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Ferach - 25.03.2008, 19:53
[Sharith & Ferach] High black Moon - Red Lights
[OT:sharith und ich haben in einem anderen forum bereits angefangen zusammen ein feines, kleines rpg zu schreiben. jedoch geht uns beiden besagtes forum inzwischen (mal wieder?) ziemlich auf die nerven und unsere aktivität ist auf fast gleich null gesunken.
da uns das rpg, da es uns beiden viel spaß macht, aber am herzen liegt sind wir recht schnell überein gekommen es, hierher zu verlagern. ich hoffe ihr habt verständnis dafür.
das, was bis jetzt entstanden ist, und was, wie ich finde, sehr interessant und unterhaltsam ist, werden wir in drei, vier posts einstellen, damit ihr die ganze geschichte erfahrt .)
ich werde damit gleich einml anfangen. die dunkelroten beiträge sind von sharith, die schwarzen von mir.]
Es hatte einen monsunartigen Sturzbach abgeregnet, der die Straßen wie Seen unter Wasser gesetzt hatte, sodass die Autos nur noch in Schrittgeschwindigkeit vorangekommen waren. Fünf Minuten hatten die Wolken alles gegeben, was sie hatten, die Kanalisation vollkommen überfordert und die Menschen in die Hauseingänge und Geschäfte gedrängt.
Nun riss die tief dunkelblaue Wolkendecke wieder auf. Langsam zogen die dünnen Wolkenfäden am Himmel nach Osten ab, um dort weitere Städte unter Wasser zu setzten. Die Sonne schaffte es nur spärlich sofort wieder gänzlich Licht zu spenden, doch sie würde es schaffen.
Vorsichtig sah sie hinauf in die Wolken, drehte den Kopf nach Norden und Süden, um zu sehen, ob nicht vielleicht sofort das nächste Gewitter sich anbahnte. Der große Rüde zu ihren Füßen hatte schon wieder zu winseln begonnen. Er wollte unbedingt weiter, in den Park, an einen See, irgendwohin, wo es Stöcke gab, die man werfen konnte. Er wäre auch bei dem Regenguss weitergelaufen, wenn ihn das nur näher zu den Stöcken gebracht hätte.
Die junge Frau lächelte. „Tut mir Leid, Miël, wir müssen noch in die Buchhandlung, dann können wir in den Park.“
Der schwarze Rüde winselte, legte den Kopf schief und sah sie treuherzig an. „Hör auf so niedlich zu tun!“, entgegnete sie scherzhaft in scharfem Ton. „Das bist du nämlich alles andere, das wissen die Leute nur nicht.“
Sie lief los und ließ das Tier links liegen, er würde sowieso nur für wenige Sekunden schmollen können, er war schließlich nur ein Hund.
Der Wolkenbruch hatte kurz nachdem sie die U-Bahn verlassen hatte, angefangen. Von ihrem anvisierten Ziel war sie also nicht mehr weit entfernt. Nach zwei Minuten, dann hatte sie die Buchhandlung mitten in der Stadt erreicht. Viele Touristen tummelten sich hier, weil es so nah zu den Sehenswürdigkeiten und dem Zentrum war.
Doch sie nahm die Menschen gar nicht war. An ihr zogen sie nur vorbei wie graue Schatten.
Miël war von sich aus draußen vor der Tür stehen geblieben und sah ihr nun durch die Glastür hinterher. So, wie es im Moment aussah, würde er wohl wirklich noch etwas warten müssen, bis er wieder den Stöcken hinterher jagen konnte.
„Ich hatte ein Buch bei Ihnen bestellt“, erklärte sein Frauchen einer der Kassiererinnen am Tresen. „Der Name ist Haruna.“
Sofort drehte sich die Kassiererin zu dem Regal hinter sich um und ging die in den Büchern steckenden Zettel mit den aufgeschriebenen Namen durch. Sie suchte länger als üblich, doch dann zog sie den schweren Band mit dem hart eingefassten Deckeln aus dem Regal. Die Schrift darauf bestand aus alten, verschnörkelten und äußerst schwer zu entziffernden, lateinischen Buchstaben.
Dank des Einfuhrzolles war der seltene Band noch teurer geworden und sie würde etliche Stunden mehr arbeiten müssen, um das verlorene Geld wieder rein zubekommen. Doch es hatte sich gelohnt. Lang hatte sie geglaubt dieses Buch nie in den Händen halten zu können.
Dankbar verabschiedete sie sich von der Kassiererin, die ihr geholfen hatten, den raren Einzelband in einer Buchhandlung in England zu finden.
„Miël, was hast du?“
Der Hund sah starr nach hoben zum Dach des gegenüber liegenden Hochhauses. „Ich habe dir heute sich schon drei Mal erklärt, dass ich heute frei habe. Also lass den Unsinn und komm mit in den Park.“
Ein dumpfes Knurren entfuhr der Kehl des Rüden. Die junge Frau seufzte leicht, strich sich die dunklen Haare hinter die Ohren und lief, wie zuvor schon, einfach los, ohne ihn erneut aufzufordern mitzukommen.
Eine halbe Minute später hörte sie das feine Kratzen der Krallen Miëls über das Pflaster auf sich zukommen. Erst an der nächsten Ampel blieb sie stehen und sah wieder zu ihm hinab.
„Und wohin möchtest du diesmal? Ich weiß nicht, letzten Sonntag war der Park nicht so hübsch, den du ausgesucht hattest. Streng dich diesmal bitte an.“
Wie vorhin legte der Rüde den Kopf schief und sah sie seltsam ausdruckslos an. Doch sofort als die Ampel umsprang und die seltsame, sonore Melodie erklang, sprang er los und eilte vor ihr weg.
Sie machte sich nicht wirklich Gedanken ihn in dem Gedränge des Nachmittagsgeschäfts zu verlieren. Sobald er sie nicht mehr deutlich hörte, hielt er dicht an die Hauswand gedrängt an und sah sich nach ihr um.
Doch diesmal kam sie schnell durch die Massen an Menschen, den schweren Band in der raschelnden Tüte immer gegen die Brust gedrückt, die Umhängetasche gegen die Hüfte schlagend.
Sie wusste zwar nie, wie Miël die Parks fand, die er für sich aussuchte, machte sich aber lang keine Gedanken mehr darüber. Vielmehr war sie jedes Mal aufs Neue gespannt, was er diesmal finden würde. Ob es nun zufällig oder bewusst geschah.
Es war Abend geworden, die Straßenlaternen entzündet und die Leuchtreklamen erhellten die Straßen so bunt und leuchtend wie es kein Feuerwerk vollbrachte.
Ein wenig erschöpft vom Spielen mit dem Hund lief sie langsam zur U-Bahnstation zurück. Immer noch waren viel zu viele Menschen auf den Straßen, fast konnte man glauben, dass es nun zu Abend noch mehr waren, als am Nachmittag. Sie überlegte, ob sie hier in der Stadt schon etwas essen sollte, doch in ihrem Kühlschrank lagen noch Sandwiches und gekaufte Bentos. Viel mehr konnte sie sich jetzt, nach dem Kauf des Wälzers in ihren Armen, leider nicht mehr leisten.
Jedoch hatte sie die Rechung ohne ihren wie ein Wolf aussehenden Hund gemacht. Es war nur noch ein Block bis zur Station, als er plötzlich auf dem Bürgersteig anhielt und nach links in ein Ramenrestaurant blickte. Ein fiependes Winseln war zu vernehmen.
„Miël…“, seufzte sie, „die hat Ramen noch nie geschmeckt, du bekommst immer nur die Fleischstückchen und dafür habe ich gerade absolut kein Geld. Vielleicht nächsten Monat wieder.“
Sanft stupste sie seine Flanke mit der Fußspitze an, um ihn zum Weitergehen zu ermutigen. Hoch oben in den Wolken war wieder ein tiefes, noch leises Donnern aufgekommen.
Zweifelnd sah sie nach oben. Die Lichter um sie herum machten den Abendhimmel so hell, dass der eigentlich schwarze Himmel leicht rotbraun erschien. Auf das erste Donnern folgte ein zaghaftes zweites.
„Komm schon, ich habe keine Lust nass zu werden. Davon bekomme ich nur schlechte Laune und die willst du sicher nicht abbekommen!“
Miël winselte und erhob sich schwer. Dankbar seufzend lief sie wieder los, diesmal schneller und weniger auf die Leute um sich herum achtend.
Dunkle Augen richteten sich in den Himmel, beobachteten die Sturzbäche, die jetzt schon zum zweiten Mal an diesem Tag auf die Stadt herunter fielen.
„Ich hätte es eigentlich wissen müssen...“ murrte sie und strich sich einige blondierte Strähnen aus dem Gesicht. Da ging man einmal ohne Regenschirm aus dem Hause und dann sowas.
Jetzt steckte sie hier, quasi am anderen Ende Tokyos, fest und konnte sehen wie sie nach hause kam, ohne sich völlig zu unterkühlen. Wenigstens ihre Füße waren noch trocken – wenn auch fraglich war, wie lang noch.
Mit einem Seufzen stieß sie sich von der Hauswand ab, an der sie bisher gelehnt hatte und ging, den strömenden Regen ignorierend, in Richtung der nächsten U-Bahn-Station. Mit kalten Fingern griff sie in ihre Jackentasche, förderte ein Päckchen Zigaretten zu Tage und steckte sich eine Salem Light an. Sie war normalerweise Nichtraucherin und diese Kippen hatte sie für ihren Nachbarn mitbringen sollen, aber manchmal brauchte sie diese Illusion an Beruhigung, die ein solcher Glimmstängel besaß.
//Dieses Wetter macht mich fertig...//
Wieder seufzte sie.
Nicht, dass sie etwas gegen Regen hatte – keineswegs, aber sie hasste es, wenn er so unangekündigt kam. Man hätte sie doch zumindest warnen können.
Sie schüttelte den Kopf über diesen Gedankengang, konnte sich ein Grinsen über sich selbst nicht verkneifen.
Sie ließ die Zigarette fallen und trat sie aus, obwohl sie nur halb aufgeraucht war, ehe sie endlich war beheizte Halle des U-Bahnhofs betrat. Kurz sah sie sich zur Orientierung um, ging dann in Richtung des Gleises an dem ihre Bahn in ein paar Minuten ankommen würde. Auch wenn sie stark bezweifelte in dieser noch einen Platz zu bekommen. Als sie am Gleis ankam bestätigte sich ihre Vorahnung. Dort standen so viele Leute, dass sie nicht einmal versuchen brauchte noch in den gerade einfahrenden Zug zu kommen.
Also hieß es warten – mal wieder.
Es hasste es warten zu müssen, damit hatte sie schon viel zu viel Zeit vegeudet.
Sie ließ sich einfach vor einer Säule auf dem Boden nieder, zog ihre Umhängetasche auf ihren Schoß und holte daraus ein schmales Büchlein hervor, dass in dunkelroten Samt eingeschlagen war. Vorsichtig öffnete sie das antike Stück und las zum wiederholten Male die Worte die dort geschrieben standen. Nicht, dass sie das gemusst hätte, sie hatte es so oft gelesen, dass sie dieses Buch mittlerweile auswendig zitieren konnte.
Und dennoch konnte sie ihre Augen nicht davon lassen, musste wie unter Zwang immer wieder diese Sätze lesen, die vor ein paar hundert Jahren geschrieben worden waren.
Genau genommen dürfte dieses Büchlein nicht einmal mehr existieren.
Hätte es ihre Familie nicht all die Jahre unter Verschluss gehalten wäre es den anderen vermutlich in die Hand gefallen und vernichtet worden.
Doch so war es ihr ein großer Vorteil, denn nun wusste sie um das, was damals geschehen war und vermutlich wieder geschehen würde.
Als die Geräuschkulisse um sie herum zunahm sah sie auf und stellte fest, dass gleich der nächste Zug kommen würde. Also sah sie zu, dass sie wieder auf die Beine kam und ging nach vorn an den Bahnsteig, wo die Untergrundbahn gerade nicht eben geräuscharm hielt. Sie quittierte die drängelnden Menschen mit einem leisen Knurren und stellte sich in der Bahn an eine Wand, wandte ihre Augen wieder dem Buch zu, das sie noch immer in der Hand hielt.
Wo war sie stehengeblieben?
Achja.
Es würde wieder etwas passieren.
Vor einigen Monaten waren sie ersten Anzeichen aufgetreten, dicht gefolgt, vom Erscheinen der Person, die anscheinend der „Meister“ genannt wurde und dessen Auftauchen in dieser Welt mal eben ein paar Naturgesetze verdreht hatte – einschließlich „leichter“ Farbprobleme, duch die die ganze Welt nur noch in Schwarzweiß zu sehen war. Das hatte freilich niemand mitbekommen, weil der Meister den Lauf der Zeit ebenfalls unterbrochen hatte. Das waren mehr als genug Indizien dafür, dass er zu den wirklich hohen Tieren gehörte. Auch wenn er jetzt unschädlich gemacht worden war.
Sie legte den Kopf in den Nacken.
Das konnte heiter werden.
Der Flügel, der damals hier anwesend war, hatte seine Aufgabe zwar erfüllt und sorgte auch jetzt für einen geregelten Ablauf der Dinge, aber die Tatsache, dass selbst die Alte Riege schon auf dem Weg hierher war, war einfach zu alarmierend.
//Es wird sicher auch nicht lang dauern, bis noch mehr Flügel hier auftauchen...aus allen Familien...und dann wird es richtig spaßig...//
Sie verließ die Bahn an ihrer Zielstation und ging in Richtung des Apartments auf dem Unicampus, das sie sich gemietet hatte. Das der Regen sich mittlerweile beruhigt hatte und nur noch vereinzelt Tropfen vom Nachthimmel fielen, bemerkte sie in ihren Gedanken garnicht. Offiziell war sie hier als Studentin auf Austauschsemester.
Schnell schaut sie bei ihrem Nachbarn vorbei, lieferte die Dinge ab, die sie ihm hatte mitbringen sollen und ging dann in ihre eigene kleine Wohnung.
Kaum, dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte hörte sie ein heißeres Krächzen und das Geräusch von schlagenden Flügeln.
„Hey Crawford...“ meinte sie sanft und tätschelte dem Vogel, der soeben auf ihrer Schulter gelandet war, den Kopf.
Dann zog sie ihre Schuhe aus und ging weiter in ihre Küche, wo sie sich erst einen Schluck Wasser genehmigte, bevor sie anfing ihr Abendessen vorzubereiten. Ihre immer noch nassen Klamotten konnte sie auch noch wechseln, wenn alles im Topf und am kochen war.
Die ganze Zeit jedoch ging ihr das Buch nicht auf dem Kopf.
Sie unterbrach ihre Tätigkeit, lehnte sich an die Arbeitsplatte, sah nach oben an die Zimmerdecke.
Es würde später alles von Entscheidungen anhängen, die niemand beeinflussen oder vorhersehen konnte, nicht einmal die, die die Fähigkeit dazu besaßen.
Wie von selbst legte sich ihre Hand auf das schwere silberne Kreuz, dass sie an einer Kette um den Hals trug.
„Ich kann nichts tun, außer meine Rolle in diesem Szenario zu spielen und zu hoffen, dass andere das auch tun...“ Ein leises Schnarren ließ sie aufsehen.
Crawford hatte sich zu ihr gesellt und saß jetzt neben ihr auf der Arbeitsplatte. Sein Blick war eigentlich zu durchdringend und zu intelligent, um noch der einer normalen Krähe sein zu können.
„Jaja...is ja gut...“ murrte sie ihn an, fütterte ihn mit einem Stück Apfel.
Wie hatte man ihr gesagt >>Es wird alles so kommen wie es muss und wir müssen nur das tun, was nötig ist, damit es ablaufen kann.<<
Der Latte produzierte einen solch starken Dampf, dass man meinen konnte, er würde die dunklen Wolken herausfordern wollen. In runden, wattigen Paketen zog er in den düstere Regenhimmel hinauf, bis er mit dem Boden des über ihm liegenden Balkons zusammen stieß.
Von dem düsteren Wetter langsam schlechte Laune bekommend sah sie von den Wolken wieder hinab zu dem kleinen, runden Tisch, an dem sie auf ihrem winzigen Balkon saß. Augeschlagen neben der Tasse das alte Buch, dass sie hatte für teures Geld importieren lassen.
Ihre dunkelgrünen Augen blickten still und starr auf die glühenden, größer geschriebene Überschrift dieser Seiten. Wie der Rhythmus des Herzschlages pulsierten die Buchstaben unter der durch das Gewitter aufgewühlten Magie. Tokio war wie eine Sammelstelle alter Magie, wie auf einer Deponie häufte sie sich hier an, ohne, dass man recht Herr ihrer wurde.
Die junge Frau seufzte schwer. Inzwischen wusste sie nicht mehr, was sie sich dabei gedacht hatte, zu glauben, solch ein seltsames Buch aus dem alten Europa könnte ihr helfen. Sie hatte es inzwischen drei oder viermal durchgeblättert. Auf alle offensichtlichen und geheimen Randbemerkungen geachtet, doch keine davon hatte ihr sagen können, wie sie diese verfluchten Kräfte loswurde.
Mit einem Fluch auf den Lippen stieß sie sich aus dem Lehnstuhl hoch und lief wieder zurück durch das kleine Zimmer in die nicht größere Küche. Die zwei Bentos, die zur Auswahl standen waren eigentlich schon zu alt, um sie noch jemandem anbieten zu können, aber sie griff sich trotzdem eines. Sie konnte es sich nicht leisten, sie einfach wegzuschmeißen.
Mit inzwischen gehörig vermiester Laune schmiss sie sich vor den Fernseher. Es gab nur seltsame Spielshows oder langweilige Magazine. Gelangweilt schob sie sich den ersten Happen Reis in den Mund und wusste genau, warum es so etwas, wie ein Mindesthaltbarkeitsdatum gab. Der Reis war pappig geworden und hatte den Geschmack der Plastikschale angenommen.
