Wie lange hatte ich mich vor diesem Moment gefürchtet?
Wie lange hatte ich Angst vor genau diesem Moment?
Der Moment in dem ich eines meiner geliebten Pferde verlieren würde.
Nicht weil ich es etwa verkaufen musste,
ein Unfall...
Ein Schicksalsschlag der mein Leben komplett verändern sollte.
Wie lange hatte ich mich vor diesem Moment gefürchtet?
Doch ich wusste es hätte irgendwann kommen müssen.
Ich konnte nicht auf ewig unversehrt bleiben,
doch ich wollte es so gut wie es ging hinauszögern.
Wie konnte
das nur passieren?!
Mir ging mein Unfall mit Golden Honey nicht mehr aus dem Kopf.
Der Unterschied?! Honey hatte überlebt.
Bilder... Bilder die ich nie vergessen würde.
Musste
das passieren?!
"Neeeeeiiiiiin!!!", rief ich immer wieder. Verzweiflung machte sich in mir breit. "Nein bitte nicht", rief ich, flehte die Ärzte an die um mein Pferd standen und angeblich nichts mehr für es tun konnten.
"Wieso?", ich schluchzte... "Och Maus komm her, ich fühl mit dir wirklich, ich kenne das...", versuchte Bibs mich zu beruhigen doch das Gesicht voller Tränen klammerte ich mich nur um die Freundin, schloss die Augen, wollte nicht sehen was so eben geschehen war.
"Wieso?", schluchzte ich erneut.
Es war doch ein ganz normales Springen gewesen. Ein kleines Turnier. Nichts weiter. Wie konnte so etwas passieren?
Ich nahm die Leute, die rund um den Parcours standen und sich das Spektakel mit ansahen, nicht mehr wahr.
Ich wollte sie nicht mehr sehen. Das einzige was ich noch sehen wollte war mein Pferd.
Mein gebliebtes Pferd!
Ich öffnete die Augen wieder, sah auf den großen, Blutüberströmten Körper und schrie erneut.
"Neeeeiiin", ich teilte das Leid, die Schmerzen mit meinem Pferd.
Ich wollte aufstehen, konnte nicht. Wieso konnte ich nicht aufstehen?
War es erneut die Angst die mich zurück hielt? Wie einige Zeit zuvor schon bei Honey? Oder waren es einfach nur meine Beine die nicht mehr konnten, geprägt vom Unfall.
Immer wieder sah ich auf, lies mich dann wieder sinken und konnte es einfach nicht glauben.
All meine Freunde um mich herum, die mir nun zur Seite standen...
Für mich ersetzten sie im Moment jedoch nicht mein Pferd.
"Kathi", vernahm ich nun Claire's stumpfe Stimme.
"Kathi es tut mir leid.... Es geht nicht mehr... Wir brauchen dein okay", beendete sie ihren Satz und wurde immer leiser.
"Ich... ich... Nein... Bitte helft ihm doch", juchzte ich und Claire schüttelte den Kopf.
"Ich würde so gern Kathi, glaub mir... Aber es geht nicht. Die Wunden, sie sind einfach zu tief. Das gebrochene Bein..."
Wiedermals lies ich mir den Unfall durch den Kopf gehen.
Wir ritten in den Parcours ein. Stolz, anmutig.
Wir grüßten die Richter, galoppierten an und nahmen den ersten Sprung mit einer Leichtigkeit die alle anderen in den Schatten stellte.
Der zweite Sprung... Wieder diese Anmut, Eleganz, Leichtigkeit...
Der dritte Sprung... Das selbe Spiel wieder...
Und der Fehltritt.
Der eine Schritt, der alles verändern sollte.
Wieso stand dort auch ein Blumenkübel zur Dekoration?
Wir verloren das Gleichgewicht, fielen, mein Pferd erst mit dem Kopf gegen den Kübel der in Scherben zerbrach, dann mit der Brust in die Scherben. Ich versuchte mich abzufangen, doch es gelang mir nicht.
Auch ich schliff über den Boden.
Rot. Roter Sand. Wo kam der her? War das mein Blut?
Nein, es war das Blut meines Pferdes gewesen.
Nun lag ich hier, hilflos, wusste nicht was ich tun sollte.
"Ich, ...", mir stockte der Atem. Wollte ich das wirklich?
Doch, ich war mir sicher:
"Claire, kann ich es noch einmal sehen? Nur tschüss sagen...", murmelte ich und ich konnte in Claire's Augen Bibs' kritischen Blick wiedererkennen, den die Freundin ihr zuwarf.
"Ich denke schon...", sagte Claire, half mir hoch.
Wieso schaffte ich es nicht allein?
Langsam ging ich auf die Ärzte zu, die Leute die versuchten zu helfen.
Ich streckte mich kurz, stubste einen Mann beiseite.
"Geht es dir gut?", fragte der Mann mich, doch ich ignorierte ihn.
"Mein Pferd...", flüsterte ich und kniete mich in den blutroten Sand.
Neben mein geliebtes Pferd.
Die Tränen brachen aus mir heraus.
"Es tut mir so leid... So unendlich leid", schluchzte ich.
Ich umschlang den Hals meines Pferdes, blutverströmt.
"Wenn ich doch nur alles rückgängig machen könnte... Ich würde... Ich... Nein du darfst nicht gehen... Bitte verlass mich nicht!", sagte ich, weinte, weinte Tränen die mir sagten dass ich selbst an dem Unfall Schuld war.
"Dürfen wir...?", fragte einer der Ärzte.
Ich blickte auf. Er hatte eine Spritze in der Hand.
Die Spritze.
Die Spritze die das Leben für mein Pferd hier und jetzt beenden sollte, für immer.
"Ich würde es so gerne ändern...", weinte ich und nickte.
Der Arzt kniete neben mir und ich sah zu wie er die Spritze einsetzte.
Langsam drückte er den Stab in der Spritze immer weiter runter.
Ich sah wie die tödliche Flüssigkeit in den Körper meines Pferdes drang.
Langsam hob nun auch mein Pferd voller letzter Kraft seinen Kopf, ich hob ihn auf meinen Schoß.
Ich strich ihm über die Stirn, sah ihm ein letztes mal tief in die Augen bevor sie für immer schlossen.
"Wieso musste er gehen?", weinte ich und lies mich sinken. Claire nahm mich in den Arm, zog mich hoch.
"Unfälle passieren Kathi... Du kennst den Reitsport", versuchte sie mich zu trösten und strich mir über den Rücken.
"Aber wieso ausgerechnet er?", fragte ich und wiederholte diesen Satz immer wieder.
"Wieso er? Wieso Anthar Ibn Pajero, ein erst 4 jähriger Araberhengst? Alles hatten wir noch vor uns, alles... Was mir jetzt noch bleibt ist seine Zwillingsschwester Passion Of The Night", dachte ich mir und fiel in einen langen, unruhigen Schlaf.