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Verfügbare Informationen zu "Littell, Jonathan - Die Wohlgesinnten (Leseeindrücke)"

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Anonymous - 18.04.2008, 20:00
Littell, Jonathan - Die Wohlgesinnten (Leseeindrücke)
Die ersten 150 Seiten sind geschafft. Es geht nur stückchenweise voran, weil ich in der Woche nicht so zum Lesen komme und der Stoff nun nicht gerade etwas ist, was man mal eben so wegliest.
Auf den ersten 40 Seiten stellt sich der Protagonist Maximilian Aue in einem Monolog dem Leser vor, berichtet von seinem Werdegang nach dem Krieg und wie es ihm gelang, dort als Franzose getarnt Fuß zu fassen.

Nach diesem "Vorwort" geht es mitten in seine Erzählungen. Er berichtet von der Besetzung der Region um Shitomir. Der Leser hat keine Schonfrist sondern wird gleich mit der Zusammentreibung und Ermordung von Juden konfrontiert, die teilweise einfach so stattfinden, während sich Aue die Stadt anschaut. Da ergeben sich Situationen, die einfach nur skurril sind. Er sieht zu wie, eine Gruppe von Juden in einer Synagoge blutig- oder sogar totgeprügelt wird, findet das offenbar völlig normal, hilft aber im Anschluss dem Rabbi, einen der schwer Verletzten zu bergen.
Danach trifft er sich mit einem Bekannten in einem Restaurant. Die beiden sitzen draußen in der Sonne, als eine halbnackte Frau, die von zwei ukrainischen Soldaten verfolgt wird, denen sie offenbar entkommen ist, an den Tisch stürzt. Die beiden schauen zu, als die ukrainischen Soldaten die Frau wieder zurückschleppen.
Da fragt man sich schon, wo seine Menschlichkeit abgeblieben ist. Ist er schon so abestumpft oder so indoktriniert, dass ihm solche Situationen völlig egal sind?

Völlig fassungslos ist man als Leser auch über Diskussionen über die beste Erschießungsmethode oder wie viele Schützen pro Jude, Frau oder oder "sonstigem Feind" eingesetzt werden.

Im Moment mag ich gar nicht so recht weiterlesen. Auf den bisherigen Seiten betrafen die Erschießungskommandos die männlichen Juden, was wahrlich schon schlimm genug war/ist. Nun kommt der Befehl, auch Frauen und Kinder zu erschießen. Aus Salomes Lesetagebuch weiß ich, was mich auf den nächsten Seiten erwartet....

Überhaupt die Empfindungen - Littell schafft es, dass man das Gefühl hat, man sehe durch Aues Augen. Er beschreibt so bildhaft, dass man immer wieder Pausen braucht, um auf Distanz zu Aue gehen zu können.
Coco - 18.04.2008, 20:42

Du beschreibst klasse - ich freu mich auf weiteres !
Anonymous - 18.04.2008, 20:59

Das kommt auch sogleich :-)

10 Seiten folgen, die es in sich haben. Der kleine Junge, der sterbend mit glasigen Augen und röchelnd in der Grube liegt, weil nicht der Nacken sondern der Rücken getroffen wurde. Aue beschreibt ganz nüchtern, was er sieht, tut aber nichts, um den Jungen zu erlösen sondern geht weg.

Das kleine Mädchen, das sich vertrauensvoll an Aues Hand klammert, dessen Mutter bereits erschossen in der Grube liegt und das Aue dann an das Erschießungskommando weitergibt mit dem Satz: "Seien sie lieb zu ihr" (was er selber als völlig blödsinnig empfindet in dem Moment, in den er den Satz ausspricht), die Gewehrsalven, die im nächsten Moment ertönen.

Der jüdische Junge, der aufgrund seines perfekten Klavierspiels zum Maskottchen der Einheit wurde, und der erschossen wird, weil er "zu nichts mehr nutze" ist, als er sich beim Reifenwechsel die Hand zerquetscht.

Die jüdische Familie, die ursprünglich aus Hamburg kommt, Vater, Mutter zwei Kinder, ein Kleinkind und ein Säugling, und die nun gemeinsam den Tod in irgendeinem Waldstück finden.