Die Balkontür stand immer noch offen und so kam das tiefe, heftige Grollen in aller Deutlichkeit ins Zimmer getragen. Auch das taghelle Leuchten der Blitze schaffte eine seltsame Stimmung im Zimmer.
Ihr Blick wanderte nach draußen. Ihre Augen hatten immer noch keinen anderen Ausdruck angenommen und doch hatte es in ihrem Kopf schon zu Arbeiten begonnen.
Durch ein leises Winseln wurde sie wieder aus ihrer Trance erweckt. Miël trottete mit müdem Blick auf sie zu und ließ sich, mit selbem Blick, vor ihre Füße fallen. Als würde er das Gewitter bewusst ignorieren wollen, drehte er den Kopf zum Fernseher, legte ihn auf die ausgestreckten Forderbeine und ließ die Lider halb über die Augen fallen.
Der nächste Donnerstoß entlockte ihm ein dumpfes Knurren.
Mit gehobenen Brauen sah sie zu ihrem Rüden hinab. Für einen Moment ruhten ihre Augen auf seinem schwarzen Fell wie zuvor auf der geöffneten Tür. Der Rüde hatte die Ohren angelegt und unbewusst das Nackenfell ein wenig gesträubt. Bei jedem Blitz und jedem neuerlichen Donnerschlag sah man deutlich das Zucken, wenn er die Ohren kurz noch mehr an den Kopf zog.
Wieder entfuhr ihr ein Seufzen. Langsam konnte sie es nicht mehr ignorieren, zumal ihr Hund es perfekt schaffte, ihr auf ganz subtile Weise ein schlechtes Gewissen zu bereiten.
Verdammt noch mal, jetzt höre ich schon auf einen Hund! Einen Hund, der nur durch Zufall wie ein Wolf aussieht und aus eben solchem eine viel zu wissende Ausstrahlung hat. Der immer so tut, als könnte er sie ebenso, wie ich, spüren, aber doch in Wahrheit gar keine Ahnung haben kann!
Zornig blickte sie auf die dunklen Schulterblätter zu ihren Füßen. Als hätte er es geahnt, hob er den Kopf und sah sie leise winselnd an. „Ja doch!“, fuhr sie ihn an. „Ich gehe ja schon!“
Nun endgültig verstimmt schmiss sie das nicht ganz gelehrte Bento auf den Couchtisch und rauschte in den engen Flur, zog den knöchellangen Mantel von der Garderobe. Sie hasste es schon jetzt bei diesem Wetter noch einmal zu einer solchen Tageszeit vor die Tür zu müssen. Mit einem kräftigen Schlag flogen sowohl Balkon- als auch Wohnungstür ohne ihr Zutun zu.
Zitternd stand sie auf dem Dach des Hochhauses, zog sich den weichen, wolligen Stoff des schwarzen Mantels enger um den Körper. Vor ihr zuckten die Blitze hinter den anderen Wolkenkratzern in der Bucht gen Wasser. Ob sie dort wirklich einschlugen oder vielleicht in der Tokio Bridge, konnte sie nicht erkennen.
Es war ihr auch so egal.
Angesäuert trat sie von einem Fuß auf den anderen und wünschte sich fast gegen den ihr in den Rücken stoßenden Wind unsichtbar zu sein. So hatte sie zwar keine Probleme die Kapuze über ihrem Kopf festzuhalten, aber trotzdem kroch die Kälte durch den dichten Stoff von Minute zu Minute besser durch.
Wieder fuhr ein leuchtender Blitz wie eine Schlange in einen der beiden Türme der Präfekturverwaltung ein. Keine zehn Sekunden später folgte ein zweiter Blitz in den selben Turm. Eine leicht gelbliche Färbung ging von ihm aus.
„Fünfhundert Yen, dass der nächste rot ist“, flüsterte sie gegen das dem Blitz gefolgte Donnern.
Gedanklich begann sie von zehn im Sekundentakt abwärts zu zählen. Als sie bei ‚zwei’ angekommen war, schoss ein dritter Blitz herab und fraß sich in den Blitzableiter. Er war nicht rot, wie sie angekündigt hatte, sondern durch das sein Leuchten ins Lila gehend.
„Na, da schuldet mir wer 500 Yen, so wie ich das sehe.“
Mit grimmigem Blick fingerte sie den im Wind wie wild tanzenden Gürtel und zog ihn mit einem Knoten fest um ihre Talje. Sie hatte keine Ahnung, warum sie wieder loslief und bald auf dem nächsten Hochhausdach landete und von dort sich springend weiter vorarbeitet. Warum sie überhaupt wieder hierher gekommen war, wo sie sich das weder ausgesucht noch gewünscht hatte. Und vor allem hatte sie keine Ahnung, warum sie doch wieder irgendwelchen Fremden half, die sich im normalen Alltag wohl kaum selbst helfen konnten.
Wenn sie es sich hätte aussuchen können, hätte sie diesen Leuten jedem ein kleines Stück dieser Kräfte abgegeben, die sie so hasste. Damit hätten sie alle sich selbst vor etwas schützen können, das sie nicht einmal sahen, anstatt sie mit so viel Macht auszustatten, von der ihr schwindlig wurde. Hätten die Leute ihre Kräfte bekommen, wäre alles gut gegangen. Doch so musste sie sich damit rumschlagen und weiter einen Weg finden, sie los zu werden.
Wieder aber hatte sie keine Zeit dafür. Eilte vielmehr einem neuen Ziel zu, dem sie normalerweise nie freiwillig begegnete wäre, weil es sie nicht scherte, was mit anderen geschah, und öffnete aufs Neue im Rennen und Springen die zu einer Kugel geformten Hände um einen Bannkreis entstehen zu lassen, der eben diesen Menschen half, um die sie sich eigentlich nicht scherte.
[edit: ich kann leider nur drei beiträge posten. mehr lässt das forum nicht zu^^']
Sharith - 25.03.2008, 19:58
„Ach halt die Klappe, Crawford!“
Mit diesen Worten flog eine weitere Erdnuss in Richtung der Krähe, die auf dem Fenstersims saß und anscheinend das Gewitter beobachtete, um dann bei jedem einschlagendem Blitz aufzukrächzen. Die Nuss verfehlte ihn knapp, ließ ihn zornig in Richtung der jungen Frau sehen, die seinen Blick ebenso erwiderte.
„Vergiss es. Ich geh da nicht raus. Soll sich der Schmetterling darum kümmern, dass hier ist seine Arena, nicht meine.“ fuhr sie das Tier an, drehte sich wieder herum, um mit ihren Aufgaben forzufahren. „...und selbst wenn...ich kann nichts tun, dass weißt du...nicht so lang ich keine weiteren Anweisungen erhalte...“
Damit beendete sie ihren Gedankengang und richtete ihre volle Aufmerksamkeit wieder auf das Papier, das vor ihr ausgebreitet war, und das den Anschein hatte die Stammbäume mehrerer Familien darzustellen.
Eine Falte hatte sich zwischen ihren Augenbrauen gebildet und sie biss sich unbewusst immer wieder auf die Unterlippe, als sie sich auf einem anderen Blatt Notizen machte.
Eine ganze Weile herrschte Stille, die nur vom Grollen der Donner und daraufhin von einem leisen Schnarren der Krähe unterbrochen wurde.
„Ach Scheiße...“
Sie schmiss ihren Kuli auf das Blatt und erhob sich schwerfällig.
„Das wird ja doch nichts.“
Mit einem tiefen Seufzen leerte sie ihre Teeschale, wandte sich dann ebenfalls dem Fenster zu, beobachtete die Blitze.
„Mir geht das alles viel zu schnell...das is nich gut...“ Die Krähe neben ihr machte ein Geräusch, das irgendwie zustimmend klang, nahm dann ihren Platz auf der Schulter der jungen Frau ein.
„Gut...überredet...“
Sie ging in den kleinen Flur der Wohnung, schnürte sich schwerfällig die Stiefel zu und zog einen knielangen Mantel über, bevor sie sich noch in einen langen dunkelgrauen Schal wickelte, so dass ihr Gesicht bis zur Nase verdeckt wurde.
Mit einem weiteren Seufzen nahm sie sich ihre Schlüssel und verließ mit Crawford, der wieder auf ihrer Schulter saß, und dem kleinen Buch, dass sie sicher in ihrer Tasche verstaut hatte, die Wohnung.
Es war einfach zum wahnsinnig werden. Da versuchte man in aller Ruhe Recherche zu betreiben, um zumindest eine Ahnung von dem zu haben, was einen hier erwarten würde, aber diese Idioten hatten nichts anderes zu tun, als einem Visionen zu schicken.
Frustriert bahnte sie sich den Weg durch die Straßen, versuchte den Regen zu ignorieren.
Es war ja schön und gut, wenn sie ihr helfen wollten, aber dann doch bitte auf eine Art und Weise, die ihr weniger Kopfschmerzen bereitete.
Sie sah in den Himmel, verfolgte mit dunklen Augen die Bahnen der Blitze.
„Was meinst du...Roppongi, oder? Die Regierungsgebäude...“ fragte sie ihren gefiederten Gefährten, der wiederum ein affirmatives Schnarren von sich gab.
„Super...“
Sie sah sich kurz um, verschwand dann in einer engeren Seitenstraße, auf der sich gerade niemand aufzuhalten schien. Sie zog ihre Hand aus der Manteltasche hervor, betrachtete den Ring, den sie am linken Ringfinger trug. Es war ein relativ breiter Silberring, in den ein dunkelblauer Stein eingelassen war, auf dem sich wiederum ein silbernes Kreuz abzeichnete.
„Na dann mal los...“
Sie barg das Artefakt in ihren Händen und konzentrierte sich auf den Ort an den sie wollte.
Keinen Lidschlag später stand sie am Rand des Platzes, der vor den Regierungsgebäuden lag und zog eine Augenbraue nach oben.
„Bannfeld?“ murrte sie. „So hatten wir aber nich gewettet, Crawford...“
Mit zusammengekniffenen Augen scannte sie ihre Umgebung, in der Hoffnung möglichst bald jemanden ausfindig zu machen, der für den Bannkreis verantwortlich sein konnte.
//Der einzige Trost ist, dass es niemand von der Alten Riege sein kann...die haben sowas nicht nötig...// murrte sie in Gedanken, während sie ihre Sinne schäfte.
Es war zum wildwerden: So lang sie nicht wusste mit wem sie es zu tun hatte konnte sie keine ihrer Fähigkeiten einsetzen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte sich zu verraten.
Warum musste sie immer die Drecksarbeit machen. Soweit sie wusste, waren doch schon einige andere hier in Tokyo, um diesen verflixten Schmelztiegel der Magie unter Kontrolle zu halten.
//Na warte Schwalbenschwanz, dass wirst du mir noch büßen...//
Sie stand auf dem nächsten Rand eines Hochhauses und sah weiterhin zur Präfekturverwaltung. Die Blitze waren zur Ruhe gekommen, doch nun spürte sie deutlich die Präsenz eines dieser seltsamen, dämonenartigen Wesen die eher einem Manga entstammten, als der Realität.
Hätte sie es sich aussuchen können, hätte sie jetzt die Buchdeckel geschlossen und den Band wieder zurück ins Regal gestellt – doch die Wahl bestand schon seit einigen Monaten schon nicht mehr.
Mit einem kräftigen Sprung landete sie auf dem letzten Dach direkt gegenüber der beiden hell leuchtenden Türme. Ihr gesponnener Bannkreis hatte ein ungefähren Durchmesser von einer Meile und hatte das Gebäude mit den beiden Türmen direkt als Zentrum. Das versprach zwar genügend Handlungsspielraum, konnte aber auch leicht von anderen bemerkt werden.
Zweifelnd runzelte sie die Stirn. „Hoffen wir einfach, dass heute mal keiner mir zusieht, um den ich mich dann gleich anschließend kümmern kann.“
Ein tiefes, lauteres Grollen als der Donner erklang vom Dach der Verwaltung. Sie brauchte ihre Augen nicht nach dem Wesen anzustrengen, auch wenn sie nur einen winzigen Teil seines Kopfes sah. Diese Dämonen sahen zwar alle irgendwie anders aus. Und doch ähnelten sie sich am Ende viel zu sehr, als dass Spannung aufkommen konnte.
„Ich habe keine Lust…“, flüsterte sie in die Luft.
Mit einem tiefen Seufzen auf den Lippen sah sie hinunter zu dem langsam verblassenden Körper, in dessen Mitte die elegante, schlanke Klinge eines Katanas steckte. In einer fließenden Bewegung streckte sie die Hand aus, berührte den Knauf leicht mit zwei Fingern. Als sie die Hand zurück nahm, löste sich auch langsam das Schwert wieder auf, verbarg sich irgendwo in ihr, wo sie selbst nicht mehr wusste, was da noch alles war und es auch gar nicht wissen wollte.
Ihr waren diese Kräfte so zuwider. Vor Jahren, als sie die Magie in ihr entdeckt hatte, hatte sie es mit einer gewissen Befriedigung hingenommen und es irgendwann, nach Wochen oder Monaten akzeptiert.
Doch als man ihr viel, viel mehr gegeben hatte, als sie in ihrem Kopf je aushalten konnte, hatte sie die gesamte Magie in die Hölle verwünscht. Seitdem konnte sie sich nicht mehr gegen das Klopf in ihrem Kopf wehren, wenn irgendwo in ihrer Nähe Magie zirkulierte oder Menschen waren, die zumindest ein Stück mit ihr lebten, konnte sie bei einem Gewitter nicht mehr schlafen, weil die Erde selbst Magie erzeugte und konnte sie vor allem nicht mehr das Auftreten dieser Wesen überhören, mochten sie Dämonen heißen oder nicht, weil es sie sonst innerlich zerreißen würde.
Dass sie seit dem Tag Bannkreise erschaffen konnte, gefiel ihr, doch nicht, warum sie es tat. Schon als sie das erste Mal dem Drang irgendwann nachgegeben hatte und dem Dämon ausgelöscht hatte, hatte sie schnell einen Bannkreis erschaffen müssen, weil um sie herum alles in Schutt und Asche gelegt worden war. Nicht nur von dem ‚Dämon’…
Müde sah sie hinunter auf die Straße vor der Präfekturverwaltung. Keine einzige Menschenseele war dort zu sehen, trotzdem dort eigentlich Massen sein mussten. Es war sehr angenehm so. Es war viel stiller, als sonst, die Luft schien schon jetzt ein klein wenig klarer, wo nicht tausende Autos unten vorbei rauschten. Es war viel friedlicher…
Schweren Herzens und Stimmung schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete schoss die milchige ‚Wand’ des Bannkreises an ihr vorbei und präsentierte die belebte, hektische und laute Straße unter ihr.
Ab nach Hause zu Miël. Ich sterbe vor Hunger…
Stocksteif stand sie plötzlich am Rand des Daches. Deutlich spürte sie eine starke magische Präsenz. Sie kam aber offensichtlich nicht von einem Dämon, die Energie war dafür viel zu anders. Sie konnte jetzt nicht sagen, ob sie gut oder schlecht war – das war noch nie ihr Fall gewesen- , doch eines wusste sie: Sie musste schleunigst von hier verschwinden.
Ein schneller Blick über die Schulter verriet ihr, dass der ‚Dämon’ verschwunden war und ihr Katana auch. Ein schneller Sprint brachte sie einmal komplett über das Dach, wo sie hinten hinunter sprang. Sie hatte Glück, dass in dem Moment keine Menschen auf der Gasse waren, die sie sich ausgesucht hatte. Normalerweise wäre sie über die Dächer verschwunden, bis sie sorgenfrei in einer kleinen Gasse sie wieder verlassen hatte. Doch sie wusste weder wo diese fremde Energie herkam, noch ob sie ihr gut gesinnt war. Und auf einen weiteren Kampf wollte sie es absolut nicht ankommen lassen.
Ein paar hundert Meter den Block umrundet war sie wieder auf der Hauptverkehrsstraße angekommen. Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, sodass sie ohne vollkommen durchweicht zu werden, hinauf sehen konnte.
Weder auf dem Dach der Präfekturverwaltung, die Straße hinauf und hinab, noch gegenüber sah sie jemanden, der eine solche Magie hatte ausströmen können.
Verwirrt runzelte sie die Stirn und sah wieder herab. Auf einmal spürte sie nichts mehr. Nur noch das leichte Knistern, dass das Gewitter erzeugte.
Verzweifelt fasste sie sich an die Schläfe. „Halluziniere ich etwa jetzt schon? Ich brauche etwas zu essen…“
Mit den Händen in den Manteltaschen vergraben machte sie sich auf den Weg zurück zur U-Bahn, die sie nun zwangsläufig benutzen musste, da ihr der ‚oberirdische’ Weg abgeschnitten worden war.
Zu ihrem Glück musste sie nicht sehr weit laufen und konnte ihre Füße auf der halbstündigen Fahrt ausruhen. Und zum Glück musste sie nicht sehr lang auf die Bahn warten. Sie konnte sich noch etwas kleines, warmes zu Essen kaufen und ließ sich dann erschöpft auf eine freie Bank im letzten Wagon fallen.
Seit einigen Monaten fuhr sie vermehrt und lieber U-Bahn. Hier unten war die Präsenz der Stadt nicht mehr zu Spüren, die vielen Energien der Menschen, die sie bewusst oder unbewusst aussandten, waren wie abgeblockt und vor allem kam kein noch so kleiner Hinweis auf einen ‚Dämon’ oder anderes Übel hier hinunter durch.
