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Rainer Leitzbach - 25.01.2006, 12:55
Ein Tag im Leben des Herrn H. im Jahre 2017
Die praktizierte Angebotspolitik drückt die Wirtschaft zu Boden. Lest hier ein Szenario, wie es bei uns im Jahre 2017 aussieht, wenn es so weitergeht wie jetzt.



16. März 2017 , 06:00

H. küßt Frau und Kind und begibt sich auf den Weg zur Garage, seinen Wagen zu holen. Das elektrische Garagentor quietscht - es müßte mal gemacht werden.
Mit Öl hat er selbst es schon probiert, doch es hat nichts genutzt. Das Qietschen entsteht an einer für ihn unzugänglichen Stelle, da muß mal ein Handwerker dran und etwas auseinandernehmen.
Drei Betriebe gibt es in der Stadt, die eine solche Arbeit ausführen können. Die Wartezeit beträgt ca 6 Wochen.

Er steigt in den Wagen und fährt los Richtung Autobahn.

06:07
Wieder Stau! Wie jeden Morgen. Nein - heute ist es noch schlimmer. Etwas ist wahrscheinlich passiert. Im Frühdunst sieht H. orangenes Licht in der Ferne flackern. Unfall. Wieder mal.

06:35
H. erreicht nun die Stelle, wo der Unfall passiert war. Ein Wagen war gegen ein auf der Straße liegendes Stück Leitplanke gefahren und hat drei andere Fahrzeuge dann gerammt. Vorgestern war das Stück Leitplanke von einem Fahrzeug aus der Halterung gerissen worden und lag seither auf der Straße.

Gestern abend auf dem Rückweg sah H. von der Gegenfahrbahn aus, daß das Stück Leitplanke immer noch am Straßenrand lag. Die Mannschaft von der Autobahnmeisterei besteht nur noch aus drei Leuten. Früher waren es über 40. Wie sollen die drei Leute das alles so schnell hinkriegen? Aber es ist kein Geld da für den Straßenbau und die Straßenpflege.
Und jetzt ist es wieder passiert - das Stück Leitplanke wurde zum zweiten Mal einem Autofahrer zum Verhängnis.
Zwei Männer, die zu dem orangeblinkenden Fahrzeug gehören, laden gerade das Stück auf die Ladefläche.
Wurde ja auch endlich mal Zeit.

07:24
H. erreicht schließlich den Parkplatz seiner Firma - dreiviertel Stunde zu spät.
Müll und Unrat auf dem Parkplatz. Die Straßenreinigung funktioniert schon lange nicht mehr. Die Stadt hat kein Geld mehr, das, was die Stadt zu zahlen
bereit wäre für Müllabfuhr, Straßenreinigung, ist für privatwirtschaftliche Entsorgungsunternehmen nicht tragbar. Erst gestern hatte in der Zeitung gestanden,
daß zwei Entsorgungsfirmen Konkurs angemeldet haben. Zwar hat die Stadt selbst Arbeiter unter eigener Regie, aber die fallen wegen Krankheit immer mehr
aus, die meisten erscheinen gar nicht oder nur sehr unregelmäßig zum Dienst. Es ist nicht verwunderlich, schließlich handelt es sich ausnahmslos um Obdachlose
oder Slumbewohner, die ohnehin nichts zu verlieren haben. Dermenigen, der selbst im Dreck wohnt, ist es gleichgültig, ob es woanders sauber ist oder nicht.

07:31
Der verspätete Arbeitstag beginnt.
Gerade mal 5 eMails erscheinen auf dem Computer des Herrn H.Eine davon ist eine Ablehnung:
"Sehr geehrter Herr H.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir an einer Produktabnahme kein Interesse. Da wir in nächster Zeit keine Erneuerung der technischen Einrichtung
planen, benötigen wir die dazugehörige Software nicht.
mfg..."

Das CAD-System SpecialCAD-XXL zum verfeinerten Stanzen ist vor zwei Jahren erst neu entwickelt worden. Die Firma, in der Herr H. Mitbeteiligter
ist, stellt die dazugehörige Softwarelösungen dafür her. Leider ist die Geschäftsentwicklung seit drei Jahren schon rückläufig. Inzwischen ist das
Softwareprodukt für die CAD-XXL-Maschine das einzige nennenswerte Produkt dieser Firma.
Der Hersteller dieser Maschine bleibt selbst auch auf seiner technischen Erneuerung sitzen. Wo keine Hardware erneuert wird, ist auch die neue
Softwarelösung uninteressant.

Na gut - eventuell wieder ein Kunde weniger...Was will man machen ?

