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Alle Beiträge und Antworten zu "Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle"

Re: Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle

Amanda - 22.02.2005, 20:37
Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle
Frau C., eine 41jährige Filialleiterin eines Lebensmittelgeschäftes, kommt auf Veranlassung des Gebietsleiters der Lebensmittelkette, für die sie arbeitet. Frau C. hat die letzten vieer regelmäßigen Berichte nicht rechtzeitig abgeben können und ihr Geschäft hat eine der niedrigsten Produktivitätsraten innerhalb der Kette, obwohl sie normalerweise früher kommt und länger bleibt als alle anderen Filialleiter und obwohl sie jede Minute des Tages beschäftigt zu sein scheint. Frau C. hat häufig Streit mit ihren Angestellten und hat die höchste Rate an Personalwechseln innerhalb der Kette. Als sie mit diesen Schwierigkeiten konfrontiert wird, beharrt sie darauf, daß ihr Geschäft "ordentlich" und "nach den Regeln" geführt sei - im Gegensatz zu den anderen Filialen, die "lumpige" Standards einhielten.

Die Schwierigkeiten in dem Geschäft sind leicht zu identifizieren. Frau C. verlangt von ihren Angestellten, daß sie die Waren in absolut geraden Linien ins Regal stellen und anordnen. Sie kontrolliert ihre Abrechnungen, kontrolliert sie noch einmal, kontrolliert zum dritten oder vierten Mal, weshalb ihre regelmäßigen Berichte nie rechtzeitig eingehen. Sie regelt bis ins Kleinste jeden Bereich des Geschäftsbetribs, was zur Folge hat, daß ihre Fachverkaufsleiter häufig zu anderen Geschäften wechseln. Anstatt Frau C. für ihre ständige Aufsicht dankbar zu sein, finden ihre Verkäufer diese ärgerlich und reitraubend. Sie entwirft laufend Pläne, Tabellen, Abbildungen und Dienstanweisungen und verbringt allmorgendlich einen großen Teil ihrer Zeit damit, ausführliche Listen der zu erledigenden Dinge zu entwerfen, die sie jedoch aus Zeimangel nie fertigstellt.

Frau C. ist seit 15 Jahren verheiratet und hat 2 Kinder zwischen 10 und 15 Jahren. Ihr Ehemann ist Angestellter bei der Post. Herr C. berichtet dem Therapeuten, daß es bis zu dem Zeipunkt, als Frau C. vor 6 Jahren mit dem Geschäft begonnen hat, häufig zu Ehestreitigkeiten gekommen sei, weil Frau C. sein Leben in jeder Hinsicht überwachen und regeln wollte. Sie habe jederzeit wissen wollen, wo er sich gerade aufhielt, und all seine Freizeitaktivitäten planen wollen. Er berichtet, es sei für ihn eine große Erleichterung gewesen, als sie in dem Geschäft zu arbeiten begonnen habe und bald zu beschäftigt gewesen sei, um seinem Leben so viel Aufmerksamtkeit zu schenken. Herr C. sagt, daß es ihm und den Kindern große Mühe bereite, seine Frau zu überreden, eine Urlaubsreise zu machen und daß es sich meist als nicht sehr erfreulich erweise, wenn sie sich doch zu fahren entschließe. Frau C. plane die Reiseroute und die Aktivitäten bis ins Kleinste und verlange, daß alle an dem, was auf ihrem Plan steht, teilnehmen müssen. Nichts dürfe spontan oder ungeplant sein und von allen werde erwartet, daß sie auch im Urlaub ihre Zeit "nützlich" verbringe.

Frau C. hat ihren Perfektionismus auf ehrliche Art erworben. Ihre beiden Elternteile waren streng, strebsam und überaus kritisch. Egal, wieviel sie arbeitete oder was sie erreichte, es schien nie genug zu sein. Sie begann im Alter von 5 Jahren, im eigenen Haus als Dienstmädchen zu arbeiten und im Alter von 9 für andere Hausarbeiten zu erledigen, so daß sie anfangen konnte, Geld zu sparen. In der Schule wurden nur Einser von den Eltern akzeptiert. Wenn sie eine Zwei in einer Arbeit geschrieben hatte, fragte diie Mutter "Warum keine Eins?" Obwohl Frau C. zugeben kann, daß sie die Einstellung ihrer Eltern häufig bitter und frustrierend fand, geschieht es ihr, daß sie sich ihren eigenen Kindern gegenüber ganz genauso verhält. Sie versucht zwar, die Kinder für ihre Fähigkeiten zu loben, ertappt sich aber oft dabei, daß sie von ihnen mehr Arbeit und bessere Leistungen fordert, auch wenn sie es sehr gut gemacht haben.