Als die U-Bahn langsam anfuhr und die letzten Gäste gerade noch zwischen den sich schließenden Türen hindurch sprangen, schloss sie die Augen und lehnte den Kopf an das Fenster hinter sich. Eine halbe Stunde Ruhe, dann war hoffentlich das Gewitter abgezogen und sie konnte vielleicht ruhiger Schlafen…
Mit einem grimmigen Lächeln auf den Lippen sah sie dem Geschehen zu, lehnte von Blicken verborgen an einem der Beine der riesigen Spinnenskulptur, die sich auf dem Platz vor der Präfekturverwaltung befand.
//Nicht schlecht...fragt sich nur, wer sie ist...//
Sie nahm das kleine Buch aus ihrer Tasche und begann, noch immer halb die Gestalt mit dem Katana beobachtend, darin zu blättern.
Wenn sie zu einer der Familien gehörte, müsste sich zumindest ein Hinweis finden lassen...
Sie wurde erst wieder aufmerksam, als sich das Bannfeld verflüchtigte. Sie konnte gerade noch sehen, wie das Mädchen über eines der Dächer aus ihrem Blickfeld verschwand.
„Nun gut, dann-“ Sie zuckte zusammen, als ihr Selbstgespräch von einer ruhigen Stimme unterbrochen wurde.
„Mal auf die Idee gekommen, dass es praktischer wäre, seine Präsenz etwas zu tarnen?“
Sie dreht sich mit hochgezogenen Augenbrauen um und sah in ein ebenmäßiges Gesicht auf dem ein leichtes Lächeln lag.
„Schon. Ich dachte nur nicht, dass ich so schnell Besuch bekommen würde...“ Ihr Augen wanderten über die Gestalt und Erkennen spiegelte sich in ihnen wider. „Vor allem dachte ich nicht, dass DU hier bist.“
Sie wurden unterbrochen, von Crawford, der auf die Schulter seiner Begleiterin zurückkehrte, nachdem er das andere Mädchen eine Weile beobachtet hatte.
„Ich bin also so bekannt?“ fragte der Unbekannte, nachdem der die Krähe kurz gemustert hatte.
Sie stieß sich von der Skulptur ab, bedeutete dem zierlich gebauten Mann ihr zu folgen, bis sie sich gemeinsam auf einer Bank am Rand des Platzes niederließen.
„Ich will ja nich aufdringlich sein, aber es gibt nun mal nicht allzuviele...ehm...Leute...auf die deine Aura passt...aber egal...wer war das eben?“ Sie tätschelte sanft den Kopf ihres Haustiers.
„Keine Ahnung.“ Der andere zuckte mit den Schultern. „Ich bin auch nur gekommen, weil ich das Dunkle gespürt habe. Ihre Aura ist mir unbekannt...aber vielleicht sollte ich mal nachfragen...“
Sie nickte ergeben.
„Und warum war euer Flügelpaar nicht hier?“ fragte sie dann.
„Er ist...momentan nicht in Tokyo...er ist vor drei Tagen mit seinem Wächter nach Kyoto aufgebrochen, weil dort anscheinend einiges im Argen liegt...sie glauben, dass der Meister dort irgendwo ist.“
„War der nich tot?“
Der junge Mann stand auf.
„'War' trifft es anscheinend leider sehr gut...Naja...ich mach mich lieber auf den Weg...“
Mit diesen Worten und einem Winken verschwand der in der Menschenmenge, war eine Sekunde später schon nicht mehr zu sehen.
Auch sie kam wieder auf die Beine.
//Wär ja auch zu schön, wenn diese Toten mal tot bleiben würden...//
Sie sah sich um.
Erstmal musste sie jetzt eine halbwegs verlassene Seitengasse finden, damit sie zurück in ihr Wohngebiet kam.
Später in der Nacht war sie noch immer wach, beobachtete den Himmel, der über der Metropole nie richtig dunkel zu werden schien.
Es wäre vermutlich zunächst einmal gut herauszufinden, wer dieses Mädchen heute gewesen war.
Crawford hatte ihr nur bis zu einer U-Bahn-Station folgen können, sodass sie nicht wusste, wo sie wohnte.
Aber auch das würde sich herausfinden lassen.
Ihr restlichen Gedanken drehten sich um die Begegnung, die sie heute gehabt hatte.
Als sie in ihrer Wohnung angekommen war, hatte sie alle Informationen, die sie zusammengetragen hatte durchsucht, und war tatsächlich fündig geworden.
Auch wenn sie immer noch nicht recht glauben konnte, dass sie wirklich mit ihm geredet hatte.
Sie rief sich sein Gesicht ins Gedächtnis.
Ein ebenmäßiges Gesicht, wie von Gott persönlich erschaffen.
Dunkle, warme Augen, in denen das Wissen von Ewigkeiten lag.
Volle Lippen, die weich wie Rosenblüten wirkten und meist nicht viel sprachen.
Sie schüttelte den Kopf.
Selbst wenn man es nicht wusste, musste man erkennen, dass dieses Wesen kein Mensch sein konnte.
Bisher hatte sie nur von ihm gehört: Ein Engel, der von einem Mitglied der Dunklen Familie in Versuchung geführt worden war und darauf fiel. Später hatte er sich dem Schwalbenschwanz angeschlossen, um die Wiederkehr des Meisters zu verhindern.
Und nun hatte sie ihn also getroffen.
Interessant war er allemal.
Es war viel zu früh am morgen, als sie auf ihrem Balkon stand und der aufgehenden Sonne zusah. Es war wahnsinnig kalt, sodass sie ihren eigenen Atem in kleinen Wölkchen sehen konnte und deshalb noch weniger wusste, warum sie hier draußen stand und warum sie so früh aufgewacht war. Sonst hatte sie immer weiter schlafen können, doch das war ihr absolut nicht gelungen.
Miël hatte sich nicht stören lassen. Er lag immer noch am Fußende des Futobettes und schlummerte friedlich. Erst, als sie begann die Matraze und Laken wieder zusammen zu rollen, erwachte er leicht und stieß ein undeutliches Winseln aus.
Ihr Frühstück fiel so kläglich wie immer aus. Irgendwann gegen Mittag würde sie großen Hunger verspüren, vielleicht sogar Schwindel und Übelkeit und sich dann etwas zu Essen suchen. Aber im Moment brachte sie nichts herunter.
Dutzende U-Bahn Stationen später war sie bei ihrer Arbeit angekommen. Seit ein paar Monaten half sie hier aus, bis sie sich die Studiengebühren leisten konnte. Ein paar würden es wohl noch sein. Vielleicht konnte sie im nächsten oder übernächsten Jahr dann endlich anfangen.
Sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihren Kollegen entwickelt und so machte ihr die Arbeit Spaß und sie genoss sie. Vorallem…
„Haruna-san?? Kannst du bitte mal herkommen?“ Es war ihr Chef gewesen, der sie von seinem Büro aus gerufen hatte.
Nach einem kurzen Sprint stand sie in der Tür zu seinem Büro. An dem runden Tisch vor seinem Schreibtisch, an dem häufig morgendliche Besprechungen stattfanden, saß einer ihrer Kollegen, der sich offensichtlich zuvor mit ihrem Chef unterhalten hatte.
„Hast du übernächstes Wochenende schon etwas vor?“
Verwirrt, aber aufmerksam schüttelte sie mit ihrem Kopf.
„Minawo-san kann zu dem Lehrgang nicht mitkommen, also wäre ein Platz für dich frei“, erklärte ihr Vorgesetzer.
„Natürlich nur, wenn du willst“, setzte ihr Kollege hinterher.
„Übernächstes Wochenende, ja?“ Sie blickte an ihrem Chef vorbei auf den Kalender, der hinter ihm hing. „Klar, gern!“
„Super!“, entgegnete dieser und lächelte.
Mit einem dankbaren Nicken drehte sie sich um und lief wieder zu ihrem Platz zurück. Sie hatte den Blick so weit gesenkt, dass sie im Augenwinkel ihren Kollegen noch sehen konnte, der den Kopf wieder zu ihrem Vorgesetzten wandte.
Wenn ich mit diesen Schnapsideen aufhöre, habe ich vielleicht für ein Wochenende mal Ruhe vor diesem Zirkus.
Als sie wieder vor ihrem PC saß, stützte sie die Stirn auf ihren Händen auf und seufzte tief. Sie hatte wieder Kopfschmerzen bekommen. Wie das Schlagen von Wellen an einen Strand pulsierte es in ihrem Kopf.
„Hey, magst du Nudeln haben?“ Es war einer ihrer Kollegen. Sie wusste, dass er ihr gebratene Nudeln mitbringen wollte, doch sie schüttelte mit dem Kopf.
„Nein danke, ich hole mir etwas anders.“
„Okay!“
Sie sah noch, wie er wieder verschwand und bei den anderen fragen ging, dann erhob sie sich und zog ihren Mantel vom Stuhl. Schnell hatte sie ihr Portmonee gegriffen und war aus den Räumen hinaus auf die Straße verschwunden.
Es war immer noch so kalt wie am Morgen. Der Himmel war zwar blau mit kleinen Wölckchen, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es bald schneien würde, obwohl sie nicht wusste, woher dieses Gefühl kam.
Sie lief nicht weit, zwei Blocks weiter wandte sie sich nach rechts und betrat den Buchladen, von dem sie gestern den dicken Band geholt hatte. Unschlüssig lief sie wieder nach oben in die zweite Etage, wo meistens weniger Leute waren, als unten. Hier stand viel übersetzte westliche Literatur, die nicht so viel gelesen wurde.
Nicht so von ihr. Noch immer war sie auf der Suche nach einem Hinweis, wie sie diese göttliche Macht loswerden konnte, während sie schon längst aufgegeben hatte zu begreifen, dass diese Person eine Göttin gewesen war, die ihr die Kräfte verliehen hatte. Diese vermaledeiten Kräfte, die sie gar nicht hatte haben wollen…
Mit in den Manteltaschen vergrabenen Händen führten sie ihre Füße wieder zu einem bestimmten Regal, wo sie wie so oft begann, die Buchrücken der Regal abzusuchen und später anfing einzelne Bände auf ihren Armen zu Türmen, eher sie zu der kleinen Sitzecke lief.
Heute hatte sie nur zwei alte Antiquitäten gefunden, die eigentlich viel zu teuer für sie waren, sollte sie sich für eines oder beide entscheiden. Unschlüssig begann sie in dem ersten zu lesen.
Es war wie immer. Das, was sie suchte, fand sie nicht auch wenn hier von Dingen erzählt wurde, die auch sie angingen. Doch man stellte sie sich hier nur vor, vereinfachte sie so, dass sie scheinbar unkompliziert und bequem erschienen und nun so weit weg von der Realität lagen, wie es nicht hätte sein können.
Müde lehnte sie sich an, schob das Buch ein Stück ihre Beine hinauf auf sah zu der Fensterfront, die auf die Straße zeigte.
Mit leichtem Erstaunen zog sie die Brauen hoch. Draußen schwebten leicht schräg kleine Flocken an den Fenstern vorbei und bedeckten alles mit einer milimeterdünnen, weißen Schicht.
Sie hatte noch keine Minute dem Fallen zugesehen, da wurden die Flocken plötzlich grauer, fielen schneller.
„Ame…“, flüsterte sie. Der Regen machte in wenigen Sekunden alles nass und ertränkte es in ihm. Sie konnte nur hoffen, das, wenn sie wieder raus wollte, da ihre Mittagspause nicht mehr lang weilte, es aufgehört hatte. Sie hasste Regen…
Diesmal ohne ein weiteres Buch für ihre Sammlung der nichtigen Informationen verlies sie den Regen. Es regnete noch, hatte aber schon etwas nachgelassen. Wie eine Katze verkroch sie sich in ihren Mantel und unter die Kapuze, damit sie nicht nass wurde. Mit verstimmtem Blick eilte sie so die Straße entlang zurück zu ihrer Arbeit, zu der sie inzwischen schon zu spät kam. Die Kopfschmerzen waren nicht verschwunden, waren zwar leichter geworden, pochten aber immer noch.
Vielleicht war es diesmal ja nur der Stress, der Hunger und der wenige Schlaf, der sie erzeugten und nicht wieder ein neuer Dämon, den sie doch nicht vollkommen ignorieren konnte, so sehr sie es jedes Mal versuchte.
„Erst Schnee...dann Regen...wie wär's als nächstes mit einem Gewitter?...hatten wir lang nich mehr...“ Sie stieß sich vom Fensterbrett ab, ging zurück zu dem Schreibtisch an dem sie eigetnlich schon lange wieder hätte arbeiten sollen.
„Ach jetz hör schon auf rumzumaulen Iwaya!“ meinte ihr Kollege fröhlich. „Sei froh, dass wir hier im Warmen zwischen unseren Büchern sitzen und nicht draußen arbeiten müssen...“
Sie ließ sich wieder auf ihren Platz fallen.
„Das bin ich Gotô, da sei dir mal sicher...“
//..denn was ihr nicht wisst, ist das dieser Platz irgendwie abgeschirmt ist, von dem was draußen passiert...keine magischen Einflüsse, oder nur sehr wenige, dringen bis hierher vor...//
Mit einem kleinen Seufzen machte sie sich wieder an die Arbeit und besah sich das Buch, das vor ihr lag näher.
Es war ein relativaltes Stück, sie datierte es in der Liste, auf der schon einige andere Werke aufgeführt wurden, auf die Mitte des 19. Jahrhunderts. Allem Anschein nach stammte es aus dem englischsprachigen Raums Europas.
Sie legte die Stirn in Falten.
//Wenn das mal kein Zufall ist...//
„Gotô-kun, hast das das Lexikon mit den altenglischen Dialekten gesehen?“
Der junge Mann, der noch immer auf seine eigene Arbeit konzentriert war, blickte nur kurz über seinen Tisch, reichte ihr dann das gewünschte Buch, die Augen schon wieder auf den Zeilen geheftet an denen er gerade arbeitete.
Sie schlug das Buch auf, wühlte sich durch die Beschreibungen und Texte in den einzelnen Dialekten, die von Gälisch über Angelsächsisch bis hin zu den Nordisch beeinflussten Varianten der Altenglischen Sprache reichte.
„Na also...“ brummte sie nach etwa 20 Minuten zufrieden.
Südliches Großbritanien, irgendwo in der Nähe der Grenze wischen England und Wales, auch wenn diese damals schon vereint gewesen waren.
Sie streckte sich, trug dann die Daten gewissenhaftn in die Liste ein.
Ein Blick auf die Uhr ließ sie lächeln.
Es war beinahe Zeit für sie, nach hause zu gehen.
Sie erhob sich, griff nach dem Stapel Bücher, die sie heute bearbeitet hatte.
„Ich bring die hier nach oben zur Europäischen Literatur, ok?“ informierte sie ihren Kollegen, erntete aber kaum ein abwesendes Nicken, da dieser anscheinend bis zum Haaransatz in einer altjapanischen Übersetzung steckte.
Sie verließ also das Hinterzimmer der Buchhandlung und trat nach vorn in den Verkaufsraum, wo ihr Chef gerade dabei war einige Bücher neu in die Regale zu sortieren.
„Ah, fertig für heute?“
„Ja Fukushima-san.“
Gemeinsam gingen sie nach oben, um die Bücher wieder an ihre Plätze zu stellen.
„Ich bin wirklich froh, dass du dich bei uns um diesen Job beworben hast Iwaya. Es ist schwer Leute zu finden, die sich gut mit alteuropäischer Literatur auskennen. Erstrecht, wenn es um Mythologie geht...“ meinte der Mann Ende 40 zu ihr.
„Ich bin froh einen Job gefunden zu haben, bei dem ich dieses Wissen anwenden kann. Da war das Studium wenigstens nicht ganz umsonst.“ antwortete sie lachend.
Einige Minuten später verließ sie die Buchhandlung und sah hinauf in den Himmel.
„Wagt es bloß nich jetzt wieder zu regnen...“ meinte sie mit zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen zu den schweren Wolken, die den Himmel bedeckten.
Sie wollte gerade weitergehen, als sie etwas fühlte.
Gar nicht weit von ihr.
Eine Aura, die sie da wo sie war definitiv nicht haben wollte.
//Och nö...//
Seufzend drehte sie sich wieder herum und ging nach links, anstatt nach rechts – die Richtung in der die U-bahn-station lag, zu der sie gemusst hätte.
So beschleunigte sie ihre Schritte in Richtung des kleinen Parks, der hier in der Nähe sein musste, bis sie schließlich rannte.
Als sie den Kiesweg betrat, der hindurchführte wurde sie wieder langsamer. Es war wichtiger zu hören, was um sie herum geschah, als schnell durch die Gegend zu stürmen.
Und da!
Da war doch etwas.
Ein wildes Atmen, eine andere, verängstigte Stimme, die um Hilfe bat.
Sie verließ den Weg, tastete sich mit gespitzten Ohren durch die Grünfläche des Parks, darauf bedacht nicht über irgendeine Baumwurzel zu stolpern.
Dann, zwischen zwei alten Kirschbäumen konnte sie es sehen.
Eine junge Frau, die von einem anscheinend männlichen Wesen von hinten festgehalten wurde und unter Tränen um ihr Leben flehte.
„Hat man dir nicht beigebracht, dass man eine Lady nicht zu weinen bringt?“ fragte sie.
Das Wesen sah auf, verengte die Augen.
„Was geht dich das an?“ fragte seine schnarrende Stimme in einem ungepflegten Englisch.
„Nichts eigentlich. Aber ihr seit außerhalb eures Territoriums. Bleibt in Europa wo ihr hingehört. Schlimm genug, dass ihr euch mit der Alten Riege verbündet habt...“
Die glühenden Augen des Gegenübers weiteten sich in Erkennen.
„Du?“
„Ich.“ Sie grinste. „Blöd für dich, oder?“
Sie hob ihre Hand; zwischen ihren Fingern schienen kleine elektrische Ladungen hin und der zu springen.
