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Krümel - 20.04.2007, 21:23
2007 Björnstad, Ketil - Villa Europa
tom - 21.04.2007, 14:37
(Ich möchte Euch kurz das Buch vorstellen, damit die Nicht-Mitleser einen kleinen Eindruck haben, worum es sich handelt und wer der Autor ist. So könntet Ihr eventuell den Fred besser verfolgen?!)
Ketil Bjornstad – Villa Europa
ZUM BUCH: In seinem norwegischen Familienepos erzählt Ketil Bjørnstad von den Bewohnern eines Hauses hoch über dem Fjord von Oslo: der Villa Europa, in der Nina Ulven Ende des 19. Jahrhunderts die Zimmer nach den Ländern einrichtet, die ihr treuloser Gatte bereist. Auch die Söhne, Töchter und Enkel der Familie verlassen im Lauf der Jahrzehnte ihr Land, und doch kehren fast alle wieder zurück. Vor allem die Frauen sind es, die das Haus bewahren, das mehr und mehr zum Schauplatz der Auseinandersetzungen zwischen den Generationen und Geschlechtern wird. Von der Belle Epoque bis zum Fall der Berliner Mauer: der Autor erzählt die Geschichte einer Familie, deren dramatisches Schicksal zugleich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. (nach Amazon und Bucheinband)
ZUM AUTOR: Ketil Bjørnstad, geboren 1952, lebt als Schriftsteller, Pianist und Komponist in Oslo. Er studierte in Oslo, London und Paris klassisches Klavier. Sein musikalisches Debut gab er 1969. 1972 erschien sein erster Gedichtband Alene ut. Er hat eine Serie von LPs und CDs mit eigener vom Jazz und Rock beeinflußter Musik produziert und zahlreiche Romane veröffentlicht. Für den Roman Nade (Gnade) erhielt er 1998 den Riksmalspreis. In Deutschland wurde er u. a. durch seine Romanbiographien über Edvard Grieg (Suhrkamp 1998) und Edvard Munch (Insel 1995) bekannt. (nach Suhrkamp)
Taschenbuch: 535 Seiten
Verlag: Suhrkamp
Sprache: Deutsch (Original: norwegisch)
ISBN-10: 3518457306
ISBN-13: 978-3518457306
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tom - 25.04.2007, 22:05
Ja, ich will einfach mal anfangen.
Das Buch ist in acht Kapitel aufgeteilt, die jeweils einer Hauptperson zugeordnet sind. Diese Hauptperson muss nicht unbedingt in einer nächsten Generation liegen, aber er übernimmt quasi die "Hauptrolle" im Verlauf des gerade Erzählten.
So ist also das erste Kapitel Erik gewidmet, der - siehe Zusammenfassung - also gegen Ende des 19. Jahrhunderts seine Frau in Oslo (bzw. Kristiania) sitzen läßt und auf Tour geht. Dabei gibt er oft eher vor was zu sein als das er es wirklich ist oder hat. "Mehr Schein als Sein" und auch eine ausnützende Haltung ggenüber seiner Frau reichen Ursprungs (die ihn durch ihren Vater quasi mit Nachschub versorgt und überschüttet hat). Da aber, liebe Leseratte, liegt auch ein Knackpunkt, den ich andeutungsweise nicht als Entschuldigung, sondern einfach als Schwierigkeit feststelle: Die Unterschiedlichkeit der Herkunft führt zu einer Art Abhängigkeit; Einseitigkeit, die vielleicht einem Mann auszuhalten sehr schwer fällt. Gut, er lebt einerseits von seiner Frau und nützt sie aus, andererseits aber ist diese Abhängigkeit auch frustrierend. Er träumt von seiner Art Unabhängigkeit (sehr illusorisch und auf Kosten der anderen...) und kommt eigentlich nie auf eigene Beine. Auch auf seinen Fahrten wird er letztlich nicht der tatsachliche Weltmann, sondern bleibt irgendwie abhängig von anderen, so z.B. jahrelang von einer Witwe in Rumänien.
Aber ich glaube, für heute habe ich erst einmal genug geschrieben und ich bin mal gespannt, was Leseratte postet (sie hatte da einige Bemerkungen, glaube ich - wink mit dem Zaunpfahl!).
Anonymous - 26.04.2007, 12:00
Hallo,
ja, Tom hat Recht. Ich hatte schon einige "Vorabbemerkungen" über Erik, die ich mir hier in der Härte aber verkneifen möchte. Nun bin ich beim 4. Kapitel und kann das ganze schon etwas distanzierter betrachten. Ich stimme mit Dir, Tom, nicht überein, daß das Verhalten Erik`s auch auf die unterschiedliche Herkunft zurückzuführen ist. Ich bin davon überzeugt: Erik hätte jede andere Frau seines Standes genauso behandelt. Nur hätte das für ihn ein etwas schlechteres Leben bedeutet weil ihm natürlich nicht soviel Geld zur Verfügung gestanden hätte. Sieh`doch seinen Bruder. Dieser ist ja kein Deut besser. Bis zum glücklichen ableben nur noch saufen, "rumhuren" (Entschuldigung aber es gibt keinen trefferenden Ausdruck) und über zukünftigere bessere Zeiten reden damit man das eigene Elend vergessen kann. Es tut mir Leid aber ich kann für solche Charaktere keine Erklärungen zur Läuterung mehr finden.
Diesbezüglich finde ich auch die Einstellung des Autoren, der ja immerhin auch ein Mann ist, interessant. Wie gesagt, ich bin bei Kapitel 4 und habe mittlerweile das Gefühl, daß es in diesem Buch nur um schwierige Männer und gute Frauen geht. Wie heißt es so nett im Klappentext: "... Der Roman ist eine art Demontration der Überlegenheit der weiblichen Lebenseise"
Danke an Herrn Bjornstad aber gibt es das ganze nicht auch umgekehrt?