Re: Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle

Anonymous - 24.02.2005, 11:57

Das ist für mich ein Fall, den ich selber auch nicht lösen konnte. Meine Kollegin ist genauso, und ich habe bis jetzt keinen Weg gefunden, sie zu überzeugen, dass ständiges Aufgeräume, absolute Reinheit und ihre Berichte an die Geschäftsführung nicht notwendig sind.
Natürlich habe ich das so nicht gesagt. Ich habe das dann vollständig ignoriert, bis auf die "Zulieferungen" zur Geschäftsführung. Wo ich allerdings zu dem Zeitpunkt gekniffen habe. Aber das war ja ein anderes Thema.
Meine Freundin ist auch perfektionistisch, sie hat einen Putzzwang, sagt sie. Ständig am Saubermachen. Den ganzen Tag, sie sagt sie hat keine Hobbys außer Lesen, Liebesromane. Sie kommt niemals aus dem Dorf raus, außer, wenn sie es muss.
Sie geht auch nicht arbeiten, ist glücklich zu Hause, sagt sie. Alle Versuche von mir scheitern, mit ihr irgendwas gemeinsam zu unternehmen. Wenn Klatsch vereinbart ist, dann nur bei ihr zu Hause, nur in Ausnahmefällen (Geburtstag) kommt sie zu mir. Zumal sie dauernd Zoff mit ihrer Mutter hat. Diese ist ziemlich autoritär, und hat dauernd andere Launen aus unerforschlichen Gründen, sie macht Anna immer wieder Vorschriften. Meine Freundin, regt sich ständig darüber auf. Ich nehme mal an, dass der Putzzwang dadurch entstanden ist, weil sie ihrer Mutter alles recht machen will. Ich habe versucht mit ihr darüber zu reden, ebenfalls erfolglos.
Auch hier weiß ich mir keinen Rat.
Ich hoffe, durch diesn Thread eine Lösung zu finden.

LG netzmaus

Re: Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle

Katjalein - 24.02.2005, 13:40

Puuuuuuh, wenn ich mir das von Dir, liebe netzmaus, so durchlese, entdecke ich da so die ein oder andere Ähnlicheit mit dem Verhalten meiner Mutter.
Es spiegelt sich so vieles wieder, ich hab mir auch schon so meine Gedanken gemacht, ob sie nicht auch den ein oder anderen Putzsucht/Putzwang hat, oder ob es völlig normal ist ihr Verhalten..

Ich versuch es mal zu erklären:

Wenn sie unter der Woche von Arbeit nach Hasue kommt, dann schimpft sie rum, daß sie sich halt am Wochenende ausruht, damit sie wieder fit für die Arbeitswoche hat, aber sie hat es noch nie geschafft mal das durchzuhalten ein Wochenende nichts zutun. Es beginnt schon früh, wenn sie in Ruhe Kaffee trinkt, da macht sie, auch wenn es blöd klingt, einen Plan in ihrem Kopf was sie heute alles machen will. Ich erinner sie dann regelrecht darauf, daß sie sich mal ausruhen wollte, aber sie sagt dann immernur, ich mache ja nicht viel. Ja, daß hab ich schon gesehen, daß sie nicht viel macht!!!! :roll: Ich denk mir manchmnal auch, sie kann gar nicht anders. Sie hatte eine Vereltzung an ihrem Finger, daß ist ihr auf Arbeit passiert und hatte sich unter den Nagel einen richtig fiesen und großen Splitter von den Holzfenster reingejagt. Ich kann mir auch gut denken, warum dies passiert ist. Sie ist moment sehr unruhig, sehr unbeherrscht und fühlt sich sehr schnell angegriffen, bei ihr muss alles schnell, schneller, am schnellsten gehen, so denk ich mir mal, daß sieser Arbeitsunfall passiert ist. Jedenfalls hatte ihr Hausarzt gesagt, sie solle ihren Finger nicht allzu sehr strapazieren. Ich dachte wirkklich sie tut es, da sie es auch mitbenommen hatte diese Verletzung, aber nichts war von alledem fakto. Ja und die Konsequenzen trägt sie nun, daß der Finger nach gut 2 Monaten oder so noch immer so angeschwollen ist, wie es zuvor war und er schmerzt ihr immernoch!!! Ich habe dann eben den Haushalt geschmissen, aber wie es auch schon oft war, was ich gemacht habe, war nicht gut genug und sie putzte alles nochmal nach. So auf die Art: "Du hast da einen Staubkorn vergessen..".. :roll: :shock: Ich kann aber nicht unterscheiden, ob es normal ist was sie macht, oder ob es wirklich schon so einer Art Sucht ist, eben sauber zu machen. Freunde hat sie auch nicht groß, wenn sie dann mal eine ehemalige Arbeitskollegin trifft, mir es dann zu Hasue erzählt, daß sie ein Angebot bekommen hat mal Kaffee trinken zu gehen, dann sind mindestens 85 % der Ausreden: "Ich hab noch soooooooo vieles zu Hause zutun!!!" :roll: Tja, ich weissnicht ob dies ein typisches Verhalten einer Sucht zum Saubermachen aufweist oder nicht, ich kann es mir nicht erklären...

LG Katja

Re: Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle

Amanda - 24.02.2005, 16:37

Bei oben beschriebenem Fallbeispiel handelt es sich um eine sogenannte:

ANANKASTISCHE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG

Erklärung gefunden bei:

http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/zwangsstoerung.html

anankastische Persönlichkeitsstörung: Unentschlossenheit, Zweifel, übermäßige Vorsicht als Ausdruck einer tiefen persönlichen Unsicherheit. Extremer Perfektionismus. Bedürfnis nach ständiger Kontrolle und peinlich genauer Sorgfalt, was zur Bedeutung der Aufgabe aber in keinem Verhältnis steht und bis zum Verlust des Überblicks führt. Übermäßige Gewissenhaftigkeit, Skrupelhaftigkeit und unverhältnismäßige Leistungsbezogenheit, dabei Vergnügen und zwischenmenschliche Beziehungen vernachlässigend. Unfähig oder nur mangelhaft befähigt, warmherzige Gefühle zu zeigen. Starrheit und Eigensinn, wobei sich die anderen den eigenen Gewohnheiten unterordnen sollen. Beharrliche und unerwünschte Gedanken und Impulse, die allerdings nicht den Schweregrad einer Zwangsstörung erreichen. Schließlich das Bedürfnis, alles frühzeitig, detailliert und dann auch unveränderbar vorauszuplanen.

Die zwanghafte oder anankastische Persönlichkeitsstörung ist weiter verbreitet als man denkt. Die Betroffenen leben in der Vorstellung, vollständig im Recht zu sein. Ein ausgeprägter Leidensdruck besteht nur selten (im Gegensatz zur eigentlichen Zwangskrankheit). Dafür tun sich die Mitmenschen im engeren und weiteren Umfeld umso schwerer, je nach dem, wie ausgeprägt man von einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung abhängt (Partnerschaft, Familie, Arbeitsplatz).

Laut dem offiziellen Verzeichnis der psychischen Krankheitsbilder ICD-10 gibt es folgende Erklärung:

F60.5 anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung
Häufigkeit in der Gesamtbevölkerung : ca. 1,0 %
Eine Persönlichkeitsstörung, die durch Gefühle von Zweifel, Perfektionismus, übertriebener Gewissenhaftigkeit, ständigen Kontrollen, Halsstarrigkeit sowie große Vorsicht und Starrheit gekennzeichnet ist. Es können beharrliche und unerwünschte Gedanken oder Impulse auftreten, die nicht die Schwere einer Zwangsstörung erreichen.

