War Homer ein assyrischer Schreiberling?

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War Homer ein assyrischer Schreiberling?

Beitragvon tomtom am Mittwoch 9. Januar 2008, 18:47

War Homer ein assyrischer Schreiberling? Fachleute bestreiten das

Seit Jahrhunderten beissen sich Forscher an Homer die Zähne aus. Raoul Schrott hat jetzt die Lösung. Oder meint es.

Bescheidenheit war für den 43-jährigen Schriftsteller Raoul Schrott nie eine Zier. Für seine Anthologie «Die Erfindung der Poesie» übersetzte er 1997 Lyrik querbeet durch 4000 Jahre und aus so unterschiedlichen Sprachen wie Sumerisch, Griechisch, Latein, Gälisch, Okzitanisch oder Arabisch. 2001 wagte er sich an eine Übertragung des «Gilgamesch»-Epos aus dem Akkadischen. Und jetzt liess der Österreicher kurz vor Weihnachten erneut aufhorchen: «Homers Geheimnis ist gelüftet» verkündete er in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und listete auf vier Seiten seine revolutionären Erkenntnisse auf.

Um die «Sensation» würdigen zu können, muss man wissen, dass der Dichter Homer und sein als «Ilias» bekanntes Epos über den Krieg zwischen Griechen und Trojanern seit der Antike Rätsel aufgeben. Wer war Homer? Hat er in der kleinasiatischen Region von Smyrna (heute Izmir) gelebt, wie die Forschung mehrheitlich annimmt? Und wie steht es um den historischen Gehalt der «Ilias»? Handelt das Epos von Kämpfen, die sich Jahrhunderte zuvor bei dem von Heinrich Schliemann entdeckten Troja am Eingang zu den Dardanellen zugetragen haben?
Troja ohne Trojanischen Krieg

Nein, sagt jetzt Schrott, alles falsch. Schon aus topografischen Gründen komme Troja nicht als Schauplatz des erzählten Krieges in Frage. Zu klein, zu flach. Und wie soll Homer da zu seinen Kenntnissen der mesopotamisch-biblischen Mythen gekommen sein, etwa den Anspielungen auf das «Gilgamesch»-Epos?
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Die vielen «Ungereimtheiten» (Schrott) der zünftigen Homer-Forschung verschwinden beim polyglotten Dichter und studierten Komparatisten wie durch Zauberhand: Man braucht bloss Homer und sein Troja um einige Hundert Kilometer südostwärts zu verschieben. Das magische Wort ist Kilikien, eine Region im Süden der Türkei, wo sich in der Antike Kulturen mischten. Den Burgberg, den die «Ilias» als Troja beschreibt, hat Schrott fast an der syrischen Grenze gefunden; er heisst Karatepe. Und nicht in Ionien lebte der im ionischen Dialekt dichtende Grieche Homer, sondern als eunuchischer Schreiber eines assyrischen Herrschers in Kilikien, wo er die uralte Trojasage mit aktuellen Kriegsberichten schlachtfrisch anreicherte.

«Über Monate hinweg ergriff mich eine Begeisterung, die schwer zu beschreiben ist», gesteht Schrott. Zwar liessen sich Beweise nicht finden, aber mit Feuereifer führt Schrott einen Indizienprozess. Er vertraut auf die «kumulative Evidenz» der Hinweise, die er in einem im März erscheinenden Buch noch stark vermehren will.

Nach ersten Bücklingen von verblüfften Feuilletonredaktoren hat sich nun die Homer-Forschung zu Wort gemeldet. Sie ist nicht begeistert. Am mildesten noch urteilt Barbara Patzek, Professorin an der Universität Duisburg. Schrott habe in ein «Wespennest» gestochen, attestiert sie ihm, «herausgekommen ist eine grandiose detailreiche Rekonstruktion eines orientalischen Homers, die einem historischen Roman alle Ehre macht».

Schroffer reagiert Joachim Latacz, emeritierter Professor in Basel. 2006 hatte er mit Schrott bereits über dessen «Ilias»-Übersetzung gestritten (sie soll im kommenden Herbst erscheinen). Jetzt charakterisiert er ihn als «Liebhaber, italienisch dilettante», der halt nicht weiss, dass man heutige Landschaften nicht mit Landschaften vor 3200 Jahren vergleichen kann. Spöttisch hält er dem Enthusiasten auch die «fantasievollen Etymologien» vor und fragt schliesslich, warum denn Schrotts griechischer Schreiberling in assyrischen Diensten seine gesamte «Ilias» in Troja spielen lasse, wo er doch angeblich kilikische Orte und Ereignisse bedichte ...

Selbst der Oxforder Gräzist Martin West, auf den sich Schrott gern beruft, hält die Thesen des Hobbykollegen für «unglaubhaft». West hat als einer der ersten auf die orientalischen Einflüsse bei Homer hingewiesen. In die gleiche Richtung forschte auch der Zürcher Professor Walter Burkert. In seinem 2003 erschienenen Buch «Die Griechen und der Orient» untersucht er sorgsam Nachwirkungen mesopotamischer Mythen in «Ilias» und «Odyssee».

Burkert und West lösen die Griechen aus ihrer «splendid isolation», in welcher sie die Forschung lange sehen wollte. Die Griechen, so zeigt sich immer deutlicher, waren keine Originalgenies, sondern machten sich gern fremde Kultur zu eigen. Mit seiner falschen Homer-Sensation springt Schrott auf einen Zug, der längst in Bewegung ist. Und wie es Touristen passieren kann, fährt er weit übers Ziel hinaus.

Im besten Fall sind Schrotts Fantasien, wie die Althistorikerin Patzek versöhnlich meint, eine Aufforderung an die Forschung, «präzise Lösungsvorschläge» zum Problem des orientalisierenden Homer zu liefern.


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