Hier schildert Littell erstmals Einzelschicksale. Hatte das Grauen bislang kein Gesicht, weil immer von der Masse berichtet wurde, so wird es nun mit voller Wucht greifbar

10 Seiten, die mich absolut erschüttert haben...
Anonymous - 18.04.2008, 21:23

Hintergrundwissen, Karten, Organigramme etc. finden sich auf der Verlagsseite:

www.diewohlgesinnten.de

Die FAZ hat dem Buch auch eine eigene Seite gewidmet:

http://readingroom.faz.net/littell/
Krümel - 18.04.2008, 21:44

Oh Mann :shock: , magst du da überhaupt noch weiter lesen?
Tom hat mir ja gestern erzählt, dass er nach 80 Seiten das Handtuch geworfen hat. Also ich wäre dir nicht böse :wink:
Anonymous - 18.04.2008, 21:54

Doch, ich werde auf jeden Fall weiterlesen.

Ich weiß gar nicht, ob Salome weitergelesen oder abgebrochen hat. Ihr Lesetagebuch geht bis Seite 600.
Karthause - 18.04.2008, 22:10

@GinFizz
Gerade habe ich gebannt deine Leseeindrücke gelesen, wow, es ist schon heftig. Aber ich werde es kaufen und auch lesen. Deine weiteren Berichte werde ich interessiert verfolgen und danach hoffen, dass mein Gedächtnis bis zum Herbst, wo ich die Wohlgesinnten lesen werde, alles wieder verliert.

(Wenn ich in deine Signatur schaue, hast du ja ein richtiges Lese-Kontrastprogramm. Ich werde die Lagune Ende Mai lesen. Auch da bin ich auf deine Eindrücke gespannt.)
Salome - 19.04.2008, 08:06

Ich lese noch, aber ich musste eine Pause bei den Wohlgesinnten einlegen. Ich habe momentan einen schlimmen Depressionsschub und möchte mich nicht noch mit dem Elend von anderen runterziehen (Ich denke GinFizz weiß wovon ich rede, das Buch ist teils niederschmetternd).
Daher habe ich mir ein paar nette Nackenbeisser besorgt und verkrümel mich gemütlich unter meiner Decke, freue mich an der heilen Welt und warte bis sich wieder Endorphine in meinen Körper verirren und vor allem positive Gedanken.
Anonymous - 19.04.2008, 11:09

Ich weiß genau, was Du meinst, Salome. Und von den Diskussionen bei den Eulen weiß ich, dass es wohl noch viel extremer wird....

Ungefähr 50 Seiten habe ich heute morgen gelesen. Ich bin jetzt auf Seite 205.

Die Wehrmacht rückt in Kiew ein und es wird beschlossen, 50.000 Juden zu erschießen. 50.000 Menschen, die in Fließbandarbeit niedergemetzelt werden. Unter dem Vorwand, sie würden mit dem Zug zum Arbeiten nach Deutschland geschickt oder als Siedler in andere Teile Russlands gebracht, lockt man sie an eine Schlucht, aus der es kein Entrinnen gibt. In kleinen Gruppen werden sie in die Schlucht gebracht und sie sehen dort, was auf sie zukommt. Viele versuchen zu fliehen, aber es gibt kein Entkommen. In der bei den Nazi bereits bewährten Sardinenpackungs-Technik müssen sie sich auf den Boden legen und werden erschossen. Die nächste Gruppe muss sich entgegengesetzt auf die bereits toten legen und wird ebenfalls erschossen. Je höher der Stapel wird, desto problematischer wird es mit dem Erschießen. Viele werden nicht richtig getroffen und sterben langsam und qualvoll, weil es den Offizieren nicht gelingt, den noch Lebenden, die zuunterst liegen, den "Gnadenschuss" zu erteilen. Die Schlucht schwimmt im Blut und Exkrementen, Aue ist mittendrin, er ist für die Gnadenschüsse verantwortlich und verliert darüber fast den Verstand. Sein rechter Arm macht sich selbstständig, er hat das Gefühl, er wäre vom Körper gelöst und schießt wild in der Gegend herum.

Besonders Makaber: Am Rande der Schlucht werden Feldküchen aufgebaut, damit die die Erschießungskommandos mit allem versorgt sind. Während tausende von Menschen sterben, sitzen sie dort und essen in aller Ruhe...
Irgendein Witzbold hat sich als Ration Blutwurst ausgedacht, was für Tumult unter den Kommandos sorgt.