14:15
Der weitere Arbeitstag besteht aus Kundenaquise. Die meisten Gespräche führen letztendlich zu nichts. Es scheint nirgendwo mehr Geld für Anschaffungen vorhanden zu sein.

16:12
Herr H. begibt sich zu seinem Wagen. Am Wochende will er mit seiner Frau und seiner Tochter Verwandte besuchen und der Wagen muß betankt werden.
An mehreren Tankstellen fährt Herr H. vorbei und vergleicht die Schilder. Er fährt einen Diesel - gerade mal jede dritte oder vierte Tankstelle hat
überhaupt Diesel im Angebot. 6,23 € steht auf einem Schild, 6,21 € auf einem anderen.
Herr H. befährt die Tankstelle mit dem niedrigeren Angebotspreis - man ist es halt so gewohnt.
25 Liter müßten reichen, denkt Herr H. und hebt den Zapfhahn aus der Verankerung. Ca 10 Liter laufen durch, dann versiegt die Quelle.
Schulterzuckend hängt Herr H. den Zapfhahn in die Vorrichtung an der Säule, geht in das Ladenlokal und bezahlt. Nun muß er doch noch an die
andere Tankstelle, denn 10 Liter reichen nicht aus.
An der anderen Tankstelle will er für seine Frau noch eine bestimmte Wochenzeitschrift kaufen, findet sie aber nicht. Da er seiner Frau aber versprochen hat, sie
mitzubringen, nimmt er noch einen erheblichen Zeitaufwand in Kauf. Schließlich findet er nach längerem Suchen die Zeitschrift in einem heruntergekommenen Tabakladen.

17:02
Herr H. ist auf der Autobahn Richtung nach Hause. Kein Stau.
Vor ihm fährt allerdings ein langsames Fahrzeug durch die Baustelle (wie lange gibt es die hier eigentlich schon? Sechs Monate sicherlich!).
Es ist ein Volkswagen,Baujahr 2003, längst reif für die Schrottpresse. Fast noch aus dem alten Jahrhundert, lächelt Herr H. Aber das ist nichts
ungewöhliches. Wer hat heutzutage noch das Geld, sich ein neues Fahrzeug zuzulegen? Banken und Fahrzeughändler gewähren Kredite und Abzahlungen
nur an wirklich zahlungskräftige Kunden. Wegen seines eigenen Kredits muß Herr H. selbst nochmals nachfragen. Er gehört zwar zu den Glücklichen, denen
ein Kredit gewährt wird, aber die Zahl der Banken, die überhaupt Kredite vergeben, wird ja auch immer geringer.
Die Unfallhäufigkeit auf den Autobahnen steigt jedes Jahr um 2-3 Prozent. Reparaturwerkstätten gibt es kaum noch, Autohändler bauen nach und nach ihre
Angebote ab, bevor sie sich selbst in die Pleite zurückziehen, die Autos werden immer unsicherer, geplatzte Reifen sind das Hauptrisiko bei Geschwindigkeiten
über 60 kmH. Daher ist das Tempolimit auf den Autobahnen letztes Jahr von 80 auf 50 herabgesetzt worden.

20:00
Die Fernsehnachrichten bringen kaum Neuigkeiten. Wieder Straßenkämpfe in Berlin - diesmal Arbeiter, gestern waren es Obdachlose. Die Arbeiter
von heute sind die Obdachlosen von morgen, die Obdachslosen von heute sind die Toten von morgen. Die Rate ist sehr hoch.
In den Arbeitervierteln sind die hygienischen Bedingungen katastrophal. Schon lange gibt es in den armseligen Behausungen keine Heizung mehr,
manchmal gibt es Wasser, selten Strom. Da es immer weniger Stromverbraucher gibt, sahen sich die Elektrizitätswerke gezwungen, ihre Einspeisung
auf ein minimum herunterzuschrauben. Kaum noch jemand kann Strom bezahlen. Inzwischen gibt es Fabrikhallen, die nur noch zu einem Viertel oder
zu einem Achtel mit Strom beliefert werden.
Laut der Wochenzeitschrift, die Frau H. inzwischen durchgeblättert hat, soll ein spannender Film gesendet werden. TELE-EXTRA, der einzige noch
existierende Fernsehsender strahlt stattdessen eine Ansprache des Regierungschefs aus. Die Ansprache wird ohne Werbeunterbrechung gesendet -
es gibt keine Fernsehwerbung mehr. Wo nichts gekauft werden kann, braucht auch für nichts geworben zu werden. Der Fernsehsender hat aber schon
angekündigt, vorraussichtlich zum Ende des Monats seinen Betrieb einzustellen.

Rainer Leitzbach
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