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Anonymous - 04.04.2007, 14:15
Bei den Klippen
Und hier dann ein weiterer Versuch...... :mrgreen:
1. Abschnitt
In zwei Tagen ist es wieder soweit. Dann haben wir wieder den 7. Juli. Der Tag an dem alles endete, der Tag an dem alles begann.
Ich sitze hier auf der Terrasse und genieße die milde Luft dieses schönen Sommertages. Immer wieder schließe ich meine Augen und überlasse mich ganz meinen Gedanken und meinen Erinnerungen.
Seit zwei Jahren befinde ich mich in meinem neunten Lebensjahrzehnt und ich merke, wie die Kraft von Tag zu Tag schwindet. Jeder Schritt ist mühsam, viele Dinge haben ihren Reiz verloren und immer mehr driften die Gedanken in die gelebte Vergangenheit ab.
Es gibt kaum noch etwas Neues auf das ich wirklich neugierig bin.
Natürlich interessiert es mich, ob Schwester Marion endlich den Mut findet, ihren Mann zu verlassen. Aber wirklich wichtig ist es nicht mehr für mich. Ich habe mein Leben gelebt, und nun sind andere an der Reihe ihr Leben zu leben. Und in diesen Leben wird für mich auch kein Platz mehr sein.
Aber in zwei Tagen, am 7. Juli, da werde ich noch mal meine letzten Kräfte mobilisieren und so wie jedes Jahr unseren Ort an den grauschwarzen Klippen aufsuchen. Ich habe so die Ahnung, dass es das letzte Mal sein wird, wo ich dort sein werde. Der Ort der jedes Jahr aufs Neue ein einziges Versprechen gewesen ist.
55 Jahre sind seit dem vergangen.
Vielleicht sollte ich aber der Reihe nach erzählen, sollte versuchen meine Gedanken zu ordnen. Ich muss diese Geschichte, und ich betone ausdrücklich dass es eine wahre Geschichte ist, endlich einmal erzählen. Und wenn auch nur ein Mensch zuhört, so ist es nicht umsonst gewesen.
Es begann schon etwa ein Jahr vor dem 7. Juli 1951. Wir waren noch geprägt von Krieg, Tod und Zerstörung, aber so ganz langsam gelang es uns, das Leben wieder mit Freuden zu leben, eine Freude allerdings, die dann und wann immer wieder mit Trauer vermischt wurde.
1950 lernte ich dich kennen. Es war dieses Dorffest in dem kleinen Ort an der Küste. Ich war viel zu schüchtern dich zum Tanzen aufzufordern, obwohl du mich dein Lächeln eigentlich hätte ermutigen müssen.
Und dann warst du wohl der Meinung, du müsstest endlich die Initiative ergreifen, zu damaliger Zeit eine Riesensache.
Du fragtest mich, ob du so hässlich seiest, dass es mir zuwider sein mit dir zu tanzen. Ich stammelte irgendwas völlig Blödsinniges in der Gegend rum und trotzdem schenktest du mir weiterhin dein Lächeln. Du nahmst meine Hand und seit diesem Zeitpunkt hast du sie nicht mehr losgelassen.
Die Bedeutung des Satzes „sie waren füreinander bestimmt“ wurde mir erst an diesem Tage so richtig klar.
Verblüfft stellten wir fest, dass wir aus der gleichen Stadt stammten. Wer wolle da wohl nach an den Fügungen des Schicksals zweifeln?
Wir sahen uns täglich. Natürlich wohnten wir nicht zusammen, du wohntest noch bei deinen Eltern und zu mir in meine winzige Wohnung konntest du ja schlecht ziehen – wir wollten erst ein Jahr nach unserer ersten Begegnung heiraten.
Aber nicht immer kümmerten wir uns um Sitte und Konventionen. Als wird das erste Mal miteinander schliefen, unsicher, ohne Erfahrung, da merkten wir beide sehr schnell, dass nichts würde uns wirklich trennen können. Ich spüre noch heute deinen Körper und deine Finger auf meiner Haut. Auch das Spiel deiner Zunge in meinem Mund gehörte zu den schönsten Glücksmomenten in meinen Leben.
Kurz bevor wird dann heiraten wollten, hatten wir geplant das einjährige Bestehen unserer Liebe in eben diesem Dorf an der Küste zu begehen. In dem einzigen Dorfgasthaus mieteten wir ein Doppelzimmer und gaben uns als verheiratet aus. Die Wirtin zwinkerte uns zu als wir beteuerten, wir hätten unsere Ausweise vergessen.