Am Ende des Tages haben 20.000 Juden den Tod gefunden. Töten im Akkord...

Grenzenloses Grauen, das beim Lesen nur schwer zu ertragen ist.

Aue weiß, dass das Töten sinnlos ist, er sinniert an seinem Geburtstag mit Thomas, seinen Freund darüber, allerdings nicht aus menschlicher Sicht sondern aus eher praktischer, kalter Sicht:

Zitat: Der Mord an den Juden bringt im Grunde genommen gar nichts. Rasch hat vollkommen Recht. Er ist ohne wirtschaftlichen oder politischen Nutzen, er ist in praktischer Hinsicht ohne Sinn und Zweck. Im Gegenteil, er ist ein Bruch mit der Welt der Wirtschaft und Politik. Er ist ein Verlustgeschäft, die reine Verschwendung.

Und doch bleibt er in Kiew, obwohl er die Möglichkeit hätte, sich nach Berlin versetzen zu lassen. Er will seine persönlichen Grenzen kennen lernen. Körperlich hat er sie schon fast erreicht, sein Körper revoltiert bereits, sein Mangen revoltiert nach den Mahlzeiten regelmäßig. Geistig hat er sie offenbar noch lange nicht erreicht...
Pippilotta - 19.04.2008, 12:36

Ich möchte auch kundtun, dass ich diesen Thread hier genau verfolge! Ich kann aber nicht sagen, ob ich je einmal dieses Buch lesen werde, ich weiß nicht, ob ich das schaffe....

Gerade lese ich Kenzaburo Oe "Reißt die Knospen ab" und das ist schon hart an der Tolereranzgrenze, was Ekel und Grausamkeit betrifft. Bei Oe kann ich mir zumindest vorsagen "Es ist fiktiv, es ist erfunden" .... was ja bei Littell nicht so der Fall ist ....
Krümel - 19.04.2008, 13:47

Pippilotta hat folgendes geschrieben:
Bei Oe kann ich mir zumindest vorsagen "Es ist fiktiv, es ist erfunden" .... was ja bei Littell nicht so der Fall ist ....

Hatte ich das nicht sogar in meiner Rezi erwähnt? Genau daran kann man sich bei Oe festhalten, hier hat man gar nichts :cry: grauenhaft!

Bei Edgar Hilsenrath "Das Märchen vom letzten Gedanken", also das Abschlachten der Armenier von den Türken, war auch sehr grauenhaft. Hilsenrath verkauft es aber als Märchen, und dadurch kann man es lesen.
Karthause - 19.04.2008, 15:01

Sind für euch fiktive Gräueltaten leichter zu ertragen als reale? Bei mir ist das nicht wirklich ein Unterschied, zumindest nicht, wenn das Buch zu den fiktiven gut geschrieben ist.
Krümel - 19.04.2008, 15:20

karthause hat folgendes geschrieben: Sind für euch fiktive Gräueltaten leichter zu ertragen als reale? Bei mir ist das nicht wirklich ein Unterschied, zumindest nicht, wenn das Buch zu den fiktiven gut geschrieben ist.

Doch ich kann damit mein Gemüt überlisten, und besser schlafen!

Habt ihr das eigentlich auch, dass die selbsterzeugten Bilder, also das Kopfkino, viel schrecklicher ist als fern zu sehen? Diese Bilder bleiben in meinem Kopf, und knabbern arg an mir.
Anonymous - 19.04.2008, 21:30

Wahrscheinlich werde ich noch heute Abend mit diesem Buch beginnen.
alwin03 - 20.04.2008, 08:09

Voltaire hat folgendes geschrieben: Wahrscheinlich werde ich noch heute Abend mit diesem Buch beginnen.


... und am Dienstag die Rezi schreiben :oops:


:mrgreen:
Pippilotta - 20.04.2008, 08:36

:ja: :mrgreen:
Anonymous - 20.04.2008, 09:46

ich bin gespannt, wie schnell Du es lesen wirst, Voltaire. Aber da es nicht U-Bahn-tauglich ist, hoffe ich, dass Du mir nicht davon rast :mrgreen:
Anonymous - 20.04.2008, 10:45

Gelesen bis Seite 264.