Ich habe einige nette vernünftige Männer kennengelernt, die aber (meiner Meinung nach) mit etwas merkwürdigen Frauen (ich drücke mich ja immer vorsichtig aus) liiert waren. Zugegeben, es gibt natürlich eine männliche und eine weibliche Linie. Ich wehre mich nur so dagegen, daß ganze in solche Bahnen zu werfen. Jeder Mensch hat doch eine weibliche und eine männliche Seite. Wir müssen nur erlernen, das ganze auszubalancieren.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 26.04.2007, 14:25
Ja, Leseratte, die Einseitigkeiten und verkürzenden Verallgemeinerungen gefallen mir auch seltenst... Wenn ich was als "Entschuldigung" für Erik einfügte, dann höchstens aus einem inneren Gefühl heraus, ihn nicht nur abschreiben zu wollen, sondern sogar noch bei ihm etwas zu sehen, was irgendwie von Ferne ein klein wenig was verständlicher machen kann. (Die ABSOLUTE Verurteilung liegt mir recht fern, ich meine: im konkreten Leben, im Beurteilen der anderen...)
Sympathisch ist er mir deswegen nicht. Wahrscheinlich stimmen wir ja darin überein, dass ein dauerhaftes Glück auch sowas wie "Ausdauer" oder -altmodischer, doch trotzdem wahr - anders gesagt: Treue, verlangt.
Ich sehe es auch so, dass Björnstad ein ziemlich positives Frauenbild zeichnet. Dies entspricht einer Tatsache: immer mehr Männer sehen auch (eben der Autor), dass die wahre Stärke nicht immer bei den Starken (= den Männern) gelegen hat. Es gibt eindeutige Stellen im Text, wo er von der "Überlegenheit" fraulicher Elemente spricht.
Was Deine Bemerkung zur Gleichzeitigkeit fraulicher und männlicher Aspekte in JEDEM Menschen anbetrifft, stimme ich Dir voll zu. Allerdings ist die Gewichtung verschieden ausgeprägt, je nach dem, wie man selber den jeweils ergänzenden anderen Teil seiner eigenen sexuellen Identität integriert hat. Dazu gibt es ja ganz faszinierende Gedanken, z.B. von C.G.Jung, von der "anima" und dem "animus"...
Aber ich bitte Dich, Leseratte, jetzt nicht beim Lesen zu rennen: ich postete nur die Eindrücke zum ersten Kapitel, noch nicht mal zu den Kapiteln zwei und drei! Gibt es da nicht noch Materie? Kapitel 2 fand ich persönlich (wie das erste) nicht ganz so überzeugend (oder "schön"?) doch in Kapitel 3 gäbe es noch Materie zum Diskutieren, oder?
Anonymous - 26.04.2007, 15:28
Hi,
Du solltes nicht das Gefühl bekommen, daß ich renne und nichts mehr zu sagen habe. Ganz im Gegenteil. Ich wollte Dir nur sagen, an welcher Stelle ich bin weil Du so nett auf mich gewartet hat. Das Buch lässt sich wirklich, wie Du schon sagtest, flott weg lesen.
Gruß
Leseratte
tom - 26.04.2007, 18:50
Ich selber war gestern auch erst bei Ende Kapitel drei angelangt und dachte, nun erst mal zu warten... Morgen, falls ich Zeit habe, könnte ich noch was zu 2 und 3 schreiben. Aber Du kannst schon mal loslegen!
tom - 27.04.2007, 14:29
Zum Thema "unterschiedlicher Herkunft", die manchmal Quelle von Spannungen eigener Art sein können, wollte ich an dieser Stelle die Kinointeressierten auf den phantastischen Film von Woody Allen verweisen: "Matchpoint", wo die Problematik gut rauskommt....
Doch weiter: Man "fliegt" ein wenig über diese (zumindest) ersten Kapitel: das Lesen fällt leicht und plötzlich ist man schon da und da! Für mich ein ungewöhnlich schnelles Lesen. Es entspricht aber auch dort einem unbestimmten Eindruck, dass der Autor die Geschichte seiner Helden überfliegt: es geht mir "zu schnell". Das ist vielleicht oft der Nachteil solcher "Chroniken" oder Sagen: der Autor hat zwar viele Ideen und Inhalte, doch arbeitet er die Möglichkeiten derselben nicht voll aus (m.E.).
Zur Hauptperson des 2.Kapitels fällt mir eigentlich am meisten ein und auf, dass aus der "Magd", die anfangs für mich relativ konturlos war, mit den Jahren eine resolute, teils "kantige" Frau wird, die sich bewußt hier und da, auch gesellschaftlich, einsetzt und später nicht nur notgedrungen und gezwungen, sondern aus eigener Initiative Menschen in ihrem Haus empfängt.
Zum 3. Kapitel gibt es viel zu sagen. Ich fand es sehr vielschichtig und reich, auch für eine Problematik, die Deutschland (und alle alten und aktuellen Diktaturen) berührt.
Doch ich gebe den Ball an Leseratte weiter!
Anonymous - 28.04.2007, 17:19
Lieber Tom,
...ich habe den Ball gefangen, wenn auch erst einen Tag später.
Du hast recht, man fliegt über den Text wobei mich das im Moment nach Wiechert wenig stört. So ein locker-leicht geschriebenes Buch tut da ganz gut.
Ich möchte noch etwas zu Erik bemerken. Du hast geschrieben, man sollte ihn und Menschen im Allgemeinen nicht absolut verurteilen. Das möchte ich auch nicht. Es ist nur so, daß ich in ihm ein Spiegelbild sehe (nicht mein eigenes - ich bitte Dich). Insofern hast Du schon recht: Erik leidet unter seiner eigenen Mittellosigkeit - nicht nur in finanziellen Dingen. Er hat in meinen Augen einen schwachen Charakter und DAS werfe ich ihm vor. Seine Frau scheint nur leider nie begriffen zu haben, welche Stärke eigentlich in ihrem kranken Körper schlummert.
Nun aber zu Kapitel 2:
Ich stimme Dir voll zu. Aus einer Art Schatten wächst eine starke Persönlichkeit die lernt, sich gegen ihren Zeitgeist und ihre Umwelt zu behaupten. Ovidia scheint mit der Zeit einfach über allem zu stehen. Über der Vergewaltigung genauso wie über ihren ehemaligen Verlobten. Sie nimmt Menschen in ihr Haus auf, die auf den ersten Blick genauso gefallen sind wie sie selber aber in Wahrheit erhebt sich sich dadurch. Ich muss an die Bibelstelle denken, in der Jesus Maria Magdalena die Füße wäscht und salbt. Ovidia hat Mitleid mit den Menschen und daher gibt sich sich hin (Anspielung auf ihren Verlobten). Oder will sie nur ihre eigene Schuld (Vergewaltigung) sühnen?