Wir waren gerade drei Tage dort, als es passierte. Es war der 7. Juli 1951. Ein grauer, regnerischer Sommertag.
Wir gingen auf dem Wanderweg zu den Klippen, die von den Wellen des Meeres immer wieder neu attackiert wurden. Dort hatten wir eine verborgene Stelle entdeckt, die seit dem nur „unseren Platz“ nannten. Du sagtest, dass wenn uns irgendetwas trennen sollte, dann würden wir uns hier wieder treffen.
Arm in Arm gingen wir zurück, schlenderten trotz des Regens glücklich die Dorfstraße entlang.
Und dann geschah es.
Das Motorrad raste ungebremst auf dich zu und erfasste dich. Du wurdest durch die Luft geschleudert. Still lagst du auf der Straße.
Ein dünner Blutfaden sickerte aus deinem Mundwinkel. Totenbleich lagst du vor mir, deine Augen waren geschlossen.
Aus den Häusern stürzten die Menschen auf die Straße. Jemand sagte, er hätte die Polizei verständigt und auch der Arzt sei auf dem Weg.
Es gab zu dieser Zeit noch keinen Rettungsdienst so wie wir ihn kennen.
Nach einer endlosen Viertelstunde trafen Arzt und Polizei gemeinsam ein. Ich hockte neben dir und hielt deine Hand, immer wieder flehte ich dich leise an, mich nicht allein zu lassen. Ab und zu schlugst du deine Augen auf und dein Lächeln war so schön wie immer.
Das Sprechen fiel dir sehr schwer, aber ich höre noch genau deine Worte:
„Denk an unsere Abmachung. Wenn wir getrennt werden, dann treffen wir uns an unserem Platz. Mach dir keine Sorgen über den Zeitpunkt, du wirst wissen wann er gekommen ist.“
Mein Blick verschleierte sich, denn ich wusste, dass für Ute keine Rettung mehr geben würde.
Unmerklich schüttelte der nun eingetroffene Arzt den Kopf, als er sie kurz untersucht hatte.
Ich nahm sie in den Arm und küsste ihre Stirn, küsste sie auf den Mund und hielt dabei ihre Hand.
Ein kaum hörbares „Ich liebe dich“ war der Hauch ihres letzten Atemzuges.
Vorsichtig legte man Ute auf eine Trage, die die Polizisten vorsorglich mitgebracht hatten.
Und nun merkte ich, wie mich eine grenzenlose Wut packte.
Der Motorradfahrer saß am Straßenrand und schüttelte nur den Kopf. Ihm, der gerade einen Menschen totgefahren hatte, war nichts passiert. Ich würde ihn jetzt umbringen. Das Leben hatte für mich jeden Sinn verloren. Ich glaube nicht, dass mich jemand hätte stoppen können.
Steifbeinig erhob ich mich, ballte die Fäuste – als ich das Gefühl hatte, es würde sich eine Hand auf meinen Arm legen um mich so zurückzuhalten. So hatte Ute immer beruhigend auf mich eingewirkt, wenn irgendetwas mich zornig machte. Und ich meinte nur den Hauch einer Stimme mit den Worten „Lass es, ihm ist verziehen“ zu hören.
Meine Wut verflog so schnell wie sie gekommen war und eine tiefe Trauer nahm von mir Besitz, ein Trauer von der ich nie gewollt hatte, dass ich sie würde kennen lernen.
An die nächsten Wochen und Monate kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich lebte nicht mehr, ich vegetierte.
Mein Leben lebte ich nur mehr automatisch. Jeglicher innerer Antrieb war mir genommen. Meine Arbeit verrichtete ich wie ein Schlafwandler. Kaum einmal drang etwas zu mir durch.
So verging fast ein Jahr.
Als ich dann am 4. Juli 1952 auf den Kalender schaute, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Am 7. Juli würde ich auf unserem Platz sein. Und ich wusste, dass mich dort etwas erwarten würde.
Ich fieberte. Ich sprach mit mir selbst, aber alles das war mir egal. Es gab nur noch einen Fixpunkt für mich: Unser Platz am 7. Juli!
