Liebe Chero,
ich hätte im Moment auch kein gutes Gefühl, wenn ich gegen den Rat meiner Lehrerin etwas zu so einer wichtigen Sache wie einem Wettbewerb singen würde.
Aber es gab auch Zeiten, da hatte ich KEIN gutes Gefühl, als ich MIT dem Rat meiner Lehrerin Sachen gesungen habe.
Natürlich vertraut man seinem Lehrer erstmal, ganz egal, als wie unfähig er/sie sich vielleciht nach Jahren herausstellt.
Das ist ja gerade die Gefahr!!! Man vertraut, weil man annimmt: das wird schon in Ordnung sein, denn er/sie muss es ja wissen.
Das er es eben nicht wusste, weiss man selbst in dem Moment nicht. Und komische Gefühle im Bauch kann man leicht mit Selbstzweifel, Lampenfieber und was für ängsten auch immer abtun.
Ich glaube, man braucht als Schüler einen SEHR guten und gesunden Instinkt und vor allem hinreichend Erfahrung, um wirklich zu erkennen, ob der GL zu einem selbst passt und sein Urteil seriös und vertrauenswürdig ist. Die Leute können so nett und liebenswürdig sein, wie sie wollen, das verdunkelt oft sogar noch den Blick, weil man sie eben persönlich so mag.
Meine erste Lehrerin ist inzwischen eine gute Freundin von mir,denn sie ist der grosszügigste und wunderbarste Mensch, den man sich nur vorstellen kann und musikalisch hoch bewandert. Als Lehrerin war sie für mich aber technisch nicht geeignet und anbetungswürdigerweise hat sie mir auch selbst gesagt, es sei Zeit, zu einem anderen Lehrer zu gehen.....
Leider gibt es aber auch genug Schüler, die immer noch unterbewusst denken, singen lernen muss mit Leiden und Schmerzen verbunden sein und sich deshalb von unfähigen Lehrern ausbeuten lassen, in der Hoffnung/dem Glauben, das sei normal.Bei gesang.de habe ich innerhalb eines Jahres genug von solchen Fällen gelesen.
Ich habe hier sogar einen Fall erlebt, da ging es bis zum sexuellen Missbrauch.
Für mich steht die Eigenverantwortung trotz allen nötigen Vertrauens an erster Stelle. Liebe Chero, du fragst, wie wir Literatur auswählen: meine Literatur wähle ich selbst zu den Gelegenheiten, bei denen ich sie aufführen werde,passend aus. Erstmal suche ich das, was MIR gefällt. Dann frage ich meine Lehrerin, was sie davon hält und ob das technisch ok für mich ist und auch ob sie noch weitere Ideen hat.
Sie sagt dann ihre Meinung dazu und ich frage zusätzlich noch meinen sehr kompetenten Korrepetitor.
Wenn meine Lehrerin bei einem Stück Bedenken hat, ist das sehr ernst zu nehmen und sie erklärt mir auch warum.
Manchmal habe ich aber auch bei Stücken Bedenken, die sie für machbar hält und mir vorschlâgt, das war z.B bei Rusalka der Fall.
In beiden Fällen probieren wir es aus und sehen dann weiter.
Die letzte Entscheidung fälle ich grundsätzlich selbst.
Es ist ein grosses Geschenk, wenn man einen Lehrer hat, dem man voll vertrauen kann, aber Vorsicht ist auch dann geboten,denn niemand ist je unfehlbar.
Ich finde es SEHR sinnvoll, mindestens noch ein zweites Urteil einzuholen, wenn Zweifel bestehn oder irgendwas im Bauch grummelt.
Bei Wettbewerben gelten aber tatsächlich besondere Bedingungen und da sollte man auch Leute zu Rate ziehen, die bereits an solchen teilgenommen haben oder in Juries sassen.
Man kann ein STück natürlich nur dann gut "verkaufen",wenn es wirklich sitzt, aber angesichts einer riesigen Konkurrenz sollte man auch ein GEWISSES Risiko in Kauf nehmen. Nach dem Motto:Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!
Ich kann Leechens Entscheidung da bestens nachvollziehen. Wenn man eine von 50 Despinas, Zerlinas oder Susannas(was in keinster Weise eine Abwertung ist, ich liebe diese Arien sehr) ist, ist es viel schwieriger, die Jury zu überzeugen und sich abzuheben, als wenn man auch ein bisschen Mut zeigt.
Meine Lehrerin hat mir dringend geraten, ein bekanntes und ein unbekanntes Stück zu singen und soviele Facetten meiner Stimme wie möglich zu zeigen.
Aber ob es klappt oder nicht-ICH stehe da und singe und käme natürlich auch niemals auf die Idee, IHR die Schuld für was auch immer zu geben.
Wir würden darüber reden und hinterfragen, das ist klar, aus jeder Erfahrung kann man viel lernen.
Liebe Grüsse