Kapitel 3:
Tja, das große Thema Oscar. Zunächst muss ich anmerken, wie toll ich finde, was aus dem Jungen geworden ist. Man bedenke, ein uneheliches Kind, geboren ca. 1906. Das Haus voller Dirnen und einem alkoholsüchtigen Onkel, der natürlich auch jede Menge Frauenbekanntschaften pflegt. Natürlich hat Ovidia anscheinend eine excellente Erziehung geleistet aber Oscar selbst darf hier auch nicht zu kurz kommen. Normalerweise rutschen solche Kinder genauso tief. Nicht aber Oscar. Er widersetzt sich dem Wunsch seiner Mutter zu studieren. So ganz ein Muttersöhnchen scheint er wohl doch nicht zu sein. Kann man ihm vergelten, daß er auf Sicherheiten und Harmonie setzt? Ich nicht. Ich finde die Art, wie ihn später die Frauen sehen sogar etwas unfair. Zugegeben, Ovidia ist die stärkere Persönlichkeit aber das heißt noch lange nicht, daß Oscar KOMPLETT von ihr Abhängig ist.
Gruß
Leseratte
Anonymous - 28.04.2007, 18:04
So, dann will ich hier mal den Anfang machen.
Ich denke, das Kapitel "Edith" ist das ehrlichste und einfachste. Jeder Mensch (nicht nur Frauen) verändert sich. Man trifft aus welchen Gründen auch immer zusammen, verliebt sich und heiratet. Wenn sich beide Partner ähnlich verändern ist es kein Problem. Schlimm wird es nur, wenn man sich so verändert, daß es ein Partner oder beide nicht mehr miteinander aushalten. Edith macht meiner Meinung nach nur einen Fehler: Sie will weg, egal wie. Das Leben an Oscar`s Seite hat sie egoistisch gemacht.
Kapitel 5:
Ja, jetzt wird es wirklich interessant. Für mich zumindest. Endlich kommt mal ein bisschen Schwung in die Chronik. 60iger Jahre. "Revolution". Aufstand der Studenten und mittendrin Laura, die Tochter von Edith und Oscar. Aber schön der Reihe nach. Laura wird zunächst als typische Jugendliche ihrer Zeit beschrieben. Sie fängt an, die Anweisungen und das Leben ihrer Eltern zu hinterfragen. Als sie keine einleuchtenden Antworten bekommt, entschließt sich sich, Griechenland und Italien zu erkunden. Sie will ihren eigenen Weg finden. Toll!!! (Meine ich wirklich ehrlich - ich wäre in ihrem Alter nicht auf die Idee gekommen. Ich hatte gefälligst eine solide Ausbildung abzuschließen und Arbeit zu finden. Alles andere wäre als Zeitvertreib angesehen worden.) Wahrscheinlich ist das auch der Grund, für Laura`s Heimlichtuerei. Daß dann nicht alles nach Plan verläuft (erneute Vergewaltigung und Schwangerschaft), macht das ganze nur um so glaubwürdiger. Das mag jetzt sehr zynisch klingen aber ich nenne die Dinge nur beim Namen. Alles nachfolgende ist vom Autoren sehr geschickt ausgewählt und zusammengefügt. Laura flüchtet in den erzkatholischen Süden Italiens und bringt dort bei einem Kirchendiener, der zusammen mit seiner alten Mutter lebt, ihre Tochter zur Welt. Natürlich muss Laura, die ihrer Mutter mehr ähnelt als sie wahrhaben will, bei den Pendants zu ihrer Großmutter und Vater landen. Aber zumindest kommt sie in ihren gewohnten Verhältnissen zur Ruhe. "Gott sei Dank" findet Laura dann aber mit Hilfe ihrer Tochter die Kraft, im Gegensatz zu ihrer Mutter im richtigen Moment "Nein" zum Heiratsantrag des Italieners zu sagen. Sie gelangt nach Frankreich zu ihrer Busenfreundin, die dort in einer Komune lebt. Und auch dort ist die Tochter Bene ein guter Grund für den Autor, sie wieder in`s sichere Norwegen zu schicken. Die gesammte Komune macht sich nämlich auf den Weg nach Paris zu den Studentenprotesten.
Dieses Kapitel hat mir wirklich am Besten gefallen, nicht nur wegen der ausführlichen Beschreibung z.B. des Filmfestival in Cannes zu jener Zeit. Wie haben sich die damaligen Jurymitglieder, Roman Polansky... verhalten? Interessant zu lesen.
Laura kehrt also nach Norwegen zurück aber nicht in den Schoß der Familie. Nach 2-jähriger Aufregung braucht sie nun das genaue Gegenteil: Ruhe in dem abgeschiedenen Geburtshaus ihrer Großmutter. Aber nicht für lange. Plötzlich stehen kurz nacheinander ihr Ex-Geliebter aus Frankreich und auch der Italiener vor der Tür. Den Franzosen habe ich mir ja noch irgendwie gefallen lassen, zumal eine plausible Begründung vorlag. Ganz im Sinne von Bjornstad handelt es sich hierbei natürlich um einen nicht lebensfähigen jungen Mann, der sich von Laura durchfüttern lassen will. Aber der Italiener??? Meiner Meinung nach etwas unglaubwürdig. Zumal er dort auch noch den Tot findet.
Naja, ich bin gespannt, was Du, Tom, zu alledem sagen wirst.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 28.04.2007, 22:21
Zum 3. Kapitel noch:
Ja, was ist das für ein "unklassifizierbarer Oscar". Zusammen mit Anfang Kapitel 4 stellt man fest, dass er als Gelackmeierter da steht: sind die Hintergangenen in einer Ehe nicht immer etwas "gelackmeiert", werden als "arme Würstchen" eingestuft? Und doch gibt es Passagen, in denen gerade er als Bild des friedfertigen Menschen gezeichnet wird, fast eine Christusgestalt (es gabe einen deutlichen Fingerzeig, den ich jetzt nicht finde, der aber an Dostojevskis "Idiot" erinerte).
Zugleich steht er irgendwie unentschieden in einer Mitte (wie vielleicht alle nicht zu Extremen neigenden Menschen? Oder Grundentscheidungen???) Wird das nicht deutlich in seiner doppelten Freundschaft zu Vegard und Sindre? (Für die Außenstehenden sei hier gesagt, dass diese beiden Brüder einerseits im Krieg auf der deutschen Seite stehen, bzw. der andere im Widerstand). Oscar entscheidet sich eigentlich gar nicht: die Entscheidung nimmt ihm der schnellere und "entschiedene" Vegard ab, der ihn quasi einkassiert für eine Hilfe im Widerstand. In einer wichtigen Situationen stellt uns der Autor hier vor einem "Zögern-Sich Entscheiden-Offenbleiben-übernommenwerden"...