Typisch für Menschen mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung ist eine Starrheit im Denken und Handeln, die sich als Unflexibilität, Pedanterie und Steifheit zeigt. Es besteht eine übermäßige Beschäftigung mit Details und Regeln, so daß die eigentliche Aktivität oftmals in den Hintergrund tritt.
Die Fähigkeit zum Ausdruck von Gefühlen ist häufig vermindert. In zwischenmenschlichen Beziehungen wirken Betroffene dementsprechend kühl und rational. Die Anpassungsfähigkeit an die Gewohnheiten und Eigenheiten der Mitmenschen ist eingeschränkt. Vielmehr wird die eigene Prinzipien- und Normentreue auch von anderen erwartet.

Menschen mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung sind meist übermäßig leistungsorientiert und perfektionistisch. Daher erweisen sie sich im Arbeitsleben als fleißig, übermäßig gewissenhaft und übergenau, wobei der überstrenge Perfektionismus die Aufgabenerfüllung mitunter verhindert. Ihre Angst vor Fehlern behindert die Entscheidungsfähigkeit der Betroffenen.

Re: Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle

Amanda - 24.02.2005, 16:40

Wie erklärt sich eine Zwangsstörung?

Die Frage, wie man sich solche Zwänge erklärt, von der dezenten Beeinträchtigung bis zur ruinösen Zwangskrankheit, ist (noch) nicht befriedigend zu beantworten. Man nimmt an, dass es sowohl biologische, also vor allem erbliche, als auch lern- und lebensgeschichtliche Aspekte sind, die hier zusammenkommen.

Zunächst lässt sich das Phänomen der Zwänge erst einmal auch ohne krankhaften Bezug sehen: Deshalb sind - wie mehrfach erwähnt - bestimmte Zwänge im Sinne einer disziplinierten Leistung, vor allem im Berufsleben, nicht grundsätzlich falsch. In einigen Berufszweigen gehören sie zur Voraussetzung und entscheiden über Erfolg oder Misserfolg, im Einzelfall sogar über Sicherheit oder verhängnisvolle Kontrollmängel im Sach- und Personenschutz.

So hat z. B. niemand etwas dagegen einzuwenden, wenn ein Auto- oder Flugzeugmechaniker, ein Arzt oder Richter, ein wissenschaftlicher oder technischer Kontrolleur genau, ja perfektionistisch oder gar zwanghaft vorgeht - besonders dann, wenn es sich um unsere eigenen Sicherheitsbelange handelt.

Selbst "krankhaft übersteigerte zwanghafte Verhaltensweisen" können für den Betroffenen noch positive Elemente enthalten, zumindest scheinbar bzw. zeitlich begrenzt. So können Zwänge dazu dienen, allgemeine und spezifische Ängste im Alltag, z. B. vor anderen Menschen, vor Überforderung, in partnerschaftlichen und familiären Konflikten zu mildern. Wenn man seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit auf das "korrekte Abwickeln" von Zwängen richtet, kann man solche Problembereiche ggf. besser auf Distanz halten oder überhaupt ausblenden. Das Gleiche gilt für Gefühle von Resignation, Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit u. a., die durch Zwangsrituale kurzfristig zu mildern sind. Schließlich ist man so beschäftigt, abgelenkt oder absorbiert, dass man sich nicht mehr völlig ungeschützt und damit hilflos mit Gefühlen von Einsamkeit, Unsicherheit, mit Konflikten, Forderungen, Vorwürfen usw. auseinandersetzen muss.

Manchmal dienen Zwänge auch als Protestreaktion gegen (übermächtig empfundene) Eltern, Lehrer, Partner, Vorgesetzte, Arbeitskollegen usw. Die eigenen Zwänge werden zu "Gegen-Zwängen" gegen den Zwang von außen, und dienen damit indirekt dem Ausdruck von Ärger, Wut, Enttäuschung, Hilflosigkeit. Kurz: Manche Zwänge scheinen für die Betroffenen wichtige "Hilfsmittel" zu sein, um scheinbar unbewältigbare Probleme zu lösen, zu verdrängen oder zumindest auf Distanz zu halten.

Manchmal dienen sie sogar der Neutralisation von Aggressionen, wenn alle anderen Bewältigungsstrategien zu versagen drohen. Und mit dem Vollzug des zwanghaften Rituals, das viel Zeit kostet, beweist sich der Betroffene vielleicht sogar die Notwendigkeit seines Tuns: Wenn solche Anstrengungen zur Erlangung von Sauberkeit, Ordnung, Sicherheit und Kontrolle nötig sind, muss dies doch einen ernsthaften Grund haben.

