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War das wirklich so?



 
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ReCon242



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BeitragVerfasst am: 19.07.2008, 04:51    Titel: War das wirklich so? Antworten mit Zitat
Habe eben in einer Reportage über den deutschen Widerstand (speziell wegen 20.7.44) gehört, daß in den 50er Jahren die Widerstandskämpfer um Stauffenberg überhaupt noch nicht gewürdigt wurden, weil die CDU-Regierung der Meinung war, das seien "Vaterlandsverräter" gewesen.

Boah, das ist ja krass. Das würde ja bedeuten, daß die Regierung Adenauer zum großen Teil aus Nazi-Sympathisanten bestand.
Klar, da waren viele dabei, die im 3. Reich schon Karriere gemacht hatten (zB Globke) aber daß pro-Nazi-Positionen offen ausgesprochen wurden, das hat ja nochmal eine ganze andere Qualität.
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BeitragVerfasst am: 19.07.2008, 04:51    Titel: Anzeige
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Josef D.
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BeitragVerfasst am: 20.07.2008, 14:01    Titel: Antworten mit Zitat
Oh, das ist ein weites Feld! Und das mit den "Vaterlandsverrätern" ist für mich nichts Neues.

In der Tat wurden zunächst die Widerstandskämpfer als solche gar nicht gewertet, weil es eben so in den Köpfen sehr vieler Menschen drin war, dass jemand, der einen Staatsstreich macht, ein Vaterlandsverräter ist, unabhängig davon, wie der Staat, gegen den sie den Staatstreich machen, beschaffen ist.

Fest steht auch, dass viele Ministerial-. und sonstige höhere Beamte, die im 3. Reich in Ministerien und Ämtern tätig gewesen waren, in den 50er Jahren wieder in Amt und Würden kamen, und bei weitem nicht nur Hans Globke. Zunächst gab es ja die Entnazifizierung nach dem Krieg, wo jeder ein Formular auszufüllen hatte und von den Spruchkammern zu beurteilen war. Spätestens Anfang der 50er Jahre wurde das jedoch aufgegeben, da offenbar die Meinung vorherrschte, dass die Arbeit dieser "erfahrenen" Beamten erforderlich sei, um den Wiederaufbau zu bewerkstelligen.

Somit wurde also auch erst mal der Nationalsozialismus überhaupt nicht aufgearbeitet, denn die alten Seilschaften waren daran nun wirklich nicht interessiert. Selbst in den Schulen war er kein Thema, denn viele Lehrer, die in den 50er Jahren unterrichteten, schon zur NS-Zeit Lehrer gewesen waren und von daher nicht sich selber schlecht hinstellen wollten. Ich selber hatte noch in den frühen 80er Jahren einen älteren Lehrer, dessen Karrierere im Lehramt schon vor dem 2. Weltkrieg begonnen hatte und der über die NS-Zeit nicht reden wollte. Er hat aber mal erzählt, dass er nach dem Krieg auf dem Bau hatte arbeiten müssen. Tatsächlich war das wohl deshalb gewesen, weil er in der "Partei" gewesen war und zunächst noch nicht wieder unterrichten durfte. Nachdem also in Schulen wie in den zuständigen Behörden die Leute von früher saßen und nicht an einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit interessiert waren, wurde sie auch nicht an die Bevölkerung transportiert, und fragende Schüler bekamen keine Antworten.

Da also keine Aufarbeitung stattfand, konnte es auch zunächst nicht nur in der Regierung, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung, kein Umdenken geben, und von daher waren auch viele einfache Leute der Meinung, dass Stauffenberg & Co Vaterlandsverräter waren.

Dass nichts aufgearbeitet wurde, fand seine Fortentwicklung dann in der kritischen 68er Generation, die nie Antworten erhalten hatte und die aber immer weiter Fragen stellte. 1968 war auch ein alter Nazi in höchsten Ämtern, nämlich Bundeskanzler Kiesinger, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und Mitarbeiter der Propagandaabteilung des Reichsaußenministeriums. Der kam mit sowas natürlich gar nicht klar und ließ die Polizei gegen die Demonstranten aufmarschieren.

Die Bundespräsidenten Walter Scheel (1974-1979) und Carl Carstens (1979-1984) waren übrigens auch ehemalige NSDAP-Mitglieder gewesen, aber nicht in wesentlicher Funktion.

Andererseits wurde aber sogar in den 50er Jahren was gegen Rechte unternommen. 1952 wurde die SRP, die allzu deutlich und direkt Nazi-Positionen vertreten hatte und in einigen Bundesländern in die Landtage gekommen war (Niedersachsen 11 % bei der Landtagswahl 1951, 27,7 % im Wahlkreis Verden) vom Bundesverfassungsgericht verboten.

Daraus schließe ich, dass es weniger darum ging, was gesagt wurde, als vielmehr das, was jahrzehntelang verschwiegen wurde und worüber nicht geredet wurde. Stauffenberg und der Staatsstreich waren schlicht und einfach kein Thema und wer Rehabilitation für die Teilnehmer forderte, bekam allenfalls zur Antwort, dass das sowieso nichts nütze, weil sie ja schon tot seien.