Eigentlich hätte ich mich noch gerne bei diesen beiden Brüdern aufgehalten..., sind sie doch ein Spiegelbild der vertrackten Situation: einander Bekämpfende sind... BRÜDER!
Ein interessantes Element, das ich durch einige Kontakte mit alten Menschen anderer Länder bestätigt fand: Ganz mal weg vom reinen Nazismus, übte Deutschland, bzw. seine Kultur zu einer langen Zeit einen unglaublichen Einfluß aus, wurde über alles geschätzt: Musik, Philosophie, Dichtkunst... In Ansätzen wird das im später zu Nazi-Deutschland neigenden Sindre klar. Ich sage dies hier jetzt natürlich nicht als Verteidigung der Nazis!!! Aber (auch heute noch für viel außerhalb Deutschlands) wie darf man zu großen Ausdrücken der Kunst einfach positiv Ja sagen? Dazu gäbe es noch einiges zu sagen...
Ich fand dementsprechend dieses 3. Kapitel recht reich an "Materie".
Anonymous - 29.04.2007, 06:55
Lieber Tom,
ich denke auch, daß man zu den Brüdern Sindre und Vegard noch einiges sagen kann. Daß sich die Zwillingsbrüder so stark auseinandergelebt haben, sehe ich als weniger problematisch an. Natürlich ist es immer schade, wenn sich eine Familie so entzweit aber es kann schon einmal vorkommen. Auch oder gerade weil sie Zwillinge sind wird doch gut gezeigt, daß sie keine Einheit bilden können. Jeder sucht seinen eigenen Weg. Meiner Meinung nach zeigt sich das schon in den ersten Kriegsjahren. Sindre scheint mit seinen Interessen (Musik, Gesang) mehr auf "der Stelle zu treten", bzw. die "alte Welt" zu huldigen. Sein Bruder denkt schon als Jugendlicher zukunftsorientierter. Er scheint mit seinem Traum, eine Rakete (oder was es auch immer war, ich erinnere micht nicht mehr so genau - zumindestens etwas ähnliches.) konstruieren zu wollen, den nötigen Krieg vorauszuahnen. Genauso weiß Vegard während des Krieges ganz genau, auf welche Seite er sich zu stellen hat um die Zukunft mit formen zu können und nach dem Krieg "ganz groß rauszukommen". Was tut aber sein Bruder während der ganzen Zeit? Sich in seinem schon sinkenden Ruhm sonnen, Partys und Champagner (halt auf der Stelle treten). Wenn ich mir allerdings ansehe, was aus Vergard wird, frage ich mich ob der Preis nicht zu hoch ist. Er bekommt ein Alkoholproblem und muss sich immer auf`s neue beweisen. So sehe ich zumindest sein Verhältnis zu Edith.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 29.04.2007, 07:55
Ja, und reiht sich Vegard nicht ein in die lange Schar der im Buch Beschriebenen Unschlüssigen, trotz seiner ganzen "Scheinvitalität"? Als es ihm Edith mehrmals anbieten wird (wowohl da meine Meinung auch zu gespalten ist) wird er letztlich auch Rückzieher machen und nicht konsequent sein...
tom - 29.04.2007, 08:30
Zu Kapitel 4 wollte ich noch eine Überlegung einfügen, die vom Autor stammt (meiner Lesart nach) und die ich recht interessant fand. Es geht ja nicht einfach um "Dies ist Bös/schlecht"; "dies ist absolut richtig"... - das Leben ist oft komplizierter..., doch was das Fremdgehen von Edith anbetrifft hebt Björnstad immer wieder hervor, in welche schizophrenen Situationen das führt: das Versteckspiel(en). Und es geht da nicht nur um ein Verhalten vor anderen, der zwangsläufigen Unaufrichtigkeit, um ein "gesellschaftliches" Problem der Akzeptanz, sondern um eine Erfahrung der eigenen Gespaltenheit, der Uneinsheit mit sich selbst (Edith sagt auch an einer Stelle zu Vegard, dass sie sich gegenseitig erniedrigten). Was das positiv ausgedrückt heißt wird klarer als der Autor in eindeutiger Weise etwas m.E. sehr Schönes sagt als Edith zu Oscar zurückfindet: "...die Freude, im eigenen Leben präsent zu sein...". Präsent zu sein im eigenen Leben ist wohl auch zu einer Einheit zu finden... Über dieses Thema könnte ich mich lange auslassen, doch vielleicht wird es zu philosophisch und gekünstelt?!
Im 5. Kapitel bin ich gestern Abend und heute Morgen erst bis Seite 280 gekommen, aber klar: mit dieser Laura rückt für uns (für mich) auch das eigene Leben, die eigene Zeitepoche näher: vieles kommt mir nun schon aus eigenem Erleben bekannt vor. Ich erlebte zwar eher die 70iger (und dann 80iger Jahre), doch musikalisch waren Stones etc. noch aktuell. Die Loslösung vom Elternhaus war begleitet von innerer Rebellion... (muss ich konkret werden? ich war in Asien gewesen, lehnte mich gegen die Eltern auf, erwog, die Schule zu verlassen etc...; landete später in totalem Alleingang in Frankreich...)
Aber ich muss jetzt auch mal was zu einem Grundthema sagen, dass Du woanders schon mal angeschnitten hast: starke Frauenfiguren, immer etwas zu lapprige oder brutale Männer. Hier wird - wie es Ovidia andeutet - der Kampf zwischen den Geschlechtern herausgestrichen. Und obwohl Björnstad ja ohne Zweifel "Mann" ist bin ich doch ein bisschen erstaunt über seine doch oft zu einseitigen Beschreibungen. Ich kann nicht umhin zu glauben, dass der Autor selbst ein gewisses Problem mit seiner eigenen Identität hat/haben muss. Es ist TOLL, wenn ein Mann sich in gewisser Weise feministisches Gedankengut aneigenen kann und eben nicht machistisch schreibt, doch er kann dann auch zu einer Künstlichkeit des Ausdrucks finden, die ihn mir etwas "suspekt" macht. Verstehst Du, was ich meine, Leseratte? Übrigens hatte ich wirklich manchmal das Gefühl, dass hier eine "Frau" schreiben könnte; ich dachte ganz konkret an Fetzen aus Büchern von Isabell Allende etc.