Weitere Erklärungsversuche beziehen sich auf folgende Aspekte:

- Lerntheoretisch sind es vor allem der elterliche, schulische und religiöse Erziehungsstil sowie frühere und aktuell belastende Lebensereignisse (Trennung, Tod, Scheidung, Partner- und Berufskonflikte), die bei der Entstehung von Zwängen eine wichtige Rolle spielen können. Man hofft, keinen Fehler zu machen, nicht abgelehnt oder kritisiert zu werden, wenn man z. B. besonders genau, ordentlich und zuverlässig ist. Vielleicht hofft man auch drohende Katastrophen und die damit verbundenen Befürchtungen durch Rituale bannen zu können, erst eher spielerisch, später immer zwanghafter.

Bald werden die ursprünglichen Gründe aber immer unwichtiger, schließlich völlig vergessen. Was bleibt, sind Zwangsgedanken, Zwangsbefürchtungen und Zwangshandlungen, damit man sich besser fühlt. Hört man damit auf, wird man plötzlich ängstlich, unsicher hilflos und einsam.

- Psychoanalytische Erklärungsversuche begreifen die Zwänge vor allem als Abwehrmaßnahmen gegen "verbotene Impulse aus dem Unbewussten", wobei sich auch hier die Rituale - vorerst - als Hilfe im Umgang mit negativen Gefühlen anbieten.

- Bezüglich der biologischen oder treffender biochemischen Ursachen scheint es sich am ehesten um eine neurobiologische Störung im Zusammenspiel bestimmter Botenstoffe des Gehirns (z. B. Impulsübertragung an den Nervenbahnen) zu handeln. Diese Hypothese wird auch durch die Wirksamkeit bestimmter Arzneimittel gestützt.

- Und schließlich scheint sogar eine Vererbung, zumindest aber die Weitergabe einer gewissen Disposition oder "Verwundbarkeit" nicht auszuschließen. Über die genauen genetischen Mechanismen weiß man aber noch wenig.

Re: Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle

Amanda - 24.02.2005, 16:46

Therapie der Zwangsstörungen

Zwangskranke galten früher als nicht (zumindest erfolgreich) behandelbar, wenn nicht gar als "verloren". Die meisten bekamen im Übrigen überhaupt keine Behandlung. Bei anderen wurden die Heilungsaussichten als so ungünstig eingestuft, dass sich die Psychiater und Psychologen um diese Patienten therapeutisch nicht gerade rissen. Das hat sich geändert. Allerdings ist auch heute noch der Leidensweg vom Krankheits- bis zum Therapiebeginn ungewöhnlich lang. Man spricht von bis zu sieben Jahren!

Grundsätzlich gilt inzwischen auch hier: Mehrere Therapieansätze sind gemeinsam erfolgreicher als nur wenige oder gar nur ein einziger. Das heißt konkret:

- Die Psychotherapie ist unerlässlich, kommt aber immer noch am seltensten zustande. Es fehlt an entsprechend ausgebildeten Psychotherapeuten (meist Nervenärzte, Psychiater oder Ärzte für Psychotherapeutische Medizin und Psychologen) bzw. an freien Behandlungsplätzen - und auch an Geduld und konsequenter Mitarbeit seitens vieler Betroffener.

Am günstigsten scheint sich die Verhaltenstherapie mit einem strukturierten Behandlungskonzept zu stellen (Exposition in der Phantasie bzw. in Wirklichkeit, Bewältigungsstrategien, realistische Neubewertung zuvor ängstigender Situationen, sogenannte kognitive Ansätze usw.).

Aber auch tiefenpsychologische sowie andere psychotherapeutische Verfahren kommen erfolgreich zum Einsatz.

- Wichtig ist auch die Familienberatung (siehe Kasten) und das sogenannte "Selbstmanagement", das auch in Zukunft und vor allem später alleine dazu beitragen soll, in konfliktreichen Situationen und bei den ersten Anzeichen von zwanghaften Reaktionen auf die erlernten Bewältigungsstrategien zurückzugreifen.