Die junge Frau in den Armen des Dämons fiel in Ohnmacht, wurde von ihm fallen gelassen.
Geschafft schloss sie die Tür ihrer Wohnung hinter sich und ließ sich auf den Boden fallen.
Sofort saß Crawford vor ihr, sah sie fordernd an.
„Ein Verwandelter. Noch recht jung, vielleicht 60 Jahre.“ meinte sie, als sie ihre Schuhe auszog.
„Schätze sie nutzen die Chance, jetzt wo der Wächter nicht da ist...“
Sie stand wieder auf, ging in ihr spärlich eingerichtetes Wohnzimmer, um der Krähe den Futternapf aufzufüllen und ließ sich dann auf ihr Futon fallen, das noch vom Morgen ausgerollt auf dem Boden lag.
Ferach - 25.03.2008, 20:21
„Hey, Haruna-san ist wieder da!“
Sie lächelte ein wenig verlegen, nickte und schob sich den Mantel von den Schultern. Sie wusste nicht, warum ihre Kollegen sie immer so begrüßten. Als wäre es ein Wunder oder eine Überraschung. Meistens lag es daran, dass sie eher da war, als man sie erwartete. Doch trotzdem konnte sie sich diese Reaktion immer noch nicht erklären.
Vielleicht lag es daran, dass sie sich ihre Kollegen nicht erklären konnte. Manchmal fühlte sie sich unter ihnen wie ein Wesen vom Mars.
Sie wusste genau, dass das nicht stimmte. Sie war so menschlich wie alle anderen hier, nur konnte sie ein paar Dinge, von denen die Anderen vielleicht nur Träumten.
Sie hätte sich diese Dinge nicht einmal in ihren Albträumen gewünscht.
Ihr Blick fiel auf die Uhr schräg über ihr. Sie sehnte sich ihrem Feierabend hin. Es war Freitag, Wochenende… Ruhe.
Keine viertel Stunde später hatte sie entschieden, zu gehen. Egal was ihre Kollegen denken mochten, dass sie so zeitig ging, heute war ihr es wirklich absolut egal. Andern tags fragte sie sich häufig, ob man ihr missgütig Blicke hinterher warf, wenn sie zeitig Feierabend machte. Doch heute kam sie nicht einmal auf die Idee, darüber nachzudenken.
„Schönes Wochenende!“, rief sie über die Schulter und vernahm noch den langgezogenen Dank der anderen, bevor sie hastig die Treppen herunter lief, um ins Freie zu kommen.
Erstaunt sah sie nach oben. Ganz langsam fielen weiße, kleine Flocken vom Himmel. Es war, als würde das Wetter nicht hierher gehören, war es doch viel ruhiger und sanfter, als es die Stadt je sein könnte.
Unwillkürlich streckte sie die nackte Hand aus. Ein paar Sekunden später traf die erste Flocke ihren Handteller und schmolz sofort, hinterließ nur einen kleinen, klaren Tropfen.
Hohl blickten ihre Augen auf die rechte Handfläche. Sie wusste nicht genau, was sie da sah, wusste nicht, was das zu bedeuten hatte oder was sie darüber denken sollte.
… nur etwas wusste sie. Etwas stimmte nicht.
Sie konnte ihren Blick nicht von ihrer Hand nehmen und der Flocke, die auf ihr landete. Sie spürte nur tief in sich, dass sie da etwas regte, von dem sie nicht wusste, was es war. War es ein Wahrsignal oder ein Hinweis.
Die nächste Flocke konnte sie in ihrer Feinstruktur besser erkennen. Wie ein filigraner Stern, dessen Muster sich keiner ausdenken könnte, landete sie auf der kalten, sich langsam rötenden Haut ihrer Rechten.
Ihr begannen die Augen leicht zu tränen, so sehr starrte sie die Schneeflocke an. Das Blinzeln fiel ihr schwer, ihre Augen waren wie fixiert.
Plötzlich ahnte sie, was los war und konnte sich doch nicht dagegen wären.
Eine neuerliche Flocke schwebte herab auf ihre Hand und plötzlich löste sich der Kloß in ihrer Kehle. Wie aus dem Nichts begann sie leise an zu Schluchzen.
Erinnerungen zogen an ihrem inneren Auge vorbei. Erinnerungen, die erst wenige Jahre zurück lagen, damals, als man ihre ‚normalen’, glücklichen Kräfte genommen hatte und sie gegen zehnfach so starke, göttliche Kräfte ausgetauscht hatte. Niemand hatte sie gefragt, ob sie das wollte. Niemand hatte anschließend gefragt, wie sie sich fühlte oder ihr Hilfe angeboten. Alles hatte nur auf sie hinab geblickt, mit den Augen: „Komm klar, oder du willst sterben.“
Dann tauchten die ersten Dämonen auf, die sie nun wahrnehmen konnte. Vorher hatte sie oft ein komisches oder nervöses Gefühl gehabt. Nur jetzt konnte sie es nicht mehr ignorieren. Alles in ihr schrie ihr die Präsenz des ‚Dämons’ entgegen, löste Schmerzen aus, die sie nicht abschütteln konnte. Diese ach so großartige göttliche Magie kam ihr seit dem eher wie der Fluch des Teufels vor, wenn es einen solchen gab.
Innerlich seufzte sie bitter. Es gab Götter, warum sollte es dann nicht auch Teufel geben?
Doch so sehr sie das verbitterte, die Erinnerungen wurde sie damit nicht los. Sie sah, wie langsam aber sicher all ihre Freunde ihr den Rücken kehrten, weil sie alle deutlich mit bekamen, dass sie noch seltsamer und undruchschaubarer wurde. Ihre plötzlichen Aufbrüche waren genauso seltsam wie ihre häufigen Stimmungsschwankungen.
Weinend, zitternd und völlig kraftlos ging sie unbewusst in die Hocke, schlang die Arme um die angewinkelten Beine und legte den Kopf schwer auf die Knie. Sie wusste, dass um sie herum noch Passanten waren. Sie wusste, dass man sie wahrscheinlich äußerst skeptisch musterte. Doch sie konnte sie der innerlichen Übermacht nicht wehren.
Es war eine Schande. Zwar wusste sie genau, warum plötzlich alles auf sie ein- und zusammenbrach. Aber sie konnte sich dessen nicht erwehren. Konnte keinen Gegenbann über die Lippen bringen und sich so von dieser Illusion trennen, von den Bildern die um sie tanzten.
Verzweifelt hob sie den Kopf und sah mit verschwommenen Augen über ihre Beine hinweg vor sich. Alles war von Schnee bedeckt. Wie im tiefsten Winter lag alles unter einer zentimeterdicken Schicht, die bläulich zwischen dem leichten Nebel schimmerte. Die Straßenfronten, Häuser und Menschen waren langsam verschwunden. Nun schneite es nur noch sachte, so dass man es nur schwer wahrnehmen konnte.
Ein ersticktes Fluchen entfuhr ihrer Kehle. Unwillkürlich senkte sie wieder den Blick und legte die Stirn auf die Knie.
Sie wollte diese Gedanken und Bilder loswerden und konnte es nicht. Sie wusste, dass sie es nicht konnte, weil das nicht nur reine Illusion war. Diese Dinge von ein paar Jahren beschäftigten sie noch heute. Da musste ein Dämon nur das richtige Ventil finden und schon sprudelten alle erschütternden Emotionen und Erinnerungen wie von selbst.
Doch woher wusste er von ihm? Wie konnte ein Dämon, der sie nicht kannte, so schnell ihren Schwachpunkt finden und ihn ausnutzen, sie mir nichts dir nichts in eine Illusion führen, aus der sie mit reiner Willenskraft eigentlich nicht mehr hinaus kommen würde?
Diese Erkenntnis riss sie noch weiter hinab in ihr schwarzes Inneres, in dem sie sich selbst beschuldigte und bemitleidete, für das, was gesehen war. Eigentlich wusste sie, dass sie es nicht mehr ändern konnte. Doch jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher.
Mit dem Mantelärmel versuchte sie die Tränen wegzuwischen, um wieder etwas zu sehen. Doch außer Schnee, kleinen Hügeln und einem nebeligblauen Himmel konnte sie nichts weiter erkennen.
Ihr war kalt. Sie zitterte so sehr, dass ihr schon alle Muskeln im Leib weh taten, aber es gelang ihr nicht, das Zittern zu unterdrücken.
„Du verdammter Dämon!“, flüsterte sie mit tränen erstickter Stimme, „ich weiß das du das bist!“ Sie schluckte, versuchte wieder Luft zu bekommen. Es wunderte sie, dass sie, noch jetzt, Bitternis und Abscheu in die Stimme legen konnte.
„Ich weiß genau, dass das nur eine Illusion und nicht die Realität ist!“
Ihre Stimme wurde sofort von der Kälte geschluckt, sodass sie sie kaum selbst hören konnte. Kleine Wölkchen stiegen vor ihrem geöffneten Mund auf.
„Glaub nur nicht, dass ich dir nachgeben werden“, sprach sie, wispernd, mit kaum noch vorhandener Kraft. „Ich werde mich nicht töten… ich werde mich nicht umbringen…!“
Schwer atmend starrte sie gerade aus, versuchte, irgendwo Energie in ihrem Körper oder Geist zu finden. Nicht, um Magie anzuwenden, sondern um aufzustehen.
Doch sie fand nichts. Immerzu sah sie, ihre beste Freundin sie erschüttert und voller Furcht anstarrte, bevor sie sich Hals über Kopf von ihr wegdrehte und davon rannte. Und damit in Sicherheit, weg von dem Dämon, den sie damals gerade noch hatte abwehren können, bevor er ihre Freundin hatte töten können.
Verzweifelt streckte sie die Hand nach ihrer rennenden Freundin aus, als könnte sie sie damit noch festhalten. Doch ihre Hand langte ins Leere. Es war nur ein Bild, das vor ihr im Nebel tanzte, nicht die Realität. Und doch wahre Geschichte.
Ihr kamen wieder die Tränen, unaufhaltsam und heftig. Kaum Luft zum Atmend zwischen dem Schluchzen bekommen stieß sie flüster leise aus: „Ich werde dir nicht nachgeben! ... ich werde… nicht sterben…“
„...naja...und danach bin ich eben wieder nach Japan gekommen. Ich konnte mich schlecht gegen die Anweisungen wehren, aber ich hätte es auch sonst getan...ich finde das alles etwas zu merkwürdig, um nicht ein bisschen neugierig darauf zu werden, was hier demnächst so alles passieren soll...“ Lächelnd sah sie ihr blondes Gegenüber an. „Und wieso bist du wieder hier?“
Shinya zuckte leicht mit den Schultern.
„Ich hab ja schon erwähnt, dass der Schwalbenschwanz in Kyoto ist...er und der Wächter werden frühestens in 2 Tagen zurück sein...“
„...und du dachtest es ist besser, wenn wenigstens du da bist, als gar niemand.“
„Genau.“
Der junge Mann sah sie ein paar Momente forschend an.
„Wo ist dein Wächter?“
Ein kaltes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie blieb stehen, sah sich kurz in dem Park um, in dem sie den wundersamen Mann das zweite Mal getroffen hatte. Dann streckte sie die Hände aus und sah zu, wie einige Schneeflocken darauf landeten, bevor sie zu einer Antwort ansetzte.
„Ich habe keinen Wächter.“
„Aber je-“ Mit einer abrupten Handbewegung stoppte sie ihn in seiner Antwort.
„Mein Wächter ist tot.“
Diesmal nickte der Blonde noch.
Sie selbst sah nach oben in den Himmel.
„Ich musste meinen Wächter töten...die Alte Riege hatte ihn unter Ihre Kontrolle gebracht. Ich hätte nichts anderes tun können. So kann ich hoffen, dass er in Frieden ruht.“ Sie wandte sich dem Mann, der neben ihm stand wieder zu. „Ich habe mich danach – anscheinend erfolgreich – geweigert einen neuen anzunehmen. Das ist der einzige Grund, weshalb ich direkt von ihnen Anweisungen bekomme.“
Langsam gingen sie weiter, liefen schweigend durch den Park, der jetzt langsam vom Schnee verhüllt wurde.
Sie wusste nicht, was der Ältere an ihrer Seite dachte, dazu war sie viel zu sehr mit ihren eigenen Erinnerungen beschäftigt. Dinge, die sie nie vergessen wollte, die schmerzten, die aber genauso ein Teil von ihr waren, wie alles andere auch. Es hatte Zeit gebraucht diese Tatsache zu akzeptieren, doch es war ihr gelungen, nicht zuletzt, weil sie gewusst hatte, dass er lieber gestorben war, als ihren Feinden zu dienen.
Sie wurde abrupt aus ihren Überlegungen gerissen, als Shinya die am Oberarm packte und wieder stehenblieb.
„Wir haben Besuch. Fühlst du es?“
Sie richtete sich auf, versuchte ihre Sinne zu entfalten.
„Ja...er ist hier ganz in der Nähe...“ antwortete sie nach kurzer Zeit, stockte dann. „...ich...höre jemanden weinen...eine Seele weint...gefangen in Erinnerungen...“ Die Aura kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht woher. Nach kurzem Überlegen sah sie ihr Gegenüber an: „Kannst du dich um den Dämon kümmern?“
Shinya nickte und war einige Augenblicke später einfach aus der Szenerie verschwunden.
Sie selbst sah sich kurz um, verließ dann den Weg, um einige Schritte später zwischen den Bäumen stehen zu bleiben.
Ohne zu Zögern ließ sie sich im Schneidersitz auf dem kalten, verschneiten Boden nieder, schloss die Augen und öffnete ihren Geist, bis sie die Pforte erkennen konnte, die ihr Eintritt in die Illusion des Dämons gewähren würde. Sie schritt darauf zu, ging hindurch und betrachtete die Gedankenwelt der gefangenen Seele.
//...ziemlich düster...//
Sie blieb einen Moment stehen, ließ die Welt auf sich wirken, bis sie wieder die Schluchzer hören konnte.
Da weinte jemand und das nicht einmal weit von ihr entfernt.
Sie konzentrierte sich auf die Richtung aus der die Geräusche an ihr Ohr klangen, lenkte ihre Schritte dahin, während die Bilder um sie herum ständig wechselten. Es waren Erinnerugen.
Sie versuchte bewusst, diese Bilder nicht anzusehen, denn ihr selbst würde es nicht unbedingt gefallen, wenn jemand erst in ihren Geist eindringen und dann auch noch in ihren Erinnerungen herumwühlen würde.
Nach einiger Zeit sah sie entfernt jemandem auf dem formlosen Boden sitzen und beschleunigte den Schritt.
//Da bist du ja...//
Ein paar Meter von der jungen Frau entfernt blieb sie stehen.
//Tief versunken...die Arme...//
Sie ging in die Hocke, um die Gestalt vor sich besser sehen zu können, während sie selbst anscheinend nicht einmal bemerkt wurde.
Nach einiger Zeit richtete sie sich wieder auf.
Shinya sollte sich beeilen.
Sie kramte kurz in ihrer Umhängetasche, holte bestimmte Gegenstände hervor.
Die geweihten Räucherstäbchen zündete sie an und befestigte sie anschließend im Boden zu ihren Füßen. Sie würden sie selbst schützen, sollte der Dämon auf den Eindringling aufmerksam werden.
Dann entzündete sie auch die Kerze.
Langsam überwand sie die letzte Distanz zu dem Mädchen, ließ sich ihr gegenüber nieder.
„Da bist du ja ganz schön in was reingeraten...“ sagte sie leise, während sie die Kerze ebenfalls im Boden befestigte. „...jemanden so tief in eine Illusion zu ziehen, der eine solche Kraft hat wie du, ist sicher ein Stück Arbeit...“, sie schüttelte kurz den Kopf über sich selbst, „nein...wahrscheinlich ist es recht einfach...“
Sie sah sich kurz um.
„Naja wie auch immer...ich sollte mich beeilen...ich will nicht ewig hier bleiben...und du vermutlich auch nicht...“ Ihre Stimme war sanft, aber drückte trotzdem Bestimmtheit aus. „Also dann...“
Sie legte sie Hände über der Kerzenflamme zusammen, als würde sie beten, formte dann in ihrem Geist die Zeichen, die nötig waren und kurz über der Flamme aufleuchteten. Dann beugte sie sich nach vorm, legte ihre Hände an die Wangen des Mädchens, die feuchte von Tränen waren.
„Bleib hier...“ flüsterte sie und das erste Zeichen erschien auf der Stirn des Mädchens.
„Wach auf.“ Das zweite Zeichen flammte auf.
„Öffne deine Augen.“ Das finale Zeichen leuchtete hell gegen die Dunkelheit, die begonnen hatte sie einzuhüllen, als die Illusion sich verflüchtigte.
Vermutlich hatte Shinya den Dämon gefunden.
Das Mädchen wachte nicht auf.
//Verdammt...//
Sie verringerte den Abstand zu ihr, stieß dabei beinahe die Kerzen um und hielt ihr Gesicht fest in ihren Hände.
„LEBE, verdammt nochmal!“
Mit ihrem Herzschlag zwang sie einen Teil ihrer Kraft in den Geist des Mädchens.
Einen Moment später lang sie schwer atmend auf der schneebedeckten Wiese im Park.
Sie konnte nur hoffen, dass es gereicht hatte.
Sonst wäre sie mit dem Tod des Dämons für immer in dieser Illusion gefangen und würde mit ihm untergehen.
Es war kalt geworden. Sehr kalt sogar.
War es heute Morgen auch schon so kalt gewesen? Es hatte noch nicht geschneit, aber war es auch so kalt gewesen? Vielleicht nicht, doch jetzt passte der Schnee wenigstens besser zu der Kälte.