Man fragt sich wirklich, ob ein Mann auch nur polarisiert dargestellt werden kann: Gibt es da nicht auch Ausgleich und Harmonie??? Ist wirklich jeder Mann entweder Waschlappen oder Tier? Etwas zu einseitig, etwas zu leicht...
Anonymous - 29.04.2007, 12:51
Hallo Tom,
ich möchte Vergard in der Situation mit Edith nicht als unschlüssig bezeichnen und Edith als die bessere Art. Im Gegenteil. Nocheinmal: Ich werfe Edith vor, nur noch weg zu wollen. Egal wie. Aber warum dann nicht auch alleine? Dazu fehlt ihr dann anscheinend doch der Mut. Sie braucht jemanden an ihrer Seite.
Viele Grüße
Leseratte
wolves - 30.04.2007, 15:13
tom hat folgendes geschrieben: (Ich möchte Euch kurz das Buch vorstellen, damit die Nicht-Mitleser einen kleinen Eindruck haben, worum es sich handelt und wer der Autor ist. So könntet Ihr eventuell den Fred besser verfolgen?!)
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Danke schön! Ich werde eure LR mit Spannung verfolgen. Hatte ich doch selbst schon einmal das Buch in der Hand, aber dann wieder weggelegt. Viel Spaß euch allen! :D
Anonymous - 30.04.2007, 15:34
Hallo wolves,
ich (und bestimmt auch Tom) würde mich freuen, wenn Du Dich uns noch anschließen würdest. Wie bereits ein paar mal erwähnt, lässt sich das Buch sehr schnell lesen. Vielleicht kannst Du es ja irgendwie dazwischen schieben.
Viele Grüße
Leseratte
wolves - 30.04.2007, 15:45
Hallo Leseratte,
danke schön für dein Angebot :D , aber im Augenblick wollte ich kein Buch dazwischenschieben.
tom - 30.04.2007, 18:34
Ich bin jetzt mit dem 5. Kapitel fertig und finde mein Unbehagen, das ich im letzten Beitrag geäussert habe, bestätigt. Mich ärgert es ein wenig, wie dumm die Männer dastehen... Ob der Autor irgendwem einen Gefallen oder etwas gut machen wollte? Sehr seltsam.
Zum Thema On the Road und Heimkehr könnte man einiges sagen. Letztlich kehrt Laura nicht um so viel "glücklicher" nach Hause zurück, bzw. findet ihren Weg nicht in der Fremde, sondern - zumindest in der ersten Zeit des Alleinseins - auf der Insel, im Haus der Grossmutter. Ich fühlte mich an diese alte Geschichte erinnert, wo sich jemand auf die Suche des Glücks (Gott) macht und sich eines Tages in seiner kleinen Zelle wieder findet und DORT eine/die Erfüllung findet.
Bari hätte positiver dargestellt werden können... Ich frage mich, wie man das Beurteilen anderer Gesellschaften aus unserer Warte handhabt. Natürlich (um ein Beispiel zu nennen) glaube ich nicht, dass Laura den Alfonso hätte heiraten sollen, doch wer ein wenig was vom Süden Italiens der 60iger Jahre weiss, muss doch wissen, das ein solches enges Zusammenleben unter einem Dach fast automatisch bei der Mutter (bei Alfonso) Hoffnungen wecken musste.
(Als Anekdote sei erwähnt, dass ich vor zwanzig Jahren einen Küster =Kirchendiener aus Bari kennenlernte und mit ihm eine Zeit lang lebte. Das war/ist ein toller Kerl!)
Anonymous - 30.04.2007, 19:51
tom hat folgendes geschrieben: Ich bin jetzt mit dem 5. Kapitel fertig und finde mein Unbehagen, das ich im letzten Beitrag geäussert habe, bestätigt. Mich ärgert es ein wenig, wie dumm die Männer dastehen...
... Jetzt verstehen wir uns. :prost:
Ansonsten kann ich Dir was das Zusammenleben in Bari angeht nur bedingt Recht geben. Natürlich hätte Laura wissen können/müssen, wie sich das Ganze nicht nur auf die Mutter sondern auch auf Freunde und Nachbarn auswirkt. Ich könnte mir aber auch vorstellen, daß sie einfach nicht daran gedacht hat. Stell`Dir doch einfach mal ihre Vergangenheit vor. Ihre Großmutter ist sehr weltoffen und läßt in der "Villa EUROPA" (mit Absicht groß geschrieben), Flüchtlinge aus aller Herren Länder leben ohne nach der Schicklichkeit zu fragen. Laura kam sich in Bari vermutlich selber wie ein Flüchtling vor und daher war für sie diese Aufnahme nur natürlich.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 30.04.2007, 22:22
Ja, da hast Du wohl Recht: sie überträgt die Erfahrungen von daheim auf Bari?!
Aber es ist ziemlich naiv! Allerdings muss man ihr ja auch zugestehen, dass sie "erst" circa 19/20 ist, wenn ich recht kalkuliere.
Wir haben noch nirgendwo erwähnt (?), dass diese geheimnisvolle Villa Europa nach den verschiedensten Ländern benannte Zimmer hat. Das führt (gut gefunden, amüsierte mich öfters!) zu einigen Wortspielen lustigster Art: Komm, wir gehen mal kurz in die "Schweiz" etc...
Anonymous - 01.05.2007, 06:46
Ja, die Wortspiele sind lustig. Aber ich denke, soetwas führt auch früh zu "Liebeleien" mit den verschiedenen Ländern. So etwas nach dem Motto: "Die Schweiz, oh ja, da habe ich als Kind ja immer am Liebsten geschlafen, direkt unter dem Sternenhimmel. Dort muss ich unbedingt mal hin." Diese Idee alleine war von dem Autoren einmalig. Vielleicht sollte man so einen Vorschlag Brüssel einmal unterbreiten. Jedes Mitgliedsland wird verpflichtet, in seiner Hauptstadt so ein Haus einzurichten. Ich meine das jetzt ganz ernst. Es gibt viel zu viele Menschen, die über die wenigsten europäischen Länder etwas wissen. Ich denke, daß Hauptproblem sind die östlich liegenden Gebiete. Sie waren einfach viel zu lange hinter dem eisernen Vorhang. Das einzige, was ich z.B. über Moldawien weiß ist, daß ich schon einmal Wein von dort getrunken habe und eine frühere Kollegin aus dem Land stammt.
