus.
Als der Buchbinder zu ihnen in den Raum trat, saß er bereits mit seinem Glas am Tisch und lächelte ihm aufmunternd zu.
„Also, wie geht es dir? Viel zu tun in letzter Zeit? Und spar dir den Blick in die Schränke, es ist alles an seinem Platz.“
Trebby sah natürlich trotzdem nach, rückte die Gläser noch einmal zurecht und brummte ein wenig in sich hinein, bevor er sich endlich zu ihnen an den Tisch setzte – beunruhigend nah zu Dinah. Die Gerüchte, was sein Verhalten gegenüber Frauen betraf, schienen wahr zu sein. Saeth hoffte sehr, dass er nichts weiter versuchte.
„Die Aufträge werden immer weniger“, antwortete Grine schließlich mürisch. „Keiner hat mehr Geld für Bücher übrig. Außer euch natürlich.“
Saeth wusste, dass er das nicht böse meinte, und doch war der leicht abfällige Ton in seiner Stimme nicht zu überhören.
„Aber du kommst trotzdem zurecht, wie ich dich kenne, oder?“, fragte der Bibliothekar und nippte an seinem Wein.
„Irgendwie geht’s immer weiter“, kam es zurück. Trebby hatte schon jetzt sein erstes Glas ausgetrunken und war gerade dabei, sich ein zweites einzuschenken.
Das konnte noch ein lustiger Abend werden. |
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