Ich lieh mir ein altes Auto und machte mich am 6. Juli auf den Weg. Übernachten wollte ich im Auto.
Am 7. Juli wachte ich mit einem steifen Hals schon sehr früh auf. Der Kaffee in der Thermoskanne war noch lauwarm und auch die Brote konnte man noch essen.
Es versprach ein wunderschöner Tag zu werden.
Ich ging den Weg zu den Klippen hoch. Irgendwie wusste ich, dass mir niemand begegnen würde.
Unseren Platz fand ich so vor, wie wir ihn verlassen hatten. Es hatte nicht den Anschein, als wären dort in diesem einen Jahr andere Menschen gewesen.
Es war kurz vor sieben.
Ich setzte mich.
Von weitem hörte ich die Kirchturmuhr siebenmal schlagen.
„Ich wusste dass du kommen würdest. Ich habe dir doch gesagt, dass du wissen wirst wann es soweit ist.“
Ich sprang auf, zweifelte an meinem Verstand, schrie unartikuliert.
Vor mir stand mit ihrem schönsten Lächeln – Ute. Ihre langen blonden Haare waren zerzaust vom Wind und sie hatte das Kleid an, welches ich so toll an ihr fand.
„Was ist mit dir? Hast du jemand anderen erwartet?“
Ich war nicht in der Lage zu sprechen. Kein Wort brachte ich heraus. Sie nahm mich bei der Hand, zog mich an sich und wir pressten uns aneinander.
Nach einer langen Weile, setzen wir uns und Ute begann zu sprechen:
„Es gibt nichts auf dieser Welt was eine tiefe, ehrliche Liebe zerstören kann. Nichts. Und auch unsere Liebe kann nicht zerstört werden. Auch wenn ich scheinbar von dir gegangen bin, so bin ich doch bei dir. Jeden 7. Juli bekommen wir von 7 bis 20 Uhr Zeit nur für uns. In den Monaten dazwischen werde ich dann auf eine andere Art und Weise bei dir sein.“
Ja, und so war es auch.
Der 7. Juli war unser Tag an unserem Platz.
Im Laufe der Zeit alterte ich natürlich, Ute nicht. Es schien sie auch nicht zu stören dass ich alterte. Sie meinte, ob man nur lieben könne wenn man jung sei und ob im Alter die Liebe wieder abgegeben werden müsse. So wie ich sie lieben würde, so würde sie mich auch lieben.
Und so zogen die Jahre ins Land und immer trafen wir uns am 7. Juli. Um Punkt 20 Uhr, mit dem ersten Schlag der Kirchturmuhr, warst du verschwunden.
Ich lebte während all dieser Jahre allein. Meiner Arbeit ging ich bis zu meiner Pensionierung nach. Mein Leben verlief unaufgeregt.
Ja, das wollte ich erzählen. Und in zwei Tagen treffe ich sie wieder – Ute!
2. Abschnitt
Die Sachen für meinen Ausflug zu den Klippen waren gepackt. Für sehr viel Geld hatte ich mich ein Taxi aus der Altenwohnanlage an die Küste gebracht. Ich wohnte in dem Gasthof, der sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert hatte. Die Wirtsleute hatten gewechselt, aber sonst war alles so wie für über 50 Jahren.
Mir war klar, dass ich den Weg zu den Klippen ohne Begleitung und ohne Hilfe würde schaffen müssen.
Ich stellte mir den Wecker auf halb fünf. Bis 7 Uhr würde ich es dann wohl schaffen, mit ganz vielen Pausen natürlich.
Um 5 Uhr am nächsten Tag ging ich los. Schwer stützte ich mich auf meinen Stock. Aber je weiter ich ging, umso leichter fiel mir das Gehen. Als ich mein Ziel fast erreicht hatte, hätte ich auch ohne Stock weitergehen können.
Ich setzte mit auf unseren Platz.
Pünktlich mit dem ersten Glockenschlag erschien Ute. Ihr Lächeln war heute etwas anders als in den Jahren zuvor.
Wir saßen wieder eng beieinander, aber irgendwie war alles anders als sonst.
Ute sprach von der Liebe die niemand zerstören könne und die niemand auch zerstören wolle. Nur für jede Liebe gäbe es Prüfungen, und jeder dieser Prüfungen würde anders aussehen.
