iphpbb - Forenarchiv: Archivbeitrag des Forums Revolutionäre Zelle Pongau
Verfügbare Informationen zu "Berlinale, Prater Weltpremiere"

  • Qualität des Beitrags:
  • Beteiligte Poster: hatsch
  • Forum: Revolutionäre Zelle Pongau
  • Forenbeschreibung: Subversives und Systemkritisches Denken aus dem Pongau
  • aus dem Unterforum: Medienecke, Berichte die uns bewegen
  • Antworten: 2
  • Forum gestartet am: Sonntag 30.04.2006
  • Sprache: deutsch
  • Link zum Originaltopic: Berlinale, Prater Weltpremiere
  • Letzte Antwort: vor 1 Jahr, 7 Monaten, 29 Tagen, 9 Stunden, 25 Minuten
Alle Beiträge und Antworten
hatsch - 11.02.2007, 15:59
Berlinale, Prater Weltpremiere
Eindrücke von der Berlinale

Das 57. mal findet in Berlin die Berlinale statt (Internationale Filmfestspiele). Ich entschied mich 2 Karten für Filme zu kaufen und mir dieses Event einmal näher anzuschauen. Den ersten Film den ich mir gestern zu Gemüte führte, war eine Dokumentation über den Wiener Prater, natürlich mit dem Namen „Prater“. Nächsten Sonntag werde ich mir noch eine Dokumentation Namens „El Tálon de Azucar“ ansehen, in der es soviel ich weiß um Exilkubaner geht.
Um zu meinen Tickets zu gelangen musste ich in die Arkaden, einem schrecklichen riesen Einkauszentrum am Potsdamer Platz. Nach einer Weile am Tickeschalter zwischen einer Menge
an Pseudointellektuellen und schwarz bebrillten Avantgarde Cineasten, bzw. Gucci Brillen tragenden Tussen kam ich zu meinen Tickets. Die spürbare Arroganz all dieser Cineasten wurde mir fast zuviel.
Nach dem Verlassen der Arkaden warf ich einen Blick auf den Filmpalast um endlich einmal einen roten Teppich zu sehen. Am Hintereingang des Hyatt Hotels warteten viele Filmfans auf mögliche Stars, leider verliesen weder Rober De Niro noch Matt Damon das Hotel.


Eingang zum Berlinale Filmpalast


Schaulustige versuchen ein paar Starfotos zu ergattern.

Weiter gings zu meiner ersten Filmvorstellung im Delphi Filmpalast am Zoo. Der Delphi Filmpalast ist ein richtig gediegener alter Filmpalast, mit einem riesigen Saal! Das Kino wurde 1947 errichtet und hat einen spektakulären Kinosaal. Das Kino ist ein Kino wie man es sich vorstellt abseits von diesen „fast food“ Kinos á la Cubix oder Cineplexx.



Was ich nicht erwartet habe ist, dass das Kino brechend voll wurde. Wie sich herausstellte war ich in einer Weltpremiere gelandet. Das hätte ich mir nicht gedacht, das ich für 6 Euro Premierentickets bekam. Die frei Sitzwahl verhalf mir dann noch zu einem Spitzenplatz. Am Beginn der Vorstellung wurden die anwesenden Hauptdarsteller des Films und die Regisseurin vorgestellt. Wenn man eine halbe Stunde Werbung vor Filmbeginn gewohnt ist, hat so eine moderierte Einführung in die Thematik mit Vorstellung der Künstler schon Stil.
Der Film selbst, Prater, wird wie ich mich schlau machte, zum Genre des essaystischen Dokumentarfilms gezählt. Die Deutsche Regiesseurin Ulrike Ottinger ist durch zahlreiche Dokus bekannt, in denen Sie Regie, Produktion, Ausstattung und Kamera übernimmt und selbst als Darstellerin auftritt.
Ulrike Ottinger führt uns die Welt der Pratersensationen vor und lässt uns in diese „exterritoriale Parallelwelt“ eintauchen. Man trifft den Chef des berühmten Restaurants Schweizerhaus und allerlei Praterurgesteine die teilweise seit Ihrer Kindheit im Prater arbeiten, kommen zu Wort. Man erfährt auch einiges über die Geschichte des Praters. Zur Jahrhundertwende wurde im Prater beispielsweise ein ganzes „afrikanisches“ Dorf aufgebaut, mit ca. 300 Bewohnern, und die sensationsgeilen Wiener konnten „Neger“ schauen gehen. Imaginäre Reisen nach Venedig oder auf den Nordpol waren auch Highlights, neben dem Panoptikum, in dem der Mann ohne Unterleib oder die Riesin aus Tirol auftraten.


Wunderwelt des Praters

Eine Gastrolle in der Doku hat Elfriede Jelinek (die mag ich zwar nicht aber Ihr Auftritt und das was Sie über Kindheitserinnerungen an den Prater von sich gibt sind doch sehr nett).


Elfriede Jelinek

Alles in allem war der Film sehr nett und erinnerte mich ein wenig an Elizabeth T. Spiras Alltagsgeschichten.