Auf "KiKa" (ein Kinderkanal im Fernsehen) gibt es eine Kochsendung, die sich jedes mal mit einem anderen europäischen Land befasst. Ich bin auch schon gespannt, was mein Sohn in der Schule lernen wird. Im Fernsehen kommt sonst ziemlich wenig.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 01.05.2007, 09:33
Das sind sehr gute Ideen, Leseratte, und ich schliesse mich dem an!
Übrigens waren die Weltusstellungen (vergleichsweise könnte man "Europaausstellungen" permanenter Art haben) vielleicht mal was, das an diese Richtung ging. Wie wirklich Interesse wecken für die anderen Länder? Allerdings brauchen wir heute - bi Unmöglichkeiten physischer Art des Unterwegsseins - nicht mehr daruf zu verzichten: wer wirklich will, kann sich gerade durch die Literatur auf Reisen begeben. Oder vor allem ddenke ich an die starke Präsenz von Ausländern in unseren Breitegraden. Woher rühren unsere Schwierigkeiten, da die Möglichkeiten wahr zu nehmen? Auf den andern zuzugehen und einander zu entdecken?
Was Osteuropa anbetrifft, kann ich viel nur ermuntern, da mal über den "Südexotismus" hinüberzuspringen und sich auf den Osten einzulassen. Ich war mahrmals in Ex-Jugoslawien und den Nachfolgestaaten, Ungarn, CSSR, Tschechien, Polen, Russland, der damaligen DDR.
In meinem Umfeld lebe ich mit Menschen aus circa 25 Nationen zusammen: es ist eine unglaubliche Bereicherung, wenn auch eine echte Herausforderung, über seine Nasenspitze hinauszuschauen.
Aber zurück zum Buch: direkt/indirekt taucht die europäische Thematik im nächsten Kapitel mit Sigurd aktuell auf. Da geht's dann weiter.
Anonymous - 01.05.2007, 11:18
tom hat folgendes geschrieben: Oder vor allem ddenke ich an die starke Präsenz von Ausländern in unseren Breitegraden. Woher rühren unsere Schwierigkeiten, da die Möglichkeiten wahr zu nehmen? Auf den andern zuzugehen und einander zu entdecken?
Hallo,
eine deutsche Kollegin meinte im Gespräch einmal allen Ernstes zu mir, die große Präsenz von Ausländern würde ihr Angst machen. Ich war damals ehrlich gesagt ziemlich geschockt, bin aber leider nicht weiter daraueingegangen. Ich möchte lieber nicht wissen, wie verbreitet diese Furcht ist. Wenn man heutzutage einen vermeintlichen Ausländer begegnet, kann man doch gar nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob er wirklich ein Ausländer ist. Sobald jemand einen deutschen Paß besitzt, gilt er behördlich gesehen als ein Deutscher. Innerlich bleibt er natürlich mal mehr mal weniger seinem Geburtsland verbunden. Gott sei Dank!!!
Viele Grüße
Leseratte
tom - 02.05.2007, 07:30
Im 6. Kaitel geht es nun also um Sigurd, einen der zwei Bruder Lauras. Die Informationen über die anderen Hauptfiguren, die noch leben (Ovidia wird steinalt, Oscar dümpert in seiner "Wahrheit" dahin, Edith hatte sich also mit ihrem Geigenschüler aus dem Staub gemacht...) werden teils so nebenbei eingestreut.
Sigurd ist (mir) von Anfang an "umsympathisch", noch auf ganz andere Art als die eventuell bisherigen labilen Typen von Männer. Selbst die Erklärungsansätze eines Teils seiner Persönlichkeit durch die Ticks, Krnkheit seit der Kindheit machen ihn einem nicht zugänglicher. Dies entsprichts einerseits einer Erfahrung: wir reagieren auf Sympathie-/Antipathieauslöser, aber es tut mir selber auch was weh, dass ich ihm quasi keine Chance geben kann. Denn ich finde zumindest, dass hier seine Oberflächlichkeit, sein Charakter durch Gründe in der Erziehung, oder in der Kindheit angedeutet werden. Musste man ihm da nicht mehr Chancen einräumen? Aber man springt nicht über seinen Schatten: der Sigurd bleibt mir unsympathisch! Übrigens sehe ich selber andeutungsweise, dass Sigurd etwas vom doppelten Leben seiner Mutter erahnt hat, und DIES zu seinen unkontrollierbaren Ausfällen führt?! Womit eben klar ist, dass zu einem Teil unsere "Bosheit" Antwort auf Signale der Aussenwelt ist...
Sigurd wird als Raffer und Geldstrebender dargestellt, der zu allem bereit ist, um sich eine Position zu erwirtschaften, aus der heraus er meint, die schöne Berit (die Freundin Lauras) erobern zu können. Diese Eroberung wird trotz einer bestehenden recht zweifelhaften Liebe, bzw. Besessenheit, doch ganz angestrebt über Machtmittel ... Letztlich wird Sigurd nie über eine Karikatur eines Frauenbildes hinauskommen.
Die Entdeckung der Möglichkeiten von Wirtschaftsbeziehungen über die EU (EWU), durch Kontakte in Brüssel, ist etwas ernüchternd für den europäisch Interessierten. Es bleibt wenig Freiraum zu glauben, dass die europäischen Beziehungen vieler Menschen von anderem geprägt sind als von rein egoistischen Interessen. Was doch etwas verkürzend ist, selbst wenn der Autor da keine Verpflichtungen hat, uns ein idealistischeres Bild des Einheitsprozesses darzustellen.
Anonymous - 02.05.2007, 19:27
tom hat folgendes geschrieben: Die Entdeckung der Möglichkeiten von Wirtschaftsbeziehungen über die EU (EWU), durch Kontakte in Brüssel, ist etwas ernüchternd für den europäisch Interessierten. Es bleibt wenig Freiraum zu glauben, dass die europäischen Beziehungen vieler Menschen von anderem geprägt sind als von rein egoistischen Interessen. Was doch etwas verkürzend ist, selbst wenn der Autor da keine Verpflichtungen hat, uns ein idealistischeres Bild des Einheitsprozesses darzustellen.