Wo war sie? Wieso wusste sie das eigentlich nicht mehr? Lag es an der Kälte, die sie wie eine gefrorene Decke einhüllte?
Sie versuchte darüber nachzudenken, doch irgendwie fiel ihr das viel schwerer, als sie erwartet hatte.
Es war so kalt…
Wo war sie vorhin gewesen? Auf Arbeit. Sie hatte zeitiger Schluss machen wollen, weil… Warum?
Kalt.
Plötzlich merkte sie kalte Tropfen. Zwischen den auf ihrem Gesicht verteilten Haaren rann kaltes Wasser in winzigen Tropfen hindurch. Nein, keine Tropfen, Schnee. Schneeflocken.
Vorsichtig zog sie die Stirn kraus. Ja, es waren Schneeflocken zwischen den Haarsträhnen.
Wo war sie nun?
So kalt unter ihr. Warum war es nur so kalt… auf einer Seite?
Eine Seite… ja, unter ihr war es viel kälter als über ihr. Was bedeuten musste, dass… sie lag.
Langsam versuchte sie ihre Hand unter ihrem Körper vorzuziehen, spürte, dass sie auf ihr lag. Dass Schnee um sie lag, der kalt wie Eis war.
Warum lag sie im Schnee? Was hatte sie hier her gebracht? Warum lag sie?
Ein unbewusstes Stöhnen entfuhr ihrer Kehle. Durch es ausgelöst vernahm sie ein leises, kaum wahrnehmbares Scharren. War es der Schnee, der von einem kleinen Hügel sich auf einen neuen auftürmte?
Wieso war sie hier unten?
Ich… muss aufstehen.
Wieder stöhnte sie. Ihr Körper fühlte sich wie Stein an. Schwer und unförmig. Zentnerschwer und ungelenk.
Irgendwie schaffte sie es, beide Hände ausgestreckt unter ihren Körper zu bekommen. Auf diese stützte sie sich jetzt schwer fällig und versuchte das erste Mal, ihre Augen zu öffnen. Sie waren ebenso schwer, wie der Rest ihres Körpers.
Schließlich gelang es ihr doch noch. Und tatsächlich, unter ihr lag zerdrückter Schnee, dekoriert von ihren dunkelroten Haaren, die sich in großzügigen Kringeln auf ihm verteilten.
Schmerzhaft verzog sie das Gesicht. Sie hatte nur versucht den Fuß ebenfalls unter den Schwerpunkt zu ziehen, doch die Gelenkpfannen ihrer Hüfte waren offensichtlich anderer Meinung. Von ihnen ging ein unangenehmes Ziehen aus, als hätte sie Muskelkater.
Doch woher sollte er kommen? Sie erinnerte sich an nichts mehr…
Mit einem weiteren Stöhnen schaffte sie es, in die Hocke zu kommen. Angesäuert und erschöpft schob sie die verlorenen Haarsträhnen wieder zurück in die Kapuze, bevor sie sich gegen den fallenden Schnee über den Kopf warf.
Fallender Schnee…
Sie hatte das Gefühl, sich zu erinnern. Vor ihrem inneren Auge tauchte plötzlich eine Winterlandschaft auf, die ihr nur zu bekannt vorkam. Sanfte, blau schimmernde Hügel. Viel Nebel und ein paar zugeschüttete Fußspuren.
Woher kannte sie das?
„Wo zur Hölle bin ich nur?!“
Sie stieß einen heillosen Fluch aus und hob den Kopf. Bäume… dutzende Bäume, die vom Schnee eingehüllt wurden. Ein paar Sträucher, mit Puderzucker dekoriert. Ein zugeschneiter Weg, eine Bank.
„Ein Park?“
Sie konnte ihren Worten, wie sie ihren Mund verließen, sofort nicht trauen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob das überhaupt ihre eigene Stimme war, die sie da gehört hatte.
Verwirrt sah sie nach oben. Aus einem dunkelbraunen Himmel fielen langsam weiße Flocken auf sie herab, sodass sie bald wieder den Blick senken musste, da der Schnee ihr in die Augen fiel.
„Verdammt wie komme ich hier her?“
Angesäuert und sich langsam wieder ihres Verstandes bewusst griff sie sich an den pochenden Schädel. Es fühlte sich an, als wenn zwischen Gehirn und Schädeldecke ein kleines Männchen mit einem Hammer säße, dass in einem unzerstörbaren Rhythmus gegen ihn schlug.
Ein Dämon? War ein Dämon an ihrer Erinnerungslücke und Desorientierung schuld?
Wahrscheinlich…
Sie fluchte wieder. Sie wusste nicht, wie sie hier her gekommen war, wusste nur noch dunkel von einer düsteren Winterlandschaft, die sie nicht recht einordnen konnte und wusste vor allem nicht, wo dieses ‚hier’ war!
Sie hoffte nur, dass es noch Tokyo war. Wenn sie in Osaka gelandet sein sollte, würden alle existierenden Dämonen so sehr dafür büßen, dass ihre Existenz stark gefährdet sein würde.
Wieder sah sie hinauf und schnupperte. Kälte, Schnee… Stadtluft, trotz der Bäume um sie herum.
„Ihr verdammten… zur Hölle gehenden… nervigen…“ Sie musste selbst ein wenig schmunzeln. Ihr gingen die Flüche nicht aus, also konnte es noch nicht ganz so schlecht um sie bestellt sein. Vielleicht war sie noch in Tokyo, vielleicht sogar in der Nähe einer U-Bahnstation. Und vielleicht hatte sie ja sogar pünktlich die aktuelle Wasserrechnung bezahlt und würde heute Abend – oder war es schon Mitten in der Nacht? – ein warmes Vollbad genießen dürfen.
Reichlich mies drauf klopfte sie sich den hartnäckigen Pulverschnee von Hose und Mantel, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich gänzlich aufstehen konnte. Er war ja eigentlich sehr schön. Melancholisch und erinnerte sie irgendwie an den Tod. Nur wenn man unerklärlicherweise wegen einem Dämon in ihm, mitten in einem wahrscheinlich gut besuchten Park, lag, dann hörte der Spaß gehörig auf.
Diese kreuzverdammten, nervtötenden, nichtsdienlichen Dämonen, die die Welt nicht brauchte! Warum nur musste sie ständig und immer mit ihnen aneinander geraten?! Dass sie ständig Kopf-, Magen- und Gliederschmerzen hatte, dass es sie wahnsinnig machte! Es wurde langsam absolut zu viel!
„Verdammte Dämonen - Kopfschmerzen!!!“, stieß sie überlaut von ihrem Zorn überwältigt aus, egal, wer sie hören mochte, oder nicht.
Abrupt drehte sie sich um. Als hätte man sie soeben erstarren lassen, hielt sie die rechte Hand an ihre Schläfe gehoben und starrte ungläubig hinter sich.
Das war kein Dämon. Die Kopfschmerzen stammten nicht von einem Dämon, der wieder aufgetaucht war, die Menschheit zu dezimieren.
Deutlich spürte sie eine übergroße Ansammlung an Magie in einer Person. …Sogar noch stärker als bei einem Dämon… viel stärker.
Kaum hatte sie die Richtung gefunden, aus der die Aura kam, schoss ein neuer, blitzartiger Schmerz durch ihren Kopf, sodass sie unwillkürlich die Augen zukniff. Nur mit Mühe gelang es ihr, den Schmerz wegzuatmen, irgendwie über ihn hinweg zu gehen und die Augen wieder zu öffnen.
Sofort fiel ihr Blick auf eine junge Frau, keine zwanzig Meter von ihr weg vor einer Parkbank hockend. War sie es? Konnte eine einzelne Person so viel Energie oder Magie in sich tragen? Zwar hatte sie keine Vorstellung, wie viel in ihr selbst steckte und wie sich das für andere anfühlen musste, doch es fiel ihr schwer, zu glauben, dass es so viel wie bei dieser Person war.
Mit angestrengten Augen versuchte sie mehr von der Frau zu erkennen. Überzeugt, dass sie die Magiequelle war, war sie nicht. Doch irgendwie kam niemand sonst in Frage.
Doch kaum, dass sie vielleicht hätte das Gesicht erkennen können, schossen wieder die frostkalten Blitze durch ihren Kopf. Als hätte sie der Schlag getroffen, musste sie in die Knie gehen, stieß mit dem rechten durch den Schnee auf den harten Kiesweg auf, konnte sich mit dem anderen Fuß gerade noch abfangen.
Wie verrückt presste sie die rechte Hand gegen die Stirn, als würde das die Schmerzen vertreiben können. Mit der Linken ballte sie halb erzürnt, halb erstaunt die Faust um den Schnee.
„Verdammt“, hauchte sie gepresst zwischen den zusammen gedrückten Kiefern aus, „bist… bist du das etwa?“ Sie hatte keine Ahnung, wieso sie überhaupt etwas gesagt hatte, konnte sie sich so doch so verraten wie ein weißes Reh im dunklen Wald. Vielleicht hatte der pochende Schmerz ihr doch noch den Verstand genommen?
Ein paar Minuten hatte sie dagelegen und sich von der Anstrengung erholt, in einer fremden Illusion so starke Magie wirken zu müssen.
Sie hoffte nur, dass es auch etwas genützt hatte und das Mädchen hatte entkommen können.
Mit einem Seufzen richtete sie sich auf, durchbrach mit einer Handbewegung den Schutzkreis und schüttelte sich den Schnee aus den Haaren. Langsam kam sie auf die Beine und merkte erst jetzt so recht, wie sehr ihr die Kälte in den Körper gekrochen war.
Sie befreite jetzt auch den Rest ihres Körpers vom Schnee und ging dann langsam wieder in Richtung des Weges, auf dem sie sich vorher mit Shinya unterhalte hatte. Vor einer Parkbank blieb sie stehen, wollte sich gerade setzen, als ihr etwas auffiel, dass zu ihren Füßen im zusammengetretenen Schnee lag.
Sie ging in die Knie, befreite das kleine, zerbrechlich scheinende Objekt aus seinem eisigen Gefängniss und nahm es vorsichtig in die Hand, damit es nicht zerbrach. Sie hielt die Hand näher an ihr Gesicht, inspizierte aufmerksam, den kleinen, erfrorenen Schmetterling, der bewegungslos auf ihrer Handfläche ruhte.
//Schwalbenschwanz...//
Das konnte kein gutes Zeichen sein. Wie alles andere auch, das passierte seit sie hier war.
Sie zog eine Augenbraue nach oben, als eine andere Empfindung sie aus ihren Gedanken holte. Jemand kam zu ihr. Jemand mit Magie. Und die Aura passte ganz augenscheinlich auf das, was sie bei dem Mädchen gespürt hatte, dessen Geist sie gerade besucht hatte.
Es wäre vielleicht besser gewesen, die eigene Magie zu verstecken, sie wieder so zu versiegeln, dass nichts davon nach außen drang und niemand merken würde, was ihr innewohnte – doch dazu war es nun zu spät.
Sie spürte, dass sie beobachtet wurde.
Innerlich seufzte sie. Um hier noch ungesehen wegzukommen war es nun sowieso zu spät. Bösartig war ihr die Aura des Mädchens auch nicht erschienen, sonst hätte sie ihr nicht einfach so geholfen. Wer weiß, vielleicht hatte sie ja einmal Glück und die Unbekannte war jemand, der die gleichen Ziele hatte, wie sie.
Inmitten ihrer Gedanken dran eine leise Stimme an ihr Ohr, die sie wahrscheinlich sowieso nur hörte, weil ihre Sinne noch so übermäßig geschärft waren von dem, was sie getan hatte.
Langsam stand sie wieder auf, verstaute dabei den Schmetterling vorsichtig in ihrer Jackentasche. Dann drehte sie sich um, musterte die junge Frau, die ihr in einiger Entfernung gegenüberstand und versuchte sich an einem Lächeln.
„Sieht wohl so aus, wenn du mich gefunden hast.“ antwortete sie dann ruhig und unterzog ihr Gegenüber einer eingehenden Musterung. Alles in allem sah sie aus, als ob sie in Ordnung wäre, etwas zerzaust, etwas wackelig auf den Beinen, aber definitiv am leben und auch nicht verletzt. Zumindest physisch.
Und auch in ihr schlummerten gewaltige Kräfte. Kräfte die ihr sehr als erschienen. Vermutlich sogar noch älter, als die ihrigen, oder die der anderen Flügel.
Bliebe nur noch die Frage zu klären, wie das Mädchen eigentlich hierher kam.
Sie hatte sie zwar in der Illusion nahe bei sich gefunden, physisch aber müsste sie sich an einem viel weiter entfernten Punkt Tokyo's befunden haben.
Und sie hatte schon gedacht, sie hätte das langsam unter Kontrolle und würde die Leute bei sowas nicht unnötig durch die Gegen schieben.
Innerlich zuckte sie die Schultern.
Immerhin war der Dämon tot und das Mädchen lebte.
Das musste reichen.
Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, lächelte noch einmal.
Dann ging sie auf die andere zu, bis sie ihr in einem angemessenen Abstand gegenüberstan.
„Iwaya Shiori.“, meinte sie mit einer leichten Verbeugung. „Kann ich dich als Entschädigung dafür, dass ich dich so durch die Stadt gezerrt habe zu mir nachhause auf einen Tee einladen?“ fragte sie noch freundlich.
Das Mädchen erschien ihr interessant.
Sie zögerte. Plötzlich verschwanden die Kopfschmerzen langsam. Wie bei einem lauten Geräusch, dass jemand abdrehte, wurde das Pochen immer leichter, bis es nur noch ein leichtes Drücken war.
Aus Reflex verbeugte sie sich ebenfalls, als Iwaya-san sich vorstellte.
"Freut mich. Haruna Misia." Sie versuchte ein Lächeln, was ihr diesmal, ohne Kopfschmerz, schon besser gelang.
Unbewusst drehte sie sich um. Suchte den Park nach Hinweisen ab. Immer noch wusste sie nicht, wo sie war und war nun auch noch eingeladen worden. Von einer Frau, die ihr durch ihre Magie fast den Kopf gesprengt hatte.
Misia sah sie an, versuchte gar nicht erst, ihre Zweifel zu verbergen. Nach dem Stress mit dem Dämon und der Aufregung danach fühlte sie sich jetzt matt und müde. Wenn sie ehrlich war, konnte sie den Tee eigentlich gut gebrauchen.
"Wieso Entschädigung?" Sie war irritiert. "Ich würde zwar sagen, dass ich vor ... einiger Zeit, noch bei meiner Arbeit war, aber durch die Stadt gezerrt? Ich habe mich ja nicht mal aktiv bewegt. ...Zumindest denke ich das.." Sie versuchte sich ein Lächeln abzuringen.
"Ich hasse diese Dämonen." Ihr Blick wurde bitter. Ohne es Recht zu bemerken, lief sie los, sodass Iwaya es ihr gleicht tat und schnell die Führung übernahm.
"Ich kann mich nciht mehr erinnern, was unmittelbar vor dieser Illusion geschehen ist. Nur... dass ich Feierabend gemacht habe und runter gelaufen bin..." Sie wusste nicht recht, warum sie das alles einer Fremden erzählte, aber da auch diese Magie in ihrem Leben hatte, schien es Misia irgendwie erlaubt. Immerhin hatte sie sich noch nicht bei einem menschlichen Wesen aufregen können. Sonst hatte es immer nur ihr Hund zu hören bekommen, der wohl schwer etwas davon vestand, auch wenn er, dank seiner tierischen Instinkte, spürte, wenn sich ein Dämon näherte.
"Und dann..", zuckte sie ungerührt mit den Achseln, "bin ich in diesem Park aufgewacht, den ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe." Sie seufzte tief.
"Ich erinnere mich noch an Schnee. Und eine dunkle Welt. Aber nur schemenhaft. Keine Ahnung, was das zu bedeuten hat. Das weiß ich nie..."
Das nächste Seufzen war erzürnter. "Ich habe wirklich keine Lust mehr auf diesen Mist." Zur Verdeutlichung ihrer Wort hob sie im Gehen ihre Rechte. Als sie die zur Faust geballte Hand öffnete, entfachte sich aus dem Nichts eine blausilbern schimmernde Flamme. Es geschah so kurz, dass Iwaya es noch sehen konnte, die anderen Passanten um sie aber kaum mitbekommen konnten.
"Seit ich denken kann, habe ich diese Flamme in mir. Sie ist nicht wie normales Feuer heiß und brennend. Das ist sie nur, wenn ich es will."
Sie machte ein Pause. Ihr Blick wurde hart und unbarmherzig. "Aber diese anderen Kräfte..."
Misia wollte nicht mehr weiterreden. Schon wenn sie nur an diese Nacht dachte, die ihr Leben vollkommen zur Hölle gemacht hatte, wollte sie am Liebsten mindestens einen ganzen Häuserblock vernichten. Egal ob Unschuldige dabei drauf gingen oder nur Dämonen. Das Schlimme war nur, dass sie wusste, dass sie dazu in der Lage war. Sie konnte seit dieser Nacht solche Zerstörung anrichten und keinen interessierte es. Und nicht selten hatte ihr das mehr Angst bereitet als vor allen Dämonen, die sie bis heute fast getötet hätten, zusammen.
Im Augenwinkel musterte sie Iwaya. Was sie wohl dachte. Vor allem, was sie denken musste, dass eine Fremde ihr einfach so ihre Erlebnisse mit der sonst so geheimen Magie erzählte? Verwirrt griff sich Misia an den Kopf. Was tat sie hier eigentlich? Warum erzählte sie ihr das? Woher sollte sie wissen, dass sie dieser Fremden vertrauen konnte? Zwar hatte diese sie zwar offensichtlich aus der Illusion befreit, aber konnte das nicht bloß ein kluger Schachzug gewesen sein? Vielleicht war es reine Methode um ihr Vertrauen zu erschleichen.