Soviel von meinem Berlinale Tag, ich freue mich schon auf den zweiten Film den ich nächsten Sonntag sehen werde.
hatsch - 12.02.2007, 09:28
Peeping Prater
TAZ: Peeping Prater
Zwischen Schaulust und Grenzerfahrung: Ulrike Ottingers "Prater" (Forum), ein Porträt des Wiener Vergnügungsparks

Dem Gorilla entgegen. Wie eine alterslose Barbarella reckt Veruschka, ein Exfotomodell, ihre Arme in Richtung des mechanisch brüllenden Kunststofftiers. Im alltagshellen Licht des Wiener Prater gedreht, gerät diese Szene in Ulrike Ottingers neuem Film zum Angelpunkt der Fiktionen, die sich Kinogeschichte und Rummelplatz teilen. Die Regisseurin verschränkt diese Fiktionen in einer vielschichtigen Collage von alten Postkarten, Wochenschaumaterial und kulturgeschichtlichen Stimmen. Diese so konstruierte Medialität steht dem perspektivischen Reichtum des Rummelplatzes kaum nach. Es stellt sich die Frage: Was ist künstlicher - die Welt des Spektakels oder die der modellhaften Dokumentation? In "Prater" wird jede und jedes für jeden zum Schauobjekt: die Attraktionen für die Besucher, die Besucher für die Besucher, aber auch, wie so manche Schuss-Gegenschuss-Einstellung nahe legt, die Puppen und Maschinen füreinander.

Kein Versehen also, wenn der Film in spritzende Rutschpartien über eine wasserführende Berg- und Talbahn unvermittelt die Historie des Aschanti-Dorfes hineinschneidet. 1896 wurde für mehrere Monate ein afrikanisches Dorf im Pratergarten angesiedelt. Exotische Koch-, Liebes-, Erziehungs- oder Toilettengewohnheiten boten sich der kolonialistischen Neugier damit aus nächster Nähe dar. Das habe aber auch den Blick zurück auf die Gesellschaft der Betrachter geworfen, wie der Off-Erzähler in analytischer Diktion vorträgt. Und wenn zwischen Generationenstolz und Wiederaufbaueifer alter Praterdynastien ein ehemaliger Nazi halbverschämt an seine Begeisterung für die einstige Artistenwelt zurückdenkt, während Archivbilder die faschistische Denunziation des Praters als Völkergemisch dokumentieren, tut sich erneut der Abgrund auf hinter jener so fröhlichen Spektakelgesellschaft.

Ulrike Ottinger lässt sich gelassen und nur scheinbar selbstvergessen auf die turbulenten Rhythmus- und Perspektivwechsel des Rummels ein. Genau deswegen vermittelt ihr Film ein Gespür für die vielfältigen Konfigurationen zwischen Schaulust und Grenzerfahrung. Elegant führen das die Kleinwüchsigen oder die ohne Unterleib vor, die eben in solcher körperlichen Besonderheit den Grund zur offensiven Selbstdarstellung gefunden haben - jene Freaks und Verpuppten, wie sie von jeher Ottingers Filme bevölkern. Literarisch formuliert es Elfriede Jelinek, wenn sie, halbversteckt hinter bunten Schautafeln vortragend, daran erinnert, wie sie als Kind der Mutter entwischen konnte, um sich an Kettenkarussellen und "Erlustigungsmaschinen" dem disziplinierenden Blick anderer ausgesetzt zu fühlen.

In seiner zweiten Hälfte konzentriert sich der Film dann auf namenlose Praterbesucher, die ihre Unauffälligkeit fast obszön überschreiten. So lassen sich ein Mann und eine Frau, im "Ejection Seat" nebeneinander geschnallt, raketenschnell in den Himmel katapultieren. Die mitgeführte Kamera zeigt dabei die panischen Lustschreie und Durchhaltegesten des Paares. Die vielleicht rührendste Szene gelingt dem Film am Ende, wenn die Kamera, während sie eine Diskoszene beobachtet, erst beiläufig, dann ausdauernd eine autonom tanzende Besucherin fokussiert: Ungeachtet ihrer vergangenen Jugend exaltiert sie sich proletarisch und gibt sich doch gefasst den Blicken anderer preis. RAINER BELLENBAUM


"Prater". R.: Ulrike Ottinger. Österreich/Deutschland 2007, 104 Min.; heute, 22.15 Uhr, Cubix; 18. 2., 10 Uhr, Arsenal

taz Berlin lokal Nr. 8199 vom 12.2.2007, Seite 26, 116 Kommentar RAINER BELLENBAUM, Rezension

© Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags

zurück
Mit folgendem Code, können Sie den Beitrag ganz bequem auf ihrer Homepage verlinken
Weitere Beiträge aus diesem Forum
Scientology in Berlin - gepostet von hatsch am Freitag 12.01.2007
Ausbeutung von Studenten - gepostet von dominik am Montag 05.02.2007
Guatemala versinkt in einem Meer der Gewalt - gepostet von hatsch am Freitag 29.12.2006
Karl Heinrich Waggerl - gepostet von Luki am Samstag 05.08.2006
Österreichisches Sozialforum 15.6 -17.6 !!!!!!!!!!! - gepostet von tompei am Mittwoch 14.06.2006
Filmtip: Herr Lehmann - gepostet von hatsch am Samstag 30.09.2006
Ähnliche Beiträge
10.03.06 Prater (Friday Dom) - Bitcrush3r (Freitag 03.03.2006)
Prater-Stadion - sigi (Donnerstag 15.11.2007)
Thermomatten - Babu (Samstag 16.02.2008)
Musiksonntag im Prater - cluster (Sonntag 03.04.2005)
Prater!! - Ewii (Montag 27.08.2007)