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erzähler - 03.07.2007, 13:13
Barbarisches
Diese Kurzgeschichte habe ich geschrieben, als es darum ging, bei einem ziemlich großen Browsergame nen Premiumaccount mit der Vorgeschichte seines Charakters zu gewinnen. Gewonnen habe ich nichts, trotzdem gefällt mir dir Geschichte so gut, dass ich sie hier nochmal veröffentliche ;). Und vielleicht baue ich sie irgendwann einmal aus.
Abgeschlossen wird die Geschichte übrigens von Korvons Profilbild, das von einer bekannten Neverwinter-Nights-Avatarpage stammt.
erzähler - 03.07.2007, 13:15

"Erzähl mir von dir." Die Frage traf ihn unvorbereitet. Korvon blinzelte kurz, bevor sich wieder die übliche Ausdruckslosigkeit über seine grobschlächtigen Züge legte, und neigte den Kopf zur Seite. "Erzählen? Von mir?“ Das Gespräch bewegte sich in Bahnen, die dem Krieger missfielen.
Eigentlich war der Vorschlag gar nicht so schlecht gewesen: Die Feste des Bigash Saryan waren ausschweifend, hoch formell - und tödlich langweilig für einen, der selbst in glänzender Rüstung und aufrechter Haltung höchstens mit einem Naserümpfen bedacht wurde. Korvon mochte diese Feiern ganz und gar nicht und konnte mit der leisen Musikuntermalung, den seltsamen, häppchenartigen Speisen und dem Adelsstand, der sich im Hause des Bigash versammelte, nichts anfangen. Trotzdem musste er, als Vertreter seines Stammes, wenigstens etwas Präsenz zeigen, wenn Saryan zum Feiern einlud. Für den heutigen Abend hatte er aber eindeutig genug.
Da war es ihm gerade recht gekommen, dass Beretha, so hatte sich die junge Adelige vorgestellt, ihn zu einem Spaziergang durch die nächtlichen Gärten Saryans eingeladen hatte. Sie war die Tochter eines Bigash, dessen Ländereien nur wenige Tagesritte entfernt lagen, schien die Sorte Frau zu sein, die sich in der Langeweile des Reichtums ihrer Eltern gegen diese gewandt hatte und alles tat, um ihnen zu missfallen. Sie nannte es wahrscheinlich „Rebellion“, Korvon hieß dieses Verhalten ungebührlich gegenüber den Älteren.
Doch er hatte sich noch nie in die Belange der Häusler eingemischt und wollte auch gar nicht erst damit beginnen. Außerdem war es ihm nur Recht, dass sie sich ein wenig mit ihm unterhielt, auch wenn sie es nur tat, um Vater und Mutter zu verärgern.
Dass sie wirkliches Interesse an ihm zeigen, ihn gar ausfragen könnte – daran hatte er nicht gedacht. Nun war er aber schon alleine mit ihr und konnte sich der Fragestunde nicht mehr entziehen, also zuckte er die Schultern und begann mit dunkler Stimme und leichtem Akzent zu sprechen.
„Ich bin ein Gesandter meines Stammes, der Familie des Himmelsechos. Wir gehören zu den zehn größten Familien, die die weite Steppe durchstreifen, die im Osten an eure Ländereien grenzen. Im Gegensatz zu euch haben wir keinen festen Wohnsitz oder gar Gebäude, unsere Wägen sind uns unser Haus und die Steppe unser Hof. Sie gibt uns alles, was wir zum Leben brauchen.“ Er schwieg, während er ihr nachdenkliches Gesicht betrachtete, und hoffte, ihre Neugierde damit befriedigt zu haben. „Erzähle mir mehr.“ Ihre Stimme klang nun leiser, unsicherer, doch ihr Blick hielt dem seinen fest stand. Er nickte leicht.
„Man nennt mich einen Kuldjargh, einen Krieger der Ehre. Ich wurde von jenem, der vom Rang eurem Bigash wohl am ähnlichsten ist, auserwählt, eine besondere Erziehung zu erhalten. Man lehrte mich die Geschichte unserer Ahnen, den Umgang mit den meisten Waffen, das Reiten im Kampfe, sowie Lesen und Schreiben in unserer Sprache.“ Mit leichter Genugtuung bemerkte er ihre Überraschung aufgrund seiner letzten Bemerkung.