Innerlich seufzte sie erneut. Sie hatte sich von ihren Emotionen einfach übermannen lassen, vorallem von ihrem Ärger und hatte ihn, angesichts ihrer Situation, einfach rausgelassen.
Was sie nun tun sollte, wusste sie selbst nicht. Sie hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn sie sich bei Iwaya nieder ließen, also war sie zum Warten verdonnert.
Was sie wohl tun würde, wenn sich der nächste Dämon ankündigte? Sie wusste ja nicht, inwieweit Iwaya schon mit ihnen zu tun hatte und vorallem auf welcher Seite sie stand.
So langsam bekam sie schon von all dem vielen Nachdenken Kopfschmerzen. Inzwischen brauchte sie also keinen Dämon mehr, um zu leiden, dachte sie bitter.
Misia hatte es versäumt sich den Weg bis hierhin zu merken. Ob sie zurück oder nach Hause fand, wusste sie nicht recht. Einerseits beunruhigte sie es, dass wieder nicht wusste, wo sie war und damit erneut die Kontrolle an jemanden anderen abgeben hatte. Andererseits wollte es ihr einfach nur egal sein. Sie hatte keine Lust mehr, sich auch noch um so etwas Gedanken zu machen.
Wieviele Jahre machte sie das jetzt? War sie wirklich blutjunge Sechzehn gewesen, als die Götter gerade sie hatten bestrafen müssen? Diese vier Jahre erschienen ihr wie mindetens zwanzig. So viel war dazwischen geschehen, dass ihre Erinnerung zum großen Teil nur noch Bruchstückhaft war. Nie hätte sie all die Dämonen aufzählen können, die unter ihrer Hand gestorben waren.
Waren es vielleicht aller drei Tage einer, mussten es inzwischen so viele hundert sein, dass sie sich auch nicht erinnern wollte. Doch nie war ihr ein Mensch in dieser riesigen Stadt begegnet, der ähnliche Kräfte, wie sie, besaß.
Sie sah Iwaya fragend an, die vor einem Haus stehen geblieben war. Es war bitter kalt geworden und zudem hatte noch ein schneidender Wind eingesetzt. Der Schnee hatte aufgehört zu fallen, was der winterlichen Atmosphäre jedoch nichts abbrach.
Vorsichtig sah sie an dem Haus hinauf. Unbewusst überprüfte sie, wie sie am schnellsten würde heraus kommen, bevor sie der Fremden in deren Wohnung folgte.
Sharith - 25.03.2008, 20:27
Sie hatte Haruna schweigend zugehört, bis sie bei ihrer eigenen Wohnung angekommen war. Ihr Gedanken waren förmlich gerast, um die neuen Informationen aufnehmen zu können.
Shiori führte ihre neue Bekanntschaft nach oben in ihre Wohnung, den Blick den diese nach Fluchtmöglichkeiten suchen um sich geworfen hatte ignorierend.
„Sorry, es ist etwas unordentlich...“ meinte sie als sie die Wohnung aufschloss und ihren Gast hinter sich hereinbat.
Sie hörte das übliche Schnarren und Flügelrascheln und ein paar Momente später landete Crawford auf ihrer Schulter, sah das fremde Mädchen kritisch an. Sie strich ihm beruhigend über den gefiederten Kopf.
„Crawford, das ist Haruno Misia. Ich hab sie gerade kennen gelernt. Sie ist Magieträgerin.“ erklärte sie ihm, zog dann ihre Schuhe aus.
Als auch Haruna sich ihrer Schuhe entledigt hatte führte sie sie in das kleine Wohnzimmer, wo sie schnell einige Bücher und andere Schriften beiseite räumte.
„Du kannst dich ruhig umsehen, wenn du magst...“ meinte sie dann und verschwand kurz in der Küche, um das Wasser für den Tee aufzusetzen.
Dann betrat sie das Wohnzimmer wieder und sah ihre Begleiterin nachdenklich an.
„Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemanden mit so enormen Kräften hier treffen würde...aber diese Stadt zieht uns wohl an...“ begann sie dann. Mit einem Lächeln fügte sie hinzu: „Ich muss mich trotzdem entschuldigen. Ich hätte dich nicht auch physisch bewegen dürfen, durch die Illusion. Es war nicht beabsichtigt, aber das hab ich manchmal nicht ganz unter Kontrolle...Aber Hauptsache ich hab dich da lebend herausbekommen, ne?“
Sie verschwand mit einem Lächeln abermals in der Küche, um einige Minuten später mit einem Tablett zurückzukommen, auf dem sich frisch aufgegossener grüner Tee, zwei Trinkschalen und einige traditionelle japanische Süßigkeiten befanden. Sie stellte es auf dem Tisch ab und bedeutete Misia sich zu setzen, während sie sich selbst auf dem zweiten Sitzkissen, das dem der anderen gegenüber war, niederließ.
Sie goss beide Schalen etwa halb voll und reichte ihrem Gast eine, während sie einige Schlucke aus der anderen nahm.
„Du warst das auch letztlich in Roppongi, oder?“ fragte sie dann mit einer gewissen Neugier in der Stimme. „Ich war wirklich überrascht, jemanden mit solchen Fähigkeiten zu treffen...so etwas kommt selten vor...“ Sie musterte das anscheinend etwas jüngere Mädchen mit einem durchdringenden Blick.
„...und das in dir zwei verschiedene Arten von Kräften wohnen, hab ich vorhin schon gespürt...ich würde mal darauf tippen, dass du in dieser Form „erschaffen“ worden bist, oder? Du warst nicht von Geburt an so...“
Sie trank noch einige Schlucke, nahm sich dann eine der Süßigkeiten, die wie ein kleiner Fisch geformt war und biss genüsslich ein Stück ab.
„Und wenn ich mich nicht vollkommen irre – was im übrigen beinahe die der Fall ist – dann ist das was hier an Dämonen rumläuft erst der Anfang. Es dürfte bald relativ ungemütlich werden hier...“
Misia starrte in den Becher in ihren Händen. Durch ihre unbewussten Bewegungen kräuselte sich die grünliche Oberfläche leicht und ließ so auch ihr Spiegelbild seltsam verzerrt aussehen. Sie drückte die Finger so sehr den leicht gewellten, oberen Rand des Bechers, dass die Knöchelchen weiß wurden.
Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte langsam. "Erschaffen ist das richtige Wort." Mit bitterem Blick sah sie wieder zu Iwaya hoch. Der schwarze Vogel auf ihrer Schulter sah sie forschend und aufmerksam an. Sie kannte es von Miel. Doch bei letzterem konnte sie sich zumindest sicher sein, dass dahinter nicht mehr steckte, als bloße, hündische Neugier.
Sie hatte ihre Vorsicht noch nicht abgelegt, wäre immer noch zu einer Fluch oder anderem bereit, doch sie war ruhiger geworden.
"Ich würde es gern ungeschehen machen, doch deretwegen war ich es gestern bei der Präfekturverwaltung, ja. Ich spürte den Dämon schon Stunden zuvor, konnte ihn aber irgendwann nicht mehr überhören. Deswegen bin ich dorthin und habe ihn schließlich ausgelöscht."
Plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie erinnerte sich. Nachdenklich zog sie die Stirn kraus.
"ich habe das schon wieder vergessen. Doch jetzt erinnere ich mich, dass ich, als der Dämon verschwunden war und ich den Bannkreis wieder auflöste, eine fremde, starke Präsenz gespürt habe. Sie war anders als die eines typischen Dämons und auch viel größer. Da ich nicht noch mehr Ärger an dem Abend bekommen wollte, habe ich mich zurück gezogen."
Sie lächelte leicht, hoffte, dass Iwaya-san ihre unausgesprochene Frage verstand.
Ihr Blick wanderte wieder in den Becher, den sie noch nicht angerührt hatte. Die Wärme, die er ausstrahlte, tat ihr gut. Seit sie diese anderen Kräfte bekommen hatte, spürte sie ihr inneres Feuer häufig nicht mehr, sodass ihr ständig kalt war. Das göttliche überstrahlte regelrecht ihr Selbst.
"Erschaffen..", murmelte sie unbewusst und ihr Blick wurde wieder hart. "Ich habe mir es nicht ausgesucht oder danach gefragt, darum gebeten. Man zog mich eines Abends einfach in eine parralele Dimension, oder was weiß ich, ließ mich dort dem ganzen nur Zusehen, ohne dass ich laut protestieren konnte und gab mir diese Kräfte. Die Göttin sagte, ich solle mich um die Dämonen kümmern. Mehr nicht. Keine Bitte, keine Erklärung. Meine Aufgabe sei ab heute die Vernichtung der Dämonen, die die Menschen bedrohten."
Sie stieß ein zynisches Lachen aus. "Und dabei habe ich mich nie wirklich um die Menschen in dieser Stadt geschert. Schließlich interessierten sie sich nie für mich, warum sollte es als andersherum anders sein? Und selbst wenn man sich zufälig mal für mich interessierte, dann nur, weil ich in ihren Augen seltsam war. Und wenn sie erfuhren, was ich wirklich war, rannten sie panisch weg."
Sich selbst scheltend biss sie sich auf die Zunge. In ihrem Kopf tauchte das Bild ihrer Freundin auf, wie sie sie schreiend, panisch anblickte, als Misia über ihr den Dämon mit einem Schwert gegen die Wand drückte. Der Dämon hatte die Energie ihrer Freundin haben wollen und Misia hatte es zeitig genug bemerkt. Doch als er ausgelöscht worden war, hatte kein Dank auf sie gewartet. Stattdessen war ihrw Freundin Hals über Kopf aus der Wohnung verschwunden und nie wieder bei Misia aufgetaucht.
"Und nun kann ich sie nicht mehr überhören. Damals, vor diesem Tag, wusste ich nciht viel über sie. Manchmal habe ich einen von ihnen gesehen. Aber das geschah so selten, dass ich keine Notiz von ihnen nahm. Heute geht das nicht mehr."
Inzwischen war der Tee halb ausgetrunken. Vorsichtig stellte sie ihn zurück auf den Kotasu und zog daraufhin ihr rechtes Bein unter ihm hervor. Mit trotzdem Blick zog sie das Hosenbein bis zum Knie hoch und entblößte die Haut darunter.
Eine lange Narbe verlief kurz unter den Kniekehle bis hinab zum Knöchel. Rechts und links davon kleine Schnitte, ein paar davon noch verschorft oder hell rosa, was zeigte, dass sie gerade erst abgeheilt waren.
"Die Narbe stammt von einem Dämon, der mich damals fast getötet hatte. Und dank ihr ist mein Leben eine einzige Jagd geworden. Denn sollte ich diese Bastarde nicht bekämpfen, kommen neue Schnitte dazu. Vielleicht würde mich das sogar nicht stören. Wie du siehst, sind sie ja alle nicht größer als daumenbreit. Aber wenn einer frisch dazu kommt, fühlt es sich so an, als wenn jemand mit einem Lötkolben sie ritzt. Und der Schmerz verschwindet nicht."
Sie zuckte mit den Schultern und ließ den Stoff wieder fallen, schob das Bein zurück unter den Kotatsu. "Sie brauchten eine Weile um mich wirklich davon zu überzeugen, dass ich den Schmerz nur loswurde, wenn die Ursache - der Dämon - verschwand. Und sie brauchten eine noch längere Zeit, bis ich loszog, noch ehe diese Schnitte auftauchen. Damit entgehe ich diesen Verletzungen zwar, Kopfschmerzen, Übelkeit und der ganze andere Spaß bleibt aber."
Misia seufzte, trank wieder etwas von dem wohltuenden Tee und zog sich nun auch etwas von den Süßigkeiten vom Teller. Sie musste lachen. "Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich häufig so übel gelaunt bin."
Sie sah ihr Gegenüber lächelnd und entschuldigend an. Ohne es wirklich zu wollen hatte sie ihre schlechte Laune bereits an ihr ausgelassen, wo sie sie noch keine drei Stunden kannte. "Es tut mir Leid, Iwaya-san." Entschuldigend senkte sie den Kopf.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr endlich, wie spät es war, brachte sie endlich wieder ein wenig in ein reales Zeitgefüge zurück. Kurz nach ein Uhr nachts. Natürlich musste sie den nächsten Tag wieder arbeiten.
Sie hatte es zwar nicht erwartet, aber in ihrer Hosentasche befand sich noch eine Visitenkarte. "Hier." Damit reichte sie die Karte Iwaya herüber. "Vielleicht können wir uns in der Mittagspause oder am Abend treffen." Sie lächelte.
"Kann ich vielleicht deine Toilette kurz benutzen?"
Nachdem sie den Weg kannte, erhob sie sich dankbar, kam aber nciht weit. Wie ein Donnerschlag durchzuckte etwas ihren Kopf und ließ sie ein Auge zusammenkneifen. Sie fluchte innerlich, biss sich auf die Zunge und verließ den Raum. Jetzt nicht, ihr Bastarde...
Als sie zurückkehrte, stand Iwaya am Fenster und sah hinauf. "Vergiss sie", zischte Misia angesäuert mit leicht schwacher Stimme. "Die haben heute genug ihren Spaß gehabt. Das soll ihnen reichen!"
Sie hatte Harunas Geschichte ruhig zugehört.
„Du bist wirklich eine Besonderheit...“ war dann das erste, was das andere Mädchen von ihr zu hören bekam. Dann lächelte sie kurz.
„Ja, ich war da...ich schaff es meistens nicht wirklich meine Präsenz zu verbergen...ich hab noch einige Fehler an denen ich arbeiten sollte...aber naja...“ Weiter leicht lächelnd trank sie ebenfalls von ihrem Tee. Abwesend streichelte sie Crawford über das weiche schwarzglänzende Gefieder. Sie wusste, dass er genau verstand, was hier besprochen wurde.
Als sie die Geschichte des anderen Mädchens hörte wurde sie jedoch schnell ernster. Sie selbst wusste, wie die meisten Menschen reagierten, wenn sie mit Magierträgern konfrontiert wurden. Sie hatte es selbst erfahren.
Nachdem Misia geendet hatte, blieb sie selbst eine Weile stumm.
//Wenn selbst solche Dinge wieder passieren muss wirklich einiges in Anmarsch sein...//
Ihre dunklen Augen fixierten die Narben auf dem Bein der anderen.
„Ich könnte versuchen etwas gegen die Narben zu machen...aber ich kann natürlich nicht versprechen, dass ich gegen solche hohen Kräfte wirklich etwas ausrichten kann...“
Bei der Entschuldigung zog Iwaya eine Augenbraue nach oben.
„Wieso entschuldigst du dich?“ meinte sie warm. „Ich hab dich schließlich quasi verschleppt...das ist schon ok...ich glaube du hast mal jemanden gebraucht, mit dem du offen reden kannst...“ Sie begann zu grinsen, als sie die Adresse von Harunas Arbeitsplatz las. „Ich bin sicher, dass wir uns bald wiedersehen werden.“ erwiderte sie dann. „Ich arbeite in einer Buchhandlung da ganz in der Nähe. Mit diesen Worten reichte sie der anderen eine ihrer eigenen Visitenkarten. „Hin und wieder bin ich zwar auch an der Uni, aber ich denke ich kann es fast immer einrichten, dass ich Zeit habe, wenn du mich treffen willst.
Mit diesen Worten erhob sie sich und zeigte dann Haruna den Weg Weg zum Badezimmer, als diese danach fragte.
Und auch sie zuckte leicht zusammen, als sie mit einem Mal eine dämonische Präsenz ausmachen konnte.
Als das andere Mädchen im Bad verschwand machte sie selbst sich daran ein paar Dinge zusammenzusuchen, die sie jetzt brauchen würde.
Auf Misias Aussage hin schüttelte sie nur den Kopf.
„Nein, das ist schon ok...ich bring dich jetzt nach hause und dann kümmer ich mich um den Dämon, das dürfte kein allzugroßes Problem sein.“
Sie wartete bis Haruna sich ebenfalls fertig angezogen hatte und verließ gemeinsam mit ihr die Wohnung, diesmal wieder mit Crawford, der auf ihrer Schulter Platz genommen hatte.
Vor dem Wohnhaus angekommen griff Shiori nach der Hand ihrer neuen Bekannten und zog sie in eine schmale Seitengasse.
Mit einem Lächeln sah sie das andere Mädchen an.
„Tu mir den Gefallen und denk jetzt bitte fest an deine Wohnung. Ich weiß nicht genau wo du wohnst, deswegen kann es sonst sein das wir irgendwo am anderen Ende Tokyos landen...“ meinte sie im schönsten Plauderton. „Achja...halt dich gut fest...“
Mit diesen Worten griff sie wieder nach dem Ring, den sie an der linken Hand trug.
Nur einen Lidschlag später standen sie auf dem Dach eines Hochhauses.
„Na hoppla...“ Shiori musste lachen. „Ich hoffe, dass das das richtige Haus ist...ich muss jetzt leider weiter, unser Freund erwartet mich schon sehnlichst. Mata ne.“ Mit einem Winken verschwand sie wieder.
Als sie wieder ein klares Bild vor Augen hatte, erkannte sie, dass sie auf der Rainbow Bridge stand, die um diese Uhrzeit Gott sei Dank ziemlich verlassen war.
„Na komm schon...wo bist du...“ murmelte sie leise, während sie mit den Augen ihre Umgebung absuchte. „Crawford, such bitte von oben...“
Mit einem Krächzen erhob sich der große Vogel in die Luft, wo er bald vollständig mit dem dunklen Nachthimmel verschwamm.
Es dauerte nicht lang, bis ihr Begleiter ihr mit einem weiteren, tiefer klingendem Krächzen zu verstehen gab, dass er das Ziel gefunden hatte.