Im übrigen habe ich erst vor kurzem gelesen, dass noch bis in die 70er Jahre Volksgerichtsurteile nicht aufgehoben wurden, weil in großen Teilen der Rechtsprechung die Volksgerichte noch als ordentliche Gerichte galten. Auch das, weil bis dahin noch alte Seilschaften in den Gerichten tätig waren. Jemand, der 1939 oder 1942 sein Jurastudium abgeschlossen hatte, konnte 1970 durchaus noch in Amt und Würden sein.

Also, soweit dann mal dieses... da hast du bei mir einen Nerv getroffen! zwinker
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ReCon242



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BeitragVerfasst am: 20.07.2008, 14:41    Titel: Antworten mit Zitat
Ersteinmal muß ich sagen, daß ich selber die Leute um Stauffenberg auch nicht nur 100% positiv sehe, es war ein elitärer Kreis aus lauter Adligen und sie hatten durchaus nicht alle die Absicht, nach Hitlers Tod den Krieg sofort zu beenden und eine Demokratie einzuführen. Im Gegenteil, vielen ging es ja gerade darum, daß Hitler ein schlechter Oberbefehlshaber war, mit dem der Krieg nicht zu gewinnen war. Aber gerade das macht sie ja selbst in den Augen von Konservativen nicht zu Vaterlandsverrätern, weil sie ja im Sinn hatten, den Krieg doch noch zu gewinnen.

Was du geschrieben hast, war mir größenteils bekannt. Natürlich war es unschön, daß alte Nazis in der BRD in hohe Ämter gekommen sind. Viel schlimmer ist es allerdings, daß in der BRD der 50er noch im Sinne der Nazi-Ideologie gehandelt wurde, wobei ich gar nicht mal glaube, daß das die "bekannten" alten Nazis waren oder ob das nicht woanders her kam.

Wie gesagt, daß in den 50ern die Widerstandskämpfer als Vaterlandsverräter angesehen wurden, das finde ich absolut erschreckend. Mir fehlt da jedes Verständnis, und ich schäme mich, heute immer noch in demselben Staat zu leben. Da wundert es auch kaum, daß Deutschland im Ausland nach dem Krieg, teilweise heute noch, mit den Nazis gleichgesetzt wurde. Zumindest damals war das dann wohl berechtigt.
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Josef D.
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BeitragVerfasst am: 24.07.2008, 17:36    Titel: Antworten mit Zitat
Richtig! Soweit ich es weiß, war zunächst mal der Plan, nach dem Staatsstreich einen Seperatfrieden mit den Westmächten zu schließen, nicht aber mit der Sowjetunion. Insoweit wäre das sicher auch nicht die allerbeste Lösung gewesen. Aber immerhin wäre Hitler weggewesen. Nur ein betönernes Tischbein war dazwischen... und er konnte mal wieder die "Vorsehung" für sich in Anspruch nehmen.

Dass teilweise im Sinne der alten NS-Denke gehandelt wurde in den 50ern, lag nicht an "bekannten" alten Nazis, die ja sowieso nicht wirklich wieder einen Fuß auf den Boden gekriegt haben, sondern an den "kleineren", die in der 2. Reihe gesessen waren und vorher zu allen Befehlen Ja und Amen gesagt hatten. Die waren natürlich, wie schon geschrieben, auch nicht an einer Aufarbeitung der NS-Diktatur interessiert.

Das mit den Verrätern, wenn man einen Staatsstreich begangen hat, ist übrigens beileibe kein reines NS-Gedankengut, das kommt schon viel länger her. Sowas kommt schon vom alten Preußen her. Einer der Offiziere Hitlers hat es noch kurz vor Kriegsende so ausgedrückt: "Preußische Offiziere meutern nicht!" Meutern galt in konservativen Kreisen als unbedingt falsch, unabhängig davon, welche Regierung an der Macht war. Darum haben das insoweit auch die Konservativen vertreten, die keine Nazis waren, in den 50er Jahren.
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ReCon242



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BeitragVerfasst am: 24.07.2008, 22:34    Titel: Antworten mit Zitat
Das ist mir klar, daß das normalerweise Verrat ist.

Aber man kann es doch subjektiv dann nicht mehr als Verrat bewerten, wenn man sich von der damaligen Regierung so stark distanziert, wie es angeblich mit Gründung der BRD der Fall gewesen sein soll.

Das wäre ja genauso, als wenn in der heutigen BRD jemand behaupten würde, anno 1989 hätten die Botschaftsflüchtlinge und Montagsdemonstranten ihr Vaterland DDR verraten. Absurder Gedanke.
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Josef D.
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BeitragVerfasst am: 01.08.2008, 16:00    Titel: Antworten mit Zitat
Letzteres sagt auch keiner. Aber es war halt in den 50er Jahren in den Menschen so drin, dass das Verrat ist, unabhängig davon, wie die Regierung ist. Wie gesagt, das hatte eine lange Tradition in Deutschland, dass man immer treu zur Fahne stehen müsse, was auch immer passiert. Das ist mit einer der Gründe, warum die Nazis so weitgehend machen konnten, was sie wollten und warum so verhältnismäßig wenige Leute Widerstand geleistet haben.
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