Ich sagte ihr dann, dass ich wohl im nächsten Jahr nicht zu unserem Treffen würde kommen können, ich würde das nahende Ende bereits ahnen. Ihr Lächeln war mehr als rätselhaft.
„Warten wir es ab.“ Mehr sagte sie nicht.
Um einige Minuten vor 20 Uhr begann ich wie üblich mit unserem Abschiedsritual. Irgendwie war sie diesmal aber nicht so ganz bei der Sache.
Und dann war es soweit.
Die Kirchturmuhr schlug acht Mal. Und wer nicht verschwand war Ute.
Sie lächelte, nahm mich in den Arm, küsste mich, und zog mich lachend hinter sich her. Ich lief als sei ich gerade 30 Jahre alt geworden. Völlig verwirrt schaute ich sie an.
Sie zog mich hinter sich her, in Richtung Dorfgasthaus.
Die Straßen des Dorfes waren menschenleer. Kein Mensch ließ sich blicken.
Wir betraten das Gasthaus und Ute lief die Treppe hinauf. Vor meiner Zimmertür blieb sie kurz stehen und sagte:
„Bist du bereit für einen letzten großen Schritt?“
Ich nickte. Sie nahm meine Hand, so wie sie sie immer genommen hatte, wenn ich es gebraucht hatte.
Sie öffnete die Zimmertür, wir betraten das Zimmer.
Auf dem Bett lag ein alter Mann, die Augen geschlossen, sein Lächeln schien so, als wäre ihm das größte Glück widerfahren.
Der da auf dem Bett lag war - – ich!
Nur ich bewegte mich nicht mehr.
„Ab jetzt sind wir für alle Zeiten vereint. Dein Körper hat genug getan. Gönnen wir ihm die Ruhe die er verdient hat.“
Hand in Hand verließen wir das Zimmer, begleitet von unserer Liebe. Einer Liebe die nur uns allein gehörte.
Krümel - 04.04.2007, 16:55
Re: Bei den Klippen
Voltaire hat folgendes geschrieben: Und hier dann ein weiterer Versuch...... :mrgreen:
1. Abschnitt
In zwei Tagen ist es wieder soweit. Dann haben wir wieder den 7. Juli. Der Tag an dem alles endete, der Tag an dem alles begann.
Ich sitze hier auf der Terrasse und genieße die milde Luft dieses schönen Sommertages. Immer wieder schließe ich meine Augen und überlasse mich ganz meinen Gedanken und meinen Erinnerungen.
Seit zwei Jahren befinde ich mich in meinem neunten Lebensjahrzehnt und ich merke, wie die Kraft von Tag zu Tag schwindet. Jeder Schritt ist mühsam, viele Dinge haben ihren Reiz verloren und immer mehr driften die Gedanken in die gelebte Vergangenheit ab.
Es gibt kaum noch etwas Neues auf das ich wirklich neugierig bin.
Natürlich interessiert es mich, ob Schwester Marion endlich den Mut findet, ihren Mann zu verlassen. Aber wirklich wichtig ist es nicht mehr für mich. Ich habe mein Leben gelebt, und nun sind andere an der Reihe ihr Leben zu leben. Und in diesen Leben wird für mich auch kein Platz mehr sein.
Aber in zwei Tagen, am 7. Juli, da werde ich noch mal meine letzten Kräfte mobilisieren und so wie jedes Jahr unseren Ort an den grauschwarzen Klippen aufsuchen. Ich habe so die Ahnung, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich dort sein werde. Der Ort der jedes Jahr aufs Neue ein einziges Versprechen gewesen ist.
55 Jahre sind seit dem vergangen.
Vielleicht sollte ich aber der Reihe nach erzählen, sollte versuchen meine Gedanken zu ordnen. Ich muss diese Geschichte, und ich betone ausdrücklich, dass es eine wahre Geschichte ist, endlich einmal erzähle. Und wenn auch nur ein Mensch zuhört, so ist es nicht umsonst gewesen.
Es begann schon etwa ein Jahr vor dem 7. Juli 1951. Wir waren noch geprägt von Krieg, Tod und Zerstörung, aber so ganz langsam gelang es uns, das Leben wieder mit Freuden zu leben, eine Freude allerdings, die dann und wann immer wieder mit Trauer vermischt wurde.