Lieber Tom,
ich denke, Du darfst das ganze nicht so eng sehen. Ich möchte jetzt mal etwas tun, was ich normalerweise vermeide. Ich sehe die Welt schwarz/weiß. Ähnlich wie der Autor im Buch. Auf der einen Seite die Politiker und Geschäftsleute auf der anderen Seite Menschen wie wir , die ihre Umgebung einfach neugierig betrachten und lernen wollen. Es macht uns Spaß zu reisen und fremde Kulturen/Menschen kennenzulernen. Wir sind offen für alles Neue und probieren viel aus. Die erstere Gruppe fabriziert den Rahmen für z.B. Europa und setzt die Grenzen fest. Sie versuchen natürlich, die Grenzen immer entfernter abzustecken, denn damit lässt sich ja immerhin Geld verdienen und Macht wird vergrößert. Aber das Innenleben dieses Rahmen gehört uns. Wir füllen ihn aus. Ist das nicht wichtiger?
Ich weiß, daß dieses Gebilde zu einfach gestrickt ist aber manchmal lässt es sich nur so in unserer konsumorientierten Welt aushalten. Wer weiß, vielleicht wollte uns sogar das Bjornstad sagen.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 02.05.2007, 22:30
Sorry, ich :D bleibe dabei, dass mir das zu Schwarz-Weiss ist. Du gibst es selber zu. Ich bin fest überzeugt (und weiss das teilweise aus persönlichen Begegnungen heraus), dass es auch unter der Kategorie "Politiker und Geschäftsleute" Leute gab und gibt, die über ihre Nasenspitze hinaussehen. Ich will nicht zu konkret werden, bzw. Namen nennen, aber man findet sie in ziemlich verschiedenen Gruppen und Parteien, wenn man nur selber auch ein wenig daran glauben will. Das hindert mich nicht daran, vielleicht doch nicht allen Aspekten in deren Entscheidungswelten zuzustimmen.
Björnstad schreibt hier, wie auch in weiten Teilen seines Buches "einem gewissen Publikum" und Meinungen möglichst schmeichelnd... und bestärkt gewisse Klischeevorstellungen. Natürlich kann man sich dauernd sagen, dass eine Aussage, ein Charakter eines Buches nicht direkt übertragen die Meinung des Autors widerspiegelt, sondern dass er auch durch "Zerrbilder" was Positives aussagen kann, aber Björnstad geht mir zu weit...
Dieses Sigurdkapitel war m.E. das bisher Schlechteste, Unangenehmste..., und ich selber fand die anderen eigentlich auch schon nicht soooo berauschend. :-(
Anonymous - 03.05.2007, 05:26
tom hat folgendes geschrieben: und ich selber fand die anderen eigentlich auch schon nicht soooo berauschend. :-(
Hallo,
da möchte ich Dir zustimmen. Ich bin mit dem Buch inzwischen soweit, daß ich mir schoneinmal ein abschließendes Urteil erlauben möchte: Das Beste daran ist die Grundidee (Villa Europa) und für mich am Interessantesten wie gesagt war das Kapitel Laura in Verbindung mit den Studentenrevolten.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 03.05.2007, 19:17
Dem, liebe Leseratte, schliesse ich mich wohl an, auch wenn ich noch ein paar Seiten zu lesen habe. Doch wir werden noch ein bischen Senf einstreuen, damit eventuelle Mitleser hier noch was von uns hören und wir uns nicht zu früh aus dem Staub machen! :D
Im 7. Kapitel geht es mehr um Anders, den dritten aus der Geschwisterschar, der sich zum Theaterregisseur gemausert hat und teils schon "gute Arbeit" geleistet hat, allerdings höher hinaus will (Intendant werden will) und im Gegensatz zu Sigurd, bei Berit ganz angekommen ist, so sehr, dass es ihm letztlich fast schon zu viel wird. Ironie des Schicksals, dass eine etwas komplexere Handlungsabfolge einerseits die Abnutzung der Liebe zur Geliebten herausstellt, fast den Wunsch, doch wieder bei der Frau zu bleiben, doch dass die Ereignisse zum "Gegenteil" führen... Wie war die zum Welterfolg vorbestimmte Musicalaufführung gemeint? Und was bewirkt sie wirklich? ... Eigentlich entgleitet alles den Akteuren. Relativ gut gefunden war das Thema "Schattenwelt" als Titel für das Musical: nach der Wiederbegegnung mit dem "Verräter" Sindre und der gefährlichen Stella macht ausgerechnet der Bruder des Opfers (die kleine Schwester Bim) des Schattens (Stella) aus ihrer und Sindres Geschichte die Story, auf der er seinen Erfolg aufbauen will!!!
Um aber noch für Mitleser etwas zu den "Klischees" zu sagen, seien hier einfach einige Beschreibungen von Männer- und Frauenfiguren in diesem Kapitel wiedergegeben: Mann - es geht um das eigene Weiterkommen, Positionen; er hat Komplexe, ist eitel, schrecklich, lächerlich, rastlos, voller Lebenslügen. Frau -verkörpert den Idealismus, selbstloses Engagement; weiss sich Respekt zu verschaffen, ist rechtschaffen...
Es ist teils rührig, dass bisher (natürlich auch zu Unrecht! verstehen wir uns nicht falsch!) für das jeweils eine Geschlecht verwendete Adjektive, Attribute vom Autor teils auch schon für den "neuen Typ von Frau oder Mann" angewandt werden. Plötzlich ist die Rede vom hysterischen Mann und der rechtschaffenen Frau etc...
In der wiederum auftauchenden Berit wird ein ganzes Kapitel behandelt, das wiederum relativ interessant ist für mich: wie verliert man die Ideale? Sie, die mit ihrem Jorn und ihren Protestliedern die Welt erobert hatte wird zur biederen Swimmingpoolbesitzerin, die sich nur noch dem auch öden Anders an den Hals werfen will.
Als alter Udo Lindenberg-Fan dachte ich da nur an eine Songzeile "... die wilden Helden von gestern, die jetzt Beamte sind". (Meine ich aber nicht bös!)