„Die Deinen sehen in uns zwar vor allem Wilde – Wilde, mit denen man handeln kann und die gefährlich werden können, wenn man sie reizt. Aber dessen bist du dir sicherlich bewusst.“ Jemand anderes hätte diese Bemerkung vielleicht durch ein kurzes Lächeln entschärft, doch Korvon lag nichts daran, die Ausdruckslosigkeit seiner Miene fallen zu lassen.
„Ich bin hier, um das zu ändern. Zusätzlich wurde ich im Umgang mit den Häuslern unterrichtet, sowie in eurer Sprache. Als Kuldjargh bin ich dazu angehalten, stets ein Beispiel an Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Ehrhaftigkeit zu sein. Ich ziehe von Hof zu Hof, spreche bei einem Bigash nach dem anderen vor und zeige ihnen, dass von uns keine Gefahr ausgeht, solange man uns mit Respekt begegnet.“
Berethas Blick ruhte mit einer Mischung aus Faszination und Misstrauen auf Korvons ruhigem Gesicht. „Deshalb wurdest du ausgesandt? Um ein lebendes, gehendes, atmendes Beispiel an Disziplin und Ehre zu sein?“ Korvon nickte leicht. „So ist es.“ Einen Moment schwieg er. „Deshalb, und weil unsere Oberhäupter beschlossen haben, dass der Handel zwischen den Häuslern und dem Himmelsecho...vertieft werden sollte. Wir wollen ernst genommen werden, wenn wir längerfristige und größere Angebote machen.“
Beretha dachte kurz über das Gesagte nach und setzte sich wieder in Bewegung. Schweigend gingen sie nebeneinander durch den stillen, silbrig beschienenen Garten.
„Du vermisst die Steppe.“ Ihre Worte kamen unvermittelt, enthielten keine Frage. Korvon nickte leicht. „So ist es. Ich vermisse sie, so wie Vater Sonne Mutter Mond vermisst. Irgendwann werde ich zurückkehren, und wenn es sein muss, dann werde ich warten, bis auch diese beiden wieder vereint sind.“
Er versuchte, ihrer nächsten Frage damit zuvorzukommen, doch sie stellte sie trotzdem. „Aber warum bleibst du dann hier? Kaum jemand scheint dich zu beachten, wenn überhaupt sehen sie sich als Ärgernis oder als eine...eine Narretei des Bigashs, als gezähmtes Tier! Warum sollte deine Anwesenheit, dein ehrvolles und stolzes Auftreten, die Bigashi dazu bewegen, euren Angeboten eher zuzustimmen?“ Wieder blieb sie stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihn beinahe herausfordernd an.
„Weil es“, erwiderte er ruhig, „die Ahnen so bestimmt haben. Und wer bin ich, dass ich den Ahnen sage: ‚Dieses ist töricht, das ihr bestimmt habt’?“ Seine Miene wurde noch eine Spur steinerner, sodass Beretha nun endlich zu bemerken schien, dass sie sich auf zu dünnes Eis begab. Ihr Blick wurde hilfloser.
„Aber was für ein Leben ist das? Zum einen scheinst du wild und frei wie ein Grauwolf im Sommerwald, zum anderen bist du aber einsam wie ein eben solcher, getrennt von seinem Rudel und zum Hungern verdammt. Du bist loyal, kennst deinen Platz, scheinst aber trotzdem völlig entwurzelt. Hier bist du doch nicht Zuhause!“ Sie machte eine vage Handbewegung, die wohl den ganzen Ort einschließen sollte. „Was, wenn sie dich hier vergessen?“
Korvon neigte leicht den Kopf und schloss die Augen halb. Auch wenn er ihre Fragen als lästig empfand, faszinierten ihn ihre präzisen und treffenden Ausführungen. „Selbst wenn die Steppe mich vergessen sollte – und eher würden die Berge Kopf stehen, glaube mir – so würde ich sie immer noch in mir tragen und ungebrochen an sie glauben.“
Beretha klappte den Mund auf, setzte an, etwas zu erwidern – klappte den Mund wieder zu und seufzte nur leise. Schweigend gingen sie nebeneinander her und schlugen schon bald den Rückweg ein.
Kurz bevor sie wieder den stickigen Festsaal betraten, fragte Beretha leise: „Wann wirst du diesen Hof verlassen und weiterziehen?“ Korvons Blick glitt über die Menschenmasse hinweg ins Unendliche. „Bald schon. Bald ziehe ich weiter nach Süden.“



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