„Na wunderbar...“ Iwaya blickte nach vorn. Anscheinend hatte auch der Dämon gemerkt, dass er entdeckt worden war und kam nun mit großspurigen Schritten auf sie zu.
„Ein schöner Abend nicht wahr...?“ Seine Stimme war samtig weich und sie konnte spüren, wie er versuchte mit dem darin geknüpften Zauber ihre Sinne zu verwirren und sie in seinen Bann zu ziehen.
„Sicher...und er wäre noch schöner, wenn du nicht hier wärst...“ Sie musterte ihr Gegenüber näher. Es schien als hätte er sich mit Hilfe irgendeiner Art von Magie ein menschliches Äußeres geschaffen, dass es ihm zum einen ermöglichte unter Menschen unentdeckt zu bleiben und ihm zum anderen vor allem weibliche Opfer anlocken musste.
Dank ihrer eigenen Fähigkeiten konnte sie allerdings auch hinter diese Maskerade sehen.
„Schönes Gesicht...ich kann verstehen, warum du dir das zugelegt hast...“ meinte sie naserümpfend.
Sie sah Wut in den Augen des Dämons aufblitzen.
„Du hast ziemlichen Mut dafür, dass du gleich draufgehen wirst.“
„Jaja...die Story kenn ich schon. Dann zeig mal was du draufhast!“ Mit diesen Worten zeichnete sie mit der rechten Hand einen Kreis in die Luft, der keinen Augenblick später als funkelnde elektrische Ladung vor ihr schwebte. Mit einer weiteren Handbewegung schickte sie das Gebilde, dass nun lauter kleine Kugelblitze zu verschicken schien, in Richtung ihres Gegners.
Während dieser damit beschäftigt war diese elektrischen Schocker abzuwehren murmelte sie eine weitere Beschwörung und hielt daraufhin einen Langbogen in den Händen, wie er bei altertümlichen Kriegen verwendet worden war.
„Crawford!“
Kaum hatte ihre Stimme sich erhoben flog die Krähe, nur als schwarzer Schatten erkennbar vorbei und hinterließ eine seiner Federn, bevor er in Richtung des Dämons davonstob, jetzt mit dunkel glühenden Augen.
In ihrer Hand verwandelte sich die Feder in einen ebenso schwarzen Pfeil. Sie legte ihn an und spannte den Bogen.
„Shinte...“ murmelte sie, als das Geschoss von der Sehne schnellte.
Sie starrte intensiv in die schwarzen Augen des Vogels, der ihr gegenüber saß.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du dich nicht direkt in einen Kampf einmischen sollst?“ Keine Reaktion seitens des Tieres war zu verzeichnen. „Du weißt, dass du zu wichtig bist, um einfach draufzugehen.“ Ein Schnarren war zu hören, dass einen verächtlichen Ton zu haben schien. „Ja natürlich für mich! SO hast du nunmal keine Chance, wenn der Dämon dich angegriffen hätte...“
Diesmal schallte ein lautes Krächzen durch die Wohnung.
„Jaja...Du mich auch...“ antwortete sie mit einem flüchtigen Grinsen.
Mit einem Seufzen stand sie auf, um in der Küche noch einmal neuen Tee zu holen.
Das dieses Tier aber auch so ein verdammter Dickschädel sein musste...
Mit müden Augen sah sie auf die Uhr.
Vielleicht sollte sie doch lieber noch einmal ins Bett gehen und wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekommen. Sie hatte schließlich morgen einiges zu tun.
Misia stand in ihrer Wohnung vor der geschlossenen Glastür des winzigen Balons. Ohne erkennbare Regung blickten ihre Augen nach draußen, schienen dabei aber kein festes Ziel zu haben.
Draußen war es etwas stürmisch geworden. Der Wind jagte die Wolken am Himmel entlang, sodass man keine Chance hatte, irgendwelche Sterne zu sehen. Es schneite nicht mehr, aber die von den tausend Lichtern braunrot angestrahlten Wolken machten es irgendwie unheimlich.
Unbewusst seufzte sie. Bis vor wenigen Minuten hatte sie mit Kopfschmerzen ruhig auf dem Sofa gelegen und hatte versucht an etwas anderes als die Schmerzen zu denken. Mit ein paar Verbänden hatte sie notdürftig die kleinen Schnitte an ihrem Unterschenkel abgebunden und später etwas Desinfektionsmittel drauaf getropft. Inzwischen war nur noch ein Ziehen im Bein zu spüren, sodass sie wieder einwandfrei stehen konnte.
Das dumpfe Dröhnen in ihrem Kopf war ebenfalls abgeklungen.
Verwirrt legte sie die flache Hand gegen die Scheibe und drückte die Stirn zwei Zoll daneben ebenfalls gegen das Glas. Es so seltsam, dass sie heute einmal genau wusste, warum die Schmerzen verschwunden waren. Vorallem, weil nicht sie selbst die Ursache für das Abklingen gewesen war.
Sie seufzte wieder.
Was das wohl für ihre Zukunft bedeutete? Ob sie jetzt ein wenig von den Dämonen in Ruhe gelassen wurde, weil sie um jemanden wusste, der sich ebenfalls ihnen entgegen stellte?
Ein zynisches Lächeln erschien auf ihren blassen Lippen. Es fiel ihr sehr schwer zu glauben, dass es etwas ruhiger werden könnte. Vorallem konnte sie sich nicht vorstellen, dass Iwaya-san sich aller annahm und sie ab und nu Ferien hatte. Dafür waren es viel zu viele. Wahrscheinlich war es eher so, dass auch Iwaya häufig genug mit ihnen konfrontiert wurde, unabhängig von 'Misias Dämonen'.
Die Augen schließend drehte sie sich vom Fenster weg und zog das Glas Wasser vom Kotatsu. Kurz warf sie den Kopf in Nacken und beförderte so die kleine, weiße Tablette in ihren Magen. Wenigstens schmerzfrei schlafen wollte sie an diesem viel zu seltsamen Tag.
Als sie am Morgen aufstand, war es schon eine halbe Stunde zu spät. Ihr Wecker hatte zwar wie üblich geklingelt, aber sie hatte ihn überhört. Bewusst.
Nun saß sie auf der Sofakante, die Arme auf den Beinen aufgestützt und starrte vor sich auf den Boden. Im Moment wünschte sie sich nichts sehnlicheres als eine Zigarette. Sie hatte nur wenige Male zuvor überhaupt eine geraucht, aber jetzt wollte sie am liebsten so schnell wie möglich eine.
Es war so ruhig in der Wohnung, dass sie das Ticken der Uhr über dem Fernseher hörte.
Plötzlich schreckte sie auf.
Ohne bewusste Entscheidungen zu treffen erhob sie sich und rannte in die Küche. Von dort aus jedes Zimmer, das die kleine Wohnung besaß. Es dauerte keine Minute und sie stand schwer atmend, mit rasendem Herzen wieder im Wohnzimmer.
"Miel?! Wo bist du?!? MIEL??"
Ihre Kehle schmerzte, so laut hatte sie gerufen. Doch sie erhielt keine Antwort, nur das Ticken der Uhr war zu hören, gleichmäßig und voller Hohn.
Noch einmal rief sie nach dem Rüden - mit dem gleichen Ergebniss.
"Miel? ... Mi..." Ihre Stimme brach. Das Schluchzen, was sie überrannte, schürte ihr fast den Atmen ab. Schwer schluckend musste sie sich hinknien, hielt sich dabei den Hals, als wenn sie damit irgendwelche unsichtbare Fesslen loswerden konnte.
Wie vom Schlag getroffen fiel sie vorn über. Die Tränen flossen, asl hätte jemand eine Schleuse geöffnet, die schon viel zu lang das Nasse zurück gehalten hatte.
"Warum?!", schrie sie erschickt, obwohl keiner sie hören konnte, "Wieso müsst ihr mir auch noch den letzten Rückhalt nehmen??"
Wütend schlug sie mit der Faust auf die federnde Tatamimatte. Sie wusste nicht, ob sie wirklich totunglücklich oder rasend vor Wut sein sollte. In ihr drehte sich alles so sehr, dass sie absolut nicht klar denken konnte.
Zur Arbeit hatte sie schon am Morgen nicht wirklich gehen wollen, jetzt hatte sie definitiv keinen Geist mehr dafür. In sich gezogen, alle Außenwelt ausblendend und gleichzeitig verfluchend hatte sie sich irgendwie in die U-Bahn gesetzt, auch wenn sie sich jetzt schon nicht mehr an die Schritte vor fünf Minuten erinnerte.
Wie in trance stieg sie nach nicht gezählten Stationen wieder aus und schlürfte, wie eine leere Hülle, zu dem Buchladen. Sie wollte nicht sehen wollen, welches Gesicht sie machte, doch die Verkäuferin an der Zentralkasse leitete sie trotzdem weiter.
Als sie im zweiten Stock angekommen war, brauchte sie nicht lang, Iwaya zu finden.
Ihre Stimme war immer noch brüchig, belegt und viel zu kraftlos. Doch es steckte auch unmenschlicher Groll in ihr. "Sie haben mir meinen Hund genommen, als ich gestern nicht zu Hause war."
Für Shiori hatte der Tag begonnen, wie jeder andere auch. Ihr Wecker hatte nach einer viel zu kurzen Nacht geklingelt, aufgestanden war sie, eine halbe Stunde später. Anders als die meisten Japaner hatte sie auf ihr Frühstück verzichtet und nur eine Tasse Kaffee getrunken, bevor sie das Haus verlassen hatte.
Dann führte sie ihr Weg kurz in eines der Unigebäude, wo sie einem ihrer Professoren wichtige Unterlagen zurückgegeben hatte.
Keine halbe Stunde später war sie in der Buchhandlung eingetrudelt und dort gleich von einer neuen Lieferung antiker Bücher empfangen worden.
Grübelnd saß sie im zweiten Stock der Buchhandlung, kratzte sich mit einem Bleistift an der Nase und grübelte ununterbrochen an einer Übersetzung.
Ein Teil von ihr horchte auf, als sie den Hauch einer Aura wahrnahm, die soeben hier erschienen war und die sie kannte.
Dennoch erschrak sie ziemlich als sie ohne Vorwarnung angesprochen wurde. Zuerst hatte sie Haruna-san mit einem Lächeln begrüßen wollen, doch als sie ihre Worte hörte wurde ihr Blick ernst und sie sah ihre neue Bekanntschaft mit einem mitfühlenden Blick an.
„Das...tut mir wirklich leid...“
Sie wusste wie pathetisch diese Worte klingen mussten, aber sie meinte es wirklich so und fand keinen anderen Weg, um sich auszudrücken.
Mit einem inneren Seufzen erhob sie sich.
„Komm mit...“ Sie griff das andere Mädchen vorsichtig aber bestimmt an der Hand und zog sie hinter sich her.
„Fukushima-san? Ich mach mal kurz Pause ok?“ rief sie zu ihrem Chef, als sie durch den Laden gingen. Der warf kurz einen Blick auf die Beiden Mädchen, schien sich seinen Reim auf das sich ihm bietende Bild zu machen und nickte.
Sie führte Haruna an dem Büro, in dem sie für gewöhnlich gemeinsam mit ihrem Kollegen arbeitete, vorbei und griff sich ihren Mantel, bevor sie die Tür am Ende des kurzen Ganges öffnete und mit dem rothaarigen Mädchen in den Hinterhof trat, in dem ein kleiner, aber nichts desto trotz schöner und ordentlich geharkter Zen-Garten untergebracht war.
„Setz dich...“ sie zeigte auf eine kleine Holzbank, die an der Hauswand stand, zog ihren Mantel an und ließ sich dann neben der anderen nieder.
Mit einem Griff in ihre Manteltasche bekam sie eine Packung Phillip Morris zu fassen, zog sich einen Glimmstängel heraus und hielt die Schachtel dann Haruna hin, falls diese auch rauchen sollte.
//Ich sollte meinen Kippenkonsum echt einschränken...dafür, dass ich nicht rauche, hab ich derzeit echt nen ziemlichen Verbrauch...//
Sie zuckte leicht mit den Schultern, entzündete die Zigarette dennoch.
Eine Weile saß sie nur schweigend da, nahm den Anblick vor sich in sich auf und überlegte, was sie sagen könnte. Sie war noch nie besonders gut darin gewesen Menschen zu trösten.
Schließlich seufzte sie.
„Ich wünschte ich könnte dir irgendetwas sagen, was dich aufmuntert, oder dir deinen Schmerz ein bisschen nimmt...“ sie warf einen warmen Blick auf das Mädchen neben sich. „Leider...kann ich das nicht...und ich bin kein Mensch, der anderen unnötige Hoffnungen bereitet...Ich kenne deine Vorgesetzten nicht, aber wenn sie nur halbwegs so sind, wie meine – was ich vermute – dann kannst du vermutlich nicht allzu viel gegen ihre Entscheidungen ausrichten...auch wenn ich nicht nachvollziehen kann, warum sie das gemacht haben sollten...ich sehe keinen Grund dich derart bestrafen zu müssen...“
Ohne groß darüber nachzudenken, legte sie einen Arm um Misia und zog sie kurz an sich.
„Halt mich für einen Narren...aber trotz allem was geschieht glaube ich daran, dass am Ende alles gut werden wird...was auch immer das bedeutet...“
Sie richtete sich wieder auf, nahm einen Zug von ihrer PM, ließ dann den bläulichen Rauch in die kalte Luft aufsteigen. Sie sah den dünnen Schwaden aus Giftstoffen nach, wie sie sich im Himmel über ihnen verloren. Nachdem sie abermals in ihrer Tasche gekramt hatte, reichte sie Haruna ein Taschentuch.
„Darf ich dir eine Geschichte erzählen?“ fragte sie dann. Als sie keine Antwort, die es ihr verbieten würde erhielt, fuhr sie nach einigen Augenblicken mit gedankenversunkener Stimme fort.
„Es war vor einigen hundert Jahren...damals war Kyoto gerade zur neuen Hauptstadt erwählt worden...zu dieser Zeit lernten sich zwei Menschen kennen. Sie stammten beide aus angesehenen Familien und ihre Eltern hatten beschlossen, dass es zum Wohle aller sei, wenn die beiden heiraten würden. Das Mädchen, sie hieß Reiko, war zu diesem Zeitpunkt etwa 19 Jahre alt, doch als sie ihren zukünftigen Mann traf, war sie davon überzeugt, dass es eine gute Ehe sein würde auch wenn Masahito einige Jahre älter war als sie.
Die Hochzeit war ein großes Fest und beide waren glücklicher als man es bei einer arrangieren Ehe hätte denken können. Als sie spät in der Nacht allein in ihrem Hochzeitsgemach waren, heißt es, sei ihnen die Göttin Kannon in einer ihrer vielen Gestalten erschienen und habe ihnen offenbart, dass ihr erstes gemeinsames Kind ein Magieträger sein würde und sie so eines der mächtigsten Magiergeschlechter der damaligen Welt begründen würden. Reiko hatte erst große Angst, denn auch damals geschah es leicht, dass Magiegeborene mit allen Übeln belastet wurden, die geschahen. Doch ihr Mann versicherte ihr, dass alles gut werden würde, da sie unter dem Schutz der Göttin Kannon stünden.
Und wie es prophezeit worden war, kam nicht ganz ein Jahr nach ihrer Eheschließung ihr erstes Kind auf die Welt. Es war ein Junge und sie nannten ihn Toshimasa, er war anfangs wie jedes andere Kind seines Alters auch. Die einzige Auffälligkeit war, ein Muttermal, das er zwischen den Schulterblättern hatte und die Tatsache, dass ihm selten jemand etwas abschlagen konnte. Sein Leben verlief lange Zeit sehr ruhig, auch als er seine Magie schon entdeckt hatte. Turbulent wurde es erst, als die ersten Dämonen und dunklen Wesen auftauchten. Er wusste, dass er einer der wenigen war, der etwas gegen sie ausrichten konnte und akzeptierte sein Schicksal.
Ob es Vorbestimmt war oder einfach eine Fügung des Schicksals, weiß ich nicht, aber es gelang immer die Fähigkeiten, die Toshimasa als Erste erhalten hatte durch die Jahrhunderte hinweg weiter zu vererben, auch wenn sie bei einigen mehr und bei anderen weniger stark ausgeprägt waren.
Zu der Zeit von Toshimasas Geburt und auch in den folgenden Jahrhunderten wurden in verschiedenen Teilen der Welt weitere dieser Familien gegründet. Jede hatte eine etwas andere Art der Magie und jede hatte ein Wappentier, dass diese Magie repräsentierte. In Japan waren die Familien der Schwalbenschwanzschmetterlinge und der Krähen die stärksten und ältesten. Und die einzigen, die es bis heute gibt, weil sie weise genug waren einen Weg zu finden, der das Weiterbestehen des Erbes sichert.“
Sie machte eine kurze Pause, um sich zu sammeln. All diese Ereignisse lagen so weit zurück, und doch erschienen sie ihr gegenwärtig, als hätte sie sie selbst mit erlebt.
Sie lächelte Haruna kurz an.
„Ich hoffe ich langweile dich nicht...ich bin auch gleich fertig...“ Sie warf die Überreste ihrer Zigarette in den bereitstehenden Aschenbecher und fuhr dann fort:
„Wie gesagt, es gab an vielen Orten der Welt solche Familienstämme...in Magierkreisen wurden sie zusammenfassend die „Flügel“ genannt, da jede Familie ein geflügeltes Tier als Wappen hatte. Natürlich war aber auch die dunkle Seite nicht untätig. Schon früh gab es auch dunkle Magierfamilien und nicht nur einmal ist es ihnen gelungen, Teile der Flügel auszulöschen, ganze Familien auszurotten oder die Magegeborenen auf ihre Seite zu ziehen. Hier in Asien war eine der stärksten dunklen Familie die, die schließlich den „Meister“ hervorbrachte. Ich weiß nicht, wie die Familie ursprünglich hieß...man nennt ihn nur so. Er hatte es geschafft, die meisten Familien hier auszurotten und selbst die beiden Clans hier in Japan sind dem vollständigen Verschwinden nur knapp entkommen.