Im letzten Abschnitt gab es keine großen Massaker, aber Littell erlaubt einem trotzdem keine Verschnaufpause. Der erste Vergasungs-LKW trifft ein, sozusagen der Prototyp der später propagierten Endlösung. Vergast wird mit den LKW-eigenen Abgasen. Um die Moral der Truppe zu heben (was für ein scheußlicher Satz), soll er seine Einweihung durch das Töten von Frauen und Kindern erfahren, glaubte man doch, nach den ganzen Erschießungen sei das ein "humanes Sterben". Tatsache ist jedoch, dass es nicht schnell geht,man das Leid der Personen im LKW mitbekommt ("Bitte bitte liebe Deutsche, lasst uns raus) und die Kohlenmonoxidvergiftung zu Erbrechen führt und die Leichen im Anschluss dementsprechend aussehen. Etwas, was man den Exekutionskommandos nicht zumuten möchte.

Und immer wieder fragt man sich bei sowas, wo ist die Menschlichkeit geblieben, wie konnten sie ruhig daneben stehen und zusehen, ja, sich sogar an dem grenzenlosen Morden beteiligen. Aues Antwort dazu ist der reine Hohn und machte mich fassungslos:

Zitat: Ich kam zu dem Ergebnis, dass Handlungsweisen, die ich für grundlosen Sadismus gehalten hatte, die unglaubliche Brutalität, mit der einige Männer die Verurteilten vor den Hinrichtungen behandelten, vielfach nur ein Ausfluss des überwältigenden Mitleids war, das sie empfanden und das sich, da es anders nicht zum Ausdruck gebracht werden konnte, als Wut Luft machte, als ohnmächtige, ziellose Wut, die sich daher fast unvermeidlich gegen diejenigen richten musste, die ihr eigentlicher Anlass waren.

Wenn ich seinen Ausführungen folgen würde, müsste ich also auch annehmen, dass der Säugling, der bei der Durchsuchung eines Dorfes von einem Sanitäter aus dem toten Leib seiner Mutter gerettet wurde, die bei der Durchsuchung versehentlich erschossen worden war, im Anschluss von Aues Vorgesetzem aus lauter Mitleid getötet wurde, der das Kind an den Füßen packte und seinen Kopf am Kamin zerschmetterte. (Wofür er im Anschluss übrigens von dem Sanitäter erschossen wurde, das war für mich ehrlich gesagt eine Genugtuung) .

Aue verändert sich, er stumpft ab, was er selber auch merkt. Er nimmt an Exekutionen teil, obwohl er das nicht müsste. Er sieht es sich freiwillig an, und begründet es wie folgt:

Zitat: ich schoss nicht selbst, sondern beobachtete die Männer, die schossen, vor allem Offiziere wie Häfner oder Janssen, die von Anfang an dabei waren und nun völlig abgestumpft gegenüber ihrer Henkerstätigkeit zu sein schienen. Ich war wohl wie sie. Ich ahnte, dass ich, wenn ich mir dieses beklagenswerte Schauspiel zumutete, nicht mehr so sehr den Skandal vor Augen hatte, das unüberwindbare Gefühl einer Übertretung, eines ungeheuerlichen Verstoßes gegen das Gute und Schöne, sondern dass sich das Empfinden für diesen Skandal von selbst abnutze, dass in der Tat eine Gewöhnung einsetzte und man auf lange Sicht nicht mehr viel empfand; was ich also - verzweifelt, aber vergeblich - wiederzufinden suchte, war dieser Urschock, dieses Gefühl eines Bruchs, einer unendlichen Erschütterung meines ganzen Seins; statt dessen fand ich nur noch eine deprimierende und beängstigende Erregung, immer kürzer, bitterer, sich mit dem Fieber und meinen anderen körperlichen Symptomen vermischend, und so wühlte ich mich, ohne dessen gewahr zu werden, immer tiefer in den Schlamm hinein, während ich doch das Licht suchte.

Glaubt er wirklich, er würde dadurch ins Licht zurück finden? Was für ein perverser Gedanke...

Am Ende des von mir gesetzten Abschnittes ist Aue am Ende seiner körperlichen und geistigen Kräfte und wird zur Kur geschickt.

