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qilin - 16.02.2007, 17:05
Der Erleuchtungsbaum
Da gibt es so eine Zen-Geschichte vom Nicht-Ich-Berg, auf dem der wunderbare Baum der großen Erleuchtung steht.
Wenn man die Frucht dieses Baumes isst, dann erfährt man große spirituelle Erhebung. Die Menschen sind sehr
interessiert an solchen Geschichten, denn sie möchten gern große spirituelle Erfahrungen machen - sie wollen fliegen
können, oder ins Paradies eingehen, wo es kein Leiden mehr gibt.
Leider haben sie keine Ahnung, wo dieser Baum steht. Sie wissen nicht mal, wo jener Berg ist. So fangen sie an,
jeden Baum zu prüfen, an dem sie vorbeikommen, und kosten von allen die Früchte. Manchmal rufen diese Früchte
Schwindel hervor, manchmal vergeht einem der Appetit davon. Aber trotzdem arbeiten sie hart daran, die Frucht
ihrer Träume zu finden. Tatsächlich ist die Suche gar nicht so sehr hart für sie, denn sie erwarten ja große Dinge.
Die Geschichte erzählt uns, dass ein Mensch endlich gefunden hatte, was er für den Baum der Erleuchtung hielt.
Als er seine Frucht aß, erfuhr er wunderbare Dinge. Aber die 'Erleuchtung' war nichts als einfacher Egoismus.
Wir sind alle sehr interessiert daran, den Erleuchtungsbaum zu finden. Unser Problem ist nur, dass wir ihn nicht
auf dem Nicht-Ich-Berg suchen. Wir verstehen nicht, dass das Selbst-Erwachen einhergehen muss mit dem
Erwachen des Anderen. Anders gesagt, wenn wir erwachen wollen, müssen wir Anderen zum Erwachen helfen.
Üblicherweise gehen wir an die Übung heran mit einem auf das eigene Erwachen gerichteten Blick - das heißt aber
die Praxis misszuverstehen. Es gibt kein Selbst-Erwachen, solange es nicht vom Erwachen des Anderen getragen
wird. Die Idee, für sich selbst zu erwachen, ergibt keinen Sinn. Tatsächlich, wenn du in deiner Praxis dich selbst
hervorhebst, dann findet ein Selbst-Erwachen nicht statt. Wahre Praxis kann nicht ohne den Anderen stattfinden.
[Dainin Katagiri Roshi]
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