Der derzeitige Erbe der Schwalbenschwänze hat es vor einiger Zeit geschafft den Meister zu besiegen und zu verbannen. Allerdings gibt es Zeichen, die darauf hindeuten, dass er wiedererstehen wird.“
Sie hielt abermals kurz inne, um ihre Gedanken zu ordnen und zu dem zu kommen, worauf sie eigentlich die ganze Zeit hinaus wollte.
„Du bist vielleicht schon darauf gekommen...ich bin die derzeitige Erbin des Krähenclans...Kurz nachdem ich geboren wurde, sind meine Eltern nach Großbritannien ausgewandert, um mich zu schützen und mich möglichst gut vorzubereiten, auf das, was mich erwarten würde, wenn ich hierher zurückkomme. Allerdings hatten sie dabei etwas vergessen. Ich weiß nicht genau wann, aber irgendwann zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert hat sich in Südengland ein Vampirclan angesiedelt, der bis heute zu einem der reinsten und ältesten überhaupt zählt. Man nennt sie „Die Alte Riege“...sie sind so etwas wie der Adel ihrer Rasse...als sie hörten, dass sich ein Flügelerbe in ihrem Gebiet befindet haben sie vieles versucht, um zu verhindern, dass ich je zu dem werde, was mir vorbestimmt ist...
Du musst wissen, zu seinem Schutz ist jeden Flügel ein Wächter zugeteilt. Die von da oben“, sie zeigte wage in Richtung Himmel, „entscheiden das. Wer auch immer sie sind, ich weiß es nicht. Vor etwa sechs Jahren jedenfalls, als ich mit meinem Wächter gerade unterwegs war, um einen ziemlich hartnäckigen Dämon zur Strecke zu bringen, haben und Mitglieder der Alten Riege aufgelauert...Sie haben ihn...gebissen...Mir blieb damals nichts anderes übrig als ihn zu töten...“
Shiori spürte, wie sich ihr langsam der Hals zuschnürte. Auch wenn diese Ereignisse einige Zeit her waren, schmerzte es sie immer wieder, wenn sie daran zurückdachte.
„Danach habe ich mich geweigert einen neuen Wächter anzunehmen. Es hat viel Kraft und einige Opfer gekostet, aber letztlich habe ich mich durchgesetzt...heute habe ich Crawford...ich brauche keinen Wächter mehr...“
Langsam strich sie sich die Haare aus der Stirn.
„Worauf ich mit alledem aber hinauswollte: Es liegt im Schicksal von uns Magieträgern, dass das Leben uns jede Menge Steine in den Weg legt...jetzt mehr als je zuvor befürchte ich. Aber dennoch dürfen wir nicht aufgeben. Ich weiß, dass du da vermutlich anders denkst als ich, aber wir müssen unsere Bestimmung annehmen...Auch wenn mir nicht viel an den meisten Menschen liegt...so denke ich trotzdem, dass dieser Planet etwas wundervolles ist, das es wert ist gerettet zu werden...Für Miel kann ich leider nichts tun, auch wenn ich wünschte, dass es anders wäre...Aber du darfst ihn nicht aufgeben Misia.“ Mit Absicht hatte sie eher ungebräuchlicher Weise den Vornamen ihres Gegenübers benutzt und sah ihr jetzt fest in die Augen. „Du musst glauben, auch wenn es schwer sein sollte. Kämpfe um ihn...“
Einen Moment sah sie das andere Mädchen schweigend an, begann dann leise zu lachen.
„Und...tut mir Leid, dass ich dich mit diesen ganzen Informationen jetzt so...zugemüllt hab...das ist dir vermutlich relativ egal, oder?“ fügte sie an und klang dabei leicht verlegen.
Misia saß auf ihrem Stuhl, die Unterarme auf den Oberschenkeln liegend. Von ihrer rechten Hand stieg der blaugraue Rauch der Zigartette auf.
Erst als seine Kringel wieder ihr Sichtfeld kreuzte, merkte sie, dass sie mit ihrem Gedanken sonst wohin abgedriftet war. War sie so fertig, dass sie schon angefangen hatte zu rauchen?
Den Gedanken bitter wegschiebend zog sie wieder an der Zigartette und sah hinüber zu Iwaya. „Da ich nun inzwischen einige Zeit in diesem Magiesumpf stecke, muss ich zugeben, dass es mir eine Ehre ist, einen solchen Erben, wie dich, zu treffen.“ Sie versuchte sie ein Lächeln abzuringen.
„Ich kann mir vorstellen, dass das noch mehr Scherereien mit sich bringt, als dieser Überfall damals auf mich.“
Die Geschichte, die ihr erzählt worden war, schwirrte ihr wie ein Film im Kopf herum, den sie nicht richtig verstanden hatte. In ihr lagen Jahrhunderte der Geschichte, viel zu viele Ereignisse, um sie alle auf einmal in kurzer Zeit verarbeiten zu können.
Neuerlich hob sie den Blick, sah ihr Gegenüber an. „Iwaya-san, besitzt dein Raabe auch Fähigkeiten, wie wir, oder ist er ‚nur’ dein Begleiter?“
Misia musste an Miel denken. Iwaya hatte gesagt, dass sie ich nicht aufgeben sollte, doch irgendwie konnte sie nicht glauben, dass solche Bastarde wie die Dämonen, die sie bis jetzt getroffen hatte, ihn in Ruhe lassen würden, nur um sie zu ärgern.
Doch was wollten sie mit ihm? Hatten sie ihn einfach mit sich genommen, um sie seelisch zu zermürben, oder verfolgten sie einen bestimmten Plan?
Den Kopf schüttelnd zerdrückte sie die PM im Aschenbecher. Sie musste zugeben, dass Iwaya sie auf andere Gedanken gebracht hatte. Sie wollte den Rüden nicht aufgeben, aber wenn sie ehrlich war, begann sie angesichts der Dämonen zu resignieren.
„Es tut mir Leid, aber die, die mir diesen Fluch auferlegt haben, haben mir nicht Miel genommen. Zu so etwas wären selbst die nicht fähig. So etwas können sie sich nicht erlauben. Nein… Miel wurde von den Dämonen verschleppt. Dessen bin ich mir sicher.“
Wieder fiel ihr Blick zu Iwaya. Sie konnte es sich absolut nicht vorstellen, wie es sein musste, das gesamt Erbe einer so mächtigen Familie auf sich lasten zu haben, wenn es für sie schon so schwer war, göttliche Magie in sich zu ertragen.
Sie lächelte bitter. „Iwaya-san, darf ich dir noch etwas erzählen?“ Unbewusst knete sie ihre Hände durch, nahm sich schließlich entschuldigend noch eine Zigarette, die wenigstens ein bisschen ihrer Aufgeregtheit bekämpfen konnte.
„In der Nacht, als man mir viel mehr Macht gab, als ich je gewollt hatte, kam jemand zu mir, der eigentlich nicht unter Menschen sein durfte. Sie gab mir ihre Kräfte, weil sie meinte, ich würde besser mit ihnen klar kommen. Noch dazu war ihre ‚ihre Zeit gekommen’ und so hatte man entschieden, dass ich diese Kräfte haben sollte. Diese Frau, die in meinem Zimmer auftauchte, war weder ein Mensch, noch ein Dämon.“
Sie zog an der PM. „Es war eine verfluchte Göttin…“, sagte sie bitter, das Gesicht verziehend. „Ich habe die gottverdammten Kräfte einer Göttin bekommen! Wie, habe ich sie gefragt, soll je ein Mensch mit so viel Macht klar kommen, ohne durchzudrehen, ohne verrückt zu werden? Doch sie gab mir keine Antwort, zeigte absolut keine Reaktion. Sie stand da nur in ihrem gleißenden Licht und verschwand schließlich. Ohne Erklärung, ohne mir Hilfe anzubieten.“
Verbittert und wütend zugleich drückte sie sich an die Stuhllehne. „Sprichwörtlich ‚friss oder stirb’. Komm damit klar, wir werden die sicher nicht dabei helfen. – Sie wusste ja genau, dass ich mich nicht gegen ihre mir auferlegte Aufgabe würde wehren können, was also solltest sie mir da auch groß erklären?“
Misia lächelte wieder. „Wenn ich von dir also nun höre, dass jemand auftauchen wird, der noch mehr Ärger bereitet, als diese Dämonen, dann höre ich die da oben regelrecht lachen. ‚Super, dann ist die Kleine ja wieder beschäftigt’ grölen sie. Aber mir ist das egal! Mich interessiert nur, wie ich meinen Hund wieder bekomme. Denn er hat wenigstens versucht mir ein wenig zur Seite zu stehen.“
Erleichtert schob sie den Stummel in den Aschenbecher. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es fast elf war.
„T… tut mir Leid, dass ich dich so lang von deiner Arbeit abgehalten habe!“, stieß sie daraufhin aus. „K…kann ich dich vielleicht zum Mittag zu etwas Ramen einladen? Natürlich erst, wenn du Pause hast! Ich warte so lange. Ich gehe heute nicht mehr auf Arbeit. Dort würde ich sowieso nichts zu Stande bekommen.“ Sie stand auf und verbeugte sie dankend. Ohne ein weiteres Wort abzuwarten lief sie aus dem Zimmer und auf die Bücherregale zu. Lächelnd nickte sie der etwas verblüfft dreinschauenden Iwaya über die Schulter zu, als sie sich ein Buch aus dem Regal zog und auf die gemütlichen Lesesessel zu bewegte. Woher sie plötzlich diese Ruhe nahm, wusste sie nicht. Vielleicht war ihr Geist einfach über die Ablenkung froh. Dass er die dunklen Erinnerungen erst mal beiseite schieben konnte und sich etwas anderem zuwenden.
Ferach - 25.03.2008, 20:40
Mit einer energischen Bewegung drückte Shiori die Zigarette im Aschenbecher aus und blinzelte mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen in die Sonne. Dann sah sie wieder zu ihrer Begleitung und zuckte leicht mit den Schultern.
„Ich bin so erzogen worden...für mich ist es selbstverständlich über gewisse Fähigkeiten zu verfügen...ich kenne die Geschichte meiner Familie seit ich denken kann...und ich bin stolz darauf ein Teil davon zu sein, auch wenn das heißt, dass ich auf einige Dinge verzichten muss...“
Bei der Frage nach Crawford konnte sie sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
„Krähe. Darauf besteht er.“ Sie streckte sich kurz. „Er ist etwas Besonderes. Aber das erkläre ich dir ein anderes Mal...das wäre jetzt zu kompliziert...“
Als das andere Mädchen ihr von ihrem Schicksal erzählte wurde sie jedoch wieder ernster.
//Ich sehe schon...wir alle tragen unsere Lasten...und deine wiegt wohl noch schwerer als die, ich auf mir liegt...//
„Ich glaube dein Leben ist weitaus schwerer als meins...du wurdest da einfach reingeworfen...das ist grausam...“
Für einige Momente verfiel sie in Schweigen, hörte Misia weiter zu, bevor sie sie mit einem entschlossenen Ausdruck in den Augen ansah.
„Ich verspreche dir, dass ich alles versuchen werde, um dir Miel wiederzubringen.“
Sie hob erstaunt die Augenbrauen und folgte der Jüngeren mit Blicken, als diese erst in einen Schwall von Entschuldigungen ausbrach und schließlich an ihr vorbei wieder in das Gebäude ging.
Etwas gemächlicher erhob sie sich ebenfalls von der Bank und streckte sich erst einmal.
„Das wird, glaube ich, sehr interessant werden...“ murmelte sie leise, bevor sie ebenfalls wieder in das kühle Gebäude trat. Misia fand sie in einer der Leseecken.
„Können wir das essen auf heute Abend verschieben? Sagen wir um 8 Uhr?“, fragte sie freundlich, nahm dann einen Zettel und schrieb der anderen die Adresse, des von ihr angestrebten Restaurants auf. „Und keine Angst, ich lad dich ein...ich will feiern, dass ich dich gefunden habe...“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen, drehte sich aber noch ein weiteres Mal kurz um. „Achja...und ich will dir etwas zeigen heute Nacht...“
Mit diesen Worten machte sie sich entgültig wieder auf den Weg in ihr Büro. Es tat ihr Leid, dass sie jetzt nicht mit Haruna weggehen konnte, aber diese Übersetzung würde ihr den ganzen Tag noch im Kopf rumspuken, wenn sie sie nicht fertig bekam und außerdem wirkte das, womit sie das andere Mädchen überraschen wollte im Dunkeln einfach viel besser.
Mit einem zutiefst erleichterten Seufzen lehnte sie sich einige Stunden später in ihrem Stuhl zurück.
„Fertig?“, fragte Gotô sie mit einem Grinsen.
„Jap...und mir brummt der Schädel...“. Sie griff nach der Tasse mit mittlerweile kaltem Tee, die auf ihrem Tisch stand und trank einen Schluck. Dann richtete sie sich mit einem kleinen Ächzen auf und packte ihre Sachen zusammen. „Itekimasu![1]“Sie verbeugte sich leicht
„Hai, otsukaresama deshita![2]“ Gotô nickte ihr zu und verteifte sich dann wieder in seine eigene Arbeit.
„Otsukare...[3]“ Sie wandte sich zum gehen und stand einige Momente später auf der Straße und atmete erleichtert, die mehr oder weniger saubere Luft Tokyos ein.
Um etwa 7 Uhr verließ sie ihre Wohnung wieder, frisch gestylt und diesmal in Begleitung Crawfords. Gemächlich lief sie die Straßen entlang, genoss die scheinbar vollkommen friedliche Atmosphäre. Der etwas zu groß geratene schwarze Vogel saß ruhig auf ihrer Schulter und ließ sich die kleinen Liebkosungen gern gefallen, die Shiori ihm zuteil werden ließ.
„Das ist alles sehr seltsam...“ meinte die junge Frau nach einiger Zeit leise. „Meinst du, dass es ok ist ihr zu helfen?“ Ein leises Geräusch war zu hören. „Mh...ich hoffe es...es ist traurig, dass ihr so viele Dinge passiert sind...“
Sie atmete durch, blieb stehen und sah in den Himmel.
„Crawford...ich will wieder fliegen können...“ sehnsüchtig blickte sie in die blaue Weite, bevor sie von einem energischen Krächzen in die Realität zurückgeholt wurde.
„Jaja...ich weiß, dass es nötig war...ich sag ja schon nichts mehr...“ Sie ließ ihn von ihrer Schulter auf ihren Handrücken klettern. „Also...wir treffen uns nachher wieder, du weißt wo...ich will Haruna nicht warten lassen.“
Mit einem letzten Schnarren entfaltete der Vogel seine Schwingen und stob davon.
Einige Minuten vor 8 kam Shiori endlich an dem Restaurant an, wo sie Misia schon warten sah.
„Sorry, ich hoffe du wartest noch nicht zu lang!“ Sie verbeugte sich höflich, griff dann aber ungefragt nach der Hand der anderen.
„Lass uns reingehen, ich sterbe vor Hunger!“ meinte sie dann gut gelaunt und betrat mit ihrer neuen Freundin das Lokal, das sie ausgesucht hatte.
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[1] etw. „Ich gehe jetzt!“
[2] etw. „Vielen Danke für die harte Arbeit!/Vielen Dank für die Zusammenarbeit!“
Misia stand in ihrer Wohnung vor dem hohen Spiegel im Flur und sah sich selbst tonlos in die Augen. Keine Gedanken schwebten durch ihren Geist, keine Gefühle. Nichts.
Erst nach einer Minute merkte sie, dass sie unbewusst auch die Luft angehalten hatte. Ein Husten ließ sie wieder aus ihrer Lethargie erwachen.
Ihr Blick fiel auf das Buch in ihren Händen, dass sie erst heute in der Buchhandlung, wo Iwaya arbeitete, gekauft hatte.
Nervös druckte sie es so fest an sich, dass ihre Fingerkuppen weiß wurden. Sie schnaubte geräuschvoll. Sollte das hier wirklich alles sein, was ihr Schicksal vorher bestimmte?
Sie warf das Buch auf die kleine Kommode vor sich und lief zurück in ihr Zimmer um sich für heute abend umzuziehen.
Als sie dann wieder in den Flur zurück trat und sich diesmal im Spiegel betrachtete, lächelte sie leicht. „Nur gut, dass ich kein Priestergewand habe. Diese Dämonen von da oben könnten noch meinen, ich hätte meine Schicksal akzeptiert…“
Mit einem leichten Kichern drückte sie Zeige- und Mittelfingerkuppe gegen das Spiegelglas in der Höhe ihrer Stirn und verließ dann die stille Wohnung mit dem kleinen Buch in ihrer Tasche.
„Hajimemashite, Iwaya-san!“ Sie verbeugte sich höflich. „Keine Sorge, ich stehe noch nicht lang.“
Ohne die Chance zu bekommen sich zu wehren wurde sie hinter der Anderen in das Restaurant gezogen. Im Raum atmete sie durch. Irgendwie war sie plötzlich aufgeregt. Lag es an dem Buch in ihrer Tasche, oder war sie es einfach nicht mehr gewöhnt, mit jemanden zwanglos irgendwohin zu gehen?
„Lass mich dich bitte wenigstens zu einer Portion Ramen einladen. Das ist das mindeste, was ich dir schulde, nachdem du mich vor dem Dämon bewahr hast.“ Sie lächelte ungezwungen. Angesichts der Lautstärke in dem anscheinend sehr beliebten Restaurant hatte sie keine Angst, dass jemand sie hör