Und damit mache ich nun erst mal eine Woche Pause, um mich einem anderen Buch zu widmen. Ich denke, dass ich nächstes Wochenende die Wohlgesinnten wieder aufnehmen und weitere Eindrücke posten werde.
Nerolaan - 20.04.2008, 10:49

GinFizz, ich danke dir für deine Eindrücke! Das klingt - trotz der Grausamkeiten - nach einem Buch, dass ich wohl auch lesen werde/möchte.
Ich werde es mir auf die Liste-der-bei-Schatz-auszuleihenden-Bücher setzen.
Berichte ja weiter! :ja:
alwin03 - 20.04.2008, 11:06

Ich verfolge den Thread sehr "intensiv", so intensiv, dass ich keinen längeren Beitrag dazu lese, weil ich das Buch jungfräulich lesen möchte.
Aber interessant wer hier alles dabei ist und irgendwann gibts das Buch von @Krümel als Leihgabe oder vielleicht als DAS Buchgeschenk des Jahres für mich.

Irgendwas scheint das Buch zu haben :!:
Anonymous - 20.04.2008, 11:10

alwin03 hat folgendes geschrieben: Ich verfolge den Thread sehr "intensiv", so intensiv, dass ich keinen längeren Beitrag dazu lese, weil ich das Buch jungfräulich lesen möchte.
Aber interessant wer hier alles dabei ist und irgendwann gibts das Buch von @Krümel als Leihgabe oder vielleicht als DAS Buchgeschenk des Jahres für mich.

Irgendwas scheint das Buch zu haben :!:

Ich hoffe, dass ich bis Anfang Mai durch bin. Du bist der nächste auf der Liste :-) Krümel hat was nettes für uns reingelegt ins Buch :-)
alwin03 - 20.04.2008, 11:14

Für Euch Beide :bussi:

:wink:
wolves - 22.04.2008, 13:27

Ich muss jetzt ganz ehrlich gestehen, ich könnte das Buch nicht lesen.
Ich stelle gerade für mich fest, ich will gar nicht wissen wie diese Verrückten ticken. Ich könnte diese Gleichgültigkeit zu lesen, gar nicht ertragen :-(

Ergänzend sollte ich dazu schreiben, dass ich einige Tatsachenberichte von Überlebenden des Holocaust gelesen habe. Da hatte ich das Gefühl, ich müsste an der Geschichte dran bleiben, es ertragen, weil sie es auch "ertragen" haben.
Aber zu beobachten wie diese Irren Menschen abschlachten? Was sie dabei denken, wenn sie denken. Nein, kann ich nicht :-(
Pippilotta - 22.04.2008, 14:06

wolves hat folgendes geschrieben:
Ergänzend sollte ich dazu schreiben, dass ich einige Tatsachenberichte von Überlebenden des Holocaust gelesen habe. Da hatte ich das Gefühl, ich müsste an der Geschichte dran bleiben, es ertragen, weil sie es auch "ertragen" haben.


Das sehe ich genau so wie wolves. Ich habe auch diesbezüglich einige lesen, und werde mit Sicherheit auch noch weitere lesen, weil sie zeigen, wie relativ manches ist, wie gut es uns wirklich geht, und wieviel ein Mensch ertragen kann.

Meine Ambitionen, die "Wohlgesinnten" zu lesen, halten sich auch immer mehr in Grenzen.
Anonymous - 27.04.2008, 18:14

Gelesen bis Seite 296.

Auf den letzten 30 Seiten passiert nicht allzu viel. Aue schildert seine Kindheit und erstmals auch die inzestuöse Liebe zu seiner Schwester, die ihn offenbar sehr geprägt hat. Als das Verhältnis der beiden damals aufflog, wurde Aue in eine Klosterschule abgeschoben, in der es alles andere als klösterlich zuging. Homosexuelle Beziehungen unter den Schülern sowie zwischen den Lehrkräften und Schülern waren offenbar völlig normal. Hier entdeckt Aue nun auch seine Liebe zum anderen Geschlecht (wenn er schon die eine nicht bekommt, dann will er auch keine andere mehr, weil es nie so sein wird wie mit ihr, also wendet er sich seinem eigenen Geschlecht zu). Aue spart hier nicht mit detaillierten Schilderungen des körperlichen Aktes zwischen Männern und des besonderen Reizes der darin liegt.

