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chalida - 24.10.2007, 08:52
Italien: Venedig will Tauben aushungern
Italien: Venedig will Tauben aushungern
Bei Touristen sind Venedigs Tauben beliebt, die Denkmalschützer hassen die Vögel.
Venedig – Renata Codello hat eines der schönsten Büros dieser Welt. Dogenpalast, erste Etage, freier Blick auf die Lagune von Venedig, auf Inseln, Boote, leuchtend weiße Kreuzfahrtschiffe. In dem Brandbrief aber, den die oberste Denkmalschützerin der Stadt jetzt losgelassen hat, ist von Idylle keine Rede. Die ebenso zierliche wie energische Architektin hat vorgerechnet, für wie viele hundert Millionen man in den vergangenen drei, vier Jahren die „gute Stube“ Venedigs auf Hochglanz gebracht hat – den Markusdom, den Dogenpalast, Sansovinos Renaissancebibliothek gegenüber, den Uhrturm, den Sitz des Patriarchen –, und dass das alles hinausgeschmissenes Geld sei, wenn man nicht endlich die Hauptgefahr für die Kunstwerke banne: die Tauben auf dem Markusplatz.
Der Markusplatz ohne Tauben? Schluss mit der pittoresken Idylle, mit den Fotos, die Touristen aus aller Welt milliardenfach nach Hause getragen haben? Kreischend stellen sie sich mitten ins Geflattere, ducken sich unter Flügelschlägen, breiten die Arme aus wie Vogelscheuchen, aber nicht um Tauben zu verjagen, sondern um möglichst viele anzulocken. Zu fünft, zu sechst, zu acht lassen sich die hungrigen Vögel auf Schultern, Händen, Haaren nieder und picken nach allem, was fressbar aussieht, nach den Maiskörnern vor allem, die es auf dem Platz eigens zu kaufen gibt. „Es ist doch ein Spaß für alle, für die Kinder ganz besonders“, sagt Signora Micheletti. Sie zählt zu jenen 18 Händlern, die auf dem Markusplatz das Taubenfutter verkaufen dürfen. Die Signora gehört aber auch zu den Opfern des Erlasses, mit denen die Stadt nun die Tauben loswerden will: Noch sechs Monate, dann ist der Verkauf der Maiskörner verboten. Das Streuen von Reis bei Hochzeiten ist schon untersagt. Aushungern will man die Tauben-Kolonie, die geschätzte 100.000 Vögel umfasst und stark wächst.
Abgehackte Ohren
Ein paar Kanäle und Gassen hinter San Marco öffnet sich der kleine Platz von Santa Maria Formosa. Dort arbeitet der Restaurator Paolo Pagnin. „Die Tauben sind eine Gefahr für den Kalkstein, mit dem Venedig gebaut ist“, sagt Pagnin. „Die Phosphorsäure in ihrem Kot zerfrisst die Oberfläche; Salzlösungen dringen ein und sprengen den Stein; Nitrate im Taubenkot wirken als Dünger: In Mauern wachsen Moose oder größere Pflanzen, die mit ihren Wurzeln den Stein schädigen.“ Aber nicht nur das: „Die Tauben fressen unsere Kunstwerke auf. Sie brauchen Kalk für die Eierproduktion, und den holen sie sich von unseren Palästen.“ Pagnin zeigt Fotos: Zarte Bildhauerarbeiten an den Friesen von Dogenpalast oder Markusdom sind nicht mehr zu sehen; Blattwerk, Nasen, Ohren, sind – im wahrsten Sinne des Wortes – abgehackt.
Doch für die Stadt wird es nicht leicht, die 18 Verkäufer von Taubenfutter wegzubekommen. Sie hat es vor einem Jahr schon versucht, dann knickte sie unter den angedrohten Gerichtsverfahren wieder ein. Immerhin haben Signora Micheletti und andere sechs Maisverkäufer zugesichert, sich mit Lizenzen für den Verkauf von Souvenirs „an anderen attraktiven Plätzen der Stadt“ abfinden zu lassen; doch die anderen gehen auf die Barrikaden.
WISSEN
Auf 100.000 Vögel wird die Taubenpopulation in Venedig geschätzt, und sie wächst stetig an. Die Stadt Venedig will nun den Verkauf von Taubenfutter auf dem Markusplatz verbieten, um die Zahl der Vögel zu minimieren. (Paul Kreiner, 19.10.07)
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