Anonymous - 04.05.2007, 06:03
Hallo,
ich glaube nicht, daß der Autor an Berit zeigen wollte, wie man seine Ideale verliert. Laura verliert ihre ja schließlich auch nicht. Der Unterschied der beiden Frauen liegt in ihren Berufen und hier kommt dieses fürchterliche Klischeedenken von Bjornstad wieder zum Vorscheinen. Laura hat ihre wahre weibliche Berufung gefunden. Sie hat zwar studiert und ist Rechtsanwältin geworden aber sie setzt ihre große Begabung nicht für die Karriere ein sondern genau wie ihre Großmutter für Flüchtlinge und alle Menschen, vor allen Dingen Frauen, die ihre Hilfe brauchen. Frau=Mitleid. Berit hingegen hat sich in die Männerwelt gewagt. Als Künstlerin war sie noch erfolgreich. Frauen dürfen ja schließlich auch singen aber als Moderatorin versagt sie zunehmend. Als Moderatorin hat sie die Zügel in der Hand und das können Frauen einfach nicht. Also sehnt sie sich nach einem starken Mann. Hat Bjornstad dieses Buch von der, ich glaube, sie war Tagesschausprecherin, gelesen? Ich komme jetzt natürlich nicht auf den Namen. Ich selbst habe es mit Absicht nicht gelesen, könnte mir aber vorstellen, daß es viele Parallelen gibt.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 04.05.2007, 18:51
Ja, und da das nun das Schicksal mancher Hauptfiguren dieses Romans zu sein scheint, beginnt der 8. und letzte Teil, bzw. das achte Kapitel über Bene, die Tochter Lauras, mit ihrer... Vergewaltigung (also die 3. in vier Genrationen...). Es ist zu fragen, ob es in diesem Roman annähernd normale Beziehungen gibt? Eine von Laura und Simen wird angedeutet, eine andere scheint sich m Horizont anzubahnen, als Bene im Spätherbst auf IHRE Europatour geht und wie zufällig natürlich die von den Umwälzungen betroffenen Länder durchquert und schließlich in Rumänien landet, wo sie eigentlich ein Treffen mit Onkel Sigurd hat, der in sich den kommunistischen und westlichen Kapitalismus "vereint".
Als Bene während der Stassenwirren in Bukarest von einem jungen Mann aus der Menge gerettet und in eine heimeligere Familienatmosphäre hinabtaucht, scheint sich erstmals eine "zärtlichere" Variante des Mann-Frau Verhältnisses anzubahnen, die sich auch Zeit zu einer Entwicklung und Heranreife nimmt. Dieser junge Rumäne könnte sehr gut der Urenkel DER Witwe sein, zu der sich unser lieber Erik an die hundert Jahre zuvor geflüchtet hatte.
Im folgenden Jahr wird er als Flüchtling nach Norwegen kommen und - seltsamer weise die ähnlichen Worte sprechen, wie eben jener Erik im Rumänien am Ende des 19.Jhdts.: hier liesse sich was mit Holz und Papier machen.
Das Buch endet mit der Ausweisung Michais und den geheimnisvollen Plänen eines erneuten Aufbruches (in der Suche nach Michai) von Bene und eventuell ihrer Mutter. So wird die Geschichte vom Wegfahren und Heimkehren irgendwie weitergehen. Nun vielleicht - trotz einer gesellschaftlichen Ernüchterung und Ausgrenzung - mit einem Hoffnungsschimmer einer bessseren Beziehung???
Anonymous - 04.05.2007, 19:16
Lieber Tom,
ja, die dreifache Vergewaltigung hat mich auch ziemlich gestört. Ich dachte nur: "... schon wieder???" Ich will aber gerne glauben, daß es Menschen gibt, die gewisse Dinge (ich denke da allgemein) anziehen. Warum sollte soetwas nicht auch einmal über Generationen möglich sein?
Die dritte Vergewaltigung hätte er sich aber ebensogut sparen können. Bene hätte doch auch auf Grund eines späten Vaterkomplexes auf Reisen gehen können.
Deinen anderen Gedanken bez. des Urenkels der Rumänin fand ich interessant. Da wäre ich gar nicht drauf gekommen. Aber Du wirst wahrscheinlich Recht haben. Die Hinweise sind sehr stark.
Viele Grüße
Leseratte
Anonymous - 05.05.2007, 06:31
Schlußgedanken (Das soll aber nicht bedeuten, daß ich mich ev. nicht mehr austauschen möchte. Ich signalisiere nur, daß ich mit dem Buch fertig bin):
Eine Frage stelle ich mir noch. Hat Sigurd seine Großmutter umgebracht oder war es nur ein furchtbarer Unfall? Es wird ja eigentlich am Ende ziemlich klar als Unfall hingestellt aber in wiefern konnte Sigurd ihn beeinflussen? Ich kenne mich mit den sogenannten "Ticks" nicht so gut aus. Kann man in eine ausschlagende Armbewegung vielleicht mehr Kraft stecken?
Noch einen Gedanken zu dem Haus. Ich kam drauf, als Sigurd Bene in dem Brief seine Zukunftspläne für "Villa Europa" auseinandersetzt. Eigentlich hat doch das Haus erst mit den Flüchtlingen Europas seine rechtmäßige Bestimmung bekommen.
Viele Grüße
Leseratte
tom - 05.05.2007, 07:27
Ja, ich bin nun ja durch.
leseratte4 hat folgendes geschrieben: Hat Sigurd seine Großmutter umgebracht oder war es nur ein furchtbarer Unfall?
Ich selber empfand es schon als "gewollte" Handlung, auch wenn man sich bei solch kranken Typen fragen kann, inwiefern eine solche Geste durch einen unbewussten Reflex ausgeführt wird, oder umgeehrt. Mehrmals war die Rede davon: Will die Alte denn niemals sterben? Ist sie denn unsterblich? Sigurd hofft bis ans Lebensende auf SEINE Villa Europa.
I leseratte4 hat folgendes geschrieben: ch kam drauf, als Sigurd Bene in dem Brief seine Zukunftspläne für "Villa Europa" auseinandersetzt. Eigentlich hat doch das Haus erst mit den Flüchtlingen Europas seine rechtmäßige Bestimmung bekommen.
Ja, im Sinne unserer mutigen, engagierten Frauen hat das Haus als Empfangsort seinen Sinn. Sigurd sieht am Ende auch eine "europäische, jedoch nationalistisch angehauchte Bestimmung": Teilnehmer an den Olympischen Spielen durch einen überwältigenden Empfang in der Villa zu beeindrucken. Das Haus, nicht als Empfangsort, sondern indirekt: als Machtmittel, Ausdruck einer anderen Motivation des Mannes: beeindrucken und für SEINE Interessen einnehmen wollen.
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