Im Sanatorium sucht er nach sexueller Abwechslung und ihm fällt auch bald ein junger Untersturmführer auf, den er gerne für sich gewinnen möchte. Hier folgt nun auf den nächsten 11 Seiten der Versuch, ihn mittels Beispielen aus Philsophie und Literatur davon zu überzeugen, dass die Liebe unter Männern das einzig Wahre und nichts Verwerfliches sei und am Ende erreicht er auch sein Ziel.

Ich muss sagen, diese Seiten zogen sich wie Kaugummi und hätten für meinen Geschmack nicht so ausführlich sein müssen. Ich vermute es ist ein Versuch, die Person Aues "in einer ruhigen Minute" dem Leser näher zu bringen. Ich mag mir diese Person eigentlich gar nicht näher bringen lassen. Bei mir steigert das nur die Abneigung...
alwin03 - 26.05.2008, 13:17

Auch ich habe die Erschießing, gekonnt beschrieben durch Littell, durch die Augen von Dr. Aue "verfolgt".
Er beschreibt weiterhin welchen psychischen Druck die Erschießungskommandos ausgesetzt sind und er unterteit die Schützen in verschiedene Gruppen. So gibt es welche die damit selbst nicht fertig werden, die die Propaganda nicht erreicht, oder das Gegenteil, echte Sadisten denen das Töten Spaß macht und die Abends beim Wodka ihre Erlebnisse unter gejohle schildern.

Aue selbst bleibt Beobachter und (Nach-)Denker. Er greift kaum ins Geschehen ein und wenn, dann nur ablehnend. Er analysiert und versucht sich den Situation anzupassen.

Brutal mit welcher "Oberflächlichkeit" Kittell die Geschehnisse auf den Straßen schildert. Überall hängen oder liegen Leichen, überall ist Brutalität und Völkermord.
Nichts für schwache Nerven :!:

Was mir etwas übertrieben erscheint, ist die namentliche Benennung eines jeden SD oder SS Mannes der ihm über den Weg läuft. Des weiteren das Gespräch über die Kaukasischen Spachen. Hier will der Autor ein wenig davon loswerden wie erfolgreich und gewissenhaft er recherchiert hat.

Ich glaube mal die letzten tausen Seiten werde ich auch noch lesen und bin gespannt in welche Situationen es Aue noch verschlägt.
alwin03 - 29.05.2008, 13:13

Wieder eine von vielen Situationen die einem vom Hocker holt.

:arrow: ca Seite 420

Das Buch "plätschert" mit Berichten der Umgegend und den Unterhaltungen zwischen Voss und Aue dahin wie ein Reiseroman. Littell wählt hier glaub ich die Möglichkeit, den Leser etwas abzulenken, um dann von neuem wieder draufzuhauen.

Wie aus heiterem Himmel taucht ein "uralter" Jude bei Aue auf, erzählt ihm seine Geschichte, wird begleitet von einem Wachmann in die Berge geführt und erschossen.
Alles, aber auch alles an dieser Situation ist befremdent, unrealistisch und doch kann es sich so zugetragen haben.
Der Krieg stellt jegliches normales Denken auf den Kopf.

Als wollte sich der Jude einen "Spass" aus seiner Erschießung machen und wenn schon tot, dann aber dort wo ich will!
Für mich ergreifend wie kalt sich Aue in dieser Szene zeigt.
Eine Geschichte anhören, aufstehen und dann töten/lassen, als sind hier alle Sinne/Gefühle abgestorben.

Der Inhalt ist sicher nichts angenehmes, aber man spürt hinter die Gedanken unserer Großväter zu kommen.
Denn für mich stellt sich immer die Frage des WARUM :?:

Warum alle umbringen? Wieso reicht keine Zwangsumsiedlung?
WARUM dieser Völkermord :?:
Pippilotta - 29.05.2008, 14:59

Mein Mann hat das Buch gestern - nach wochenlanger Lektüre - beendet. Er ist recht beeindruckt und möchte unbedingt, dass ich es auch lese. Wobei er schon der Meinung ist, man hätte mehrere Bücher draus machen sollen.