1950 lernte ich dich kennen. Es war dieses Dorffest in dem kleinen Ort an der Küste. Ich war viel zu schüchtern dich zum Tanzen aufzufordern, obwohl du mich dein Lächeln eigentlich hätte ermutigen müssen. Und dann warst du wohl der Meinung, du müsstest endlich die Initiative ergreifen, zu damaliger Zeit eine Riesensache.
Du fragtest mich, ob du so hässlich seiest, dass es mir zuwider sei mit dir zu tanzen. Ich stammelte irgendwas völlig Blödsinniges in der Gegend rum und trotzdem schenktest du mir weiterhin dein Lächeln. Du nahmst meine Hand und seit diesem Zeitpunkt hast du sie nicht mehr losgelassen.
Die Bedeutung des Satzes „sie waren füreinander bestimmt“ wurde mir erst an diesem Tage so richtig klar.
Verblüfft stellten wir fest, dass wir aus der gleichen Stadt stammten. Wer wolle da wohl nach an den Fügungen des Schicksals zweifeln?
Wir sahen uns täglich. Natürlich wohnten wir nicht zusammen, du wohntest noch bei deinen Eltern und zu mir in meine winzige Wohnung konntest du ja schlecht ziehen – wir wollten erst ein Jahr nach unserer ersten Begegnung heiraten.
Aber nicht immer kümmerten wir uns um Sitte und Konventionen. Als wird das erste Mal miteinander schliefen, unsicher, ohne Erfahrung, da merkten wir beide sehr schnell, dass nichts würde uns wirklich trennen können. Ich spüre noch heute deinen Körper und deine Finger auf meiner Haut. Auch das Spiel deiner Zunge in meinem Mund gehörte zu den schönsten Glücksmomenten in meinen Leben.
Kurz bevor wird dann heiraten wollten, hatten wir geplant das einjährige Bestehen unserer Liebe in eben diesem Dorf an der Küste zu begehen. In dem einzigen Dorfgasthaus mieteten wir ein Doppelzimmer und gaben uns als verheiratet aus. Die Wirtin zwinkerte uns zu als wir beteuerten, wir hätten unsere Ausweise vergessen.
Wir waren gerade drei Tage dort, als es passierte. Es war der 7. Juli 1951. Ein grauer, regnerischer Sommertag. Wir gingen auf dem Wanderweg zu den Klippen, die von den Wellen des Meeres immer wieder neu attackiert wurden. Dort hatten wir eine verborgene Stelle entdeckt, die seit dem nur „unseren Platz“ nannten. Du sagtest, dass wenn uns irgendetwas trennen sollte, dann würden wir uns hier wieder treffen.
Arm in Arm gingen wir zurück, schlenderten trotz des Regens glücklich die Dorfstraße entlang.
Und dann geschah es! Das Motorrad raste ungebremst auf dich zu und erfasste dich. Du wurdest durch die Luft geschleudert. Still lagst du auf der Straße.
Ein dünner Blutfaden sickerte aus deinem Mundwinkel. Totenbleich lagst du vor mir (das hier hört sich nach Tod an, sie ist aber noch nicht tot, das müsste m.M.n. abgemildert werden.), deine Augen waren geschlossen.
Aus den Häusern stürzten die Menschen auf die Straße. Jemand sagte, er hätte die Polizei verständigt und auch der Arzt sei auf dem Weg. Es gab zu dieser Zeit noch keinen Rettungsdienst so wie wir ihn kennen.
Nach einer endlosen Viertelstunde trafen Arzt und Polizei gemeinsam ein. Ich hockte neben dir und hielt deine Hand, immer wieder flehte ich dich leise an, mich nicht allein zu lassen. Ab und zu schlugst du deine Augen auf und dein Lächeln war so schön wie immer.
Das Sprechen fiel dir sehr schwer, aber ich höre noch genau deine Worte:
„Denk an unsere Abmachung. Wenn wir getrennt werden, dann treffen wir uns an unserem Platz. Mach dir keine Sorgen über den Zeitpunkt, du wirst wissen wann er gekommen ist.“
Mein Blick verschleierte sich, denn ich wusste, dass für Ute keine Rettung mehr geben würde.
Unmerklich schüttelte der nun eingetroffene Arzt den Kopf, als er sie kurz untersucht hatte.