- Vor allem versucht man immer häufiger die Selbsthilfe zu stärken. Dabei wirken die entsprechenden Hinweise und Tipps manchmal geradezu schlicht, was aber ihrer Wirksamkeit keinen Abbruch tut. Beispiel: Bei Zwangsgedanken wird in der Regel als erstes gewaltsam versucht, diesen oder jenen Gedanken nicht zu denken. Doch das ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Der aktive Versuch des "Nichtdenkens" enthält ja bereits den Gedanken an das, woran man nicht denken möchte. Hier ist das Loslassen wirkungsvoller.

Wichtig ist es auch, scheinbar unsinnigen, beschämenden oder aggressiven Gedanken ihren Krankheitswert zu nehmen, indem man sie einfach nicht als unsinnig, beschämend oder aggressiv einstuft, zumindest die Mehrzahl von ihnen. Viele Zwangspatienten gehen irrtümlich davon aus, dass "nur sie solche scheußlichen Gedanken haben" oder empfinden am Schluss alles beschämend oder aggressiv. Das stimmt natürlich nicht und mündet nur in Resignation und Hoffnungslosigkeit.

- Schließlich bleibt noch die Pharmakotherapie. Sie leuchtet zwar bei dem "rein seelischen Leiden der Zwangsstörungen" auf den ersten Blick am wenigsten ein, wird aber inzwischen am häufigsten praktiziert und weist vor allem auch ermutigende Erfolge auf. Krankhafte Zwänge sind durchaus medikamentös beeinflussbar, und zwar vor allem durch eine Reihe stimmungsaufhellender Antidepressiva, insbesondere durch bestimmte trizyklische Substanzen, Serotonin-Wiederaufnahme- und Mono-Amino-Oxidase-A-Hemmer.

Allerdings darf man dabei nicht zu schnell die Geduld verlieren. Diese Arzneimittel (die, nebenbei gesagt, alle nicht süchtig machen, ein häufiger und verhängnisvoller Trugschluss!) müssen lange Zeit eingenommen werden, d. h. viele Monate, bis sich ein erster Erfolg abzeichnet. Kurzfristig ist bei Zwangsstörungen ohnehin nichts zu machen. Bei allen seelischen Störungen ist Geduld gefragt, für Zwangsstörungen gilt dies ganz besonders.

Auf jeden Fall muss man die therapeutische Erkenntnis der letzten Jahre berücksichtigen, die besagt:

Die besten Erfolge hat man bei einer Zwangsstörung durch einen sogenannten Gesamt-Behandlungsplan, also die Kombination aus Psychotherapie, Pharmakotherapie, Familienberatung und Selbstmanagement.


Hilfe durch die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen

Die meisten seelischen Störungen sind eine schwere Bürde, schwerer und folgenreicher als die Mehrzahl körperlicher Erkrankungen. Glücklicherweise hat sich hier vieles gewandelt. Vor allem der Trend zum erwähnten Gesamt-Behandlungsplan, also einer Kombination aus mehreren Therapiemaßnahmen wie Psychotherapie, Pharmakotherapie, soziotherapeutischen Hilfen, Selbstbehandlungsmaßnahmen usw. hat zu eindrucksvollen Fortschritten in der Therapie geführt.

Einen erheblichen Anteil daran haben aber auch die Angehörigen- und Selbsthilfegruppen. Für die Zwangsstörungen ist es besonders die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen, die vor allem mit wichtigen Informationen auf verschiedenen Ebenen weiterhilft.

Re: Fallbeispiel 2: Unter Kontrolle

Amanda - 24.02.2005, 17:22

Als besonders erfolgreich bei Persönlichkeitsstörungen hat sich die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen:

Kognitive Verhaltenstherapie> Im Mittelpunkt der Kognitiven Therapieverfahren stehen Kognitionen. Kognitionen umfassen Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen. Die Kognitiven Therapieverfahren, zu denen die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und die Rational-Emotive Therapie (RET) gehören, gehen davon aus, dass die Art und Weise, wie wir denken, bestimmt, wie wir uns fühlen und verhalten und wie wir körperlich reagieren. Schwerpunkte der Therapie sind: - die Bewusstmachung von Kognitionen - die Überprüfung von Kognitionen und Schlussfolgerungen auf ihre Angemessenheit - die Korrektur von irrationalen Einstellungen - Transfer der korrigierten Einstellungen ins konkrete Verhalten

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