@alwin: ich verfolge Deine Eindrücke gerne, bitte weitermachen! :wink:
Krümel - 29.05.2008, 16:13

Pippilotta hat folgendes geschrieben:
@alwin: ich verfolge Deine Eindrücke gerne, bitte weitermachen! :wink:

Ich auch! Auch wenn ich mich nicht immer melde, aber dieses Buch ist für mich hochinteressant.
Karthause - 29.05.2008, 17:41

Bei mir liegt das Buch ja inzwischen auch, aber vor Herbst werde ich es nicht lesen können. Hier hat mein Mann das Recht des ersten Lesen. Aber verfolge diesen Thread mit viel Interesse.
alwin03 - 29.05.2008, 19:02

Find ich ja lieb von Euch :bussi:

Ich werde mich bemühen, so wenig wie möglich Handlung zu verraten.
Anonymous - 29.05.2008, 20:58

Ich werde mich erst wieder im August mit dem Buch beschäftigen. Da habe ich drei Wochen Urlaub und kann den Rest am Stück lesen.
alwin03 - 31.05.2008, 11:33

:arrow: Seite 560

Je weiter man kommt um so näher kommt man auch der Einteilung des Buches durch Littell.

Wird im "Vorwort" der Protagonist Dr.Aue und der Krieg in Zahlen vorgestellt, so reist Aue dann den brutalsten Schauplätzen hinterher.

Nach einer kurzen Durchreise durch Polen, begibt er sich in die Ukraine in der die SS und SD besonders unter der Zivilbevölkerung gewütet haben.
Danach folgt eine kurze Verschnaufpause im Süden, nahe dem Kaukasus mit Ausführungen über die Rassenpolitik, gespickt von ebenfalls brutal geschilderten Einzelszenen.
Von dort gehts in den Kessel von Stalingrad - bei dem ich mich gerade befinde - und dann sicher in Richtung Berlin.

Das Buch ist gespickt, von teilweise sehr ausführlichen Beschreibungen der Bilder die sich Aue, bei seinen Erkundungen bieten. Wird dann immer wieder unterbrochen von Bildern, die die Brutalität der Ereignisse zeigen.
Er zieht mit Iwan durch die zerbombten Häuser, nimmt dort Gegenstände war und stellt sich das Leben der russischen Familien noch vor Wochen in diesen Wohnungen vor und wenn der nächste Granatwerferangriff erfolgt ist, er sich den Staub vom Mantel geschlagen hat, steigt er über gerade zerfetzte Menschen, über Leichenteile als wären es Hindernisse, wie kleine Baustellen auf dem Fußweg, oder Koffer in einer Bahnhofshalle.

Man hat das Gefühl, dass Aue immer mehr abstumpft. Auch seine Lebensqualität ist auf dem Abwärtstrend. Hatte er in der Ukraine noch einen Fahrer, so hat er im Kessel kaum genug zu Essen um zu überleben.
Er ist verlaust und leidet an Übelkeit und Durchfällen.

Die Front und damit der Tod hat sich ihm genähert. Er ist krank, aber noch zweifelt er nicht am Endsieg. Die Eroberung Stalingrads mit einer von ihm selbst als jämmerlichen Haufen gesehenen Armee ist ihm näher als ein Sieg der Russen über dessen Schlagkraft nur spekuliert wird.
alwin03 - 23.06.2008, 17:31

:arrow: ca. Seite 830

Der letzte Teil des Buches gehörte Aue und seiner Familie.
Schon sehr eigenartig unter welchen Bedingungen er und seine Schwester miteinander "lebten".

Er ist nun in Berlin und trifft dort die ganz "Großen".

Littel macht hier den Versuch eine Erklärung für die Greueltaten zu finden.
Er beschreibt wie die Nazis ihre "Arbeit" verrichten, wie ordentliche Beamte zu Mördern werden. Ein Eichmann wird als Familienvater und fleißiger Beamte dargestellt.
Leider hat er seine Aufgabe recht ordentlich gemacht, nur leider war die Aufgabe halt nicht ordentlich.

Für mich war/ist das Buch an keiner Stelle langweilig.

Ich bin sehr gespannt auf die noch folgenden Seiten.
Krümel - 23.06.2008, 18:01

Du bist wirklich sehr tapfer Alwin. Ja, ich werde es wohl auch irgendwann lesen :-)
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