Ich nahm sie in den Arm und küsste ihre Stirn, küsste sie auf den Mund und hielt dabei ihre Hand. Ein kaum hörbares „Ich liebe dich“ war der Hauch ihres letzten Atemzuges. Vorsichtig legte man Ute auf eine Trage, die die Polizisten vorsorglich mitgebracht hatten. Und nun merkte ich, wie mich eine grenzenlose Wut packte.
Der Motorradfahrer saß am Straßenrand und schüttelte nur den Kopf. Ihm, der gerade einen Menschen totgefahren hatte, war nichts passiert. Ich würde ihn jetzt umbringen. Das Leben hatte für mich jeden Sinn verloren. Ich glaube nicht, dass mich jemand hätte stoppen können.
Steifbeinig erhob ich mich, ballte die Fäuste – als ich das Gefühl hatte, es würde sich eine Hand auf meinen Arm legen um mich so zurückzuhalten. So hatte Ute immer beruhigend auf mich eingewirkt, wenn irgendetwas mich zornig machte. Und ich meinte nur den Hauch einer Stimme mit den Worten „Lass es, ihm ist verziehen“ zu hören.
Meine Wut verflog und eine tiefe Trauer nahm von mir Besitz, eine Trauer von der ich nie gewollt hatte, dass ich sie würde kennen lernen.
An die nächsten Wochen und Monate kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich lebte nicht mehr, ich vegetierte. Mein Leben lebte ich nur mehr automatisch. Jeglicher innerer Antrieb war mir genommen. Meine Arbeit verrichtete ich wie ein Schlafwandler. Kaum einmal drang etwas zu mir durch. So verging fast ein Jahr.
Als ich dann am 4. Juli 1952 auf den Kalender schaute, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag. Am 7. Juli würde ich auf unserem Platz sein. Und ich wusste, dass mich dort etwas erwarten würde.
Ich fieberte. Ich sprach mit mir selbst, aber alles das war mir egal. Es gab nur noch einen Fixpunkt für mich: Unser Platz am 7. Juli!
Ich lieh mir ein altes Auto und machte mich am 6. Juli auf den Weg. Übernachten wollte ich im Auto. Am 7. Juli wachte ich mit einem steifen Hals schon sehr früh auf. Der Kaffee in der Thermoskanne war noch lauwarm und auch die Brote konnte man noch essen. Es versprach ein wunderschöner Tag zu werden. Ich ging den Weg zu den Klippen hoch. Irgendwie wusste ich, dass mir niemand begegnen würde. Unseren Platz fand ich so vor, wie wir ihn verlassen hatten. Es hatte nicht den Anschein, als wären dort in diesem einen Jahr andere Menschen gewesen. Es war kurz vor sieben, und ich setzte mich. Von weitem hörte ich die Kirchturmuhr siebenmal schlagen.
„Ich wusste dass du kommen würdest. Ich habe dir doch gesagt, dass du wissen wirst wann es soweit ist.“ Ich sprang auf, zweifelte an meinem Verstand, schrie unartikuliert.
Vor mir stand mit ihrem schönsten Lächeln – Ute. Ihre langen blonden Haare waren zerzaust vom Wind und sie hatte das Kleid an, welches ich so toll an ihr fand.
„Was ist mit dir? Hast du jemand anderen erwartet?“
Ich war nicht in der Lage zu sprechen. Kein Wort brachte ich heraus. Sie nahm mich bei der Hand, zog mich an sich und wir pressten uns aneinander.
Nach einer langen Weile, setzen wir uns und Ute begann zu sprechen:
„Es gibt nichts auf dieser Welt was eine tiefe, ehrliche Liebe zerstören kann. Nichts. Und auch unsere Liebe kann nicht zerstört werden. Auch wenn ich scheinbar von dir gegangen bin, so bin ich doch bei dir. Jeden 7. Juli bekommen wir von 7 bis 20 Uhr Zeit nur für uns. In den Monaten dazwischen werde ich dann auf eine andere Art und Weise bei dir sein.“
Ja, und so war es auch. Der 7. Juli war unser Tag an unserem Platz.
Im Laufe der Zeit alterte ich natürlich, Ute nicht. Es schien sie auch nicht zu stören, dass ich alterte. Sie meinte, ob man nur lieben könne wenn man jung sei und ob im Alter die Liebe wieder abgegeben werden müsse. So wie ich sie lieben würde, so würde sie mich auch lieben. Und so zogen die Jahre ins Land und immer trafen wir uns am 7. Juli. Um Punkt 20 Uhr, mit dem ersten Schlag der Kirchturmuhr, warst du verschwunden. Ich lebte während all dieser Jahre allein. Meiner Arbeit ging ich bis zu meiner Pensionierung nach. Mein Leben verlief unaufgeregt.
