Islamische Weihnachten
Schulter an Schulter quetschen sich Männer, Jugendliche und kleine Jungen im Gebetsraum der Hamidiye Camii, der Moschee des Vereins der guten Sitten in der Straße Hinter der Schönen Aussicht. Etwa 500 Menschen fasst der Saal, doch immer mehr Männer und Kinder drängen nach. Seit dem Morgengebet Viertel nach Acht strömen sie, finden kurz vor Neun schon keinen Platz mehr, lassen sich notgedrungen im Eingang zwischen Bergen von Schuhen nieder.
Opferfest. Kurban Bayram wie es auf Türkisch heißt oder Idul-Adha auf arabisch, das höchste islamische Fest zum Höhepunkt des Hadsch - der Wallfahrt nach Mekka. "Wie Weihnachten bei den Christen", sagt Rahmi Seker, zweiter Vorsitzender des Vereins, und lacht. Dann sind die Kirchen auch immer zu klein. Gefeiert wird allerdings keine Geburt, sondern die göttliche Probe Abrahams, der Allah seinen Sohn Isaak opfern sollte, rechtzeitig vom Engel Gabriel aber einen Widder erhielt.
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Geldspenden statt Tieropfer
Erbarmen. Welche Freude - und nach der Überlieferung seither nun Pflicht für gläubige Muslime, die es sich leisten können, zur Feier ein Tier zu opfern und mindestens zu zwei Dritteln an Arme zu verteilen. Bis heute ist das so. Auch in Frankfurt. Wenngleich die westliche Zivilisation zu Modifikationen zwingt: Rami Seker und sein Vorstandskollege Erkan Özaltay zum Beispiel spenden statt dessen Geld für Fleisch- und Lebensmittelverteilungen in Afrika oder ärmlichen Gebieten der Türkei.
Dennoch schlachten auch heute noch viele, sagt Özaltay. Um Ärger mit privaten Schlachtungen zu vermeiden, legte der Verein Listen für Schlachtwillige aus und gab die Sammel-Bestellung bei einem geprüften Schlachter im Westerwald auf, der die Tiere - vorwiegend Schafe - regelgerecht schächtet. "Viele vom Verein sind heute morgen zu dem Schlachter gefahren, beten dort und bringen das frische Fleisch mit", sagt Seker.
Aber daran denkt im schmucklosen Gebetsraum der Hamidiye Cammii gut 45 Minuten nach Sonnenaufgang gerade niemand. Es wird mäuschenstill im Saal. Die Versammelten konzentrieren sich auf den Muezzin im bodenlangen weißen Mantel, der seine Predigt beendet hat und nun den Ablauf des Opferfestgebets erklärt. Es geht um den Dialog zwischen Ibrahim und dem Engel Gabriel. Der Vorbeter liest und singt die Verse aus dem Koran, die Gläubigen beten mit dem Körper. Hände zum Kopf, schweigend auf die Knie, den Kopf zum Boden, aufrichten und schweigen und wieder auf die Knie, Kopf zum Boden.
Opferfest ist Familienfest
Bettag für die Männer, selbst im Frauensaal eine Tür weiter drängen sich an diesem Morgen nur Männer und Jungen. "Die Frauen bereiten das Festmahl vor." Der Vereinsvorsitzende Ali Erbaç reibt sich lachend die Hände. Denn Opferfest ist Familienfest. Das älteste Mitglied im Familien- oder Freundeskreis sind Gastgeber, die jüngeren haben "Ehre zu erweisen". Rahmi Seker trifft sich mit seiner Familie und denen der drei jüngeren Brüder bei der ältesten Schwester. "Wir sind gut zwanzig Leute." Essen, feiern und - natürlich - Geschenke austauschen.
Der Sechsjährige von Sekers Nachbar kann es kaum erwarten. Gebet und Predigt sind zu Ende, die Versammelten umarmen sich, schütteln und küssen Hände, wünschen Glück: "Bayramin Mubarek olsun." Der Kleine erwidert den Gruß brav, schnappt sich eines der Bonbons, die die Vereinsvorsitzenden am Ausgang bereithalten. Vor der Moschee stehen Trauben von Festgängern mit Handy am Ohr. Der erste Anruf gebührt den Großeltern in der fernen Heimat. Aber jetzt nichts wie heim. Geschenke auspacken. Der Kleine schnappt nach der Hand des Vaters, der lacht. "Wie Weihnachten."
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