Ja, das wollte ich erzählen. Und in zwei Tagen treffe ich sie wieder – Ute!
2. Abschnitt
Die Sachen für meinen Ausflug zu den Klippen waren gepackt. Für sehr viel Geld hatte ich mich ein Taxi aus der Altenwohnanlage an die Küste gebracht. Ich wohnte in dem Gasthof, der sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert hatte. Die Wirtsleute hatten gewechselt, aber sonst war alles so wie für über 50 Jahren.
Mir war klar, dass ich den Weg zu den Klippen ohne Begleitung und ohne Hilfe würde schaffen müssen.
Ich stellte mir den Wecker auf halb fünf. Bis 7 Uhr würde ich es dann wohl schaffen, mit ganz vielen Pausen natürlich.
Um 5 Uhr am nächsten Tag ging ich los. Schwer stützte ich mich auf meinen Stock. Aber je weiter ich ging, umso leichter fiel mir das Gehen. Als ich mein Ziel fast erreicht hatte, hätte ich auch ohne Stock weitergehen können.
Ich setzte mit auf unseren Platz.
Pünktlich mit dem ersten Glockenschlag erschien Ute. Ihr Lächeln war heute etwas anders als in den Jahren zuvor.
Wir saßen wieder eng beieinander, aber irgendwie war alles anders als sonst. Ute sprach von der Liebe die niemand zerstören könne und die niemand auch zerstören wolle. Nur für jede Liebe gäbe es Prüfungen, und jeder dieser Prüfungen würde anders aussehen. Ich sagte ihr dann, dass ich wohl im nächsten Jahr nicht zu unserem Treffen würde kommen können, ich würde das nahende Ende bereits ahnen. Ihr Lächeln war mehr als rätselhaft.
„Warten wir es ab.“ Mehr sagte sie nicht.
Um einige Minuten vor 20 Uhr begann ich wie üblich mit unserem Abschiedsritual. Irgendwie war sie diesmal aber nicht so ganz bei der Sache. Und dann war es soweit.
Die Kirchturmuhr schlug acht Mal. Und wer nicht verschwand war Ute. Sie lächelte, nahm mich in den Arm, küsste mich, und zog mich lachend hinter sich her. Ich lief als sei ich gerade 30 Jahre alt geworden. Völlig verwirrt schaute ich sie an. Sie zog mich hinter sich her, in Richtung Dorfgasthaus. Die Straßen des Dorfes waren menschenleer. Kein Mensch ließ sich blicken. Wir betraten das Gasthaus und Ute lief die Treppe hinauf. Vor meiner Zimmertür blieb sie kurz stehen und sagte:
„Bist du bereit für einen letzten großen Schritt?“
Ich nickte. Sie nahm meine Hand, so wie sie sie immer genommen hatte, wenn ich es gebraucht hatte.
Sie öffnete die Zimmertür, wir betraten das Zimmer.
Auf dem Bett lag ein alter Mann, die Augen geschlossen, sein Lächeln schien so, als wäre ihm das größte Glück widerfahren.
Der da auf dem Bett lag war - – ich! Nur ich bewegte mich nicht mehr.
„Ab jetzt sind wir für alle Zeiten vereint. Dein Körper hat genug getan. Gönnen wir ihm die Ruhe die er verdient hat.“
Hand in Hand verließen wir das Zimmer, begleitet von unserer Liebe. Einer Liebe die nur uns allein gehörte.
Mir gefällt diese Version bedeutend besser als die andere, Voltaire. Dankeschön, für so eine anrührige, traurige und dennoch schöne Geschichte :D Die ist wirklich gut, wenn man die ganzen Absätze entfernt :wink:
Jetzt musst du mir aber eins verraten, weil du diese Geschichte zweimal geschrieben hast, ist das deine persönliche Geschichte?
Falls ja. Dann gebe ich dir einen Tipp, stelle sie nie irgendwo rein, wo es richtige großkotz Kritiker gibt, das würde dich erschlagen, traurig machen, evtl. den Boden unter den Füßen nehmen.
Eine wunderbare Geschichte :thumleft:
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